Gullivers Reisen von Jonathan Swift

Gulliver’s Travels

Buchumschlag von Gullivers Reisen von Jonathan Swift
7
8 Std. 21 Min.

Übersetzer: Fr. Kottenkamp

Land: Irische

Epoche: 18. Jahrhundert

Jahr: 1726

Genre: Roman, Satire

Thema: Reise, Satire, Gesellschaft, Politik

Gullivers Reisen von Jonathan Swift erzählt von Lemuel Gulliver, der auf mehreren außergewöhnlichen Reisen fremde Länder entdeckt. Er begegnet winzigen Menschen, Riesen und seltsamen Gesellschaften mit eigenen Regeln. Jede Reise offenbart neue Perspektiven auf Politik und menschliches Verhalten. Gulliver beobachtet die Welt mit wachsender Distanz. Die Begegnungen wirken oft satirisch und kritisch. Seine Sicht auf die Menschheit verändert sich zunehmend. Am Ende kehrt er entfremdet zurück. Der Roman zeigt Gesellschaftskritik in Form fantastischer Abenteuer.

Der Reisen erster Teil. Eine Reise nach Lilliput.

Kapitel I.

Der Verfasser erstattet Bericht über sich, seine Familie und die ersten Anlässe, die ihn zu reisen trieben. Er erleidet Schiffbruch, schwimmt um sein Leben und kommt wohlbehalten im Lande Lilliput ans Land, wo er gefangen genommen und landeinwärts gebracht wird.

Mein Vater hatte einen kleinen Besitz in Nottinghamshire; ich war der dritte von fünf Söhnen. Er schickte mich in meinem vierzehnten Jahr aufs Emanuel College in Cambridge, wo ich drei Jahre blieb und fleissig meinen Studien oblag; da aber die Kosten meines Unterhalts (obwohl ich einen sehr kärglichen Wechsel erhielt) für ein schmales Vermögen zu hoch wurden, gab man mich zu Herrn Jakob Bates, einem hervorragenden Chirurgen in London, in die Lehre; bei ihm blieb ich vier Jahre, und da mein Vater mir von Zeit zu Zeit kleine Summen Geldes schickte, so verwandte ich sie darauf, etwas von der Seefahrt und andern Gebieten der Mathematik zu lernen, wie sie solchen, die reisen wollen, von Nutzen sind; denn ich war stets davon überzeugt, dass Reisen einmal mein Schicksal sein würden. Als ich Herrn Bates verliess, kehrte ich zu meinem Vater zurück. Dort brachte ich mit seiner Hilfe und der meines Onkels Johann, sowie einiger andrer Verwandter vierzig Pfund zusammen, und man versprach mir ferner dreissig Pfund jährlich für einen Aufenthalt in Leyden, wo ich zwei Jahre und sieben Monate lang die Arzneikunde studierte, denn ich wusste, die würde mir auf langen Reisen nützen.

Bald nach meiner Rückkehr aus Leyden wurde ich von meinem guten Meister, Herrn Bates, für die Stellung als Schiffsarzt auf der Schwalbe empfohlen, die vom Kapitän Abraham Pannell befehligt wurde; ich machte während der dreieinhalb Jahre, die ich bei ihm blieb, eine oder zwei Reisen in die Levante und ein paar andre Gegenden. Als ich heimkam, beschloss ich, mich in London niederzulassen, wozu mich Herr Bates, mein Lehrmeister, ermutigte; er empfahl mich auch einigen Leidenden. Ich mietete mir einen Teil eines kleinen Hauses in der Old Jury, und da man mir riet, meinen ledigen Stand zu wechseln, so heiratete ich Fräulein Mary Burton, die zweite Tochter des Herrn Edmund Burton, des Kleiderhändlers in der Newgate-Street, die mir vierhundert Pfund in die Ehe brachte.

Da aber zwei Jahre darauf mein guter Lehrmeister Bates starb, und ich nur wenig Freunde hatte, so begann mein Verdienst zu ebben, denn mein Gewissen erlaubte mir nicht, die schlimmen Bräuche nur zu vieler unter meinen Brüdern nachzuahmen. Nachdem ich mich also mit meinem Weibe und einigen Leuten aus meiner Bekanntschaft beraten hatte, beschloss ich, wieder zur See zu gehn. Ich war nacheinander auf zwei Schiffen Arzt und machte in sechs Jahren verschiedene Reisen nach Ost- und Westindien, durch die ich mein Vermögen ein wenig vermehrte. Meine Mussestunden verbrachte ich damit, dass ich die besten alten und modernen Autoren las, denn ich war stets mit einer reichlichen Anzahl Bücher versehen; und wenn ich an Land war, so beobachtete ich das Wesen und den Charakter des Volks und lernte seine Sprache, was mir vermöge der Stärke meines Gedächtnisses sehr leicht wurde.

Da sich die letzten dieser Reisen als nicht sehr glücklich erwiesen, so wurde ich der Seefahrt müde und beschloss, mit meinem Weibe und den Meinen zu Hause zu bleiben. Ich zog aus der Old Jury in die Fetter-Lane, und von dort nach Wapping, da ich hoffte, unter den Seeleuten Arbeit zu finden; aber es wollte sich nicht lohnen. Nachdem ich drei Jahre darauf gewartet hatte, dass die Dinge sich bessern würden, nahm ich ein vorteilhaftes Angebot des Kapitäns William Prichard an; er führte die Antilope, die eine Reise in die Südsee machen sollte. Wir gingen am 4. Mai 1699 von Bristol aus unter Segel, und unsre Reise war zunächst sehr glücklich.

Es wäre aus bestimmten Gründen nicht ratsam, den Leser mit den Einzelheiten unsrer Abenteuer in jenen Meeren zu belästigen; es genüge, wenn ich ihm sage, dass wir während unsrer Überfahrt von dort nach Ostindien durch einen heftigen Sturm nach dem Nordwesten von Van-Diemensland verschlagen wurden. Nach einer Aufnahme befanden wir uns auf dreissig Grad zwei Minuten südlicher Breite. Zwölf Leute unsrer Mannschaft waren infolge übermässiger Anstrengung gestorben, der Rest in einem Zustand grosser Schwäche. Am fünften November, dem Sommeranfang in diesen Gegenden, erspähten die Seeleute bei sehr nebligem Wetter einen Felsen erst, als er vom Schiff nur noch um eine halbe Taulänge entfernt war; der Wind war so stark, dass wir grade darauf zugetrieben wurden und auf der Stelle zerschellten. Sechs Leuten von der Mannschaft, unter denen auch ich war, gelang es, da sie das Boot aufs Wasser gelassen hatten, vom Schiff und vom Felsen klar zu kommen. Wir ruderten nach meiner Rechnung etwa drei Meilen weit; dann waren wir nicht mehr imstande, noch länger zu arbeiten, denn schon auf dem Schiff waren wir von der Anstrengung erschöpft gewesen. Wir überliessen uns also dem Willen der Wellen, und nach etwa einer halben Stunde kenterte das Boot in einer plötzlichen Bö aus Norden. Was aus meinen Gefährten im Boot, sowie aus denen, die sich auf den Felsen gerettet hatten oder im Schiff geblieben waren, wurde, kann ich nicht sagen, doch ich vermute, dass sie alle umkamen. Ich meinesteils schwamm, wie mich der Zufall führte, und Wind und Flut trugen mich vorwärts. Ich liess oft meine Beine nach unten sinken, doch ohne Grund zu finden; als ich aber fast erschöpft war und kaum noch weiter zu ringen vermochte, fühlte ich plötzlich Boden unter mir, und mittlerweile hatte sich auch der Sturm sehr gelegt. Die Neigung des Bodens war so gering, dass ich fast eine Meile zu gehn hatte, ehe ich die Küste erreichte; es war nach meiner Schätzung etwa acht Uhr abends. Ich ging dann noch etwa eine halbe Meile landeinwärts, doch konnte ich keine Spur von Häusern oder Einwohnern finden; wenigstens war ich so geschwächt, dass ich sie nicht bemerkte. Ich war ausserordentlich müde; und infolge dieser Ermüdung sowie des warmen Wetters hatte ich, zumal ich beim Verlassen des Schiffes auch noch etwa einen Viertelliter Branntwein getrunken hatte, grosses Verlangen nach Schlaf. Ich legte mich auf dem kurzen und weichen Grase nieder und schlief dort besser, als ich mich je in meinem Leben geschlafen zu haben erinnere; mein Schlummer muss nach meiner Rechnung etwa neun Stunden gedauert haben; denn als ich erwachte, war es gerade hell geworden. Ich versuchte aufzustehn, aber ich war ausserstande, mich zu rühren; denn da ich auf dem Rücken lag, so entdeckte ich, dass meine Arme und Beine auf beiden Seiten kräftig an den Boden gefesselt waren, und auch mein langes und dichtes Haar war ebenso gebunden. Ich fühlte auch, dass von meinen Achselhöhlen an bis zu den Schenkeln hinunter mehrere dünne Fesseln quer über meinen Körper liefen. Ich konnte nur nach oben sehn, die Sonne begann zu brennen, und das Licht tat meinen Augen weh. Ich hörte rings um mich ein wirres Geräusch, aber in meiner Lage konnte ich nichts als den Himmel sehn; bald darauf spürte ich, wie sich auf meinem linken Bein etwas Lebendiges bewegte, was vorsichtig über meine Brust weiter stieg und fast bis an mein Kinn herantrat; als ich nun, so sehr ich konnte, meine Augen nach unten drehte, erkannte ich in ihm ein menschliches Wesen von noch nicht sechs Zoll Höhe, das Pfeile und Bogen in den Händen und auf dem Rücken einen Köcher trug. Zugleich bemerkte ich, dass dem ersten mindestens vierzig weitere derselben Art (so vermutete ich) folgten. Ich war aufs höchste erstaunt und brüllte laut auf, so dass sie alle voll Entsetzen zurückliefen; und einige von ihnen, so erzählte man mir später, erlitten, als sie von meiner Seite zu Boden sprangen, im Sturz allerlei Verletzungen. Bald aber kehrten sie zurück, und einer von ihnen, der sich weit genug vorwagte, um mein Gesicht voll überschauen zu können, rief, indem er voll Bewunderung Hände und Blicke emporhob, mit schriller aber deutlicher Stimme: »Hekinah degul!« Die andern wiederholten mehrmals dieselben Worte, doch damals wusste ich noch nicht, was sie bedeuteten. Ich lag derweilen, wie der Leser leicht glauben wird, in grosser Unruhe da: schliesslich aber war ich in meinem Ringen, frei zu kommen, glücklich genug, die Fesseln zu sprengen und die Pflöcke, die meinen linken Arm am Boden festhielten, herauszureissen; denn, indem ich ihn zu meinem Gesicht emporhob, entdeckte ich die Methode, die sie angewandt hatten, um mich zu binden; und zugleich lockerte ich mit einem gewaltsamen Ruck, der mir grosse Schmerzen machte, die Stricke ein wenig, die mein Haar auf der linken Seite festhielten, so dass ich gerade imstande war, meinen Kopf um zwei Zoll zu wenden. Aber die Geschöpfe liefen zum zweitenmal davon, bevor ich sie ergreifen konnte; worauf in sehr schrillem Ton ein lauter Schrei erscholl, und als er verhallte, hörte ich einen von ihnen laut rufen: »Tolgo phonac!« Und im selben Augenblick fühlte ich, wie mehr als hundert Pfeile auf meine linke Hand abgeschossen wurden, wo sie mich wie ebenso viele Nadeln stachen; und alsbald schossen sie noch eine zweite Salve in die Luft, wie wir in Europa Bomben schiessen, und viele Pfeile fielen (so vermute ich, denn ich fühlte sie nicht) auf meinen Körper, einige aber auch auf mein Gesicht, das ich sofort mit der linken Hand bedeckte. Als dieser Pfeilregen vorüber war, begann ich vor Schmerz zu stöhnen; und als ich mich von neuem bemühte, los zu kommen, entsandten sie die dritte Salve, die grösser war als die ersten, und einige von ihnen versuchten mich mit Speeren in die Seite zu stechen; doch zum Glück hatte ich ein Lederwams an, das sie nicht durchstechen konnten. Ich hielt es für das klügste, still zu liegen, und es war meine Absicht, bis zum Einbruch der Nacht so liegen zu bleiben; da meine linke Hand bereits frei war, konnte ich mich dann leicht lösen. Was aber die Einwohner anging, so hatte ich Grund, zu glauben, dass ich den grössten Heeren gewachsen wäre, die sie gegen mich ins Feld führen konnten, falls sie nämlich alle von gleicher Statur waren wie der, den ich gesehen hatte. Aber das Schicksal wollte es anders. Als die Leute sahen, dass ich ruhig blieb, schossen sie nicht mehr mit Pfeilen; doch an dem Lärm, den ich hörte, erkannte ich, dass ihre Zahl zunahm; und etwa vier Ellen von mir entfernt hörte ich länger als eine Stunde hindurch meinem rechten Ohr gegenüber ein Pochen, wie wenn Leute an der Arbeit wären; als ich dann meinen Kopf, soweit es die Pflöcke und Stricke erlaubten, dorthin drehte, sah ich etwa anderthalb Fuss über dem Boden eine Tribüne errichtet, die vier der Eingeborenen fassen mochte und auf die drei oder vier Leitern hinaufführten. Von dort aus nun hielt mir einer von ihnen, der ein Mann von Stande zu sein schien, eine lange Rede, von der ich nicht eine Silbe verstand. Doch ich hätte erwähnen sollen, dass diese vornehme Persönlichkeit, ehe sie ihren Vortrag begann, dreimal ausrief: »Langro dehul san!« (Diese und die früheren Worte wurden mir später wiederholt und erklärt.) Worauf sofort etwa fünfzig der Eingeborenen herbeikamen und die Stricke durchschnitten, die die linke Seite meines Kopfes fesselten; so dass ich nun die Möglichkeit hatte, ihn nach rechts zu wenden und das Wesen und die Gesten dessen, der reden wollte, zu beobachten. Er schien in den mittleren Jahren zu stehn und grösser zu sein, als irgend einer der drei andern, die bei ihm waren; einer von diesen war ein Page, der ihm die Schleppe trug; der schien mir etwas länger als mein Mittelfinger; die beiden andern standen je auf einer seiner Seiten, um ihn zu stützen. Er spielte die Rolle eines Redners, und ich konnte viele Perioden der Drohungen, Perioden der Versprechungen, des Mitleids und der Güte unterscheiden. Ich antwortete ihm in ein paar Worten, doch in der unterwürfigsten Weise, indem ich meine linke Hand und meine beiden Augen zur Sonne hob, als riefe ich sie zum Zeugen an. Und da ich fast verhungert war (denn schon mehrere Stunden, bevor ich das Schiff verliess, hatte ich keinen Bissen mehr gegessen), so machte die Natur ihre Ansprüche so kräftig geltend, dass ich mich nicht enthalten konnte, meine Ungeduld zu zeigen (vielleicht den strengen Regeln des Anstands zuwider), indem ich oft den Finger auf den Mund legte, um anzudeuten, wie sehr es mich nach Nahrung verlangte. Der »Hurgo« (denn so nennen sie, wie ich später erfuhr, einen grossen Herrn) verstand mich sehr wohl. Er stieg von der Tribüne herab und befahl, dass mir mehrere Leitern an die Seiten gelegt würden, auf denen über hundert der Eingeborenen heraufstiegen und, beladen mit Körben voller Speisen, die auf des Königs Befehl besorgt und herbeigeschafft worden waren, sowie er von mir Nachricht erhalten hatte, auf meinen Mund zuschritten. Ich merkte wohl, dass das Fleisch mehrerer Tiere darunter war, aber ich konnte sie durch den Geschmack nicht unterscheiden. Es waren Schultern, Beine und Keulen, geformt wie die der Hämmel, und sehr gut zubereitet, aber kleiner als die Flügel einer Lerche. Ich ass immer zwei oder drei auf einen Bissen und nahm drei Brote, deren jedes etwa so gross war wie eine Musketenkugel, zugleich. Sie gaben mir so schnell wie möglich zu essen und verrieten durch tausend Zeichen ihre Verwunderung und ihr Staunen über meinen Umfang und meinen Appetit. Dann gab ich ihnen einen zweiten Wink, dass ich zu trinken wünschte. Sie hatten schon an der Art, wie ich ass, erkannt, dass mir keine kleine Menge genügen würde; und da sie höchst scharfsinnige Leute waren, so wanden sie mit grosser Geschicklichkeit eines ihrer grössten Oxhofte empor, rollten es bis an meine Hand und schlugen den Deckel ab. Ich trank es auf einen einzigen Zug leer, und das war nicht schwer, denn es enthielt noch keinen Viertelliter; das Getränk schmeckte wie ein Burgunder Landwein, doch viel köstlicher. Sie brachten mir noch ein zweites Oxhoft, das ich auf dieselbe Art und Weise austrank; doch als ich winkte, um ein drittes zu verlangen, hatten sie mir keins mehr zu geben. Sie erhoben ein Freudengeschrei, als ich diese Wunder vollbracht hatte, tanzten mir auf der Brust herum und wiederholten mehrmals wie im Anfang: »Hekinah degul!« Sie winkten mir, die beiden Fässer hinabzuwerfen, doch warnten sie zunächst die Untenstehenden, aus dem Wege zu gehn, indem sie laut »Borach Mivola!« riefen; und als sie die Gefässe durch die Luft fliegen sahen, erhoben sie ein allgemeines Geschrei: »Hekinah degul!« Ich gestehe, ich war oft in Versuchung, während sie auf meinem Leibe hin- und herliefen, vierzig oder fünfzig von den ersten zu ergreifen, die in meinen Bereich kamen und sie auf dem Boden zu zerschmettern. Aber die Erinnerung an das, was ich hatte spüren müssen und was wahrscheinlich noch nicht das schlimmste war, was sie mir antun konnten, und an das Ehrenversprechen, das ich ihnen gegeben hatte (denn so legte ich mein unterwürfiges Benehmen aus), vertrieb diese Gedanken gar bald. Ausserdem sah ich mich jetzt als durch die Gesetze der Gastfreundschaft an dieses Volk gebunden an, das mich unter solchen Kosten und mit soviel Grossartigkeit bewirtete. In meinen Gedanken aber konnte ich mich nicht genug über die Unerschrockenheit dieser winzigen Sterblichen wundern, die es wagten, mir auf den Leib zu klettern und dort umherzugehn, obwohl eine meiner Hände frei war, und zwar, ohne beim blossen Anblick eines so fabelhaften Geschöpfes, wie ich ihnen vorkommen musste, zu zittern. Als sie nach einiger Zeit bemerkten, dass ich nichts mehr zu essen verlangte, erschien im Auftrage Seiner Kaiserlichen Majestät eine hochgestellte Persönlichkeit vor mir. Seine Exzellenz stieg mir unten aufs Schienbein und schritt mit einem Gefolge von etwa einem Dutzend Leuten bis zu meinem Gesicht empor. Und nachdem er seine mit dem Königlichen Siegel versehenen Beglaubigungsschreiben hervorgezogen und sie mir dicht unter die Augen gehalten hatte, sprach er ohne jedes Zeichen des Zorns, aber im Ton fester Entschlossenheit etwa zehn Minuten lang, indem er oft vor sich hin deutete; wie ich später herausfand, lag dort in einer Entfernung von etwa einer halben Meile die Hauptstadt, wohin ich, wie Seine Majestät im Kronrat beschlossen hatte, überführt werden sollte. Ich antwortete in wenigen Worten, die freilich zwecklos waren, und gab ihm ein Zeichen mit meiner freien Hand, indem ich sie an die andre legte (ich hob sie hoch über Seiner Exzellenz Haupt hinweg, weil ich fürchtete, ihn oder einen aus seinem Gefolge zu verletzen) und dann auf meinen Kopf und meinen Körper deutete; ich wollte ihm damit sagen, dass mich nach meiner Freiheit verlangte. Offenbar verstand er mich ganz genau, denn er schüttelte zum Zeichen des Widerspruchs den Kopf und streckte seine Hand in einer Geste vor, die zeigen sollte, dass ich als Gefangener geführt werden müsste. Er gab mir jedoch noch weitere Winke, um mir zu verstehn zu geben, dass ich Speise und Trank in genügender Menge erhalten und sehr gut behandelt werden würde. Mir kam noch einmal der Gedanke, einen Versuch zu machen, ob ich meine Fesseln sprengen könnte; aber als ich den Schmerz ihrer Pfeile auf Gesicht und Händen spürte, die ganz voll Blasen waren, in denen noch viele der Waffen staken, und als ich zugleich erkannte, dass die Zahl meiner Feinde immer anschwoll, gab ich ihnen ein Zeichen, dass sie mit mir tun sollten, was ihnen beliebte. Daraufhin zogen sich der Hurgo und sein Gefolge in grosser Höflichkeit und mit freudigem Gesicht zurück. Bald darauf hörte ich ein allgemeines Schreien, in dem die Worte: »Peplom selan,« häufig wiederholt wurden; und ich fühlte, wie grosse Scharen von Leuten auf meiner linken Seite die Stricke soweit lockerten, dass ich mich auf meine rechte Seite wälzen und mir Erleichterung verschaffen konnte, indem ich Wasser liess; zum grossen Staunen der Leute tat ich das in grosser Fülle; sie hatten an meinen Bewegungen erraten, was ich beginnen wollte und flohen auf dieser Seite sofort nach rechts und links, um den Giessbach zu vermeiden, der mir mit soviel Lärm und Gewalt entströmte. Aber schon zuvor hatten sie mir das Gesicht und beide Hände mit einer Art Salbe bestrichen, die sehr angenehm roch und den Schmerz der Pfeilwunden in wenigen Minuten behob. Das und die Erfrischung, die mir ihre Speisen und ihr Getränk gegeben hatten, denn sie waren sehr nahrhaft, machte mich schläfrig. Ich schlief, wie man mir später versicherte, etwa acht Stunden lang; und das war auch kein Wunder, denn auf Befehl des Kaisers hatten die Ärzte in die beiden Oxhofte Weins einen Schlaftrunk gemischt.

Es scheint, dass der Kaiser, sowie man mich nach meiner Landung am Boden schlafend gefunden hatte, durch einen Eilboten Bericht erhielt und im Rat beschloss, dass ich auf die geschilderte Art und Weise gebunden würde (es geschah in der Nacht, während ich schlief); er ordnete an, dass man mir reichliche Mengen an Speise und Trank schicken und eine Maschine herrichten sollte, um mich in die Hauptstadt zu schaffen.

Dieser Entschluss mag vielleicht als verwegen und gefährlich erscheinen und ich bin überzeugt, dass kein europäischer Fürst ihn bei der gleichen Gelegenheit nachahmen würde; meiner Meinung nach aber war er ebenso klug wie grossmütig: denn angenommen, diese Leute hätten versucht, mich, während ich schlief, mit ihren Speeren und Pfeilen zu töten, so wäre ich sicherlich bei der ersten Schmerzempfindung erwacht, die vielleicht zugleich meine Wut und meine Kraft in einem Grade geweckt hätte, dass ich imstande gewesen wäre, die Stricke, mit denen ich gefesselt war, zu sprengen; und da sie mir dann keinen Widerstand zu leisten vermochten, hätten sie auch keine Gnade erwarten können.

Diese Leute sind vortreffliche Mathematiker, und in der Technik haben sie es durch die Ermutigung und Förderung des Kaisers, der ein berühmter Gönner der Gelehrsamkeit ist, zu grosser Vollkommenheit gebracht. Dieser Fürst besitzt mehrere auf Rädern errichtete Maschinen zum Transport von Bäumen und andern grossen Lasten. Er erbaut oft seine grössten Kriegsschiffe, von denen einige neun Fuss lang sind, mitten in den Wäldern, in denen das Holz wächst, und er lässt sie auf diesen Maschinen drei- oder fünfhundert Ellen weit zum Meer hinunterschaffen. Fünfhundert Zimmerleute und Ingenieure machten sich sofort an die Arbeit, um die grösste Maschine herzurichten, die sie besassen. Sie bestand aus einem hölzernen Rahmen, der sich drei Zoll über den Boden erhob; er war etwa sieben Fuss lang und vier Fuss breit und lief auf zweiundzwanzig Rädern. Der Schrei, den ich hörte, begrüsste das Eintreffen dieser Maschine, die, wie es scheint, vier Stunden nach meiner Landung aufbrach. Sie wurde parallel neben mich gefahren, als ich dalag. Aber die Hauptschwierigkeit bestand darin, mich emporzuheben und auf dies Gefährt zu bringen. Zu diesem Zweck wurden achtzig Pfähle von je einem Fuss Länge errichtet; dann befestigte man mit Hilfe von Haken sehr starke Stricke von der Dicke einer Packschnur an den Binden, die die Arbeiter mir um Nacken, Hände, Leib und Beine gebunden hatten. Neunhundert der stärksten Leute wurden angestellt, um diese Stricke mit Flaschenzügen hochzuwinden, die man an den Pfählen befestigt hatte; und so hob man mich in weniger als drei Stunden empor, schlang mich auf das Gefährt und band mich darauf fest. All das erzählte man mir, denn während die ganze Arbeit vor sich ging, lag ich in tiefem Schlaf, so stark wirkte das Betäubungsmittel, das man in mein Getränk gemischt hatte. Fünfzehnhundert der grössten Pferde des Kaisers, deren jedes etwa viereinhalb Zoll hoch war, zogen mich zur Metropole, die, wie ich schon sagte, eine halbe Meile entfernt war.

Etwa vier Stunden, nachdem wir unsre Fahrt begonnen hatten, erwachte ich durch einen sehr lächerlichen Zufall; denn da der Wagen eine Weile Halt gemacht hatte, um etwas in Ordnung zu bringen, so wurden zwei oder drei der jungen Eingeborenen neugierig, wie ich wohl im Schlaf aussähe; sie kletterten in den Wagen hinauf, und als sie sehr vorsichtig bis zu meinem Gesicht vorgedrungen waren, steckte mir einer von ihnen, ein junger Gardeoffizier, das scharfe Ende seiner Pike in mein linkes Nasenloch; sie kitzelte mich wie ein Strohhalm, so dass ich heftig niesen musste. Sie stahlen sich unbemerkt davon, und erst drei Wochen später erfuhr ich die Ursache meines plötzlichen Erwachens. Wir machten während des übrigen Tages einen weiten Weg, und nachts rasteten wir mit je fünfhundert Wachen zu meinen beiden Seiten, von denen die Hälfte mit Fackeln, die andre Hälfte aber mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, bereit, mich zu erschiessen, wenn ich Miene machen sollte, mich zu rühren. Am nächsten Morgen setzten wir mit Sonnenaufgang unsre Fahrt fort, und um Mittag waren wir nur noch etwa zweihundert Ellen von den Stadttoren entfernt. Der Kaiser und sein ganzer Hof kamen uns entgegen; aber seine Grosswürdenträger wollten auf keinen Fall dulden, dass Seine Majestät sich in Gefahr begab, indem er meinen Körper bestieg.

An der Stelle, wo der Wagen hielt, stand ein alter Tempel, der als der grösste im ganzen Königreich galt; und da er vor einigen Jahren durch einen unnatürlichen Mord entweiht worden war, sah ihn das Volk in seinem grossen Religionseifer als profan an; man benutzte ihn zu unheiligen Zwecken und hatte alles Gerät und allen Schmuck daraus entfernt. In diesem Gebäude, so wurde es beschlossen, sollte ich hausen. Das grosse nach Norden gerichtete Tor war etwa vier Fuss hoch und zwei Fuss breit, so dass ich leicht hindurchkriechen konnte. Zu beiden Seiten des Tors lag nicht mehr als sechs Zoll überm Boden je ein kleines Fenster; und durch das auf der linken Seite hatten des Königs Schmiede einundneunzig Ketten geführt, die etwa jenen glichen, wie sie in Europa an der Taschenuhr einer Dame hängen, und die auch etwa ebenso stark waren; die befestigte man mir mit sechsunddreissig Schlössern an meinem linken Bein. Diesem Tempel gegenüber stand auf der andern Seite der grossen Strasse in einer Entfernung von etwa zwanzig Fuss ein Turm von mindestens fünf Fuss Höhe. Den bestieg der Kaiser mit vielen grossen Herrn seines Hofs, um, wie man mir später sagte, mich bequem überblicken zu können, denn sehen konnte ich sie nicht. Es wurde berechnet, dass etwa hunderttausend Einwohner zum gleichen Zweck aus der Stadt kamen; und trotz meiner Wachen, glaube ich, konnten es mehrmals nicht weniger als zehntausend Menschen sein, die mir mit Hilfe von Leitern auf den Körper stiegen. Bald darauf aber wurde ein Erlass verkündigt, der das bei Todesstrafe verbot. Als die Arbeiter sahen, dass ich mich nicht mehr befreien konnte, kappten sie all die Stricke, die mich banden, und ich stand in der melancholischsten Stimmung, die ich in meinem ganzen Leben gekannt hatte, auf. Aber der Aufruhr und das Staunen des Volks, als es mich aufstehn und umhergehn sah, lassen sich nicht schildern. Die Ketten, die mein linkes Bein fesselten, waren etwa zwei Ellen lang und erlaubten mir nicht nur, in einem Halbkreis hin und her zu gehn, sondern, da sie nur vier Zoll weit vom Tor entfernt befestigt waren, so konnte ich auch hineinkriechen und mich im Tempel in voller Länge ausstrecken.

Kapitel II.

Der Kaiser von Lilliput kommt, begleitet von mehreren Adligen, um den Verfasser in seiner Haft zu sehen. Schilderung der Erscheinung und Kleidung des Kaisers. Gelehrte werden beauftragt, den Verfasser ihre Sprache zu lehren. Er erwirkt sich durch seine milde Charakteranlage Beliebtheit. Man durchsucht seine Taschen und nimmt ihm sein Schwert und seine Pistolen.

Als ich auf meinen Füssen stand, sah ich mich um; und ich muss gestehn, dass ich nie ein unterhaltenderes Schauspiel gesehn habe. Das Land rings glich einem einzigen zusammenhängenden Garten, und die von ihnen umschlossenen Felder, die im allgemeinen vierzig Fuss im Geviert hatten, sahen aus wie Blumenbeete. Die Felder wechselten ab mit Wäldern von einer halben Stange im Geviert, und die höchsten Bäume waren, soweit ich es beurteilen konnte, sieben Fuss, hoch. Ich sah mir auch die Stadt zu meiner Linken an, und sie glich der gemalten Stadtszenerie in einem Theater.

Schon seit einigen Stunden hatten mich die Bedürfnisse der Natur schwer bedrängt, und das war auch kein Wunder, denn es war fast zwei Tage her, seit ich mich zum letztenmal entleert hatte. Ich schwankte in grosser Verlegenheit zwischen der Not und meiner Scham. Der beste Ausweg, der mir einfiel, war der, in mein Haus zu kriechen; ich tat es, schloss das Tor hinter mir und ging soweit hinein, wie die Kette es mir gestattete, um mich dort der unbehaglichen Last zu entledigen. Aber dies war das einzige Mal, dass ich mich einer so unsaubern Handlungsweise schuldig machte; ich hoffe hierin auch auf des freundlichen Lesers Nachsicht, wenn er sich meine Lage und die Not, in der ich mich befand, reiflich und unparteiisch überlegt. Hinfort machte ich es mir zur Regel, diese Geschäfte, sowie ich aufstand, in der freien Luft abzumachen und zwar von meinem Tor soweit entfernt, wie die Kette es zuliess; und jeden Morgen wurde, ehe Leute kamen, dafür gesorgt, dass die anstössigen Massen auf Schubkarren beseitigt wurden; denn es wurden eigens zu diesem Zweck zwei Diener angestellt. Ich hätte nicht solange auf einem Umstand verweilt, der auf den ersten Blick vielleicht nicht gar so wichtig zu sein scheint, wenn ich es nicht für nötig gehalten hätte, mich vor der Welt von dem Vorwurf der Unsauberkeit zu reinigen, denn ich habe gehört, dass einige meiner böswilligen Verleumder meine Sauberkeit bei dieser wie bei andern Gelegenheiten in Zweifel gezogen haben.

Als dieses Abenteuer bestanden war, kam ich wieder aus meinem Hause hervor, denn ich hatte das Bedürfnis nach frischer Luft. Der Kaiser war bereits von dem Turm herabgestiegen und ritt zu Pferde auf mich zu; das hätte ihn teuer zu stehn kommen können, denn obwohl das Tier sehr gut gezogen war, war es doch an einen solchen Anblick nicht gewöhnt, und da es aussah, als bewegte sich vor ihm ein Berg, so bäumte es sich auf den Hinterbeinen empor. Doch der Fürst, der ein vortrefflicher Reiter ist, hielt sich im Sattel, bis seine Begleiter herbeieilten und den Zügel ergriffen, worauf Seine Majestät Zeit hatte, abzusitzen. Als er auf dem Boden stand, sah er mich mit grosser Bewunderung von allen Seiten an, doch hielt er sich ausserhalb des Bereichs meiner Kette. Er befahl seinen Köchen und Kellermeistern, die schon bereit standen, mir Speise und Trank zu geben, und sie schoben mir beides in einer Art Räderwagen soweit heran, dass ich es fassen konnte. Ich ergriff die Wagen und leerte sie alle in Kürze; zwanzig Wagen waren mit Speisen gefüllt, und zehn mit Getränken; von jenen lieferte mir jeder zwei bis drei gute Bissen; und den Wein aus zehn Gefässen, es waren irdene Krüge, goss ich in einen Wagen, den ich auf einen Zug austrank; und ebenso machte ich es mit dem Rest. Die Kaiserin und die jungen kaiserlichen Prinzen und Prinzessinnen sassen, begleitet von vielen Damen, in einiger Entfernung in ihren Sänften; doch als der Unfall mit dem Pferd des Kaisers stattfand, stiegen sie aus und näherten sich ihm, dessen Erscheinung ich jetzt schildern will. Er ist um etwa die Breite meines Nagels grösser als irgend ein Mitglied seines Hofstaats; und das allein genügt, um den Zuschauern Ehrfurcht einzuflössen. Seine Züge sind kräftig und männlich; er hat eine österreichische Lippe und eine gebogene Nase; seine Haut ist olivfarben, seine Haltung aufrecht, sein Körper und seine Glieder zeigen gute Verhältnisse, all seine Bewegungen sind anmutig und sein Benehmen ist majestätisch. Er war damals über seine erste Blüte hinaus, denn er war achtundzwanzig und dreiviertel Jahre alt, von denen er sieben Jahre lang in grossem Glück und fast immer siegreich regiert hatte. Um ihn besser sehn zu können, legte ich mich auf die Seite, so dass mein Gesicht dem seinen parallel zu stehn kam, und er hielt sich in einer Entfernung von drei Ellen. Ich habe ihn jedoch seither viele Male in der Hand gehabt und kann mich also in der Schilderung nicht täuschen. Seine Kleidung war sehr schmucklos und einfach, ihr Stil stand zwischen dem asiatischen und dem europäischen: auf dem Kopf aber trug er einen leichten Helm aus juwelenbesetztem Golde mit einer Feder auf der Spitze. Er hielt sein Schwert gezogen in der Hand, um sich zu verteidigen, wenn ich mich etwa losreissen sollte; es war fast drei Zoll lang, und Heft und Scheide waren aus Gold und mit Diamanten verziert. Seine Stimme war schrill, aber sehr klar und deutlich, und ich konnte sie noch gut verstehn, wenn ich auch aufstand. Die Damen und Höflinge waren alle sehr prunkvoll gekleidet, so dass der Fleck, auf dem sie standen, aussah, als hätte man einen mit goldnen und silbernen Figuren bestickten Frauenrock auf den Boden gebreitet. Seine Kaiserliche Majestät sprach viel mit mir, und ich gab ihm Antwort, aber wir beide konnten keine Silbe verstehn. Es waren mehrere seiner Priester und Rechtsgelehrten anwesend (ich schloss aus ihrer Kleidung auf ihren Stand), die Befehl erhielten, mich anzureden, und ich sprach in allen Sprachen zu ihnen, von denen ich nur die geringste Ahnung hatte: es waren Hoch- und Niederdeutsch, Lateinisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und die Lingua Franca; aber alles war vergeblich. Nach etwa zwei Stunden zog sich der Hof zurück, und man liess mich mit einer starken Bedeckung allein, denn man wollte durch die Wachen die Unverschämtheit und vielleicht auch die Bosheit des Pöbels in Schranken halten, der sich in grosser Ungeduld herandrängte, so weit sie es nur wagten; einige waren auch schamlos genug, ihre Pfeile nach mir zu schiessen, als ich neben der Tür meines Hauses auf dem Boden sass, und einer dieser Pfeile wäre mir fast ins linke Auge gedrungen. Aber der Oberst befahl, sechs der Rädelsführer zu ergreifen, und er hielt keine Strafe für so angemessen wie die, sie in meine Hände zu liefern; das also taten seine Soldaten, indem sie sie mit den Schäften ihrer Piken vorwärtstrieben, bis ich sie fassen konnte. Ich nahm sie alle mit der rechten Hand auf, steckte fünf von ihnen in meine Rocktasche und tat, als wollte ich den sechsten lebendig verzehren. Der arme Kerl schrie fürchterlich, und der Oberst und seine Offiziere waren in grosser Besorgnis, zumal sie sahen, dass ich mein Taschenmesser zog: ich aber benahm ihnen ihre Angst gar bald; denn mit einem milden Blick zerschnitt ich die Stricke, mit denen er gebunden war, und setzte ihn vorsichtig auf den Boden, wo er davonlief. Den Rest nahm ich Mann für Mann aus der Tasche und behandelte sie ebenso; und ich konnte beobachten, dass sowohl die Soldaten wie auch das Volk über dieses Zeichen meiner Milde, das auch bei Hofe sehr zu meinem Vorteil dargestellt wurde, höchst erfreut waren.

Gegen Abend kroch ich nicht ohne Schwierigkeiten in mein Haus, wo ich mich auf dem Boden niederlegte. So lebte ich nun etwa vierzehn Tage lang, während welcher Zeit der Kaiser Befehl gab, mir ein Bett zu machen. Sechshundert Betten der gewöhnlichen Grösse wurden auf Wagen herbeigefahren und in meinem Hause zusammengesetzt. Einhundertundfünfzig ihrer Betten ergaben zusammengenäht die Länge und Breite, und sie legten vier übereinander; trotzdem aber schützten sie mich nur wenig vor der Härte des Bodens, der aus glattem Stein bestand. Nach der gleichen Berechnung versahen sie mich mit Laken, Decken und Tüchern; und das ganze war recht erträglich für einen Menschen, der solange an Mühsal und Beschwerden gewöhnt war wie ich.

Da sich die Nachricht von meiner Landung durch das ganze Königreich verbreitete, lockte sie fabelhafte Mengen reicher, müssiger und neugieriger Leute herbei, die mich sehn wollten; die Dörfer entvölkerten sich fast, und es hätte eine grosse Vernachlässigung der Feld- und Ackerwirtschaft eintreten müssen, wenn nicht Seine Kaiserliche Majestät durch mehrere Erlasse und Staatsbefehle Vorkehrungen gegen diesen Missstand getroffen hätte. Er gab Anweisung, dass alle, die mich schon gesehn hätten, nach Hause zurückkehren und sich nicht vermessen sollten, noch einmal ohne ausdrückliche Erlaubnis des Hofes meinem Hause auf fünfzig Ellen zu nahen. Das trug den Staatssekretären beträchtliche Bestechungen ein.

Mittlerweile hielt der Kaiser oft einen Kronrat ab, um zu überlegen, was mit mir geschehn sollte; und mir versicherte später ein vertrauter Freund, ein Mann von sehr hohem Stande, der für so gut unterrichtet galt wie nur irgend einer, dass ich dem Hof beträchtliche Schwierigkeiten bereitete. Man befürchtete, ich würde mich losreissen oder meine Ernährung würde sehr kostspielig werden und eine Hungersnot zur Folge haben. Einigemale beschlossen sie, mich verhungern zu lassen oder mir wenigstens vergiftete Pfeile ins Gesicht und auf die Hände zu schiessen, denn das würde mich gar bald hinüberbefördern. Anderseits aber erwogen sie, dass der Gestank eines solchen Leichnams in der Hauptstadt eine Pest hervorrufen könnte, die sich wahrscheinlich über das ganze Königreich ausbreiten würde. Man stand gerade mitten in diesen Beratungen, als mehrere Heeresoffiziere an der Tür des grossen Ratszimmers erschienen; zwei von ihnen wurden vorgelassen und erstatteten Bericht über mein Verhalten den sechs Verbrechern gegenüber; und das rief in der Brust Seiner Majestät und aller seiner Ratgeber einen so günstigen Eindruck hervor, dass eine Kaiserliche Kommission entsandt wurde, die alle Dörfer im Umkreise von neunhundert Ellen rings um die Stadt anweisen sollte, jeden Morgen sechs Rinder, vierzig Schafe und andre Lebensmittel für meinen Unterhalt zu liefern; ferner eine entsprechende Menge von Brot und Wein und andern Getränken, für deren Bezahlung Seine Majestät Anweisungen auf seinen Schatz ausgab. Denn dieser Fürst lebt hauptsächlich von den Einkünften seiner eignen Domänen, und selten erhebt er, es sei denn aus ganz besonderem Anlass, Steuern von seinen Untertanen, die verpflichtet sind, ihm in seinen Kriegen auf ihre eignen Kosten Heeresfolge zu leisten. Auch wurden sechshundert Leute zu meiner Bedienung ernannt, denen man für ihren Unterhalt grosse Tagegelder auswarf und als Wohnung in bequemer Lage neben der Tür meines Hauses zu beiden Seiten Zelte errichtete. Es wurde ferner Befehl erteilt, dass mir dreihundert Schneider ein Gewand nach der Mode des Landes anfertigen sollten; und sechs der grössten Gelehrten Seiner Majestät sollten mich in ihrer Sprache unterrichten; schliesslich aber sollten des Kaisers Pferde und die der hohen Adligen oft in meiner Nähe geritten werden, damit sie sich an meinen Anblick gewöhnten. All diese Befehle wurden gebührend ausgeführt, und in etwa drei Wochen machte ich grosse Fortschritte in ihrer Sprache. Während dieser Zeit beehrte mich der Kaiser oft mit seinen Besuchen, und es machte ihm Vergnügen, meinen Lehrern beim Unterricht zu helfen. Wir begannen bereits, uns ein wenig zu unterhalten; und die ersten Worte, die ich lernte, gaben meinem Wunsch Ausdruck, dass es ihm belieben möge, mir meine Freiheit zurückzugeben; diesen Wunsch wiederholte ich jeden Tag auf meinen Knien. Seine Antwort lautete, soweit ich sie verstehn konnte, das müsse ein Werk der Zeit sein, und ohne Zustimmung seines Rats könne er nicht daran denken; vor allem aber müsse ich zuvor »Lumos kelmin pesso desmar lon Emposo«, das heisst: einen Frieden mit ihm und seinem Königreich beschwören. Ich sollte jedoch mit aller Güte behandelt werden; und er riet mir, mir durch Geduld und kluges Verhalten seine und seiner Untertanen gute Meinung zu erwerben. Er wünschte, ich möge es nicht übelnehmen, wenn er mich durch gewisse dafür geeignete Beamte durchsuchen liesse; denn wahrscheinlich hätte ich doch mehrere Waffen bei mir, die gefährlich sein müssten, wenn sie der Grösse eines so fabelhaften Wesens entsprächen. Ich sagte, Seine Majestät solle zufriedengestellt werden, denn ich sei bereit, mich in seiner Gegenwart auszuziehn und meine Taschen umzuwenden. Ich sagte das zum Teil in Worten, zum Teil durch Zeichen. Er erwiderte, dass ich mich nach den Gesetzen des Königreichs von zweien seiner Beamten müsste durchsuchen lassen; er wisse wohl, dass das ohne meine Einwilligung und Hilfe unmöglich sei, aber er habe von meiner Grossmut und Gerechtigkeit eine so gute Meinung, dass er die beiden Beamten meinen Händen anvertraue; was sie mir abnähmen, solle mir beim Verlassen des Landes zurückerstattet oder zu dem Preise, den ich ihnen abverlangen würde, bezahlt werden. Ich nahm die beiden Beamten mit den Händen auf, steckte sie zunächst in meine Rocktaschen und dann in alle andern Taschen, die ich hatte, ausgenommen nur meine beiden Uhrtaschen und eine dritte geheime Tasche, die ich nicht mochte durchsuchen lassen, da sie nichts enthielten als ein paar Bedarfsgegenstände, die für niemanden als für mich von irgendwelcher Bedeutung waren. In der einen Uhrtasche hatte ich eine silberne Taschenuhr, und in der andern eine Geldbörse mit ein wenig Gold. Da diese Herrn Feder, Tinte und Papier bei sich hatten, setzten sie ein genaues Inventar von allem auf, was sie sahen; und als sie fertig waren, begehrten sie niedergesetzt zu werden, damit sie es dem Kaiser überreichen könnten. Dieses Inventar habe ich später ins Englische übersetzt, und es lautete Wort für Wort wie folgt:

Imprimis: In der rechten Rocktasche des grossen Menschberges (denn so lege ich die Worte »Quinbus Flestrin« aus) fanden wir trotz genauester Suche nur ein grosses Stück groben Tuchs, gross genug, um für Euer Majestät erstes Prunkgemach als Teppich zu dienen. In der linken Tasche sahen wir eine grosse Silbertruhe mit einem Deckel aus gleichem Metall, den wir, die Sucher, zu heben nicht imstande waren. Wir verlangten, dass sie uns geöffnet werde, und als einer von uns hineinstieg, stand er bis zur Mitte des Beins herauf in einer Art Staub, von dem uns ein Teil ins Gesicht emporwirbelte, worauf wir mehrmals hintereinander niesen mussten. In seiner rechten Westentasche fanden wir ein ungeheures Bündel von dünnen, weissen Stoffen, die ineinander gefaltet sind; sie sind so gross wie etwa drei Menschen mit einem starken Tau verschnürt und mit schwarzen Figuren bedeckt. Wir halten dies in aller Demut für Schriftzeichen, und jeder Buchstabe ist etwa halb so gross wie unsre Handfläche. In der linken befand sich eine Art Maschine, von deren Rücken zwanzig lange Pfähle aufsteigen, ähnlich den Pallisaden vor dem Hof Eurer Majestät; damit, so vermuten wir, kämmt der Menschberg sich das Haar, denn wir mochten ihn nicht immer mit Fragen belästigen, da es sich als sehr schwierig herausstellte, uns ihm verständlich zu machen. In der grossen Tasche auf der rechten Seite seines mittleren Überzugs (so übersetze ich das Wort »ranfu-lo«, womit sie meine Hose meinten) sahen wir einen hohlen Eisenpfeiler von etwa Manneshöhe, der an einem starken Stück Holz befestigt ist; dieses Holz ist dicker als der Pfeiler; und aus der einen Seite des Rohrs ragen riesige Eisenstücke hervor, die in wunderliche Figuren gebracht sind; was wir davon halten sollen, wissen wir nicht. In der linken Tasche steckte eine zweite Maschine derselben Art. In der kleineren Tasche auf der rechten Seite lagen mehrere runde, flache Stücke weissen und roten Metalls von verschiedener Grösse; einige der weissen Stücke, die aus Silber zu sein schienen, waren so gross und schwer, dass mein Gefährte und ich sie kaum heben konnten. In der linken Tasche staken zwei schwarze, unregelmässig geformte Pfeiler: wir konnten, als wir auf dem Boden seiner Tasche standen, ihre Spitze nur mit Mühe erreichen. Einer von ihnen stak in einer Hülle und schien aus einem Stück zu sein; doch am obern Ende des andern zeigte sich eine weisse, runde Substanz von etwa dem doppelten Umfang unsrer Köpfe. In beiden befand sich je eine ungeheure Stahlplatte. Wir veranlassten ihn nach unserm Befehl, sie uns zu zeigen, weil wir befürchteten, es möchten gefährliche Maschinen sein. Er nahm sie aus ihren Hüllen und sagte uns, es sei in seiner Heimat Brauch, sich mit dem einen den Bart zu rasieren und mit dem andern das Fleisch zu schneiden. Zwei Taschen waren vorhanden, in die wir nicht eindringen konnten; er nannte sie seine Uhrtaschen; es sind zwei breite Schlitze, die in den obern Rand seines mittlern Überzugs geschnitten sind und die der Druck seines Bauchs fest schliesst. Aus der rechten Uhrtasche hing eine grosse silberne Kette herab, an deren unterm Ende sich eine wunderbare Maschine befindet. Wir wiesen ihn an, herauszuziehn, was an der Kette befestigt wäre; und es stellte sich heraus, dass es ein runder Gegenstand war, der halb aus Silber bestand und halb aus einem durchsichtigen Metall; denn auf der durchsichtigen Seite sahen wir in kreisförmiger Anordnung wunderliche Figuren, die wir berühren zu können vermeinten, bis unsern Fingern jene durchsichtige Masse halt gebot. Er hielt uns diese Maschine an die Ohren, und sie machte ein unaufhörliches Geräusch, ähnlich dem einer Wassermühle. Wir vermuteten darin entweder ein unbekanntes Tier oder den Gott, den er anbetet; wir neigen freilich mehr zu der letztern Ansicht, denn er versicherte uns (wenn wir ihn recht verstanden er drückte sich sehr unvollkommen aus), dass er selten etwas täte, ohne diese Maschine zu Rate zu ziehn. Er nannte sie sein Orakel und sagte, sie gäbe ihm für jede Handlung seines Lebens die Zeit an. Aus der linken Uhrtasche zog er ein Netz, das fast für einen Fischer gross genug ist, aber eingerichtet, um es wie eine Börse zu öffnen und zu schliessen; und als solche dient es ihm auch: wir fanden mehrere massive Stücke gelben Metalls darin und wenn sie aus echtem Golde bestehn, müssen sie von ungeheurem Wert sein.

Als wir so, den Befehlen Eurer Majestät gemäss, all seine Taschen durchsucht hatten, bemerkten wir über seinen Hüften einen Gürtel, der aus dem Fell irgendeines fabelhaften Tiers gemacht ist; darin hing auf der linken Seite ein Schwert von der Länge von fünf Menschen und rechts ein Beutel oder eine Tasche, die in zwei Kammern geteilt ist, deren jede drei der Untertanen Eurer Majestät fasst. In einer dieser Kammern lagen viele Bälle oder Kugeln aus einem sehr schweren Metall; sie sind etwa so gross wie unsre Köpfe und verlangen eine starke Hand, um sie zu heben; die andre Kammer enthielt einen Haufen schwarzer Körner von nicht sehr grossem Umfang oder Gewicht, denn wir konnten etwa fünfzig davon in der hohlen Hand halten.

Dies ist ein genaues Inventar von dem, was wir bei dem Menschberg fanden; er behandelte uns sehr höflich und mit derjenigen Achtung, die der Kommission Eurer Majestät gebührte.

Unterzeichnet und gesiegelt am vierten Tage des neunundachtzigsten Mondes der glückseligen Regierung Eurer Majestät.

Clefrin Frelock, Marsi Frelock.

Als dem Kaiser dieses Inventar vorgelesen wurde, wies er mich, wenn auch in sehr sanften Worten, an, die verschiedenen Gegenstände auszuliefern. Zunächst verlangte er meinen Krummsäbel, den ich mit der Scheide herausnahm. Inzwischen befahl er, dass dreitausend Mann aus seinen ausgewählten Truppen, die ihn begleiteten, in gebührendem Abstand einen Kreis bildeten und ihre Pfeile und Bögen schussbereit hielten; ich freilich bemerkte das nicht, denn ich hielt den Blick fest auf Seine Majestät gerichtet. Dann begehrte er, dass ich den Säbel zöge; und obwohl er durch das Seewasser ein wenig Rost angesetzt hatte, war er grösstenteils noch äusserst blank. Ich zog ihn, und im selben Augenblick erhoben all die Truppen zwischen Angst und Staunen ein Geschrei, denn die Sonne schien hell, und der Widerschein blendete ihre Augen, als ich die Waffe in der Hand hin und her schwang. Seine Majestät ist ein höchst beherzter Fürst, und er war weniger entsetzt, als ich erwarten konnte; er befahl mir, den Säbel wieder in die Scheide zu tun und ihn, so sanft ich nur konnte, sechs Fuss vom Ende meiner Kette entfernt zu Boden zu werfen. Das nächste, was er verlangte, war einer der hohlen Eisenpfeiler, mit denen er meine Pistolen meinte. Ich zog eine hervor und setzte ihm auf seinen Wunsch, so gut ich es vermochte, ihren Gebrauch auseinander; und indem ich sie nur mit Pulver lud (denn vermöge der Dichtigkeit des Lederbeutels war es im Wasser der Durchnässung entgangen: einer Schädigung, gegen die alle vorsichtigen Seefahrer besondre Vorkehrungen treffen), warnte ich den Kaiser, nicht zu erschrecken und entlud sie in der Luft. Das Entsetzen war jetzt weit grösser als beim Anblick meines Säbels. Hunderte fielen wie tot zu Boden; und selbst der Kaiser konnte sich, obwohl er auf den Füssen blieb, eine Weile hindurch nicht wieder erholen. Ich lieferte meine beiden Pistolen in der gleichen Weise aus, wie ich es mit meinem Säbel getan hatte und dann auch den Beutel mit dem Pulver und den Kugeln; ich bat, dass man jenes vor Feuer bewahrte, da es sich durch den kleinsten Funken entzünden und den kaiserlichen Palast in die Luft sprengen würde. Ich lieferte auch meine Taschenuhr aus, die zu sehn der Kaiser sehr begierig war; er befahl zweien seiner grössten Leibgardisten, sie mit Hilfe eines Pfahls auf die Schultern zu nehmen wie die Rollkutscher in England ein Fass Bier zu tragen pflegen. Er hörte das beständige Geräusch, das sie machte, mit grossem Staunen und beobachtete auch die Bewegung des Minutenzeigers, die er leicht erkennen konnte, da sie weit schärfer sehn als wir. Er fragte die Gelehrten, die ihn umgaben, was sie davon hielten, und ihre Ansichten waren, wie der Leser es sich denken kann, ohne dass ich sie ihm wiederhole, schwankend und trafen weit vom Ziel; freilich konnte ich sie auch nicht sehr genau verstehn. Dann lieferte ich mein Silber- und Kupfergeld, meine Börse mit neun grossen und einigen kleinen Goldstücken, mein Taschen- und mein Rasiermesser, meinen Kamm, meine silberne Schnupftabakdose, mein Sacktuch und mein Tagebuch aus. Mein Säbel, meine Pistolen und der Beutel wurden auf Wagen in Seiner Majestät Vorratshäuser überführt; der Rest meiner Sachen aber wurde mir zurückgegeben.

Ich hatte, wie ich zuvor schon bemerkte, eine Geheimtasche, die ihnen bei ihrer Suche entging; in ihr befanden sich eine Brille (die ich bisweilen nötig habe, weil meine Augen schwach werden), ein Taschenfernrohr und mehrere andre kleine Gegenstände; da sie für den Kaiser von keiner Bedeutung sein konnten, so hielt ich mich nicht für in Ehren verpflichtet, sie preiszugeben, und ich fürchtete, sie könnten verloren gehn oder verdorben werden, wenn ich mich von ihnen trennte.

Kapitel III.

Der Verfasser unterhält den Kaiser und den Adel beiderlei Geschlechts auf eine sehr ungewöhnliche Weise. Die Vergnügungen am Hofe zu Lilliput werden geschildert. Dem Verfasser wird unter bestimmten Bedingungen die Freiheit gewährt.

Meine Sanftmut und mein gutes Verhalten hatten den Kaiser und seinen Hof, ja, sogar das Heer und das Volk im allgemeinen so für mich eingenommen, dass ich zu hoffen begann, ich würde in Kürze meine Freiheit erlangen. Ich suchte diese mir günstige Gesinnung auf jede nur mögliche Art zu fördern. Die Eingebornen lernten, sich allmählich immer weniger vor mir zu fürchten. Ich legte mich bisweilen nieder und liess fünf oder sechs von ihnen auf meiner Hand tanzen. Und schliesslich wurden sogar die Knaben und Mädchen kühn genug, in meinem Haar Versteck zu spielen. Ich hatte inzwischen im Verstehn und Sprechen ihrer Sprache grosse Fortschritte gemacht. Den Kaiser kam eines Tages die Lust an, mich mit einigen ihrer nationalen Schauspiele zu unterhalten, denn darin übertreffen sie alle Nationen, die ich kennen gelernt habe, an Geschick und Grossartigkeit. Keins aber machte mir soviel Vergnügen, wie das der Seiltänzer, die sich auf einem dünnen weissen Faden zeigten, der in einer Länge von etwa zwei Fuss und etwa zwölf Zoll überm Boden ausgespannt wurde. Ich bitte um des Lesers Nachsicht, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich darüber ein wenig ausführlicher auszulassen.

Diese Kunst wird nur von solchen Leuten ausgeübt, die für grosse Ämter und hohe Gunst bei Hofe kandidieren. Sie werden von frühester Jugend her ausgebildet und sind nicht immer von vornehmer Geburt, noch auch gebildet erzogen. Wenn ein grosses Amt erledigt ist, sei es durch einen Todesfall oder durch Verlust der Gunst (was oft vorkommt), so flehen fünf oder sechs dieser Kandidaten den Kaiser an, Seine Majestät und den Hof mit einem Tanz auf dem Seil unterhalten zu dürfen, und wer, ohne zu stürzen, am höchsten springt, erhält das Amt. Sehr oft werden selbst die höchsten Minister aufgefordert, ihre Kunst zu zeigen und den Kaiser zu überzeugen, dass sie ihre Fähigkeit nicht eingebüsst haben. Flimnap, der Schatzmeister, soll nach allgemeiner Ansicht auf gespanntem Seil einen um einen Zoll höhern Luftsprung ausführen als irgend ein andrer grosser Herr des ganzen Kaiserreichs. Ich selbst habe gesehn, wie er auf einem Brett, das auf dem Seil befestigt wurde (und das Seil war nicht dicker als ein gewöhnlicher Bindfaden in England) mehrmals hintereinander den Saltomortale ausführte. Mein Freund Reldresal, der erste Staatssekretär für Privatangelegenheiten, kommt meiner Meinung nach, wenn ich nicht parteiisch bin, nach dem Schatzmeister an zweiter Stelle; der Rest der Grosswürdenträger steht so ziemlich auf einer Stufe.

Diese Unterhaltungen haben oft verhängnisvolle Unglücksfälle im Gefolge, von denen grosse Mengen berichtet werden. Ich selbst habe es erlebt, wie zwei oder drei Kandidaten sich die Glieder brachen. Aber die Gefahr ist weit grösser, wenn die Minister selbst Befehl erhalten, ihre Gewandtheit zu zeigen; denn in dem Streben, sich selbst und ihre Genossen zu übertreffen, strengen sie sich so sehr an, dass kaum einer von ihnen niemals gestürzt ist, und manchem ist es zwei- oder dreimal begegnet. Man versicherte mir, dass ein oder zwei Jahre vor meiner Ankunft Flimnap unfehlbar das Genick gebrochen hätte, wenn nicht die Gewalt seines Sturzes durch eines der Kissen des Königs, das zufällig am Boden lag, aufgehalten worden wäre .

Es gibt noch eine andre Unterhaltung, die nur bei besondern Anlässen vor dem Kaiser, der Kaiserin und dem ersten Minister veranstaltet wird. Der Kaiser legt drei feine, sechs Zoll lange seidne Fäden auf den Tisch. Der eine ist blau, der andre rot und der dritte grün . Diese Fäden bilden die Belohnung solcher Personen, die der Kaiser durch ein besonderes Zeichen seiner Gunst auszeichnen möchte. Die Zeremonie wird in Seiner Majestät grossem Staatsgemach vollzogen, wo die Kandidaten eine Geschicklichkeitsprüfung durchzumachen haben, die sich von der ersten sehr unterscheidet; und in keinem andern Lande der alten oder der neuen Welt habe ich etwas auch nur entfernt Ähnliches beobachtet. Der Kaiser hält einen Stab in der Hand, und zwar parallel zum Boden, und die Kandidaten treten einer nach dem andern vor, um vorwärts und rückwärts darüber wegzuspringen oder drunter durchzukriechen, je nachdem der Stab gehoben oder gesenkt wird. Bisweilen hält auch der Kaiser das eine Ende des Stabs und sein erster Minister das andre; und bisweilen hält der erste Minister ihn ganz allein. Wer nun seine Rolle mit der grössten Gewandtheit spielt und am längsten aushält in diesem Kriechen und Springen, der wird mit der blauen Seide belohnt; die rote erhält der nächste und der dritte die grüne; sie tragen diese Seide doppelt um ihren Gürtel geschlungen, und man findet bei Hofe nur wenig grosse Persönlichkeiten, die nicht mit einem solcher Fäden geschmückt sind.

Da mir nun die Pferde des Heeres und die des königlichen Marstalls täglich vorgeführt wurden, scheuten sie nicht mehr, sondern kamen, ohne zu erschrecken, bis dicht zu meinen Füssen heran. Die Reiter sprangen mit ihnen auch über meine Hand, wenn ich sie auf den Boden hielt, und einer der Jäger des Kaisers setzte auf einem grossen Renner sogar über meinen Fuss im Schuh; es war in der Tat ein fabelhafter Sprung. Ich hatte das Glück, den Kaiser eines Tages auf recht ungewöhnliche Art unterhalten zu können. Ich sprach den Wunsch aus, er möchte Befehl erteilen, dass man mir mehrere Stöcke von zwei Fuss Länge und der Dicke eines gewöhnlichen Spazierstocks brächte. Seine Majestät wies seinen Oberforstmeister an, die betreffenden Befehle zu geben, und am nächsten Morgen trafen sechs Holzfäller mit ebensoviel Wagen ein, deren jeder von acht Pferden gezogen wurde. Ich nahm neun dieser Stöcke und stiess sie in einem Viereck von zweieinhalb Fuss im Geviert fest in den Boden. Dann nahm ich vier weitere Stöcke und band sie etwa zwei Fuss vom Boden zu einem Quadrat zusammen; schliesslich nahm ich mein Taschentuch und befestigte es an den neun aufrecht stehenden Stöcken und spannte es auf allen Seiten so stark, dass es straff wurde wie das Fell einer Trommel; und das Quadrat aus den vier weiteren Stöcken, das fünf Zoll höher stand als das Taschentuch, diente auf allen Seiten als Brustwehr. Als ich mein Werk vollendet hatte, bat ich den Kaiser, er möchte eine Schwadron seiner besten Reiter, vierundzwanzig an der Zahl, kommen lassen, damit sie auf dieser Ebene exerzierten. Seine Majestät zollte diesem Vorschlag Beifall, und ich nahm sie einzeln, beritten und bewaffnet, und mit den Offizieren, die sie befehligen sollten, in der Hand auf. Sowie sie sich geordnet hatten, trennten sie sich in zwei Parteien und vollführten Scheingefechte, indem sie stumpfe Pfeile entsandten, ihre Schwerter zogen, flohen und verfolgten, angriffen und zurückwichen, und kurz, die beste Kriegszucht entfalteten, die ich je gesehn hatte. Das Quadrat sicherte sie und ihre Pferde vor dem Sturz von der Bühne; und der Kaiser war so entzückt, dass er diese Unterhaltung noch an mehreren Tagen wiederholen liess; einmal beliebte es ihm sogar, sich selbst hinaufheben zu lassen und den Befehl zu übernehmen; und mit grosser Mühe überredete er auch die Kaiserin, sich in ihrer geschlossenen Sänfte von mir zwei Ellen von der Bühne entfernt hochheben zu lassen, so dass sie imstande war, das ganze Schauspiel bequem zu überblicken. Es war mein Glück, dass bei diesen Unterhaltungen kein Unfall eintrat, ausser dass einmal ein wildes Pferd, das einem der Hauptleute gehörte, mit dem Huf scharrte und ein Loch in mein Taschentuch riss; und da es den Halt verlor, so stürzte es mit seinem Reiter; ich aber befreite auf der Stelle beide und nahm, während ich das Loch mit der einen Hand zuhielt, mit der andern die Truppen herab, wie ich sie hinaufgesetzt hatte. Das gestürzte Pferd erlitt eine Sehnenzerrung an der Schulter, aber der Reiter trug keine Verletzung davon. Mein Taschentuch besserte ich, so gut ich es konnte, aus, doch wollte ich mich nicht mehr auf seine Stärke verlassen und keine so gefährlichen Unternehmungen mehr dulden.

Etwa zwei oder drei Tage, bevor ich in Freiheit gesetzt wurde, kam, während ich den Hof mit solchen Dingen unterhielt, ein Eilbote an, um Seiner Majestät zu melden, dass ein paar seiner Untertanen, als sie in der Gegend umherritten, wo man mich zuerst gefunden hatte, einen grossen schwarzen Gegenstand hatten am Boden liegen sehn; er sei sehr wunderlich geformt und erstrecke seinen Rand etwa soweit wie der Umfang des Schlafzimmers Seiner Majestät sei und erhebe sich in der Mitte bis zu Mannshöhe; er sei kein lebendes Geschöpf, wie sie es zuerst befürchtet hätten, denn er liege reglos auf dem Grase, und einige von ihnen hätten ihn mehrmals umschritten; sie seien einander auf die Schultern geklettert und so auf den Gipfel gelangt, der flach und eben sei; und als sie darauf stampften, hätten sie erkannt, dass er innen hohl sei; es sei ihre demütige Ansicht, dass es etwas sei, was dem Menschenberge gehöre, und wenn es Seiner Majestät genehm sei, so wollten sie es unternehmen, es mit nur fünf Pferden herbeizuschaffen. Ich wusste sofort, was sie meinten und freute mich von Herzen über diese Nachricht. Es scheint, ich war bei meiner Landung nach dem Schiffbruch in solcher Verwirrung gewesen, dass mir, ehe ich die Stelle erreichte, wo ich einschlief, nach der Landung mein Hut entfallen war; ich hatte ihn, während wir ruderten, mit einer Schnur an meinem Kopf befestigt, und er war während des Schwimmens sitzen geblieben; die Schnur, so vermute ich, muss durch einen Zufall, der mir nicht weiter auffiel, zerrissen sein; jedenfalls glaubte ich, ich hätte ihn auf See verloren. Ich flehte Seine Majestät an, er möchte Befehl erteilen, ihn mir so bald wie möglich zu bringen, und ich schilderte ihm Art und Gebrauch des Gegenstands. Am nächsten Tage kamen die Fuhrleute mit ihm an; doch war er nicht gerade in gutem Stande. Sie hatten anderthalb Zoll von der Kante zwei Löcher in den Rand gebohrt und in den Löchern zwei Haken befestigt; diese Haken waren durch eine lange Schnur mit den Zugsträngen verbunden, und so hatten sie meinen Hut über eine halbe Meile weit herbeigeschleift; freilich hatte er weniger Schaden genommen, als ich erwartet hatte, denn der Boden ist in jenem Lande äusserst glatt und eben.

Zwei Tage nach diesem Abenteuer kam dem Kaiser, der Befehl gegeben hatte, dass sich jener Teil seines Heeres, der in seiner Hauptstadt und deren Umgebung kampierte, in Bereitschaft halten sollte, der Gedanke, sich auf eine sehr merkwürdige Weise zu amüsieren. Er wünschte, dass ich mich mit soweit gespreizten Beinen, wie es ohne Unbequemlichkeit angängig war, gleich einem Kolossus aufstellen sollte. Dann befahl er seinem General (einem alten, erfahrenen Feldherrn, der mich sehr begönnerte), die Truppen in geschlossener Ordnung aufzustellen und unter mir durchziehn zu lassen: die Infanterie zu vierundzwanzig in einer Reihe, die Kavallerie zu sechzehn; und zwar sollte das unter dem Wirbel der Trommeln mit fliegenden Fahnen und eingelegten Lanzen geschehn. Das Armeekorps bestand aus dreitausend Mann zu Fuss und tausend zu Pferde. Seine Majestät befahl bei Todesstrafe, dass jeder Soldat im Hinblick auf meine Person den strengsten Anstand wahren sollte; was freilich ein paar der jüngern Offiziere nicht hinderte, die Augen emporzuheben, als sie unter mir durchritten. Und, um die Wahrheit zu gestehn, so war meine Hose damals in so schlechtem Zustand, dass sie schon einige Gelegenheit für Gelächter und Verwunderung gab.

Ich schickte so viele Denk- und Bittschriften ein, um meine Freiheit zu erlangen, dass Seine Majestät die Sache schliesslich zunächst im Kabinettsrat und dann im vollen Staatsrat erwähnte; niemand trat dort meiner Freilassung entgegen, mit der einzigen Ausnahme von Skyresch Bolgolam, dem es ohne jede Herausforderung beliebte, mein Todfeind zu sein. Aber die ganze Versammlung genehmigte sie gegen seine Stimme, und der Kaiser bestätigte diesen Wahrspruch. Jener Minister war »Galbet« oder Admiral des Reichs; er genoss das grösste Vertrauen seines Herrn, war in Geschäften wohl bewandert, aber mürrischen und bittern Charakters. Schliesslich jedoch liess er sich überreden, seine Zustimmung zu erteilen, aber er setzte es durch, dass er selbst die Artikel und die Bedingungen, auf Grund derer ich freigelassen werden und die ich beschwören sollte, zu entwerfen hätte. Diese Artikel überbrachte mir Skyresch Bolgolam in Person, begleitet von zwei Unterstaatssekretären und mehreren vornehmen Personen. Als sie mir vorgelesen worden waren, forderte man mich auf, zu beschwören, dass ich sie halten würde; und zwar sollte das erst in der Art meines eignen Landes und dann auf die von ihren Gesetzen vorgeschriebne Weise geschehn; nach dieser nämlich hatte ich meinen rechten Fuss in die linke Hand zu nehmen, den Mittelfinger meiner rechten Hand auf den Scheitel meines Kopfes und den Daumen auf mein rechtes Ohrläppchen zu legen. Da aber der Leser vielleicht gern eine Vorstellung von dem Stil und der Ausdrucksweise gewinnen möchte, wie sie jenem Volke eigen sind, und auch die Artikel gern kennen lernte, auf grund derer ich meine Freiheit wiedererlangte, so habe ich die ganze Urkunde Wort für Wort, und so genau ich konnte, übersetzt und biete diese Übersetzung hier der Öffentlichkeit dar:

»Golbasto Momarem Evlame Gurdilo Schefin Mully Ully Gue, der gewaltige Kaiser von Lilliput, die Wonne und der Schrecken des Weltalls, dessen Besitzungen sich über fünftausend Blustrugs (etwa zwölf Meilen Umfang) bis an die Grenzen des Erdballs erstrecken, der Monarch aller Monarchen, der grösser ist als die Söhne der Menschen, dessen Füsse bis zum Erdmittelpunkt niederlasten und dessen Haupt wider die Sonne stösst, auf dessen Nicken die Fürsten der Erde in ihren Knien erbeben, der heiter ist wie der Frühling, tröstlich wie der Sommer, fruchttragend wie der Herbst und furchtbar wieder Winter, Seine hocherhabne Majestät erlegt dem Menschberge, der kürzlich eingetroffen ist in unsern himmlischen Gebieten, folgende Artikel auf, die er durch einen feierlichen Eid zu halten gezwungen werden soll:

Erstens. Der Menschberg soll unsre Gebiete nicht ohne die unter unserm Landessiegel erteilte Erlaubnis verlassen.

Zweitens. Er soll sich nicht vermessen, ohne unsern ausdrücklichen Befehl in unsre Metropole zu kommen; und wenn es geschieht, so sollen die Einwohner zwei Stunden vorher gewarnt werden, damit sie sich in ihren Häusern halten.

Drittens. Besagter Menschberg soll seine Spaziergänge auf unsre Hauptlandstrassen beschränken und sich nicht auf Wiesen oder Kornfeldern ergehen oder niederlassen.

Viertens. Wenn er auf besagten Strassen einhergeht, so soll er die grösste Sorgfalt darauf verwenden, dass er nicht die Leiber unsrer getreuen Untertanen, ihre Pferde oder Wagen zertritt; auch soll er keinen unsrer Untertanen ohne dessen Einwilligung in die Hand nehmen.

Fünftens. Wenn ein Eilbote besonders schneller Beförderung bedarf, so soll der Menschberg einmal in jedem Monat gehalten sein, Boten wie Pferd in seiner Tasche sechs Tagemärsche weit zu tragen und besagten Boten (wenn es nötig ist) wohlbehalten vor unser Kaiserliches Angesicht zurückzubringen.

Sechstens. Er soll unser Bundesgenosse sein wider unsre Feinde auf der Insel Blefusku und nach Kräften ihre Flotte zu vernichten streben, die eben zu einem Einfall in unsre Gebiete rüstet.

Siebentens. Besagter Menschberg soll in seinen Mussestunden unsern Werkmeistern helfen und beistehn, indem er gewisse grosse Steine hebt, mit denen die Mauer unsres Hauptparks eingedeckt werden soll, und auch für andre unsrer königlichen Bauten.

Achtens. Besagter Menschberg soll in Zeit von zwei Monden eine genaue Berechnung über den Umfang unsrer Gebiete aufstellen und zwar auf Grund der Anzahl seiner eignen Schritte um die Küste.

Letztens. Auf Grund seines feierlichen Eides, alle obigen Artikel zu halten, soll besagter Menschberg eine tägliche Ration von Speise und Trank erhalten, die ausreichen würde für den Unterhalt von 1728 unsrer Untertanen; und ferner soll er freien Zutritt zu unsrer königlichen Person geniessen, nebst andern Zeichen unsrer Gunst.

Gegeben in unserm Palast zu Belfaborak, am zwölften Tage des einundneunzigsten Mondes unsrer Regierung.«

Ich beschwor und unterschrieb diese Artikel in grosser Freudigkeit und Zufriedenheit, obwohl ein paar von ihnen nicht so ehrenvoll waren, wie ich es hätte wünschen können; das aber lag einzig an der Bosheit Skyresch Bolgolams, des Grossadmirals. Dann nahm man sofort die Schlösser von meinen Ketten, und ich war in voller Freiheit. Der Kaiser erwies mir die Ehre, der ganzen Zeremonie persönlich beizuwohnen. Ich sprach meinen Dank aus, indem ich mich Seiner Majestät zu Füssen warf; er aber befahl mir, aufzustehn, und nach vielen huldvollen Äusserungen, die ich nicht wiederholen will, um mich nicht dem Vorwurf der Eitelkeit auszusetzen, fügte er hinzu, er hoffe, ich werde mich zu einem nützlichen Diener entwickeln und mich all der Gunstbezeigungen, die er mir bereits erwiesen habe oder in Zukunft erweisen werde, würdig zeigen.

Der Leser möge beachten, dass der Kaiser mir in dem letzten Artikel des Vertrags, durch den ich meine Freiheit wiedererlangte, eine Menge von Speise und Trank auswirft, wie sie für den Unterhalt von 1728 Lilliputanern genügt hätte. Als ich eine Weile darauf einen Freund bei Hofe fragte, wie sie dazu gekommen seien, gerade diese bestimmte Zahl festzusetzen, sagte er mir, Seiner Majestät Mathematiker hätten mit Hilfe eines Quadranten die Höhe des Körpers gemessen, und da sie fanden, dass er zu dem ihren im Verhältnis von zwölf zu eins stehe, so hätten sie aus dem ähnlichen Körperbau geschlossen, dass mein Körper mindestens 1728 ihrer Körper enthalten müsse und also soviel Nahrung verlange, wie für eben diese Anzahl von Liliputanern erforderlich sei. Danach kann sich der Leser eine Vorstellung vom Scharfsinn jenes Volkes und von der klugen und genauen Wirtschaftlichkeit eines so grossen Fürsten machen.

Kapitel IV.

Schilderung Mildendos, der Hauptstadt von Lilliput, sowie des Kaiserlichen Palastes. Eine Unterhaltung zwischen dem Verfasser und einem Staatssekretär über die Verhältnisse des Kaiserreichs. Der Verfasser erbietet sich, dem Kaiser in seinen Kriegen zu helfen.

Die erste Bitte, die ich tat, nachdem ich meine Freiheit erlangt hatte, war die, dass man mir erlaubte, mir die Metropole Mildendo anzusehn. Diese Bitte gewährte mir der Kaiser gern, jedoch mit der besondern Mahnung, weder Einwohner zu verletzen, noch Häuser zu beschädigen. Dem Volk wurde durch einen Erlass von meiner Absicht, die Stadt zu besuchen, Mitteilung gemacht. Die Mauer, die sie umschliesst, ist zweieinhalb Fuss hoch und wenigstens sieben Zoll dick, so dass man ungefährdet in einer Kutsche oben die Runde machen kann; und flankiert wird sie in zehn Fuss Abstand voneinander durch starke Türme. Ich schritt über das grosse westliche Tor hinweg und ging sehr langsam, seitwärts gedreht, durch die beiden Hauptstrassen; bekleidet war ich nur mit meiner kurzen Weste, denn ich fürchtete, mit den Schössen meines Rocks die Dächer und Wassertraufen der Häuser zu beschädigen. Ich trat mit äusserster Vorsicht auf, um nicht irgendwelche Nachzügler, die noch in den Strassen sein mochten, zu zermalmen; freilich war strenger Befehl erlassen, dass alles Volk sich in den Häusern aufzuhalten habe und zwar sollte, wer dem Befehl zuwiderhandelte, dies auf eigne Gefahr tun. Die Bodenfenster und Dächer der Häuser waren so gedrängt voller Zuschauer, dass mir schien, als hätte ich auf all meinen Reisen noch keine volkreichere Stadt gesehn. Der Stadtplan besteht in einem genauen Quadrat, und jede Seite der Mauer ist fünfhundert Fuss lang. Die beiden grossen Strassen, die sich kreuzen und die Häusermassen in vier Quartiere teilen, sind fünf Fuss breit. Die Gassen und Gänge, die ich nicht betreten konnte, sondern mir nur im Vorübergehn ansah, sind zwölf bis achtzehn Zoll breit. Die Stadt umfasst etwa fünfhunderttausend Seelen. Die Häuser haben drei bis fünf Stockwerke, und die Läden und Märkte sind wohl versehn.

Des Kaisers Palast liegt in der Mitte der Stadt, wo die beiden Hauptstrassen zusammentreffen. Er wird von einer Mauer umschlossen, die zwei Fuss hoch ist und sich von den Gebäuden in einem Abstand von zwanzig Fuss hält. Ich hatte von Seiner Majestät die Erlaubnis erhalten, diese Mauer zu überschreiten; und da der Zwischenraum zwischen ihr und dem Palast so gross war, konnte ich ihn mir von allen Seiten ansehn. Der äussere Palast ist ein Quadrat von vierzig Fuss im Geviert, und er umschliesst zwei weitere Paläste; im innersten liegen die königlichen Gemächer, die ich mir sehr gern angesehn hätte; aber es war äusserst schwierig, denn die grossen Tore, die aus einem Hof in den andern führten, waren nur achtzehn Zoll hoch und sieben Zoll breit. Nun waren die Gebäude des äusseren Palastes wenigstens fünf Fuss hoch, und es war mir nicht möglich, über sie hinwegzusteigen, ohne sie schwer zu beschädigen, und das, obwohl die Mauern aus gehauenen Quadern stark gefügt und vier Zoll dick waren. Zugleich hatte auch der Kaiser den lebhaften Wunsch, mir die Pracht seines Palastes zu zeigen; ich konnte ihn mir jedoch erst drei Tage später ansehn, welche Zeit ich damit verbrachte, dass ich mir hundert Ellen vor der Stadt im königlichen Park mit meinem Taschenmesser ein paar der grössten Bäume schnitt. Aus diesen Bäumen machte ich mir zwei Schemelböcke, deren jeder etwa drei Fuss hoch und stark genug war, um mein Gewicht zu tragen. Nachdem dann das Volk zum zweiten Mal gewarnt worden war, ging ich, diesmal mit meinen Böcken in der Hand, wiederum durch die Stadt bis zum Palast. Als ich nun im äussern Hof stand, stieg ich auf den einen Bock und nahm den andern in die Hand, hob ihn übers Dach und setzte ihn vorsichtig in den Hofraum zwischen dem ersten und dem zweiten Palast, der acht Fuss breit war. Dann trat ich bequem über die Gebäude hinweg von einem Bock auf den andern und zog den ersten mit einem Hakenstock hinter mir her. Auf diese Weise gelangte ich bis in den innersten Hof, und indem ich mich auf die Seite niederliess, legte ich mein Gesicht an die absichtlich offengelassenen Fenster des Mittelstocks, hinter denen ich die prunkvollsten Gemächer entdeckte, die man sich nur vorstellen kann. Ich sah dort die Kaiserin und die jungen Prinzen in ihren verschiedenen Flügeln, umringt von ihren wichtigsten Dienern. Ihre Kaiserliche Majestät geruhte, mir sehr huldvoll zuzulächeln und reichte mir die Hand zum Fenster hinaus, damit ich sie küssen könnte .

Aber ich will dem Leser nicht schon jetzt weitere Schilderungen dieser Art geben, denn ich spare sie mir für ein grösseres Werk auf, das schon fast druckfertig ist und eine allgemeine Geschichte dieses Kaiserreichs enthält, beginnend mit seiner ersten Gründung; es verfolgt die lange Reihe seiner Fürsten und gibt einen Bericht über all ihre Kriege, ihre Politik und Gesetze, über die Gelehrsamkeit und Religion, sowie eine Schilderung ihrer Pflanzen und Tiere, ihrer Eigentümlichkeiten und Sitten nebst vielen andern merkwürdigen und wissenswerten Dingen. Gegenwärtig ist meine Hauptabsicht die, solche Ereignisse und Angelegenheiten zu berichten, wie sie für die Allgemeinheit oder mich während meines etwa neunmonatlichen Aufenthalts in jenem Kaiserreich eine Rolle spielten.

Etwa vierzehn Tage, nachdem ich meine Freiheit erlangt hatte, kam nun eines Morgens Reldresal, der Staatssekretär der privaten Angelegenheiten (so nennen sie ihn), von nur einem Diener begleitet, in mein Haus. Er liess seine Kutsche in einiger Ferne halten und bat, ich möchte ihm eine Stunde lang Gehör verleihn. Ich erklärte mich bereitwilligst einverstanden und zwar sowohl wegen seines Ranges und seines persönlichen Ansehns, wie auch wegen der vielen guten Dienste, die er mir während meiner Bittgänge bei Hofe geleistet hatte. Ich bot ihm an, mich niederzulegen, damit er mein Ohr bequemer erreichen könnte; er aber zog es vor, sich während unsrer Unterhaltung von mir in die Hand nehmen zu lassen. Er begann mit Glückwünschen zu meiner Freilassung und sagte, er könne sich einiges Verdienst daran beimessen, wenn ich sie durchgesetzt habe; er fügte jedoch hinzu, dass ich sie vielleicht nicht so bald erlangt hätte, wäre es nicht um den gegenwärtigen Stand der Dinge bei Hofe. »Denn,« sagte er, »so blühend unser Zustand Fremden auch erscheinen mag, so leiden wir doch unter zwei gewaltigen Übeln: einer heftigen Spaltung im Innern und der Gefahr eines Überfalls durch einen sehr mächtigen Feind von aussen. Was jene Spaltung angeht, so müsst Ihr wissen, dass es seit etwa siebzig Monden in diesem Kaiserreich zwei feindliche Parteien gibt, die sich nach den hohen und niedern Absätzen unter ihren Schuhen, durch die sie sich unterscheiden, Tramecksan und Slamecksan nennen . Es wird freilich behauptet, die hohen Absätze entsprächen unsrer alten Verfassung am ehesten: aber wie dem nun sein möge, Seine Majestät hat beschlossen, in der Verwaltung und Regierung und in allen Ämtern, die die Krone zu vergeben hat, nur niedrige Absätze zu verwenden; Ihr werdet nicht haben umhin können, das zu bemerken, wie auch vor allem dies, dass Seiner Kaiserlichen Majestät Absätze noch um wenigstens einen Drurr niedriger sind als die irgend jemandes an seinem Hofe (der Drurr ist ein Mass von ungefähr einem vierzehntel Zoll). Die Feindschaft zwischen diesen beiden Parteien ist so erbittert, dass sie weder zusammen essen und trinken noch reden. Wir schätzen die Tramecksan oder Hochabsätze als uns an Zahl überlegen; aber wir haben die Macht ganz auf unsrer Seite. Wir fürchten, dass Seine Kaiserliche Hoheit, der Kronprinz, ein wenig zu den Hochabsätzen neigt; wenigstens können wir deutlich sehn, dass einer seiner Absätze höher ist als der andre, was ihm einen hinkenden Gang verleiht . Nun droht uns mitten unter diesen innern Unruhen ein Einfall von der Insel Blefusku her; das ist das zweite grosse Kaiserreich des Weltalls, und es ist fast ebenso ausgedehnt und mächtig wie dieses Seiner Majestät. Denn was die Behauptung angeht, die wir aus Eurem Munde vernommen haben, dass es noch andre Königreiche und Staaten in der Welt gebe, die von ebenso grossen menschlichen Geschöpfen, wie Ihr es seid, bewohnt werden, so sind unsre Philosophen sehr im Zweifel, und sie möchten viel lieber annehmen, dass Ihr vom Mond herabgefallen seid oder von einem der Sterne; denn es ist sicher, dass hundert Sterbliche von Eurem Umfang in kurzer Zeit alle Früchte und alles Vieh in den Gebieten Seiner Majestät vernichten würden. Ausserdem tut unsre Geschichte, die sich über sechstausend Monde erstreckt, keiner andern Gegend als der beiden grossen Kaiserreiche Lilliput und Blefusku Erwähnung. Diese beiden gewaltigen Mächte aber haben, wie ich Euch sagen wollte, seit sechsunddreissig Monden in hartnäckigem Kriege gelegen. Er begann aus folgendem Anlass: Es ist allgemein anerkannt, dass die ursprüngliche Art, ein Ei, ehe man es isst, zu zerbrechen, die war, dass man es am dickern Ende einschlug; aber der Grossvater Seiner gegenwärtigen Majestät schnitt sich, als er in seiner frühen Jugend ein Ei essen wollte und es nach altem Brauche brach, in einen seiner Finger. Darauf erliess der Kaiser, sein Vater, ein Edikt, das all seinen Untertanen bei hoher Strafe anbefahl, ihre Eier am dünnen Ende zu brechen. Das Volk war so erbittert über dieses Gesetz, dass unsre Geschichte uns von sechs Empörungen berichtet, die darüber ausbrachen; ein Kaiser verlor sein Leben dabei, ein zweiter seine Krone . Diese innern Unruhen wurden beständig geschürt von den Herrschern von Blefusku; und als sie unterdrückt wurden, flohen die Verbannten in jenes Kaiserreich. Man schätzt die Zahl derer, die im Laufe der Zeit lieber den Tod erlitten als sich fügten und ihre Eier am dünnen Ende brachen, auf etwa elftausend. Viele hundert dicke Bände sind über diesen Streit veröffentlicht worden: aber die Bücher der Dickender sind längst verboten worden, und der ganzen Partei ist durch Gesetz das Recht entzogen worden, Ämter zu bekleiden. Im Verlauf dieser Unruhen sind die Kaiser von Blefusku oft durch ihre Gesandten vorstellig geworden, indem sie uns beschuldigten, wir schüfen eine Spaltung in der Religion, weil wir gegen eine Grundlehre unsres grossen Propheten Lustrog im vierundfünfzigsten Kapitel der Blundecral (unsres Koran) verstiessen. Das aber halten wir für eine blosse Vergewaltigung des Texts, denn die Worte lauten so: Alle Echtgläubigen brechen ihr Ei am richtigen Ende; und welches das richtige Ende ist, das scheint meiner demütigen Meinung nach dem Gewissen des Einzelnen überlassen zu sein, oder wenigstens steht es in der Macht der höchsten Obrigkeit, es zu bestimmen. Nun haben die verbannten Dickender am Hofe des Kaisers von Blefusku so grossen Einfluss gewonnen, und von Seiten ihrer Partei hier im Lande soviel Beistand und Ermutigung gefunden, dass zwischen den beiden Kaiserreichen seit sechsunddreissig Monden mit wechselndem Erfolg ein blutiger Krieg gewütet hat. Während dieser Zeit haben wir vierzig grosse Schiffe verloren und eine weit höhere Anzahl kleinerer Fahrzeuge, nebst dreissigtausend unsrer besten Seeleute und Soldaten; und der Verlust, den der Feind davongetragen hat, wird noch etwas grösser veranschlagt als der unsre. Jetzt aber haben sie eine zahlreiche Flotte ausgerüstet, und eben bereiten sie einen Überfall vor. Da nun Seine Kaiserliche Majestät grosses Vertrauen in Eure Tapferkeit und Stärke setzt, so hat er mir befohlen, Euch diesen Bericht über seine Angelegenheiten zu unterbreiten.«

Ich bat den Sekretär, dem Kaiser meine demütige Huldigung zu überbringen und ihn wissen zu lassen, dass ich glaube, mir als einem Fremden komme es nicht zu, mich in Parteistreitigkeiten einzumischen; dass ich aber bereit sei, ihn und seinen Staat mit Gefahr meines Lebens gegen alle Eindringlinge zu verteidigen.

Kapitel V.

Der Verfasser verhindert durch eine ausserordentliche Kriegslist einen Einfall. Ihm wird ein hoher Ehrentitel verliehen. Es kommen Gesandte aus dem Kaiserreich Blefusku und bitten um Frieden. Die Gemächer der Kaiserin geraten durch einen Unfall in Brand, und der Verfasser hilft, den Rest des Palastes zu retten.

Das Kaiserreich Blefusku ist eine Insel, die im Nordosten von Lilliput liegt, getrennt von ihm nur durch einen achthundert Ellen breiten Kanal. Ich hatte es noch nicht gesehn, und als ich von diesem beabsichtigten Einfall hörte, vermied ich es, auf dieser Seite der Küste zu erscheinen, denn ich fürchtete, von einem Schiff des Feindes entdeckt zu werden; bisher hatte er noch keine Kunde von mir, da während des Kriegs bei Todesstrafe jeder Verkehr zwischen den beiden Reichen verboten gewesen war, und unser Kaiser eine Sperre über alle Fahrzeuge verhängt hatte. Ich machte Seiner Majestät Mitteilung von einem Plan, des Feindes ganze Flotte zu beschlagnahmen; sie lag, wie uns unsre Späher versicherten, im Hafen verankert, bereit, mit dem ersten günstigen Winde zu segeln. Ich fragte die erfahrensten Seefahrer nach der Tiefe des Kanals, den sie oft erlotet hatten, und sie sagten mir, in der Mitte sei er bei Flut siebzig Glumgluffs tief, das heisst nach europäischem Mass etwa sechs Fuss; im übrigen betrage die Tiefe höchstens fünfzig Glumgluffs. Ich ging zu Fuss nach der Nordostküste, die Blefusku gegenüber lag; dort legte ich mich hinter einem Hügel nieder, zog mein kleines Taschenfernrohr und sah mir die verankerte feindliche Flotte an; sie bestand aus fünfzig Schlachtschiffen und vielen Transportfahrzeugen; dann kehrte ich in mein Haus zurück und bestellte mir (ich hatte Vollmacht dazu) eine grosse Menge der stärksten Taue und Eisenstangen. Die Taue waren etwa so dick wie Bindfaden, und die Eisenstangen so lang und stark wie Stricknadeln. Die Taue flocht ich zu dritt durcheinander, um sie stärker zu machen, und zu demselben Zweck drehte ich je drei der Eisenstangen zu einer zusammen, deren Ende ich zu einem Haken umbog. Nachdem ich so fünfzig Haken an ebenso vielen Tauen befestigt hatte, kehrte ich an die Nordostküste zurück, legte meinen Rock, meine Schuhe und Strümpfe ab und watete etwa eine halbe Stunde vor der Flut in meinem ledernen Wams ins Meer hinaus. Ich watete, so eilig ich konnte, vorwärts und schwamm in der Mitte etwa dreissig Ellen weit, bis ich wieder Grund spürte; in weniger als einer halben Stunde hatte ich die Flotte erreicht. Der Feind erschrak so sehr, als er mich sah, dass die Mannschaften aus den Schiffen sprangen und ans Land schwammen; dort sah ich gewiss nicht weniger als dreissigtausend Seelen. Da nahm ich mein Takelzeug, befestigte in dem Loch am Bug eines jeden Schiffes je einen Haken und band die Taue am Ende alle zusammen. Während ich in dieser Weise beschäftigt war, entsandte der Feind mehrere tausend Pfeile, von denen mir viele in Gesicht und Händen stecken blieben; ganz abgesehn von dem rasenden Schmerz, störte mich das sehr in meiner Arbeit. Am meisten fürchtete ich für meine Augen, und ich hätte sie sicherlich eingebüsst, wenn mir nicht plötzlich ein Auskunftsmittel eingefallen wäre. Unter andern Gegenständen bewahrte ich in der Geheimtasche, die des Kaisers Suchern, wie gesagt, entgangen war, eine Brille auf. Ich zog sie heraus und setzte sie mir, so fest wie es ging, auf die Nase, und so bewehrt, setzte ich meine Arbeit kühnlich fort, ohne der feindlichen Pfeile zu achten, von denen viele gegen die Gläser meiner Brille schlugen; doch hatte das keine andre Wirkung, als dass sie sich ein wenig verschob. Ich hatte jetzt alle Haken befestigt, nahm den Knoten in die Hand und begann zu ziehen; doch kein einziges Schiff rührte sich von der Stelle, denn ihre Anker hielten sie zu fest, so dass der verwegenste Teil meines Unternehmens noch zu tun blieb. Ich liess das Tau also los, liess die Haken in den Schiffen sitzen und durchschnitt entschlossen mit einem Taschenmesser die Stricke, an denen die Anker hingen, wobei ich etwa zweihundert Schüsse ins Gesicht und die Hände erhielt. Dann nahm ich das verknotete Ende der Taue, an denen meine Haken hingen, wieder auf und zog mit der grössten Leichtigkeit fünfzig der gewaltigsten feindlichen Kriegsschiffe hinter mir her.

Die Blefuskudianer, die nicht im geringsten ahnten, welches meine Absicht war, standen zunächst vor Verwunderung ganz verwirrt da. Sie hatten gesehn, wie ich die Ankertaue durchschnitt und glaubte, es sei nur meine Absicht, die Schiffe treiben zu lassen oder widereinander zu jagen; als sie aber erkannten, dass die ganze Flotte in aller Ordnung davonging, und als sie sahen, dass ich sie zog, erhoben sie ein solches Geschrei des Schmerzes und der Verzweiflung, dass es fast unmöglich ist, es zu schildern oder sich vorzustellen .

Als ich ausser Gefahr war, machte ich eine Weile halt, um die Pfeile herauszuziehn, die mir in Gesicht und Händen staken; auf die Wunden rieb ich ein wenig von jener Salbe, die mir, wie ich früher bereits erwähnte, nach meiner ersten Landung gegeben worden war. Dann nahm ich meine Brille ab, wartete etwa eine Stunde, bis die Flut ein wenig gefallen war, und durchwatete die Mitte mit meinem Anhang, bis ich sicher im königlichen Hafen von Lilliput ankam.

Der Kaiser und sein ganzer Hof standen am Ufer und harrten des Ausgangs dieses grossen Abenteuers. Sie sahn, wie die Schiffe in einem weiten Halbmond daherkamen; mich aber konnten sie nicht erkennen, da ich bis zu meiner Brust im Wasser stand. Als ich die Mitte des Kanals erreichte, gerieten sie noch mehr in Verlegenheit, da ich bis zum Hals unter Wasser war. Der Kaiser zog daraus den Schluss, dass ich ertrunken wäre, und dass des Feindes Flotte in feindlicher Absicht nahte. Bald aber wurde ihm seine Furcht benommen, denn da der Kanal mit jedem Schritt, den ich tat, flacher wurde, kam ich schnell in Hörweite und rief, indem ich das verknotete Ende der Taue, an denen die Flotte befestigt war, in die Höhe hielt, mit lauter Stimme: »Lang lebe der mächtige Kaiser von Lilliput!« Der grosse Fürst empfing mich bei meiner Landung mit allen möglichen Lobreden und machte mich auf der Stelle zu einem »Nardak«; das ist unter ihnen der höchste Ehrentitel.

Seine Majestät wünschte, dass ich eine weitere Gelegenheit ergriffe, auch den Rest der Schiffe seines Feindes in seine Häfen zu bringen. Und so masslos ist der Ehrgeiz der Fürsten, dass er an nichts Geringeres zu denken schien als daran, das ganze Kaiserreich Blefusku zu einer Provinz zu machen und durch einen Vizekönig zu regieren; daran, die verbannten Dickender zu vernichten und jenes Volk zu zwingen, dass es seine Eier am dünnen Ende bräche; denn auf diese Weise wäre er zum einzigen Monarchen der ganzen Welt geworden. Ich aber bemühte mich, ihn von dieser seiner Absicht abzubringen, indem ich sowohl aus dem Gebiet der Politik wie dem der Gerechtigkeit viele Gründe anführte; und ich versicherte offen, dass ich mich nie dazu erniedrigen würde, ein freies und tapferes Volk in die Sklaverei zu führen. Und als die Angelegenheit im Rat erörtert wurde, schloss sich der klügere Teil des Ministeriums meiner Ansicht an.

Diese meine offne, verwegne Erklärung lief den Plänen und der Politik Seiner Kaiserlichen Majestät so sehr zuwider, dass er sie mir nie verzeihen konnte. Er erwähnte sie im Rat in sehr arglistiger Weise, doch einige der Klügsten schienen sich, wie man mir erzählte, wenigstens durch ihr Schweigen meiner Ansicht anzuschliessen; doch andre, die meine heimlichen Feinde waren, konnten sich einiger Bemerkungen nicht entschlagen, die mich durch einen Seitenwind blosszustellen suchten. Und mit diesem Augenblick begann zwischen Seiner Majestät und einer Ministerkamarilla, die boshaft gegen mich verschworen war, eine Intrige, die in weniger als zwei Monaten zum Ausbruch kam und fast mit meinem Verderben geendet hätte. So gering wiegen die grössten Dienste, die man einem Fürsten leistet, wenn sie wider eine Weigerung, ihren Leidenschaften Vorschub zu leisten, in die Wagschale fallen.

Etwa drei Wochen nach dieser Waffentat traf eine feierliche Gesandtschaft aus Blefusku ein, die demütige Friedensangebote brachte; der Friede wurde denn auch bald geschlossen und zwar zu Bedingungen, die für unsern Kaiser sehr vorteilhaft waren; ich will jedoch den Leser nicht damit belästigen. Es kamen sechs Gesandte mit einem Gefolge von etwa fünfhundert Personen; ihr Einzug war sehr prunkvoll und entsprach der Grösse ihres Herrn, sowie der Bedeutung ihres Auftrags. Als der Vertrag abgeschlossen worden war, wobei ich übrigens dem Feind vermöge des Einflusses, den ich jetzt bei Hofe hatte oder wenigstens zu haben schien, mehrere gute Dienste leistete, kamen Ihre Exzellenzen, denen man insgeheim mitteilte, wie sehr ich mich als ihr Freund erwiesen hatte und machten mir einen förmlichen Besuch. Sie begannen mit vielen Komplimenten über meine Tapferkeit und Grossmut, luden mich im Namen ihres Herrn, des Kaisers, in jenes Land ein und baten mich, ihnen einige Proben meiner fabelhaften Kraft zu zeigen, von der sie so viele Wunder vernommen hätten; ich tat ihnen gern den Gefallen, will aber den Leser nicht mit Einzelheiten langweilen.

Als ich Ihre Exzellenzen eine Weile zu ihrer unendlichen Zufriedenheit und Überraschung unterhalten hatte, bat ich sie, sie möchten mir die Ehre antun und dem Kaiser, ihrem Herrn, meine demütigsten Empfehlungen überbringen; habe doch der Ruhm seiner Tugenden mit solchem Recht der ganzen Welt Bewunderung eingeflösst, und ich sei entschlossen, ehe ich in meine Heimat zurückkehrte, Seiner Königlichen Hoheit meine Aufwartung zu machen. Als ich also das nächste Mal die Ehre hatte, unsern Kaiser zu sehn, bat ich ihn um die allgemeine Erlaubnis, den Monarchen von Blefusku zu besuchen. Er geruhte, sie mir zu gewähren, aber, wie ich wohl merken konnte, in sehr kühlem Ton; den Grund freilich konnte ich nicht eher erraten, als bis mir eine gewisse Persönlichkeit zuflüsterte, dass Flimnap und Bolgolam meinen Verkehr mit jenen Gesandten als ein Zeichen des Missvergnügens hingestellt hatten. Mein Herz, davon bin ich überzeugt, war von jedem Missvergnügen völlig frei, und dies war das erste Mal, dass mir von Höfen und Ministerien eine unvollkommene Vorstellung aufstieg.

Ich muss bemerken, dass diese Gesandten sich im Gespräch mit mir eines Dolmetsch bedienten, denn die Sprachen der beiden Kaiserreiche unterscheiden sich ebenso sehr von einander, wie sich nur zwei europäische Sprachen unterscheiden können; und jede der beiden Nationen brüstet sich mit dem Alter, der Schönheit und Kraft ihrer eignen Sprache und legt für die ihres Nachbars eine ausgesprochne Verachtung an den Tag. Freilich zwang unser Kaiser sie, da er durch die Wegnahme ihrer Flotte einen so grossen Vorteil errungen hatte, ihre Beglaubigungsschreiben in lilliputanischer Sprache zu überreichen und ebenso in ihr ihre Reden zu halten. Und man muss zugeben, dass infolge des grossen Waren- und Handelsverkehrs zwischen beiden Reichen, infolge der fortwährenden Ansiedlung der Verbannten, die sie gegenseitig bei sich aufnehmen, und infolge der in beiden Reichen eingeführten Sitte, ihre jungen Adligen und die reicheren Grundbesitzer ins Nachbarland zu schicken, damit sie sich ›abschleifen‹, indem sie sich die Welt ansehn und Menschen und Bräuche verstehn lernen – dass es, sage ich, infolgedessen nur wenig vornehme Leute, Kaufherrn oder Seefahrer gibt, zum mindesten in den Küstengegenden, die sich nicht in beiden Sprachen unterhalten können; ich konnte das einige Wochen darauf beobachten, als ich dem Kaiser von Blefusku meinen Besuch abstattete, welcher Besuch sich mir mitten unter dem durch die Bosheit meiner Feinde verschuldeten grossen Unglück als ein sehr glückliches Abenteuer erwies, wie ich es an seiner Stelle berichten werde.

Der Leser möge nicht vergessen, dass mir, als ich jene Artikel unterschrieb, auf Grund derer ich meine Freiheit erlangte, einige von ihnen als zu sklavisch sehr missfielen; und nichts als die äusserste Not hätte mich zwingen können, mich ihnen zu fügen. Doch da ich jetzt ein Nardak vom höchsten Rang in jenem Kaiserreich war, so sah man solche Dienste als unter meiner Würde stehend an, und der Kaiser (ich muss ihm gerecht werden) erwähnte sie mir gegenüber kein einziges Mal. Immerhin dauerte es nicht lange, so hatte ich Gelegenheit, Seiner Majestät (wenigstens glaubte ich es damals) einen hervorragenden Dienst zu leisten. Eines Mitternachts weckte mich das Geschrei vieler hundert Leute vor meiner Tür, und als ich jäh erwachte, befiel mich kein geringer Schrecken. Ich hörte, wie man unaufhörlich das Wort »Burglum« wiederholte. Mehrere Leute vom Hofe des Kaisers brachen durch die Menge und flehten mich an, auf der Stelle zum Palast zu kommen, denn Ihrer Kaiserlichen Majestät Gemächer ständen infolge des Leichtsinns einer Ehrendame, die eingeschlafen war, während sie einen Roman las, in Flammen. Ich stand im Nu auf den Füssen; und da Befehl erteilt worden war, mir eine Gasse zu öffnen, und obendrein der Mond die Nacht erhellte, so gelang es mir, den Palast zu erreichen, ohne dass ich irgend jemanden vom Volke zertrat. Ich sah, dass man schon Leitern an die Mauern des Flügels gelegt hatte und dass alle mit Eimern wohl versehn waren; aber das Wasser war in einiger Ferne. Die Eimer waren etwa so gross wie ein grosser Fingerhut, und die armen Leute reichten sie mir, so schnell sie konnten; die Flamme aber war so heftig, dass sie wenig halfen. Ich hätte das Feuer freilich leicht mit meinem Rock ersticken können, hatte ihn jedoch in der Eile unglücklicherweise zurückgelassen und war nur in meinem ledernen Wams gekommen. Die Lage schien ganz verzweifelt und beklagenswert zu sein; und der prunkvolle Palast wäre unfehlbar bis zum Boden niedergebrannt, wäre mir nicht in einer bei mir ungewöhnlichen Geistesgegenwart ein Auskunftsmittel eingefallen. Ich hatte am Abend zuvor reichlich von einem sehr köstlichen Wein getrunken, den man »Glimigrim« nannte (die Blefuskudianer nennen ihn »Flunek«, aber der unsre galt als die bessre Sorte) und der sehr urintreibend wirkt. Es war der glücklichste Zufall von der Welt, dass ich noch nicht den geringsten Teil wieder von mir gegeben hatte. Die Hitze, in die ich durch die grosse Nähe der Flammen und durch die Anstrengung, mit der ich sie zu löschen suchte, geraten war, bewirkte, dass der Wein mich trieb, Urin zu lassen; und ich entleerte ihn in solcher Menge und richtete ihn so trefflich auf die gefährdeten Punkte, dass der Brand in drei Minuten völlig gelöscht war; so wurde der Rest jenes herrlichen Baus, den zu errichten so viele Generationen gekostet hatte, vor der Zerstörung bewahrt.

Es war jetzt Tag geworden, und ich kehrte nach Hause zurück, ohne zu warten, bis ich den Kaiser beglückwünschen konnte. Obwohl ich ihm nämlich einen hervorragenden Dienst geleistet hatte, so konnte ich doch nicht sagen, wie übel Seine Majestät die Art aufnehmen würde, auf die ich ihn vollbracht hatte. Denn nach den Grundgesetzen des Reichs stand die Todesstrafe darauf, wenn irgend jemand, wes Standes er auch sein mochte, innerhalb der Bezirke des Palastes Wasser liess. Freilich tröstete mich eine Botschaft Seiner Majestät ein wenig, in der er sagte, er werde dem Justizminister Befehl erteilen, meine Begnadigung in aller Form einzuleiten. Ich konnte sie jedoch nicht erlangen, und man versicherte mir insgeheim, dass die Kaiserin in hellstem Abscheu vor meiner Tat den entlegensten Flügel des Palastes bezogen hatte, fest entschlossen, jene Gebäude nie wieder für ihren Gebrauch herrichten zu lassen; ja, dass sie es sich in Gegenwart ihrer wichtigsten Vertrauten nicht versagte, Rache zu geloben

Kapitel VI.

Von den Einwohnern von Lilliput, ihrer Gelehrsamkeit, ihren Gesetzen und Sitten und der Art, wie sie ihre Kinder erzogen. Wie der Verfasser in jenem Lande lebte. Seine Ehrenrettung einer grossen Dame.

Obgleich ich die Absicht habe, die Schilderung dieses Kaiserreichs für eine besondre Abhandlung aufzusparen, so möchte ich doch den neugierigen Leser mit ein paar allgemeinen Begriffen zufriedenstellen. Wie die Durchschnittsgrösse der Eingebornen ein wenig unter sechs Zoll beträgt, so findet man auch in allen andern Tieren, Pflanzen und Bäumen das genau gleiche Verhältnis : zum Beispiel sind die grössten Pferde und Rinder vier bis fünf Zoll hoch, die Schafe anderthalb Zoll, ein wenig mehr oder weniger; die Gänse etwa so gross wie Sperlinge, und so weiter die verschiedenen Abstufungen hinab, bis man die kleinsten erreicht, die meinen Augen fast unsichtbar waren; aber die Natur hat die Augen der Lilliputaner allen Dingen, die sie sehn müssen, angepasst. Sie sehn sehr scharf, aber nicht sehr weit. Es zeigt die Schärfe ihrer Sehkraft nahen Dingen gegenüber, dass ich zu meinem grossen Vergnügen einen Koch beobachten konnte, wie er eine Lerche rupfte, die nicht einmal so gross war wie eine gewöhnliche Fliege; und ein junges Mädchen fädelte einen unsichtbaren Faden in eine unsichtbare Nadel ein. Ihre grössten Bäume sind sieben Fuss hoch: ich meine ein paar von jenen im grossen königlichen Park, deren Wipfel ich mit geballter Faust noch eben erreichen konnte. Die übrige Vegetation hält sich in den gleichen Verhältnissen, doch überlasse ich das der Phantasie des Lesers.

Ich werde gegenwärtig nur wenig von ihrer Gelehrsamkeit reden, die viele Generationen hindurch unter ihnen in all ihren Zweigen blühte; doch die Art, wie sie schreiben, ist sehr eigentümlich, denn sie schreiben weder von links nach rechts, wie die Europäer, noch auch von rechts nach links, wie die Araber; weder von oben nach unten wie die Chinesen, noch von unten nach oben, wie die Kaskagier , sondern schräg aus einer Ecke des Blattes zur andern, wie die Damen in England.

Ihre Toten begraben sie mit den Köpfen nach unten; sie glauben nämlich, dass sie in elf tausend Monden alle auferstehn werden; innerhalb dieser Zeit aber werde sich die Erde (die sie sich als flach denken) um sich selber gedreht haben, so dass sie auf diese Weise bei ihrer Auferstehung sofort auf den Füssen stehn. Die Gelehrten geben zu, dass diese Lehre absurd ist, aber der Brauch besteht fort, weil die Masse des Volks an ihm hängt.

Es gelten in diesem Kaiserreich ein paar sehr merkwürdige Gesetze und Sitten; und liefen sie nicht denen meines geliebten Heimatlandes stracks zuwider, so wäre ich in Versuchung, einiges zu ihrer Rechtfertigung zu sagen. Es wäre nur zu wünschen, dass sie ebenso gut vollstreckt würden. Das erste Gesetz, das ich erwähnen will, bezieht sich auf die Denunzianten. Alle Verbrechen gegen den Staat werden hier mit äusserster Strenge bestraft; wenn aber der Angeklagte bei der Verhandlung seine Unschuld klärlich nachweisen kann, so wird der Ankläger auf der Stelle zu einem schmählichen Tode verurteilt, und aus seinem Besitz an Waren oder Land wird der Unschuldige vierfach für den Verlust seiner Zeit, für die ausgestandne Gefahr, für die Leiden seiner Gefangenschaft und für alle Kosten, die seine Verteidigung ihm verursacht hat, entschädigt. Sollte aber jener Besitz nicht ausreichen, so wird er von der Krone reichlich ergänzt. Der Kaiser verleiht dem Unschuldigen ferner ein öffentliches Zeichen seiner Gunst, und in der ganzen Stadt wird seine Unschuld ausgerufen.

Im Betrug sehn sie ein schlimmres Verbrechen als im Diebstahl, und deshalb versäumen sie selten, ihn mit dem Tode zu bestrafen; sie begründen das damit, dass Sorgfalt und Wachsamkeit nebst dem gewöhnlichen Menschenverstand die Habe eines Menschen sehr wohl vor Dieben zu schützen vermögen, dass aber die Ehrlichkeit gegen überlegne List keinen Schutz besitze. Da nun ein beständiger Verkehr in Kauf und Verkauf notwendig ist, wobei sich die Gewährung von Kredit nicht umgehen lässt, so ist der ehrliche Händler, wo man den Betrug erlaubt und über ihn hinwegsieht, oder wo es kein Gesetz gibt, das ihn bestraft, stets verraten, und der Halunke gewinnt die Oberhand. Ich entsinne mich, dass ich einmal bei dem Kaiser für einen Verbrecher Fürsprache einlegte, der seinem Herrn eine grosse Summe Geldes entwendet hatte; er hatte sie auf eine Anweisung hin erhalten und war damit entlaufen; als ich nun Seiner Majestät als Milderungsgrund anführte, es sei ja nur ein Vertrauensbruch, fand der Kaiser es ungeheuerlich, dass ich zur Verteidigung anführte, was als erschwerender Umstand am meisten ins Gewicht fiel; und freilich konnte ich dagegen wenig mehr einwenden, als die gewöhnliche Antwort, dass verschiedene Nationen eben auch verschiedene Sitten hätten, denn ich gestehe, ich schämte mich von Herzen.

Obwohl wir in der Regel Lohn und Strafe als die beiden Angelpunkte bezeichnen, um die sich jede Regierung dreht, so habe ich doch nie bemerkt, dass dieser Grundsatz in irgend einer Nation in die Wirklichkeit umgesetzt wird, ausser bei den Lilliputanern. Wer dort ausreichenden Beweis beibringen kann, dass er die Gesetze seines Landes dreiundsiebzig Monde hindurch streng beobachtet hat, hat Anspruch, je nach seinem Stand und seiner Lebenslage, auf gewisse Vorrechte, sowie auf eine entsprechende Summe Geldes, die einem eigens für diesen Zweck reservierten Fonds entnommen wird; er erwirbt sich ferner den Titel eines »Snilpalls« oder »Gesetzmässigen«, der seinem Namen hinzugefügt wird, aber nicht auf seine Nachkommenschaft übergeht. Und diese Leute hielten es für einen ungeheuren Mangel an Staatsklugheit, als ich ihnen sagte, dass bei uns die Gesetze nur durch Strafen vollstreckt würden, ohne dass von Belohnungen je die Rede sei. Das ist auch der Grund, weshalb das Bildnis der Gerechtigkeit in ihren Gerichtshöfen mit sechs Augen versehn ist, mit zweien vorn, zweien hinten und je einem auf beiden Seiten, wodurch die Umsicht symbolisiert wird; ferner mit einem Sack Goldes, der offen auf ihrer rechten Hand liegt, und einem Schwert, das sie mit der Linken in der Scheide trägt, womit angedeutet wird, dass sie lieber belohnt als bestraft.

Bei der Wahl der Persönlichkeiten für ihre Ämter legen sie mehr Wert auf gute Sitten als auf grosse Begabung; denn da die Regierung für die Menschheit notwendig ist, so glauben sie, dass die Durchschnittshöhe des menschlichen Verstandes für die eine oder andre Stellung passt und dass es nie in der Absicht der Vorsehung gelegen hat, aus der Leitung der öffentlichen Geschäfte ein Geheimnis zu machen, das nur wenige Leute von genialer Anlage, wie ihrer nur selten drei in einer Generation geboren werden, durchschauen können. Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Mässigung und dergleichen aber, so nehmen sie an, stehn in jedermanns Macht; und die Übung dieser Tugenden müsse, verbunden mit Erfahrung und gutem Willen, jeden zum Dienst seines Landes befähigen, es sei denn, wo ein besondres Studium erforderlich ist. Den Mangel moralischer Tugenden aber hielten sie keineswegs für aufwiegbar durch besondre Begabung des Geistes; vielmehr glaubten sie, dass so veranlagten Personen niemals Ämter in die gefährlichen Hände gelegt werden dürften, und dass auf jeden Fall die Fehler, die die Unwissenheit eines tugendhaften Charakters begehn mochte, für das öffentliche Wohl niemals die verhängnisvollen Folgen haben könnten, wie die Machenschaften eines Mannes, dessen Neigungen ihn zur Verderbtheit treiben und dessen grosse Begabung ihm dabei hilft, seine Verderbtheit auszunutzen, zu steigern und zu verteidigen.

Ebenso macht der Mangel des Glaubens an eine göttliche Vorsehung den Menschen unfähig, eine öffentliche Stellung einzunehmen; denn da die Könige sich als die Vertreter der Vorsehung ausgeben, so scheint den Lilliputanern nichts so absurd, wie wenn ein Fürst Menschen verwendet, die die Macht, unter deren Auspizien er wirkt, leugnen.

Wenn ich hier diese und die folgenden Gesetze anführe, so verstehe man mich recht; ich meine nur die ursprünglichen Einrichtungen, nicht aber die höchst ärgerlichen Entartungen, denen diese Leute vermöge der verdorbenen Natur des Menschen verfallen sind. Denn was jenen schmählichen Brauch angeht, dass man grosse Ämter durch Tänze auf dem Seil und Abzeichen der Ehre und der Gunst durch Sprünge über einen Stock, unter dem man nachher wieder durchkroch, gewinnen konnte, so ist zu bemerken, dass dieser Brauch zuerst von dem Grossvater des jetzt regierenden Kaisers eingeführt wurde, und dass er seine gegenwärtige Bedeutung nur durch das allmähliche Anwachsen der Parteispaltungen erreichen konnte.

Undank ist bei ihnen ein Kapitalverbrechen, wie es das nach dem, was wir lesen, auch in einigen andern Ländern war; ihr Gedankengang ist dieser: wer seinem Wohltäter mit Übel lohnt, der muss auch dem Rest der Menschheit, dem er für nichts verpflichtet ist, feindlich gesinnt sein, und also ist ein solcher Mensch nicht geeignet, zu leben.

Ihre Begriffe von den Pflichten der Eltern und Kinder unterscheiden sich ausserordentlich stark von den unsern. Denn da die Verbindung der Männer und Frauen auf dem grossen Naturgesetz der Vermehrung und Erhaltung der Rasse beruht, so verlangen die Lilliputaner, dass Männer und Frauen sich wie andre Tiere auch zusammentun, nämlich den Regungen der Begierde folgen; sie behaupten, ihre Zärtlichkeit gegen ihre Kinder entspringe dem gleichen Naturprinzip; und deswegen werden sie niemals zugeben, dass ein Kind seinem Vater verpflichtet ist, weil er es erzeugt hat, oder seiner Mutter, weil sie es zur Welt brachte; denn einerseits war das in Anbetracht des Elends der Welt an sich keine Wohltat, und anderseits war es von Seiten der Eltern auch nicht als solche gemeint, denn in ihrem Liebesverkehr waren ihre Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt. Auf Grund dieser und ähnlicher Gedankengänge sind sie der Ansicht, dass die Eltern von allen Menschen die letzten sind, denen man die Erziehung ihrer eignen Kinder anvertrauen kann; und deshalb haben sie in jeder Stadt öffentliche Kinderstuben, in die alle Eltern mit Ausnahme der Kätner und Arbeiter ihre Kinder beiderlei Geschlechts zu schicken verpflichtet sind, damit sie dort aufgezogen und, sowie sie ein Alter von zwanzig Monden erreichen, unterrichtet werden, denn mit diesem Alter, so nimmt man an, zeigen sich die Anfänge der Gelehrigkeit. Diese Schulen sind von verschiedener Art und den verschiedenen Ständen und den beiden Geschlechtern angepasst. Sie haben gewisse Professoren, die wohl darin bewandert sind, Kinder für einen Lebensstand vorzubereiten, der dem Rang ihrer Eltern und ihren eignen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Ich will erst einiges über die Knabenschulen sagen und dann über die Mädchenschulen.

Die Schulen für Knaben von vornehmer oder hoher Geburt werden geleitet von würdigen und gelehrten Professoren und deren verschiedenen Stellvertretern. Kleidung und Nahrung der Kinder sind schlicht und einfach. Sie werden in den Prinzipien der Ehre, der Gerechtigkeit, des Mutes, der Bescheidenheit, der Milde, der Religion und der Liebe zu ihrem Lande aufgezogen; sie werden stets irgendwie beschäftigt, ausser während der Zeit des Essens und Schlafens, die sehr kurz bemessen ist, und zweier Stunden für die Erholung, die in Leibesübungen besteht. Bis zu ihrem vierten Jahr werden sie von Dienern angezogen; dann müssen sie sich selbst anziehn, sei ihr Stand auch noch so hoch; und die weiblichen Dienstboten, die in dem Alter stehn, das unserm mit fünfzig Jahren entspricht, verrichten nur die niedrigsten Dienste. Man erlaubt den Knaben nie, mit Dienstboten zu sprechen; sondern sie gehn in kleinern und grössern Gruppen an ihre Erholung, und zwar stets unter der Aufsicht eines Professors oder eines seiner Stellvertreter; dadurch werden jene frühen, schlimmen Eindrücke von der Narrheit und dem Laster vermieden, denen unsre Kinder ausgesetzt sind. Ihre Eltern dürfen sie nur zweimal im Jahr besuchen, und der Besuch darf nur eine Stunde dauern. Sie dürfen ihr Kind beim Wiedersehn und beim Abschied küssen; aber ein Professor, der bei solchen Gelegenheiten stets zugegen ist, duldet nicht, dass sie flüstern, Kosenamen gebrauchen oder Geschenke mitbringen, wie Spielzeug, Süssigkeiten und dergleichen mehr.

Die Pension, die jede Familie für den Unterricht und den Unterhalt eines Kindes zu zahlen hat, wird, wenn die rechtzeitige Zahlung ausbleibt, von des Kaisers Offizieren eingezogen.

Die Schulen für die Kinder der Mitglieder des niedern Adels, der Kaufleute, Gewerbetreibenden und Handwerker werden in derselben Weise ihrem Stand entsprechend geleitet; nur werden die Knaben, die für ein Gewerbe bestimmt sind, mit elf Jahren in die Lehre gegeben, während die vornehmer Leute bis zum fünfzehnten Jahr in der Schule verbleiben, denn dieses Alter entspricht dem von einundzwanzig bei uns, aber die Einschränkung wird während der letzten drei Jahre allmählich gemildert.

In den weiblichen Internaten werden die vornehmen jungen Mädchen so ziemlich wie die Knaben erzogen, nur werden sie von ordentlichen Dienstboten ihres eignen Geschlechts angezogen, stets aber in Gegenwart eines Professors oder dessen Stellvertreters, bis sie sich selbst anziehn müssen, was mit dem fünften Jahr beginnt. Und wenn sich herausstellt, dass diese Ammen die Mädchen je mit graulichen oder albernen Geschichten unterhalten oder mit den Narrheiten, wie sie unter den Jungfern bei uns gang und gäbe sind, so werden sie öffentlich dreimal um die Stadt herumgepeitscht, auf ein Jahr gefangen gesetzt und für die Zeit ihres Lebens in den ödesten Teil des Landes verbannt. Daher schämen sich die jungen Damen dort ebenso sehr wie die Männer, wenn sie feig und närrisch sind, und ausser dem Anstand und der Sauberkeit verachten sie jeden persönlichen Schmuck; auch konnte ich in ihrem Unterricht keine durch ihr Geschlecht bedingten Verschiedenheiten bemerken, nur dass die Leibesübungen der Mädchen nicht ganz so robust waren, dass ihnen ein paar Regeln für das häusliche Leben gegeben wurden, und dass ihnen ein kleinerer Umkreis des Wissens vorgeschrieben war; es ist ihr Grundsatz, dass unter Leuten von Stande die Ehefrau eine stets vernünftige und angenehme Gefährtin sein sollte, denn jung kann sie nicht immer bleiben. Wenn die Mädchen zwölf Jahre alt sind, und das ist bei ihnen das mannbare Alter, so nehmen ihre Eltern oder Vormünder sie wieder ins Haus, wobei sie den Professoren grosse Dankesbezeugungen erweisen, und wobei es auf Seiten der jungen Dame und ihrer Gefährtinnen selten ohne Tränen abgeht.

In den Schulen für Mädchen der niedrigern Stände werden die Kinder in allerlei Arbeiten unterrichtet, die sich für ihr Geschlecht und ihren jeweiligen Stand eignen: jene, die in die Lehre gegeben werden sollen, werden mit sieben Jahren entlassen, die andern bleiben bis zum elften Jahr.

Die ärmern Familien, die Kinder in diesen Schulen haben, müssen ausser dem Jahrgeld, das so niedrig bemessen ist wie nur möglich, dem Hausvater der Schule einen kleinen Anteil ihres monatlichen Einkommens überliefern, damit er für das Kind ein Erbgut sammle; und also sind alle Eltern in ihren Ausgaben durchs Gesetz beschränkt. Denn die Lilliputaner halten nichts für ungerechter, als dass Leute im Dienst ihrer eignen Lüste Kinder in die Welt setzen und die Last ihres Unterhalts auf die Allgemeinheit abwälzen. Leute von Stande müssen eine Sicherheit stellen, dass sie einem jeden Kind eine bestimmte Summe auswerfen, die ihrem Rang entspricht; und diese Kapitalien werden stets mit grosser Sorgfalt und in strengster Gerechtigkeit verwaltet.

Die Kätner und Arbeiter behalten ihre Kinder im Hause, da sie keine andre Aufgabe haben als die, den Boden zu pflügen und zu bestellen, und da also ihre Erziehung für die Allgemeinheit nicht von Bedeutung ist; die Alten und Kranken unter ihnen aber werden in Spitälern erhalten: denn die Bettelei ist ein in diesem Kaiserreich unbekanntes Gewerbe.

Und hier mag es den neugierigen Leser vielleicht unterhalten, wenn ich ihm einen Bericht über mein Hauswesen und meine Lebensweise in diesem Lande gebe, in dem ich mich neun Monate und dreizehn Tage lang aufhielt. Da ich einen guten Kopf für technische Dinge habe, und mich ausserdem die Not zwang, so hatte ich mir einen Tisch und einen ziemlich bequemen Stuhl gemacht, und zwar aus den stärksten Bäumen im königlichen Park. Zweihundert Näherinnen waren damit beschäftigt, mir Hemden und Wäsche für mein Bett und meinen Tisch zu machen und zwar alles aus dem stärksten und gröbsten Leinen, das sie finden konnten, obwohl sie auch das noch mehrfach gefaltet zusammensteppen mussten, denn selbst das dickste war noch um einige Grade feiner als Schleierbattist. Ihr Leinen ist in der Regel drei Zoll breit, und drei Fuss ergeben ein Stück. Die Näherinnen nahmen mir Mass, wenn ich am Boden lag; eine trat neben meinen Hals, die andre an die Mitte meines Beins, und beide hielten eine starke Schnur an ihren Enden, während eine dritte die Schnur mit einem Massstab von einem Zoll Länge ausmass. Dann massen sie meinen rechten Daumen, und mehr verlangten sie nicht; denn nach einer mathematischen Berechnung, dass der doppelte Umfang des Daumens der einfache Umfang des Handgelenks ist, und so fort bis zum Hals und zum Gürtel, und mit Hilfe meines alten Hemdes, das ich als Muster vor ihnen auf dem Boden ausbreitete, lieferten sie mir genau passende Sachen. Dreihundert Schneider waren in derselben Weise beschäftigt, mir Kleider zu machen; sie aber nahmen mir nach einer andern Methode Mass. Ich liess mich auf die Knie nieder, und sie stellten mir eine Leiter vom Boden aus an den Hals; diese Leiter bestieg einer von ihnen, um dann von meinem Kragen aus eine Lotleine auf die Erde hinabzulassen, die genau der Länge meines Rocks entsprach; doch um den Gürtel und an den Armen nahm ich mir selber Mass. Als meine Kleider fertig waren (sie wurden in meinem Hause gemacht, denn das geräumigste der ihren hätte sie nicht zu fassen vermocht), sahen sie genau so aus wie das Flickwerk, das in England die Damen liefern, nur dass meine ganz aus einer Farbe waren.

Ich hatte dreihundert Köche, die mir in kleinen, bequemen, rings um mein Haus her errichteten Hütten, wo sie und die Ihren lebten, meine Speisen bereiteten; und jeder lieferte mir zwei Schüsseln. Ich nahm zwanzig der Diener mit der Hand auf und setzte sie auf den Tisch; hundert weitere warteten unten am Boden auf, einige mit Schüsseln voll Fleisch, andre mit Fässern voll Weins und andrer Getränke, die sie auf den Rücken geschlungen hatten. All das zogen die obern Diener, wenn ich es brauchte, auf eine sehr scharfsinnige Art und Weise mit Tauen empor, wie wir in Europa die Eimer eines Brunnens emporziehn. Eine Schüssel ihrer Speisen ergab einen guten Bissen, und ein Fass ihrer Getränke einen angemessenen Schluck. Ihr Hammelfleisch steht dem unsern nach, doch ihr Rindfleisch ist ausgezeichnet. Ich habe einmal einen Lendenbraten erhalten, der so gross war, dass ich mich gezwungen sah, ihn in drei Bissen zu essen; doch das ist selten. Meine Diener wunderten sich, als sie sahn, dass ich ihn mit den Knochen und allem ass, wie wir das Bein einer Lerche essen. Ihre Gänse und Truthähne ass ich in der Regel in einem Bissen, und ich muss gestehn, sie sind weit besser als die unsern. Von ihrem kleinern Geflügel konnte ich zwanzig oder dreissig Stück mit der Spitze meines Messers aufpicken.

Eines Tages sprach Seine Kaiserliche Majestät, als man ihn über meine Lebensweise aufklärte, den Wunsch aus, dass er und seine Königin-Gemahlin mit den jungen Prinzen und Prinzessinnen das Glück haben dürften (denn so beliebte es ihm, es zu nennen), mit mir zu speisen. Sie kamen also, und ich setzte sie in Prunksesseln mir gerade gegenüber auf den Tisch, wo sie von ihren Wachen umringt wurden. Flimnap, der Grossschatzmeister, stand mit seinem weissen Mantel gleichfalls bei ihnen, und ich konnte beobachten, wie er mich oft mit bitterm Ausdruck ansah; ich tat, als bemerkte ich es nicht, sondern ass noch mehr als gewöhnlich, sowohl meiner teuren Heimat zu Ehren, wie auch, um den Hof mit Bewunderung zu erfüllen. Ich habe meine Gründe, wenn ich glaube, dass dieser Besuch Seiner Majestät Flimnap Gelegenheit gab, mir bei seinem Herrn schlimme Dienste zu leisten. Dieser Minister war stets im geheimen mein Feind gewesen, obwohl er mich äusserlich herzlicher behandelte, als es seinem mürrischen Wesen natürlich war. Er hielt dem Kaiser den schlechten Stand seines Schatzes vor; er sei gezwungen, gegen hohen Diskont Geld aufzunehmen; Börsenwechsel wären nicht höher als neun Prozent unter Pari in Umlauf zu bringen; kurz, ich hätte Seine Majestät mehr als anderthalb Millionen »Sprugs« gekostet (das ist ihre grösste Goldmünze vom Umfang etwa eines Flitterchens) und im ganzen wäre es doch rätlich, wenn der Kaiser die erste gute Gelegenheit ergreifen wollte, um mich fortzuschicken.

Ich sehe mich hier gezwungen, den Ruf einer ausgezeichneten Dame zu reinigen, die um meinetwillen unschuldig zu leiden hatte. Es fiel dem Schatzmeister ein, auf sein Weib eifersüchtig zu werden und zwar, weil ihm die Bosheit einiger arger Zungen hinterbrachte, Ihre Gnaden habe eine heftige Neigung zu mir gefasst; eine Weile hindurch lief sogar ein Hofklatsch um, sie sei einmal heimlich in meine Wohnung gekommen. Das erkläre ich hier feierlichst für eine höchst niederträchtige Lüge, die keinen andern Anlass hatte, als dass es Ihrer Gnaden beliebte, mir jedes unschuldige Zeichen der Freiheit und Freundschaft zu gewähren. Ich gebe zu, dass sie oft in mein Haus kam, doch stets öffentlich und nie ohne mindestens drei Begleiter in ihrer Kutsche; es waren in der Regel ihre Schwester, ihre junge Tochter und irgend ein vertrauter Bekannter; aber das taten ausser ihr noch viele andre Damen vom Hofe. Und ich frage ferner meine Diener, ob sie je eine Kutsche an meiner Tür gesehn haben, ohne zu wissen, wer darin sass. Bei solchen Gelegenheiten war es, sowie der Diener mir Meldung erstattet hatte, meine Sitte, sofort an die Tür zu gehn; und nachdem ich meine Verbeugung gemacht hatte, nahm ich die Kutsche und die beiden Pferde sehr vorsichtig mit den Händen auf (denn wenn das Gespann aus sechs Pferden bestand, schirrte der Kutscher stets vier von ihnen ab) und setzte sie auf einen Tisch, den ich ringsherum mit einem fünf Zoll hohen, abnehmbaren Rand versehn hatte, um Unfälle zu vermeiden. Oft hatte ich vier Kutscher mit ihren Pferden auf einmal auf einem Tisch voller Gesellschaft, während ich selbst auf meinem Stuhl sass und ihnen mein Gesicht zuwandte; und während ich mit der einen Gesellschaft beschäftigt war, fuhren die Kutscher die andern langsam rings um meinen Tisch. Ich habe manchen Nachmittag sehr angenehm in solchen Gesprächen verbracht. Aber ich fordere den Schatzmeister oder seine beiden Denunzianten (ich will sie bei Namen nennen, und sie mögen sich damit abzufinden suchen), Clustril und Drunlo, auf, nachzuweisen, dass je jemand inkognito zu mir gekommen ist, mit einziger Ausnahme des Sekretärs Reldresal, der, wie ich zuvor berichtet habe, auf ausdrücklichen Befehl Seiner Kaiserlichen Majestät zu mir kam. Ich hätte nicht so lange auf dieser Einzelheit verweilt, wenn sie nicht den Ruf einer grossen Dame so nahe anginge, von meinem eignen nicht zu reden; und das, obwohl ich damals ein Nardak war, was selbst der Schatzmeister nicht ist; denn alle Welt weiss, dass er nur ein Glumglum ist; und dieser Titel ist um einen Grad geringer, genau wie der eines Marquis in England geringer ist als der eines Herzogs; dass er seiner Stellung nach vor mir den Vortritt hatte, gebe ich freilich zu. Infolge dieser falschen Denunziationen, von denen ich später durch einen unerwähnbaren Zufall erfuhr, zeigte Flimnap, der Schatzmeister, seinem Weibe eine Zeitlang ein böses Gesicht, mir aber ein noch böseres; und obwohl er schliesslich aufgeklärt wurde und sich mit ihr versöhnte, so verlor doch ich jedes Ansehn bei ihm, und ich erkannte auch, dass selbst bei dem Kaiser, der sich wirklich ein wenig zu sehr von jenem Günstling leiten liess, mein Einfluss sehr schnell sank.

Kapitel VII.

Der Verfasser wird von dem Plan unterrichtet, ihn des Hochverrats anzuklagen und flieht nach Blefusku. Seine dortige Aufnahme.

Ehe ich nun dazu übergehe, zu berichten, wie ich dieses Königreich verliess, dürfte es angebracht sein, den Leser über eine heimliche Intrige aufzuklären, die sich seit zwei Monaten gegen mich gebildet hatte.

Ich war bislang während meines ganzen Lebens allen Höfen ein Fremdling geblieben, denn ich passte infolge meiner niedrigen Geburt nicht dorthin. Ich hatte freilich genug vom Charakter grosser Fürsten und Minister gehört und gelesen; aber nie hatte ich erwartet, so furchtbare Beispiele in einem so entlegenen Lande zu finden, das, wie ich glaubte, nach ganz andern Grundsätzen regiert wurde, als wir sie in Europa haben.

Als ich mich eben rüstete, dem Kaiser von Blefusku meine Aufwartung zu machen, kam eines Nachts sehr heimlich in geschlossener Sänfte eine angesehene Persönlichkeit vom Hofe (der ich zu einer Zeit, als ich unter der höchsten Ungnade Seiner Kaiserlichen Majestät zu leiden hatte, sehr nützlich gewesen war) in mein Haus und bat um Einlass, ohne ihren Namen zu nennen. Die Sänftenträger wurden entlassen, ich tat die Sänfte mit Seinen Gnaden in meine Rocktasche, gab einem zuverlässigen Diener Befehl, er möge sagen, ich befinde mich nicht wohl und sei zu Bett gegangen, verriegelte die Tür meines Hauses, stellte die Sänfte nach meiner Gewohnheit auf den Tisch und setzte mich daneben Als die gewöhnlichen Begrüssungen vorüber waren, fragte ich, da ich die Sorge auf den Zügen Seiner Gnaden lesen konnte, nach dem Grunde, und er bat mich, ihm in einer Sache, die meine Ehre und mein Leben nah anginge, geduldig zuzuhören. Seine Rede hatte etwa den folgenden Inhalt, denn ich machte mir Notizen darüber, sowie er mich verlassen hatte.

»Ihr müsst wissen,« sagte er, »dass letzthin um Euretwillen aufs heimlichste mehrere Ratskommissionen einberufen worden sind; und erst seit zwei Tagen ist Seine Majestät zu einem Entschluss gekommen.

Ihr seid Euch wohl bewusst, dass Skyresch Bolgolam (der »Galbet« oder Grossadmiral) fast seit Eurer Landung Euer Todfeind gewesen ist. Seine ersten Gründe kenne ich nicht; doch hat sich sein Hass seit Eurem grossen Erfolg gegen Blefusku, durch den sein Ruhm als Admiral verdunkelt wurde, sehr gesteigert. Dieser grosse Herr hat nun im Verein mit Flimnap, dem Grossschatzmeister, dessen Feindschaft gegen Euch wegen seiner Gemahlin stadtkundig ist, ferner mit Limtok, dem General, Lalkol, dem Kämmerer, und Balmuff, dem Justizminister wegen Verrats und andrer Kapitalverbrechen eine Reihe von Anklageartikeln gegen Euch vorbereitet.«

Diese Vorrede machte mich so ungeduldig, da ich mir meiner eignen Verdienste und meiner Unschuld bewusst war, dass ich ihn unterbrechen wollte; er aber flehte mich an, zu schweigen, und fuhr in dieser Weise fort:

»Aus Dankbarkeit für die Gefälligkeiten, die Ihr mir erwiesen habt, habe ich mir von dem ganzen Verfahren Kunde verschafft, ja, sogar eine Abschrift der Artikel, und damit setze ich um Euretwillen meinen Kopf aufs Spiel.

Anklageartikel gegen Quinbus Flestrin (den Memschberg).

Artikel I.

Wiewohl durch Gesetz, erlassen während der Regierung Seiner Kaiserlichen Majestät Kalin Deffar Plune, angeordnet wird, dass, wer immer innerhalb der Bezirke des königlichen Palastes Wasser lässt, die Leibes- und Ehrenstrafen eines Hochverräters erdulden soll, hat besagter Quinbus Flestrin in offener Übertretung besagten Gesetzes unter dem Vorwand, er wolle das Feuer im Gemach der geliebten Kaiserin-Gemahlin Seiner Majestät löschen, tückisch, verräterisch und teuflisch besagtem Feuer in besagten Gemächern durch Entleerung von Urin Einhalt getan, während er lag und anwesend war in den Bezirken besagten königlichen Palastes und das entgegen dem Gesetz, wie es vorgesehn ist für solche Fälle usw., entgegen der Pflicht usw.

Artikel II.

Nachdem besagter Quinbus Flestrin die kaiserliche Flotte von Blefusku in den königlichen Hafen gebracht hatte, und als ihm Seine Kaiserliche Majestät befahl, auch all die andern Schiffe besagten Kaiserreichs Blefusku wegzunehmen und jenes Kaiserreich zu einer Provinz zu machen, die von hier aus durch einen Vizekönig regiert würde, und nicht nur alle verbannten Dickender hinzurichten und zu vernichten, sondern auch alles Volk jenes Kaiserreichs, das nicht auf der Stelle die Dickender-Ketzerei aufgeben wollte, bat er, besagter Flestrin, als falscher Verräter an Seiner Glückseligen, Erlauchten Kaiserlichen Majestät, man möge ihn von besagtem Dienst entbinden, indem er als Vorwand anführte, er möge keinen Gewissenszwang ausüben und nicht die Freiheit und das Leben eines unschuldigen Volks vernichten.

Artikel III.

Als gewisse Gesandte vom Hofe von Blefusku eintrafen, um am Hofe Seiner Majestät um Frieden zu flehn, half besagter Flestrin als falscher Verräter besagten Gesandten, stiftete sie an, tröstete und unterhielt sie, obwohl er sie als Diener eines Fürsten kannte, der noch kürzlich der offene Feind Seiner Kaiserlichen Majestät gewesen war und in offenem Kriege mit Seiner besagten Majestät gelegen hatte.

Artikel IV.

Besagter Quinbus Flestrin rüstet sich jetzt, entgegen der Pflicht eines treuen Untertanen, eine Reise an den Hof und in das Reich Blefusku zu machen, wozu er von Seiner Kaiserlichen Majestät mündliche Erlaubnis erhalten hat; und unter dem Deckmantel besagter Erlaubnis gedenkt er, falscher und verräterischer Weise besagte Reise anzutreten und dadurch den Kaiser von Blefusku, der noch kürzlich unser Feind war und mit Seiner vorbenannten Kaiserlichen Majestät in offenem Kriege lag, zu unterstützen, zu trösten und anzustiften.

Es sind noch ein paar weitere Artikel vorhanden, aber diese, aus denen ich Euch einen Auszug vorgelesen habe, sind die wichtigsten.

Es ist zuzugeben, dass Seine Majestät in den verschiedenen Debatten über diese Anklage viele Zeichen seiner grossen Milde gegeben hat, indem er oft geltend machte, welche Dienste Ihr ihm geleistet hättet, und sich bemühte, Eure Verbrechen geringer erscheinen zu lassen. Der Schatzmeister und der Admiral bestanden darauf, dass Ihr auf die schmerzlichste und schmählichste Weise hinzurichten seiet, indem man nachts Euer Haus in Brand steckte; der General sollte mit zwanzigtausend Mann zugegen sein, die alle bewaffnet wären mit vergifteten Pfeilen, die sie Euch auf Gesicht und Hände schiessen sollten. Einige Eurer Diener sollten geheimen Befehl erhalten, Euch in die Hemden einen vergifteten Saft zu giessen, der Euch bald treiben würde, Euch das eigne Fleisch herunterzureissen, so dass Ihr in höchsten Foltern sterben müsstet. Der General schloss sich derselben Ansicht an, so dass lange Zeit hindurch eine Majorität wider Euch vorhanden war. Da aber Seine Majestät entschlossen war, wenn möglich, Euer Leben zu schonen, so gewann er schliesslich den Kämmerer für sich.

Nach diesem Zwischenfall erhielt Reldresal, der Staatssekretär der privaten Angelegenheiten, der sich stets als Euer wahrer Freund erwiesen hat, vom Kaiser Befehl, seine Meinung abzugeben; er tat es also und rechtfertigte Euer treffliches Urteil über ihn. Er gab zu, dass Eure Verbrechen gross seien; aber noch sei Gnade möglich, und Gnade sei die lobenswerteste Tugend eines Fürsten, und um ihretwillen sei Seine Majestät so sehr mit Recht berühmt. Er sagte, die Freundschaft zwischen Euch und ihm sei der Welt so bekannt, dass der höchst ehrenwerte Rat ihn vielleicht für parteiisch halten könnte; er wolle jedoch, dem empfangnen Befehl gehorsam, offen seine Ansicht äussern. Wenn es Seiner Majestät in Erwägung Eurer Dienste und gemäss seiner eignen barmherzigen Neigung gefallen sollte, Euer Leben zu schonen und nur Befehl zu erteilen, dass man Euch beide Augen aussteche, so sei es seine demütige Ansicht, dass durch dieses Auskunftsmittel der Gerechtigkeit doch in einem gewissen Grade Genüge geschähe, und dass alle Welt der Milde des Kaisers Beifall zollen würde, sowie auch dem gerechten und grossmütigen Verhalten derer, die die Ehre hätten, seine Ratgeber zu sein. Der Verlust Eurer Augen würde für Eure körperliche Kraft kein Hindernis bedeuten, und durch sie könntet Ihr Euch Seiner Majestät immer noch nützlich erweisen. Die Blindheit verstärke den Mut noch, da sie uns die Gefahren verberge; Eure Furcht für Eure Augen sei dasjenige gewesen, was die Wegnahme der feindlichen Flotte am meisten erschwert habe; und es würde genügen, wenn Ihr durch die Augen der Minister sähet, da selbst die grössten Fürsten nicht mehr tun .

Dieser Vorschlag wurde vom ganzen Rat mit grösster Missbilligung entgegengenommen. Bolgolam, der Admiral, konnte nicht mehr an sich halten; wütend sprang er auf und sagte, er wundre sich, wie der Sekretär seine Meinung dahin abzugeben wagte, dass man einem Verräter das Leben erhalten sollte; die Dienste, die Ihr geleistet hättet, wären nach jeder rechten Staatsvernunft nur eine grosse Erschwerung Eurer Verbrechen; Ihr, die Ihr imstande wäret, das Feuer durch Entleerung von Urin in die Gemächer Ihrer Majestät (er erwähnte das voll Grauen) zu löschen, könntet zu andrer Zeit auf dieselbe Art und Weise eine Überschwemmung herbeiführen, um den ganzen Palast zu ertränken; und die gleiche Kraft, die Euch in Stand setzte, des Feindes Flotte herüberzuholen, könnte Euch bei Gelegenheit der ersten Unzufriedenheit dazu dienen, sie ihm zurückzubringen; er habe seine guten Gründe, wenn er glaube, Ihr seiet im Herzen ein Dickender; und da der Verrat im Herzen beginne, ehe er sich in offnen Handlungen zeige, so klage er Euch dieserhalb als Verräter an und bestehe darauf, dass Ihr hingerichtet würdet.

Der Schatzmeister war der gleichen Ansicht; er zeigte, in welche Bedrängnis die Einkünfte Seiner Majestät geraten seien, da sie Euch zu erhalten hätten, und diese Bürde würde bald unerträglich werden. Statt diesem Übel abzuhelfen, würde das Auskunftsmittel des Sekretärs es wahrscheinlich nur noch steigern, wie aus dem allgemein verbreiteten Brauch erhelle, dass man gewisse Arten von Geflügel blende, worauf sie nur um so schneller wüchsen und in kürzester Frist fett würden; Seine Geheiligte Majestät und sein Rat, Eure Richter, seien in ihrem eignen Gewissen vollauf von Eurer Schuld überzeugt, und das sei ein genügender Grund, um Euch zum Tode zu verurteilen, auch ohne die förmlichen Beweise, die der strenge Buchstabe des Gesetzes erfordere.

Doch Seine Kaiserliche Majestät, der fest entschlossen war, keine Todesstrafe zu verhängen, geruhte huldvoll zu bemerken, da der Rat den Verlust Eurer Augen als eine zu leichte Strafe ansehe, so könne man nachher noch eine Zusatzstrafe auferlegen. Und Euer Freund, der Sekretär, bat in Demut, nochmals gehört zu werden und erwiderte auf das, was der Schatzmeister in betreff der hohen Kosten eingewandt hatte, die Seiner Majestät durch Euren Unterhalt entständen, dass Seine Exzellenz, der ja allein über des Kaisers Einkünfte zu verfügen habe, diesem Übel leicht vorbeugen könne, indem er Eure Rationen langsam verringerte; so würdet Ihr aus Mangel an hinreichender Nahrung schwach und kraftlos werden und Euren Appetit einbüssen und also in wenigen Monaten verfallen und Euch verzehren; auch würde dann der Gestank Eures Leichnams nicht mehr so gefährlich sein, da er ja um mehr als die Hälfte zusammengeschrumpft sein würde; gleich nach Eurem Tode aber könnten fünf oder sechstausend der Untertanen Seiner Majestät in zwei oder drei Tagen Euch das Fleisch von den Knochen schneiden, es in Wagenladungen fortschaffen und, um eine Verseuchung zu verhindern, in abgelegenen Gegenden verscharren; das Skelett aber würde der Bewunderung der Nachwelt als Monument erhalten bleiben.

So wurde vermöge der grossen Freundschaft des Sekretärs ein Kompromiss in der ganzen Sache gefunden. Es wurde streng anbefohlen, dass der Plan, Euch langsam verhungern zu lassen, geheim gehalten würde; doch der Wahrspruch, dass Euch die Augen auszustechen seien, wurde zu Protokoll genommen; niemand widersprach mehr; nur Bolgolam, der Admiral, der als Geschöpf der Kaiserin beständig von Ihrer Majestät angestiftet wurde, damit er auf Eurem Tode bestände; denn sie hat wegen jener schmählichen und ungesetzlichen Methode, die Ihr wähltet, um das Feuer in ihren Gemächern zu löschen, unablässigen Groll wider Euch gehegt.

In drei Tagen wird Euer Freund, der Sekretär, Anweisung erhalten, Euch in Eurem Hause aufzusuchen und Euch die Anklageartikel vorzulesen, um Euch dann auf die grosse Milde und Huld Seiner Majestät und des Rats aufmerksam zu machen, die Euch nur zum Verlust Eurer Augen verurteilten; Seine Majestät zweifelt nicht daran, dass Ihr Euch dem dankbar und demütig fügen werdet; und es werden der Operation zwanzig der Chirurgen Seiner Majestät beiwohnen, um darauf zu achten, dass sie gut vollzogen werde, indem man Euch sehr scharfe und spitze Pfeile in die Augäpfel schiesst, während Ihr am Boden hegt.

Ich überlasse es Eurer Klugheit, welche Massregeln Ihr ergreifen wollt; und um jeden Argwohn zu vermeiden, muss ich auf der Stelle ebenso heimlich zurückkehren, wie ich gekommen bin.«

Seine Gnaden tat das, und ich blieb unter vielen Zweifeln in grosser Ratlosigkeit der Seele allein zurück.

Es war eine Sitte, die dieser Fürst und sein Ministerium eingeführt hatten (sehr entgegen, wie man mir versichert hat, dem Brauch der frühern Zeit), wenn der Hof irgend eine grausame Urteilsvollstreckung anordnete, um entweder dem Groll des Monarchen oder der Heimtücke eines Günstlings zu schmeicheln, dass dann der Kaiser stets vor dem gesamten Rat eine Rede hielt, in der er seiner grossen Milde und Güte als bekannten und von der ganzen Welt anerkannten Eigenschaften Ausdruck lieh. Diese Rede wurde auf der Stelle im ganzen Königreich veröffentlicht; und nichts beängstigte das Volk so sehr wie diese Lobreden auf die Gnade Seiner Majestät; denn man hatte beobachtet, dass, je mehr Gewicht auf dieses Lob gelegt und je beharrlicher es hervorgehoben wurde, die Strafe um so unmenschlicher und der Verurteilte um so unschuldiger war. Was nun mich selbst angeht, so muss ich gestehn, da mich weder meine Geburt noch meine Erziehung zum Höfling bestimmten, so beurteilte ich die Dinge so falsch, dass ich in diesem Wahrspruch die Milde und Huld nicht entdecken konnte, sondern ihn (vielleicht irrtümlich) eher für streng als für nachsichtig hielt. Ich dachte bisweilen daran, mich dem Gericht zu stellen, denn obwohl ich die in den verschiedenen Artikeln angeführten Tatsachen nicht leugnen konnte, so hoffte ich doch, dass sich mildernde Umstände für sie anführen liessen. Da ich aber in meinem Leben schon viele Berichte über Staatsprozesse gelesen und stets beobachtet hatte, dass sie endeten, wie die Richter es für geboten hielten, so wagte ich nicht, es auf eine so gefährliche Entscheidung ankommen zu lassen, zumal die Lage so kritisch war, und ich so mächtige Feinde wider mich hatte. Einmal hatte ich grosse Lust, mich zu widersetzen, denn solange ich in Freiheit war, konnte mich die ganze Streitkraft jenes Kaiserreichs schwerlich unterjochen, und die Hauptstadt konnte ich leicht mit Steinen zerschmettern; aber bald wies ich diesen Plan voll Grauen zurück, denn ich entsann mich des Eides, den ich dem Kaiser geleistet, der Gunstbezeugungen, die ich von ihm erhalten und des Nardaktitels, den er mir verliehen hatte. Auch hatte ich den Dank des Hofmanns noch nicht so schnell gelernt, um mich überreden zu können, dass Seiner Majestät gegenwärtige Strenge mich aller vergangenen Verpflichtungen enthöbe.

Schliesslich kam ich zu einem Entschluss, der mir wahrscheinlich einigen Tadel zuziehn wird, und nicht ohne Recht; denn ich gestehe, ich verdanke die Erhaltung meiner Augen und also meine Freiheit nur meiner eignen grossen Übereilung und meinem Mangel an Erfahrung. Hätte ich schon damals das Wesen der Fürsten und Minister gekannt, wie ich es seither an vielen Höfen beobachtet habe, hätte ich gewusst, wie sie weniger schädliche Verbrecher behandeln, als ich es war, so hätte ich mich einer so leichten Strafe mit grosser Freudigkeit und Bereitwilligkeit gefügt . Da mich aber das Ungestüm der Jugend vorwärts jagte, und da ich Seiner Kaiserlichen Majestät Erlaubnis hatte, dem Kaiser von Blefusku meine Aufwartung zu machen, so ergriff ich diese Gelegenheit, ehe noch die drei Tage verstrichen waren, meinem Freund, dem Sekretär, einen Brief zu senden, in dem ich ihm meinen Entschluss mitteilte, noch an diesem Morgen gemäss der erhaltenen Erlaubnis nach Blefusku aufzubrechen; und ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich auf diejenige Seite der Insel, wo unsre Flotte lag. Ich ergriff ein grosses Kriegsschiff, band ein Tau an den Bug, hob die Anker empor, zog mich aus, legte meine Kleider (zusammen mit meiner Decke, die ich unterm Arm trug) in das Fahrzeug, zog es, bald watend, bald schwimmend, hinter mir her und kam so zum königlichen Hafen von Blefusku, wo mich das Volk seit langem erwartet hatte; man lieh mir zwei Führer, um mich in die Hauptstadt zu geleiten, die denselben Namen trägt. Ich trug sie in meiner Hand, bis ich dem Tor auf zweihundert Ellen genaht war, und bat sie dann, meine Ankunft einem der Sekretäre zu melden und ihn wissen zu lassen, dass ich dort Seiner Majestät Befehl erwartete. Ich erhielt innerhalb etwa einer Stunde Antwort, dass Seine Majestät in Begleitung der Kaiserlichen Familie und der Grosswürdenträger des Hofs mir zum Empfang entgegenkäme. Ich ging hundert Ellen weiter, der Kaiser und sein Gefolge sassen von den Pferden ab, die Kaiserin und ihre Damen stiegen aus ihren Kutschen, und ich konnte nicht beobachten, dass sie irgendwie in Angst oder Sorge gewesen wären. Ich legte mich auf den Boden, um Seiner Majestät und der Kaiserin die Hände zu küssen. Ich sagte Seiner Majestät, ich käme meinem Versprechen gemäss, und zwar mit Erlaubnis des Kaisers, meines Herrn, um die Ehre zu gemessen, einen so mächtigen Monarchen zu sehn, und ihm jeden Dienst anzubieten, der in meiner Macht stände und der sich mit der Pflicht gegen meinen Fürsten vereinigen liesse. Von meiner Ungnade erwähnte ich kein Wort, da ich bisher noch keine förmliche Mitteilung darüber erhalten hatte und tun konnte, als ahnte ich noch nichts von irgendwelchen derartigen Absichten. Auch konnte ich mir vernünftigerweise nicht denken, dass der Kaiser das Geheimnis enthüllen würde, solange ich ausserhalb des Bereichs seiner Macht war: darin aber täuschte ich mich, wie sich bald herausstellte.

Ich werde den Leser nicht mit einem ausführlichen Bericht über die Aufnahme belästigen, die ich an diesem Hofe fand; sie entsprach der Grossmut eines so mächtigen Fürsten; auch nicht mit einem Bericht über die Schwierigkeiten, in die ich durch den Mangel eines Hauses und eines Betts geriet, durch den ich mich gezwungen sah, nur in meine Decke gehüllt, auf dem nackten Boden zu schlafen.

Kapitel VIII.

Der Verfasser findet durch einen glücklichen Zufall Mittel und Wege, Blefusku zu verlassen und kehrt nach einigen Schwierigkeiten wohlbehalten in seine Heimat zurück.

Als ich drei Tage nach meiner Ankunft aus Neugier an die Nordostküste der Insel ging, entdeckte ich auf dem Meer in einer Entfernung von etwa einer halben Meile etwas, was aussah wie ein gekentertes Boot. Ich zog mir Schuhe und Strümpfe aus und sah, als ich zwei oder dreihundert Ellen hinauswatete, dass der Gegenstand sich, durch die Gewalt der Flut getrieben, näherte; ich erkannte jetzt deutlich, dass es wirklich ein Boot war; es mochte, so vermutete ich, durch einen Sturm von einem Schiff fortgerissen worden sein. Ich kehrte auf der Stelle zur Stadt zurück und bat Seine Kaiserliche Majestät, mir zwanzig der grössten Fahrzeuge, die er nach dem Verlust seiner Flotte noch besass, und dreitausend Seeleute unter dem Befehl seines Vizeadmirals zu leihen. Diese Flotte segelte um die Insel herum, während ich auf dem kürzesten Wege an die Küste zurückkehrte, wo ich das Boot zuerst entdeckt hatte; ich erkannte, dass die Flut es noch näher herangetrieben hatte. Die Seeleute waren alle mit Tauen versehn, die ich zuvor bis zur genügenden Stärke zusammengeflochten hatte. Als die Schiffe kamen, zog ich mich aus und watete, bis ich mich dem Boot auf hundert Ellen näherte; den Rest der Entfernung, bis ich es erreichte, war ich zu schwimmen gezwungen. Die Seeleute warfen mir das eine Ende des Taus zu, und ich befestigte es am Bug des Boots in einem Loch, das andre Ende aber an einem Schlachtschiff; doch all meine Arbeit, so fand ich, war ziemlich zwecklos, denn da ich keinen Grund hatte, so war ich ausserstande, zu ziehen. In dieser Not war ich gezwungen, hinterher zu schwimmen und das Boot mit der einen Hand, so oft ich konnte, vorwärts zu stossen; und da die Flut mich begünstigte, so kam ich auch soweit, dass ich den Boden erreichte, wenn ich mein Kinn emporreckte. Ich ruhte mich zwei oder drei Minuten aus und gab dann dem Boot einen weitern Stoss und so fort, bis mir das Wasser nur noch an die Achselhöhlen reichte; und da jetzt der mühsamste Teil meines Werks getan war, nahm ich meine andern Taue heraus, die in einem der Schiffe verstaut waren, und befestigte sie erst an dem Boot und dann an neun der Fahrzeuge, die mich begleiteten; da nun der Wind günstig war, so zogen die Schiffe, und ich schob, bis wir uns dem Ufer auf vierzig Ellen genaht hatten. Dort wartete ich, bis die Flut ebbte und das Boot trocken lag; schliesslich gelang es mir mit Hilfe von zweitausend Mann, von Stricken und Maschinen, es auf den Kiel zu drehn, wobei ich fand, dass es nur wenig beschädigt war.

Ich will den Leser nicht mit den Schwierigkeiten belästigen, die es mir machte, mein Boot mit Hilfe gewisser Ruder, die herzustellen mich zehn Tage kostete, in den königlichen Hafen von Blefusku zu bringen. Dort strömten bei meiner Ankunft voller Staunen über ein so fabelhaftes Fahrzeug ungeheure Menschenmengen zusammen. Ich erzählte dem Kaiser, dass mir mein Glück dieses Boot in den Weg geworfen hätte, damit es mich irgendwohin brächte, von wo aus ich in meine Heimat zurückkehren könnte; ich bat Seine Majestät um die Befehle, mir Materialien auszuliefern, damit ich es ausstatten könnte, und ferner um seine Erlaubnis zum Aufbruch, die er mir auch nach einigen freundlichen Einwänden zu geben geruhte.

Ich wunderte mich sehr, während dieser ganzen Zeit nichts von einem Eilboten zu hören, durch den unser Kaiser dem Hofe von Blefusku über mich Bericht erstattete. Aber man gab mir später insgeheim zu verstehn, dass Seine Kaiserliche Majestät, ohne eine Ahnung davon, dass ich im geringsten um seine Pläne wusste, des Glaubens war, ich sei nur, um mein Versprechen zu erfüllen, und gemäss der mir von ihm erteilten Erlaubnis, die dem ganzen Hof bekannt war, nach Blefusku gegangen und würde in wenigen Tagen, wenn diese Förmlichkeit vorüber wäre, heimkehren. Schliesslich aber machte ihm mein langes Ausbleiben Sorge; und nachdem er sich mit dem Schatzmeister und dem Rest jener Kamarilla beraten hatte, wurde eine Person von Stande mit der Abschrift der Anklageartikel wider mich entsandt. Dieser Botschafter hatte Anweisung, dem Monarchen von Blefusku die grosse Milde seines Herrn darzulegen, der sich daran genügen liesse, mich nur mit dem Verlust meiner Augen zu bestrafen; ich sei vor der Gerechtigkeit entflohen, und wenn ich nicht innerhalb von zwei Stunden zurückkehrte, so würde ich meines Nardaktitels entkleidet und zum Verräter erklärt. Der Botschafter fügte ferner hinzu, sein Herr erwarte, dass sein Bruder in Blefusku zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Freundschaft zwischen beiden Kaiserreichen Befehl erteilen würde, mich an Händen und Füssen gebunden nach Lilliput zurückzuschicken, damit ich als Verräter bestraft würde.

Nachdem der Kaiser von Blefusku sich drei Tage Bedenkzeit erbeten hatte, schickte er eine Antwort, die aus vielen Höflichkeiten und Entschuldigungen bestand. Er sagte, wenn er mich gebunden schicken sollte, so wisse sein Bruder ja, dass das unmöglich sei; obwohl ich ihn seiner Flotte beraubt habe, sei er mir für viele gute Dienste, die ich ihm bei Abschluss des Friedens geleistet habe, verpflichtet. Bald jedoch würden sie, beide Majestäten, Ruhe haben, denn ich hätte an der Küste ein ungeheures Fahrzeug gefunden, das mich auf dem Meer zu tragen vermöge; er habe Befehl erteilt, es mit meiner Hilfe und unter meiner Anleitung auszurüsten, und er hoffe, dass innerhalb weniger Wochen beide Kaiserreiche von einer so unerträglichen Bürde befreit sein würden.

Mit dieser Antwort kehrte der Gesandte nach Lilliput zurück, und der Monarch von Blefusku erzählte mir alles, was vorgefallen war; indem er mir zugleich (freilich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit) seinen huldvollen Schutz versprach, wenn ich in seinen Diensten verbleiben wollte. Ich hielt ihn darin für aufrichtig, doch war ich entschlossen, in Fürsten und Minister nie wieder irgendwelches Vertrauen zu setzen, wenn ich es irgend vermeiden konnte. Und also bat ich unter gebührender Anerkennung seiner günstigen Absicht in aller Demut, mich zu entschuldigen. Ich sagte ihm, da mir der Zufall, einerlei, ob ein glücklicher oder ein unglücklicher, ein Fahrzeug in den Weg geworfen habe, so sei ich entschlossen, mich lieber dem Ozean anzuvertraun, als zu einem Streit zwischen zwei so mächtigen Monarchen Anlass zu geben. Ich sah auch, dass der Kaiser keineswegs damit unzufrieden war, und durch einen Zufall entdeckte ich, dass er über meinen Entschluss sehr froh war, und ebenso froh waren die meisten seiner Minister.

Diese Erwägungen veranlassten mich, meinen Aufbruch mehr zu beschleunigen, als es meine Absicht gewesen war; und da der Hof mit Ungeduld darauf wartete, dass ich fortging, so half er mir bereitwilligst. Fünfhundert Werkleute waren damit beschäftigt, mir für mein Boot nach meinen Anweisungen zwei Segel zu machen, indem sie ihr stärkstes Leinen dreizehnfach zusammennähten. Ich selbst hatte für Taue und Stricke zu sorgen, und ich tat es, indem ich zehn oder zwanzig oder dreissig von ihren stärksten und dicksten zusammenflocht. Ein grosser Stein, den ich nach langer Suche an der Meeresküste fand, diente mir als Anker. Um mein Boot zu dichten und zu andern Zwecken erhielt ich den Talg von dreihundert Kühen. Ungeheure Mühe machte es mir, ein paar der grössten Bäume zu fällen, um Ruder und Masten daraus zu machen; doch halfen mir dabei Seiner Majestät Schiffszimmerleute, indem sie sie glätteten, nachdem ich die grobe Arbeit verrichtet hatte.

Als nach etwa einem Monat alles gerüstet war, schickte ich zu Seiner Majestät, um seine Befehle entgegenzunehmen und um meinen Abschied zu bitten. Der Kaiser kam mit der königlichen Familie aus seinem Palast, ich legte mich nieder, um ihm die Hand zu küssen, und er reichte sie mir sehr huldvoll; desgleichen taten die Kaiserin und die jungen Prinzen. Seine Majestät schenkte mir fünfzig Geldbeutel mit je zweihundert Sprugs, sowie sein Bildnis in Lebensgrösse, das ich sofort in einen meiner Handschuhe steckte, um es vor Beschädigungen zu bewahren. Der Zeremonien bei meinem Aufbruch aber waren zu viel, als dass ich den Leser jetzt damit belästigen könnte.

Ich versah das Boot mit den Leichen von hundert Ochsen und dreihundert Schafen; verstaute entsprechende Mengen von Brot und Getränken und soviel fertigbereitete Speisen, wie vierhundert Köche mir liefern konnten. Lebend nahm ich sechs Kühe und zwei Bullen mit und ebensoviele Mutterschafe und Böcke, denn die gedachte ich in meine Heimat zu bringen, um die Rasse dort zu züchten. Um sie an Bord füttern zu können, verstaute ich ein grosses Bündel Heu und einen Sack Korn. Gern hätte ich mir auch noch ein Dutzend der Eingeborenen mitgenommen, aber das wollte der Kaiser auf keinen Fall erlauben; und abgesehn davon, dass er mir meine Taschen sorgfältig durchsuchen liess, nahm er mir mein Ehrenwort ab, dass ich keine seiner Untertanen entführen würde, geschähe es auch auf ihren Wunsch und mit ihrem Einverständnis.

Als ich in dieser Weise alles, so gut ich es vermochte, vorbereitet hatte, ging ich am vierundzwanzigsten Tage des September 1701 um sechs Uhr morgens unter Segel; und als ich etwa vier Meilen nach Norden gemacht hatte, denn der Wind wehte aus Südosten, erspähte ich gegen sechs Uhr abends etwa eine halbe Meile im Nordwesten eine kleine Insel. Ich segelte dorthin und warf auf der Windschutzseite der Insel, die unbewohnt zu sein schien, Anker. Dann nahm ich ein paar Erfrischungen zu mir und ging zur Ruhe. Ich schlief gut und, wie ich vermute, wenigstens sechs Stunden, denn zwei Stunden, nachdem ich erwacht war, brach der Tag an. Die Nacht war hell, und ich ass mein Frühstück, ehe die Sonne aufging; und da der Wind günstig war, so lichtete ich den Anker und steuerte denselben Kurs, den ich am Tage zuvor gehalten hatte, wobei ich mich nach meinem Taschenkompass richtete. Es war meine Absicht, wenn möglich, eine jener Inseln zu erreichen, die, wie ich zu glauben Grund hatte, im Nordosten von Van-Diemensland lagen. Den ganzen Tag hindurch aber bekam ich nichts in Sicht; doch als ich am nächsten Tage gegen drei Uhr nachmittags nach meiner Berechnung etwa vierundzwanzig Meilen von Blefusku aus gemacht hatte, erspähte ich ein Segel, das nach Südosten steuerte; mein Kurs lief jetzt genau östlich. Ich rief es an, doch konnte ich keine Antwort erlangen; nichtsdestoweniger merkte ich, dass ich ihm auflief, denn der Wind liess nach. Ich warf alle Leinwand aus, die ich besass, und in einer halben Stunde erspähte man mich an Bord, hisste die Flagge und löste einen Kanonenschuss. Es ist nicht leicht, die Freude zu schildern, die mich befiel, als ich noch einmal hoffen konnte, mein geliebtes Land und die Pfänder, die ich dort zurückgelassen hatte, wiederzusehn. Das Schiff reffte die Segel, und ich erreichte es am sechsundzwanzigsten September zwischen fünf und sechs Uhr abends; doch als ich gar seine englischen Farben sah, sprang mir das Herz in der Brust. Ich tat meine Kühe und Schafe in meine Rocktaschen und stieg mit meiner ganzen kleinen Ladung an Vorräten an Bord. Das Schiff war ein englischer Kauffahrer auf dem Rückweg durch die Nord- und Südsee aus Japan; der Kapitän war Herr John Biddel aus Deptford, ein sehr höflicher Mann und ein ausgezeichneter Seefahrer. Wir waren jetzt auf dreissig Grad südlicher Breite; an Bord befanden sich etwa fünfzig Mann, und ich traf einen meiner alten Kameraden, einen gewissen Peter Williams, der mir dem Kapitän gegenüber ein gutes Zeugnis ausstellte. Dieser Herr behandelte mich sehr freundlich und bat mich, ihm mitzuteilen, von wo ich zuletzt ausgelaufen sei und wohin ich wollte; ich tat es in wenigen Worten; aber er glaubte, ich redete irre und die ausgestandnen Gefahren hätten mir den Kopf verdreht; da zog ich meine Rinder und meine Schafe aus der Tasche, und nachdem er sich sehr über sie verwundert hatte, überzeugte er sich durch sie von meiner Wahrhaftigkeit. Dann zeigte ich ihm das Gold, das der Kaiser von Blefusku mir gegeben hatte, sowie auch das Bild Seiner Majestät in Lebensgrösse nebst einigen andern Seltenheiten aus jenem Lande. Ich gab ihm zwei Beutel zu je zweihundert Sprugs und versprach ihm, wenn wir in England ankämen, ihm eine trächtige Kuh und ein trächtiges Mutterlamm zu schenken.

Ich will den Leser nicht mit einem ausführlichen Bericht über diese Reise belästigen, die zum grössten Teil sehr glücklich verlief. Wir kamen am 13. April 1702 auf der Rhede der Downs an. Ich hatte nur einen Unfall zu verzeichnen; die Schiffsratten nämlich entführten mir eins meiner Schafe; ich fand seine Knochen, von denen das Fleisch sauber abgenagt war, in einem Loch. Den Rest meines Viehs brachte ich wohlbehalten an Land und setzte es zum Weiden auf einen Krokettplatz bei Greenwich, wo sie in dem feinen Gras sehr herzhaft grasten, obwohl ich stets das Gegenteil befürchtet hatte; auch hätte ich es während einer so langen Reise nicht durchbringen können, hätte mir nicht der Kapitän ein wenig von seinen besten Biskuits gegeben, die, zu Pulver zerrieben und mit Wasser gemischt, ihr beständiges Futter waren. Während der kurzen Zeit, die ich in England verbrachte, erzielte ich hohe Einnahmen, indem ich mein Vieh vielen Leuten von Stande und andern zeigte; und ehe ich meine zweite Reise begann, verkaufte ich es um sechshundert Pfund. Seit meiner letzten Heimkehr habe ich erfahren, dass die Tiere, und vor allem die Schafe, sich stark vermehrt haben. Ich hoffe, dass es infolge der Feinheit des Fells sehr zum Nutzen der Wollfabrikation ausschlagen wird.

Ich blieb nur zwei Monate bei meinem Weib und den Meinen; denn mein unersättliches Verlangen nach dem Anblick fremder Länder wollte mir keinen längern Aufenthalt erlauben. Ich liess meinem Weibe fünfzehnhundert Pfund zurück und brachte sie in einem guten Hause zu Redriff unter. Was mir dann noch blieb, behielt ich bei mir und zwar teils in bar, teils in Waren, denn ich hoffte, mein Vermögen zu mehren. Mein ältester Onkel Johann hatte mir einen kleinen Landbesitz bei Epping hinterlassen, der mir jährlich etwa dreissig Pfund abwarf, und ich hatte den Schwarzen Bullen in der Fetterlane langfristig gepachtet, der mir noch einmal soviel eintrug; so war ich also nicht mehr in Gefahr, dass meine Familie dem Kirchspiel zur Last fallen könnte. Mein Sohn Johann, der nach meinem Onkel genannt war, besuchte die Elementarschule; er war ein begabtes Kind. Meine Tochter Betty (die jetzt verheiratet ist und schon Kinder hat) beschäftigte sich damals mit Näharbeiten. Ich nahm von meinem Weibe, meinem Jungen und meinem Mädchen Abschied, nicht ohne Tränen auf beiden Seiten und ging an Bord der »Adventure«, eines Kauffahrers von dreihundert Tonnen, der nach Surat segelte und vom Kapitän John Nicholas aus Liverpool befehligt wurde. Doch den Bericht über diese Reise muss ich für den zweiten Teil meiner Reisen aufsparen.

Der Reisen zweiter Teil. Eine Reise nach Brobdingnag.

Kapitel I.

Schilderung eines grossen Sturms; das Beiboot wird ausgeschickt, um Wasser zu holen; der Verfasser geht mit, um das Land zu erkunden. Er wird an Land zurückgelassen, wird von einem der Eingeborenen aufgegriffen und in das Haus eines Pächters gebracht. Wie er dort aufgenommen wurde, und welche Zufälle sich dort ereigneten. Schilderung der Eingeborenen.

Da mich Natur und Schicksal zu einem tatenreichen und rastlosen Leben verurteilt hatten, verliess ich zwei Monate nach meiner Heimkehr von neuem mein Land und ging auf der Rhede der Downs am 20. Juni 1702 auf der Adventure zu Schiff, die von Kapitän John Nicholas, einem Mann aus Cornwall, befehligt wurde und nach Surat segelte. Wir hatten sehr günstigen Wind, bis wir beim Kap der guten Hoffnung ankamen, wo wir landeten, um frisches Wasser einzunehmen; da wir jedoch ein Leck entdeckten, so löschten wir unsre Waren und überwinterten dort; denn der Kapitän erkrankte an einem Fieber, und so konnten wir das Kap nicht vor Ende des März verlassen. Dann gingen wir wieder unter Segel und hatten eine gute Fahrt, bis wir die Strasse von Madagaskar passierten; doch als wir nördlich von dieser Insel waren und etwa den fünften Grad südlicher Breite erreichten, begannen am neunzehnten April die Winde, die in diesen Meeren sonst, wie man beobachtet hat, von Anfang Dezember bis Anfang Mai in beständiger, gleichmässiger Stärke aus Nordwesten zu blasen pflegen, mit weit grösserer Heftigkeit und westlicher als gewöhnlich zu wehn; und so blieb es zwanzig Tage lang, während welcher Zeit wir bis wenig östlich von den Molucca-Inseln und bis etwa drei Grad nördlich von der Linie getrieben wurden; unser Kapitän stellte das durch eine Beobachtung fest, die er am zweiten Mai aufnahm, denn um diese Zeit liess die Briese nach, und es trat vollständige Windstille ein, worüber ich mich nicht wenig freute. Er aber, der die Seefahrt in diesen Meeren von Grund aus kannte, befahl uns, alles für einen Sturm zu rüsten, der denn auch am folgenden Tage losbrach, da ein südlicher Wind, den man den südlichen Monsun nennt, einzusetzen begann.

Da wir sahn, dass unser Sprietsegel wahrscheinlich über Bord gehn würde, so holten wir es ein und hielten uns bereit, auch unsre Pock aufzubinden; doch da das Wetter immer schlimmer wurde, so sahn wir nach, ob die Geschütze fest standen, und holten das Besansegel ein. Das Schiff nahm breitseits stark über, und daher hielten wir es für besser, vor der See zu lenssen, als völlig beizulegen. Wir refften also die Pock und setzten sie wieder, um sie dann kräftig beizuholen; das Ruder lag schwer in Luv. Das Schiff hielt sich wacker. Wir belegten die vordere Stag; aber das Segel war zerrissen, und wir mussten die Stange niederlegen, um das Segel ins Schiff zu nehmen, und alles losbinden, was klar von ihm stand. Es war ein wilder Sturm, und die See brach in merkwürdiger und gefährlicher Weise. Wir legten uns bei der Talje des Kolderstocks ein und halfen dem Mann am Ruder. Den Grossmast wollten wir nicht niedernehmen, sondern alles stehn lassen, denn das Schiff lief ganz gut vor der See und wir wussten, dass es um so stetiger blieb, so lange der Mast oben stand, und dass es bessre Fahrt machte, zumal wir raume See hatten. Als der Sturm vorüber war, setzten wir Fock und Grosssegel und holten das Schiff in den Wind. Und schliesslich setzten wir auch Besan, Grosstop und Vortop. Unser Kurs lief Ost-Nord-Ost, der Wind kaum aus Südwesten. Wir holten die Steuerbordsschwerter an Bord und warfen die Luvbrassen und Toppenanten ab, setzten die Leebrassen, zogen die Luvbulien nach vorn hin ein, holten sie fest und belegten sie; dann holten wir das Besansegel fest an den Wind und hielten es voll und so dicht, wie es nur liegen wollte .

Während dieses Sturms, dem ein starker westsüdwestlicher Wind folgte, wurden wir nach meiner Berechnung um etwa fünfhundert Meilen ostwärts abgetrieben, so dass selbst der älteste Seemann an Bord nicht mehr zu sagen vermochte, in welchem Teil der Welt wir uns befanden. Unsre Vorräte hielten gut aus, unser Schiff war in gutem Stand und unsre Mannschaft bei trefflicher Gesundheit; nur waren wir in grösster Wassernot. Wir hielten es für das beste, den gleichen Kurs zu halten, und nicht weiter nördlich zu gehn; denn dadurch wären wir vielleicht an die Nordwestküste Grosstatariens und in das Eismeer geraten.

Am 26. Juni 1703 entdeckte ein Schiffsjunge vom Topmast aus Land. Am siebzehnten kamen wir voll in Sicht einer grossen Insel oder eines Kontinents (denn ob es das eine oder das andre war, wussten wir nicht), in dessen Süden eine schmale Landzunge ins Meer hinaussprang und eine Bucht bildete, die zu flach war, um ein Schiff von über hundert Tonnen aufzunehmen. Wir warfen etwa eine Meile vor dieser Bucht Anker, und unser Kapitän schickte ein Dutzend seiner Leute wohl bewaffnet im Beiboot aus; sie hatten Gefässe für Wasser bei sich, falls solches zu finden war. Ich bat ihn um Urlaub, sie zu begleiten, denn ich wollte mir das Land ansehn und Entdeckungen machen, wenn ich es konnte. Als wir ans Land kamen, sahen wir keinerlei Fluss oder Quelle und auch keine Spur von Bewohnern. Unsre Leute wanderten also an der Küste entlang, um nahe am Meer frisches Wasser ausfindig zu machen, und ich zog etwa eine Meile landeinwärts, wo ich eine unfruchtbare und felsige Gegend fand. Ich begann, müde zu werden, und da ich nichts sah, was meine Neugier wach halten konnte, so kehrte ich langsam nach der Bucht zurück; da nun das Meer voll vor meinen Augen da lag, sah ich sogleich unsre Leute, die schon wieder im Boot waren und um ihr Leben auf das Schiff zu ruderten. Ich wollte ihnen eben, obwohl es zwecklos gewesen wäre, nachrufen, als ich ein riesiges Geschöpf bemerkte, das ihnen, so schnell es konnte, durchs Meer hin nachwatete; es kam nicht viel weiter als bis ans Knie ins Wasser und machte ungeheure Schritte; aber unsre Leute hatten eine halbe Meile Vorsprung vor ihm, und da die See rings voll spitziger Felsen lag, so war das Ungeheuer nicht imstande, das Boot einzuholen. Das habe ich erst später gehört, denn ich wagte es nicht, zu bleiben und den Ausgang des Abenteuers abzuwarten, sondern lief vielmehr, so schnell ich konnte, den Weg, den ich zuerst gegangen war, und kletterte dann einen steilen Hügel hinauf, der mir einen gewissen Ausblick ins Land erlaubte. Ich sah, dass es völlig bebaut war; doch was mich zunächst überraschte, das war die Länge des Grases, das auf diesen Wiesen, die man fürs Heu aufzusparen schien, etwa zwanzig Fuss hoch stand.

Ich schlug eine Landstrasse ein; denn dafür hielt ich sie, obwohl sie den Eingeborenen nur als Fusspfad durch ein Gerstenfeld diente. Hier ging ich eine Weile weiter, doch konnte ich auf den Seiten wenig sehn, da die Erntezeit bevorstand und das Korn wenigstens vierzig Fuss aufragte. Ich brauchte eine Stunde, um dieses Feld zu durchschreiten; und es war eingehegt mit einer Hecke von wenigstens hundertundzwanzig Fuss Höhe; die Bäume aber waren so hoch, dass ich ihre Höhe nicht einmal schätzen konnte. Aus diesem Felde führte ein Zauntritt in das nächste. Er hatte vier Stufen, und wenn man auf der obersten stand, hatte man noch einen Stein zu übersteigen. Es war mir nicht möglich, diesen Stufenweg zu erklettern, denn jede Stufe war sechs Fuss hoch, und der obere Stein mehr als zwanzig. Ich versuchte eben, eine Lücke in der Hecke zu finden, als ich einen der Eingeborenen entdeckte, der im nächsten Feld auf den Zauntritt zuging; er war von derselben Grösse wie der, den ich im Meer hatte unser Boot verfolgen sehn. Er schien mir so gross zu sein, wie ein gewöhnlicher Kirchturm, und mit jedem Schritt legte er, so weit ich es schätzen konnte, etwa zehn Ellen zurück. Mich befielen äusserste Furcht und höchstes Staunen, und ich lief, um mich im Korn zu verstecken, von wo aus ich ihn oben auf dem Zauntritt erspähte, wie er in das nächste Feld zur Rechten zurückblickte; dann hörte ich ihn mit einer Stimme rufen, die viele Male lauter war als ein Schallrohr: aber das Geräusch verhallte so hoch in der Luft, dass ich zunächst des sicheren Glaubens war, es sei ein Donner. Alsbald kamen sieben ihm gleiche Ungeheuer mit Sicheln in den Händen, deren jede etwa so gross war wie sechs Sensen, auf ihn zu. Diese Leute waren nicht so gut gekleidet wie der erste, dessen Diener oder Ackerknechte sie zu sein schienen; denn als er ein paar Worte zu ihnen sprach, kamen sie in das Feld herab, wo ich lag, um das Korn zu mähen. Ich hielt mich ihnen so fern, wie ich nur konnte, doch machte es mir grosse Schwierigkeit, mich zu bewegen, da die Halme des Korns bisweilen nicht mehr als einen Fuss von einander standen, so dass ich mich kaum zwischen ihnen durchzwängen konnte. Trotzdem aber gelang es mir, bis zu einem Teil des Feldes vorzudringen, wo das Getreide von Regen und Wind niedergelegt worden war. Hier war es mir nicht mehr möglich, auch nur noch einen Schritt weiterzugehn, denn die Halme waren so miteinander verwebt, dass ich nicht mehr durchkriechen konnte, und die Grannen der gefallenen Ähren waren so stark und spitz, dass sie mir durch die Kleider ins Fleisch eindrangen. Zu gleicher Zeit hörte ich die Schnitter keine hundert Ellen weit hinter mir. Da ich nun von der Anstrengung ganz entmutigt und von Gram und Verzweiflung übermannt war, so legte ich mich zwischen zwei Furchen nieder und wünschte von Herzen, dass ich dort meine Tage beschliessen könnte. Ich schluchzte um meine trostlose Witwe und meine vaterlosen Kinder. Ich beklagte meine eigne Narrheit und meinen Eigensinn, dass ich dem Rat all meiner Freunde und Verwandten zuwider doch noch eine zweite Reise unternommen hatte. In dieser furchtbaren Aufregung meines Geistes konnte ich nicht umhin, an Lilliput zu denken, dessen Einwohner mich als das grösste Wunder ansahn, das je in der Welt aufgetreten war; dort war ich imstande gewesen, eine kaiserliche Flotte mit meiner einen Hand zu ziehn und jene andern Taten zu vollbringen, die bis in ewige Zeiten werden von den Chroniken jenes Kaiserreichs berichtet werden, während die Nachwelt sie kaum glauben wird, obwohl sie von Millionen bezeugt wurden. Ich überlegte mir, wie demütigend es für mich sein musste, wenn ich nun hier in dieser Nation ebenso bedeutungslos erschien, wie ein einzelner Lilliputaner unter uns erscheinen würde. Aber das, so sagte ich mir, musste noch das geringste an meinem Unglück sein; denn da man beobachtet hat, dass die menschlichen Wesen im Verhältnis zu ihrer Grösse immer wilder und grausamer werden, was konnte da wohl ich andres erwarten, als dass ich zu einem Bissen für den Mund des ersten unter diesen unermesslichen Barbaren dienen würde, der mich etwa ergriffe? Unzweifelhaft haben die Philosophen recht, wenn sie uns sagen, dass nichts anders als verhältnismässig gross oder klein ist. Es hätte dem Schicksal auch gefallen können, die Lilliputaner eine Nation finden zu lassen, wo die Leute im Vergleich zu ihnen ebenso winzig gewesen wären, wie sie es im Vergleich zu mir waren. Und wer weiss, ob nicht selbst dieses ungeheure Geschlecht Sterblicher in einem fernen Teil der Welt, den wir noch nicht entdeckt haben, im gleichen Masse übertroffen werden mag.

Obwohl ich beängstigt und verwirrt war, konnte ich mich doch nicht enthalten, diese Überlegungen fortzuspinnen, als einer der Schnitter der Furche, in der ich lag, bis auf zehn Ellen nahe trat, so dass ich besorgen musste, er würde mich mit dem nächsten Schritt unter seinem Fuss zermalmen oder mich mit seiner Sichel in Stücke schneiden. Und als er also zu einer neuen Bewegung Anstalt machte, schrie ich so laut auf, wie ich in meiner Furcht nur schreien konnte. Sofort brach das riesige Geschöpf seinen Schritt ab und blickte eine Weile rings unter sich, bis er mich auf dem Boden liegend erspähte. Er überlegte eine Weile mit der Vorsicht dessen, der ein kleines gefährliches Tier so packen will, dass es ihn weder kratzen noch beissen kann, wie ich es selbst zuweilen in England mit einem Wiesel gemacht habe. Schliesslich wagte er es, mich zwischen Zeigefinger und Daumen an den Hüften zu fassen und mich drei Ellen weit von seinen Augen emporzuheben, um meine Gestalt genauer betrachten zu können. Ich erriet, was er wollte, und mein Glück gab mir soviel Geistesgegenwart, dass ich mich nicht im geringsten wehrte, als er mich etwa sechzig Fuss vom Boden in der Luft hielt und zwar, obwohl er mir die Seiten schmerzhaft kniff, weil er fürchtete, ich möchte ihm durch die Finger schlüpfen. Ich wagte nichts weiter zu tun, als dass ich die Augen zur Sonne emporhob und meine Hände in flehender Haltung faltete, wobei ich in einem demütigen, melancholischen Ton, wie er zu meiner Lage passte, einige Worte sprach. Denn ich besorgte sehr, er würde mich jeden Augenblick zu Boden schleudern, wie wir es in der Regel mit jedem verhassten kleinen Tier tun, das wir vernichten möchten. Aber mein guter Stern wollte es so, dass ihm meine Stimme und meine Gesten zu gefallen schienen, und dass er mich als eine Kuriosität anzusehn schien, wobei es ihn sehr wundernahm, mich deutlich artikulierte Worte sprechen zu hören, obwohl er sie nicht verstehn konnte. Inzwischen konnte ich mich nicht enthalten, zu stöhnen und Tränen zu vergiessen und meinen Kopf nach meinen Flanken zu drehn, indem ich ihm, so gut ich es vermochte, andeutete, wie grausam mich der Druck seines Daumens und seines Fingers schmerzte. Er schien zu begreifen, was ich meinte; denn er hob einen Zipfel seines Rocks und legte mich sanft hinein, worauf er alsbald mit mir zu seinem Herrn lief, der ein wohlhabender Gutspächter war; es war aber dieselbe Persönlichkeit, die ich zuerst im Felde gesehn hatte.

Nachdem der Pächter (wie ich aus ihren Reden schloss) den Bericht über mich erhalten hatte, den sein Diener ihm geben konnte, nahm er ein Stückchen dünnen Strohs von etwa der Grösse eines Spazierstocks und hob damit die Schösse meines Rocks empor; es schien, als hielt er ihn für eine Art Körperbedeckung, die die Natur mir mitgegeben hatte. Er blies mein Haar zur Seite, um mein Gesicht besser sehn zu können. Dann rief er seine Knechte zusammen und fragte sie (wie ich später erfuhr), ob sie auch sonst schon je in den Feldern ein kleines Geschöpf gesehn hätten, das mir ähnelte. Dann setzte er mich sanft mit allen Vieren auf die Erde, doch ich stand sofort wieder auf und ging langsam hin und her, um den Leuten zu zeigen, dass ich nicht die Absicht hätte, davonzulaufen. Sie setzten sich alle im Kreise um mich her, um meine Bewegungen besser beobachten zu können. Ich zog den Hut und machte vor dem Pächter eine tiefe Verbeugung. Dann fiel ich auf die Knie, hob Hände und Blicke empor und sprach, so laut ich konnte, mehrere Worte: ich nahm eine Geldbörse voll Gold aus der Tasche und überreichte sie ihm in Demut. Er nahm sie auf seiner Handfläche entgegen, hielt sie dicht unter sein Auge, um zu sehn, was es wäre, und wandte sie mehrmals mit der Spitze einer Nadel, die er sich aus dem Ärmel zog, um; doch wusste er nichts damit anzufangen. Da winkte ich ihm, er möchte seine Hand auf den Boden legen, nahm die Börse, öffnete sie und schüttete ihm all das Gold auf die flache Hand. Es waren sechs spanische Vierpistolenstücke und etwa zwanzig bis dreissig kleinere Münzen. Ich sah, wie er die Spitze seines kleinen Fingers an der Zunge befeuchtete und damit erst eins, dann ein zweites der grössten Stücke aufnahm; doch schien er durchaus nicht zu verstehn, was es war. Er gab mir ein Zeichen, sie wieder in die Börse zu tun, und die Börse wieder in meine Tasche; und nachdem ich sie ihm mehrmals angeboten hatte, hielt ich es auch für das beste, das zu tun.

Der Pächter war mittlerweile überzeugt, dass ich ein vernunftbegabtes Wesen sein müsste. Er sprach oft mit mir, und obwohl der Klang seiner Stimme mir wie der Schall einer Wassermühle das Ohr zerriss, waren doch seine Worte deutlich artikuliert. Ich antwortete in mehreren Sprachen, so laut ich konnte, und er hielt sein Ohr oft bis auf zwei Ellen zu mir herab, aber alles war vergeblich, denn wir blieben einander völlig unverständlich. Dann schickte er seine Diener an die Arbeit, nahm sein Taschentuch aus der Tasche, breitete es doppelt auf seiner linken Hand aus, legte sie mit der Fläche nach oben auf den Boden und winkte mir, hinaufzutreten; das war nicht schwer, denn die Hand war nicht über einen Fuss dick. Ich hielt es für das Beste, zu gehorchen, und aus Furcht, ich möchte fallen, legte ich mich in voller Länge hin, worauf er mich zur weiteren Sicherheit bis zum Kopf in das Taschentuch einwickelte und mich in dieser Weise nach Hause trug. Dort rief er sein Weib und zeigte mich ihr; sie aber schrie auf und lief davon, wie es Frauen in England beim Anblick einer Kröte oder einer Spinne tun. Als sie aber eine Weile zugesehn hatte, wie ich mich benahm und wie genau ich die Zeichen beachtete, die ihr Gatte mir gab, liess sie sich schnell versöhnen und wurde allmählich ausserordentlich zärtlich gegen mich.

Es war etwa zwölf Uhr mittags, und eine Magd brachte das Mittagessen. Es war nur ein einziges kräftiges Fleischgericht (wie es für den einfachen Stand eines Landwirts passte) in einer Schüssel von etwa vierundzwanzig Fuss Durchmesser. Die Tischgesellschaft bestand aus dem Pächter, seinem Weibe, drei Kindern und einer alten Grossmutter. Als sie sich gesetzt hatten, stellte der Pächter mich in einiger Entfernung von sich auf den Tisch, der dreissig Fuss überm Boden stand. Ich war in furchtbarer Angst, und hielt mich aus Furcht vor einem Fall, so weit ich nur konnte, vom Rand entfernt. Das Weib hackte ein wenig Fleisch und zerkrümelte ein wenig Brot auf einem hölzernen Teller, den sie vor mich hinsetzte. Ich machte ihr eine tiefe Verbeugung, zog mein Messer und meine Gabel und langte zu, was sie aufs höchste entzückte. Die Pächterin schickte ihre Magd nach einem Schnapsglas aus, das etwa zwei Gallonen fasste , und füllte es mit einem Getränk. Ich nahm das Gefäss mit vieler Mühe in beide Hände und trank in der ehrfurchtsvollsten Weise auf die Gesundheit der Dame, wobei ich die englischen Worte so laut wie nur möglich aussprach; die ganze Gesellschaft lachte so herzlich, dass der Lärm mich fast taub machte. Das Getränk schmeckte wie ein Landzider und war nicht unangenehm. Dann gab mir der Hausherr einen Wink, neben seinen Teller zu treten. Doch als ich übern Tisch hinging, stolperte ich, da ich, wie der Leser es sich leicht denken kann und entschuldigen wird, die ganze Zeit hindurch in grosser Überraschung war, über eine Kruste und fiel flach aufs Gesicht, doch ohne mich zu verletzen. Ich sprang sofort wieder auf, und da ich sah, dass die guten Leute in grosser Sorge waren, nahm ich meinen Hut (den ich aus Wohlerzogenheit unterm Arm hielt), schwang ihn überm Kopf und rief dreimal Hurrah, um zu zeigen, dass ich mir bei meinem Fall keinen Schaden getan hatte. Doch als ich auf meinen Herrn (wie ich ihn künftig nennen werde) zuging, ergriff mich sein jüngster Sohn, der neben ihm sass, ein Schlingel von etwa zehn Jahren, an den Beinen und hielt mich so hoch in die Luft, dass ich an allen Gliedern zitterte; sein Vater aber entriss mich ihm und gab ihm zugleich einen Backenstreich auf die linke Seite, der in Europa eine Schwadron Reiter zu Boden geworfen hätte; worauf er befahl, ihn vom Tisch zu entfernen. Da ich jedoch fürchtete, der Junge möchte mir seinen Groll nachtragen, und da ich wohl wusste, wie heimtückisch bei uns von Natur alle Kinder gegen Sperlinge, Kaninchen, junge Katzen und Hunde sind, so fiel ich auf die Knie und gab, indem ich auf den Knaben zeigte, meinem Herrn zu verstehn, so gut ich es konnte, dass ich wünschte, er möge seinem Sohn verzeihn. Der Vater tat mir den Willen, und der Knabe nahm seinen Platz wieder ein. Ich aber trat zu ihm und küsste ihm die Hand, die mein Herr nahm, um ihn zu zwingen, dass er mich sanft damit streichelte.

Während des Mittagessens sprang meiner Herrin ihre Lieblingskatze in den Schoss. Ich hörte hinter mir ein Geräusch, wie das von einem Dutzend Strumpfwirker, die bei der Arbeit sind. Und als ich den Kopf wandte, sah ich, dass es von dem Schnurren dieses Tieres herkam, das dreimal so gross zu sein schien wie ein Ochse; wenigstens schloss ich das aus dem Anblick ihres Kopfes und ihrer einen Tatze, während ihre Herrin sie fütterte und streichelte. Die Wildheit der Erscheinung dieses Tieres brachte mich ganz aus der Fassung; obwohl ich über fünfzig Fuss entfernt ganz am andern Ende des Tisches stand und obwohl ihre Herrin sie fest hielt, aus Furcht, sie könnte anspringen und mich mit ihren Krallen packen. Doch war gar keine Gefahr vorhanden, denn die Katze nahm nicht die geringste Notiz von mir, als mein Herr mich ihr bis auf drei Ellen näherte. Und da man mir immer gesagt hatte, wie ich es auch auf meinen Reisen durch die Erfahrung als richtig erfunden habe, dass es das sicherste Mittel ist, ein wildes Tier zur Verfolgung oder zum Angriff zu reizen, wenn man vor ihm flieht oder Furcht verrät, so beschloss ich, in dieser gefährlichen Lage keinerlei Besorgnis zu zeigen. Ich ging unerschrocken fünf oder sechsmal dicht vor dem Kopf der Katze hin und her und näherte mich ihr bis auf eine halbe Elle; da aber zog sie sich zurück, als fürchtete eher sie sich vor mir. Weniger Besorgnis weckten in mir die Hunde, von denen, wie es in den Häusern der Landpächter üblich ist, drei oder vier ins Zimmer kamen; einer von ihnen war eine Dogge, die an Umfang vier Elefanten gleichkam; ein zweiter ein Windspiel, das noch etwas grösser war als die Dogge, aber nicht so breit.

Als das Mittagessen fast vorüber war, kam die Amme mit einem einjährigen Kind auf dem Arm herein, das mich sofort erblickte und mit der üblichen Beredsamkeit der Kinder ein Geschrei erhob, das man hätte von London-Bridge bis Chelsea hören können, um mich zum Spielzeug zu erhalten. Die Mutter nahm mich aus reiner Nachgiebigkeit auf und hielt mich dem Kinde hin, das mich sofort am Gürtel packte und meinen Kopf in seinen Mund schob, wo ich so laut brüllte, dass der Knirps erschrak und mich fallen liess; ich hätte mir unfehlbar den Hals gebrochen, wenn nicht die Mutter ihre Schürze unter mir aufgehalten hätte. Die Amme machte, um ihren Säugling zu beruhigen, Gebrauch von einer Rassel; sie bestand aus einer Art hohlen Gefässes, das mit grossen Steinen gefüllt und mit einem Tau am Gürtel des Kindes befestigt war; aber es war alles vergebens, so dass sie gezwungen war, das letzte Mittel anzuwenden, indem sie es an die Brust nahm. Ich muss gestehen, dass mir nichts je solchen Abscheu eingeflösst hat, wie der Anblick ihrer ungeheuerlichen Brust; ich weiss nicht, womit ich sie vergleichen soll, um dem neugierigen Leser eine Vorstellung von ihrem Umfang, ihrer Farbe und ihrer Form zu geben. Sie ragte sechs Fuss vor, und ihr Umfang konnte nicht weniger als sechzehn betragen. Die Warze war etwa halb so gross wie mein Kopf, und die Farbe sowohl dieser Warze wie der übrigen Brust war so gesprenkelt mit Flecken, Finnchen und Sommersprossen, dass nichts ekelhafter aussehen konnte. Ich sah sie nämlich ganz aus der Nähe, da sie sich hinsetzte, um das Kind bequemer saugen zu lassen, und ich auf dem Tisch stand. Da musste ich an die glatte Haut unsrer englischen Damen denken, die uns so schön erscheinen, und zwar einzig, weil sie von unsrer eignen Grösse und die Fehler der Haut nur durch ein Vergrösserungsglas zu sehn sind; denn durch eine Lupe sieht, wie wir durchs Experiment feststellen können, die glatteste und weisseste Haut grob und rauh und fleckig aus.

Ich entsinne mich, dass mir, als ich in Liliput war, die Haut dieser winzigen Menschen als die schönste von der Welt erschien; und als ich mit einem Gelehrten, der eng mit mir befreundet war, über dieses Thema sprach, sagte er mir, mein Gesicht erscheine ihm viel glatter und reiner, wenn er mich vom Boden aus ansehe, als aus grösserer Nähe, wenn ich ihn zum Beispiel in die Hand nähme und hochhöbe; denn dann, das gab er zu, war es zunächst ein scheusslicher Anblick. Er sagte mir, er könne in meiner Haut grosse Löcher entdecken; die Stoppeln meines Bartes seien zehnmal so stark wie die Borsten eines Ebers, und die Farbe meiner Haut bestehe aus vielen geradezu unangenehmen Farbflecken; ich muss freilich bitten, sagen zu dürfen, dass ich einen ebenso hellen Teint habe wie die meisten Leute meines Geschlechts und meiner Heimat; und trotz all meiner Reisen bin ich nur wenig sonnenverbrannt. Andrerseits sagte er mir oft, wenn er von den Damen am Hofe jenes Kaisers sprach, die eine habe Sommersprossen, eine zweite einen zu breiten Mund, eine dritte eine zu grosse Nase, während ich von all dem nichts zu erkennen vermochte. Ich gebe zu, dass diese Überlegung auf der Hand lag, aber ich konnte sie nicht unterdrücken, damit der Leser nicht etwa denkt, diese ungeheuren Geschöpfe seien wirklich missgestaltet gewesen: denn ich muss ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, dass sie eine schöne Rasse sind; und besonders die Gesichtszüge meines Herrn schienen mir, obwohl er nur ein Pächter ist, wenn ich ihn in seiner Höhe von sechzig Fuss betrachtete, sehr gut proportioniert.

Als das Mittagessen vorüber war, ging mein Herr zu seinen Knechten hinaus, nachdem er zuvor seinem Weibe (ich konnte das aus seiner Stimme und seinen Gesten entnehmen) strengen Auftrag gegeben hatte, auf mich zu achten. Ich war sehr ermüdet und schlafbedürftig, und da meine Herrin das merkte, legte sie mich auf ihr eignes Bett und deckte mich mit einem sauberen, weissen Tuch zu, das freilich grösser und gröber war, als das Grosssegel eines Kriegsschiffes.

Ich schlief etwa zwei Stunden hindurch und träumte, ich sei mit Weib und Kindern zu Hause; das steigerte meinen Kummer nur noch, als ich erwachte und sah, dass ich in einem ungeheuren Zimmer von zwei- bis dreihundert Fuss Breite und über zweihundert Fuss Höhe allein war und in einem zwanzig Ellen breiten Bett lag. Meine Herrin war an ihre Hausarbeit gegangen und hatte mich eingeschlossen. Das Bett stand acht Ellen über dem Boden. Ein paar Bedürfnisse der Natur verlangten, dass ich hinunterstiege; ich wagte nicht zu rufen, und hätte ich es gewagt, so wäre es vergeblich gewesen, da meine Stimme auf die Entfernung von dem Zimmer, in dem ich lag, bis zur Küche, wo die Familie sich aufhielt, nicht gereicht hätte. Als ich in dieser Not war, krochen zwei Ratten an den Vorhängen herauf und liefen witternd auf dem Bett hin und her. Die eine von ihnen kam fast bis zu meinem Gesicht heran, worauf ich entsetzt aufsprang und meinen Hirschfänger zog, um mich zu verteidigen. Diese scheusslichen Tiere waren verwegen genug, um mich von beiden Seiten her anzugreifen, und das eine legte den Vorderfuss auf meinen Kragen; zu meinem Glück aber gelang es mir, ihm den Bauch aufzuschlitzen, ehe es mir etwas antun konnte. Es fiel mir zu Füssen nieder, und als das andere das Schicksal seines Gefährten sah, entfloh es, doch nicht ohne eine schöne Wunde auf dem Rücken, die ich ihm auf der Flucht beibrachte, und aus der das Blut niederrieselte. Nach dieser Tat ging ich langsam auf dem Bett hin und her, um wieder zu Atem zu kommen und meinen Mut zurückzugewinnen. Diese Geschöpfe waren etwa so gross wie ein grosser Kettenhund, aber unendlich viel gewandter und wilder, so dass ich unfehlbar in Stücke gerissen und verschlungen worden wäre, hätte ich meinen Gürtel abgelegt, ehe ich schlafen ging. Ich mass den Schwanz der toten Ratte und fand, dass er zwei Ellen weniger einen Zoll lang war; aber es widerstrebte mir, den Leichnam vom Bett hinunterzuziehn, wo er, immer noch blutend, liegen blieb; ich sah, dass noch ein wenig Leben darin war, doch mit einem kräftigen Hieb über den Nacken beförderte ich ihn vollends.

Bald darauf kam meine Herrin ins Zimmer, und als sie mich ganz blutig sah, kam sie herbeigelaufen und nahm mich in die Hand. Ich zeigte auf die tote Ratte, lächelte und gab ihr andre Zeichen, um zu zeigen, dass ich unverletzt war; sie freute sich höchlich und rief die Magd, damit sie die tote Ratte mit einer Zange aufnahm und zum Fenster hinauswarf. Dann setzte sie mich auf einen Tisch, wo ich ihr meinen blutigen Hirschfänger zeigte, um ihn dann an meinen Rockschössen abzuwischen und wieder in die Scheide zu stecken. Es drängte mich, mehr als ein Geschäft zu verrichten, das kein andrer für mich abtun konnte, und deshalb bemühte ich mich, meiner Herrin verständlich zu machen, dass ich auf den Boden gesetzt zu werden wünschte, doch als sie das tat, duldete meine Schamhaftigkeit nicht, dass ich mich anders ausdrückte als durch einen Wink nach der Tür und durch mehrere Verbeugungen. Schliesslich begriff die gute Frau mit vieler Mühe, was ich wünschte, und indem sie mich wieder in die Hand nahm, ging sie in den Garten hinaus, wo sie mich niedersetzte. Ich ging auf der einen Seite etwa zweihundert Ellen weiter, winkte ihr, nicht hinzusehn und mir auch nicht zu folgen, verbarg mich zwischen zwei Sauerampferblättern und befriedigte dort die Bedürfnisse der Natur.

Ich hoffe, der feinfühlige Leser wird mich entschuldigen, wenn ich auf diesen und ähnlichen Einzelheiten verweile; denn so unbedeutend sie auch gewöhnlichen und niedrigfliegenden Geistern erscheinen werden, so werden sie doch gewiss dem Philosophen helfen, sein Denken und seine Phantasie zu erweitern, so dass er sie verwende zum Nutzen sowohl des öffentlichen wie des privaten Lebens; und das war meine einzige Absicht, wenn ich in der Welt diesen und andere Berichte über meine Reisen darbot; ich habe vor allem nach der Wahrheit gestrebt, ohne den Schmuck der Gelehrsamkeit oder des Stils zu suchen. Aber die ganze Szene dieser Reise machte auf meinen Geist einen zu starken Eindruck, und sie hat sich meinem Gedächtnis so stark eingeprägt, dass ich bei der Niederschrift keinen einzigen wesentlichen Umstand ausliess; wenn ich auch bei einer strengen Durchsicht ein paar weniger wichtige Stellen strich, die in meiner ersten Niederschrift standen, und zwar, weil ich den Tadel fürchtete, ich sei weitschweifig und kleinlich, und dieser beiden Fehler beschuldigt man Reisende gar oft und nicht ohne Recht.

Kapitel II.

Schilderung der Tochter des Pächters. Der Verfasser wird in eine Marktstadt und von dort in eine Hauptstadt gebracht. Die Einzelheiten seiner Reise.

Meine Herrin hatte eine Tochter von neun Jahren, ein fortgeschrittenes Kind für ihr Alter, das mit der Nadel gewandt umzugehn wusste und den Säugling geschickt anzuziehn verstand. Ihre Mutter und sie kamen auf den Gedanken, mir für die Nacht die Wiege des kleinsten Kindes herzurichten. Die Wiege wurde in die Schublade eines grossen Schranks gestellt, und die Schublade wieder aus Furcht vor den Ratten auf ein hängendes Regal. Das blieb mein Bett, solange ich mich bei diesen Leuten aufhielt; freilich wurde es allmählich immer bequemer ausgestattet, je mehr ich nämlich ihre Sprache lernte und meine Wünsche aussprechen konnte. Dieses Mädchen war so behend, dass sie, nachdem ich mich ein- oder zweimal vor ihren Augen ausgezogen hatte, imstande war, mich an- und auszuziehen, obwohl ich sie nie damit belästigte, wenn sie mich das eine oder das andre selbst verrichten lassen wollte. Sie machte mir sieben Hemden und noch einige andre Wäsche, und zwar aus dem feinsten Stoff, der zu finden war, und der denn freilich immer noch gröber blieb als Sackleinewand; und die wusch sie mir beständig mit eignen Händen. Zugleich war sie meine Lehrerin in ihrer Sprache: wenn ich auf irgend etwas deutete, so sagte sie mir, wie es in ihrer Sprache hiess; und auf diese Weise war ich nach wenigen Tagen so weit, dass ich um alles bitten konnte, worauf ich Lust hatte. Sie war sehr gutmütig und nicht über vierzig Fuss hoch, denn sie war klein für ihr Alter. Sie gab mir den Namen ›Grildrig‹, und die Familie und später das ganze Königreich nahmen ihn auf. Das Wort bedeutet etwa das, was die Lateiner Nanunculus nennen, die Italiener Homuncelettino und wir ein Männchen. Ihr verdanke ich es vor allem, wenn ich in jenem Lande am Leben blieb: solange ich dort war, trennten wir uns nie; ich nannte sie meine ›Glumdalklitsch‹ oder meine kleine Amme; und ich würde mich grossen Undanks schuldig machen, wenn ich diese ehrenhafte Erwähnung ihrer Pflege und Liebe ausliesse; ich wollte von Herzen, es läge in meiner Macht, ihr beides zu lohnen, wie sie es verdient, statt das unschuldige, aber auch unglückliche Werkzeug ihrer Schande zu sein, wie ich zu fürchten nur zu viel Grund habe.

Man begann jetzt in der Nachbarschaft zu erfahren und darüber zu reden, dass mein Herr auf dem Feld ein seltsames Tier gefunden habe, das etwa so gross sei wie ein ›Splaknuck‹, aber in allen Teilen genau geformt wie ein menschliches Wesen, das es auch in all seinen Handlungen nachahme: es scheine in einer eignen leisen Sprache zu sprechen, habe bereits mehrere Worte in menschlicher Sprache gelernt, gehe aufrecht auf zwei Beinen, sei zahm und sanft, komme, wenn man es rufe, tue, was man ihm befehle und habe die feinsten Glieder von der Welt und einen Teint, der heller sei als der einer dreijährigen Adelstochter. Ein zweiter Pächter, der ganz in der Nähe wohnte und mit meinem Herrn eng befreundet war, kam eigens zu Besuch, um die Wahrheit dieser Geschichte zu erforschen. Ich wurde sofort herbeigeholt und auf einen Tisch gestellt, wo ich umherging, wie man mir befahl, meinen Hirschfänger zog und wieder in die Scheide stiess, dem Gast meines Herrn meine Reverenz erwies, ihn in seiner eignen Sprache fragte, wie es ihm ginge, und ihm sagte, er sei willkommen; alles genau, wie meine kleine Amme es mich gelehrt hatte. Dieser Mann war alt und kurzsichtig und setzte sich deshalb, um mich besser sehn zu können, eine Brille auf; ich konnte mich bei diesem Anblick nicht enthalten, sehr herzlich zu lachen, denn seine Augen sahen aus, als schiene der Vollmond durch zwei Fenster in ein Zimmer. Unsre Leute, die die Ursache meines Gelächters erkannten, leisteten mir in meiner Heiterkeit Gesellschaft, und der alte Bursche war Narr genug, darüber zornig zu werden und die Fassung zu verlieren. Er stand im Ruf eines grossen Geizhalses, und zu meinem Unglück verdiente er ihn; denn er gab meinem Herrn den verfluchten Rat, mich in der nächsten Stadt am Markttag als Sehenswürdigkeit zu zeigen; diese Stadt lag um einen halbstündigen Ritt, das heisst zweiundzwanzig Meilen von unserm Hause entfernt. Ich erriet, dass Unheil gesponnen wurde, als ich beobachtete, wie mein Herr und sein Freund lange miteinander flüsterten, wobei sie mehrmals auf mich deuteten; und meine Befürchtungen gaben mir den Glauben ein, dass ich ein paar ihrer Worte auffing und verstand. Am nächsten Morgen aber erzählte mir Glumdalklitsch, meine kleine Amme, die ganze Geschichte, die sie listig aus ihrer Mutter herausgelockt hatte. Das arme Kind nahm mich an ihre Brust und begann vor Scham und Schmerz zu weinen. Sie fürchtete, mir würde von Seiten des ungeschlachten und gemeinen Volks, das mich totdrücken und mir eins meiner Glieder brechen mochte, wenn es mich in die Hand nahm, ein Unglück widerfahren. Sie hatte auch bemerkt, wie schamhaft ich von Natur war und wie ängstlich ich über meiner Ehre wachte; und so erkannte sie, als wie unwürdig es mir erscheinen musste, wenn man mich dem gewöhnlichsten Volk als öffentliches Schauspiel für Geld zeigte. Sie sagte, ihr Papa und ihre Mama hätten ihr versprochen, Grildrig sollte ihr gehören; jetzt aber sähe sie, dass sie es zu machen gedächten wie letztes Jahr; da hätten sie ihr ein Lamm geschenkt, und doch hätten sie es, sowie es fett war, an einen Fleischer verkauft. Ich meinesteils kann der Wahrheit gemäss versichern, dass ich weniger besorgt war als meine Amme. Ich hegte die starke Hoffnung, die mich niemals verliess, dass ich eines Tages meine Freiheit zurückgewinnen würde; und was die Schmach anging, dass man mich als ein Ungeheuer herumführen wollte, so überlegte ich mir, dass ich im Lande vollkommen fremd war, und dass man mir aus einem solchen Unglück nie einen Vorwurf würde machen können, wenn ich je nach England heimkehrte; denn in meiner Lage hätte sich selbst der König von Grossbritannien der gleichen Not fügen müssen.

Mein Herr trug mich am nächsten Markttage gemäss dem Rate seines Freundes in einer Schachtel in die Nachbarstadt, und er nahm hinter sich auf einem Sattelkissen seine kleine Tochter mit. Die Schachtel war auf allen Seiten geschlossen und hatte nur eine kleine Tür, durch die ich ein- und ausgehn konnte, und ein paar Bohrlöcher, um die Luft hereinzulassen. Das Mädchen war vorsichtig genug gewesen, die Matratze aus dem Bett des Säuglings hineinzulegen, auf der ich mich lagern konnte. Trotzdem aber wurde ich auf diesem Ritt, wiewohl er nur eine halbe Stunde dauerte, furchtbar durchgeschüttelt und gequält. Denn das Pferd machte bei jedem Schritt etwa vierzig Fuss, und es trabte so hoch, dass die Erschütterung dem Steigen und Sinken eines grossen Schiffs in einem wilden Sturme glich; nur dass sie viel schneller vor sich ging. Unser Ritt ging ein wenig weiter als von London nach St. Albans. Mein Herr sass vor einem Gasthof ab, in dem er zu verkehren pflegte; und nachdem er sich eine Weile mit dem Wirt beraten und ein paar notwendige Vorkehrungen getroffen hatte, dang er den ›Grultrud‹ oder Ausrufer, damit er in der Stadt verkündete, dass im Zeichen des Grünen Adlers ein seltsames Geschöpf zu sehen sei; es sei noch nicht einmal so gross wie ein Splaknuck (ein sehr fein geformtes Tier jenes Landes, dessen Länge etwa sechs Fuss beträgt), gliche aber in jedem Teil seines Körpers vollkommen einem menschlichen Wesen, könne mehrere Worte sprechen und hundert unterhaltende Kunststücke ausführen.

Ich wurde im grössten Zimmer des Gasthofs auf einen Tisch gestellt; das Zimmer mochte an die dreihundert Fuss im Geviert gross sein. Meine kleine Amme stand auf einem Schemel dicht am Tisch, um auf mich acht zu geben und zu bestimmen, was ich tun sollte. Mein Herr wollte, um ein Gedränge zu vermeiden, nur dreissig Leute auf einmal einlassen, um mich zu besichtigen. Ich ging auf dem Tisch umher, wie mir das Mädchen befahl, sie stellte mir Fragen, soweit, wie sie wusste, mein Verständnis für ihre Sprache reichte, und ich beantwortete sie, so laut ich konnte. Ich wandte mich mehrmals im Kreise vor der Gesellschaft herum, wobei ich den Leuten meinen demütigen Gruss entbot, ihnen sagte, sie seien willkommen, und noch ein paar weitere Worte machte, die man mich gelehrt hatte. Ich nahm ein Schnapsglas voll Wein, das Glumdalklitsch mir als Becher gegeben hatte, und trank auf ihre Gesundheit. Ich zog meinen Hirschfänger und schwang ihn nach Art der Fechter in England. Dann gab meine Amme mir ein Stück von einem Strohhalm, das ich als Lanze benutzte, denn diese Kunst hatte ich in meiner Jugend gelernt. Ich wurde an jenem Tage zwölf Abteilungen gezeigt, und jedesmal musste ich dieselben Narreteien von neuem durchmachen, bis ich vor Ermüdung und Verdriesslichkeit halb tot war. Denn alle, die mich gesehn hatten, gaben über mich so wunderbare Berichte, dass die Leute bereit waren, die Türen zu sprengen, um nur hereinzukommen. Mein Herr wollte in seinem eignen Interesse nicht dulden, dass mich ausser meiner Amme irgend jemand berührte; und um jede Gefahr zu beseitigen, wurden die Bänke rings um den Tisch in einer Entfernung aufgestellt, die mich jedermanns Armbereich entrückte. Ein unglücklicher Schuljunge jedoch warf eine Haselnuss nach meinem Kopf, die mich nur eben fehlte; sie flog mit solcher Gewalt, dass sie mir sonst unfehlbar das Gehirn aus dem Schädel gespritzt hätte, denn sie war fast so gross wie ein kleiner Kürbis: ich hatte freilich die Genugtuung, zu sehen, wie der kleine Schlingel hübsch verprügelt und zum Zimmer hinausgeworfen wurde.

Mein Herr liess öffentlich verkünden, dass er mich am nächsten Markttag wieder zeigen würde, und inzwischen richtete er ein bequemeres Transportmittel für mich her; dazu hatte er denn auch allen Grund, denn der erste Ritt und die Anstrengung, fast acht Stunden hintereinander eine Gesellschaft zu unterhalten, hatten mich so ermüdet, dass ich kaum noch auf den Beinen stehn oder ein Wort reden konnte. Es dauerte wenigstens drei Tage, bis ich meine Kraft wiedererlangte; und um mir auch zuhause keine Ruhe mehr zu lassen, kamen jetzt all die benachbarten Gutsbesitzer aus einem Umkreis von hundert Meilen, als sie von meinem Ruf hörten, auf den Hof meines Herrn, um mich anzusehn. Es waren gewiss nicht weniger als dreissig Personen mit ihren Weibern und Kindern (denn das Land ist sehr dicht bevölkert), und mein Herr verlangte, so oft er mich zu Hause zeigte, den Preis eines vollen Zimmers, wenn auch nur eine einzige Familie zugegen war; so hatte ich denn eine Weile hindurch an keinem Tage der Woche (ausser am Mittwoch, denn das ist ihr Sabbath) viel Ruhe, obwohl ich nicht in die Stadt geführt wurde.

Als nun mein Herr herausfand, wie viel Geld ich ihm wahrscheinlich eintragen würde, beschloss er, mich in die wichtigsten Städte des Königreichs zu führen. Nachdem er sich also mit allem, was für eine lange Reise nötig ist, versehn und sein Heim bestellt hatte, nahm er Abschied von seinem Weibe; und am 17. August 1703, etwa zwei Monate nach meiner Landung, brachen wir nach der Hauptstadt auf, die etwa in der Mitte jenes Reiches liegt und um etwa dreitausend Meilen von unserm Hause entfernt. Mein Herr nahm wieder seine Tochter Glumdalklitsch hinter sich. Sie hielt mich auf dem Schoss, und zwar in einer Schachtel, die sie sich um den Gürtel gebunden hatte. Das Mädchen hatte sie auf allen Seiten mit dem weichsten Tuch, das sie finden konnte, bespannt und das Tuch mit dicken Polstern unterlegt; sie hatte auch das Säuglingsbett hineingetan und mich mit Wäsche und andern Dingen versehn, kurz, alles so bequem gemacht, wie sie nur konnte. Wir hatten keine andre Gesellschaft bei uns, als einen Burschen vom Hause, der mit dem Gepäck hinter uns her ritt.

Es war die Absicht meines Herrn, mich unterwegs in allen Städten zu zeigen und selbst um fünfzig oder hundert Meilen vom Wege abzuweichen, wenn er in einem Dorf oder im Hause eines Mannes von Stande Zuspruch erwarten konnte. Wir machten bequeme Tagesritte von nicht über hundertvierzig bis hundertsechzig Meilen am Tage; denn um mich zu schonen, klagte Glumdalklitsch, dass der Trab des Pferdes sie ermüdete. Sie nahm mich oft aus meiner Schachtel heraus, um mir auf meinen eignen Wunsch Luft zu gönnen und mir das Land zu zeigen; immer aber hielt sie mich an einem Leitseil fest. Wir kamen über fünf oder sechs Flüsse hinweg, die viele Male breiter und tiefer waren als der Nil oder der Ganges; und kaum ein Bächlein war so schmal wie die Themse bei London-Bridge. Wir brauchten zehn Wochen zu unsrer Reise, und ich wurde in achtzehn grossen Städten gezeigt, abgesehn von vielen Dörfern und Privathäusern.

Am sechsundzwanzigsten Oktober kamen wir in der Metropole an, die in ihrer Sprache Lorbrulgrud oder Stolz des Weltalls hiess. Mein Herr nahm Wohnung in der Hauptstrasse der Stadt, nicht weit vom königlichen Palast, und hing Ankündigungen in der gewöhnlichen Form aus, die eine genaue Schilderung meiner Erscheinung und meiner Gaben enthielt. Er mietete einen grossen Saal, der drei bis vierhundert Fuss breit war. Er besorgte sich einen Tisch von sechzig Fuss Durchmesser, auf dem ich meine Rolle spielen sollte, und umgab ihn mit einem Geländer, dass drei Fuss vom Rand entfernt und ebensoviel hoch war, damit ich nicht hinunterfallen konnte. Zehnmal am Tage wurde ich zum Staunen und zur Befriedigung aller Leute gezeigt. Ich konnte die Sprache jetzt recht gut sprechen und verstand jedes Wort, das man zu mir sprach. Ausserdem hatte ich ihr Alphabet gelernt, und es gelang mir, hier und dort einen Satz zu erklären; denn Glumdalklitsch hatte mich, solange wir zuhause waren, und selbst in den Mussestunden während der Reise stets unterrichtet. Sie trug ein kleines Buch in der Tasche, das nicht viel grösser war als ein Altas; es war eine Abhandlung für den Gebrauch junger Mädchen, das einen kurzen Abriss ihrer Religion gab: darin lehrte sie mich lesen, indem sie mir die Worte auslegte.

Kapitel III.

Der Verfasser wird an den Hof geholt. Die Königin kauft ihn seinem Herrn, dem Pächter, ab, und schenkt ihn dem König. Er disputiert mit Seiner Majestät grossen Gelehrten. Dem Verfasser wird bei Hofe ein Gemach eingerichtet. Er gewinnt sich die besondre Gunst der Königin. Er tritt für die Ehre seines Heimatlandes ein. Seine Streitigkeiten mit dem Zwerg der Königin.

Die häufigen Anstrengungen, die ich jeden Tag zu ertragen hatte, riefen innerhalb weniger Wochen einen vollständigen Wandel in meinem Befinden hervor: je mehr mein Herr durch mich verdiente, um so unersättlicher wurde er. Ich hatte meinen Appetit vollständig eingebüsst und war fast zum Skelett geworden. Der Pächter bemerkte das sehr wohl, und da er daraus schloss, dass ich sterben würde, so beschloss er, noch soviel aus mir herauszuschlagen, wie er nur konnte. Während er nun bei sich selber solchen Gedanken nachhing und diese Entschlüsse fasste, kam ein Slardral oder Kammerherr vom Hofe und befahl meinem Herrn, mich auf der Stelle zur Unterhaltung der Königin und ihrer Damen dorthin zu bringen. Einige dieser Damen hatten mich schon besichtigt und seltsame Dinge über meine Schönheit, mein gutes Benehmen und meinen Verstand berichtet. Ihre Majestät und deren Umgebung waren über die Massen entzückt von meinem Auftreten. Ich liess mich auf die Knie nieder und bat um die Ehre, Ihren Kaiserlichen Fuss küssen zu dürfen; aber die huldreiche Fürstin hielt mir (nachdem ich auf einen Tisch gesetzt worden war) ihren kleinen Finger hin, den ich mit beiden Armen umschlang, wobei ich seine Spitze in höchster Ehrfurcht an die Lippen drückte. Sie stellte mir ein paar allgemeine Fragen über meine Heimat und meine Reisen, und ich antwortete so deutlich und mit so wenig Worten, wie ich nur konnte. Sie fragte, ob ich mich freuen würde, wenn ich bei Hofe leben sollte. Ich verbeugte mich bis zum Rand des Tisches und erwiderte in Demut, ich sei der Sklave meines Herrn, aber wenn ich über mich selbst verfügen könnte, so würde ich stolz darauf sein, mein Leben dem Dienst Ihrer Majestät zu widmen. Da fragte sie meinen Herrn, ob er bereit sei, mich um einen guten Preis zu verkaufen. Er, der besorgte, ich hätte keinen Monat mehr zu leben, war ganz damit einverstanden, sich von mir zu trennen, und verlangte tausend Goldstücke, die ihm auf der Stelle angewiesen wurden; jedes Goldstück war etwa so gross wie achthundert Moidors; wenn man aber in Betracht zieht, in welchem Verhältnis alle Dinge jenes Landes zu denen Europas stehn und wie teuer sie unter ihnen sind, so entsprach die Summe kaum der von tausend Guineen in England. Dann sagte ich zu der Königin, da ich jetzt Ihrer Majestät demütigstes Geschöpf und ihr Vasall sei, so müsse ich um die Gunst bitten, dass Glumdalklitsch, die mich stets mit soviel Sorgfalt und Güte gepflegt und das so trefflich gelernt hätte, ebenfalls in ihren Dienst aufgenommen würde, damit sie auch fernerhin meine Amme und meine Lehrerin bliebe. Ihre Majestät bewilligte meine Bitte und erlangte leicht des Pächters Einwilligung, denn er war nur zu froh, seine Tochter in einer Hofstellung zu sehn; und auch das arme Mädchen selbst vermochte ihre Freude nicht zu verbergen. Mein ehemaliger Herr zog sich zurück, indem er Abschied von mir nahm und sagte, er lasse mich in einem guten Dienst zurück; ich erwiderte ihm kein Wort, sondern machte ihm nur eine leichte Verbeugung.

Die Königin bemerkte meine Kühle und fragte mich, als der Pächter das Gemach verlassen hatte, nach dem Grunde. Ich erkühnte mich, Ihrer Majestät zu sagen, dass ich meinem ehemaligen Herrn für sonst nichts verpflichtet sei, als dass er einem armen, harmlosen Geschöpf, das er zufällig in seinen Feldern fand, nicht den Kopf zerschlagen habe; diese Verpflichtung aber habe ich reichlich wett gemacht durch den Verdienst, den ich ihm gebracht hätte, als er mich durch das halbe Königreich hin sehn liess, sowie auch durch den Erlös, um den er mich jetzt verkauft hätte. Das Leben, das ich seither geführt habe, sei mühselig genug gewesen, um auch ein Tier von der zehnfachen Kraft zu töten. Meine Gesundheit sei schwer geschädigt durch die beständige Sklaverei, während ich zu jeder Stunde des Tages hätte den Pöbel amüsieren müssen; und hätte nicht mein Herr mein Leben bereits für gefährdet gehalten, so würde Ihre Majestät mich vielleicht nicht so billig bekommen haben. Da ich aber jetzt von jeder Furcht vor schlechter Behandlung befreit sei und unter dem Schutz einer so grossen und guten Kaiserin stände, die die Zierde der Natur, der Liebling der Welt, die Wonne ihrer Untertanen und der Phönix der Schöpfung sei, so hoffe ich auch, dass meines ehemaligen Herrn Befürchtungen sich als unbegründet erweisen würden, zumal ich bereits merke, dass durch den Einfluss ihrer erhabensten Gegenwart meine Lebensgeister neu erfrischt seien.

Das war der Inhalt meiner Rede, die ich mit viel Ungeschicklichkeiten und unter vielem Zögern vortrug; die zweite Hälfte war ganz in dem Stil gehalten, der jenem Volke eigen ist und von dem ich durch Glumdalklitsch ein paar Wendungen gelernt hatte, während sie mich an den Hof trug.

Die Königin war, obwohl sie mit meiner mangelhaften Redeweise grosse Nachsicht haben musste, doch erstaunt, in einem so winzigen Wesen soviel Witz und Verstand zu finden. Sie nahm mich selbst in die Hand und trug mich zum König, der sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Da Seine Majestät, ein Fürst von grosser Würde und strengem Gesichtsausdruck, meine Gestalt auf den ersten Blick nicht genauer beachtete, so fragte er die Königin in kühlem Ton, seit wann sie sich in Splaknucks verliebt habe: denn für einen solchen hielt er mich offenbar, als ich in der rechten Hand Ihrer Majestät auf meiner Brust lag. Die Fürstin aber, die viel Sinn für Witz und Humor hat, setzte mich sanft mit den Füssen auf den Schreibtisch und befahl mir, Seiner Majestät über mich selbst Bericht zu erstatten, was ich auch in wenig Worten tat; und Glumdalklitsch, die an der Tür des Arbeitszimmers stand, da sie es nicht ertragen konnte, mich aus den Augen zu lassen, bestätigte, als sie hereingerufen wurde, alles, was seit meiner Ankunft in ihres Vaters Hause geschehn war.

Der König ist zwar ein so gelehrter Mann wie nur irgend einer in seinem Reich, und er war im Studium der Philosophie und besonders der Mathematik emporgewachsen; als er aber meine Gestalt genauer ansah und erkannte, dass ich aufrecht ging, dachte er, ehe ich zu reden begann, dass ich wohl eine Art Uhrwerk sein möchte (in solchen Dingen hat man es in jenem Lande zu grosser Vollkommenheit gebracht), ersonnen von einem scharfsinnigen Künstler. Doch als er meine Stimme hörte und erkannte, dass, was ich sagte, den Regeln und der Vernunft entsprach, konnte er sein Staunen nicht mehr verbergen. Er war keineswegs mit dem Bericht zufrieden, den ich über die Art gab, wie ich in sein Reich gekommen war, sondern hielt ihn für eine zwischen Glumdalklitsch und ihrem Vater vereinbarte Geschichte, die mich eine Reihe von Worten gelehrt hätten, um mich zu einem höheren Preise verkaufen zu können. In diesem Gedanken stellte er mir noch mehrere andre Fragen; und wieder erhielt er vernünftige Antworten, die nur infolge eines ausländischen Akzents und einer unvollkommenen Kenntnis der Sprache mangelhaft waren und ferner ein paar bäurische Wendungen enthielten, wie ich sie im Hause des Pächters gelernt hatte und wie sie nicht zu dem gebildeten Stil bei Hofe passten.

Seine Majestät schickte nach drei grossen Gelehrten, die gerade nach der Sitte jenes Landes ihren wöchentlichen Dienst versahen. Nachdem diese Herren meine Gestalt eine Weile mit grosser Genauigkeit untersucht hatten, kamen sie zu einer verschiedenen Ansicht über mich. Sie waren sich darin einig, dass ich nicht nach den gewöhnlichen Naturgesetzen erzeugt sein könnte, denn ich sei in keiner Weise imstande, mein Leben zu verteidigen, weder durch Geschwindigkeit, noch durch die Fähigkeit, Bäume zu erklettern oder Löcher in die Erde zu graben. Sie erkannten an meinen Zähnen, die sie sich sehr sorgfältig ansahn, dass ich ein fleischfressendes Tier war; da mir aber die meisten Vierfüsser überlegen seien, die Feldmäuse jedoch nebst einigen andern zu behend, so könnten sie sich nicht denken, wie ich imstande sein sollte, mich zu erhalten, es sei denn, ich nährte mich von Schnecken und andern Insekten; dass ich das aber auch unmöglich tun könnte, machten sie sich anheischig, durch viele gelehrte Argumente zu beweisen. Einer dieser Kenner schien zu glauben, ich könnte wohl ein Embryo sein oder eine Fehlgeburt. Aber diese Ansicht wiesen die beiden andern zurück, da sie sahen, wie vollkommen und ausgebildet meine Glieder waren, zumal ich bereits eine Reihe von Jahren gelebt haben musste, wie es aus meinem Bart erhellte, dessen Stoppeln sie durch ein Vergrösserungsglas deutlich erkennen konnten. Sie wollten nicht zugeben, dass ich ein Zwerg sei, da ich über jeden Vergleich hinaus klein war; denn selbst der Lieblingszwerg der Königin, der kleinste, von dem man in jenem Königreich je gehört hatte, war noch annähernd dreissig Fuss hoch. Nach langen Debatten zogen sie schliesslich den einstimmigen Schluss, ich sei nur ein »Relplum Skalkath«, was wörtlich übersetzt »lusus naturae« heisst; eine Definition, die der modernen europäischen Philosophie sehr genehm sein muss; haben doch deren Bekenner, die alte Ausflucht der »verborgenen Ursachen«, mit der die Nachfolger des Aristoteles vergebens ihre Unwissenheit zu verkleiden suchen, verschmähend, gleichfalls eben diese wundervolle Lösung aller Schwierigkeiten erfunden, und zwar zum unsäglichen Nutzen alles menschlichen Wissens.

Nach diesen entscheidenden Schlussfolgerungen bat ich, auf ein oder zwei Worte gehört zu werden. Ich wandte mich an den König und versicherte Seiner Majestät, dass ich aus einem Lande käme, das voll sei von mehreren Millionen Leuten beiderlei Geschlechts und meiner eignen Statur; die Tiere, Bäume und Häuser entsprächen dort meinen Verhältnissen, und also sei ich dort ebenso gut imstande, mich zu verteidigen und meinen Lebensunterhalt zu finden, wie hier nur irgend einer der Untertanen Seiner Majestät; das halte ich für eine ausreichende Antwort auf die Argumente dieser Herrn. Sie erwiderten nur mit einem verächtlichen Lächeln und sagten, der Pächter hätte mir meine Lektion gut beigebracht. Der König, der einen weit bessern Verstand besass, entliess seine Gelehrten und schickte nach dem Pächter, der zum Glück die Stadt noch nicht verlassen hatte. Nachdem er ihn also zunächst allein verhört und ihn dann mir und dem Mädchen gegenübergestellt hatte, begann Seine Majestät allmählich zu glauben, es könnte doch wohl wahr sein, was wir ihm erzählten. Er bat die Königin, anzuordnen, dass man ganz besonders für mich sorgen sollte; er war der Ansicht, dass Glumdalklitsch auch ferner ihr Amt als meine Pflegerin behalten müsste, da er wohl sah, dass wir sehr aneinander hingen. Ihr wurde ein passendes Gemach im Palast eingeräumt, und es wurde eine Art Gouvernante ernannt, die für ihre Erziehung sorgen sollte; ferner eine Zofe, die sie anzukleiden hatte, und zwei weitere Dienstboten für niedrige Dienste; die Sorge für mich aber wurde ausschliesslich ihr anvertraut. Die Königin befahl ihrem eignen Schranktischler, nach einem Muster, über das Glumdalklitsch und ich uns einigen würden, eine Schachtel zu entwerfen, die mir als Schlafzimmer dienen sollte. Dieser Mann war ein geistvoller Künstler, und nach meinen Anweisungen vollendete er in drei Wochen ein hölzernes Gemach von sechzehn Fuss im Geviert und zwölf Fuss Höhe mit Schiebefenstern, einer Tür und zwei Kabinetten, das einem Londoner Schlafzimmer glich. Das Brett, aus dem die Decke bestand, liess sich in zwei Scharnieren auf und ab bewegen, um ein Bett hineinsetzen zu können, das von Ihrer Majestät Tapezierer fertig geliefert wurde; Glumdalklitsch setzte es jeden Tag aussen in die frische Luft, machte es mit eigner Hand und setzte es abends wieder hinein, indem sie das Dach über mir schloss. Ein geschickter Handwerker, der wegen kleiner Kuriositäten berühmt war, unternahm es, mir aus einem Material, das dem Elfenbein nicht unähnlich war, zwei Stühle mit Rücken- und Seitenlehnen, zwei Tische und einen Schrank zu machen, in den ich meine Kleider legen konnte. Das Zimmer war auf allen Seiten gepolstert, und ebenso auf dem Boden und unter der Decke; man wollte verhindern, dass mir durch die Unvorsichtigkeit derer, die mich trugen, etwas widerfahren könnte, und die Gewalt der Stösse brechen, wenn ich etwa in einer Kutsche sass. Ich bat um ein Schloss für meine Tür, um Ratten und Mäuse am Eindringen hindern zu können; und nach mehreren Versuchen machte mir der Schmied das kleinste, das man je unter ihnen gesehn hatte; und freilich ist mir am Tor des Hauses eines englischen Landedelmanns schon ein grösseres vorgekommen. Ich richtete es so ein, dass ich den Schlüssel in einer meiner eignen Taschen tragen konnte, denn ich fürchtete, Glumdalklitsch möchte ihn verlieren. Die Königin bestellte ferner die feinsten Seidenstoffe, die zu finden waren, um mir Kleider machen zu lassen; sie waren nicht viel dicker, als eine wollne Bettdecke in England, aber bis ich mich an sie gewöhnt hatte, sehr hinderlich. Sie waren gemacht nach der Mode des Reiches, die einerseits an die persische, andrerseits an die chinesische erinnert und eine sehr würdige und anständige Gewandung ergibt.

Die Königin gewann meine Gesellschaft so lieb, dass sie nicht mehr ohne mich speisen konnte. Es wurde auf die Tafel, an der Ihre Majestät ass, an ihrem linken Ellbogen für mich ein Tisch gestellt, und ebenso ein Stuhl, auf dem ich sitzen konnte. Glumdalklitsch stand dicht bei meinem Tisch auf einem Schemel am Boden, um mir zu helfen und auf mich zu achten. Ich hatte einen ganzen Satz silberner Schüsseln und Teller nebst allem andern Gerät, das im Verhältnis zu dem der Königin nicht viel grösser war als jenes für die Einrichtung eines Puppenhauses, wie ich es in ähnlicher Art in einem Londoner Spielwarenladen gesehn habe: meine kleine Amme bewahrte es in einer silbernen Dose in ihrer Tasche auf und gab mir bei den Mahlzeiten, was ich brauchte; sie säuberte es immer selbst. Mit der Königin speiste niemand ausser den beiden königlichen Prinzessinnen, deren ältere damals sechzehn, die jüngere aber dreizehn Jahre und einen Monat alt war. Ihre Majestät pflegte mir ein Stück Fleisch auf eine meiner Schüsseln zu legen, und ich schnitt mir davon ab, wobei es ihr ganzes Vergnügen ausmachte, mich in Miniatur essen zu sehn. Denn die Königin (die freilich nur einen schwachen Magen hatte) nahm auf einen Bissen soviel, wie in England ein Dutzend Pächter in einer Mahlzeit zu essen vermochten, was für mich eine Zeitlang ein sehr ekelhafter Anblick war. Sie zermalmte den Flügel einer Lerche mitsamt den Knochen zwischen ihren Zähnen, obwohl er neunmal so gross war wie der eines ausgewachsenen Truthahns; und sie schob sich ein Stück Brot in den Mund, das so dick war wie zwei Zwölfgroschenlaibe. Aus einem goldnen Becher trank sie mehr als ein Oxhoft mit jedem Schluck. Ihre Messer waren zweimal so lang wie eine Sense, die man gerade an ihren Stiel gesetzt hätte. Die Löffel, Gabeln und andern Geräte waren dementsprechend. Ich entsinne mich, wie ich, als Glumdalklitsch mich zu einer der Tafeln im Palast trug, die ich zu sehn begierig war und an der zehn oder zwölf dieser ungeheuren Messer und Gabeln gleichzeitig gehoben wurden, glaubte, in meinem ganzen Leben noch keinen so entsetzlichen Anblick gehabt zu haben.

Es ist Sitte, dass der König und die Königin mit dem königlichen Nachwuchs beiderlei Geschlechts an jedem Mittwoch (denn, wie ich schon bemerkt habe, ist das ihr Sabbath) im Gemach Seiner Majestät, bei dem ich jetzt in hoher Gunst stand, gemeinsam speisen; und jedesmal wurden mein kleiner Stuhl und mein Tisch zur Linken des Königs vor einem der Salznäpfe aufgestellt. Es machte dem Fürsten Vergnügen, sich mit mir zu unterhalten und sich nach den Sitten, der Religion, den Gesetzen, der Regierung und der Gelehrsamkeit in Europa zu erkundigen; ich gab ihm, so gut ich konnte, über alles Auskunft. Seine Fassungskraft war so klar und sein Urteil so scharf, dass er sehr kluge Anmerkungen und Betrachtungen zu allem anstellte, was ich sagte. Aber ich gestehe, wenn ich ein wenig zu wortreich geworden war im Bericht über meine geliebte Heimat, über unsern Handel und unsre Kriege zur See und zu Lande, über unsre Spaltungen in der Religion und unsre Parteien im Staat, dann überwältigten ihn die Vorurteile seiner Erziehung doch so stark, dass er es sich nicht versagen konnte, mich in die rechte Hand zu nehmen, mich mit der andern sanft zu streicheln und nach einem herzlichen Lachanfall zu fragen, ob ich liberal sei oder konservativ. Und indem er sich zu seinem ersten Minister wandte, der mit einem weissen Stabe von annähernd der Grösse des Mastes auf dem »Royal Sovereign« hinter ihm stand, bemerkte er, wie verächtlich die menschliche Grösse doch sei, da so winzige Insekten, wie ich, sie nachzuäffen vermöchten; »und doch«, sagte er, »möchte ich wetten, dass diese Geschöpfe ihre Titel und Ehrenauszeichnungen haben, und sie schaffen sich kleine Nester und Bauten, die sie Häuser und Städte nennen; sie spielen eine Rolle in ihren Kleidern und Equipagen; sie heben und kämpfen, sie streiten sich, betrügen und verraten.« Und so fuhr er fort, während ich bald erblich, bald errötete vor Entrüstung, da ich unser edles Land, die Herrin der Künste und Waffen, die Geissel Frankreichs, die Schiedsrichterin Europas, den Sitz der Tugend, der Frömmigkeit und Wahrhaftigkeit, den Stolz und den Gegenstand des Neides der ganzen Welt, so verächtlich behandeln hörte.

Doch ich war nicht in der Lage, empfangenen Schimpf nachtragen zu können, und also begann ich nach reiflicher Überlegung daran zu zweifeln, ob ich überhaupt beschimpft worden war oder nicht. Denn nachdem ich mich seit mehreren Monaten an den Anblick und den Verkehr dieser Leute gewöhnt und erkannt hatte, dass alles, worauf mein Blick fiel, von entsprechender Grösse war, hatte sich das Grauen, das ihr Umfang und ihr Anblick mir zunächst eingeflösst hatten, so weit abgeschliffen, dass ich, die Wahrheit zu sagen, in Versuchung gewesen wäre, ebenso kräftig zu lachen, wie der König und seine Grossen über mich lachten, wenn ich damals eine Gesellschaft englischer Grosser mit ihren Damen erblickt hätte, wie sie in ihrem Putz und ihren Geburtstagskleidern auf die höfischste Weise ihre verschiedenen Rollen spielen und sich spreizen und verbeugen und schwätzen. Und wahrlich, ich konnte mich nicht enthalten, über mich selber zu lächeln, wenn die Königin mich auf ihrer Hand vor einen Spiegel hielt, so dass mir unsre beiden Erscheinungen in voller Grösse vor Augen traten; und freilich konnte nichts lächerlicher wirken als dieser Vergleich; so dass ich tatsächlich zu glauben anfing, ich sei um viele Grade unter meine eigne Grösse zusammengeschrumpft.

Nichts erzürnte und demütigte mich so sehr wie der Zwerg der Königin, der den niedrigsten Wuchs besass, den man je in jenem Reich gesehn hatte (ich glaube, er war wirklich nicht einmal dreissig Fuss hoch) und deshalb unverschämt wurde, als er ein Geschöpf sah, das so viel kleiner war als er; er pflegte sich stets aufzublähn und sich ein stolzes Ansehn zu geben, wenn er im Vorzimmer der Königin, wo ich auf einem Tisch stand und mit den grossen Herrn oder Damen vom Hofe sprach, an mir vorüberkam; und selten versagte er sich ein oder zwei scharfe Worte über meine Kleinheit; ich aber konnte mich nur dadurch rächen, dass ich ihn meinen Bruder nannte und ihn zum Ringkampf herausforderte und was dergleichen Erwiderungen im Munde der Hofpagen mehr sind. Eines Tages war dieser boshafte kleine Kerl bei Tisch so erbittert über irgend etwas, was ich zu ihm gesagt hatte, dass er sich an der Stuhllehne Ihrer Majestät emporhob, mich beim Gürtel ergriff, als ich mich, nichts Arges denkend, setzte, und mich in eine grosse silberne Schale voll Rahm warf, um dann, so schnell er konnte, davonzulaufen. Ich versank bis über die Ohren im Rahm, und wäre ich nicht ein guter Schwimmer gewesen, so hätte es mir schlimm ergehn können; denn Glumdalklitsch stand gerade am andern Ende des Zimmers, und die Königin war so erschrocken, dass sie nicht die Geistesgegenwart besass, mir zu Hilfe zu kommen. Aber meine kleine Amme lief herbei und holte mich heraus, nachdem ich schon über einen Viertelliter Rahm geschluckt hatte. Ich wurde ins Bett gebracht, erlitt aber keinen weitern Schaden, als dass mein Gewand vollständig verdorben war. Der Zwerg wurde gebührend durchgepeitscht und zur weiteren Strafe gezwungen, die Schale voll Rahm, in die er mich geworfen hatte, auszutrinken: auch wurde er nie wieder in Gnaden aufgenommen, denn bald darauf schenkte die Königin ihn einer Dame von hohem Stande, so dass ich ihn zu meiner grossen Genugtuung nicht mehr sah; denn ich konnte nicht wissen, wie weit ein so boshafter Knirps in seinem Groll gehn mochte.

Er hatte mir schon vorher einmal einen erbärmlichen Streich gespielt, über den die Königin lachen musste, obwohl sie sich zugleich von Herzen ärgerte und ihn auf der Stelle fortgejagt hätte, wäre ich nicht so grossmütig gewesen, mich ins Mittel zu legen. Ihre Majestät hatte sich einen Markknochen auf den Teller genommen, und nachdem sie das Mark herausgeklopft hatte, stellte sie den Knochen aufrecht, wie er zuvor gestanden hatte, in die Schüssel zurück. Der Zwerg wartete auf den Augenblick, als Glumdalklitsch zum Anrichtetisch ging, stieg auf den Schemel, auf dem sie stand, wenn sie bei Tische auf mich acht gab, fasste mich mit beiden Händen, drückte meine Beine zusammen und zwängte sie bis über meine Hüften in den Markknochen hinein, in dem ich eine Weile stecken blieb und eine sehr lächerliche Figur abgab. Ich glaube, es dauerte fast eine Minute, bevor irgend jemand merkte, was mit mir geschehn war, denn ich hielt es für unter meiner Würde, zu schreien. Da jedoch Fürsten ihre Speisen selten heiss erhalten, so wurden mir die Beine nicht versengt, nur waren meine Strümpfe und meine Hose in schlimmer Verfassung. Der Zwerg erhielt auf meine Bitte keine andre Strafe als eine tüchtige Tracht Prügel.

Oft zog die Königin mich wegen meiner Furchtsamkeit auf, und sie pflegte mich zu fragen, ob die Leute in meiner Heimat alle solche Feiglinge seien wie ich. Der Anlass war dieser: das Königreich wird im Sommer sehr von Fliegen heimgesucht; und diese scheusslichen Insekten, deren jedes so gross war wie eine Lerche, liessen mir kaum jemals Ruhe, wenn ich bei Tisch sass, so summten und brummten sie mir um die Ohren. Bisweilen setzten sie sich auf meine Speisen und liessen dort ihre ekelhaften Exkremente oder Eier zurück, die mir sehr sichtbar waren, wenn auch den Eingebornen jenes Landes nicht; denn ihre grossen Augen waren nicht so scharf wie meine, wo es galt, kleinere Dinge zu sehn. Bisweilen flogen sie mir auf die Nase oder die Stirn, und dann stachen sie mich sehr schmerzhaft; und sie rochen höchst unangenehm, und ich konnte leicht jene klebrige Masse erkennen, die diese Geschöpfe, wie unsre Naturforscher uns lehren, befähigt, mit den Füssen nach oben eine Decke entlang zu laufen. Ich hatte viel zu tun, um mich gegen diese abscheulichen Tiere zu verteidigen, und ich konnte ein Zusammenschrecken nicht unterdrücken, wenn sie mir aufs Gesicht kamen. Der Zwerg hatte es sich angewöhnt, eine Anzahl dieser Insekten mit der Hand zu fangen, wie es bei uns die Schuljungen tun, und sie dann plötzlich unter meiner Nase in Freiheit zu setzen; all das eigens, um mich zu erschrecken und die Königin zu amüsieren. Meine Abwehr war die, dass ich sie mit meinem Messer in Stücke schnitt, während sie durch die Luft hin flogen; meine Gewandtheit darin wurde viel bewundert.

Ich entsinne mich, dass eines Morgens, als Glumdalklitsch mich in meiner Schachtel auf ein Fensterbrett gesetzt hatte, wie sie es an schönen Tagen in der Regel tat, damit ich frische Luft schöpfen konnte (denn ich wagte die Schachtel nicht vor dem Fenster an einen Nagel hängen zu lassen, wie wir es in England mit Käfigen tun), und als ich eins meiner Fenster geöffnet und mich an meinen Tisch gesetzt hatte, um einen Brocken süssen Kuchens zum Frühstück zu essen, von dem Duft gelockt, etwa zwanzig Wespen ins Zimmer geflogen kamen, die lauter summten als ebensoviel Basspfeifen am Dudelsack. Einige von ihnen packten meinen Kuchen und trugen ihn in Brocken davon; andre umflogen mir Kopf und Gesicht und machten mich ganz wirr mit dem Geräusch, während ich zugleich vor ihren Stacheln in höchster Angst schwebte. Ich hatte aber trotzdem den Mut, aufzustehn, meinen Hirschfänger zu ziehn und sie in der Luft anzugreifen. Vier von ihnen erschlug ich, aber der Rest entkam, und ich schloss alsbald mein Fenster. Diese Insekten waren so gross wie Rebhühner; ich zog ihnen ihren Stachel heraus und sah, dass er anderthalb Zoll lang und nadelscharf war. Ich bewahrte sie alle sorgfältig auf, und nachdem ich sie später mit manchen andern Kuriositäten in den verschiedenen Gegenden Europas gezeigt hatte, schenkte ich drei davon dem Gresham-College, den vierten aber habe ich selbst behalten.

Kapitel IV.

Schilderung des Landes. Ein Vorschlag zur Verbesserung moderner Landkarten. Der Palast des Königs und eine Übersicht über die Hauptstadt. Die Art, wie der Verfasser reiste. Schilderung des wichtigsten Tempels.

Ich gedenke dem Leser jetzt eine kurze Beschreibung dieses Landes zu geben, so weit ich es bereist habe; freilich bin ich nicht über einen Umkreis von zweitausend Meilen rings um Lorbrulgrud, die Hauptstadt, hinausgekommen. Denn die Königin, die ich stets begleitete, ging nie weiter mit, wenn sie den König auf seinen Fahrten Gesellschaft leistete, und wartete dann, bis Seine Majestät von der Besichtigung seiner Grenzen zurückkam. Das ganze Gebiet der Herrschaft dieses Fürsten erstreckt sich über eine Länge von etwa sechstausend Meilen und über eine Breite von drei- bis fünftausend. Ich kann daraus nur das eine schliessen, dass unsre europäischen Geographen sich in einem schweren Irrtum befinden, wenn sie zwischen Japan und Kalifornien nichts als Meer annehmen; es war auch von je meine Meinung, dass das grosse tartarische Festland ein Gegenstück an Land haben müsste, das ihm das Gleichgewicht hält; und also sollten sie ihre Landkarten verbessern, indem sie diesen ungeheuren Landstrich an die nordwestlichen Teile Amerikas anhängen, wobei ich ihnen gern meine Hilfe leihen werde.

Das Königreich ist eine Halbinsel, die nach Nordosten durch einen dreissig Meilen hohen Bergrücken abgeschlossen wird; dieses Gebirge ist vermöge der Vulkane auf seinen Höhen völlig unpassierbar. Auch wissen die Gelehrtesten nicht, was für Sterbliche jenseits dieser Berge wohnen und ob jene Gegenden überhaupt bewohnt sind. Auf den drei andern Seiten wird sie vom Meer begrenzt. Im ganzen Königreich gibt es nicht einen einzigen Hafen, und jene Teile der Küste, wo die Flüsse münden, sind so voll von spitzigen Felsen, dass man sich nicht mit dem kleinsten ihrer Boote hinauswagen kann und also ist dieses Volk von jedem Verkehr mit dem Rest der Welt völlig abgeschlossen. Aber die breiten Ströme liegen voller Fahrzeuge und sind reich an vortrefflichen Fischen; denn im Meer fischen sie selten, weil die Seefische von gleicher Grösse sind wie die in Europa und also einen Fang nicht lohnen; daraus erhellt, dass die Natur sich mit der Erzeugung so ausserordentlich grosser Pflanzen und Tiere völlig auf diesen Kontinent beschränkt; die Gründe dafür festzustellen, überlasse ich den Philosophen. Hin und wieder freilich fangen sie auch einen Walfisch, der gelegentlich auf den Felsen strandet, und daran isst das niedere Volk sich dann herzlich satt. Ich habe Walfische gesehn, die so gross waren, dass ein Mensch sie kaum auf der Schulter zu tragen vermochte; und bisweilen bringt man sie in grossen Körben nach Lorbrulgrud; einen sah ich einmal in einer Schüssel auf der Tafel des Königs; er galt als eine Seltenheit, aber ich konnte nicht finden, dass er ihm schmeckte; ich glaube wirklich, dass ihn die Grösse abstiess, obwohl ich in Grönland einen gesehn habe, der noch grösser war.

Das Land ist dicht bevölkert, denn es enthält einundfünfzig Städte, nahe an hundert ummauerte feste Plätze und eine grosse Anzahl von Dörfern. Um meinen neugierigen Leser zufriedenzustellen, wird es genügen, wenn ich ihm Lorbrulgrud schildere. Diese Stadt steht zu zwei fast gleichen Teilen auf den beiden Ufern des Flusses, der sie durchströmt. Sie enthält über achtzigtausend Häuser und etwa sechshunderttausend Einwohner. Der Länge nach misst sie drei Glonglungs (die gleich etwa vierundfünfzig englischen Meilen sind) und der Breite nach zweieinehalbe, wie ich es selbst auf der Karte nachgemessen habe, die auf des Königs Befehl angefertigt worden war und eigens für mich auf dem Boden ausgebreitet wurde; sie mass hundert Fuss. Ich schritt Durchmesser und Umfang mehrmals barfuss ab, berechnete beides nach diesen Massstab und erhielt so ein ziemlich genaues Mass.

Des Königs Palast ist kein regelmässiges Gebäude, sondern ein Gewirr von Bauten, das etwa sieben Meilen Umfang hat; die Hauptzimmer sind in der Regel zweihundertundvierzig Fuss hoch, und dementsprechend lang und breit. Glumdalklitsch und mir wurde eine Kutsche angewiesen, in der ihre Gouvernante sie oft ausfuhr, um ihr die Stadt zu zeigen oder in die Läden zu gehn; ich war immer von der Partie und wurde in meiner Schachtel getragen; oft freilich nahm das Mädchen mich auf meinen Wunsch auch heraus und hielt mich in der Hand, damit ich die Häuser und die Leute, während wir durch die Strassen fuhren, bequemer betrachten konnte. Unsre Kutsche schätzte ich auf etwa ein Viereck von Westminster Hall, wenn auch nicht ganz so hoch; doch kann ich unmöglich genau sein. Eines Tags befahl die Gouvernante unserm Kutscher, an mehreren Läden halt zu machen, und als da die Bettler ihre Gelegenheit ersahn und sich an die Seiten der Kutsche herandrängten, sah ich die grauenhaftesten Schauspiele, die je ein europäisches Auge erblickt hat. Eine Frau trat herbei, die ein Krebsgeschwür auf der Brust hatte; das war riesenhaft angeschwollen und voller Löcher; in zwei oder drei von denen hätte ich leicht hineinkriechen und mich in ganzer Länge darin verstecken können. Ferner ein Bursche mit einem Überbein am Hals, das grösser war als fünf Wollballen; und ein zweiter mit einem paar hölzerner Beine, deren jedes ungefähr zwanzig Fuss hoch war. Aber der scheusslichste Anblick von allem war doch der der Läuse, die auf ihren Kleidern krochen. Ich konnte die Glieder dieses Ungeziefers mit blossem Auge deutlich erkennen, viel deutlicher als die einer europäischen Laus durch ein Mikroskop, und ebenso ihre Rüssel, mit denen sie wie die Schweine wühlten. Es waren die ersten, die ich je gesehn hatte, und ich wäre wissbegierig genug gewesen, eine von ihnen zu sezieren, hätte ich nur die nötigen Instrumente gehabt (die unglücklicherweise auf dem Schiff zurückgeblieben waren); freilich war der Anblick so absolut ekelhaft, dass sich mir der Magen im Leibe herumdrehte.

Ausser der grossen Schachtel, in der ich gewöhnlich herumgetragen wurde, liess mir die Königin noch eine kleinere machen, die etwa zwölf Fuss im Geviert und zehn Fuss Höhe hatte; diese war für Reisen bestimmt, da die andre ein wenig zu gross war für Glumdalklitsch's Schoss und in der Kutsche zu viel Raum fortnahm; sie wurde von dem gleichen Handwerker hergestellt, dem ich bei der ganzen Arbeit meine Anweisungen gab. Dieses Reisegemach war ein genaues Quadrat, und in der Mitte dreier der Wände hatte es je ein Fenster, das von aussen mit Eisendraht vergittert war, um auf langen Reisen Unfälle zu vermeiden. Auf der vierten Seite, die kein Fenster hatte, waren zwei starke Klammern angebracht, durch die derjenige, der mich trug, wenn er reiten wollte, einen ledernen Gürtel zog, um ihn über den Hüften umzuschnallen. Es war das immer irgend ein ernster, zuverlässiger Diener, auf den ich mich verlassen konnte, einerlei, ob ich nun den König und die Königin auf ihren Reisen begleitete oder die Gärten sehn oder einer grossen Dame oder einem Staatsminister am Hofe einen Besuch machen wollte, wenn Glumdalklitsch mich gerade nicht begleiten konnte. Denn bald wurde ich unter den grössten Würdenträgern bekannt und gewann mir ihre Achtung, mehr freilich, so vermute ich, weil ich bei Ihren Majestäten in solcher Gunst stand als weil ich grosse eigne Verdienste besessen hätte. Auf Reisen pflegte, wenn ich der Kutsche müde war, ein reitender Diener meine Schachtel umzuschnallen und auf ein Kissen zu setzen, das er vor sich hatte. Von dort aus hatte ich dann durch meine drei Fenster nach drei Seiten hin den freisten Ausblick über das Land. In dieser Kammer hatte ich ein Feldbett und eine Hängematte, die an der Decke hing; ferner zwei Stühle und einen Tisch, die sauber am Boden festgeschraubt waren, damit sie nicht durch die Erschütterung des Pferdes oder der Kutsche umhergeschleudert wurden. Und da ich seit langem an Seereisen gewöhnt war, so machten mir die Bewegungen, obwohl sie bisweilen sehr gewaltsam waren, nicht viel zu schaffen.

So oft ich Lust hatte, mir die Stadt anzusehn, geschah es stets in meiner Reisekammer, die Glumdalklitsch in einer Art offner Sänfte auf dem Schoss hielt; diese Sänfte wurde nach der Sitte des Landes von vier Leuten getragen und von zwei weiteren in der Livree der Königin begleitet. Das Volk, das oft von mir gehört hatte, drängte sich neugierig um die Sänfte zusammen, und das Mädchen war gefällig genug, um die Träger halten zu lassen und mich in die Hand zu nehmen, damit man mich bequemer sehn könnte.

Ich hatte den grossen Wunsch, mir den wichtigsten Tempel anzusehn, besonders aber den Turm, der dazu gehörte, und der als der höchste im Reiche galt. Eines Tages also brachte meine Amme mich dorthin, aber ich kann der Wahrheit gemäss sagen, dass ich enttäuscht zurückkehrte; seine Höhe nämlich beträgt nicht mehr als dreitausend Fuss, gerechnet vom Boden bis zur höchsten Zinnenspitze; in anbetracht des Grössenunterschiedes zwischen diesen Leuten und uns Europäern ist das keiner besonderen Verwunderung wert, und verhältnismässig kommt dieser Turm (wenn ich mich recht erinnere) keineswegs dem von Salisbury gleich. Um aber nicht gegen ein Land, dem ich mich während meines ganzen Lebens sehr verpflichtet fühlen werde, ungerecht zu sein, so muss ich zugeben, dass dieser berühmte Turm, was ihm an Höhe abgeht, reichlich durch seine Schönheit und seine Kraft wieder ausgleicht. Denn die Mauern sind nahe an hundert Fuss dick und aus gehauenem Stein erbaut; jeder Stein ist etwa vierzig Fuss im Kubik, und der Turm auf allen Seiten mit den Statuen von Göttern und Kaisern geschmückt, die überlebensgross in Marmor gehaun in ihren verschiedenen Nischen stehn. Ich habe einen kleinen Finger, der einer dieser Statuen entfallen war und unbemerkt in allerlei Kehricht lag, gemessen und gefunden, dass er genau vier Fuss und einen Zoll lang war. Glumdalklitsch wickelte ihn in ihr Taschentuch und nahm ihn in der Tasche mit nach Hause, um ihn unter andern Kleinigkeiten, die das Mädchen liebte, wie es Kinder ihres Alters tun, aufzubewahren.

Die Küche des Königs ist ein herrlicher Bau von etwa sechshundert Fuss Höhe, und die Decke ist gewölbt. Der grosse Ofen ist um zehn Schritt kleiner, als die Kuppel der Paulskirche, die ich nach meiner Heimkehr eigens gemessen habe. Aber wenn ich das Küchentor, die ungeheuren Töpfe und Kessel, die Fleischkeulen, die sich auf den Spiessen drehten, und andre Einzelheiten schildern wollte, so würde man mir vielleicht kaum glauben; wenigstens könnte ein strenger Kritiker meinen, ich übertriebe ein wenig, wie man es oft von Reisenden annimmt. Ich fürchte aber eher, dass ich, um diesen Tadel zu vermeiden, ein wenig dem andern Extrem verfallen bin; und würde dieser Traktat in die Sprache von Brobdingnag übersetzt (denn das ist der allgemeine Name jenes Königreichs) und dorthin geschickt, so hätten vielleicht der König und sein Volk vollen Grund, sich zu beklagen, dass ich ihnen durch eine falsche, verkleinernde Darstellung einen Schimpf angetan habe.

Seine Majestät hält selten mehr als sechshundert Pferde in seinem Marstall: sie sind in der Regel vierundfünfzig bis sechzig Fuss hoch. Doch wenn er an grossen Festtagen ausreitet, wird er des Prunks halber von einer Milizgarde von fünfhundert Reitern begleitet, die mir stets als der glänzendste Anblick erschien, den man je sehn konnte; doch davon werde ich noch bei einer andern Gelegenheit reden.

Kapitel V.

Mehrere Abenteuer, die dem Verfasser begegneten. Die Hinrichtung eines Verbrechers. Der Verfasser zeigt seine Gewandtheit in der Seefahrt.

Ich hätte in jenem Lande recht glücklich sein können, wenn mich meine Kleinheit nicht mehreren lächerlichen und unangenehmen Unfällen ausgesetzt hätte, von denen ich einige berichten möchte. Glumdalklitsch trug mich oft in meiner kleinern Schachtel in die Gärten des Palastes; und bisweilen nahm sie mich heraus und hielt mich in der Hand oder setzte mich auf den Boden, damit ich spazieren gehn könnte. Ich entsinne mich, wie der Zwerg, ehe er die Königin verliess, uns eines Tages in diese Gärten folgte; und als meine Amme mich niedergesetzt hatte, konnte ich, da wir in der Nähe einiger Zwergapfelbäume dicht bei einander standen, durchaus meinen Witz nicht unterdrücken und musste einen albernen Vergleich zwischen ihm und den Bäumen ziehn, der zufällig in ihrer Sprache ebenso schlagend wirkt wie in unsrer. Da lauerte nun der boshafte kleine Schlingel auf den günstigen Augenblick, in dem ich gerade unter einem der Bäume stand, und schüttelte ihn über meinem Kopf, so dass mir ein Dutzend Äpfel, deren jeder so gross war wie ein Fass, um die Ohren schlugen; einer von ihnen traf mich, als ich mich eben bückte, im Rücken und schlug mich flach mit meinem Gesicht zu Boden; doch erlitt ich weiter keinen Schaden, und man verzieh dem Zwerg auf meinen Wunsch, da ich ihn herausgefordert hatte.

An einem andern Tage liess Glumdalklitsch mich auf einer glatten Wiese, wo ich mich ergehn sollte, während sie mit ihrer Gouvernante in einiger Entfernung auf und ab ging. Inzwischen fiel plötzlich ein so heftiger Hagelschauer, dass ich durch seine Gewalt auf der Stelle zu Boden geschleudert wurde: und als ich lag, versetzten mir die Hagelkörner über den ganzen Körper hin so grausame Stösse, als bombardierte man mich mit Tennisbällen; es gelang mir freilich, auf allen Vieren davonzukriechen und mich zu retten, indem ich mich auf der Windschutzseite hinter einem Quendelbeet flach aufs Gesicht legte; doch war ich von Kopf bis zu Füssen so zerstossen, dass ich zehn Tage lang nicht ausgehn konnte. Und das kann auch nicht wundernehmen, da die Natur sich in jenem Lande in all ihren Werken in den gleichen Verhältnissen hält, und also ein Hagelkorn fast achtzehnhundertmal so gross ist wie ein europäisches; ich kann das auf Grund meiner Erfahrung versichern, denn ich war wissbegierig genug, sie zu wägen und zu messen.

Ein gefährlicherer Unfall begegnete mir in demselben Garten, als meine kleine Amme, im Glauben, sie hätte mich an einem sichern Ort versteckt, denn ich bat sie oft, das zu tun, damit ich meinen Gedanken nachhängen könnte, zumal wir, um nicht die Mühe des Tragens zu haben, meine Schachtel zu Hause gelassen hatten, mit ihrer Gouvernante und einigen andern, ihr bekannten Damen in einen andern Teil des Gartens gegangen war. Als sie nun fort war und sich ausser Hörweite befand, kam ein kleiner, weisser Wachtelhund, der einem der Obergärtner gehörte und durch einen Zufall in den Garten gelangt war, auf seinem Streifzug in die Nähe der Stelle, wo ich lag. Der Hund folgte der Witterung, kam geradenwegs auf mich zu, nahm mich ins Maul und lief stracks zu seinem Herrn zurück, vor dem er mich schweifwedelnd und sanft auf den Boden legte. Zum Glück war er so gut gezogen, dass er mich zwischen den Zähnen trug, ohne mich im geringsten zu verletzen, ja, ohne auch nur meine Kleider zu zerreissen. Der arme Gärtner aber, der mich genau kannte und grosse Freundschaft für mich hegte, war in furchtbarer Angst. Er nahm mich sanft mit beiden Händen auf und fragte mich, wie es mir ginge; ich aber war so beängstigt und ausser Atem, dass ich kein Wort hervorbringen konnte. Nach wenigen Minuten freilich kam ich schon wieder zu mir, und er brachte mich wohlbehalten zu meiner kleinen Amme, die mittlerweile an die Stelle zurückgekehrt war, wo sie mich verlassen hatte, und in grausamen Ängsten schwebte, als ich auf ihren Ruf weder erschien noch Antwort gab; sie gab dem Gärtner wegen seines Hundes einen strengen Verweis. Die Sache wurde aber vertuscht, und man erfuhr bei Hofe niemals etwas davon; das Mädchen fürchtete sich vor dem Zorn der Königin, und ich selber glaubte, dass es schwerlich zum Vorteil meines Rufs sein würde, wenn eine solche Geschichte bekannt wurde.

Dieser Unfall hatte zur Folge, dass Glumdalklitsch mich in Zukunft draussen nie mehr aus den Augen lassen wollte. Ich hatte einen solchen Entschluss schon lange befürchtet und ihr deshalb ein paar unglückliche Abenteuer verhehlt, die mir begegnet waren, während sie mich allein liess. Einmal schoss ein Habicht, der über dem Garten schwebte, auf mich herab, und hätte ich nicht, während ich unter ein Spalier lief, entschlossen meinen Hirschfänger gezogen, so hätte er mich sicher in seinen Fängen entführt. Ein andermal, als ich einen frischen Maulwurfshügel bestieg, fiel ich bis an den Hals in das Loch, durch das jenes Tier die Erde aufgeworfen hatte, und ich ersann irgend eine Lüge, die der Erwähnung nicht wert ist, um zu erklären, wie ich mir die Kleider beschmutzt hatte. Ferner brach ich mir einmal das Bein am Haus einer Schnecke, über das ich stolperte, als ich allein spazieren ging und an mein armes England dachte.

Ich weiss nicht, ob es mir mehr Vergnügen machte oder mich mehr demütigte, als ich auf diesen einsamen Spaziergängen merkte, dass die kleineren Vögel sich keineswegs vor mir zu fürchten schienen, sondern mich, wenn sie nach Würmern und andrer Nahrung suchten, im Umkreis von einer Elle so gleichgültig und sicher umhüpften, als wäre überhaupt kein Geschöpf in ihrer Nähe. Ich entsinne mich, wie eine Amsel die Frechheit besass, mir mit dem Schnabel ein Stück Kuchen aus der Hand zu picken, das Glumdalklitsch mir gerade zum Frühstück gegeben hatte. Wenn ich versuchte, einen dieser Vögel zu fangen, wandten sie sich kühn gegen mich und versuchten nach meinen Fingern zu beissen, die ich ihnen nicht zu nähern wagte; und dann hüpften sie unbekümmert davon, um wieder wie zuvor nach Würmern oder Schnecken zu jagen. Eines Tags aber nahm ich mir einen dicken Knittel und warf ihn mit aller Kraft so glücklich nach einem Hänfling, dass ich ihn zu Boden schlug; ich packte ihn mit beiden Händen um den Hals und lief im Triumph mit ihm zu meiner Amme. Da aber der Vogel nur betäubt gewesen war, versetze er mir, als er sich erholte, mit seinen Flügeln so viele Schläge auf beide Seiten meines Kopfes und Leibes, obwohl ich ihn mit ausgestreckten Armen von mir abhielt und er mich mit seinen Krallen nicht packen konnte, dass ich wohl zwanzigmal daran dachte, ihn loszulassen. Bald jedoch wurde ich von einem unsrer Diener befreit, der dem Vogel den Hals umdrehte, und ich erhielt ihn auf Befehl der Königin am nächsten Tage zum Mittagessen. Dieser Hänfling schien, so weit ich mich entsinnen kann, ein wenig grösser zu sein, als ein englischer Schwan.

Die Ehrendamen luden Glumdalklitsch oft in ihre Gemächer ein und baten sie, mich mitzubringen, und zwar eigens, um das Vergnügen zu geniessen, dass sie mich sehn und berühren konnten. Sie zogen mich oft vom Scheitel bis zur Sohle nackt aus und legten mich in voller Länge zwischen ihre Brüste, wovor ich mich sehr ekelte. Denn, um die Wahrheit zu sagen, ihrer Haut entstieg ein sehr unangenehmer Geruch. Ich sage das nicht, um diesen ausgezeichneten Damen, vor denen ich jede Achtung hege, etwas anzuhängen; ich denke mir nur, dass mein Geruchssinn entsprechend meiner Kleinheit um so schärfer war, und dass diese erlauchten Personen ihren Liebhabern oder einander ebenso wenig unangenehm waren, wie Leute gleichen Standes es bei uns in England sind. Und schliesslich fand ich ihren natürlichen Körpergeruch bei weitem erträglicher als den ihrer Parfüme, unter dem ich auf der Stelle ohnmächtig wurde. Ich kann auch nicht vergessen, dass sich einer meiner vertrauten Freunde in Lilliput an einem warmen Tage, als ich mir ziemlich viel Bewegung gemacht hatte, die Freiheit nahm, sich über einen strengen Geruch zu beklagen, der mich umgab, obwohl ich in der Hinsicht nicht schlimmer begabt bin als die meisten meines Geschlechts: doch nehme ich an, dass sein Geruchssinn mir gegenüber ebenso so empfindlich war, wie meiner diesem Volk gegenüber. In diesem Punkt kann ich mich nicht enthalten, der Königin, meiner Herrin, und meiner Amme Glumdalklitsch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denn beide waren so geruchlos, wie nur irgend eine Dame in England.

Am meisten beunruhigte es mich bei diesen Ehrendamen (wenn meine Amme mich mitnahm, um sie zu besuchen), dass sie mich ganz ohne Förmlichkeiten als ein Geschöpf behandelten, das in keiner Weise in betracht kam. Sie zogen sich in meiner Gegenwart splitternackt aus und zogen sich ihre Hemden an, während ich genau vor ihren nackten Leibern auf ihrem Toilettetisch stand; und freilich war das für mich keineswegs ein verführerischer Anblick, und es löste in mir keinerlei andre Erregungen aus, als die des Grauens und des Abscheus. Ihre Haut erschien mir als so rauh und uneben und als so scheckig, wenn ich sie aus der Nähe sah; und überall lag hier und dort ein tellergrosses Mal, und Haare hingen daraus hervor, die waren dicker als Bindfäden; nicht zu reden erst von dem Rest ihrer Gestalten. Sie besannen sich auch keineswegs, in meiner Gegenwart zu entleeren, was sie getrunken hatten; und oft war es eine Menge von wenigstens zwei Oxhoften; und das Gefäss fasste mehr als drei Stückfässer. Die hübscheste unter diesen Ehrendamen, ein angenehmes, lustiges Mädchen von sechzehn Jahren, setzte mich zuweilen rittlings auf eine ihrer Brustwarzen; und so machte sie noch viele andre Scherze, die ich nicht allzu sehr im einzelnen schildern will, worin der Leser mich gewiss entschuldigt. Mir missfiel das alles so sehr, dass ich Glumdalklitsch anflehte, irgend eine Entschuldigung zu ersinnen, damit ich jene junge Dame nicht mehr zu sehn brauchte.

Eines Tages kam ein junger Herr, ein Neffe der Gouvernante meiner Amme, und drängte sie beide, sich eine Hinrichtung anzusehn. Sie wurde an einem Manne vollstreckt, der einen intimen Bekannten jenes Herrn ermordet hatte. Glumdalclitsch liess sich überreden, mitzukommen, obwohl es sehr gegen ihre Neigung ging, denn sie war von Natur weichherzig; mich selber aber führte, obwohl ich solche Schauspiele verabscheue, meine Neugier in Versuchung, mir etwas anzusehn, was, wie ich glaubte, ganz ausserordentlich sein musste. Der Missetäter wurde auf einem Stuhl festgebunden, der auf einem eigens errichteten Gerüst stand; und mit einem etwa vierzig Fuss langen Schwert wurde ihm auf einen einzigen Hieb der Kopf abgeschlagen. Die Adern und Arterien spien eine so ungeheure Menge Blutes so hoch in die Luft empor, dass das grosse »jet d'eau« zu Versailles, so lange der Strahl dauerte, ihm nicht gleichkam; und der Kopf machte, als er auf den Boden des Gerüstes fiel, einen solchen Sprung, dass ich in die Höhe fuhr, obwohl ich wenigstens eine halbe englische Meile davon entfernt sass.

Die Königin, die mich oft von meinen Seereisen reden hörte und jede Gelegenheit ergriff, um mich, wenn ich melancholisch war, aufzuheitern, fragte mich, ob ich ein Segel oder ein Ruder zu handhaben wüsste, und ob nicht die Bewegung des Ruderns vielleicht meiner Gesundheit zuträglich sein würde. Ich erwiderte, ich verstände beides recht gut, obwohl ich in meinem eigentlichen Amt Arzt oder Doktor der Schiffe gewesen sei; doch habe ich oft in der Not wie ein gewöhnlicher Matrose arbeiten müssen. Dagegen könne ich nicht einsehn, wie das in ihrem Lande möglich sein sollte, da doch der kleinste Fährkahn schon einem unsrer erstklassigen Schlachtschiffe gleichkäme und ein Boot, wie ich es lenken könnte, auf all ihren Flüssen nimmermehr zu finden sei. Ihre Majestät erwiderte, wenn ich ein Boot entwerfen wollte, so sollte ihr eigner Zimmermann es herstellen, und sie würde schon für ein Wasser sorgen, auf dem ich segeln könnte. Der Bursche war ein scharfsinniger Handwerker, und nach meinen Anweisungen vollendete er in zehn Tagen ein Lustboot mit all seinen Takelagen, das bequem acht Europäer hätte fassen können. Als es fertig war, zeigte sich die Königin so entzückt, dass sie es sofort in den Schoss nahm und damit zum Könige lief, der befahl, es versuchsweise mit mir darin auf eine Zisterne voll Wasser zu setzen; ich konnte dort jedoch aus Mangel an Raum mit meinen beiden kleinen Rudern nichts anfangen. Aber die Königin hatte schon vorher einen andern Plan ersonnen. Sie befahl dem Zimmermann, einen hölzernen Trog von dreihundert Fuss Länge, fünfzig Breite und acht Tiefe herzustellen; und nachdem man den gut verpicht hatte, damit er nicht leckte, setzte man ihn in einem äusseren Zimmer des Palastes an der Wand entlang auf den Boden. Der Trog hatte an seinem unteren Teil einen Hahn, durch den man das Wasser ablassen konnte, wenn es faulig zu werden begann; und dann konnten zwei Diener ihn in einer halben Stunde leicht wieder füllen. Hier pflegte ich oft zu meiner eignen Unterhaltung sowie auch zu der der Königin und ihrer Damen zu rudern, denn sie fanden, dass ihnen meine Gewandtheit und Behendigkeit viel Vergnügen machten. Bisweilen setzte ich auch mein Segel, und dann hatte ich nur zu steuern, während die Damen mir mit ihren Fächern Wind machten; und wenn sie müde wurden, mussten ein paar der Pagen mich mit ihrem Atem vorwärtsblasen, während ich meine Kunst zeigte, indem ich nach Belieben bald auf Steuerbord und bald auf Backbord steuerte. Wenn ich genug hatte, trug Glumdalklitsch stets mein Boot in ihre Kammer, wo sie es zum Trocknen an einen Nagel hing.

Bei dieser Leibesübung begegnete mir einmal ein Unfall, der mich fast das Leben gekostet hätte. Denn als einer der Pagen mein Boot in den Trog gesetzt hatte, hob die Gouvernante, die Glumdalklitsch begleitete, mich dienstbereit auf, um mich ins Boot zu setzen; ich aber glitt ihr durch die Finger und wäre unfehlbar vierzig Fuss tief auf den Boden gestürzt, wenn mich nicht durch den glücklichsten Zufall von der Welt eine Stecknadel, die im Mieder der guten Dame stak, aufgehalten hätte; der Knopf der Nadel nämlich schob sich mir zwischen Hemd und Gürtelband meiner Hose und hielt mich so in der Luft fest, bis Glumdalklitsch mir zu Hilfe kam.

Ein andermal war einer der Diener, deren Amt es war, den Trog jeden dritten Tag mit frischem Wasser zu füllen, so unvorsichtig, dass er, ohne es zu merken, einen ungeheuren Frosch aus seinem Eimer mit hineinschlüpfen liess. Der Frosch blieb verborgen, bis ich in meinem Boot sass; doch da er alsbald einen Ruheplatz entdeckte, so kletterte er hinauf, und das Boot legte sich so stark auf die eine Seite, dass ich es auf der andern mit meiner ganzen Last im Gleichgewicht halten musste, um nicht umzuschlagen. Kaum aber war der Frosch drinnen, als er sofort durch die halbe Länge des Bootes hüpfte und dann über meinen Kopf hinweg hin und her, wobei er mir Gesicht und Kleider mit seinem scheusslichen Schleim beschmierte. Die Grösse seiner Züge liess ihn als das ungeschlachteste Tier erscheinen, das man sich nur denken kann. Trotzdem bat ich Glumdalklitsch, mich allein mit ihm fertig werden zu lassen. Ich schlug eine gute Weile mit einem meiner Ruder auf ihn ein, und schliesslich zwang ich ihn, zum Boot hinauszuspringen.

Die grösste Gefahr jedoch, in die ich in jenem Reiche je geriet, drohte mir von einem Affen, der einem der Küchenbeamten gehörte. Glumdalklitsch hatte mich in ihrer Kammer eingeschlossen, während sie irgendwohin ging, sei es, um etwas zu besorgen oder um einen Besuch zu machen. Da es sehr warmes Wetter war, so blieben sowohl das Kammerfenster wie auch die Fenster und die Tür meiner grösseren Schachtel, in der ich für gewöhnlich wohnte, weil sie so gross und bequem war, offen stehn. Als ich nun ruhig und nachdenklich an meinem Tisch sass, hörte ich etwas zum Kammerfenster hereinspringen und hin und her hüpfen; obwohl ich nun sehr erschrak, so wagte ich es doch, hinauszublicken, ohne mich freilich von meinem Sitz zu rühren; und da sah ich denn dieses spasshafte Tier hin und her und auf und niederspringen, bis es schliesslich zu meiner Schachtel kam, die es mit grossem Vergnügen und grosser Neugier zu betrachten schien, denn es spähte zur Tür und zu allen Fenstern hinein. Ich zog mich in den entferntesten Winkel meines Zimmers oder meiner Schachtel zurück, aber da der Affe von allen Seiten hereinspähte, so jagte er mir eine solche Angst ein, dass es mir an der Geistesgegenwart fehlte, mich, wie ich es leicht hätte tun können, unterm Bett zu verstecken. Nachdem er dann eine Weile gespäht und gegrinst und geplappert hatte, sah er mich schliesslich, und alsbald streckte er eine seiner Hände zur Tür herein, wie es eine Katze tut, wenn sie mit einer Maus spielt; und obwohl ich oft den Platz wechselte, um ihm zu entgehn, fasste er mich schliesslich doch an einem Zipfel meines Rocks (und der war sehr dick und stark, da er aus der Seide jenes Landes hergestellt war), an dem er mich hinauszog. Er nahm mich in die rechte Vorderhand und hielt mich so, wie eine Amme ein Kind hält, wenn sie ihm die Brust geben will; ich habe dasselbe Geschöpf genau das Gleiche in Europa mit einer jungen Katze tun sehn; und als ich Miene machte, mich zu wehren, drückte er mich so kräftig, dass ich es für geratener hielt, mich zu fügen. Ich habe guten Grund, zu glauben, dass er mich für ein Junges seiner eignen Gattung hielt, denn er streichelte mir mit der andern Hand das Gesicht gar oft und sehr sanft. In dieser Unterhaltung wurde er durch ein Geräusch an der Kammertür, als wolle jemand sie öffnen, unterbrochen; da sprang er plötzlich zum Fenster hinaus, durch das er hereingekommen war, und von dort aus auf die Dächer und in die Dachrinnen; er lief immer auf drei Händen, während er mich in der vierten hielt, bis er ein Dach erreichte, das unserm zunächst lag. Ich hörte, wie Glumdalklitsch in dem Augenblick, als er mich hinaustrug, aufschrie. Das arme Mädchen war fast von Sinnen: der ganze Flügel des Palasts geriet in Aufruhr; die Diener liefen nach Leitern; hunderte von Menschen sahen den Affen vom Palast aus, wie er auf dem First eines Bauwerks sass und mich wie einen Säugling in der einen seiner Vorderhände hielt, während er mich mit der andern fütterte, indem er mir ein paar Speisereste in den Mund stopfte, die er aus einer seiner Backentaschen zog, und mich, wenn ich nicht essen wollte, klopfte. Viele Leute aus dem Pöbel unten konnten sich nicht enthalten, darüber zu lachen; und mir scheint, man kann sie eigentlich nicht tadeln, denn ohne Zweifel war der Anblick lächerlich genug für jeden andern ausser mir. Manche warfen auch Steine herauf, weil sie hofften, den Affen hinunterjagen zu können; aber das wurde streng verboten; sonst wäre wohl mein Schädel in Stücke gegangen.

Jetzt wurden die Leitern angelegt, und mehrere Leute kamen heraufgestiegen; als aber der Affe sie bemerkte und sich fast eingeschlossen sah, liess er mich, da er auf drei Beinen nicht schnell genug vorwärts kommen konnte, einfach auf einen Firstziegel fallen und entfloh. Da sass ich denn eine Weile dreihundert Ellen über dem Boden und erwartete jeden Augenblick, vom Wind hinabgeweht zu werden oder zu stürzen, weil mich der Schwindel ergriff, um dann, mich auf den Ziegeln immer überschlagend, bis in die Dachrinne zu rollen; aber ein ehrlicher Bursche, einer der Lakaien meiner Amme, kletterte herauf, steckte mich in seine Hosentasche und brachte mich wohlbehalten nach unten.

Ich war fast erstickt von dem schmutzigen Zeug, das mir der Affe den Hals hinuntergestopft hatte; aber meine liebe kleine Amme nahm es mir mit einer kleinen Nadel aus dem Mund, und dann begann ich, mich zu übergeben, was mir grosse Erleichterung verschaffte. Trotzdem war ich so schwach und meine Seiten waren so zerdrückt von den Stössen, die mir das scheussliche Tier versetzt hatte, dass ich gezwungen war, vierzehn Tage lang das Bett zu hüten. Der König, die Königin und der ganze Hof schickten jeden Tag, um sich nach meinem Ergehn zu erkundigen, und Ihre Majestät machte mir während meiner Krankheit mehrere Besuche. Der Affe wurde getötet, und es wurde Befehl erteilt, dass kein solches Tier mehr im Palast gehalten werden dürfte.

Als ich nach meiner Wiederherstellung dem König meine Aufwartung machte, um ihm für seine Gunstbezeigungen zu danken, geruhte er, mich wegen dieses Abenteuers kräftig aufzuziehn. Er fragte mich, welches meine Gedanken und Überlegungen gewesen seien, während ich in der Hand des Affen lag; wie mir die Speisen geschmeckt hätten, die er mir gab; wie er mich gefüttert und ob mir die frische Dachluft nicht den Appetit geschärft hätte. Er wünschte zu wissen, was ich in meiner Heimat in der gleichen Lage begonnen hätte. Ich sagte Seiner Majestät, in Europa hätten wir keine Affen, es sei denn solche, die als Kuriositäten aus andern Ländern mitgebracht würden; und die seien so klein, dass ich es zugleich mit einem Dutzend aufnehmen könnte, wenn sie sich erkühnten, mich anzufallen. Und was jenes Ungeheuer anginge, mit dem ich es jetzt zu tun gehabt hätte (es war wirklich so gross gewesen wie ein Elefant), so hätte ich ihm vielleicht, wenn nur meine Furcht mir soviel Besinnung gelassen hätte, um von meinem Hirschfänger Gebrauch zu machen (und dabei setzte ich eine wilde Miene auf und schlug auf das Heft), als er die Hand in mein Zimmer streckte, eine solche Wunde beibringen können, dass es froh gewesen wäre, sie schneller wieder herausziehn zu können als es sie hineingesteckt hatte. Das sprach ich in entschlossenem Ton und wie jemand, der eifersüchtig darüber wacht, dass man nicht etwa seinen Mut in Zweifel zieht. Meine Worte hatten jedoch nichts andres zur Folge, als ein lautes Gelächter von Seiten derer, die den König umgaben, denn all die Achtung vor Seiner Majestät vermochte es nicht zu unterdrücken. Da musste ich darüber nachdenken, wie eitel jede Anstrengung ist, wenn ein Mensch versucht, sich unter solchen, die mit ihm keinerlei Ähnlichkeit haben, noch mit ihm in Vergleich treten können, Ansehn zu verschaffen. Und doch habe ich die Moral meines eignen Verhaltens seit meiner Heimkehr noch oft in England beobachten können, wo ein kleiner, verächtlicher Kerl, der nicht den geringsten Anspruch auf Geburt, persönlichen Wert, Witz oder Verstand erheben kann, die Anmassung besitzt, wichtig dreinzuschaun und sich mit den grössten Persönlichkeiten des Königreichs auf den gleichen Fuss zu stellen.

Ich versah den Hof von Tag zu Tag mit irgend einer lächerlichen Geschichte, und obwohl Glumdalklitsch mich über die Massen liebte, war sie doch schelmisch genug, um der Königin Mitteilung davon zu machen, wenn ich irgend eine Torheit beging, die Ihre Majestät ihrer Meinung nach amüsieren würde. Einmal wurde das Mädchen, das unpässlich gewesen war, von ihrer Gouvernante etwa eine Stunde weit oder um dreissig Meilen vor die Stadt geführt, damit sie dort die frische Luft genösse. Sie stiegen in der Nähe eines schmalen Fusspfads, der ein Feld durchquerte, aus der Kutsche, und nachdem Glumdalklitsch meine Reiseschachtel niedergesetzt hatte, kam ich heraus, um spazieren zu gehn. Auf dem Pfad lag ein Kuhfladen, und ich musste durchaus meine Behendigkeit erproben, indem ich versuchte, hinüberzuspringen. Ich nahm einen Anlauf, sprang aber unglücklicherweise zu kurz und bis an die Knie genau in die Mitte hinein. Ich watete nicht ohne Mühe hindurch, und einer der Lakaien säuberte mich, so gut er es konnte, mit seinem Taschentuch; denn ich war scheusslich beschmutzt, und meine Amme sperrte mich, bis wir nach Hause kamen, in meiner Schachtel ein. Dort aber hörte die Königin gar bald, was geschehn war, und die Lakaien verbreiteten den Bericht im ganzen Palast, so dass ein paar Tage lang alles Lachen auf meine Kosten ging.

Kapitel VI.

Mehrere Erfindungen des Verfassers, durch die er dem König und der Königin Vergnügen macht. Er zeigt seine Geschicklichkeit in der Musik. Der König erkundigt sich nach den Verhältnissen in Europa, über die der Verfasser ihm berichtet. Des Königs Anmerkungen dazu.

Ich pflegte ein oder zweimal die Woche zu des Königs Lever zu erscheinen, und oft hatte ich ihn unter der Hand des Barbiers gesehn, was zunächst ein geradezu furchtbarer Anblick war; denn das Rasiermesser war fast zweimal so lang wie eine gewöhnliche Sense. Seine Majestät liess sich nach der Sitte des Landes nur zweimal die Woche rasieren. Einmal überredete ich den Barbier, mir ein wenig von dem Schaum zu geben, aus dem ich vierzig oder fünfzig der stärksten Haarstümpfe heraussuchte. Dann nahm ich ein Stück feinen Holzes, schnitt es zurecht, wie den Rücken eines Kamms, und bohrte in gleichen Abständen mit der kleinsten Nadel, die Glumdalklitsch mir geben konnte, Löcher hinein. Dann befestigte ich die Haarstümpfe, die ich mit meinem Messer an den Enden zuspitzte und schärfte, so kunstvoll darin, dass ich einen recht brauchbaren Kamm daraus machte. Dieser Ersatz kam zur rechten Zeit, denn mein eigner war in den Zähnen so zerbrochen, dass er fast unbrauchbar geworden war; auch kannte ich keinen Handwerker im Lande, der sauber und genau genug gearbeitet hätte, um mir einen neuen machen zu können.

Und das erinnert mich an eine Unterhaltung, mit der ich viele meiner Mussestunden hinbrachte. Ich bat die Jungfer der Königin, mir das ausgekämmte Haar Ihrer Majestät aufzubewahren, von dem ich mit der Zeit eine beträchtliche Menge sammelte; dann zog ich meinen Freund, den Kunsttischler, zu Rate, der den allgemeinen Auftrag erhalten hatte, kleine Arbeiten für mich zu übernehmen, und wies ihn an, mir zwei Stuhlrahmen zu machen, doch nicht grösser als die in meiner Schachtel waren, und dann da, wo ich ihm die Stellen für Sitz und Rückenpolster bezeichnete, mit einem feinen Pfriembohrer kleine Löcher zu bohren; durch diese Löcher flocht ich genau nach Art der Rohrstühle in England die stärksten Haare, die ich finden konnte. Als sie fertig waren, machte ich sie Ihrer Majestät zum Geschenk, und sie bewahrte sie in ihrem Zimmer auf und zeigte sie hinfort als Kuriositäten, wie sie denn auch das Staunen jedes waren, der sie sah. Die Königin wollte, dass ich einen dieser Stühle zum Sitzen benutzte, aber ich weigerte mich hartnäckig, ihr zu gehorchen, indem ich beteuerte, ich würde lieber tausendfachen Todes sterben, als einen unrühmlichen Teil meines Körpers auf die kostbaren Haare setzen, die einst das Haupt Ihrer Majestät geziert hätten. Aus diesem Haar (denn ich war von jeher technisch begabt) machte ich ferner eine hübsche kleine Geldbörse von fünf Fuss Länge mit dem Namen Ihrer Majestät in goldnen Lettern; die schenkte ich mit Einwilligung der Königin Glumdalklitsch. Die Wahrheit zu sagen, so war sie mehr zum Ansehn als für den Gebrauch bestimmt, denn sie war nicht stark genug, um das Gewicht der grössern Münzen zu tragen; und deshalb bewahrte sie nichts darin auf, als ein paar Kleinigkeiten, wie Mädchen sie lieben.

Der König, der die Musik sehr liebte, gab häufig im Palast Konzerte, in die man auch mich bisweilen trug; man setzte mich dann in meiner Schachtel auf einen Tisch, damit ich zuhörte, aber der Lärm war so gross, dass ich die Melodie kaum unterscheiden konnte. Ich bin überzeugt, dass alle Trommeln und Trompeten einer königlichen Armee ihm nicht gleichkommen könnten, wenn man sie auch unmittelbar vor unsern Ohren schlüge und bliese. Es war mein Brauch, meine Schachtel so weit wie nur möglich von der Stelle entfernen zu lassen, an der die Musiker sassen, und dann die Türen und Fenster zu schliessen und die Gardinen herunterzulassen; so fand ich ihre Musik nicht unangenehm.

Ich hatte in meiner Jugend ein wenig Spinett spielen gelernt. Glumdalklitsch hatte eins in ihrem Zimmer, und zweimal die Woche kam ein Lehrer, um sie zu unterrichten: ich nenne es ein Spinett, weil es diesem Instrument nicht unähnlich war und ebenso gespielt wurde. Nun kam mir der Gedanke, den König und die Königin mit einer englischen Weise, gespielt auf diesem Instrument, zu unterhalten. Aber das schien äusserst schwierig zu sein; denn das Spinett war fast sechzig Fuss lang und jede Taste fast einen Fuss breit; selbst mit ausgestreckten Armen konnte ich nicht mehr als fünf Tasten überspannen, und um sie hinunterzudrücken, musste ich kräftig mit der Faust zuschlagen: das wäre eine zu schwere Arbeit gewesen und obendrein nutzlos. Ich ersann mir folgende Methode. Ich stellte mir zwei runde Schlägel von der Grösse gewöhnlicher Knittel her; sie waren an einem Ende dicker als am andern, und ich überzog die dickern Enden mit einem Stück Mausefell, damit ich durch die Schläge mit ihnen weder die Oberfläche der Tasten beschädigte noch den Klang unterbräche. Vor das Spinett wurde eine Bank gestellt, die etwa vier Fuss unter den Tasten blieb, und mich hob man auf diese Bank. Ich lief, so schnell ich konnte, seitlich darauf hin und her, indem ich mit meinen beiden Schlägeln auf die passenden Tasten schlug, und so gelang es mir, zur grossen Zufriedenheit Ihrer Majestäten, eine Gigue zu spielen: aber es war die gewaltsamste Leibesübung, die ich je durchgemacht hatte, und doch konnte ich nicht mehr als sechzehn Tasten beherrschen und also nie Bass und Diskant zugleich spielen, wie andre Künstler es tun, was mein Spiel sehr beeinträchtigte.

Der König, der, wie ich schon bemerkt habe, ein Fürst von ausgezeichnetem Verstande war, befahl oft, dass man mich in meiner Schachtel herbeiholte und in seinem Gemach auf den Tisch stellte. Dann liess er mich mit einem meiner Stühle aus der Schachtel hervorkommen und mich in einem Abstand von drei Ellen oben auf den Schrank setzen, so dass ich mit seinem Gesicht fast in gleicher Höhe war. Auf diese Weise hatte ich mehrere Unterhaltungen mit ihm. Eines Tags nahm ich mir die Freiheit, ihm zu sagen, dass die Verachtung, die er Europa und dem Rest der Welt gegenüber an den Tag legte, mit den trefflichen Geistesgaben, die er besitze, nicht zu vereinbaren sei. Die Vernunft wachse nicht mit dem Umfang des Leibes: wir könnten im Gegenteil in unserm Lande beobachten, dass die grössten Leute am wenigsten von ihr besässen. Unter andern Tieren hätten gerade Bienen und Ameisen den Ruf höhern Fleisses, höherer Kunstfertigkeit und tiefern Scharfsinns als viele der grössern Arten. Und wenn er mich auch für noch so unbedeutend hielte, so hoffte ich es doch noch zu erleben, dass ich Seiner Majestät irgend einen hervorragenden Dienst leisten könnte. Der König hörte mich aufmerksam an und begann eine weit bessere Meinung von mir zu fassen, als er je zuvor gehabt hatte. Er bat mich, ich möchte ihm einen so genauen Bericht über die Regierung von England geben, wie ich nur könnte: denn so sehr Fürsten gemeinhin auch ihre eignen Sitten liebten (er nahm das nach meinen frühern Reden von andern Monarchen an), so würde er sich doch freuen, von etwas zu hören, was nachgeahmt zu werden verdiente.

Stelle dir in deinem Geiste vor, höflicher Leser, wie oft ich mir in diesem Augenblick die Zunge des Demosthenes oder des Cicero wünschte, da sie mich hätte instand setzen können, mein eignes, teures Heimatland in einem Stil zu feiern, der seinen Verdiensten und seiner Glückseligkeit entsprochen hätte.

Ich begann meine Rede damit, dass ich Seiner Majestät mitteilte, unser Reich bestehe aus zwei Inseln, die, abgesehn von unsern Kolonien in Amerika, drei gewaltige Königreiche unter einem Herrscher bildeten. Ich verweilte lange auf der Fruchtbarkeit unsres Bodens und der Milde unsres Klimas. Dann sprach ich ausführlich über die Zusammensetzung eines englischen Parlaments. Es bestehe zum einen Teil aus einer erlauchten Körperschaft, die man das Haus der Pairs nenne; das seien Sprossen des edelsten Bluts und des ältesten und ausgedehntesten Besitzes. Ich schilderte ihm, welche Sorgfalt auf ihre Unterweisung in den Künsten und den Waffen verwendet wird, um sie instand zu setzen, dass sie die gebornen Ratgeber des Königs und des Reiches werden, dass sie an der Gesetzgebung mitwirken und Mitglieder des höchsten Gerichtshofes werden, gegen den es eine Berufung nicht gibt, und dass sie sich als Helden erweisen, stets bereit, durch ihre Tapferkeit, ihre Haltung und Treue ihren Fürsten und ihr Land zu verteidigen. Sie seien die Zierde und das Bollwerk des Königreichs und würdige Nachfolger ihrer höchst berühmten Vorfahren, deren Ehrung der Lohn ihrer Tugenden gewesen sei; und nie habe man erfahren, dass ihre Nachkommenschaft von ihnen abgewichen sei. Ihnen schlössen sich als ein Teil jener Versammlung mehrere heilige Männer an, die den Titel eines Bischofs führten; es sei ihre besondre Aufgabe, auf die Religion zu achten und auf jene, die unser Volk in ihr unterrichten. Sie suche und lese aus der ganzen Nation der Fürst mit seinen weisesten Ratgebern aus, und zwar unter all denen in der Geistlichkeit, die sich am verdienstvollsten auszeichneten durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Tiefe ihrer Gelehrsamkeit; und sie seien in Wahrheit die geistlichen Väter der Geistlichkeit und des Volkes.

Der andre Teil des Parlaments aber bestehe aus einer Versammlung, die man das Unterhaus nenne; es setze sich zusammen aus den hervorragendsten Herrn, die das Volk selber wegen ihrer grossen Gaben und wegen der Liebe zu ihrem Lande unbehindert auswähle und aussuche, damit sie die Weisheit der ganzen Nation verträten. Und diese beiden Körperschaften stellten die erlauchteste Versammlung Europas dar, und ihr sei gemeinsam mit dem Fürsten die gesamte Gesetzgebung übertragen.

Dann ging ich über zu den Gerichtshöfen, denen die Richter, jene ehrwürdigen Weisen und Deuter des Gesetzes, vorsässen, um die strittigen Rechte und Besitzansprüche der Menschen entscheidend festzustellen, sowie auch um das Laster zu bestrafen und die Unschuld zu schützen. Ich erwähnte auch die kluge Verwaltung unsres Schatzes, und ferner die Tapferkeit und die Leistungen unsrer Streitkräfte zur See und zu Lande. Ich berechnete die Zahl unsrer Einwohner, indem ich aufzählte, wieviele Millionen jede religiöse Sekte oder jede politische Partei bei uns umfassen mochte. Ich vergass selbst unsern Sport und unsern Zeitverteib nicht, ja, keine kleinste Einzelheit, von der ich glaubte, sie könnte zur Ehre meines Landes ausschlagen. Und ich schloss all das ab mit einem kurzen, historischen Bericht über die englischen Verhältnisse und Ereignisse seit mehr als hundert Jahren.

Diese Unterhaltung nahm erst nach fünf Sitzungen, deren jede mehrere Stunden gedauert hatte, ihr Ende, und der König hörte das Ganze mit grosser Aufmerksamkeit an, indem er sich häufig über das, was ich sagte, Notizen machte, sowie auch Fragen aufschrieb, die er mir zu stellen gedachte.

Als ich diese langen Vorträge abgeschlossen hatte, trug Seine Majestät in einer sechsten Sitzung, während derer er seine Notizen zu Rate zog, zu jedem Punkt viele Zweifel, Fragen und Einwände vor. Er erkundigte sich, welche Methoden angewendet würden, um bei unserm jungen Adel Geist und Körper zu pflegen, und mit was für Beschäftigungen er in der Regel den ersten, gelehrigsten Teil seines Lebens verbrächte. Welchen Weg man wähle, um jene Versammlung zu ergänzen, wenn irgend eine vornehme Familie erlösche. Welche Voraussetzungen man von denen verlange, die man neu adelte: ob die Laune eines Fürsten, eine einer Hofdame oder einem Minister gezahlte Summe Geldes oder auch die Absicht, eine dem öffentlichen Interesse feindliche Partei zu kräftigen, je bei solchen Beförderungen eine Rolle spiele. Welche Kenntnisse diese grossen Herrn in den Gesetzen ihres Landes besässen, und wie sie sie erlangten, so dass sie sie instand setzten, in letzter Instanz über die Besitzansprüche ihrer Mituntertanen zu entscheiden. Ob sie stets von Habgier, Parteilichkeit und Mangel so frei seien, dass keine Bestechung, keine verwerfliche Absicht je unter ihnen Eingang fände. Ob jene heiligen Herrn, von denen ich gesprochen hätte, stets auf Grund ihres Wissens in religiösen Dingen und der Heiligkeit ihres Lebens zu jenem Range erhoben würden; ob sie niemals die Fahne nach dem Winde hingen, so lange sie noch gewöhnliche Priester seien oder sklavisch demütige Kaplane irgend eines Edelmanns spielten, dessen Ansichten sie noch knechtisch folgten, wenn sie schon in jene Versammlung aufgenommen worden seien.

Dann wünschte er zu wissen, welche Kunstgriffe bei der Wahl derer angewandt würden, die ich Mitglieder des Unterhauses nannte; ob nicht ein Fremder mit einem starken Geldbeutel die gemeinen Wähler so beeinflussen könnte, dass sie lieber ihn wählten statt ihren Gutsherrn oder den angesehensten Herrn der Gegend. Wie es käme, dass die Leute so heftig darauf erpicht seien, in diese Versammlung zu kommen, obwohl ich zugäbe, dass es mit viel Unruhe und Kosten verbunden sei, oft zum Verderben ihrer Familien, und ohne dass sie irgend ein Gehalt oder Jahrgeld bekämen. Das erschien Seiner Majestät als eine solche Höhe der Tugend und des Gemeinsinns, dass er zu glauben schien, es sei vielleicht nicht ganz aufrichtig: und er wünschte zu wissen, ob so eifrige Herrn nicht die Absicht haben könnten, sich für die Ausgaben und die gehabte Mühe schadlos zu halten, indem sie das öffentliche Wohl den Plänen eines schwachen und lasterhaften Fürsten in Verbindung mit einem verderbten Ministerium opferten. Er stellte immer mehr Fragen und forschte mich über jede Einzelheit dieses Punktes aufs genaueste aus, indem er zahllose Erkundigungen einzog und Einwände erhob, die zu wiederholen ich weder für geraten noch für geboten halte.

In bezug auf das, was ich über unsre Gerichte sagte, wünschte Seine Majestät in verschiednen Punkten Aufklärung: und die konnte ich ihm um so besser geben, als ich früher einmal durch einen langen Prozess am Kanzleigericht dessen Kosten mir auferlegt wurden, fast ruiniert worden war. Er fragte, wie lange es in der Regel daure, bis zwischen Recht und Unrecht entschieden sei, und wieviel es koste. Ob es Advokaten und Rednern freistehe, auch für Sachen einzutreten, die handgreiflich als unrecht, ärgerlich und tyrannisch bekannt seien. Ob man beobachten könne, dass die Partei in der Religion oder der Politik in der Wagschale der Gerechtigkeit irgendwie von Gewicht sei. Ob jene Redner, die eine Sache führten, in der allgemeinen Kenntnis der Gerechtigkeit unterrichtet würden oder nur in provinziellen, nationalen und sonstwie lokal begrenzten Bräuchen. Ob sie oder die Richter an der Abfassung der Gesetze teilhätten, die nach Belieben auszulegen oder zu glossieren sie sich herausnähmen. Ob sie je zu verschiedenen Zeiten einmal für und wider dieselbe Sache geredet und Präzedenzfälle angeführt hätten, um gegenteilige Ansichten zu erweisen. Ob sie eine reiche oder arme Körperschaft bildeten. Ob sie irgend einen pekuniären Lohn dafür erhielten, dass sie jemanden verträten oder ihre Meinung abgäben. Und vor allem, ob sie als Mitglieder in die untere Ratsversammlung aufgenommen würden.

Dann kam er auf die Verwaltung unsres Schatzes und sagte, ihm schiene, als habe mir mein Gedächtnis einen Streich gespielt; ich hätte unsre Steuern auf jährlich etwa fünf bis sechs Millionen berechnet, und als ich die Ausgaben erwähnte, hätte er entdeckt, dass sie sich bisweilen auf mehr als das Doppelte beliefen. Die Notizen, die er sich gemacht hatte, waren in diesem Punkt ganz besonders genau, weil er hoffte, wie er mir sagte, dass die Kenntnis, wie wir uns darin verhielten, ihm nützlich sein könnte; in seinen Berechnungen aber könne er sich nicht geirrt haben. Wenn aber, was ich ihm gesagt hätte, wahr sei, so wisse er immer noch nicht, wie ein Königreich über seine Verhältnisse leben könne, einem Privatmann gleich. Er fragte mich, wer unsre Gläubiger wären und wo wir das Geld fänden, sie zu bezahlen. Er wunderte sich, dass er mich von so verwerflichen und kostspieligen Kriegen reden hörte; wir müssten doch sicherlich ein zanksüchtiges Volk sein oder unter sehr schlimmen Nachbarn leben; und unsre Generale müssten reicher sein als unsre Könige. Er fragte, was wir ausserhalb unsrer eignen Inseln zu suchen hätten, es sei denn, dass es sich um unsern Handel oder um Verträge handelte oder um die Verteidigung unsrer Küsten durch unsre Flotte. Vor allem aber hörte er mich mit der grössten Verwunderung von einem stehenden Söldnerheer mitten im Frieden und unter einem freien Volke reden. Er sagte, wenn wir mit unsrer eignen Einwilligung, gegeben durch die Person unsrer Volksvertreter, regiert würden, so könne er nicht begreifen, vor wem wir uns fürchteten oder gegen wen wir kämpfen sollten; und er wollte meine Ansicht darüber hören, ob nicht das Haus eines Privatmanns besser von ihm selbst, seinen Kindern und seiner Familie zu verteidigen sei, als von einem Dutzend Halunken, die aufs geratewohl gegen kargen Lohn in den Strassen aufgelesen würden, während sie doch hundertmal mehr verdienen könnten, wenn sie ihm den Hals abschnitten.

Er lachte über meine wunderliche Arithmetik (so geruhte er es zu nennen), wenn ich die Zahl unsrer Einwohner ausrechnete nach den verschiedenen Sekten in der Religion und der Politik. Er sagte, er kenne keinen Grund, weshalb jene, die dem Gemeinwesen schädliche Anschauungen unterhielten, gezwungen werden sollten, sie zu ändern, oder nicht gezwungen werden, sie zu verbergen. Wie es Tyrannei sei, wenn irgend eine Regierung jenes verlange, so sei es Schwäche, das zweite nicht durchzusetzen; denn man könne einem Menschen wohl erlauben, in seiner Kammer Gifte zu bewahren, aber er dürfe sie nicht als Stärkungsmittel verkaufen.

Er bemerkte, dass ich unter den Unterhaltungen unsres hohen und niedern Adels auch das Spiel erwähnt hätte. Er wünschte zu wissen, mit welchem Alter diese Vergnügung in der Regel beginne und wann sie wieder aufhöre; welchen Bruchteil ihrer Zeit es in Anspruch nehme; ob je so hoch gespielt würde, dass es das Vermögen der Spieler beeinflusste; ob nicht gemeine, lasterhafte Personen durch ihre Gewandtheit in dieser Kunst zu grossem Reichtum gelangen und bisweilen selbst unsre Adligen in Abhängigkeit halten, sie an verworfne Gesellschaft gewöhnen, sie der Pflege ihres Geistes völlig entreissen und sie durch die Verluste, die sie erlitten, zwingen könnten, jene schmähliche Gewandtheit selbst zu erwerben und gegen andre zu kehren.

Im höchsten Grade erstaunt war er über den historischen Bericht, den ich ihm von unsern Verhältnissen während des letzten Jahrhunderts gab, indem ich versicherte, es sei nichts als ein Haufe von Verschwörungen, Rebellionen, Morden, Blutbädern, Revolutionen, Verbannungen, den schlimmsten Wirkungen, die Habgier, Parteigeist, Verräterei, Grausamkeit, Raserei, Wahnsinn, Hass, Neid, Wollust, Tücke oder Ehrgeiz nur haben könnten.

Seine Majestät machte sich in einer weitern Sitzung die Mühe, alles, was ich gesagt hatte, zusammenzufassen; er verglich die Fragen, die er gestellt, mit den Antworten, die ich gegeben hatte; dann nahm er mich in die Hände, streichelte mich sanft und äusserte sich in diesen Worten, die ich niemals vergessen werde, ebensowenig wie den Ton, in dem er sie aussprach: »Mein kleiner Freund Grildrig, du hast mir einen wundervollen Panegyrikus auf deine Heimat gehalten; du hast klärlich bewiesen, dass Unwissenheit, Faulheit und Laster die geeigneten Eigenschaften sind, um einen Gesetzgeber zu schaffen, und dass die Gesetze am besten erklärt, gedeutet und angewandt werden von denen, deren Interesse und deren Begabung darin besteht, sie zu verfälschen, zu verwirren und zu umgehn. Ich erkenne bei euch einige Spuren einer Einrichtung, die in ihren Anfängen erträglich gewesen sein mag, deren Spuren jedoch zur Hälfte getilgt sind; und der Rest ist völlig verwischt und verlöscht durch die Korruption. Es erhellt aus allem, was du gesagt hast, nicht, dass auch nur eine einzige Tugend erforderlich wäre, um sich unter euch auch nur eine einzige Stellung zu sichern; viel weniger aber noch, dass die Menschen wegen ihrer Tugend geadelt, die Priester wegen ihrer Frömmigkeit oder Gelehrsamkeit befördert, die Soldaten wegen ihrer Tapferkeit oder ihrer Taten, die Richter wegen ihrer Unbestechlichkeit, die Senatoren wegen ihrer Liebe zum Lande oder die Ratgeber wegen ihrer Weisheit erhöht würden. Was dich selbst angeht (so fuhr der König fort), der du den grössern Teil deines Lebens auf Reisen verbracht hast, so will ich gern glauben, dass du bisher vielen Lastern deines Landes entgangen bist. Aber aus dem, was ich deinem Bericht entnommen, und aus den Antworten, die ich dir mit vieler Mühe abgerungen und ausgepresst habe, kann ich nichts andres schliessen, als dass die grosse Masse eurer Eingebornen das verderblichste Geschlecht scheusslicher kleiner Würmer ist, dem die Natur jemals gestattete, auf der Oberfläche der Erde herumzukriechen.«

Kapitel VII.

Des Verfassers Liebe zu seinem Lande. Er macht dem König einen sehr vorteilhaften Vorschlag, der abgelehnt wird. Des Königs grosse Unwissenheit in der Politik. Die grosse Unvollkommenheit und Beschränktheit der Gelehrsamkeit in jenem Lande. Seine Gesetze, seine militärischen Verhältnisse, und die Parteien im Staat.

Nichts als die äusserste Wahrheitsliebe hätte mich hindern können, diesen Teil meiner Geschichte zu unterdrücken. Es war vergeblich, wenn ich meinen Groll merken liess; er wurde stets ins lächerliche gezogen, und ich war gezwungen, geduldig zuzuhören, während man mein edles und innigst geliebtes Land so schmählich behandelte. Es tut mir von Herzen leid, so leid, wie es nur irgend einem meiner Leser tun kann, dass dazu Gelegenheit gegeben wurde: aber dieser Fürst war nun einmal so wissbegierig und unermüdlich in allen Punkten, dass es weder mit der Dankbarkeit noch mit der guten Erziehung vereinbar gewesen wäre, ihm nicht die Aufklärung zu geben, die zu geben ich imstande war. Doch wird man mir vielleicht erlauben, zu meiner Rechtfertigung wenigstens das eine zu sagen, dass ich vielen seiner Fragen sehr listig auswich und in jeder Einzelheit allem eine um viele Grade günstigere Wendung gab, als es in strenger Wahrhaftigkeit zulässig gewesen wäre. Denn ich habe für mein Land stets jene löbliche Parteilichkeit gezeigt, die Dionysius Halikamassensis dem Historiker mit so viel Recht anempfiehlt. Ich verbarg die Gebrechen und Schwächen meiner politischen Mutter und stellte ihre Tugenden und Schönheiten im günstigsten Lichte dar. Das war mein aufrichtiges Bemühn in jenen vielen Unterredungen, die ich mit jenem mächtigen Monarchen hatte, obgleich es leider erfolglos blieb.

Aber man muss viel Nachsicht mit einem Herrscher haben, der vom Rest der Welt völlig abgeschlossen lebt und also mit den Bräuchen und Sitten die bei andern Nationen herrschen, unbekannt sein muss: der Mangel einer solchen Kenntnis wird stets viele Vorurteile und eine gewisse Enge des Denkens zur Folge haben, von denen wir und die gebildeteren Völker Europas ganz frei sind. Und es wäre denn auch wirklich schlimm, wenn eines so entlegenen Fürsten Begriffe von Tugend und Laster als Massstab für die ganze Menschheit dienen sollte.

Zur Bestätigung dessen, was ich hier gesagt habe, und um zugleich die elenden Wirkungen einer beschränkten Erziehung zu zeigen, will ich eine Stelle einfügen, die kaum Glauben finden wird. In der Hoffnung, mir die Gunst Seiner Majestät in noch höherem Grade zu gewinnen, erzählte ich ihm von einer Erfindung, die vor etwa drei- bis vierhundert Jahren gemacht worden war: nämlich von der Erfindung eines gewissen Pulvers, bei dem es genügte, dass in einen grossen Haufen der geringste Funke hineinflog, um im Nu die ganze Masse zu entzünden, und wäre sie auch so gross wie ein Gebirge, und um alles unter einem Lärm und einer Erschütterung gleich der des Blitzschlags in die Luft zu sprengen; wenn man eine geeignete Menge dieses Pulvers in ein hohles Rohr aus Erz oder Eisen hineinstosse, je nach der Dicke des Rohrs, so treibe es eine Kugel aus Eisen oder Blei mit solcher Gewalt und Geschwindigkeit daraus hervor, dass nichts ihrer Kraft zu widerstehn vermöchte. Die grössten auf diese Weise entsandten Kugeln vernichteten nicht nur auf einmal ganze Reihen eines Heeres, sondern schlügen auch die stärksten Mauern zu Boden und bohrten Schiffe in den Grund, die tausend Menschen enthielten; und wenn man die Kugeln mit Ketten aneinander bände, so durchschnitten sie Masten und Takelagen und rissen Hunderte von Leibern in der Mitte auseinander, indem sie alles vor sich verwüsteten. Wir täten dieses Pulver auch oft in grosse, hohle Eisenkugeln und würfen sie durch eine Maschine in eine Stadt, die wir belagerten, so dass sie die Pflaster aufpflügten, die Häuser in Stücke rissen, selber barsten, nach allen Seiten Splitter schleuderten und allen, die in die Nähe kämen, das Gehirn aus dem Schädel rissen. Ich kenne alle Bestandteile ganz genau, und sie seien billig und verbreitet; ich verstehe die Art, sie zu mischen, und könne seine Werkleute anleiten, wie sie jene Rohre machen müssten; sie müssten in ihrer Grösse allen andern Dingen im Reiche Seiner Majestät entsprechen, und das grösste brauche nicht über hundert Fuss lang zu sein. Zwanzig oder dreissig solcher Rohre würden, mit der geeigneten Menge von Pulver und Kugeln geladen, in wenigen Stunden die Mauern der stärksten Stadt in seinen Besitzungen niederlegen oder die ganze Metropole vernichten, wenn sie es sich je sollte einfallen lassen, seinen unbedingten Befehlen zuwider zu handeln. Das bot ich Seiner Majestät in Demut als einen kleinen Dankestribut für all die Zeichen seiner königlichen Gunst und seines Wohlwollens an, die er mir gegeben hatte.

Den König packte ein Grauen ob der Schilderung, die ich ihm von diesen furchtbaren Waffen gab, und ebenso ob des Vorschlags, den ich ihm machte. Er war erstaunt, dass ein so ohnmächtiges und kriechendes Insekt wie ich (das waren seine eignen Worte) so unmenschliche Gedanken fassen konnte, und dabei waren sie mir offenbar so vertraut, dass ich bei all den blutigen und trostlosen Szenen, die ich ihm als das gewöhnliche Ergebnis des Gebrauchs dieser zerstörerischen Waffen geschildert hatte, völlig ungerührt blieb; er sagte, der erste Erfinder müsse irgend ein böser Geist gewesen sein, ein Feind der Menschheit. Ihn selber, versicherte er, entzückte zwar nichts so sehr wie neue Entdeckungen in der Wissenschaft oder der Natur, aber lieber wolle er sein halbes Königreich verlieren, als an einem solchen Geheimnis teilhaben; und er befahl mir, so wahr mir mein Leben lieb sei, es nie wieder zu erwähnen.

Welch seltsames Zeichen enger Grundsätze und kurzen Blicks! Ein Fürst, der jede Eigenschaft besass, die Verehrung, Liebe und Achtung erwirbt; ein Fürst von starker Begabung, grosser Weisheit und tiefer Gelehrsamkeit, im Besitz der wundervollsten Talente der Herrschaft und von seinen Untertanen fast angebetet – dieser Fürst konnte sich aus einer peinlichen, unnötigen Bedenklichkeit heraus, von der wir in Europa keine Vorstellung haben, eine Gelegenheit, die ihm in die Hände fiel, entgehen lassen, sich zum unumschränkten Herrscher über das Leben, die Freiheit und den Besitz seines Volkes zu machen. Ich sage das keineswegs, um die vielen Tugenden jenes ausgezeichneten Königs zu verkleinern; denn ich bin mir wohl bewusst, dass dies in der Meinung eines englischen Lesers seine Verdienste sehr schmälern wird; sondern ich denke mir, dieser Mangel entspringt ihrer Unwissenheit, da sie bisher die Politik noch nicht zu einer Wissenschaft gemacht haben, wie es die scharfsinnigeren Geister in Europa seit langem tun. Denn ich entsinne mich sehr genau, wie ich eines Tages in einer Unterredung mit dem König erwähnte, dass unter uns bereits viele tausend Bücher über die Kunst der Regierung geschrieben worden seien, und wie ihm das (meiner Absicht völlig entgegen) eine sehr geringe Meinung von unserm Verstand einflösste. Er versicherte, er verabscheue und verachte bei jedem Fürsten oder Minister jede Heimlichkeit, alle Schliche und Intrigen. Er wisse nicht, was ich unter Staatsgeheimnissen verstehe, sobald es sich nicht um einen Feind oder eine rivalisierende Nation handle. Für ihn sei die Wissenschaft der Regierung in sehr engen Grenzen umschrieben: durch gesunden Menschenverstand und Vernunft, durch Gerechtigkeit und Milde, durch die schnelle Entscheidung aller Zivil- und Kriminalprozesse, nebst einigen andern Dingen, die auf der Hand lägen und der Erwägung nicht wert seien. Und er gab seine Meinung dahin ab, wer es fertig brächte, zwei Kornähren oder zwei Grashalme auf einem Fleck Bodens zu ziehn, wo zuvor nur einer wuchs, der mache sich mehr um die Menschheit verdient und tue seinem Lande einen wesentlicheren Dienst als das ganze Geschlecht der Politiker zusammengenommen.

Die Gelehrsamkeit dieses Volks ist sehr mangelhaft; denn sie kennt nur die Moral, die Geschichte, die Dichtkunst und die Mathematik; darin, das muss man zugeben, zeichnen sie sich aus. Aber die Mathematik wird nur auf das angewandt, was für das Leben nützlich sein kann: auf die Verbesserung des Ackerbaus und aller technischen Fertigkeiten, so dass sie bei uns in geringer Achtung stehn würde. Und was Ideen, Wesenheiten, Abstraktionen und transzendentale Begriffe angeht, so konnte ich ihnen niemals auch nur die geringste Vorstellung davon in die Köpfe trichtern.

Kein Gesetz jenes Landes darf in der Zahl der Worte über die Zahl der Buchstaben ihres Alphabets hinausgehn; und die beläuft sich auf nur zweiundzwanzig. Aber nur wenige erreichen überhaupt diese Länge. Sie werden in den klarsten und einfachsten Worten abgefasst; und diese Leute sind nicht gewandt genug, um mehr als einen Sinn in ihnen zu finden: und zu irgend einem Gesetz einen Kommentar zu schreiben, ist ein Kapitalverbrechen. Was die Entscheidung der Zivilprozesse oder des Verfahrens gegen die Verbrecher angeht, so sind ihre Präzedenzfälle so wenig zahlreich, dass sie keinen Grund haben, sich im einen oder andern ausserordentlicher Gewandtheit zu rühmen.

Die Kunst der Buchdruckerei kennen sie wie die Chinesen seit unvordenklichen Zeiten: aber ihre Bibliotheken sind nicht sehr umfangreich; denn die des Königs, die als die grösste gilt, beläuft sich auf nicht mehr als tausend Bände; sie stehn in einer zwölfhundert Fuss langen Galerie, und ich hatte die Erlaubnis, ihr nach Belieben Bücher zu entnehmen. Der Tischler der Königin hatte in einem der Zimmer Glumdalclitsch's eine Art hölzernen Baus von fünfundzwanzig Fuss Höhe errichtet, die geformt war wie eine Stehleiter; die Stufen waren fünfzig Fuss lang. Es war eigentlich eine bewegliche Treppe, deren unteres Ende zehn Fuss von der Wand des Zimmers entfernt stand. Das Buch, das ich gerade lesen wollte, wurde gegen die Wand gelehnt. Ich stieg dann erst auf die oberste Stufe der Leiter, wandte mein Gesicht dem Buch zu und begann mit dem obern Ende der Seite und ging so um etwa acht oder zehn Schritt nach rechts und links, je nach der Länge der Zeilen, bis ich ein wenig unter den Bereich meiner Augen hinabgelangt war; dann stieg ich allmählich hinunter, bis ich die letzte Zeile erreichte; dann stieg ich von neuem hinauf und begann in der gleichen Weise die andre Seite, um schliesslich das Blatt zu wenden, was mir nicht schwer fiel, wenn ich beide Hände benutzte, denn es war so dick und steif wie Pappe und selbst in den grössten Folianten nie über achtzehn bis zwanzig Fuss lang.

Ihr Stil ist klar, männlich und glatt, aber nicht blühend, denn nichts vermeiden sie strenger, als unnötige Worte zu machen oder mannigfaltige Wendungen zu gebrauchen. Ich habe viele ihrer Bücher durchgelesen, besonders die aus der Geschichte und Moral. Unter andern machte mir eine alte, kleine Abhandlung viel Vergnügen, die stets in Glumdalclitsch's Schlafzimmer lag und ihrer Gouvernante gehörte, einer würdevollen, ältlichen Dame, die sich mit Moral- und Andachtsschriften abgab. Das Buch handelt von der Schwäche der Menschennatur und wird ausser unter den Frauen und dem gemeinen Volk wenig geachtet. Ich aber war neugierig darauf, was wohl ein Schriftsteiler jenes Landes über einen solchen Gegenstand zu sagen hätte. Der Verfasser ging all die gewöhnlichen Themen europäischer Moralisten durch und zeigte, ein wie winziges, verächtliches und hilfloses Tier der Mensch seinem eignen Wesen nach sei; wie wenig imstande, sich gegen die Unbill der Witterung oder die Wut wilder Tiere zu verteidigen: wie sehr ihn das eine Geschöpf an Kraft, das andre an Schnelligkeit, ein drittes an vorausschauendem Blick, ein viertes an Fleiss überträfe. Er fügte hinzu, die Natur sei in diesen späten, verfallenden Zeiten der Welt entartet und könne jetzt im Vergleich zu den Geschöpfen früherer Zeiten nur noch kleine Fehlgeburten hervorbringen. Er sagte, es sei ein sehr vernünftiger Gedanke, dass nicht nur das Menschengeschlecht ursprünglich viel grösser gewesen sein müsse, sondern dass es auch in alten Zeiten Riesen gegeben habe; und wie das von der Geschichte und der Überlieferung behauptet werde, so sei es auch durch riesige Knochen und Schädel bestätigt worden, die man gelegentlich in verschiedenen Gegenden des Königreichs ausgegraben habe, und die das zusammengeschrumpfte Geschlecht der Menschen unsrer Tage weit hin er sich liessen. Er machte geltend, die Naturgesetze postulierten es geradezu, dass wir zu Anfang viel grösser und stärker erschaffen worden seien, nicht so sehr der Vernichtung durch jeden kleinen Unfall ausgesetzt: durch einen Ziegel, der von einem Dache falle, einen Stein, den die Hand eines Knaben schleuderte oder einen kleinen Bach, in dem wir ertränken. Aus solchen Gedankenreihen zog der Verfasser mehrere moralische Schlüsse, die für die Lebensführung von Nutzen sein sollten, die aber hier zu wiederholen nutzlos ist. Ich meinesteils konnte mich der Überlegung nicht verschliessen, wie allgemein verbreitet doch dieses Talent sei, aus dem Zank, in den wir mit der Natur geraten, moralische Lehren oder vielmehr Stoff zu Unzufriedenheit und Sehnsucht zu entnehmen. Und ich glaube, wenn man die Sache streng untersuchte, so liesse sich zeigen, dass dieser Zank bei uns ebenso schlecht begründet ist, wie unter jenem Volk.

Was ihre militärischen Verhältnisse angeht, so prahlen sie damit, dass das Heer des Königs aus hundertsechsundsiebzig tausend Mann zu Fuss und zweiunddreissigtausend Mann zu Pferde bestehe: wenn anders man etwas ein Heer nennen kann, was aus den Kaufleuten in den verschiedenen Städten und aus den Pächtern auf dem Lande besteht; befehligt werden sie nur vom hohen und niedern Adel, der keinerlei Sold oder Lohn dafür erhält. In ihren Feldübungen zeigen sie freilich eine grosse Vollkommenheit und sehr gute Zucht, doch konnte ich das nicht sehr verdienstlich finden; denn wie sollte es anders sein, da jeder Pächter unter dem Befehl seines eigenen Gutsherrn steht und jeder Bürger unter dem der führenden Männer seiner eignen Stadt, die erwählt werden nach der Art Venedigs, nämlich durch Ballotierung?

Ich habe oft zugesehn, wenn auf einem grossen Feld von zwanzig Meilen im Geviert die Miliz von Lorbrulgrud in der Nähe der Stadt zur Übung entfaltet wurde. Es waren alles in allem nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Mann zu Fuss und sechstausend Reiter; aber die genaue Zahl zu schätzen war mir in anbetracht der Bodenfläche, die sie bedeckten, nicht möglich. Ein Reiter auf seinem grossen Ross mochte etwa hundert Fuss hoch sein. Ich habe gesehn, wie diese ganze Schwadron von Reitern auf ein Wort des Befehls im selben Augenblick die Schwerter zog und sie in der Luft schwang. Die Phantasie kann sich nichts vorstellen, was so grossartig, so überraschend und so erstaunlich wäre! Es sah aus, als führen zugleich zehntausend Blitze aus allen Gegenden des Himmels daher.

Ich war neugierig darauf, wie dieser Fürst, dessen Gebiet von keinem andern Lande aus zugänglich war, auf den Gedanken an Heere gekommen sein mochte, oder auf den, sein Volk in der Übung militärischer Zucht zu unterrichten. Aber ich erhielt bald Aufklärung, sowohl im Gespräch wie durch die Lektüre in ihren Geschichtsbüchern. Denn im Laufe vieler Zeitalter waren auch sie von derselben Krankheit heimgesucht, der das ganze Menschengeschlecht unterliegt; oft rang der Adel nach Macht, das Volk nach Freiheit und der König nach unumschränkter Herrschaft. Und wie glücklich auch alle diese Dinge durch die Gesetze jenes Königreichs mit einander in Einklang gebracht worden waren, so sind sie doch zuweilen von jeder der drei Parteien verletzt worden; und das hat einmal oder mehrmals Bürgerkriege zur Folge gehabt, deren letztem zum Glück durch den Grossvater dieses Fürsten in einer allgemeinen Synthese ein Ende gemacht wurde; und nachdem bei dieser Gelegenheit auf Grund allgemeiner Einwilligung die Miliz errichtet wurde, hat sie sich in strengster Pflichttreue gehalten.

Kapitel VIII.

Der König und die Königin unternehmen eine Reise an die Grenzen. Der Verfasser begleitet sie. Die Art, wie er das Land verlässt, wird in grosser Ausführlichkeit geschildert. Er kehrt nach England zurück.

Ich hatte stets den starken Drang, mir eines Tages meine Freiheit zurückzuerobern, obwohl ich nicht vermuten konnte, auf welche Art und Weise, und kein Plan mir die geringste Aussicht auf ein Gelingen bot. Das Schiff, auf dem ich gesegelt hatte, war, soweit bekannt, das erste, das je an seine Küste getrieben wurde, und der König hatte strengen Befehl erteilt, dass, wenn je ein zweites auftauchen sollte, es ans Land geholt und mitsamt seiner Mannschaft und seinen Passagieren auf einem Karren nach Lorbrulgrud gebracht würde. Ihm lag viel daran, mir eine Frau meiner eignen Grösse zu verschaffen, so dass ich die Rasse fortpflanzen könnte: aber ich glaube, ich wäre eher gestorben, als dass ich mich der Schmach gefügt hätte, eine Nachkommenschaft zu hinterlassen, die wie zahme Kanarienvögel in Käfigen gehalten würde, um dann vielleicht mit der Zeit im ganzen Königreich als Kuriosität an vornehme Leute verkauft zu werden. Ich selbst freilich wurde sehr freundlich behandelt: ich war der Günstling eines grossen Königs und einer Königin und das Entzücken des ganzen Hofs; aber ich nahm doch eine Stellung ein, wie sie der Würde eines Menschen wenig angemessen ist. Ich konnte niemals meine Familie vergessen, die ich hinter mir gelassen hatte. Ich sehnte mich danach, unter Menschen zu sein, mit denen ich auf gleichem Fuss verkehren konnte, in den Strassen und über die Felder zu gehn, ohne fürchten zu müssen, dass man mich wie einen Frosch oder einen jungen Hund zerträte. Aber meine Befreiung kam schneller, als ich gedacht hatte, und auf eine nicht gerade gewöhnliche Art und Weise; ich will die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten getreulich berichten.

Ich war nun schon zwei Jahre in diesem Lande; und um den Anfang des dritten begleiteten Glumdalklitsch und ich den König und die Königin auf einer Reise an die Südküste des Reichs. Ich wurde wie gewöhnlich in meiner Reiseschachtel mitgenommen, die, wie ich sie bereits geschildert habe, ein bequemes Zimmer von zwölf Fuss im Geviert darstellte. Und ich hatte an seidenen Stricken von den vier Ecken der Decke aus eine Hängematte anbringen lassen, um die Stösse abzuschwächen, wenn mich ein Diener, wie ich es bisweilen wünschte, zu Pferde vor sich nahm; und oft schlief ich, wenn wir unterwegs waren, in meiner Hängematte. Im Dach meiner Kammer liess ich mir von dem Tischler genau über der Mitte meiner Hängematte ein Loch von einem Quadratfuss anbringen, damit bei heissem Wetter, während ich schlief, die Luft eindringen könnte; dieses Loch konnte ich nach Belieben mit einem Brett verschliessen, das in einer Schiene hin und her lief.

Als wir das Ziel unsrer Reise erreichten, gefiel es dem König, einige wenige Tage in einem Palast zu verbringen, der ihm gehörte und der in der Nähe von Flanflasnik lag, einer Stadt, achtzehn englische Meilen von der Meeresküste entfernt. Glumdalklitsch und ich waren sehr angestrengt; ich hatte eine leichte Erkältung, aber das arme Mädchen war so krank, dass es ihr Zimmer hüten musste. Ich sehnte mich nach dem Anblick des Ozeans, der der einzige Schauplatz meiner Flucht sein konnte, wenn sie je stattfinden sollte. Ich stellte mich kränker, als ich war und bat um die Erlaubnis, die frische Seeluft geniessen zu dürfen; ein Page, den ich sehr liebte, und dem man mich zuweilen anvertraut hatte, möge mich begleiten. Ich werde es nie vergessen, wie widerwillig Glumdalklitsch ihre Zustimmung gab, noch auch, wie streng sie dem Pagen befahl, gut auf mich zu achten, wobei sie in einen Tränenstrom ausbrach, als hätte sie geahnt, was geschehn sollte. Der Knabe nahm mich in meiner Schachtel mit auf dem halbstündigen Spaziergang bis zu den Felsen der Küste. Ich befahl ihm, mich niederzusetzen; und indem ich eins meiner Fenster öffnete, warf ich manchen spähenden, melancholischen Blick aufs Meer hinaus. Ich fühlte mich nicht sehr wohl und sagte dem Pagen, ich wollte ein wenig in meiner Hängematte schlafen; ich hoffe, das werde mir gut tun. Ich legte mich hinein, und der Knabe schloss das Fenster, um die Kälte auszuschliessen. Ich schlief bald ein und meine ganzen Vermutungen beschränken sich auf Folgendes: während ich schlief, wird der Page, im Glauben, es könne keinerlei Gefahr eintreten, in die Felsen gestiegen sein, um nach Vogeleiern auszuschaun; denn ich hatte schon zuvor durch mein Fenster beobachtet, wie er suchte und in den Felsspalten eins oder zwei auflas. Doch dem sei wie ihm wolle, ich erwachte jäh durch einen gewaltsamen Ruck an dem Ring, der auf dem Dach meiner Schachtel angebracht war, um sie bequemer tragen zu können. Ich fühlte, wie meine Schachtel sehr hoch in die Luft emporgehoben wurde, um dann in fabelhafter Geschwindigkeit vorwärts getragen zu werden. Der erste Stoss hätte mich fast aus meiner Hängematte herausgeschleudert, nachher aber war die Bewegung sehr glatt. Ich schrie mehrmals auf, so laut ich meine Stimme erheben konnte, aber es war ganz zwecklos. Ich sah durch meine Fenster, aber ich konnte nichts erkennen als die Wolken und den Himmel. Genau über meinem Kopf hörte ich ein Geräusch wie von Flügelschlagen, und jetzt begann ich zu merken, in welcher grauenhaften Lage ich war. Irgend ein Adler hatte den Ring meiner Schachtel mit dem Schnabel aufgegriffen, um sie wie eine Schildkröte in ihrer Schale auf irgend einen Felsen fallen zu lassen und meinen Leib herauszupicken und zu verschlingen. Denn der Scharfsinn und die Witterung dieses Vogels setzten ihn instand, sein Wild auf grosse Entfernungen zu entdecken, wäre es auch noch besser versteckt, als ich es hinter meinen zwei Zoll dicken Brettern sein konnte.

Nach kurzer Weile merkte ich, dass das Geräusch des Flügelschlagens sehr viel schneller wurde, und meine Schachtel wurde wie ein Signalpfosten an einem windigen Tag auf und nieder geschleudert. Ich hörte, wie anscheinend dem Adler mehrere Schläge oder Stösse versetzt wurden (denn dass es ein Adler war, was den Ring meiner Schachtel im Schnabel hielt, davon bin ich überzeugt); und dann fühlte ich plötzlich, wie ich über eine Minute lang senkrecht hinunterfiel, und zwar mit so unglaublicher Geschwindigkeit, dass mir fast der Atem verging. Mein Fall endete mit einem furchtbaren Klatschen, das mir lauter in die Ohren klang, als der Katarakt des Niagara; dann war ich eine weitere Minute ganz in Dunkelheit, und schliesslich stieg meine Schachtel von neuem so hoch, dass ich oben durch meine Fenster Licht sehn konnte. Ich merkte jetzt, dass ich ins Meer gefallen war. Meine Schachtel schwamm durch das Gewicht meines Körpers, der Gegenstände, die sich darin befanden, und der breiten Eisenplatten, die zur Verstärkung in den vier Ecken der Decke und des Bodens angebracht waren, etwa fünf Fuss tief im Wasser. Ich nahm sofort an, und glaube es noch jetzt, dass der Adler, der mit meiner Schachtel entflog, von zwei oder drei andern verfolgt wurde und gezwungen war, mich fallen zu lassen, während er sich gegen die andern verteidigte, die seine Beute zu teilen hofften. Die Eisenplatten, die am Boden der Schachtel befestigt waren, hielten (denn sie waren die stärksten) den ganzen Bau während des Falles im Gleichgewicht und schützten ihn davor, auf der Oberfläche des Wassers zu zerschellen. Die Fugen waren gut verzahnt, und die Tür lief nicht in Angeln, sondern in Schienen wie ein Schiebefenster; und das hielt meine Kammer so dicht, dass nur sehr wenig Wasser eindrang. Ich stieg, nachdem ich zuvor den Schiebeverschluss des Daches, den ich bereits erwähnt habe, und der eigens dazu angebracht war, um Luft hereinzulassen, zurückgeschoben hatte, da ich aus Mangel an ihr fast erstickte, mit vieler Mühe aus der Hängematte.

Wie oft wünschte ich nun bei meiner lieben Glumdalklitsch zu sein, von der mich eine einzige Stunde so weit getrennt hatte! Und ich kann in aller Wahrheit sagen, dass ich mitten in meinem Unglück nicht umhin konnte, meine arme Amme zu beklagen und an den Schmerz zu denken, den mein Verlust ihr bereiten musste, da sie des Missvergnügens der Königin und ihres Sturzes in der Gunst gewiss war. Vielleicht haben nicht viele Reisende unter grössern Schwierigkeiten und grösserer Not gelebt als ich in dieser Lage, während ich jeden Augenblick erwarten musste, meine Schachtel zerschmettert, oder wenigstens vom ersten heftigen Windstoss oder jeder steigenden Woge umgeworfen zu sehn. Ein Sprung in einer einzigen Glasscheibe wäre der unmittelbare Tod gewesen; und nichts hätte die Fenster zu schützen vermocht, wären nicht die starken Drahtgitter gewesen, die sie auf Reisen vor Unfällen sichern sollten. Ich sah, wie durch mehrere Fugen das Wasser eindrang, wenn auch nirgends ein nennenswertes Leck vorhanden war, und ich versuchte, sie, so gut ich konnte, zu verstopfen. Das Dach meiner Kammer vermochte ich nicht zu heben, sonst hätte ich es sicherlich getan, um mich oben darauf zu setzen, wo ich mich wenigstens ein paar Stunden länger hätte halten können, als jetzt, eingeschlossen in dem Gefängnis, wie ich es wohl nennen kann. Und wenn ich auch diesen Gefahren ein oder zwei Tage lang entging, was konnte ich anders erwarten, als einen elenden Tod durch Kälte und Hunger? Vier Stunden lebte ich in dieser Lage, und derweilen erwartete ich, ja wünschte ich mit jedem Augenblick, es möge mein letzter sein.

Ich habe dem Leser bereits gesagt, dass an der fensterlosen Seite meiner Schachtel zwei starke Klammern angebracht waren, in die der Diener, der mich zu Pferde zu tragen hatte, einen ledernen Riemen zog, um ihn sich an den Gürtel zu schnallen. Als ich nun in dieser trostlosen Lage war, hörte ich (oder meinte wenigstens es zu hören) ein scharrendes Geräusch auf der Seite der Kammer, an der die Klammern angebracht waren; und bald darauf begann ich zu glauben, dass die Schachtel durchs Meer gezogen oder getaut wurde; denn hin und wieder spürte ich einen Ruck, der die Wogen am obern Ende meiner Fenster in die Höhe trieb, so dass ich fast im Dunkeln war. Das weckte eine schwache Hoffnung auf Rettung in mir, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie es zustande kommen mochte. Ich wagte es, einen meiner Stühle, die stets an dem Boden befestigt waren, loszuschrauben; und indem ich ihn mit vieler Mühe genau unter dem Gleitbrett, das ich zuvor geöffnet hatte, wieder festschraubte, stieg ich hinauf, hielt meinen Mund, so dicht ich konnte, an das Luftloch und rief mit lauter Stimme und in allen Sprachen, die ich kannte, um Hilfe. Schliesslich band ich auch mein Taschentuch an einen Spazierstock, den ich meist bei mir hatte, streckte ihn durch das Loch hinauf und schwang ihn mehrmals in der Luft, damit, wenn etwa ein Boot oder ein Schiff in der Nähe wäre, die Seeleute sich denken könnten, dass in der Schachtel ein unglücklicher Sterblicher eingeschlossen war.

Ich merkte nicht, dass irgend etwas, was ich tat, eine Wirkung gehabt hätte, aber ich erkannte jetzt klar, dass meine Kammer sich vorwärts bewegte; und nach etwa einer Stunde oder etwas mehr schlug die Seite der Schachtel, an der sich die Klammern befanden und die keine Fenster hatte, gegen etwas Hartes. Ich fürchtete, es möchte ein Fels sein, und ich wurde stärker umhergestossen als je. Auf der Decke meiner Kammer hörte ich deutlich ein Geräusch, das dem eines Taus glich und das zu scharren begann, als es durch den Ring lief. Dann merkte ich, wie ich allmählich um mindestens drei Fuss höher gehoben wurde, als ich mich zuvor befunden hatte. Und von neuem streckte ich den Stock mit dem Taschentuch hinaus, indem ich um Hilfe rief, bis ich fast heiser war. Ich hörte jetzt auch ein Trampeln über meinem Kopf, und alsbald rief jemand mit lauter Stimme in englischer Sprache durchs Loch herab: »Wenn jemand dort unten ist, so möge er sprechen!« Ich erwiderte, ich sei ein Engländer, den sein Unglück in die grösste Notlage gebracht habe, die je ein menschliches Geschöpf erfahren habe; und ich bat bei allem, was rühren konnte, mich aus dem Gefängnis, in dem ich sässe, zu befreien. Die Stimme erwiderte, ich sei in Sicherheit, denn meine Schachtel sei an ihrem Schiff befestigt und der Zimmermann würde sofort herabkommen und ein Loch ins Dach sägen, das gross genug sei, um mich herauszuziehen. Ich rief hinauf, das sei nicht nötig und würde zu lange dauern, denn es brauche nichts weiter zu geschehn, als dass einer von der Mannschaft den Finger in den Ring steckte und die Schachtel aus dem Wasser ins Schiff und in die Kabine des Kapitäns höbe. Manche von ihnen glaubten, als sie mich so sinnlose Reden führen hörten, dass ich wahnsinnig sei; andre lachten. Mir aber war es noch nicht in den Sinn gekommen, dass ich wieder unter Menschen meiner eignen Statur und Kraft gelangt war. Der Zimmermann kam und sägte in wenigen Minuten ein Loch von etwa vier Quadratfuss in die Decke und liess eine kleine Leiter hinab, auf der ich hinaufstieg, um dann in sehr geschwächtem Zustand ins Schiff hinübergenommen zu werden.

Die Seeleute schwebten alle in höchstem Staunen und stellten mir tausend Fragen, auf die zu antworten ich keine Lust verspürte. Ich selbst war ebenso verwirrt über den Anblick so vieler Pygmäen, denn dafür hielt ich sie, nachdem ich meine Augen so lange an die ungeheuren Wesen gewöhnt hatte, die hinter mir geblieben waren. Als aber der Kapitän, Herr Thomas Wilcocks, ein würdiger, ehrlicher Mann aus Shropshire, sah, dass ich einer Ohnmacht nahe war, führte er mich in seine Kabine, gab mir ein Stärkungsmittel und liess mich auf seinem eignen Bett liegen, indem er mir riet, mich ein wenig auszuruhn, denn ich hätte es sehr nötig. Ehe ich schlafen ging, gab ich ihm zu verstehn, dass ich in meiner Schachtel einige wertvolle Einrichtungsgegenstände hätte, die zu gut dazu seien, um einfach verloren zu gehn; eine schöne Hängematte, ein hübsches Feldbett, zwei Stühle, einen Tisch und einen Schrank: dass meine Kammer auf allen Seiten mit Seide und Baumwolle verhangen oder vielmehr gepolstert sei: und wenn er also einem aus seiner Mannschaft befehlen wolle, meine Kammer in seine Kabine zu bringen, so würde ich sie vor seinen Augen öffnen und ihm alles zeigen. Als der Kapitän mich solche Absurditäten reden hörte, zog er den Schluss, dass ich irre sei; er versprach mir jedoch (ich vermute, um mich zu beruhigen), den gewünschten Befehl zu erteilen; und indem er auf Deck ging, schickte er einige seiner Leute in meine Kammer hinunter, aus der sie (wie ich später erkannte) all meine Sachen herausholten und die Polsterung herunterrissen, die Stühle, der Schrank und die Bettstelle aber wurden, da sie an den Boden geschraubt waren, infolge der Unwissenheit der Seeleute, die sie mit Gewalt losrissen, sehr beschädigt. Dann schlugen sie sich ein paar der Bretter los, die sie für ihr Schiff gebrauchen konnten, und liessen, als sie alles hatten, was sie sich wünschten, die leere Schale ins Meer zurückfallen; und infolge der vielen Breschen im Boden und in den Seiten, sank sie senkrecht unter. Und wahrlich, ich freute mich, dass ich bei dem Zerstörungswerk nicht zugeschaut hatte, denn ich bin überzeugt, es hätte mich empfindlich geschmerzt, indem es mir frühere Dinge ins Gedächtnis rief, die ich lieber vergass.

Ich schlief ein paar Stunden hindurch, aber mich störten fortwährend Träume von den Gegenden, die ich verlassen hatte, und den Gefahren, denen ich entronnen war. Doch fühlte ich mich, als ich erwachte, weit wohler. Es war etwa acht Uhr abends, und der Kapitän bestellte auf der Stelle das Nachtmahl, da er glaubte, ich hätte schon allzu lange gefastet. Er bewirtete mich sehr freundlich, denn er sah, dass ich weder irr dreinblickte noch zusammenhangslos redete: und als wir allein blieben, bat er mich, ihm einen Bericht über meine Reisen zu geben und ihm zu sagen, durch welchen Zufall ich in jener ungeheuren hölzernen Kiste auf dem Meer ausgesetzt worden sei. Er sagte, als er gegen zwölf Uhr mittags durch sein Glas spähte, habe er sie in der Ferne entdeckt und für ein Segel gehalten; und er habe es berühren wollen, da es nicht weit von seinem Kurs abfuhr, um vielleicht ein paar Biskuits kaufen zu können; denn seine eignen begännen ihm auszugehn. Als er dann näher kam und seinen Irrtum erkannte, habe er sein Beiboot ausgeschickt, um zu erkunden, was ich wäre. Seine Leute seien in hellem Entsetzen zurückgekommen und hätten geschworen, sie hätten ein schwimmendes Haus gesehn. Er habe über ihre Narrheit gelacht und sei selbst ins Boot gestiegen, indem er seinen Leuten befahl, ein starkes Tau mitzunehmen. Und da die See ganz glatt war, sei er mehrmals um mich herumgerudert, wobei er meine Fenster beobachtete, sowie auch die Drahtgitter, die sie schützten. Er habe an der einen Seite zwei Klammern entdeckt, während die Wand dort ganz aus Brettern bestanden hätte, ohne jeden Durchgang für das Licht. Er habe also seinen Leuten befohlen, an diese Seite heranzurudern, an einer der Klammern ein Tau zu befestigen und meine Kiste (wie er es nannte) zum Schiff zu ziehn. Als sie es erreichten, habe er Anweisung gegeben, ein weiteres Tau durch den Ring im Dach zu legen und meine Kiste mit der Winde hochzuheben, aber all seine Matrosen seien nicht imstande gewesen, sie um mehr als zwei oder drei Fuss in die Höhe zu bringen. Er sagte, sie hätten gesehn, wie ich meinen Stock mit dem Taschentuch durch das Loch hinausstreckte, und daraus geschlossen, dass irgend ein unglücklicher Mensch im Hohlraum eingeschlossen sein müsse. Ich fragte, ob er oder die Mannschaft um die Zeit, als sie mich zuerst entdeckten, irgend welche ungeheuren Vögel in der Luft gesehn hätten. Er erwiderte, darüber habe er mit den Matrosen gesprochen, während ich schlief, und einer von ihnen habe gesagt, er hätte drei Adler nach Norden fliegen sehn, doch habe er nichts davon verlauten lassen, dass sie etwa grösser gewesen wären als gewöhnlich, was, wie ich mir denke, der grossen Höhe zuzuschreiben ist, in der sie flogen. Er aber konnte den Grund meiner Frage nicht erraten. Dann fragte ich den Kapitän, wie weit wir seiner Meinung nach vom Lande entfernt seien; er sagte, nach der genauesten Schätzung, die ihm möglich sei, wären es mindestens hundert Meilen. Ich versicherte ihm, er müsse sich um fast die Hälfte irren, denn ich hätte das Land, aus dem ich gekommen sei, nicht mehr als zwei Stunden, bevor ich ins Meer fiel, verlassen. Da begann er von neuem zu denken, mein Verstand sei gestört; er liess eine Andeutung darüber fallen und riet mir, in einer Kabine, die er mir habe herrichten lassen, zu Bett zu gehn. Ich versicherte ihm, ich sei ganz erfrischt durch seine gute Bewirtung und Gesellschaft und so sehr bei Verstand, wie nur je in meinem Leben. Er aber wurde ernst und bat mich, offen fragen zu dürfen, ob ich nicht durch das Bewusstsein irgend eines ungeheuren Verbrechens geistesgestört sei, für das man mich auf Befehl eines Fürsten bestraft habe, indem man mich in jener Kiste aussetzte, wie wohl auch in andern Ländern schon Verbrecher gezwungen worden seien, in einem lecken Schiff ohne Vorräte in See zu gehn: denn obgleich es ihm leid tun würde, einen so schlimmen Menschen in sein Schiff aufgenommen zu haben, so wolle er doch sein Wort verpfänden, mich im ersten Hafen, den wir erreichten, wohlbehalten an Land zu setzen. Er fügte hinzu, sein Argwohn werde noch sehr verstärkt durch einige absurde Reden, die ich gleich zu Anfang den Matrosen, später aber auch ihm selbst gegenüber über meine Kammer oder Kiste geführt hätte; ferner aber auch durch meine wunderlichen Blicke und mein Benehmen beim Nachtmahl.

Ich bat ihn, geduldig zuzuhören, während ich ihm meine Geschichte erzählte; ich tat es getreulich von dem Augenblick an, in dem ich England zum letzten Mal verlassen hatte, bis er mich zuerst entdeckte. Und da sich die Wahrheit in vernünftigen Seelen stets ihren Weg erzwingt, so überzeugte sich auch dieser ehrliche, würdige Herr, an dem ein wenig Gelehrsamkeit abgefärbt hatte und der sehr gesunden Verstand besass, auf der Stelle von meiner Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Zur ferneren Bestätigung all dessen aber, was ich gesagt hatte, flehte ich ihn an, Befehl zu erteilen, dass man meinen Schrank brächte, dessen Schlüssel ich in der Tasche hätte (denn er hatte mir bereits gesagt, wie die Matrosen mit meiner Kammer umgegangen waren). Ich öffnete ihn in seiner Gegenwart und zeigte ihm die kleine Sammlung von Seltenheiten, die ich in jenem Lande angelegt hatte, aus dem ich auf so seltsame Art und Weise befreit worden war. Ich hatte den Kamm, den ich mir aus den Haarstümpfen vom Bart des Königs gemacht hatte, und einen zweiten aus demselben Material, jedoch montiert auf einem Spahn vom Daumennagel Ihrer Majestät, der als Rücken diente. Ich hatte eine Sammlung von Näh- und Stecknadeln, die zwischen einer Länge von einem Fuss und einer halben Elle schwankten; vier Wespenstacheln, die Tischlerstiften glichen: ein paar ausgekämmte Haare der Königin und einen goldnen Ring, den sie mir in sehr liebenswürdiger Weise zum Geschenk gemacht hatte, indem sie ihn vom kleinen Finger zog und mir wie ein Halsband über den Kopf warf. Ich bat den Kapitän, er möchte diesen Ring als Anerkennung seiner Höflichkeiten anzunehmen geruhn, aber er weigerte sich unbedingt. Ich zeigte ihm ein Hühnerauge, das ich mit eigner Hand vom Zeh einer Ehrendame geschnitten hatte; es war etwa so gross wie ein Apfel aus Kent; es war so hart geworden, dass ich es, als ich nach England zurückkehrte, zu einem Becher aushöhlen und in Silber fassen lassen konnte. Zuletzt bat ich ihn, sich die Hose anzusehn, die ich trug und die aus dem Fell einer Maus gemacht war.

Ich konnte ihm nichts aufdrängen ausser dem Zahn eines Lakaien, den er, wie ich bemerkte, mit grosser Neugier betrachtete, woraus ich entnahm, dass er ihn gern besessen hätte. Er nahm ihn mit überströmendem Dank entgegen, mit mehr, als eine solche Kleinigkeit verdiente. Er war einem von Glumdalklitschs Leuten, der Zahnschmerzen hatte, von einem ungeschickten Chirurgen versehentlich gezogen worden, denn er war so gesund wie nur irgend einer in seinem Mund. Ich liess ihn reinigen und legte ihn mir in den Schrank. Er war etwa einen Fuss lang und hatte vier Zoll im Durchmesser.

Der Kapitän war sehr zufrieden mit dem schmucklosen Bericht, den ich ihm gegeben hatte, und er sagte, er hoffe, wenn wir nach England zurückkehrten, würde ich ihn zu Papier bringen und veröffentlichen. Ich erwiderte, meiner Meinung nach seien wir schon überreichlich mit Reisebüchern versehn; nichts könne mehr Erfolg haben, als das ganz Ausserordentliche; mir scheine freilich, dass manche Schriftsteller darin weniger an die Wahrheit dächten als an ihre Eitelkeit, ihr Interesse oder das Vergnügen unwissender Leser. Meine Geschichte könne wenig enthalten ausser ganz gewöhnlichen Ereignissen und müsse jene schmückenden Schilderungen seltsamer Pflanzen, Bäume, Vögel und andrer Tiere oder der barbarischen Sitten und der Götzendienern wilder Völker, von denen die meisten Schriftsteller voll seien, völlig entbehren. Ich dankte ihm jedoch für seine gute Meinung und versprach, mir die Sache zu überlegen.

Er sagte, eins nehme ihn sehr wunder; dass ich nämlich so laut spräche; und er fragte, ob etwa der König oder die Königin jenes Landes schwerhörig wären. Ich sagte ihm, daran hätte ich mich seit mehr als zwei Jahren gewöhnt; und ich wundre mich ebenso sehr über seine und seiner Leute Stimmen, denn mir sei, als flüsterten sie nur, und doch könnte ich sie deutlich hören. Wenn ich aber in jenem Lande gesprochen hätte, so sei es gewesen, wie wenn ein Mensch auf der Strasse mit einem andern spräche, der oben aus einem Kirchturm blicke; es sei denn, dass man mich auf einen Tisch gestellt hatte oder dass mich jemand in seiner Hand hielt. Ich sagte ihm, ich hätte auch noch eins bemerkt; als ich nämlich zuerst ins Schiff gekommen sei und all die Matrosen mich umstanden, da habe ich sie für die kleinsten und verächtlichsten Geschöpfe gehalten, die ich je erblickt hätte. Denn auch während ich im Reiche jenes Königs gewesen sei, habe ich es nie ertragen können, in einen Spiegel zu blicken, nachdem meine Augen sich einmal an so ungeheure Wesen gewöhnt hatten; der Vergleich habe mir einen zu geringen Begriff von mir selber gegeben. Der Kapitän sagte, während wir beim Abendbrot gesessen hätten, habe ich alles mit einer Art Verwunderung angeblickt, und oft habe es ausgesehn, als könnte ich kaum mein Lachen unterdrücken; er habe nicht recht gewusst, wie er das aufnehmen sollte, habe es aber irgend einer Verwirrung in meinem Gehirn zugeschrieben. Ich erwiderte, das sei sehr wahr, und ich wundere mich, wie ich es habe zurückhalten können, als ich seine Schüsseln sah, die so gross seien wie ein silbernes Dreipencestück; der Schweineschinken sei ja kaum ein Bissen, der Becher nicht einmal so gross wie eine Nussschale; und so fuhr ich fort, in derselben Weise auch den Rest des Hausrats und der Speisen zu schildern. Denn obgleich die Königin mir eine kleine Ausstattung mit allem verschafft hatte, was ich brauchte, so lange ich in ihren Diensten stand, so wurden doch meine Gedanken vollständig von dem in Anspruch genommen, was ich auf allen Seiten rings um mich sah; und über meine eigne Kleinheit sah ich hinweg, wie die Menschen über ihre eignen Fehler hinwegsehn. Der Kapitän verstand meine Spötterei sehr gut und erwiderte mit dem alten englischen Sprichwort, dass meine Augen grösser zu sein schienen als mein Magen, denn der scheine nicht so gar gut zu sein, obwohl ich den ganzen Tag hindurch gefastet habe; und indem er seine Scherze fortsetzte, sagte er, er würde gern hundert Pfund dafür geben, wenn er meine Kammer hätte im Schnabel des Adlers und nachher ihren Sturz aus solcher Höhe bis ins Meer hinunter mit ansehn können; das sei sicherlich etwas ganz Erstaunliches gewesen, wert, dass man eine Schilderung davon zukünftigen Generationen übermittelte; und der Vergleich mit Phaeton lag so nahe, dass er ihn nicht unterdrücken konnte, obgleich ich diesen Gedanken nicht sehr bewunderte.

Der Kapitän war in Tonkin gewesen und auf dem Rückweg nach England nordöstlich bis zur einer Breite von vierundvierzig und bis zu einer Länge von hundertdreiundvierzig Grad abgetrieben worden. Da er aber zwei Tage nachdem ich zu ihm an Bord gekommen war, einen Passatwind traf, segelten wir lange nach Süden hin, und an der Küste von Neu-Holland entlang schlugen wir einen westsüdwestlichen Kurs ein, um uns dann nach Südsüdwest zu wenden, bis wir das Kap der guten Hoffnung umfuhren. Unsre Reise war sehr glücklich, aber ich will den Leser nicht mit einem Tagebuch belästigen. Der Kapitän lief in zwei oder drei Häfen an und schickte sein Beiboot nach Vorräten und frischem Wasser aus; ich aber verliess das Schiff nicht ein einziges Mal, bis wir die Rhede der Downs erreichten, was am 3. Juni 1706 geschah, etwa neun Monate nach meiner Entführung. Ich erbot mich, meine Habe als Sicherheit für die Zahlung meiner Überfahrt zurückzulassen: aber der Kapitän beteuerte, er würde keinen Heller annehmen. Wir nahmen freundlichen Abschied von einander, und er musste mir versprechen, mich in meinem Hause in Redriff zu besuchen. Ich mietete mir für fünf Schilling, die ich von dem Kapitän borgte, ein Pferd und einen Führer.

Als ich dann auf der Strasse war und die Kleinheit der Häuser, der Bäume, des Viehs und der Leute bemerkte, begann ich zu glauben, ich sei in Lilliput. Ich fürchtete, jeden Reisenden, den ich begegnete, zu zertreten und rief ihnen oft zu, aus dem Wege zu gehn, so dass ich mir ein- oder zweimal fast einen gebrochenen Schädel für meine Unverschämtheit geholt hätte.

Als ich mein eignes Haus erreichte, nach dem ich zu befragen gezwungen war, und einer der Dienstboten mir die Tür auftat, bückte ich mich (wie eine Gans unter einem Tor) beim Eintreten, um mir nicht den Kopf zu stossen. Mein Weib kam herausgelaufen, um mich zu umarmen, ich aber neigte mich tiefer als bis zu ihren Knien hinab, weil ich glaubte, sie werde sonst nimmermehr imstande sein, meinen Mund zu erreichen. Meine Tochter kniete nieder, um mich um meinen Segen zu bitten, doch sah ich sie nicht eher als bis sie aufstand; so lange war ich daran gewöhnt gewesen, Kopf und Augen zu einer Höhe von mehr als sechzig Fuss zu erheben; und dann hob ich sie mit einer Hand um ihre Hüften auf. Auf die Dienstboten und einen oder zwei Freunde, die im Hause waren, blickte ich hinab, als wären sie Pygmäen und ich ein Riese. Ich sagte meinem Weibe, sie sei zu sparsam gewesen, denn ich fände, sie hätte sich und ihre Tochter zu einem wahren Nichts zusammenhungern lassen. Kurz, ich benahm mich so unerklärlich, dass alle, die mich zuerst sahn, der Meinung des Kapitäns waren und glaubten, ich hätte den Verstand verloren. Ich erwähne das als ein Beispiel der grossen Macht der Gewohnheit und des Vorurteils.

In kurzer Zeit jedoch kamen ich und meine Familie und meine Freunde zur rechten Verständigung: mein Weib aber protestierte dagegen, dass ich je wieder zur See ginge; mein arges Schicksal freilich wollte es so, dass sie keine Macht hatte, mich zurückzuhalten, wie der Leser es später erfahren wird. Inzwischen beschliesse ich hier den zweiten Teil meiner unglücklichen Reisen.

Der Reise dritter Teil. Eine Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan.

Der Verfasser bricht zu einer dritten Reise auf und wird von Piraten gefangen genommen. Die Tücke eines Holländers. Seine Ankunft auf einer Insel. Er wird in Laputa aufgenommen.

Noch war ich nicht mehr als zehn Tage zu Hause gewesen, als Kapitän William Robinson aus Cornwall, der Befehlshaber der Hopewell, eines guten Schiffes von dreihundert Tonnen, zu mir ins Haus kam. Ich war früher einmal Arzt auf einem Schiff gewesen, das er führte und das ihm zu einem Viertel gehörte; es hatte eine Reise in die Levante gemacht. Er hatte mich stets eher wie einen Bruder behandelt als wie einen untergebenen Offizier; und als er hörte, dass ich heimgekommen war, machte er mir einen Besuch, und zwar, wie ich merkte, einzig aus Freundschaft, denn es fiel nichts vor, als was nach langer Trennung üblich ist. Doch als er seine Besuche öfter wiederholte und seiner Freude Ausdruck gab, mich bei guter Gesundheit zu sehn, als er mich fragte, ob ich mich nun fürs Leben zur Ruhe gesetzt habe, und hinzufügte, dass er in zwei Monaten eine Reise nach Ostindien anzutreten gedächte, lud er mich schliesslich auch ganz offen ein, obwohl unter vielen Entschuldigungen, als Arzt seines Schiffes mitzugehn; ich sollte ausser unsern beiden Gehilfen noch einen zweiten Arzt unter mir haben; mein Gehalt sollte das Doppelte der gewöhnlichen Zahlung betragen; und da er erfahren habe, dass meine seemännischen Kenntnisse den seinen mindestens gleich seien, so wolle er sich in jeder Weise verpflichten, meinem Rat zu folgen, als hätte ich meinen Anteil am Oberbefehl.

Er sagte noch soviel andre liebenswürdige Dinge, und ich kannte ihn als einen so ehrlichen Menschen, dass ich seinen Vorschlag nicht abweisen konnte, denn mein Durst danach, die Welt zu sehn, war trotz meines erlittenen Unglücks noch ebenso heftig wie früher. Die einzige Schwierigkeit, die noch übrig blieb, war die, mein Weib zu überreden; schliesslich jedoch erlangte ich ihre Einwilligung, weil sie sich für ihre Kinder Vorteil davon versprach.

Wir brachen am 5. August 1706 auf und kamen am 11. April 1707 im Port St. George an. Wir blieben dort drei Wochen lang, um unsrer Mannschaft, von der viele erkrankt waren, Erholung zu gönnen. Von dort aus gingen wir nach Tonkin, wo der Kapitän einige Zeit zu bleiben beschloss, weil viele der Waren, die er kaufen wollte, noch nicht bereit waren; und er konnte nicht erwarten, früher als in einigen Monaten erledigt zu werden. Er kaufte also in der Hoffnung, ein paar der Kosten, denen er sich aussetzte, zu decken, eine Schaluppe, belud sie mit allerlei Waren, mit denen die Tonkinesen in der Regel unter den Nachbarinseln Handel treiben, nahm vierzehn Mann an Bord, von denen drei Eingeborne waren, und gab mir Vollmacht, auf zwei Monate auszuziehn, während er seine Geschäfte in Tonkin erledigte. Wir waren noch keine drei Tage gesegelt, als sich ein heftiger Sturm erhob und wir fünf Tage hindurch nach Nordnordosten und dann nach Osten abgetrieben wurden. Nachher hatten wir schönes Wetter, aber immer noch wehte aus Westen ein recht kräftiger Wind. Am zehnten Tage machten plötzlich zwei Piraten auf uns Jagd; und da meine Schaluppe so tief beladen war, dass sie nur sehr langsam segelte, so überholten sie uns bald, ohne dass wir in der Lage gewesen wären, uns zu verteidigen.

Fast zu gleicher Zeit enterten uns die beiden Kaperschiffe, und die Piraten drangen an der Spitze ihrer Leute wütend auf unser Deck herüber; als sie uns aber alle auf unsern Gesichtern hingestreckt liegen sahn (denn so hatte ich es befohlen), fesselten sie uns mit starken Stricken, stellten eine Wache bei uns auf und machten sich an die Durchsuchung des Schiffes.

Ich bemerkte unter ihnen einen Holländer, der einiges Ansehn zu geniessen schien, obwohl er keins der beiden Schiffe befehligte. Er erkannte uns an unsern Zügen als Engländer, und indem er uns in seiner eignen Sprache anschnatterte, schwor er, wir sollten Rücken an Rücken gebunden und ins Meer geworfen werden. Ich sprach ziemlich gut holländisch, sagte ihm, wer wir wären, und bat ihn, er möge aus Rücksicht darauf, dass wir wie er Christen und Protestanten und Angehörige eng verbündeter Nachbarländer wären, den Kapitän bewegen, dass er sich unser erbarmte. Das entfachte nur seine Wut; er wiederholte seine Drohungen, wandte sich zu seinen Gefährten und sprach, wie ich vermute, in japanischer Sprache, sehr heftig auf sie ein, wobei er oft das Wort ›Christianos‹ aussprach.

Das grössere der beiden Kaperschiffe wurde von einem japanischen Kapitän befehligt, der, wenn auch sehr unvollkommen, ein wenig holländisch sprach. Er trat zu mir, und nach mehreren Fragen, die ich in grosser Demut beantwortete, sagte er, wir sollten nicht sterben. Ich machte dem Kapitän eine sehr tiefe Verbeugung und sagte dann, zu dem Holländer gewandt, es täte mir leid, mehr Erbarmen bei einem Heiden zu finden als bei einem Bruderchristen. Aber ich sollte bald Grund haben, diese törichten Worte zu bereuen: denn nachdem dieser boshaft Verworfene mehrmals vergeblich versucht hatte, die beiden Kapitäne zu überreden, dass sie mich möchten ins Meer werfen lassen (sie aber wollten das nicht zugeben, nachdem sie mir ihr Wort verpfändet hatten, dass ich nicht sterben sollte), vermochte er sie doch, eine Strafe über mich zu verhängen, die allem menschlichen Ermessen nach schlimmer war als der Tod. Meine Leute wurden gleichermassen auf die beiden Kaperschiffe verteilt, und meine Schaluppe neu bemannt. Ich selber, so entschied man, sollte in einem kleinen Boot mit Rudern, einem Segel und Vorrat für vier Tage ausgesetzt werden; den Vorrat war der japanische Kapitän menschenfreundlich genug, aus seinem eignen Besitz zu verdoppeln, und ferner wollte er niemandem erlauben, mich zu durchsuchen. Ich stieg in das Boot hinunter, während der Holländer, der auf Deck stand, mich mit allen Flüchen und schimpflichen Reden überschüttete, die seine Sprache ihm nur zu liefern vermochte.

Etwa eine Stunde, bevor wir die Piraten erblickten, hatte ich eine Aufnahme gemacht und gefunden, dass wir auf sechsundvierzig Grad nördlicher Breite und auf hundertdreiundachtzig Grad Länge waren. Als ich ein wenig hinter den Piraten zurückgeblieben war, entdeckte ich durch mein Taschenfernrohr ein paar Inseln im Südosten. Ich setzte, da der Wind günstig war, mein Segel, und zwar in der Absicht, die nächstgelegene dieser Inseln zu erreichen, was mir in etwa drei Stunden gelang. Sie war ganz felsig, aber ich fand viele Vogeleier, und indem ich Feuer schlug, entzündete ich ein wenig Heidekraut und trocknen Tang, und röstete meine Eier daran. Ein weiteres Abendbrot ass ich nicht, denn ich war entschlossen, mit meinen Vorräten, so viel ich konnte, zu sparen. Ich verbrachte die Nacht im Schutz eines Felsens, wo ich mir ein wenig Heidekraut als Lager ausbreitete, und schlief recht gut.

Am nächsten Tage segelte ich zu einer zweiten Insel, und von dort zu einer dritten und vierten; wobei ich bisweilen mein Segel benutzte, bisweilen meine Ruder. Um aber den Leser nicht mit einem ausführlichen Bericht meiner Nöte zu belästigen, genüge es, dass ich am fünften Tage auf der letzten Insel innerhalb meines Gesichtskreises ankam, die südsüdöstlich von der vorletzten lag.

Diese Insel war weiter entfernt, als ich erwartet hatte, und ich erreichte sie erst nach fünf Stunden. Ich umsegelte sie fast vollständig, ehe ich eine Stelle fand, wo ich landen konnte; es war eine kleine Bucht, die etwa dreimal so breit war wie mein Boot. Auch diese Insel war, wie ich erkannte, ganz felsig, nur ein wenig mit Grasbüscheln und süssduftenden Kräutern gesprenkelt. Ich holte meine kleinen Vorräte hervor und brachte, nachdem ich mich erfrischt hatte, den Rest in einer Höhle unter, wie sie dort in Fülle vorhanden waren. Ich sammelte auf den Felsen grosse Mengen von Eiern und holte mir ein wenig trocknen Tang und verdorrtes Gras, das ich am nächsten Tage zu verbrennen dachte, um meine Eier, so gut ich vermochte, zu rösten (denn ich hatte Feuerstein, Stahl, Zunder und Brennglas bei mir). Die ganze Nacht hindurch lag ich in der Höhle, in der ich meine Vorräte untergebracht hatte. Mein Bett bestand aus eben dem trocknen Gras und Tang, das ich als Feurung benutzen wollte. Ich schlief sehr wenig, denn die Unruhe meines Geistes besiegte meine Müdigkeit und hielt mich wach. Ich überlegte mir, wie unmöglich es war, mir an einem so verlassnen Ort das Leben zu erhalten, und ein wie elendes Ende ich nehmen musste. Und doch war ich so gleichgültig und verzweifelt, dass ich nicht das Herz hatte, aufzustehn; und als ich mich endlich aufraffte und aus meiner Höhle hervorkroch, war der Tag schon weit vorgerückt. Ich ging ein wenig unter den Felsen umher; der Himmel war vollkommen klar, und die Sonne schien so heiss, dass ich mein Gesicht abzuwenden gezwungen war. Plötzlich aber wurde sie verdunkelt, und zwar, wie mir schien, auf eine Art und Weise, die völlig verschieden war von der Verfinsterung, die durch eine dazwischentretende Wolke herbeigeführt wird. Ich wandte mich um und sah zwischen mir und der Sonne einen ungeheuren, undurchsichtigen Körper, der sich auf die Insel zu bewegte: er schien etwa zwei Meilen hoch zu schweben und verbarg die Sonne sechs oder sieben Minuten lang; doch konnte ich nicht bemerken, dass die Luft viel kühler oder der Himmel viel dunkler gewesen wäre, als wenn ich im Schatten eines Berges gestanden hätte. Als die Masse sich der Stelle näherte, an der ich stand, schien sie mir aus einem festen Stoff zu bestehn; der Boden war flach und glatt und leuchtete hell vom Widerschein des Meeres unten. Ich stand auf einer Höhe etwa zweihundert Ellen vom Meeresrand und sah, wie dieser ungeheure Körper zu mir niederstieg, bis er fast parallel mit mir kaum noch eine englische Meile entfernt war. Ich nahm mein Taschenfernrohr heraus und konnte deutlich ganze Scharen Volks erkennen, die sich auf den offenbar schräg geneigten Seitenflächen auf und ab bewegten; doch was die Leute machten, war ich zu erkennen ausserstande.

Die natürliche Liebe zum Leben flösste mir ein paar innere Freudenregungen ein, und ich war ganz bereit, die unbestimmte Hoffnung zu hegen, irgendwie werde dieses Abenteuer mir helfen, mich aus der Verlassenheit und aus meiner trostlosen Lage zu retten. Zugleich aber kann der Leser sich kaum vorstellen, wie sehr ich erstaunte, als ich eine von Menschen bewohnte Insel in der Luft schweben sah; die Menschen, so musste es scheinen, waren imstande, sie nach Belieben zu heben, zu senken und in fortgleitende Bewegung zu setzen. Da ich aber damals nicht in der Stimmung war, über diese Erscheinung zu philosophieren, zog ich es vor, zu beobachten, welchen Weg die Insel einschlagen würde; denn eine Weile schien sie still zu stehn. Bald darauf aber kam sie von neuem näher, und ich konnte sehn, dass die Seiten in gewissen Abständen mit vielfach abgestuften Galerien und mit Treppen umgeben waren, auf denen man von der einen zur andern hinabstieg. Auf der niedrigsten Galerie sah ich einige Leute mit langen Angelruten fischen, und andere sahen ihnen zu. Ich winkte mit meiner Mütze, denn mein Hut war längst unbrauchbar geworden, und mit meinem Taschentuch nach der Insel; und als sie näher kam, rief und schrie ich mit angestrengter Stimme; und als ich dann scharf ausspähte, erblickte ich eine grosse Menge, die sich auf der Seite, die mir zugekehrt war, zusammendrängte. Ich erkannte daraus, wie sie auf mich und auf einander wiesen, dass sie mich deutlich sahen, obwohl sie meine Rufe nicht erwiderten. Doch konnte ich noch sehn, wie vier oder fünf Leute in grosser Hast die Treppen hinauf und zum Gipfel der Insel liefen, und dann verschwanden. Ich vermutete mit Recht, dass sie ausgeschickt worden waren, um von jemandem, der bei solchen Gelegenheiten zu entscheiden hatte, Befehl einzuholen.

Die Zahl der Leute wurde immer grösser, und nach weniger als einer halben Stunde bewegte sich die Insel und erhob sich in einer Weise, dass die unterste Galerie keine hundert Ellen entfernt parallel mit der Höhe, auf der ich stand, halt machte. Ich warf mich in die flehendsten Haltungen und sprach in den demütigsten Tönen; doch eine Antwort erhielt ich nicht. Diejenigen, die mir am nächsten gegenüberstanden, schienen vornehme Leute zu sein; ich schloss das aus ihrer Kleidung; sie besprachen sich ernsthaft unter einander und sahen mich oft an. Schliesslich rief mich einer von ihnen in einer klaren, höflichen, glatten Sprache an, die im Klang dem Italienischen nicht unähnlich war; ich gab deshalb in dieser Sprache Antwort, da ich hoffte, dass wenigstens der Tonfall seinen Ohren angenehmer wäre. Obgleich wir einander nicht verstanden, so erkannten sie doch leicht, was ich wollte, denn die Leute sahn, in welcher Not ich war.

Sie winkten mir, von dem Felsen herabzukommen und zum Meeresrand zu gehn, was ich also tat; und nachdem die fliegende Insel in die gehörige Höhe gebracht worden war, so dass der Rand genau über mir stand, liess man von der untersten Galerie eine Kette herab, an deren untern Ende eine Stange befestigt war; ich setzte mich darauf und wurde mit Flaschenzügen hinaufgewunden.

Kapitel II.

Die Wunderlichkeiten und Anlagen der Laputianer. Bericht über ihre Gelehrsamkeit. Von dem König und seinem Hof. Wie der Verfasser dort aufgenommen wurde. Die Einwohner Opfer der Furcht und Sorge. Bericht über die Frauen.

Als ich landete, umringte mich eine grosse Volksmenge; die aber, die mir am nächsten standen, schienen Höhergestellte zu sein. Sie sahen mich unter allen Zeichen und wunderlichen Regungen des Staunens an; und ich blieb ihnen darin nichts schuldig, denn noch niemals hatte ich ein Menschengeschlecht gesehn, das in Gestalt, Kleidung und Gesichtszügen so merkwürdig war. Ihre Köpfe waren alle nach rechts oder nach links geneigt; eins ihrer Augen war nach innen gewandt, das andre senkrecht zum Zenith erhoben. Ihre Gewänder waren mit den Figuren von Sonnen, Monden und Sternen geschmückt, die verschlungen waren mit denen von Geigen, Flöten, Harfen, Trompeten, Gitarren, Klavieren und vielen andern Musikinstrumenten, wie sie in Europa unbekannt sind. Hier und dort sah ich viele in der Kleidung von Dienern; die trugen in der Hand einen kurzen Stock, an dessen Ende eine aufgeblasne Blase einem Flegel gleich befestigt war. In jeder dieser Blasen befanden sich ein paar getrocknete Erbsen oder kleine Steinchen (wie man mir später sagte). Mit diesen Blasen schlugen sie jene, die in ihrer Nähe standen, von Zeit zu Zeit auf Mund und Ohren: ein Brauch, für den ich keinerlei Sinn entdecken konnte. Es scheint, der Geist dieser Leute ist so sehr von intensiven Spekulationen in Anspruch genommen, dass sie weder zu reden noch den Reden andrer zu lauschen vermögen, ohne dass sie beständig durch Schläge auf die Organe der Sprache und des Gehörs geweckt werden; aus diesem Grunde halten sich die Leute, die es sich leisten können, stets einen »Klapser« (im Original heisst es »Klimenole«), der zu den Bedienten ihres Hauses gehört; und nie gehn sie ohne ihn aus oder zu Besuchen. Die Obliegenheit dieses Dieners besteht darin, dass er, wenn zwei oder mehr Personen zusammen sind, dem, der reden soll, mit seiner Blase leicht auf den Mund schlägt, dem, oder denen aber, an die der Redende sich wendet, auf das rechte Ohr. Es gehört ferner zu den Pflichten dieses Schlägers, seinen Herrn auf seinen Spaziergängen sorgfältig zu überwachen und ihm gelegentlich einen sanften Schlag auf die Augen zu versetzen; denn der ist stets so in Gedanken versunken, dass er offensichtlich in Gefahr schwebt, jeden Abgrund hinunter zu stürzen und mit dem Kopf wider jeden Pfosten zu rennen oder auf der Strasse andre in die Gosse zu werfen, wenn er nicht selbst hinein geworfen wird .

Es war nötig, dem Leser diese Auskunft zu geben, ohne die er ebenso sehr in Verlegenheit gewesen wäre wie ich, und das Verhalten der Leute, die mich die Treppen hinauf zum Gipfel der Insel und von dort in den königlichen Palast führten, nicht verstanden hätte. Während wir hinaufstiegen, vergassen sie mehrmals, womit sie beschäftigt waren; sie überliessen mich mir selber, bis ihr Gedächtnis durch ihre Schläger geweckt wurde; der Anblick meines fremdländischen Anzugs und meiner Züge schien sie in keiner Weise zu rühren, und ebenso wenig die Rufe des Volks, dessen Gedanken und Geist freier waren.

Schliesslich kamen wir in den Palast und gingen in die Audienzhalle, wo ich den König auf seinem Throne sitzen sah, auf allen Seiten umringt von Leuten des höchsten Standes. Vor dem Thron stand ein grosser Tisch, der beladen war mit Erdkugeln und Himmelssphären und allerlei mathematischen Instrumenten. Seine Majestät beachtete uns nicht im geringsten, und das, obwohl unser Auftreten von genügendem Lärm begleitet war, da alle Leute, die zum Hof gehörten, zusammeneilten. Er war gerade in ein tiefes Problem versunken, und wir warteten wenigstens eine Stunde, bis er es gelöst hatte. Neben ihm stand zu beiden Seiten je ein Page mit Schlägeln in der Hand; und als sie sahen, dass er fertig war, schlug ihn der eine sanft auf den Mund, der andre aber aufs rechte Ohr. Er fuhr empor wie jemand, der plötzlich erwacht, und als er mich und meine Begleiter erblickte, entsann er sich des Anlasses, aus dem wir kamen; denn er war schon zuvor davon unterrichtet worden. Er sprach ein paar Worte, und alsbald trat mir ein junger Mann mit einem Blasenstock an die Seite und schlug mich sanft auf das rechte Ohr; ich aber winkte ihm, so gut ich konnte, dass ich ein solches Instrument nicht nötig hätte, was, wie ich später herausfand, Seiner Majestät und dem ganzen Hof eine sehr geringe Meinung von mir einflösste. Der König stellte mir, so weit ich es erraten konnte, mehrere Fragen, und ich sprach ihn in allen Sprachen an, die ich kannte. Als sich herausstellte, dass ich weder verstand noch mich verständlich machen konnte, wurde ich auf seinen Befehl in ein Gemach seines Palastes geführt (denn dieser Fürst zeichnete sich vor all seinen Vorgängern durch seine Gastfreundschaft gegen Fremde aus), wo man mir zwei Diener für meine Bedürfnisse zuwies. Mir wurde das Mittagsmahl gebracht, und vier Leute von Stande, die ich mich in unmittelbarer Nähe des Königs gesehn zu haben erinnerte, taten mir die Ehre an, mit mir zu speisen. Wir erhielten zwei Gänge, deren jeder aus drei Gerichten bestand. Der erste Gang bestand aus einer Hammelschulter, die zu einem gleichseitigen Dreieck zurecht geschnitten war, einem Stück Rindfleisch in Form eines Rhomboids und einem Pudding in Form eines Cykloids. Der zweite Gang bestand aus zwei Enten, die in Form von Geigen hergerichtet waren, Würstchen und Klössen, die Flöten und Hoboen glichen und einer Kalbsbrust in Gestalt einer Harfe. Die Diener schnitten uns unser Brot zu Kegeln, Zylindern und Parallelogrammen und mehreren andern mathematischen Figuren zurecht .

Während wir bei Tische sassen, erkühnte ich mich, nach dem Namen mehrerer Dinge in ihrer Sprache zu fragen; und diese vornehmen Personen machten sich, durch ihre Schläger geweckt, ein Vergnügen daraus, mir Antwort zu geben, denn sie hofften, meine Bewunderung ihrer grossen Fähigkeiten zu steigern, wenn ich mit ihnen zu reden lernte. Ich war bald imstande, um Brot und Getränke und alles, was ich brauchte, zu bitten.

Nach Tisch zogen sich meine Gäste zurück, und auf des Königs Befehl wurde mir jemand geschickt, der von einem Schläger begleitet war. Er hatte Feder, Tinte und Papier bei sich, und ferner drei oder vier Bücher, und er gab mir durch Zeichen zu verstehn, dass er geschickt worden war, um mich die Sprache zu lehren. Wir blieben vier Stunden lang beisammen sitzen, und in dieser Zeit schrieb ich mir in Spalten eine grosse Anzahl von Worten auf, und ihnen gegenüber die Bedeutung. Es gelang mir auch, mehrere kurze Sätze zu lernen. Denn mein Lehrer befahl jeweils einem meiner Diener, mir etwas zu holen, sich umzudrehn, eine Verbeugung zu machen, sich zu setzen oder aufzustehn oder umherzugehn und dergleichen mehr. Dann schrieb ich mir den Satz auf. Er zeigte mir auch in einem seiner Bücher die Figuren der Sonne, des Mondes und der Sterne, den Zodiakus, die Wendekreise und Polarkreise, sowie die Bezeichnungen vieler Flächen und Körper. Er gab mir die Namen und Beschreibungen aller Musikinstrumente und die allgemeinen Kunstausdrücke des Spiels auf ihnen an. Als er mich verlassen hatte, brachte ich all meine Worte nebst ihren Bedeutungen in alphabetische Ordnung. Und so gewann ich in wenigen Tagen mit Hilfe eines sehr treuen Gedächtnisses einigen Einblick in ihre Sprache.

Das Wort, das ich die »fliegende« oder »schwimmende Insel« übersetze, heisst im Original Laputa; die genaue Etymologie dieses Namens konnte ich nie in Erfahrung bringen. Lap heisst in der alten, vergessnen Sprache »hoch« und Untuh heisst »Statthalter«; und so sagen sie, Laputa sei durch Korruption aus Lapuntuh entstanden. Ich aber glaube nicht recht an diese Ableitung, da sie mir etwas gewaltsam erscheint. Ich vermass mich, den Gelehrten unter ihnen eine eigne Vermutung zu unterbreiten, nach der Laputa etwa Lap Uted wäre; denn Lap bedeutet eigentlich das Tanzen der Sonnenstrahlen im Meere, und Uted einen Flügel; ich will jedoch kein Gewicht darauf legen, sondern es dem verständigen Leser überlassen .

Da es jenen, denen der König mich anvertraut hatte, auffiel, dass ich schlecht gekleidet ging, bestellten sie auf den nächsten Morgen einen Schneider, damit er mir zu einem Anzug Mass nähme. Dieser Handwerker versah sein Amt auf eine Weise, die sich von der seines Gewerbes in Europa sehr unterschied. Er nahm zunächst mit einem Quadranten meine Höhe auf; dann beschrieb er mit einem Richtstab und mit Zirkeln die Dimensionen und Umrisse meines ganzen Körpers, notierte alles auf einem Blatt Papier und brachte mir nach sechs Tagen meine Kleider; sie waren sehr schlecht gemacht und sassen nicht im geringsten; denn er hatte in der Berechnung eine Ziffer versehentlich falsch geschrieben. Ich tröstete mich damit, dass ich sah, wie häufig solche Missgeschicke waren und wie wenig sie beachtet wurden.

Während ich wegen meines Mangels an Kleidern und infolge einer Unpässlichkeit, die mich noch ein paar Tage länger festhielt, das Zimmer hüten musste, vergrösserte ich meinen Wortschatz sehr; und als ich das nächste Mal zu Hofe ging, war ich imstande, viele Dinge zu verstehn, die der König sagte, und ihm auch einiges zu erwidern, was einer Antwort glich. Seine Majestät hatte Befehl erteilt, dass die Insel nach Nordosten und Osten gleiten sollte, bis zu einem Punkt, senkrecht über Lagado, der Metropole des ganzen Königreichs unten auf dem Festland. Sie lag etwa neunzig Seemeilen entfernt, und unsre Reise dorthin dauerte viereinhalb Tage. Ich merkte die Fortbewegung der Insel durch die Luft nicht im geringsten. Am zweiten Tage spielte der König in Person, umringt von seinem ganzen Adel, seinem Hofstaat und seinen Beamten, die alle ihre Instrumente gerüstet hatten, ununterbrochen drei oder vier Stunden lang, so dass ich von dem Lärm ganz betäubt war; auch konnte ich nicht begreifen, was all das bedeutete, bis mein Lehrer es mir sagte. Er sagte mir, die Ohren der Einwohner ihrer Insel seien so eingerichtet, dass sie die Musik der Sphären hörten, die stets zu gewissen Zeiten spielten, und der Hof sei jetzt gerüstet, dass ein jeder auf dem Instrument mitwirkte, in dem er sich am meisten auszeichnete.

Während unsrer Reise nach Lagado, der Hauptstadt, befahl Seine Majestät, dass die Insel über gewissen Städten und Dörfern halt machen sollte, damit er die Bittschriften seiner Untertanen in Empfang nehmen könnte. Zu diesem Zweck wurden mehrere Bindfäden, die mit kleinen Gewichten beschwert waren, hinabgelassen. An diese Bindfäden banden die Leute ihre Bittschriften, die sofort hinaufstiegen, den Zetteln gleich, wie die Schulknaben sie auf die Schnur ziehn, an der ihr Drache hängt. Bisweilen erhielten wir von unten Wein und Lebensmittel, die mit Flaschenzügen heraufgewunden wurden.

Meine Kenntnisse in der Mathematik halfen mir sehr, ihre Phraseologie zu erlernen, die innig mit dieser Wissenschaft und der Musik zusammenhing; und auch in der letzteren war ich nicht unbewandert. Ihre Gedanken laufen beständig in Linien und Figuren. Wenn sie zum Beispiel die Schönheit eines Weibes oder irgend eines andern Tieres preisen wollten, beschrieben sie sie in Rhomben, Kreisen, Parallelogrammen, Ellipsen und andern geometrischen Figuren, oder in Worten, die der Musik entlehnt waren und die hier zu wiederholen zwecklos ist. In der Küche des Königs bemerkte ich allerlei mathematische und musikalische Instrumente, nach deren Umriss die Gerichte geformt wurden, die auf der Tafel Seiner Majestät serviert werden sollten.

Ihre Häuser sind sehr schlecht gebaut, die Mauern stehn schief, und in keinem Zimmer sieht man einen rechten Winkel; dieser Mangel entspringt der Verachtung, die sie für die praktische Geometrie hegen; denn die verachten sie als gemein und mechanisch, und die Anleitungen, die sie geben, sind für den Geist ihrer Werkleute zu fein, so dass beständige Irrtümer die Folge sind. Und obwohl sie in der Handhabung des Lineals, des Bleistifts und des Teilzählers auf einem Blatt Papier sehr geschickt sind, so habe ich doch nie ein Volk gesehn, das in den gewöhnlichsten Handlungen und in der Führung des Lebens so plump, linkisch und ungewandt wäre noch auch so schwerfällig und ratlos in ihren Begriffen von allem, was nicht mit der Mathematik und der Musik zusammenhängt. Sie sind sehr schlechte Denker und neigen heftig zur Opposition, es sei denn, dass sie der richtigen Meinung sind, was jedoch sehr selten der Fall ist. Einbildungskraft, Phantasie und Erfindungsgabe sind ihnen völlig fremd, und sie haben in ihrer Sprache nicht einmal Worte, durch die sie diese Begriffe ausdrücken können, da sich der ganze Umkreis ihrer Gedanken und ihres Geistes auf die beiden vorerwähnten Wissenschaften beschränkt.

Die meisten von ihnen, und vor allem jene, die sich mit der Astronomie befassen, glauben an die Astrologie, die das Schicksal der Menschen weissagt, obwohl sie sich schämen, es öffentlich einzugestehn. Was ich aber vor allem bewunderte und was mir ganz unerklärlich schien, das war ihr starker Hang zu Neuigkeitskrämerei und Politik; sie kümmerten sich um die öffentlichen Geschäfte, gaben in Staatsangelegenheiten ihr Urteil ab und stritten um jeden Zoll eines Parteistandpunktes. Ich habe die gleiche Neigung auch unter den meisten Mathematikern beobachtet, die ich in Europa kennen lernte, obgleich ich zwischen den beiden Wissenschaften nie die geringste Analogie entdecken konnte, es sei denn, dass diese Leute annehmen, da der kleinste Kreis ebenso viele Grade hat wie der grösste, so erfordere die Regierung und Leitung der Welt nicht mehr Fähigkeiten, als die Handhabung und Einstellung eines Globus. Ich denke mir aber, dass diese Eigentümlichkeit einer sehr verbreiteten Schwäche der Menschennatur entspringt, vermöge derer wir in Dingen, die uns am wenigsten angehn und für die wir weder durch Studium noch durch Naturanlage vorbereitet sind, die grösste Neugier und die grösste Anmassung entfalten.

Das Volk schwebt in beständigen Sorgen und erfreut sich keine Minute lang geistigen Friedens; und diese Störungen entspringen Ursachen, die dem Rest der Sterblichen sehr wenig Unruhe bereiten. Ihre Befürchtungen entstammen allerlei Veränderungen unter den Himmelkörpern, die sie beängstigen. Zum Beispiel dass die Erde, da die Sonne sich ihr fortwährend nähert, im Laufe der Zeit von ihr erreicht oder verschlungen werden muss. Dass die Oberfläche der Sonne sich allmählich mit den eignen Ausdünstungen umgeben und dann der Welt kein Licht mehr spenden werde. Dass die Erde bei dem letzten Kometen einer Berührung mit dem Schweif nur eben entgangen war und sonst unfehlbar zu Asche verbrannt worden wäre; und dass der nächste Komet, dessen Ankunft sie in einunddreissig Jahren erwarteten, uns wahrscheinlich vernichten wird. Denn wenn er (wie sie nach ihren Berechnungen zu befürchten Grund haben) bei seiner Sonnennähe der Sonne bis zu einem gewissen Grade nahe kommt, so wird er in einen Hitzegrad geraten, der zehntausendmal intensiver ist, als der rotglühenden Eisens; und während seiner Sonnenferne wird er einen glühenden Schweif hinter sich herziehn, der eine Million und vierzehn Meilen lang ist; wenn dann die Erde bei ihrem Durchgang auch hunderttausend Meilen vom Kern oder von der Hauptmasse des Kometen entfernt ist, so muss sie bei ihrem Durchgang doch in Flammen aufgehn und zu Asche verbrennen. Dass die Sonne, die ihre Strahlen täglich verschwendet, ohne neue Nahrung für sie zu erhalten, schliesslich ganz verbraucht und vernichtet werden muss; dann aber muss die Vernichtung der Erde und aller Planeten, die ihr Licht von ihr erhalten, folgen.

In der Besorgnis vor diesen und ähnlichen drohenden Gefahren leben sie in so beständiger Angst, dass sie weder in ihren Betten ruhig schlafen können noch auch irgend welchen Geschmack an den gewöhnlichen Genüssen und Freuden des Lebens finden. Wenn sie morgens einem Bekannten begegnen, gilt die erste Frage dem Befinden der Sonne: wie sie ausgesehn habe, beim Untergang und beim Aufgang, und welche Hoffnung sie hegen dürften, dem Stoss des nahenden Kometen zu entgehn. Diese Unterhaltung spinnen sie oft in derselben Stimmung an, die Knaben verraten, wenn sie entzückt auf Geschichten von Geistern und Kobolden lauschen, auf die sie so gierig sind, und nachher nicht zu Bett zu gehn wagen.

Die Frauen der Insel sind von übergrosser Lebhaftigkeit: sie verachten ihre Gatten und lieben die Fremden ausserordentlich; es ist ihrer auch stets eine beträchtliche Anzahl oben, die vom untern Festland kommen und entweder in Geschäften der verschiedenen Städte und Gemeinden oder in eignen Angelegenheiten zu Hofe gehn, wo man sie freilich sehr gering schätzt, weil ihnen die gleichen Begabungen fehlen. Unter ihnen suchen die Damen sich ihre Liebhaber: das Ärgernis besteht nur darin, dass sie allzu offen und unbesorgt vorgehn, denn der Gatte ist stets so in Spekulationen befangen, dass Liebhaber und Geliebte sich vor seinen Augen den grössten Vertraulichkeiten überlassen können, wenn er nur mit Papier und Geräten versehn ist und seinen Schläger nicht zur Seite hat.

Die Frauen und Töchter beklagen, dass sie auf die Insel beschränkt sind; mir freilich erscheint sie als der reizendste Fleck Landes der ganzen Welt; und obwohl sie in der grössten Fülle und Pracht leben und tun können, was sie wollen, so sehnen sie sich doch danach, die Welt zu sehn und die Vergnügungen der Hauptstadt zu geniessen; das aber dürfen sie nur mit einer eignen Erlaubnis des Königs, die nicht leicht zu erhalten ist, denn die vornehmen Leute haben durch häufige Erfahrung gelernt, wie schwer es ist, ihre Frauen zu überreden, dass sie von unten zurückkehren. Ich hörte, dass eine grosse Hofdame, die mehrere Kinder hat, mit dem ersten Minister, dem reichsten Untertanen des Reichs, und einer sehr anmutigen Erscheinung, der sie zudem von Herzen liebt, verheiratet ist und im schönsten Palast der Insel lebt, einmal unter dem Vorwand der Erholung nach Lagado hinunterging und sich dort mehrere Monate verbarg, bis der König Befehl hinunterschickte, nach ihr zu suchen; da fand man sie denn völlig zerlumpt in einem elenden Speisehaus; ihre Kleider hatte sie verpfändet, um einen alten verwachsenen Diener, der sie täglich schlug, zu unterhalten; man nahm sie ihm, sehr gegen ihren eignen Willen. Und obwohl ihr Gatte sie mit jeder nur erdenklichen Güte empfing, ohne ihr den geringsten Vorwurf zu machen, brachte sie es doch bald darauf wieder fertig, sich mit all ihren Juwelen von neuem zu demselben Liebhaber hinunterzustehlen; und seither hat man nichts wieder von ihr gehört.

Das mag dem Leser vielleicht eher als eine europäische oder englische Geschichte erscheinen und nicht als eine, die in einem so fernen Lande spielt. Aber er möge gefälligst bedenken, dass die Launen der Weiber durch kein Klima und keine Nation begrenzt und dass sie gleichförmiger sind, als man sich so leicht vorstellt.

In etwa einem Monat hatte ich ihre Sprache einigermassen erlernt; und wenn ich die Ehre hatte, dem König aufzuwarten, konnte ich die meisten seiner Fragen beantworten. Seine Majestät verriet nicht die geringste Wissbegierde inbetreff der Gesetze, der Regierung, der Geschichte, der Religion und der Sitten der Länder, in denen ich gewesen war; er beschränkte seine Fragen lediglich auf den Stand der Mathematik und nahm den Bericht, den ich ihm geben konnte, mit grosser Verachtung und Gleichgültigkeit entgegen, obwohl ihn seine beiderseitigen Schläger oft genug weckten.

Kapitel III.

Ein Phänomen, das durch die moderne Philosophie und Astronomie gelöst ist. Die grossen Fortschritte der Laputianer in der zweiten Wissenschaft. Wie der König Empörungen unterdrückt.

Ich bat diesen Fürsten um Erlaubnis, mir die Sehenswürdigkeiten der Insel anzusehn, und er geruhte huldvollst, sie mir zu gewähren, indem er meinem Lehrer befahl, mich zu begleiten. Ich wünschte vor allem zu erfahren, welcher Ursache, sei es einer künstlichen oder natürlichen, sie ihre verschiedenen Bewegungen verdanke; und darüber will ich dem Leser jetzt einen philosophischen Bericht erstatten.

Die Fliegende oder Schwimmende Insel ist genau kreisrund; ihr Durchmesser beträgt 7837 Meter oder etwa viereinehalbe Meile, und also enthält sie zehntausend Morgen Landes. Sie ist dreihundert Ellen dick. Der Boden oder die untere Fläche, die denen sichtbar ist, die von unten empor blicken, besteht aus einer ebnen, regelmässigen Magnetplatte, die sich nach oben bis zur Höhe von etwa zweihundert Ellen erstreckt. Darüber liegen die verschiedenen Mineralien in ihrer gewöhnlichen Reihenfolge, und das ganze bedeckt eine Schicht reiche Humuserde von zehn oder zwölf Fuss Tiefe. Die Senkung der Oberfläche vom Umfang her zum Mittelpunkt ist die natürliche Ursache, weshalb aller Tau und Regen, der auf die Insel fällt, in kleinen Bächlein zur Mitte hin rinnt, wo sich die ganze Feuchtigkeit in vier grossen Becken sammelt, deren jedes etwa eine halbe Meile Umfang hat und zweihundert Ellen vom eigentlichen Mittelpunkt entfernt liegt. Aus diesen Becken verdunstet das Wasser während des Tages in der Sonne, und das verhindert wirkungsvoll ein Überfliessen. Ausserdem steht es in der Macht des Monarchen, die Insel über die Region der Wolken und Dünste zu erheben, und also kann er, so oft es ihm beliebt, verhindern, dass Tau und Regen fällt. Denn die höchsten Wolken steigen nicht höher empor als zwei Meilen über der Erde; darin sind sich alle Naturkundigen einig; wenigstens haben sie es, soweit bekannt, in jenem Lande nie getan.

Im Mittelpunkt der Insel befindet sich ein Loch von etwa fünfzig Ellen Durchmesser; dort steigen die Astronomen in ein grosses Gewölbe hinunter, das deshalb auch »Flandona Gagnole« oder die Astronomenhöhle heisst und in einer Tiefe von hundert Ellen unter der obern Fläche des Magnets liegt. In dieser Höhle brennen beständig zwanzig Lampen, die vermöge der Spiegelkraft des Magnetstahls in alle Winkel starkes Licht werfen. Der Raum ist versehn mit einer grossen Fülle verschiedener Sextanten, Quadranten, Teleskope, Astrolabien und andrer astronomischer Instrumente. Aber die grösste Sehenswürdigkeit, von der das Schicksal der Insel abhängt, ist ein Magnetstein von fabelhafter Grösse, der seiner Form nach etwa einer Weberspuhle gleicht. Er ist sechs Ellen lang und an der dicksten Stelle mindestens drei Ellen dick. Dieser Magnetstein wird von einer sehr starken Stahlaxe gehalten, die ihn in der Mitte durchläuft; um sie ist er drehbar, und er ist so genau ausgewogen, dass die schwächste Hand ihn in Bewegung setzen kann. Er wird umschlossen von einem hohlen Stahlzylinder, der vier Fuss tief und ebenso dick ist und einen Durchmesser von zwölf Ellen hat. Der steht horizontal und wird von acht stählernen Füssen getragen, deren jeder sechs Ellen hoch ist. In der Mitte der hohlen Seite befindet sich ein zwölf Zoll tiefes Loch, in dem das Ende der Achse ruht und sich je nach Bedarf auch dreht.

Der Stein lässt sich durch keine Kraft von seiner Stelle bringen, weil die Zylinderhülle und ihre Füsse mit jener Stahlplatte, die den Boden der Insel bildet, aus einem Stück bestehn.

Kraft dieses Magnetsteins wird die Insel gehoben und gesenkt und von einer Stelle zur andern bewegt. Denn dem Teil der Erde gegenüber, den der Monarch beherrscht, ist der Stein auf seiner einen Seite mit der Kraft der Anziehung begabt, auf der andern aber mit der der Abstossung. Wenn man also den Magneten senkrecht aufstellt, so dass das anziehende Ende der Erde zugekehrt ist, dann senkt sich die Insel; wenn aber das abstossende Ende nach unten zeigt, so steigt die Insel senkrecht empor. Und wenn die Lage des Steins eine schräge ist, so ist auch die Bewegung der Insel schräg. Denn bei diesem Magneten wirken die Kräfte stets in Linien, die seiner Richtung parallel laufen.

Durch diese schräge Richtung wird die Insel in die verschiedenen Teile der Besitzungen des Monarchen befördert. Um die Art ihrer Fortbewegung zu verdeutlichen, möge A B eine Linie quer durch die Gebiete von Balnibari bedeuten, c d aber den Magnetstein; d sei das abstossende, c das anziehende Ende, und die Insel schwebe über C. Der Stein also werde in die Lage c d gebracht, und zwar mit dem abstossenden Ende nach unten. Dann wird die Insel bis D schräg nach oben getrieben. Wenn sie bei D angelangt ist, werde der Stein um seine Achse gedreht, bis sein anziehendes Ende auf E zeigt, und die Insel gleitet schräg abwärts nach E; wenn dann dort der Stein wieder um seine Achse gedreht wird, bis er in der Richtung E F steht, und zwar mit dem abstossenden Ende nach unten, so wird die Insel schräg nach F steigen, von wo sie durch eine Wendung des anziehenden Endes nach G befördert wird, und schliesslich von G nach H, indem man den Stein so dreht, dass sein abstossendes Ende direkt nach unten zeigt. Und so lässt man die Insel, indem man die Stellung des Steins so oft ändert, wie es nötig ist, abwechselnd in schräger Richtung steigen und fallen, und durch dieses abwechselnde Steigen und Fallen (dessen Neigungswinkel nicht sehr gross ist) aus einem Teil des Reichs in den andern befördern.

Es ist aber zu bemerken, dass diese Insel sich nicht über die Grenzen des untern Reichs hinaus bewegen kann; auch kann sie sich nicht in eine Höhe von mehr als vier Meilen erheben. Die Astronomen (die grosse Systeme über den Stein geschrieben haben) geben dafür die folgenden Gründe an: die magnetische Kraft wirkt nicht über einen Abstand von vier Meilen hinaus; und das Gestein, das im Innern der Erde und von unter dem Meere her bis zu einer Entfernung von sechs Meilen von der Küste auf den Magneten einwirkt, erstreckt sich nicht durch den ganzen Erdball, sondern endet an den Grenzen der Besitzungen des Königs; und mit dem grossen Vorteil, den dem Fürsten eine so erhöhte Lage bot, war es leicht, sich alle Länder zu unterwerfen, die innerhalb der Anziehungskraft seines Magneten lagen. Wenn der Stein dem Horizont parallel gestellt wird, steht die Insel still; denn in dem Fall sind seine Enden von der Erde gleich weit entfernt und wirken also auch mit gleicher Kraft; das eine zieht hinab, das andre treibt hinauf, und also kann keine Bewegung erfolgen.

Dieser Magnetstein ist der Aufsicht gewisser Astronomen unterstellt, die ihm von Zeit zu Zeit die Richtung geben, die der Monarch befiehlt. Den grösseren Teil ihres Lebens verbringen sie mit der Beobachtung der Himmelskörper, und die Gläser, die sie dabei zu Hilfe nehmen, übertreffen die unsern an Güte ganz bedeutend. Denn obgleich ihre grössten Teleskope nicht über drei Fuss lang sind, vergrössern sie weit stärker als die von hundert Fuss Länge bei uns, und sie zeigen die Sterne mit weit grösserer Deutlichkeit. Dieser Vorteil hat sie instand gesetzt, ihre Entdeckungen viel weiter auszudehnen als unsre Astronomen in Europa; denn sie haben ein Verzeichnis von zehntausend Fixsternen aufgestellt, während unsre grössten nicht mehr als ein Drittel dieser Zahl enthalten. Sie haben ferner zwei kleinere Sterne oder Satelliten entdeckt, die sich um den Mars drehn, von denen der innere von dem Hauptstern um genau drei seiner Durchmesser entfernt ist, der äussere aber um fünf; jener vollendet seinen Umlauf in zehn Stunden, dieser in zwanzig und einer halben; so dass die Quadrate ihrer Perioden unter sich fast im selben Verhältnis stehn, wie die Kuben ihrer Entfernungen vom Marsmittelpunkt; was offenbar beweist, dass sie von demselben Gravitationsgesetz beherrscht werden, das auch die andern Himmelskörper lenkt.

Sie haben dreiundneunzig verschiedene Kometen beobachtet und ihre Bahnen mit grosser Genauigkeit berechnet. Wenn das wahr ist (und sie behaupten es sehr zuversichtlich), so wäre sehr zu wünschen, dass sie ihre Beobachtungen veröffentlichten, damit die Theorie der Kometen, die vorläufig noch sehr lahm und mangelhaft ist, zu derselben Vollkommenheit gebracht werde, wie die andern Gebiete der Astronomie.

Der König wäre der unumschränkteste Fürst des Weltalls, wenn er nur ein Ministerium dazu gewinnen könnte, sich ihm anzuschliessen; da aber die Minister ihre Besitzungen unten auf dem Lande haben und sich sagen, dass die Stellung eines Günstlings etwas höchst Unsicheres ist, so wollen sie niemals einwilligen, ihr Land in die Sklaverei zu schicken.

Wenn irgend eine Stadt sich empört oder meutert oder innerlich heftig zerfällt oder sich weigert, den gewöhnlichen Tribut zu zahlen, so hat der König zwei Methoden, sie zum Gehorsam zu zwingen. Der erste und der mildere Weg ist der, dass er die Insel über einer solchen Stadt und ihrer Umgebung schweben lässt, wodurch er sie der Wohltat des Sonnenscheins und des Regens beraubt und also den Bewohnern Hungersnot und Krankheiten auferlegt. Und wenn ihr Verbrechen es verdient, so werden sie zugleich von oben mit grossen Steinen beworfen, wogegen sie sich nicht anders schützen können, als dass sie in Keller und Höhlen kriechen, während die Dächer ihrer Häuser in Stücke geschlagen werden. Wenn sie aber selbst dann noch hartnäckig bleiben oder Miene machen, eine Empörung zu unternehmen, so greift er zu dem letzten Mittel, indem er ihnen die Insel geradenwegs auf den Kopf fallen lässt, so dass Menschen wie Häuser allgemein vernichtet werden. Dies ist jedoch eine äusserste Massregel, zu der der Fürst selten getrieben wird, und er führt sie auch nicht gern aus; seine Minister aber wagen ihm niemals eine Handlungsweise anzuraten, die sie einesteils dem Volk verhasst machen würde, andrerseits aber auch ihre eignen Güter, die alle unten liegen (denn die Insel ist Krongut des Königs) schwer beschädigen müsste.

Aber freilich ist noch ein gewichtigerer Grund vorhanden, weshalb die Könige dieses Landes stets eine Abneigung dagegen gehabt haben, ein so furchtbares Gericht zu vollziehn, es sei denn in der äussersten Not. Denn wenn die Stadt, die vernichtet werden soll, etwa grosse Felsen enthält, wie es in den grössern Städten gemeinhin der Fall ist (und wahrscheinlich wurde eine solche Lage von Anfang an gewählt, um eine solche Katastrophe zu verhindern), oder wenn sie reich ist an grossen Türmen oder steinernen Säulen, so könnte ein plötzlicher Fall den Boden oder die untere Fläche der Insel gefährden, denn obwohl sie, wie ich bereits gesagt habe, aus einem einzigen, zweihundert Ellen dicken Magneten besteht, so könnte sie doch durch einen zu heftigen Stoss springen oder durch eine zu grosse Annäherung an die Feuer der Häuser unten bersten, wie in unsern Kaminen oft die Eisen oder Steinwände bersten. Von all dem ist das Volk wohl unterrichtet, und es weiss, wie weit es seine Hartnäckigkeit treiben kann, wenn es sich um seine Freiheit und seinen Besitz handelt. Und der König lässt, selbst wenn er am schlimmsten provoziert worden und ganz fest entschlossen ist, eine Stadt zu Staub zu zermalmen, die Insel doch nur sehr langsam sinken; angeblich aus Mitleid mit seinem Volk, in Wirklichkeit aber, weil er fürchtet, den stählernen Boden zu sprengen; denn in diesem Fall, das ist die Ansicht all ihrer Philosophen, könnte der Magnetstein die Insel nicht mehr tragen, und die ganze Masse würde zu Boden stürzen.

Etwa drei Jahre vor meiner Ankunft unter ihnen ereignete sich, als der König über seine Besitzungen dahinzog, etwas ganz Ausserordentliches, was dem Schicksal jener Monarchie, wenigstens wie sie jetzt eingerichtet ist, fast ein Ziel gesetzt hätte. Lindalino, die zweite Stadt des Königreichs, war die erste, die Seine Majestät auf seinem Zuge besuchte. Drei Tage nach seinem Aufbruch schlossen die Einwohner, die sich stets über grosse Bedrückung beklagt hatten, die Tore, ergriffen den Statthalter und errichteten mit unglaublicher Geschwindigkeit und Anstrengung vier hohe Türme, einen in jeder Ecke der Stadt (die ein genaues Viereck ist); sie waren an Höhe einem starken, spitzen Felsen gleich, der genau im Mittelpunkt der Häussermassen steht. Auf der Spitze jedes Turms sowohl wie auf dem Felsen brachten sie einen grossen Magnetstein an, und für den Fall, dass ihr Plan fehlschlagen sollte, hatten sie eine ungeheure Menge leicht brennbarer Feurung herbeigeschafft, vermöge derer sie den stählernen Boden der Insel zum Bersten zu bringen hofften, wenn etwa die Magnetsteine nicht wirkten.

Es dauerte acht Monate, ehe der König genaue Kunde erhielt, dass die Lindalinianer in Empörung seien. Da aber befahl er sofort, die Insel über die Stadt zu bringen. Das Volk war sich völlig einig; Vorräte hatte man in Menge aufgespeichert, und mitten durch die Stadt fliesst ein grosser Fluss. Der König blieb mehrere Tage über ihr schweben, um sie der Sonne und des Regens zu berauben. Er befahl, viele Bindfäden hinabzulassen, doch niemand machte Miene, eine Bittschrift hinaufzusenden; statt dessen kamen viele verwegne Forderungen: Abstellung aller Missstände, grosse Freiheiten, die Wahl ihres eignen Statthalters und ähnliche Ungeheuerlichkeiten betreffend. Da befahl seine Majestät allen Einwohnern der Insel, von der untern Galerie aus grosse Steine in die Stadt hinabzuwerfen; aber die Bürger hatten gegen dieses Unheil vorgesorgt, indem sie sich mit ihrer Habe in die vier Türme und andre feste Bauten und unterirdischen Gewölbe begaben.

Als nun der König schliesslich beschloss, dieses stolze Volk zu bezwingen, gab er Befehl, dass die Insel sich langsam bis auf vierzig Ellen über die Spitzen des Felsens und der Türme senken sollte. Das also geschah; doch die bei der Ausführung des Befehls beschäftigten Beamten merkten, dass der Abstieg viel schneller von statten ging als gewöhnlich, und als sie den Magnetstein drehten, gelang es ihnen nur mit Mühe, sie zum Stillstand zu bringen; und die Insel verriet die Neigung, zu fallen. Sie schickten dem König sofort Nachricht von dieser erstaunlichen Erscheinung, und baten Seine Majestät um Erlaubnis, die Insel wieder zu heben. Der König willigte ein, es wurde ein Staatsrat berufen und die Beamten des Magnetsteins wurden entboten. Einer der ältesten und erfahrensten unter ihnen erhielt die Erlaubnis, ein Experiment zu versuchen. Er nahm eine lange Leine von hundert Ellen, und nachdem die Insel oberhalb der Stadt über die Anziehungskraft, die sie gespürt hatten, hinaus gehoben worden war, befestigte er am Ende seiner Leine ein Stück Stahl, das eine Mischung von Eisenerz enthielt, zusammengesetzt wie das, aus dem der Boden oder die untere Fläche der Insel besteht; das liess er von der untern Galerie aus langsam auf die Spitze der Türme herab. Der Stahl war noch keine vier Ellen gesunken, so fühlte der Beamte auch schon, wie er so kräftig hinunter gezogen wurde, dass er ihn kaum wieder hinaufziehn konnte. Da warf er mehrere kleine Stahlstücke hinab und konnte beobachten, dass sie alle heftig von der Spitze des Turms angezogen wurden. Das gleiche Experiment machte man mit den drei andern Türmen und dem Felsen; stets mit dem gleichen Ergebnis.

Dieser Zwischenfall entkräftete des Königs Massregeln vollständig, und (um nicht länger bei weitern Einzelheiten zu verweilen) er war gezwungen, sich mit der Stadt zu ihren Bedingungen zu einigen.

Ein grosser Minister versicherte mir, dass die Bürger, wenn die Insel der Stadt nahe genug gekommen wäre, um sich nicht wieder erheben zu können, entschlossen waren, sie auf ewig festzuhalten, den König und all seine Diener zu töten und die Regierung völlig zu wandeln.

Nach einem Grundgesetz des Reiches darf weder der König noch einer seiner beiden ältesten Söhne die Insel je verlassen; und auch die Königin darf es erst, wenn sie über die Zeit des Gebärens hinaus ist.

Kapitel IV.

Der Verfasser verlässt Laputa, wird nach Balnibari überführt und kommt in der Hauptstadt an. Eine Schilderung der Hauptstadt und des umliegenden Landes. Der Verfasser wird von einem grossen Herrn gastfreundlich aufgenommen. Seine Unterhaltung mit diesem Herrn.

Obwohl ich nicht sagen könnte, dass ich auf dieser Insel schlecht behandelt worden wäre, so fand ich doch, dass ich ein wenig zu sehr vernachlässigt wurde, und zwar nicht einmal ohne Verachtung. Denn weder Fürst noch Volk schienen auf irgend einem Gebiet der Gelehrsamkeit ausser in der Mathematik und der Musik wissbegierig zu sein, und darin war ich ihnen bei weitem unterlegen; deshalb wurde ich so wenig beachtet.

Auf der andern Seite wünschte ich, als ich alle Sehenswürdigkeiten der Insel gesehn hatte, sehr, sie zu verlassen, da ich dieser Leute von Herzen müde war. Sie zeichneten sich freilich in zwei Wissenschaften aus, vor denen ich die grösste Achtung habe und in denen ich auch nicht unbewandert war; aber zugleich waren sie so zerstreut und so in Spekulationen versunken, dass ich niemals unangenehmere Gesellschaft gefunden habe. Ich verkehrte während der zwei Monate meines dortigen Aufenthalts nur mit Frauen, Händlern, Schlägern und Hofpagen, und erwarb mir dadurch ihre vollste Verachtung. Und doch waren das die einzigen Leute, von denen ich je eine vernünftige Antwort erlangen konnte.

Ich hatte mir durch schweres Studium gute Kenntnisse in ihrer Sprache erworben; ich war des Aufenthalts auf einer Insel, wo ich so wenig Ermutigung fand, müde und beschloss, sie bei erster Gelegenheit zu verlassen.

Bei Hofe lebte ein grosser Herr, der mit dem König eng verwandt war und nur aus diesem Grunde achtungsvoll behandelt wurde. Er galt allgemein als der unwissendste und bornierteste Mensch. Er hatte der Krone viele hervorragende Dienste geleistet, war hoch begabt und sehr gebildet, unbestechlich und ehrenhaft, hatte aber ein so schlechtes Gehör für die Musik, dass seine Verkleinerer berichteten, man habe oft bemerkt, dass er falsch Takt geschlagen habe; auch konnten seine Lehrer ihm nur mit grösster Mühe beibringen, dass er den leichtesten mathematischen Lehrsatz beweisen lernte. Er geruhte, mir viele Zeichen seiner Gunst zu geben, erwies mir oft die Ehre seines Besuchs und bat, über die Verhältnisse in Europa, über die Gesetze und Sitten, die Bräuche und die Gelehrsamkeit der verschiedenen Länder, in denen ich gereist war, aufgeklärt zu werden. Er lauschte mir mit grosser Aufmerksamkeit und machte sehr kluge Bemerkungen über alles, was ich sagte. Er hatte zwei Schläger, die ihn der Form halber begleiteten, aber er machte nie von ihnen Gebrauch, ausser bei Hofe und förmlichen Besuchen; und wenn wir mit einander allein waren, befahl er ihnen stets, sich zurückzuziehn.

Ich flehte diese erlauchte Persönlichkeit an, sich zu meinen Gunsten bei Seiner Majestät zu verwenden, damit ich Erlaubnis zum Aufbruch erhielte; er tat es, wie er mir zu sagen geruhte, mit Bedauern: denn er hatte mir mehrere sehr vorteilhafte Angebote gemacht, die ich aber mit den Worten höchsten Dankes ablehnte.

Am 16. Februar nahm ich Abschied von Seiner Majestät und dem Hofe. Der König machte mir ein Geschenk im Wert von etwa zweihundert englischen Pfund; und mein Gönner, sein Verwandter, gab mir noch einmal so viel nebst einem Empfehlungsbrief an einen seiner Freunde in Lagado, der Metropole. Da die Insel gerade über einem Berge schwebte, der etwa zwei Meilen von ihr entfernt war, so wurde ich von der untersten Galerie auf die gleiche Art und Weise hinabgelassen, wie ich heraufgekommen war.

Das Festland führt, soweit es dem Monarchen der fliegenden Insel untertan ist, den allgemeinen Namen Balnibarbi, und die Metropole heisst, wie ich schon sagte, Lagado. Ich fühlte doch eine gewisse Genugtuung, als ich wieder festen Boden unter den Füssen fühlte. Ich ging unbesorgt in die Stadt, denn ich war gekleidet wie ein Eingeborner und genügend unterrichtet, um mich mit ihnen unterhalten zu können. Das Haus der Persönlichkeit, an die ich empfohlen worden war, hatte ich bald gefunden; ich überreichte den Brief von dem Freund auf der Insel und wurde mit grosser Freundlichkeit aufgenommen. Dieser Adlige, der Munodi hiess, wies mir ein Gemach in seinem eignen Hause an, und dort wohnte ich während meines Aufenthalts und wurde in gastfreiester Weise bewirtet.

Am Morgen nach meiner Ankunft nahm er mich in seinem Wagen mit, um mir die Stadt zu zeigen; sie ist etwa halb so gross wie London, aber die Häuser sind sehr merkwürdig gebaut und zum grössern Teil verfallen. Die Leute in den Strassen gingen schnell, blickten mit starren Augen wild darein und waren allgemein in Lumpen. Wir fuhren durch eins der Stadttore und etwa drei Meilen weit ins Land hinein; ich sah dort viele Arbeiter mit allerlei Geräten im Boden arbeiten, doch konnte ich nicht erraten, was sie eigentlich vorhatten; auch entdeckte ich keine Spur von Gras oder Korn, obwohl der Boden ausgezeichnet zu sein schien. Ich konnte nicht umhin, mich über diese wunderlichen Erscheinungen in Stadt und Land zu wundern, und ich erkühnte mich, meinen Führer zu bitten, er möge mir zu erklären geruhn, was so viele geschäftige Köpfe, Hände und Gesichter auf Strassen und Feldern zu bedeuten hätten, da ich nicht finden könnte, dass sie irgend welche guten Wirkungen hervorbrächten. Im Gegenteil, nie hätte ich einen so unglücklich bestellten Boden, so schlecht erbaute und verfallene Häuser oder ein Volk gesehn, dessen Züge und Kleidung so viel Elend und Mangel verrieten.

Dieser Graf Munodi war ein Mann von höchstem Stande; er war ein paar Jahre hindurch Statthalter von Lagado gewesen, war aber durch eine Ministerkabale als unfähig gestürzt. Der König behandelte ihn jedoch sehr freundlich, und zwar als einen wohlgesinnten Mann, dessen Verstand freilich gering und verächtlich war.

Als ich jenen offnen Tadel über das Land und seine Bewohner aussprach, gab er mir keine andre Antwort als die, ich sei noch nicht lange genug unter ihnen, um mir ein Urteil zu bilden; die verschiedenen Nationen der Welt hätten eben verschiedene Sitten; und was dergleichen Reden mehr sind. Doch als wir in seinen Palast zurückkehrten, fragte er mich, wie mir der Bau gefiele, was für Absurditäten mir aufgefallen seien und was ich an der Kleidung oder am Aussehen seiner Diener auszusetzen hätte. Das konnte er in aller Ruhe tun, denn alles war in seiner Umgebung prunkvoll, wie es sich gehörte, und vornehm. Ich erwiderte, Seiner Exzellenz Klugheit, Vornehmheit und Vermögen hätten ihn vor all jenen Fehlern bewahrt, die Narrheit und Bettlertum bei den andern zur Folge gehabt hätten. Er sagte mir, wenn ich ihn in sein Landhaus begleiten wollte, das etwa zwanzig Meilen entfernt liege (denn dort lägen seine Güter), so würden wir dort mehr Musse haben, über solche Themata zu sprechen. Ich erwiderte, ich stände Seiner Exzellenz vollkommen zur Verfügung, und also brachen wir am folgenden Morgen auf.

Während unsrer Reise machte er mich auf die verschiedenen Methoden aufmerksam, die die Gutspächter in der Bestellung ihres Landes befolgten; mir freilich waren sie völlig unerklärlich; denn ausser an ganz wenigen Stellen konnte ich keine einzige Kornähre und keinen Grashalm entdecken. Aber nach einer Reise von drei Stunden wandelte sich die Szenerie vollständig; wir kamen in ein wundervolles Land; in geringen Entfernungen folgten sich sauber gebaute Pachthöfe; die Felder waren umfriedigt und enthielten Weingärten, Kornäcker und Wiesen. Auch entsinne ich mich nicht, eine reizendere Landschaft je gesehn zu haben. Seine Exzellenz bemerkte, wie meine Züge sich aufhellten; er sagte mir mit einem Seufzer, dass hier sein Besitz beginne; und so würde es bleiben, bis wir sein Haus erreichten. Seine Landsleute machten ihn lächerlich und verachteten ihn, weil er sein Interesse nicht besser wahrnehme und dem Königreich ein so schlechtes Beispiel gäbe, dem aber nur wenige nachahmten, Leute nämlich, die alt und eigensinnig und schwach seien wie er selber.

Schliesslich erreichten wir das Haus, das denn freilich ein edler Bau war, errichtet nach den besten Regeln der alten Architektur. Die Brunnen, Gärten, Spaziergänge, Alleen und Gehölze waren alle mit gutem Blick und Geschmack angelegt. Ich spendete allem, was ich sah, gebührendes Lob; doch Seine Exzellenz beachtete das nicht im geringsten, bis er mir nach dem Abendbrot, als kein Dritter mehr in der Nähe war, mit sehr melancholischer Miene sagte, ihm schwane, er werde seine Häuser in Stadt und Land niederreissen müssen, um sie nach der gegenwärtigen Mode wieder aufzubauen; er werde all seine Pflanzungen vernichten müssen, um sie in die Form zu bringen, die die moderne Wirtschaft verlange; und ebenso werde er die gleichen Befehle auch seinen Pächtern zu erteilen haben, wenn er sich nicht dem Tadel des Stolzes, der Sonderbarkeit, der Affektation, der Unwissenheit und der Launenhaftigkeit aussetzen und vielleicht Seiner Majestät Missvergnügen noch steigern wollte.

Die Verwunderung, die mir das offenbar einflösse, werde aufhören oder mindestens geringer werden, wenn er mir ein paar Einzelheiten mitgeteilt habe, von denen ich wahrscheinlich bei Hofe nichts gehört hätte, denn die Leute seien dort zu sehr von ihren eignen Spekulationen in Anspruch genommen, um noch auf das zu achten, was unten vorgehe.

Das A und O dieser Rede bestand etwa in Folgendem. Vor etwa vierzig Jahren seien gewisse Leute nach Laputa hinaufgegangen, und zwar entweder in Geschäften oder um sich zu vergnügen; und nach fünf Monaten seien sie von ihrem dortigen Aufenthalt mit einem Anflug mathematischen Wissens zurückgekehrt, zugleich aber voll von allerlei Firlefanzereien, die sie sich in jenen luftigen Regionen geholt hätten. Bei ihrer Rückkehr hätten diese Personen begonnen, mit der Leitung aller Dinge hier unten unzufrieden zu sein; und sie hätten nun Pläne geschmiedet, wie man alle Künste, Wissenschaften, Sprachen und die ganze Technik auf eine neue Grundlage stellen könnte. Zu diesem Zweck verschafften sie sich ein königliches Privileg, in Lagado eine Akademie der Pläneschmieder zu errichten; und dieser Hang habe das Volk so stark durchdrungen, dass jetzt keine nur irgendwie bedeutende Stadt mehr vorhanden sei, die keine solche Akademie besitze. In diesen Kollegien nun ersinnen die Professoren neue Regeln und Methoden für die Landwirtschaft und die Baukunst, und neue Werkzeuge und Geräte für alle Gewerbe und Fabrikationszweige, mit denen, wie sie sich verschwören, ein Mensch die Arbeit von zehn Menschen soll verrichten können. Ein Palast soll sich in einer Woche erbaun lassen, und zwar aus so dauerhaftem Material, dass er ohne Reparaturen ewig halten soll. Alle Früchte der Erde sollen zu jeder Jahreszeit, die zu wählen wir für geraten halten, zur Reife kommen und das Hundertfache ihres jetzigen Erträgnisses liefern; und zahllose andre glückliche Vorschläge mehr. Der einzige Nachteil ist der, dass noch keiner dieser Pläne zu irgend welcher Vollkommenheit gelangt ist; und inzwischen liegt das ganze Land elend und wüst da, die Häuser verfallen, und das Volk hat weder Nahrung noch Kleidung. Aber statt sie zu entmutigen, macht all das sie nur fünfzigmal heftiger erpicht auf die Verfolgung ihrer Pläne; denn sie werden in gleicher Weise von der Hoffnung wie von der Verzweiflung vorwärts getrieben. Er selber sei nun einmal nicht unternehmenden Geistes und begnüge sich damit, in den alten Formen weiter zu leben, in den Häusern zu wohnen, die seine Vorfahren erbaut hätten, und es ohne Neuerungen in allen Dingen des Lebens zu machen wie sie. Ein paar andre Leute des hohen und niedern Adels hätten desgleichen getan, doch würden sie mit dem Auge der Verachtung und des Übelwollens als Feinde der Kunst, als unwissende, staatsfeindliche Leute angesehn, die ihre eigne Behaglichkeit und Trägheit der allgemeinen Förderung ihres Landes vorzögen.

Seine Exzellenz fügte hinzu, er wolle dem Vergnügen, das ich empfinden müsste, wenn ich mir die grosse Akademie ansähe, nicht durch weitere Einzelheiten vorgreifen; denn dass ich hingehn würde, stehe fest. Er bat mich nur, ein verfallenes Gebäude auf der Flanke eines etwa drei Meilen entfernten Berges zu beachten, über das er mir folgenden Bericht gab. Er habe eine halbe Meile von seinem Hause entfernt eine sehr bequeme Mühle besessen, die durch den Nebenstrom eines grossen Flusses getrieben wurde und für seine eigne Familie sowie eine grosse Zahl seiner Pächter ausreichte. Vor etwa sieben Jahren sei nun eine Gesellschaft jener Pläneschmieder mit dem Vorschlag zu ihm gekommen, diese Mühle abzubrechen und eine andre auf der Flanke jenes Berges zu erbaun; auf dem langen Bergrücken müsse ein ebenso langer Kanal für ein Wasserreservoir angelegt werden; das Wasser aber müsse durch Maschinen in Rohren hinaufgeschafft werden, um die Mühle zu treiben; denn da auf der Höhe Wind und Luft das Wasser in Bewegung brächten, so werde es dadurch geeigneter als Triebkraft; das Wasser werde, wenn es einen Hang hinabströme, die Mühle mit der halben Wassermenge treiben, die der ebener fliessende Fluss benötige. Er sagte mir, da er damals mit dem Hof schlecht stand und viele seiner Freunde ihn drängten, habe er sich dem Vorschlag gefügt; und nachdem er zwei Jahre lang hundert Leute beschäftigt habe, sei das ganze Werk fehlgeschlagen. Die Pläneschmieder seien abgezogen indem sie die Schuld ganz auf ihn schoben; und seither hätten sie ihn stets verhöhnt und andre zu demselben Experiment gedrängt, indem sie sie gleich zuversichtlich des Erfolgs versicherten, ohne dass etwas andres dabei herausgekommen sei als die gleiche Enttäuschung.

Nach ein paar Tagen kehrten wir in die Stadt zurück, und Seine Exzellenz wollte mich in anbetracht des schlechten Rufs, in dem er bei der Akademie stand, nicht selbst begleiten, sondern empfahl mich einem seiner Freunde, damit er mich begleitete. Der Graf geruhte, mich als einen grossen Bewunderer aller Pläne hinzustellen und als einen Menschen, der sehr neugierig sei und leicht alles glaube; und darin lag denn auch etwas Wahres, denn ich war in meiner Jugend selbst etwas von einem Pläneschmieder gewesen.

Kapitel V.

Der Verfasser erhält die Erlaubnis, sich die Grosse Akademie von Lagado anzusehn. Ausführliche Schilderung der Akademie. Die Künste, mit denen die Professoren sich abgeben.

Diese Akademie besteht nicht aus einem einzigen zusammenhängenden Bau, sondern aus einer Reihe mehrerer Häuser zu beiden Seiten einer Strasse, die man, als sie verödete, aufkaufte und zu diesem Zweck verwandte.

Ich wurde von dem Vorsteher sehr freundlich aufgenommen und besuchte die Akademie viele Tage nacheinander. Jedes Zimmer enthält einen oder mehrere Pläneschmieder, und ich glaube nicht, dass ich in weniger als fünfhundert Zimmern gewesen bin.

Der erste, den ich sah, war ein Mann von hagerer Erscheinung mit russigem Gesicht und Händen, langem Haar und einem Bart, der zerzaust und an vielen Stellen versengt war. Seine Kleider, sein Hemd, seine Haut waren alle von gleicher Farbe. Seit acht Jahren war er mit dem Unternehmen beschäftigt, aus Gurken Sonnenstrahlen zu gewinnen; die wollte er dann in hermetisch verschlossene Flaschen tun und in rauhen, kalten Sommern freilassen, damit sie die Luft erwärmten. Er sagte mir, er zweifle nicht daran, dass er in weiteren acht Jahren imstande sein werde, zu mässigem Preise die Gärten des Statthalters mit Sonnenschein zu versehn; er beklagte sich freilich, dass sein Kapital gering sei; und er flehte mich an, ihm ein wenig als Ermutigung des Genies zu geben, zumal die Gurken in diesem Jahre sehr teuer gewesen seien. Ich gab ihm ein kleines Geschenk, denn der Graf hatte mich eigens mit Geld versehn, weil er wusste, dass es bei ihnen Brauch war, alle, die sie besuchten, anzubetteln.

Ich ging in ein zweites Zimmer, doch war ich bereit, mich eilends wieder zurückzuziehn, da mich ein furchtbarer Gestank fast überwältigte. Mein Führer schob mich vorwärts, indem er mich flüsternd beschwor, keinen Anstoss zu erregen, denn man würde mir schwer grollen; und deshalb wagte ich nicht einmal, mir die Nase zu verstopfen. Der Pläneschmieder dieser Zelle war der älteste Gelehrte dieser Akademie; sein Gesicht und sein Bart waren von blassem Gelb; seine Hände und Kleider mit Schmutz beschmiert. Als ich ihm vorgestellt wurde, umarmte er mich herzlich (ein Kompliment, von dem ich ihn gern entbunden hätte). Seit seinem Eintritt in die Akademie war er damit beschäftigt, ein Verfahren zu finden, um die menschlichen Exkremente wieder in die ursprüngliche Nahrung zu verwandeln, indem er die verschiedenen Teile trennte, die Färbung, die sie von der Galle empfingen, beseitigte, den Geruch verdunsten liess und den Schleim abschäumte. Er erhielt von der Gesellschaft eine Wochenration, die in einem Gefäss voll Menschenkot bestand; es war etwa von der Grösse eines Fasses.

Ich sah noch einen dritten bei der Arbeit, der Eis in Schiesspulver oxydieren wollte; er zeigte mir auch einen Traktat, den er geschrieben hatte, und der von der Hämmerbarkeit des Feuers handelte; er beabsichtigte, ihn zu veröffentlichen.

Ferner war ein genialer Architekt vorhanden, der eine neue Methode des Häuserbaus erfunden hatte; er begann mit dem Dach und führte es bis zu den Fundamenten hinunter; er suchte mir gegenüber diese Methode mit dem gleichen Brauch jener klugen Insekten, der Biene und der Spinne, zu rechtfertigen.

Einer war blindgeboren, und er hatte mehrere Gehilfen mit dem gleichen Gebrechen um sich: sie beschäftigten sich damit, Farben für Maler zu mischen; ihr Lehrer lehrte sie, sie durch das Gefühl und den Geruch zu unterscheiden. Ich hatte freilich das Unglück, dass sie gerade in ihrem Können nicht sehr vorgeschritten waren; und auch der Professor hatte sich zufällig in allem geirrt: die ganze Brüderschaft aber ermutigt und achtet diesen Künstler sehr.

In einem andern Zimmer machte mir ein Pläneschmieder viel Vergnügen, der ein Mittel gefunden hatte, den Boden durch Schweine pflügen zu lassen, um die Kosten für Pflüge, Rinder und Arbeitskräfte zu sparen. Die Methode besteht in folgendem. Man vergräbt in einem Acker in Abständen von sechs Zoll und bis zu einer Tiefe von acht Zoll eine Menge von Eicheln, Datteln, Kastanien und andrer Mastfrucht, wie diese Tiere sie am liebsten haben; dann treibt man sechshundert oder mehr von ihnen aufs Feld, wo sie in wenigen Tagen auf der Suche nach ihrem Futter den ganzen Boden aufwühlen und so für die Saat vorbereiten, indem sie ihn zugleich mit ihrem Kot düngen. Freilich stellte sich bei einem Experiment heraus, dass Kosten und Mühe sehr hoch waren und dass sie nur eine geringe oder keine Ernte erzielten. Doch ist nicht zu bezweifeln, dass diese Erfindung grosser Verbesserungen fähig ist.

Ich ging in ein weiteres Zimmer, wo die Wände und die Decke ganz mit Spinnweben behangen waren; nur ein kleiner Gang blieb frei, so dass der Künstler ein- und ausgehn konnte. Als ich eintrat, rief er mir laut zu, ich möchte seine Gewebe nicht stören. Er beklagte, dass die Welt so lange an dem verhängnisvollen Irrtum gehangen habe, Seidenwürmer zu benutzen, während wir doch eine solche Fülle von Hausinsekten besässen, die jene unendlich überträfen, weil sie nicht nur zu spinnen, sondern auch zu weben verständen. Und ferner behauptete er, durch die Verwendung der Spinnen werde man die Kosten des Färbens der Seide sparen; er überzeugte mich fest davon, indem er mir eine ungeheure Anzahl wundervoll gefärbter Fliegen zeigte, mit denen er seine Spinnen fütterte; er versicherte uns, die Gewebe würden ihre Färbung annehmen; und da er Fliegen in allen Farben besässe, so hoffe er, jedermanns Geschmack zu befriedigen, sowie er nur in gewissen Gummis, Ölen und andern Klebestoffen eine geeignete Nahrung für seine Fliegen gefunden hätte, die den Fäden Kraft und Haltbarkeit verliehe.

Ein Astronom hatte es unternommen, auf der grossen Wetterfahne des Stadthauses eine Sonnenuhr anzubringen, indem er die täglichen und jährlichen Bewegungen der Erde und der Sonne so regelte, dass sie mit allen zufälligen Wendungen, die der Wind zur Folge hätte, zusammenwirkten.

Ich klagte über einen kleinen Anfall von Kolik; worauf mein Führer mich alsbald in ein Zimmer brachte, das ein grosser Arzt inne hatte; er war berühmt, weil er diese Krankheit durch gegenteilige Wirkungen des gleichen Instruments zu heilen wusste. Er hatte einen grossen Blasebalg mit einem langen, schlanken Elfenbeinrohr. Das schob er acht Zoll weit in den After hinein, und er behauptete, wenn er den Wind einzöge, könne er die Därme so schlaff machen wie eine getrocknete Blase. Wenn aber die Krankheit heftiger und hartnäckiger war, führte er das Rohr ein, nachdem er den Balg mit Luft gefüllt hatte; diese Luft also blies er den Kranken in den Bauch; dann zog er das Instrument heraus, um es wieder zu füllen, indem er den Daumen kräftig auf die Öffnung des Hintern drückte; und nachdem er das drei- oder viermal wiederholt hatte, brach dann der heilbringende Wind heraus und führte den schädlichen mit sich (wie wenn man Wasser in eine Pumpe giesst), so dass der Kranke genas. Ich sah, wie er beide Experimente an einem Hund ausführte; doch konnte ich bei dem ersten keinerlei Wirkung bemerken. Nach dem zweiten war das Tier zum Platzen bereit, und es erfolgte eine so gewaltsame Entladung, dass sie mir und meinem Gefährten wenig angenehm war. Der Hund war auf der Stelle tot, und als wir den Doktor verliessen, war er damit beschäftigt, ihn durch die gleiche Operation wieder zum Leben zu erwecken.

Ich besuchte noch viele andre Zimmer, will aber den Leser nicht mit all den Merkwürdigkeiten belästigen, die ich beobachtete, denn ich befleissige mich der Kürze.

Ich hatte bislang nur erst die eine Seite der Akademie gesehn; die andre war den Förderern der spekulativen Gelehrsamkeit vorbehalten. Von ihnen will ich reden, nachdem ich noch eine einzige erlauchte Persönlichkeit erwähnt habe, die bei ihnen der »Allerweltskünstler« heisst. Er sagte uns, er sei seit dreissig Jahren damit beschäftigt, über die Verbesserung des menschlichen Lebens nachzudenken. Er hatte zwei grosse Zimmer voll der wundervollsten Sehenswürdigkeiten, und fünfzig Leute waren bei ihm an der Arbeit. Einige kondensierten die Luft zu einer trocknen, greifbaren Substanz, indem sie den Stickstoff ausschieden und die wasserhaltigen oder flüssigen Bestandteile aussintern liessen; andre machten Marmor für Kissen und Nadelpolster weich; wieder andre versteinerten die Hufe eines lebenden Pferdes, um sie vor dem Verschlagen zu schützen. Der Künstler selbst war gerade mit zwei grossen Plänen beschäftigt; erstens wollte er Land mit Spreu bestellen, denn er behauptete, darin sei die eigentliche Keimkraft enthalten; er bewies es auch durch mehrere Experimente, die ich jedoch nicht gelehrt genug war zu verstehn. Zweitens wollte er das Wachstum der Wolle an zwei jungen Lämmern unterdrücken, indem er ihnen von aussen eine Mischung gewisser Gummis, Mineralien und Pflanzenstoffe aufstrich; er hoffte, innerhalb einer angemessnen Zeit die Zucht nackter Schafe über das ganze Königreich zu verbreiten.

Dann gingen wir über eine Strasse in den andern Teil der Akademie, den, wie ich bereits sagte, die Pläneschmieder in der spekulativen Gelehrsamkeit inne hatten.

Der erste Professor, den ich sah, befand sich in einem sehr grossen Zimmer und war umringt von vierzig Schülern. Nach der Begrüssung sagte er, da ihm auffiel, dass ich voll Ernst auf ein Rahmenwerk blickte, das den grösseren Teil der Länge und Breite des Zimmers füllte, ich wundre mich vielleicht, ihn mit einem Plan beschäftigt zu sehn, wie man die spekulative Erkenntnis durch praktische und mechanische Methoden fördern könne. Die Welt werde sich jedoch ihres Nutzens bald bewusst werden, und er schmeichle sich, dass nie eines Menschen Haupt ein edlerer und erhabenerer Gedanke entsprungen sei. Jedermann wisse, wie mühselig der gewöhnliche Weg zur Kunst und zu den Wissenschaften sei; mit Hilfe seiner Erfindung aber könne der unwissendste Mensch unter geringen Kosten und unbedeutender Körperarbeit, ohne im geringsten von Genie oder Studium unterstützt zu werden, philosophische, dichterische, politische, juristische, mathematische und theologische Bücher schreiben . Dann führte er mich vor den Rahmen, an dessen Seiten in Reihen all seine Schüler standen. Er hatte zwanzig Fuss im Geviert und stand in der Mitte des Zimmers. Die Oberfläche bestand aus vielen Holzstückchen von etwa der Grösse eines Würfels; doch waren einzelne grösser als andre. Sie waren alle durch dünne Drähte mit einander verbunden. Diese Holzstückchen waren auf allen Flächen mit Papier beklebt, und auf diese Zettel waren alle Worte ihrer Sprache geschrieben, und zwar in ihren verschiedenen Modis, Zeit- und Deklinationsformen, doch ohne jede Ordnung. Der Professor bat mich, acht zu geben, denn er wollte seine Maschine in Betrieb setzen. Auf seinen Befehl ergriffen die Schüler alle je einen eisernen Handgriff (es waren ihrer am Rande des Rahmens vierzig angebracht), und gaben ihm eine plötzliche Wendung, wodurch die ganze Anordnung der Worte eine andre wurde. Dann befahl er sechsunddreissig der Burschen, leise die verschiedenen Zeilen zu lesen, die sich auf dem Rahmen zeigten. Und wo sie drei oder vier Worte beisammen fanden, die zu einem Satz gehören konnten, diktierten sie sie den vier übrigen Schülern, die Schreiber waren. Diese Arbeit wurde drei oder viermal wiederholt, und die Maschine war so eingerichtet, dass die Worte bei jeder Wendung an neue Stellen sprangen, während sich die Holzwürfel um sich selber drehten.

Sechs Stunden des Tages waren die jungen Studenten mit dieser Arbeit beschäftigt, und der Professor zeigte mir mehrere grosse Foliobände abgebrochener Sätze, die bereits gesammelt waren; diese Sätze gedachte er zusammenzuflicken und der Welt aus diesem reichen Material einen vollständigen Korpus aller Künste und Wissenschaften zu geben; der aber, so sagte er, liesse sich noch sehr verbessern und sein Erscheinen sich beschleunigen, wenn das Publikum ein Kapital zusammen bringen wollte, um in Lagoda fünfhundert solcher Rahmen herzustellen und in Betrieb zu setzen, indem es die Verwalter verpflichtete, ihre verschiedenen Sammlungen zu vereinigen.

Er versicherte mir, diese Erfindung habe seit seiner frühesten Jugend all seine Gedanken in Anspruch genommen; er habe den ganzen Wortschatz in seinem Rahmen vereinigt und aufs genaueste berechnet, welches Verhältnis in den Büchern zwischen der Anzahl der Partikeln, der Substantive, der Verben und andern Satzteile herrsche.

Ich machte dieser erlauchten Persönlichkeit meine demütigsten Komplimente über seine grosse Mitteilsamkeit und versprach, wenn ich je in meine Heimat zurückkehrte, ihm als den einzigen Erfinder dieser wundervollen Maschine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; ich bat ihn um Erlaubnis, mir Form und Einrichtung der Erfindung aufzuzeichnen, wie man beides in der beigefügten Abbildung sieht. Ich sagte ihm, es sei zwar bei uns in Europa unter den Gelehrten Sitte, einander ihre Erfindungen zu stehlen, und sie hätten wenigstens den einen Vorteil davon, dass sich ein Streit erhöbe, wer der rechtmässige Besitzer sei, doch wolle ich schon solche Vorsichtsmassregeln treffen, dass er ohne Nebenbuhler die Ehre für sich allein haben sollte.

Dann gingen wir in die Schule der Sprachen, wo drei Professoren darüber berieten, wie man die ihres eignen Landes verbessern könnte.

Der erste Vorschlag ging dahin, die Rede zu verkürzen, indem man mehrsilbige Worte zu einsilbigen machte und die Verben und Partikel ausliesse: denn in Wirklichkeit seien ja alle vorstellbaren Dinge doch nur Hauptwörter.

Der zweite Vorschlag ging dahin, überhaupt alle Wörter abzuschaffen; und davon versprach man sich sowohl für die Gesundheit wie für die Kürze viele Vorteile. Denn es ist klar, dass jedes gesprochene Wort in gewissem Grade eine Verringerung unsrer Lungen bedeutet, weil es sie abnutzt, und dass es also dazu beiträgt, unser Leben zu verkürzen. Daher wurde ein Ausweg vorgeschlagen; alle Worte nämlich sind nur Namen für Dinge, und demnach wäre es viel besser, wenn alle Menschen diejenigen Dinge, die nötig sind, um die besondern Angelegenheiten auszudrücken, wie man sie erörtern möchte, mit sich herumführten. Und diese Erfindung wäre auch sicherlich eingeführt worden, und zwar zur grossen Erleichterung und zur Förderung der Gesundheit des einzelnen, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, eine Verschwörung anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, wie ihre Vorväter mit ihren Zungen zu reden. So beharrlich-unversöhnliche Feinde der Wissenschaft sind die gemeinen Leute. Viele der Gelehrtesten und Weisesten aber hängen der neuen Methode an, sich mit Hilfe von Dingen auszudrücken; es hat das nur die eine Schattenseite, dass ein Mensch, dessen Angelegenheiten mannigfaltig und umfangreich sind, gezwungen ist, ein verhältnismässig um so grösseres Bündel von Dingen auf dem Rücken zu tragen, es sei denn, dass er es sich leisten kann, sich von einem oder zwei starken Dienern begleiten zu lassen. Ich habe oft gesehn, wie zwei dieser Weisen unter der Last ihrer Bündel fast zusammenbrachen, genau wie bei uns die Hausierer; und wenn sie sich auf der Strasse begegneten, legten sie ihre Lasten nieder, öffneten ihre Säcke und hielten eine Stunde lang Zwiesprach; dann packten sie ihr Gerät wieder zusammen, halfen einander die Bürden auf den Rücken und nahmen Abschied von einander.

Für kurze Gespräche aber kann man genug Geräte in den Taschen und unter den Armen mit sich herumtragen, um nicht in Verlegenheit zu kommen; und zu Hause kann es niemandem fehlen. Daher ist auch das Zimmer, wenn sich Leute, die diese Kunst ausüben, versammeln, voll von allerlei Dingen, die rasch zur Hand sind, um Stoff für diese künstliche Unterhaltung zu liefern.

Ein weiterer grosser Vorteil, den diese Erfindung haben sollte, war der, dass sie als Weltsprache dienen konnte, die man in allen zivilisierten Nationen verstehn musste, da überall Waren und Geräte ziemlich gleichartig oder doch ähnlich sind, so dass man ihren Gebrauch leicht verstehn konnte. Und so wären selbst die Gesandten befähigt, mit ausländischen Fürsten oder Staatsministern zu unterhandeln, obwohl ihnen ihre Sprache völlig fremd ist.

Ich war auch in der mathematischen Schule, wo der Lehrer seine Schüler nach einer Methode unterrichtete, die wir uns in Europa kaum vorstellen können. Lehrsatz und Beweis wurden auf eine dünne Oblate geschrieben, und zwar mit einer Tinte, die den Farbstoffen des Gehirns entnommen war. Die musste der Schüler auf nüchternem Magen verschlucken; und drei Tage nachher durfte er nichts geniessen als Brot und Wasser. Wenn die Oblate dann verdaut war, stieg die Farbe zu Kopf und nahm den Lehrsatz mit. Doch ist bislang der Erfolg unkontrollierbar gewesen, und zwar zum Teil infolge eines Irrtums in den Quantis oder in der Mischung, zum Teil infolge des Eigensinns der Schüler, denen diese Arznei so widerlich ist, dass sie sich im allgemeinen fortschleichen und sie nach oben entleeren, ehe sie wirken kann; auch haben sie sich bisher noch nicht überreden lassen, so lange zu fasten, wie die Verordnung es verlangt.

Kapitel VI.

Ein weiterer Bericht über die Akademie. Der Verfasser schlägt ein paar Verbesserungen vor, die ehrenvoll anerkannt werden.

In der Schule der politischen Pläneschmieder fand ich nur wenig Vergnügen, da die Professoren meinem Urteil nach vollständig von Sinnen waren: ein Schauspiel, das selten verfehlt, mich melancholisch zu machen. Diese unglücklichen Leute arbeiteten an Vorschlägen, wie man Monarchen überreden könnte, ihre Günstlinge um ihrer Weisheit, Tüchtigkeit und Tugend willen zu erwählen; wie man Minister zu lehren vermöchte, das öffentliche Wohl zu berücksichtigen; wie man Verdienste, grosse Fähigkeiten, hervorragende Leistungen belohnen sollte; wie man für Ämter Personen finden müsste, die geeignet sind, sie auszuüben; und was dergleichen wilde unmögliche Chimären mehr sind, wie sie sich vorzustellen, noch nie einem Menschen in den Sinn gekommen ist; sie bestätigten mir die alte Beobachtung, dass nichts absonderlich und unvernünftig sein kann, um nicht von irgend welchen Philosophen doch als Wahrheit ausgegeben zu werden.

Doch will ich diesem Teil der Akademie immerhin insofern Gerechtigkeit widerfahren lassen, als ich anerkennen muss, dass nicht alle seine Angehörigen so visionär waren. Es war ein höchst scharfsinniger Doktor dort, der in der ganzen Art und im ganzen System der Regierung vollkommen bewandert war. Diese erlauchte Persönlichkeit hatte ihre Studien sehr nützlicherweise darauf gerichtet, wirksame Mittel gegen alle Krankheiten und Korruptionen zu finden, denen die verschiedenen Zweige der öffentlichen Verwaltung vermöge der Laster und Schwächen der Regierenden wie auch vermöge der Zügellosigkeit derer, die gehorchen sollen, ausgesetzt sind. Wenn sich zum Beispiel alle Schriftsteller und Denker darüber einig sind, dass zwischen dem menschlichen Leibe und dem Staatskörper eine strenge Ähnlichkeit herrscht, kann da etwas einleuchtender sein, als dass man die Gesundheit beider mit Hilfe derselben Vorschriften erhalten und ebenso ihre Krankheiten heilen muss? Es ist bekannt, dass Senate und grosse Ratsversammlungen oft unter überquellenden, kochenden und sonstwie schädlichen Säften leiden, ferner unter vielen Krankheiten des Kopfes und mehr noch des Herzens, unter starken Krämpfen und schweren Zerrungen der Sehnen und Nerven in beiden Händen, vor allem aber der rechten, unter Galle, Blähungen, Schwindel und Delirien, unter skrophulösen Geschwülsten voll faulen Eiters; unter sauren schäumigen Rülpsern, Hundshunger und schlechter Verdauung, abgesehn von vielen andern, die zu erwähnen nutzlos ist. Dieser Doktor also schlug vor, dass beim Zusammentreten eines Senats den ersten drei Sitzungstagen gewisse Ärzte beiwohnen sollten, um am Schluss der Debatten jedem Senator den Puls zu fühlen. Nach reiflicher Überlegung und Beratung über die Natur der verschiedenen Krankheiten sowie über die Heilmethoden sollten sie dann am vierten Tage, begleitet von ihren Apothekern, die mit den nötigen Arzneien versehn sein müssen, nochmals im Senatshaus erscheinen; und ehe die Mitglieder sich setzten, sollten sie einem jeden, je wie sein Fall es erforderte, Linderungsmittel, Aperitive, Abführmittel, Ätzmittel, Restrigentien, Palliative, Laxative, Pulver gegen Kopfschmerzen, Mittel gegen die Gelbsucht, schleimabführende Mittel, oder Gehörarzneien verabreichen, und je nach der Wirkung dieser Arzneien sollten sie sie bei der nächsten Sitzung wieder verabreichen, verstärken, ändern oder fortlassen.

Dieses Verfahren könnte der Allgemeinheit keine sehr hohen Kosten auferlegen, und es würde meiner bescheidenen Meinung nach für die Erledigung der Geschäfte überall da sehr von Nutzen sein, wo Senate teilhaben an der gesetzgeberischen Macht; es würde Einstimmigkeit erzeugen, Debatten verkürzen, ein paar Münder, die jetzt geschlossen bleiben, öffnen, und viele schliessen, die jetzt offen stehn; es würde das Ungestüm der Jugend zügeln und die unnahbare Sicherheit des Alters korrigieren, die Stumpfsinnigen erwecken und die Vorwitzigen dämpfen.

Des Ferneren; da allgemein darüber geklagt wird, dass die Günstlinge der Fürsten unter kurzem und schwachem Gedächtnis leiden, so schlug der gleiche Arzt vor, dass jeder Besucher eines ersten Ministers, nachdem er ihm in grösster Kürze und mit den klarsten Worten sein Anliegen vorgetragen hat, beim Aufbruch besagtem Minister einen Nasenstüber oder einen Fusstritt in den Bauch geben, oder ihm auf die Hühneraugen treten, oder ihn dreimal an beiden Ohren zausen, oder ihm eine Nadel in die Hose stecken, oder ihm den Arm schwarz und blau kneifen sollte, um seine Vergesslichkeit zu hindern; und an jedem Audienztag müsste er die gleiche Erinnerung wiederholen, bis seine Bitte erfüllt oder definitiv abgeschlagen wäre.

Er regte auch an, dass jeder Senator im grossen Rat einer Nation, sowie er seine Meinung abgegeben und zu ihrer Begründung gesprochen hat, verpflichtet sein sollte, seine Stimme im genau entgegengesetzten Sinne abzugeben; denn wenn das geschähe, so würde das Ergebnis unfehlbar zum Nutzen der Nation ausschlagen.

Für den Fall, dass die Parteisucht in einem Staate heftig tobt, hatte er eine wunderbare Erfindung gemacht, um die Gemüter zu versöhnen. Die Methode ist diese. Man nehme hundert Führer von jeder Partei und ordne sie je nach der Ähnlichkeit der Köpfe zu Paaren; dann müssen zwei geschickte Operateure immer bei je einem Paar gleichzeitig in der Weise die Hinterköpfe absägen, dass das Gehirn in gleiche Teile zerlegt wird. Die so abgenommenen Hinterköpfe werden ausgetauscht und jeder an den Kopf des Parteigegners angefügt. Es scheint freilich, dass diese Arbeit strenge Aufmerksamkeit erfordert, aber der Professor versicherte uns, dass, wenn sie geschickt ausgeführt wird, die Heilung unfehlbar sei. Denn sein Gedankengang lief so. Da die beiden Gehirnhälften die Sache innerhalb eines Schädels unter sich auszumachen hätten, würden sie bald zu einer Verständigung kommen und jene Mässigung sowie jene Regelmässigkeit des Denkens zur Folge haben, die so erwünscht ist in den Köpfen aller, die sich einbilden, sie seien nur dazu in die Welt gekommen, um ihre Bewegung zu überwachen und zu lenken; was aber die qualitativen und quantitativen Unterschiede der Gehirne solcher Parteiführer angeht, so versicherte uns der Doktor auf Grund eignen Wissens, dass sie keinerlei Rolle spielten.

Ich hörte eine sehr hitzige Debatte zwischen zwei Professoren mit an, die sich um die bequemsten und wirksamsten Mittel und Wege drehte, durch die man Geld erheben könnte, ohne den Untertanen zu belästigen. Der erste behauptete, die gerechteste Methode sei die, dass man auf Laster und Narrheiten eine gewisse Steuer legte und für jeden eine bestimmte Summe ausrechnete, die in gerechtester Weise durch eine aus seinen Nachbarn bestehende Jury festzusetzen sei. Der zweite war der gerade gegenteiligen Ansicht; man sollte nämlich nach ihm jene Eigenschaften des Leibes und der Seele besteuern, die die Menschen an sich selbst am meisten rühmen; die Quote sollte je nach dem Grade, in dem sie sich auszeichneten, höher oder niedriger sein; und die Entscheidung über den Grad der Auszeichnung sollte völlig ihrer eignen Brust überlassen bleiben. Die höchste Steuer sollte die Männer treffen, die beim andern Geschlecht am meisten in Gunst stehn, und der Steuerbetrag sollte sich richten nach der Zahl und der Art der erlebten Liebesabenteuer; darin sollte man sich ganz auf ihre eignen Angaben verlassen. Witz, Tapferkeit und Bildung sollten gleichfalls hoch besteuert werden; und die Einschätzung sollte ebenso erfolgen: nämlich dadurch, dass ein jeder bei seinem Ehrenwort die Summe anzugeben hat, die er von diesen Dingen besitzt. Ehrenhaftigkeit, Gerechtigkeit, Weisheit und Gelehrsamkeit aber sollten überhaupt nicht besteuert werden, weil sie so merkwürdige Eigenschaften sind, dass kein Mensch es zugeben wird, wenn sein Nachbar sie besitzt, noch auch sie bei sich selber schätzt.

Die Frauen sollten nach ihrer Schönheit und nach ihrer Geschicklichkeit in der Kunst, sich anzuziehn, besteuert werden; sie sollten darin das gleiche Vorrecht geniessen wie der Mann, nämlich sich nach eignem Urteil einzuschätzen. Treue aber, Keuschheit, Verstand und Güte sollten nicht veranlagt werden, weil sie die Kosten der Erhebung des Geldes nicht zu tragen vermöchten.

Um Senatoren an das Interesse der Krone zu fesseln, wurde vorgeschlagen, dass die Mitglieder Ämter auswürfeln sollten; vorher aber sollten sie schwören und Sicherheit stellen, dass sie, ob sie gewinnen oder nicht, für den Hof stimmen wollen; dann steht es den Verlierern ihrerseits frei, bei der nächsten Vakanz wiederum zu würfeln. So werden Hoffnung und Erwartung wachgehalten; niemand kann sich über den Bruch eines Versprechens beklagen, und alle legen ihre Enttäuschung lediglich dem Zufall zur Last, dessen Schultern breiter und kräftiger sind als die irgend eines Ministeriums.

Ein weiterer Professor zeigte mir eine grosse Broschüre mit Anweisungen, wie man Komplotte und Verschwörungen gegen die Regierung entdecken könne. Er riet grossen Staatsmännern an, bei allen verdächtigen Personen nach ihrer Diät zu forschen, ferner nach der Zeit, um die sie essen; nach der Seite, auf der sie beim Schlafen liegen; nach der Hand, mit der sie sich den Hintern wischen, und schliesslich, sich ihre Exkremente genau anzusehn, um sich aus der Farbe, dem Geruch, dem Geschmack, der Konsistenz, der weit oder weniger weit vorgeschrittenen Verdauung ein Urteil über ihre Gedanken und Absichten zu bilden. Denn er hatte durch häufige Experimente herausgefunden, dass die Menschen niemals so ernsthaft, nachdenklich und konzentriert sind, wie wenn sie auf dem Abort sitzen; denn wenn er in dieser Lage auch nur versuchsweise überlegte, welches der beste Weg sei, um einen König zu ermorden, so habe sein Kot eine grüne Tönung gehabt; und sie sei ganz anders gewesen, wenn er nur daran dachte, einen Aufstand anzustiften oder die Hauptstadt in Brand zu stecken .

Die ganze Abhandlung war mit grossem Scharfsinn geschrieben und enthielt viele sowohl wissenswerte wie auch für Politiker nützliche Bemerkungen; doch schien mir, dass sie nicht recht vollständig war. Ich erkühnte mich, dem Verfasser das zu sagen und erbot mich zugleich, wenn es ihm recht sei, ihm ein paar Ergänzungen zu liefern. Er nahm meinen Vorschlag bereitwilliger entgegen, als es sonst bei Schriftstellern gewöhnlich ist, zumal bei denen der pläneschmiedenden Gattung; und er versicherte, er würde weitere Informationen mit Freuden verwenden.

Ich sagte ihm, im Königreiche Tribannia, das die Eingebornen Langden nennen, wo ich mich während meiner Reisen eine Zeitlang aufgehalten hätte, bestände gewissermassen die ganze Masse des Volks aus Entdeckern, Zeugen, Denunzianten, Anklägern, Verfolgern, Beweislieferanten und Schwörern mit ihren verschiedenen untergebenen und subalternen Werkzeugen, die sich alle benähmen und verkleideten als Staatsminister und deren Stellvertreter. Verschwörungen seien in diesem Königreich in der Regel das Werk derer, die ihren eignen Ruf als tiefe Politiker zu erhöhn, einer gebrechlichen Verwaltung neue Kräfte zuzuführen, allgemeine Unzufriedenheit zu ersticken oder abzulenken, ihre Taschen mit konfiszierten Geldern zu füllen und den Staatskredit zu erhöhn oder zu schwächen wünschten, je nachdem das eine oder das andre ihrem privaten Vorteil am meisten entspräche. Zunächst wird unter ihnen verabredet und vereinbart, welche verdächtigen Personen einer Verschwörung bezichtigt werden sollen; dann werden wirksame Massregeln getroffen, um sich all ihrer Briefe und Papiere zu versichern und die Verbrecher in Ketten zu schlagen. Diese Papiere überliefert man einer Gesellschaft von Künstlern, die darin sehr geschickt sind, den geheimnisvollen Sinn von Worten, Silben und Buchstaben herauszufinden. Zum Beispiel können sie entdecken, dass ein Nachtstuhl einen geheimen Rat bedeutet; eine Gänseherde einen Senat, ein lahmer Hund einen einfallenden Feind; einen Stockfischkopf einen . . . ; die Pest ein stehendes Heer; ein Bussard einen ersten Minister; die Gicht einen hohen Geistlichen; der Galgen einen Staatssekretär; ein Nachttopf eine Kommisson des Oberhauses; ein Sieb eine Hofdame; ein Besen die Revolution; eine Mausefalle ein Amt; ein Loch ohne Boden den Staatsschatz; eine Senkgrube den Hof; eine Schellenkappe den Günstling, ein gebrochenes Rohr einen Gerichtshof; ein leeres Fass einen General und eine fliessende Wunde die Regierung.

Wenn diese Methode versagt, haben sie noch zwei weitere, die wirksamer sind und die die Gelehrten unter ihnen Akrostiche und Anagramme nennen. Zunächst können sie alle Initialien so entziffern, dass sie einen politischen Sinn ergeben. So soll N. ein Komplott bedeuten; B. ein Reiterregiment; L. eine Flotte auf See; und zweitens können sie durch die Umstellung der Buchstaben des Alphabetes in jedem verdächtigen Schriftstück die tiefsten Pläne einer missvergnügten Partei entdecken. Wenn ich zum Beispiel in einem Brief an einen Freund schriebe: »Wir stehn voll und treu zu des Obersten besten Kompottkoch Zacharias,« so würde ein geschickter Entzifferer entdecken, dass dieselben Buchstaben, die jenen Satz bilden, sich umstellen lassen zu diesem: »Leiste Widerstand: das berstende Komplott steht kurz vor dem Ausbruch.« Und dies ist die anagrammatische Methode.

Der Professor machte mir grosse Komplimente, als ich ihm diese Beobachtungen mitgeteilt hatte, und er versprach mir, mich in seinem Traktat ehrenvoll zu erwähnen.

Ich sah nichts in diesem Lande, was mich zu längerem Aufenthalt hätte verlocken können; und also begann ich daran zu denken, dass ich nach England heimkehren wollte.

Kapitel VII.

Der Verfasser verlässt Lagado und kommt nach Maldonada. Kein Schiff bereit. Er macht eine kurze Reise nach Glubbdubdrib. Wie er vom Statthalter aufgenommen wird.

Der Kontinent, von dem dieses Königreich einen Teil bildet, erstreckt sich, wie zu glauben ich Grund habe, nach Osten bis zu jenem unbekannten Landstrich Amerikas westlich von Kalifornien und nördlich vom Stillen Ozean, der von Lagado nicht über hundertundfünfzig Meilen entfernt ist. Es liegt an ihm ein guter Hafen, von dem aus viel Verkehr mit der grossen Insel Luggnagg getrieben wird; diese Insel liegt im Nordwesten auf einer nördlichen Breite von etwa 29 Grad und auf einer Länge von 140 Grad. Luggnagg bleibt im Südosten von Japan, von dem es etwa hundert Seemeilen entfernt ist. Zwischen dem Kaiser von Japan und dem König von Luggnagg besteht ein enges Bündnis, das oft Gelegenheit bietet, von einer Insel zur andern zu segeln. Ich beschloss also, meinen Weg in dieser Richtung zu nehmen, um so nach Europa zurückzukehren. Ich mietete mir zwei Maultiere und einen Führer, der mir den Weg zeigen und mein kleines Gepäck tragen sollte. Ich nahm Abschied von meinem vornehmen Gönner, der mir so viel Gunst erwiesen hatte und mir noch bei meinem Aufbruch ein freigebiges Geschenk machte.

Meine Reise verlief ohne jeden Unfall und ohne jedes Abenteuer, das des Erzählens verlohnte. Als ich im Hafen von Maldonada (denn so heisst jene Seestadt) ankam, lag kein Schiff bereit, das nach Luggnagg segeln sollte; und man erwartete auch für die nächste Zeit noch keins. Die Stadt ist etwa so gross wie Portsmouth. Ich schloss bald einige Bekanntschaften und wurde gastfrei aufgenommen. Ein vornehmer Herr sagte mir, da die Schiffe nach Luggnagg vor einem Monat nicht segelfertig sein könnten, so sei es vielleicht für mich keine unangenehme Zerstreuung, wenn ich einen Abstecher auf die kleine Insel Glubbdubdrib machte, die etwa fünf Seemeilen im Südwesten läge. Er erbot sich, mich mit noch einem Freund zu begleiten, und sagte, man werde mich für die Reise mit einer kleinen bequemen Bark versehn.

Glubbdubdrib bedeutet nach der genauesten Deutung des Wortes, die ich finden konnte, die ›Insel der Zauberer‹ oder ›Magier‹. Sie ist etwa ein Drittel so gross wie die Insel Wight und ausserordentlich fruchtbar; regiert wird sie von dem Häuptling eines Stammes, der ganz aus Magiern besteht. Die Angehörigen dieses Stamms heiraten nur untereinander, und der Älteste ist jeweils Fürst oder Regent. Er hat einen edlen Palast und einen Park von etwa dreitausend Morgen, der eingeschlossen wird von einer zwanzig Fuss hohen Mauer aus gehauenem Stein. In diesem Park sind mehrere kleine Gehege für Vieh, Getreidebau und Gärten vorhanden.

Der Regent und seine Familie werden von Dienstboten eines etwas ungewöhnlichen Schlages bedient. Vermöge seiner Geschicklichkeit in der Nekromantik hat er die Macht, wen er will, von den Toten zu berufen und auf vierundzwanzig Stunden, doch nicht länger, zum Dienst zu befehlen; auch kann er die gleiche Person innerhalb von drei Monaten nicht zum zweiten mal berufen, es sei denn aus ganz ausserordentlichem Anlass.

Als wir auf der Insel eintrafen (es war etwa um elf Uhr morgens), ging einer der Herren, die mich begleiteten, zum Regenten und bat um Einlass für einen Fremden, der eigens gekommen sei, um die Ehre zu geniessen, dass er Seiner Hoheit aufwarten dürfe. Die Bitte wurde auf der Stelle gewährt, und wir alle traten durch das Tor des Palastes ein; zu beiden Seiten standen zwei Reihen von Wachen, die auf eine sehr wunderliche Art bewaffnet und gekleidet waren und in ihren Gesichtern irgend etwas hatten, was mir vor einem Grauen, dem ich keinen Ausdruck geben kann, eine Gänsehaut über den Körper schickte. Wir durchschritten mehrere Zimmer, immer zwischen zwei Reihen ähnlicher Diener hin, bis wir die Audienzhalle erreichten, wo man uns nach drei tiefen Verbeugungen und ein paar allgemeinen Fragen erlaubte, uns in der Nähe der untersten Stufe des Throns Seiner Hoheit auf drei Schemel zu setzen. Der Regent verstand die Sprache von Balnibarbi, obwohl sie von der seiner Insel verschieden war. Er bat mich, ihm einen Bericht über meine Reisen zu geben; und um mir zu zeigen, dass ich ohne Förmlichkeiten behandelt werden sollte, entliess er sein ganzes Gefolge durch einen Fingerwink, auf den sie zu meinem grossen Erstaunen im Nu vorschwanden, wie bei plötzlichem Erwachen die Visionen eines Traums verblassen. Ich konnte mich eine Zeitlang kaum erholen, bis mir der Regent versicherte, mir würde nichts Arges widerfahren; und da ich sah, dass meine beiden Gefährten ohne Sorgen waren (denn sie waren oft auf dieselbe Art und Weise bewirtet worden), so begann ich Mut zu fassen und gab Seiner Hoheit einen kurzen Abriss meiner verschiedenen Abenteuer; ich tat es freilich nicht, ohne oft zu zögern und hinter mich zu blicken, dorthin, wo ich jene dienstbaren Gespenster gesehn hatte. Ich hatte die Ehre, mit dem Regenten zu speisen; und bei Tisch trug eine neue Schar von Geistern die Gerichte auf. Ich beobachtete jetzt an mir selber, dass ich weniger beängstigt war als morgens. Ich blieb bis Sonnenuntergang, doch bat ich Seine Hoheit demütigst, mich zu entschuldigen, wenn ich eine Einladung, im Palast zu wohnen, nicht annähme. Meine beiden Freunde und ich schliefen nachts in einem Privathaus der benachbarten Stadt, die die Residenz dieser kleinen Insel ist; und am nächsten Morgen kehrten wir zum Regenten zurück, um ihm, wie er geruht hatte, es uns zu befehlen, unsre Aufwartung zu machen.

In dieser Weise lebten wir zehn Tage lang auf der Insel; den grösseren Teil jedes Tages verbrachten wir bei dem Regenten, die Nacht jedoch in unsrer Wohnung. Ich war bald so sehr an den Anblick der Gespenster gewöhnt, dass sie mich nach dem dritten oder vierten Mal überhaupt nicht mehr erregten; oder wenn ich noch irgend welche Befürchtungen hegte, so siegte meine Neugier über sie. Denn Seine Hoheit, der Regent, befahl mir, namentlich aufzurufen, und zwar in beliebiger Zahl, wen immer ich aus der ganzen Schar der Toten von Anbeginn der Welt an bis auf die Gegenwart zu sehn wünschte, und sie auf jede Frage antworten zu heissen, die ich ihnen zu stellen für gut befinden würde; doch unter der Bedingung, dass meine Fragen sich auf die Zeit beschränken müssten, in der sie gelebt hätten. Und auf eins könnte ich mich verlassen, sagte er, darauf nämlich, dass sie mir sicherlich die Wahrheit sagen würden, denn die Lüge sei ein Talent, das in der Unterwelt nutzlos sei.

Ich sprach Seiner Hoheit für eine so grosse Gunst meinen untertänigsten Dank aus. Wir sassen in einem Gemach, aus dem man einen schönen Ausblick in den Park genoss. Und da meine erste Neigung mich dazu drängte, mich mit Szenen des Glanzes und Prunks unterhalten zu lassen, so wünschte ich Alexander den Grossen im Augenblick nach der Schlacht bei Arbela an der Spitze seines Heeres zu sehn; und auf einen Fingerwink des Regenten entfaltete sich das ganze Schauspiel sofort auf einem grossen Felde unter dem Fenster, in dem wir standen. Alexander wurde ins Zimmer hinausgerufen; nur mit Mühe verstand ich sein Griechisch, und ich selber konnte nur wenig sagen. Er versicherte mir auf sein Ehrenwort, dass er nicht vergiftet worden, sondern infolge übermässigen Trunks an einem Fieber gestorben sei.

Als nächsten sah ich Hannibal auf dem Übergang über die Alpen; er sagte mir, er habe keinen Tropfen Essig in seinem Lager gehabt .

Ich sah auch Cäsar und Pompeius an der Spitze ihrer Truppen, bereit zur Schlacht. Ich sah jenen in seinem letzten grossen Triumph. Ich bat, der römische Senat möge in einem Sitzungssaal vor mir erscheinen, und als Gegenstück in einem andern ein modernes Parlament. Jener schien eine Versammlung von Heroen und Halbgöttern zu sein; dieses eine Bande von Hausierern, Taschendieben, Strassenräubern und Eisenfressern.

Der Regent winkte auf meine Bitte Cäsar und Brutus, zu uns heranzutreten. Mich packte eine tiefe Verehrung bei Brutus' Anblick; und leicht konnte ich in jedem Zuge seines Gesichts die höchste Tugend, die grösste Unerschrockenheit und Seelenfestigkeit, die wahre Liebe zu seinem Lande und ein allgemeines Wohlwollen für die Menschheit erkennen. Ich bemerkte mit grossem Vergnügen, dass diese beiden Persönlichkeiten in trefflichem Einvernehmen mit einander standen; und Cäsar bekannte mir offen, dass die grössten Taten seines Lebens um viele Grade hinter dem Ruhm dessen zurückständen, der ihm dieses Leben genommen habe. Ich hatte die Ehre, mit Brutus ein langes Gespräch zu führen; und ich erfuhr, dass sein Vorfahr Junius, Sokrates, Epaminondas, Cato der jüngere, Sir Thomas More und er beständig beisammen seien: ein Sextumvirat, dem alle Generationen der Welt keinen siebenten hinzuzufügen haben.

Es würde zu weit führen, wenn ich den Leser damit belästigen wollte, ihm aufzuzählen, welche ungeheure Anzahl erlauchter Männer gerufen wurde, um meinen unersättlichen Durst nach dem Anblick der Welt in jeder Periode des Altertums zu stillen. Ich weidete meine Augen hauptsächlich am Anblick derer, die Tyrannen und Usurpatoren ermordet und bedrückten und vergewaltigten Nationen die Freiheit zurückgegeben hatten. Aber es ist unmöglich, die Genugtuung, die ich in meiner Seele empfand, so darzustellen, dass sie für den Leser eine geeignete Unterhaltung ergibt.

Kapitel VIII.

Ein weiterer Bericht über Glubbdubdrib. Eine Verbesserung der alten und modernen Geschichte.

Da es mich auch verlangte, diejenigen Alten zu sehn, die wegen ihres Witzes und ihrer Gelehrsamkeit am berühmtesten waren, so behielt ich mir dafür eigens einen ganzen Tag vor. Ich bat, dass Homer und Aristoteles mir an der Spitze all ihrer Kommentatoren erscheinen möchten; doch waren diese so zahlreich, dass mehrere hundert im Hof und in den äussern Räumen des Palastes zu bleiben gezwungen waren. Ich erkannte und unterschied die beiden Heroen auf den ersten Blick nicht nur von der Menge, sondern auch von einander. Homer war von beiden der Grössere und Stattlichere; er ging für sein Alter sehr aufrecht, und seine Augen waren die schnellsten und durchdringendsten, die ich noch je gesehn hatte. Aristoteles ging sehr gebeugt und stützte sich auf einen Stab. Sein Gesicht war mager, sein Haar schlicht und dünn, und seine Stimme klang hohl. Ich erkannte bald, dass beiden der Rest der Gesellschaft völlig fremd war, und nie zuvor hatten sie von den andern gehört oder sie gesehn. Und ein Geist, der namenlos bleibe, flüsterte mir zu, dass diese Kommentatoren sich stets in den fernsten Winkeln der Unterwelt vor ihren Meistern versteckten, und zwar im Bewusstsein ihrer Schmach und Schuld, weil sie der Nachwelt den Sinn dieser beiden Autoren so grauenhaft entstellt hatten. Ich führte Didymus und Eustathius zu Homer und vermochte ihn dahin, sie besser zu behandeln als sie es vielleicht verdienten; denn er fand bald heraus, dass es ihnen am Genius fehlte, der in den Geist eines Dichters eindringt. Aristoteles aber verlor die Geduld, als ich ihm von Scotus und Ramus berichtete, während ich sie ihm vorstellte; und er fragte sie, ob der Rest des Stamms aus ebenso grossen Dummköpfen bestände, wie sie es wären.

Dann bat ich den Regenten, Descartes und Gassendi zu berufen, die ich überredete, Aristoteles ihre Systeme auseinanderzusetzen. Dieser grosse Philosoph gab seine eignen Irrtümer in der Naturgeschichte offen zu; er sei in vielen Dingen nur auf Grund von Vermutungen vorgegangen, wie es alle Menschen tun müssten; und er fand, dass Gassendi, der Epikurs Lehre so schmackhaft gemacht hatte, wie er nur konnte, und Descartes' ›vortices‹ ebenso veraltet waren. Dasselbe Schicksal weissagte er der ›Anziehungskraft‹, die gerade die Gelehrtesten jetzt so eifrig verfechten . Er sagte, neue Natursysteme seien nur neue Moden, die mit jeder Generation wechselten. Und selbst jene, die da vorgeben, sie bewiesen sie auf Grund mathematischer Prinzipien, würden nur kurze Zeit blühn und altmodisch werden, wenn diese Zeit verstrichen sei.

Ich brachte noch fünf weitere Tage in Gesprächen mit vielen der alten Gelehrten hin. Ich sah die meisten der ersten römischen Kaiser. Ich bat den Regenten, mir die Köche Heliogabals zu berufen, damit sie uns ein Diner bereiteten; aber sie konnten uns aus Mangel an Materialien keine grossen Proben ihrer Kunst geben. Ein Helot des Agesilaus machte uns eine Schüssel voll spartanischer Suppe, aber ich war ausserstande, auch nur einen zweiten Löffel hinunterzuwürgen.

Die beiden Herrn, die mich auf die Insel geführt hatten, mussten wegen ihrer Privatangelegenheiten in drei Tagen nach Hause zurückkehren, und ich benutzte diese Zeit, um ein paar der modernen Toten zu sehn, die vor zwei oder dreihundert Jahren in unserm Lande oder in andern Ländern Europas die grössten Rollen gespielt hatten; und da ich stets ein grosser Bewunderer alter, erlauchter Familien gewesen bin, bat ich den Regenten, mir ein oder zwei Dutzend Könige mit ihren Vorfahren zu berufen, so dass sie acht oder neun Generationen ergäben. Aber ich erfuhr eine schwere und unerwartete Enttäuschung. Denn statt eines langen Zuges mit Königsdiademen sah ich in einem einzigen Hause zwei Fiedler, drei geschniegelte Hofleute und einen italienischen Prälaten. In einem andern einen Barbier, einen Abt und zwei Kardinäle. Ich hege zu viel Ehrfurcht vor gekrönten Häuptern, um länger bei einem so heiklen Gegenstand zu verweilen. Bei den Grafen, Marquis, Herzögen und dergleichen war ich nicht so bedenklich. Und ich gestehe, nicht ohne Vergnügen sah ich, dass ich imstande war, die besondern Züge, durch die gewisse Familien sich auszeichnen, auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Deutlich konnte ich erkennen, woher die eine Familie ihr langes Kinn hat, weshalb eine zweite durch zwei Generationen so viele Halunken aufwies, und durch zwei weitere so viele Narren; weshalb eine dritte aus lauter Verrückten zu bestehn schien, und eine vierte aus lauter Schwindlern. Woher es kam, dass Polydorus Virgilius von einem grossen Hause sagt: Nec vir fortis nec femina casta. Wie Grausamkeit, Falschheit und Feigheit die vorstechenden Züge wurden, durch die sich gewisse Familien ebenso sehr unterscheiden, wie durch ihr Wappen. Wer zuerst die Pocken in ein edles Haus einführte, die sich dann in skrofulösen Geschwüren auf die Nachwelt vererbten. Auch konnte ich mich über all das nicht mehr wundern, als ich sah, wie oft diese Stammbäume unterbrochen waren von Pagen, Lakaien, Kammerdienern, Kutschern, Wüstlingen, Fiedlern, Schauspielern, Hauptleuten und Taschendieben.

Die moderne Geschichte erweckte mir vor allem Abscheu. Denn als ich alle Persönlichkeiten, die während der letzten hundert Jahre am Hof der Fürsten die grössten Namen geführt hatten, bis ins Mark hinein prüfte, da erkannte ich, dass die Welt von feilen Schreibern irre geleitet war, so dass sie Feiglingen die grössten Kriegstaten, Narren die weisesten Ratschläge, Schmeichlern Aufrichtigkeit, Verrätern ihres Landes römische Tugend, Atheisten Frömmigkeit, Sodomitern Keuschheit, Denunzianten Wahrhaftigkeit zuschrieb. Wie viele unschuldige und ausgezeichnete Personen waren durch die Ränke, mit denen grosse Minister auf die Bestechlichkeit der Richter einwirkten, und durch die Tücke der Parteien zum Tode oder zur Verbannung verurteilt worden! Wie viele Schurken waren erhöht worden zu den höchsten Stellungen des Vertrauens, der Macht, der Würde und des Gewinns: Welchen grossen Anteil an den Vorschlägen und Ereignissen an Höfen, in Ratsversammlungen und Senaten konnten Kupplerinnen, Huren, Kuppler, Schmarotzer und Hanswürste für sich in Anspruch nehmen! Eine wie niedrige Meinung bekam ich von menschlicher Weisheit und Unbestechlichkeit, als ich wahrheitsgemäss über die Triebfedern und Motive grosser Unternehmungen und Umwälzungen in der Welt und über die verächtlichen Zufälle, denen sie ihren Erfolg verdankten, aufgeklärt wurde.

Hier erkannte ich die Halunkerei und Unwissenheit derer, die angeblich ›Anekdoten‹ oder geheime Geschichte schreiben: sie schicken so viele Könige mit einem Becher Gifts ins Grab; sie wiederholen die Unterhaltung eines Fürsten mit seinem Minister, der doch kein Zeuge beiwohnte; sie entriegeln die Gedanken und die Geheimschränke der Gesandten und Staatssekretäre und haben ewig das Unglück, sich zu irren. Hier entdeckte ich die wahren Ursachen vieler grosser Ereignisse, die die Welt überraschten: wie eine Hure die Hintertreppe beherrscht, die Hintertreppe einen Staatsrat, und der Staatsrat einen Senat. Ein General gestand in meiner Gegenwart, dass er einmal einzig kraft seiner Feigheit und schlechten Führung einen Sieg gewann; ein Admiral, dass er aus Mangel an richtiger Verständigung den Feind schlug, dem er die Flotte verraten wollte. Drei Könige versicherten mir, dass sie in ihrer ganzen Regierung nicht ein einziges Mal einen verdienstvollen Mann befördert hätten, es sei denn aus Versehn oder infolge der Verräterei irgend eines Ministers, dem sie vertrauten: auch würden sie es niemals tun, wenn sie noch einmal leben sollten. Und sie bewiesen mir mit grosser Schlagkraft ihrer Argumente, dass der Königsthron sich nicht ohne Korruption halten liesse, weil jenes positive, zuversichtliche, widerspenstige Temperament, das die Tugend dem Menschen einflösse, für die öffentlichen Geschäfte ein beständiger Hemmschuh sei.

Ich war neugierig genug, um sehr genau danach zu forschen, auf welche Weise grosse Scharen sich hohe Ehrentitel und ungeheure Besitztümer verschafft hätten, und ich beschränkte meine Untersuchung auf eine sehr moderne Periode; um mich aber nicht an der Gegenwart zu reiben, denn ich wollte sicher gehn, auch bei Ausländern keinen Anstoss zu erregen (ich hoffe, ich brauche nicht erst zu sagen, dass ich mit dem, was ich bei dieser Gelegenheit sage, nicht im geringsten mein eignes Land meine), wurde eine grosse Anzahl beteiligter Personen berufen, und schon nach kurzer Forschung erkannte ich ein solches Schauspiel der Gemeinheit, dass ich nicht ohne Ernst darüber nachdenken kann. Verräterei, Bedrückung, Bestechung, Betrug, Kuppelei und ähnliche Schwächen standen noch unter den entschuldbarsten Kunstgriffen, die sie zu erwähnen hatten; und für diese zeigte ich, wie es nur vernünftig war, die grösste Nachsicht. Als aber einige gestanden, dass sie ihre Grösse und ihren Reichtum widernatürlicher Unzucht und Blutschande verdankten, andre der Prostitution ihrer eignen Weiber und Töchter; wieder andre dem Verrat am eignen Lande oder an ihrem Fürsten; manche dem Gift, manche der Irreleitung der Gerechtigkeit, durch die sie Unschuldige zu Grunde richteten: ich hoffe, man wird mir vergeben, wenn diese Entdeckungen mich geneigt machten, jene tiefe Verehrung ein wenig einzuschränken, die ich Leuten von hohem Stande von Natur aus gern entgegenbringe, da sie von uns, den Niedrigerstehenden, mit der höchsten Achtung behandelt werden sollten, wie sie ihrer erlauchten Würde gebührt.

Ich hatte oft von grossen Diensten gelesen, die Fürsten und Staaten geleistet wurden, und ich wünschte die Personen zu sehn, durch die diese Dienste vollbracht worden waren. Auf meine Frage erfuhr ich, dass ihre Namen mit wenigen Ausnahmen nicht bekannt sind; und jene Ausnahmen hat die Geschichte als die gemeinsten Halunken und Verräter dargestellt. Was den Rest anging, so hatte ich nie von ihnen gehört. Sie alle erschienen mit gesenkten Blicken und in elendester Kleidung, und die meisten sagten mir, sie seien in Armut und Schande gestorben; die andern aber auf dem Schaffot oder am Galgen.

Unter andern sah ich eine Persönlichkeit, deren Fall mir recht sonderbar zu sein schien. Zu seiner Seite stand ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren. Er sagte mir, er sei viele Jahre hindurch Befehlshaber eines Schiffes gewesen, und in der Seeschlacht von Aktium habe er das Glück gehabt, die grosse Schlachtlinie des Feindes zu durchbrechen, drei ihrer grössten Schiffe in den Grund zu bohren und ein viertes zu entern; das sei die einzige Ursache gewesen, weshalb Antonius floh und sie den Sieg gewannen; der Jüngling an seiner Seite, sein einziger Sohn, sei im Gefecht gefallen. Er fügte hinzu, im Bewusstsein einiger Verdienste sei er nach Beendigung des Krieges nach Rom gegangen und habe am Hof des Augustus gebeten, man möge ihn durch die Verleihung eines grössern Schiffes befördern, dessen Befehlshaber gefallen war; aber ohne Rücksicht auf seine Ansprüche sei es einem Jüngling verliehn worden, der das Meer noch nie gesehn hatte; es war der Sohn der Libertina, die eine der Geliebten des Kaisers bediente. Als er auf sein eignes Schiff zurückkehrte, sei er der Vernachlässigung seiner Pflicht angeklagt worden, und das Schiff wurde einem Lieblingspagen Publicolas, des Vize-Admirals, verliehen. Er aber habe sich auf einem ärmlichen Bauernhof in grosser Ferne von Rom zurückgezogen und dort sein Leben beschlossen. Ich war so begierig, mir die Wahrheit dieser Geschichte bestätigen zu lassen, dass ich bat, Agrippa zu berufen, denn der war in jener Schlacht Admiral gewesen. Er erschien und bestätigte mir den ganzen Bericht, doch stellte er den Vorfall noch weit mehr zum Vorteil des Schiffshauptmanns dar, dessen Bescheidenheit einen grossen Teil seiner Verdienste geschmälert oder verschwiegen hatte.

Ich war überrascht, als ich sah, dass die Verderbnis in jenem Kaiserreich so schnell zu solcher Höhe angewachsen war, und zwar kraft der so spät eingeführten Üppigkeit. Ich wunderte mich jetzt weniger über ähnliche Dinge in andern Ländern, wo allerlei Laster schon so viel länger geherrscht hatten und wo stets der Oberbefehlshaber den ganzen Ruhm und den ganzen Raub davontrug, obwohl er vielleicht auf beides den geringsten Anspruch hatte.

Da jede aufgerufene Persönlichkeit genau in der Gestalt erschien, die sie in der Welt getragen hatte, so kamen mir melancholische Gedanken bei der Beobachtung, wie sehr das Menschengeschlecht innerhalb der letzten hundert Jahre unter uns entartet ist. Wie die Pocken mit all ihren Folgen und unter all ihren Namen jeden Zug eines englischen Gesichts entstellt, den Wuchs der Leiber verkürzt, die Sehnen erschlafft, die Muskeln entkräftet, die Farbe der Haut gebleicht und das Fleisch locker und faul gemacht hatten.

Ich liess mich so weit herab, dass ich bat, es möchten ein paar englische Freisassen von altem Schrot und Korn berufen werden, die einst so berühmt waren wegen der Einfachheit ihrer Sitten, ihrer Nahrung und ihrer Kleidung, wegen der Gerechtigkeit, die ihr Handeln auszeichnete, wegen ihres echten Freiheitssinns, wegen ihrer Tapferkeit und ihrer Liebe zum Lande. Und ich konnte nicht ungerührt bleiben, als ich die Lebenden mit den Toten verglichen hatte und erwog, wie all diese reinen nationalen Tugenden von ihren Enkeln um eine Münze prostituiert worden waren: denn sie haben sich durch den Verkauf ihrer Stimmen und ihre Willfährigkeit bei den Wahlen jedes Laster und jede Korruption zu eigen gemacht, die man an einem Hof erlernen kann.

Kapitel IX.

Der Verfasser kehrt nach Maldonada zurück. Er segelt zum Königreich Luggnagg. Der Verfasser wird gefangen gesetzt. Er wird an den Hof geholt. Die Art, wie man ihn einführte. Des Königs grosse Milde gegen seine Untertanen.

Als der Tag unsres Aufbruchs gekommen war, nahm ich Abschied von Seiner Hoheit, dem Regenten von Glubbdubdrib, und kehrte mit meinen beiden Gefährten nach Maldonada zurück; dort lag nach weitern vierzehn Tagen des Wartens ein Schiff segelfertig zum Aufbruch nach Luggnagg bereit. Die beiden Adligen und ein paar andre waren grossherzig genug, mich mit Vorräten zu versehn und an Bord zu bringen. Ich brauchte einen Monat zu dieser Reise. Wir hatten einen einzigen heftigen Sturm zu überstehn und sahen uns gezwungen, westwärts zu steuern, um in den Passatwind zu kommen, der mehr als sechzig Seemeilen weit trägt. Am 21. April 1708 segelten wir in die Flussmündung bei Klumegnig ein; es ist das eine Hafenstadt an der Südostspitze von Luggnagg. Wir warfen eine Seemeile vor der Stadt Anker und gaben das Signal, durch das man einen Lotsen verlangt. Es kamen in weniger als einer halben Stunde ihrer zwei an Bord, die uns zwischen gewissen Sandbänken und Felsen hindurchführten; diese Hindernisse machen die Durchfahrt in ein grosses Becken, wo keine Taulänge von der Stadtmauer entfernt eine ganze Flotte in Sicherheit liegen kann, höchst gefährlich.

Ein paar unsrer Matrosen hatten, einerlei ob aus Verräterei oder Unwissenheit, den Lotsen gesagt, dass ich ein Fremder und ein grosser Seefahrer war; und die meldeten es einem Zollbeamten, der mich bei meiner Landung sehr scharf verhörte. Der Beamte sprach in der Sprache Balnibarbis mit mir, denn infolge des grossen Verkehrs wird sie in jener Stadt allgemein verstanden, vor allem von Seeleuten und solchen, die in den Zollämtern angestellt sind. Ich gab ihm einen kurzen Bericht über ein paar Einzelheiten und machte meine Geschichte so wahrscheinlich und zusammenhängend, wie ich nur konnte; aber ich hielt es für nötig, ihm meine Landesangehörigkeit zu verschweigen und mich für einen Holländer auszugeben, weil ich nach Japan wollte und wusste, dass die Holländer die einzigen Europäer sind, die man in dieses Königreich einlässt. Ich sagte also dem Beamten, ich habe an der Küste von Balnibarbi Schiffbruch gelitten, sei auf einen Felsen geworfen und von Laputa oder der Fliegenden Insel (von der er oft gehört hatte) aufgenommen worden; jetzt suche ich nach Japan zu gelangen, um dort Gelegenheit zur Rückkehr in meine Heimat zu finden. Der Beamte sagte, er müsse mich gefangen setzen, bis er vom Hof Befehle erhielte; er wolle auf der Stelle schreiben und hoffe, in vierzehn Tagen Antwort zu haben. Ich wurde in ein anständiges Haus gebracht, und vor die Tür wurde ein Posten gestellt; ich genoss jedoch das Vorrecht, mich in einem grossen Garten ergehn zu können, und wurde recht menschlich behandelt; ich wurde die ganze Zeit hindurch auf des Königs Kosten unterhalten. Mehrere Personen luden mich auch ein, wenn auch vor allem aus Neugier, denn es verbreitete sich das Gerücht, dass ich aus sehr fernen Ländern käme, von denen sie noch nie gehört hatten.

Ich dang mir einen jungen Mann, der im selben Schiff mit herüber gekommen war, als Dolmetsch; er war in Luggnagg geboren, hatte aber ein paar Jahre in Maldonada gelebt und beherrschte beide Sprachen vollkommen. Mit seiner Hilfe war ich imstande, mit denen, die mich aufsuchten, eine Unterhaltung zu führen; doch bestand sie nur aus Fragen ihrerseits und aus Antworten meinerseits.

Vom Hofe kam etwa um die erwartete Zeit eine Depesche. Sie enthielt den Befehl, mich und mein Gefolge unter einer Bedeckung von zehn Reitern nach Traldragdubb oder Trildrogdrib zu bringen, denn es wird nach genauester Annäherung an den Klang, den ich im Gedächtnis habe, auf beide Arten ausgesprochen. Mein ganzes Gefolge bestand aus jenem armen Burschen, den ich als Dolmetsch benutzte und den ich überredete, in meinen Dienst zu treten; auf meine demütige Bitte erhielten wir beide je ein Maultier zum Reiten. Ein Bote wurde uns um einen halben Tageritt vorausgeschickt, um dem König meinen Namen zu melden und zu bitten, dass Seine Majestät geruhn möchte, Tag und Stunde zu bestimmen, um die es ihm huldvollst gefallen würde, mir die Ehre zu erweisen, dass ich den Staub vor seinem Fussschemel auflecken dürfte. Das ist der Hofstil, und ich musste erleben, dass er mehr ist als blosse Formsache. Denn als ich zwei Tage nach meinem Eintreffen vorgelassen wurde, erhielt ich den Befehl, auf meinem Bauch hereinzukriechen und auf dem Wege den Boden zu lecken; da ich aber ein Fremder war, wurde dafür gesorgt, dass er sehr sauber und also der Staub nicht unangenehm war. Das war jedoch eine besondre Gnade, die nur Persönlichkeiten von höchstem Rang gewährt wird, wenn sie um eine Audienz nachsuchen. Bisweilen wird der Boden sogar eigens mit Staub bestreut, und zwar dann, wenn die Person, die um eine Audienz bittet, bei Hofe mächtige Feinde hat. Und ich habe es selbst erlebt, wie ein grosser Herr den Mund so voll hatte, dass er kein Wort zu sprechen vermochte, als er sich dem Thron kriechend bis auf den gebührenden Abstand genähert hatte. Und dagegen gibt es nicht einmal eine Abhilfe, denn es ist ein Kapitalverbrechen, wenn sich solche, die eine Audienz erhalten, in Gegenwart Seiner Majestät den Mund wischen oder ausspeien. Es gibt auch noch eine zweite Sitte dort, die ich nicht ganz billigen kann. Wenn der König Lust hat, einen seiner Adligen auf eine milde, nachsichtige Weise hinzurichten, so lässt er den Boden mit einem gewissen braunen Pulver bestreuen, das ein tödliches Gift enthält; und wenn er es aufleckt, so tötet es ihn unfehlbar innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Um aber der grossen Milde dieses Fürsten und seiner Sorge für das Leben seiner Untertanen (es wäre sehr zu wünschen, dass die Monarchen Europas ihm darin nachahmten) gerecht zu werden, so muss ich zu seiner Ehre erwähnen, dass strenger Befehl erteilt wird, nach jeder solchen Hinrichtung die vergifteten Teile des Bodens gut zu waschen; wenn seine Dienstboten darin nachlässig sind, so laufen sie Gefahr, sich die königliche Unzufriedenheit zuzuziehn. Ich habe selbst gehört, wie er Anweisung gab, einen seiner Pagen zu peitschen; dieser junge Mensch war an der Reihe gewesen, dafür zu sorgen, dass nach einer Hinrichtung der Boden gewaschen würde; doch hatte er es böswillig unterlassen, so dass ein sehr hoffnungsvoller junger Adliger, der zur Audienz erschien, unglücklicherweise vergiftet wurde, ohne dass damals der König irgendwelche Absichten gegen sein Leben gehabt hätte. Doch war dieser Fürst so gnadenreich, dass er dem jungen Pagen die Schläge erliess, als er versprach, er wolle es ohne besondern Befehl nicht wieder tun.

Um jedoch von dieser Abschweifung zurückzukommen, so erhob ich mich, als ich dem Thron bis auf vier Ellen nahe gekrochen war, langsam auf die Knie, und indem ich siebenmal mit der Stirn auf den Boden schlug, sprach ich die folgenden Worte, wie man sie mich am Abend zuvor gelehrt hatte: »Ickpling gloffthrob squutserumm blhiop mlaschnalt zwin tnodbalkuffh slhiophad gurdlubh ascht.« Das ist das Kompliment, das die Landesgesetze von allen verlangen, die vor den König gelassen werden. Es lässt sich etwa so übersetzen: »Möge Eure Himmlische Majestät die Sonne elf und einen halben Mond überleben.« Der König erwiderte etwas, und obwohl ich es nicht verstand, so erwiderte ich doch, wie man es mich gelehrt hatte: »Fluft drin yalerick dwuldom prastrad mirpusch,« was wörtlich übersetzt bedeutet: »Meine Zunge ist im Munde meines Freundes;« durch welchen Satz ich den Wunsch aussprechen wollte, er möge erlauben, dass mein Dolmetsch geholt würde. Der bereits erwähnte junge Mann wurde also hereingeholt, und durch seine Vermittlung beantwortete ich alle Fragen, die Seine Majestät in mehr als einer Stunde stellen konnte. Ich sprach in Balnibarischer Sprache, und mein Dolmetsch gab, was ich sagte, in der von Luggnagg wieder.

Der König war sehr entzückt von meiner Gesellschaft und befahl seinem ›Bliffmarklub‹ oder Grosskämmerling, mir und meinem Dolmetsch im Hofe Wohnung anzuweisen, und ferner tägliche Rationen für meine Tafel nebst einem grossen Beutel voll Gold für meine laufenden Ausgaben.

Ich blieb in vollkommenem Gehorsam gegen Seine Majestät, dem es viel Vergnügen machte, mir Gunst zu erweisen, und der mir viele ehrenvolle Angebote unterbreitete, drei Monate in diesem Lande. Aber ich hielt es für mehr mit der Klugheit und der Gerechtigkeit vereinbar, den Rest meiner Tage bei meinem Weibe und meiner Familie zu verbringen.

Kapitel X.

Lob der Luggnaggianer. Eine genaue Schilderung der Struldbrugs nebst vielen Unterhaltungen zwischen dem Verfasser und einigen hervorragenden Persönlichkeiten über dieses Thema.

Die Luggnaggianer sind ein höfliches und grossmütiges Volk, und obwohl sie nicht ganz von jenem Stolz frei sind, der allen östlichen Ländern gemeinsam ist, so zeigen sie sich doch höflich gegen Fremde, besonders solche, die vom Hof begünstigt werden. Ich schloss viele Bekanntschaften unter Leuten der besten Stände, und da ich stets von meinem Dolmetsch begleitet wurde, so waren die Gespräche, die wir führten, nicht unangenehm.

Eines Tages wurde ich in sehr guter Gesellschaft von einer Person von Stande gefragt, ob ich schon Angehörige ihrer »Struldbrugs« oder »Unsterblichen« gesehn hätte. Ich verneinte und bat ihn, mir zu erklären, was es bedeutete, wenn einem Sterblichen eine solche Bezeichnung beigelegt würde. Er sagte mir, es begäbe sich von Zeit zu Zeit, wenn auch sehr selten, dass in einer Familie ein Kind mit einem kreisrunden roten Fleck auf der Stirn geboren werde; er liege genau über der linken Augenbraue und sei ein unfehlbares Zeichen, dass es nie sterben würde. Der Fleck war nach seiner Schilderung etwa so gross wie ein silbernes Dreipennystück; doch im Laufe der Zeit wird er grösser und verwandelt auch seine Farbe; denn im zwölften Lebensjahr wird er grün, und so bleibt er bis zum fünfundzwanzigsten, um dann tiefblau zu werden; mit fünfundvierzig wird er kohlschwarz und so gross wie ein englischer Schilling; hinfort aber bleibt er unverändert. Er sagte, solche Geburten seien so selten, dass er glaube, es könne im ganzen Königreich nicht über elfhundert Struldbrugs beiderlei Geschlechts geben; und davon rechnete er etwa fünfzig auf die Hauptstadt, unter ihnen war ein vor etwa drei Jahren geborenes Mädchen. Diese Geburten seien keine Eigentümlichkeit bestimmter Familien, sondern die Wirkung des Zufalls; und die Kinder der Struldbrugs selber seien sterblich wie der Rest des Volks.

Ich gestehe offen, dass mich unsägliches Entzücken erfasste, als ich diesen Bericht hörte; und da jener Mann, der ihn mir gab, zufällig auch die Sprache von Balnibarbi verstand, die ich recht gut sprach, so konnte ich mich nicht enthalten, in vielleicht ein wenig zu überschwängliche Reden auszubrechen. Ich rief wie in Verzückung: »Glückliches Volk, in dem jedes Kind wenigstens die Möglichkeit hat, unsterblich zu werden! Glückliches Land, das sich so vieler lebendiger Beispiele alter Tugend erfreut und Lehrer besitzt, um in der Weisheit aller frühern Zeiten zu unterrichten! Über allen Vergleich am glücklichsten jedoch sind jene ausgezeichneten Struldbrugs selber, die da geboren werden, frei von jenem allgemeinen Unheil der Menschennatur; deren Geist ungebunden und losgelöst ist, ledig der Last und der Fessel des Muts, wie sie die ständige Furcht vor dem Tode zur Folge hat!« Ich gab meinem Erstaunen Ausdruck, dass ich keine dieser erlauchten Personen bei Hofe bemerkt hatte; denn der schwarze Fleck auf der Stirn sei ein so auffälliges Zeichen, dass ich sie nicht leicht übersehn haben könne; es sei unmöglich, dass Seine Majestät, ein so verständiger Fürst, sich nicht von einer ganzen Anzahl solcher weisen und tüchtigen Ratgeber umringen liesse. Doch vielleicht sei auch die Tugend dieser ehrwürdigen Weisen zu streng für die verderbten und frivolen Sitten eines Hofs. Und oft finden wir durch Erfahrung heraus, dass junge Leute zu eigenwillig und zu flatterhaft sind, um sich durch die nüchternen Vorschriften Älterer leiten zu lassen. Da aber der König geruhe, mir Zutritt zu seiner königlichen Person zu gewähren, so sei ich entschlossen, ihm bei der ersten Gelegenheit mit Hilfe meines Dolmetsch in diesem Punkt offen und ausführlich meine Meinung zu sagen; und ob er nun geruhn würde, meinen Rat anzunehmen oder nicht, so stehe doch in einem Punkt mein Entschluss schon fest; Seine Majestät nämlich habe mir oft in seinem Lande eine Versorgung angeboten, und jetzt würde ich diese Gunst mit grossem Dank annehmen, um mein Leben hier im Gespräch mit diesen höhern Wesen, den Struldbrugs, zu verbringen, wenn sie mich unter sich aufzunehmen geruhen sollten.

Der Herr, an den ich meine Rede richtete (denn, wie ich bereits bemerkt habe, sprach er die Sprache von Balnibarbi), erwiderte mit einem bestimmten Lächeln, wie es meist dem Mitleid mit Unwissenden entspringt, er freue sich jeder Gelegenheit, mich im Lande festzuhalten, und er bat mich um Erlaubnis, der Gesellschaft auseinanderzusetzen, was ich gesprochen hätte. Er tat es, und sie sprachen eine Weile unter einander in ihrer eignen Sprache, von der ich keine Silbe verstand; auch konnte ich es ihnen nicht vom Gesicht ablesen, welchen Eindruck meine Worte auf sie machten. Nach einem, kurzen Schweigen sagte mir dieselbe Persönlichkeit, seine Freunde und meine (so fand es es für gut sich auszudrücken) seien sehr erfreut über die verständigen Bemerkungen, die ich über die grossen Vorzüge unsterblichen Lebens und über das Glück, das sich daraus ergeben müsste, gemacht hätte; und sie seien begierig, im einzelnen zu erfahren, welchen Lebensplan ich mir vorgezeichnet hätte, wenn mir das Los zugefallen wäre, als Struldbrug geboren zu sein. Ich erwiderte, es sei leicht, sich beredt über ein so ausgiebiges und reizvolles Thema zu äussern, zumal für mich, der oft dazu geneigt hätte, sich Bilder dessen auszumalen, was er tun würde, wenn er König, General oder ein grosser Herr wäre: und sogar in diesem ganz besondern Fall hatte ich mir oft einen ausführlichen Plan entworfen, wie ich mich beschäftigen und die Zeit hinbringen würde, wenn ich sicher wäre, ewig zu leben.

»Wenn ich also das Glück gehabt hätte, als Struldbrug in die Welt zu kommen, so würde ich, sobald ich mein eignes Glück begreifen könnte, indem ich begriffe, welch ein Unterschied zwischen Leben und Tod besteht, zunächst auf jede Weise und durch jeden Kunstgriff das Problem lösen, mir Reichtümer zu verschaffen. Durch dieses Streben könnte ich wohl erwarten, vermöge von Sparsamkeit und kluger Verwaltung in zweihundert Jahren der reichste Mann im Königreich zu sein. An zweiter Stelle würde ich mich von frühester Jugend an dem Studium der Künste und Wissenschaften widmen, so dass ich mit der Zeit alle andern an Gelehrsamkeit übertreffen müsste. Schliesslich würde ich mir sorgfältig jede bedeutende Tat und jedes wichtige Ereignis aufzeichnen, das der Allgemeinheit widerführe, und unparteiisch die Charaktere der verschiedenen Generationen der Fürsten und grossen Staatsminister schildern, versehn von Punkt zu Punkt mit meinen eignen Anmerkungen. Ich würde mir auch genau die verschiedenen Wandlungen in den Sitten, der Sprache, den Kleidermoden, der Ernährung und der Vergnügungen vermerken. Vermöge all dieser Kenntnisse würde ich zu einem lebendigen Schatz des Wissens und der Weisheit und sicherlich zum Orakel der Nation werden.

Ich würde mich nach meinem sechzigsten Lebensjahr nicht wieder verheiraten, aber ein gastfreies Leben führen, doch immer noch sparend. Ich würde mich damit unterhalten, dass ich den Geist hoffnungsvoller junger Männer formte und lenkte, indem ich sie aus meiner eignen Erinnerung, Erfahrung und Beobachtung heraus, unterstützt von zahlreichen Beispielen, vom Nutzen der Tugend im öffentlichen und privaten Leben überzeugte. Meine auserwählten und beständigen Freunde aber sollten in einer Gesellschaft aus meiner eignen unsterblichen Brüderschaft bestehn, unter denen ich mir ein Dutzend auslesen würde, von den ältesten an bis herab zu meinen eignen Zeitgenossen. Falls es einigen von ihnen an Vermögen fehlen sollte, so würde ich sie rings um meine eignen Besitzungen mit bequemen Häuschen versehn, und einige von ihnen würde ich immer an meiner Tafel haben und nur ein paar der wertvollsten von euch Sterblichen heranziehn; die lange Dauer der Zeit aber würde mich verhärten, so dass ich euch ohne oder doch mit nur geringem Widerstreben verlöre; und eure Nachkommenschaft würde ich in gleicher Weise behandeln; genau wie der Mensch sich freut an der jährlichen Folge der Nelken und der Tulpen im Garten, ohne den Verlust derer zu beklagen, die im vorigen Jahr verwelkten.

Diese Struldbrugs und ich, wir würden uns gegenseitig unsre Beobachtungen und Erinnerungen mitteilen, und im Laufe der Zeit würden wir die verschiedenen Abstufungen erkennen, durch die sich die Korruption in die Welt stiehlt; und wir würden ihr bei jedem Schritt durch dauernde Warnung und durch die Belehrung der Menschheit entgegen treten; und das würde, verstärkt durch den starken Einfluss unsres eignen Beispiels, wahrscheinlich jene beständige Entartung hindern, über die man in allen Zeitaltern mit so viel Recht geklagt hat.

Man nehme noch das Vergnügen hinzu, dass wir den mannigfaltigen Umwälzungen der Staaten und Reiche zusähen, den Verwandlungen in der untern und der obern Welt: wie alte Städte in Trümmer fallen und unbekannte Dörfer zu Königssitzen werden. Berühmte Ströme schwinden zu flachen Bächen zusammen, der Ozean lässt eine Küste trocken liegen und überschwemmt eine andre: viele noch unbekannte Länder werden entdeckt. Die Barbarei überflutet die kultiviertesten Nationen, und die barbarischsten werden zivilisiert. Ich würde die Entdeckung der Länge erleben, die des Perpetuum mobile und des Allheilmittels, und viele andre grosse Erfindungen würden zur Vollkommenheit gebracht.

Welche wunderbaren Entdeckungen würden wir in der Astronomie machen, indem wir unsre eignen Prophezeiungen überlebten und bestätigen könnten, und indem wir den Lauf und die Wiederkehr der Kometen beobachteten, samt dem Wandel in den Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne.«

Ich liess mich noch über viele andre Themen ausführlich aus, die der natürliche Wunsch nie endenden Lebens und irdischen Glücks in mir anregte. Und als ich fertig war und der Inhalt meiner Rede wie zuvor dem Rest der Gesellschaft verdolmetscht wurde, folgte viel Gerede in der Sprache des Landes, und es wurde nicht wenig auf meine Kosten gelacht. Schliesslich aber sagte der Herr, der mein Dolmetsch gewesen war, die andern hätten ihn gebeten, mich in einigen Irrtümern zu berichtigen, denen ich durch die allgemeine Dummheit der Menschennatur verfallen sei und die sie mir unter eben dieser Entschuldigung weniger hart anrechneten. Dieses Geschlecht der Struldbrugs sei ihrem Lande eigentümlich, denn es gebe weder in Balnibarbi noch in Japan, wo er die Ehre gehabt hätte, Gesandter Seiner Majestät zu sein, solche Leute, und die Eingeborenen dieser beiden Königreiche wollten kaum glauben, dass die Tatsache möglich sei; es erhelle auch aus dem Staunen, mit dem ich die erste Erwähnung der Tatsache entgegen genommen habe, dass sie mir etwas ganz Neues sei, was man kaum glauben könne. In den beiden erwähnten Königreichen, in denen er während seines Aufenthalts viel verkehrt habe, habe er stets beobachtet, dass ein langes Leben die allgemeine Sehnsucht und der Wunsch der Menschen sei. Wer schon mit einem Fuss im Grabe stehe, halte sicherlich den andern, so kräftig er könne, zurück. Die ältesten hofften immer, noch einen Tag zu leben, und sie sähen den Tod als das schlimmste Übel an, vor dem zurückzuweichen die Natur sie treibe; nur auf dieser Insel Luggnagg sei die Gier nach dem Leben nicht so gross, weil man das beständige Beispiel der Struldbrugs vor Augen habe.

Der Lebensplan, den ich entworfen habe, sei unvernünftig und unrichtig, weil er die Dauer der Jugend, der Gesundheit und der Kraft voraussetze, die kein Mensch töricht genug sei zu erhoffen, wie ausschweifend seine Wünsche sonst auch sein möchten. Die Frage laute also nicht, ob ein Mensch gern ewig in der Blüte der Jugend stehn möchte, begleitet von äusserm Gedeihn und voller Gesundheit, sondern wie er ein ewiges Leben mit all den Nachteilen leben würde, die das Alter immer mit sich bringt. Denn obwohl wenige Menschen ihren Wunsch nach der Unsterblichkeit unter so harten Bedingungen aufrecht erhalten würden, so beobachtete er doch in den beiden erwähnten Reichen Balnibarbi und Japan, dass jeder Mensch den Tod noch ein wenig länger hinauszuschieben suchte, er komme noch so spät; und selten höre er, dass irgend jemand gern gestorben sei, es sei denn, ihn habe äusserster Gram oder äusserste Qual bedrängt. Und er fragte mich, ob ich nicht in den Ländern, die ich bereist hätte, und auch in meiner eignen Heimat den gleichen allgemeinen Hang beobachtet habe.

Nach dieser Einleitung gab er mir eine genaue Schilderung der Struldbrugs in ihrem Volk. Er sagte, sie verhielten sich bis etwa zu ihrem dreissigsten Jahre gewöhnlich wie Sterbliche; dann aber würden sie allmählich melancholisch und missmutig; und beides nehme zu, bis sie ihr achtzigstes Jahr erreichten. Er habe das aus ihrem eignen Munde erfahren, denn da in jeder Generation nicht mehr als zwei oder drei geboren würden, so seien sie zu wenig zahlreich, um ein allgemeines Urteil über sie zu fällen. Wenn sie achtzig Jahre alt geworden seien, und dieses Alter gelte im Lande sonst als die Grenze des Lebens, so seien sie nicht nur im Besitz all der Narrheiten und Schwächen andrer alter Leute, sondern ihnen eigneten noch viele mehr, die sich aus der grauenhaften Aussicht auf ein ewiges Leben ergäben. Sie seien nicht nur eigensinnig, launenhaft, habgierig, mürrisch, eitel und geschwätzig, sondern auch der Freundschaft unfähig und allen natürlichen Empfindungen erstorben, die sich nie über ihre Enkel hinaus erstreckten. Neid und ohnmächtige Begierden seien ihre herrschenden Leidenschaften. Das Ziel aber, auf das ihr Neid sich meistens richte, seien die Laster der Jüngern und der Tod der Alten. Wenn sie über jene nachdächten, so müssten sie erkennen, dass sie von jeder Möglichkeit des Genusses abgeschnitten seien; und wenn sie ein Begräbnis sehn, so klagen sie und jammern, dass andre in einen Hafen der Ruhe eingehn, den sie selber nie zu erreichen hoffen können. Sie haben keine Erinnerung an irgend etwas ausser an das, was sie in ihrer Jugend und in den mittlern Jahren gelernt und beobachtet haben; und selbst dieses Wissen sei sehr mangelhaft. Wenn man über irgend eine Tatsache die Wahrheit oder von irgend einem Geschehnis Einzelheiten erkunden wolle, so gehe man sicherer, wenn man sich auf die allgemeine Überlieferung verlasse als auf das beste Gedächtnis unter ihnen. Am wenigsten elend seien offenbar noch jene unter ihnen, die völlig kindisch würden und ihr Gedächtnis ganz einbüssten; sie fänden mehr Mitleid und Unterstützung, weil ihnen viele schlechte Eigenschaften fehlten, die andre in Fülle besässen.

Wenn ein Struldbrug etwa ein Wesen seiner eignen Art heirate, so werde die Ehe natürlich durch Vergünstigung gelöst, sobald der Jüngere von beiden achtzig Jahre alt werde. Denn das Gesetz hält es für eine angemessene Erleichterung, dass ein Mann, der ohne eignes Verschulden zu dauerndem Aufenthalt in der Welt verurteilt ist, nicht auch noch infolge der Last eines Weibes doppeltes Elend zu tragen braucht.

Sowie sie das achtzigste Jahr vollendet haben, werden sie gesetzlich als tot angesehn; ihre Erben erhalten sofort ihren Besitz, und nur eine kleine Rente wird für ihren Unterhalt sicher gestellt; die Armen aber werden auf Staatskosten erhalten. Hinfort gelten sie auch als unfähig, noch irgend ein Ehrenamt oder eine besoldete Stellung einzunehmen; sie können kein Land mehr kaufen oder pachten und werden auch in keinem Prozess mehr als Zeugen zugelassen, einerlei, ob es ein Zivil- oder ein Strafprozess ist, und handelte es sich auch nur um die Feststellung von Grenzen und Scheiden.

Mit neunzig Jahren verlieren sie Zähne und Haar; sie haben in diesem Alter auch keine Geschmacksempfindung mehr, sondern essen und trinken, was sie bekommen können, ohne Appetit und Unterscheidung. Die Krankheiten, denen sie unterworfen waren, dauern fort, ohne sich zu steigern noch geringer zu werden. Wenn sie reden, so vergessen sie die gewöhnlichen Namen der Dinge und Personen, selbst derer, die zu ihren engsten Freunden und Verwandten gehören. Aus demselben Grunde können sie nicht mehr zu ihrer Unterhaltung lesen, denn ihr Gedächtnis hilft ihnen nicht mehr vom Anfang eines Satzes bis zu seinem Schluss vorwärts; und dieser Mangel beraubt sie der einzigen Unterhaltung, derer sie sonst noch fähig wären.

Da die Sprache des Landes sich noch in beständigem Fluss befindet; so verstehn die Struldbrugs der einen Generation die der andern nicht mehr, und nach zweihundert Jahren sind sie nicht mehr imstande, sich mit ihren sterblichen Nachbarn zu unterhalten (wenigstens nicht über ein paar allgemeine Worte hinaus); und so lastet der Nachteil auf ihnen, dass sie in ihrem eignen Lande wie Ausländer leben.

Das war der Bericht, den man mir über die Struldbrugs gab, so weit ich mich seiner entsinne. Später sah ich fünf oder sechs von verschiedenem Alter, deren jüngster nicht über zweihundert Jahre alt war; sie wurden mir zu verschiedenen Zeiten von einigen meiner Freunde zugeführt; aber obwohl sie erfuhren, dass ich grosse Reisen gemacht und die ganze Welt gesehn hatte, waren sie nicht im geringsten neugierig und stellten mir keine einzige Frage; sie baten mich nur, ich möchte ihnen »Slumskudask« geben, oder ein Zeichen der Erinnerung; es ist das eine bescheidene Art, zu betteln und das Gesetz, das jede Bettelei streng verbietet, zu umgehn; denn sie werden von der Allgemeinheit erhalten, wenn auch ihr Einkommen sehr kärglich ist.

Sie werden von allen Leuten verachtet und gehasst; wenn einer von ihnen geboren wird, so gilt das als ein schlimmes Zeichen, und es wird über ihre Geburt ein sehr genaues Protokoll aufgenommen. Daher kann man auch ihr Alter erfahren, wenn man die öffentlichen Register nachsieht; doch werden diese Register nicht über tausend Jahre lang aufbewahrt, oder wenigstens sind sie stets durch die Zeit oder durch öffentliche Unruhen vernichtet worden. Am einfachsten freilich kann man ihr Alter berechnen, wenn man sie fragt, welcher Könige oder welcher grossen Persönlichkeiten sie sich entsinnen und dann die Geschichte zu Rate zieht; denn unfehlbar trat der letzte Fürst ihrer Erinnerung seine Regierung nicht später an, als sie achtzig Jahre alt wurden.

Sie boten den demütigendsten Anblick dar, den ich je gesehn hatte, und die Frauen waren noch grauenhafter als die Männer. Abgesehn von den gewöhnlichen Entstellungen des höchsten Alters kam bei ihnen noch eine Geisterhaftigkeit hinzu, die mit der Zahl ihrer Jahre wuchs und die sich nicht schildern lässt. Und unter einem halben Dutzend fand ich bald den ältesten heraus, obwohl sie sich alle vielleicht um nicht mehr als ein oder zwei Jahrhunderte unterschieden.

Der Leser wird es mir leicht glauben, dass mein gieriges Verlangen nach dauerndem Leben durch alles, was ich gesehn und gehört hatte, sehr abgeschwächt wurde. Ich schämte mich von Herzen der heitren Visionen, die ich mir gebildet hatte, und mich dünkte, kein Tyrann könne einen Tod erfinden, in den ich mich nicht freudig vor einem solchen Leben flüchten würde. Der König hörte von allem, was bei dieser Gelegenheit zwischen mir und meinen Freunden vorgefallen war, und er verspottete mich recht lustig und wünschte, ich möchte ein paar Struldbrugs in meine Heimat schicken, um unserm Volk eine Waffe gegen die Furcht vor dem Tode zu geben; doch es scheint, das ist durch die Grundgesetze des Königreichs verboten; sonst hätte ich mir die Mühe und die Kosten des Transports gern gefallen lassen.

Ich konnte nicht umhin, anzuerkennen, dass die Gesetze des Königreichs über die Struldbrugs auf den stärksten Gründen fussten, und dass jedes andre Land gezwungen sein würde, unter den gleichen Umständen auch die gleichen Vorschriften zu erlassen. Sonst würden jene Unsterblichen, da die Habgier die notwendige Folge des Alters ist, mit der Zeit zu Besitzern des ganzen Landes werden und die Regierungsgewalt an sich reissen, was infolge ihres Mangels an Fähigkeiten mit dem Verderben der Allgemeinheit enden müsste.

Kapitel XI.

Der Verfasser verlässt Luggnagg und segelt nach Japan. Von dort kehrt er auf einem holländischen Schiff nach Amsterdam zurück, und von Amsterdam nach England.

Ich dachte mir, dieser Bericht über die Struldbrugs könnte den Leser ein wenig unterhalten, da er vom gewöhnlichen Wege ein wenig abseits zu liegen scheint; wenigstens entsinne ich mich nicht, in irgend einem Reisebuch, das mir in die Hände gefallen ist, dergleichen gefunden zu haben; und wenn ich mich irre, so muss es meine Entschuldigung sein, dass Reisende, die das gleiche Land beschreiben, oft gemeinsam auf den gleichen Einzelheiten verweilen, ohne deshalb den Vorwurf zu verdienen, sie hätten von jenen, die vor ihnen schrieben, entlehnt oder abgeschrieben.

Es besteht in der Tat zwischen diesem Königreich und dem grossen Kaiserreich Japan ein dauernder Verkehr, und es ist also sehr wahrscheinlich, dass die japanischen Autoren auch schon über die Struldbrugs berichtet haben; aber mein Aufenthalt in Japan war so kurz, und mir war ihre Sprache so unbekannt, dass ich nicht in der Lage war, irgend welche Nachforschungen anzustellen. Ich hoffe aber, dass die Holländer nach diesem Fingerzeig neugierig und unterrichtet genug sein werden, um meine Lücken auszufüllen.

Nachdem Seine Majestät mich oft gedrängt hatte, ein Amt an seinem Hofe anzunehmen, erkannte er, dass ich fest entschlossen war, in meine Heimat zurückzukehren, und geruhte, mir seine Erlaubnis zum Aufbruch zu geben; er ehrte mich sogar durch ein empfehlendes Handschreiben an den Kaiser von Japan. Er schenkte mir ferner vierhundertundvierundvierzig grosse Goldstücke (diese Nation liebt die geraden Zahlen) und einen roten Diamanten, den ich in England für elfhundert Pfund verkaufte.

Am 6. Mai 1709 nahm ich feierlich von Seiner Majestät und all meinen Freunden Abschied. Der Fürst war so huldvoll, einer Wache Befehl zu erteilen, dass sie mich bis Glanguenstald geleiten sollte; es ist das ein königlicher Hafen an der Südwestküste der Insel. Nach sechs Tagen war ein Schiff bereit, mich nach Japan zu bringen, und es brauchte fünfzehn Tage für die Überfahrt. Wir landeten in einer kleinen Hafenstadt namens Xamoschi, die an der Südostküste von Japan liegt; die Stadt liegt an der westlichen Spitze, bei der eine enge Strasse nordwärts in einen langen Meeresarm führt, an dessen Nordwestrand die Hauptstadt Yedo steht. Bei der Landung zeigte ich den Zollbeamten den Brief des Königs von Luggnagg an Seine Kaiserliche Majestät. Sie kannten das Siegel genau; es war so breit wie die Fläche meiner Hand. Das Bild des Siegels zeigte einen König, der einen lahmen Bettler vom Boden hebt. Als die Behörden der Stadt von meinem Brief Kunde erhielten, empfingen sie mich wie einen Staatsminister. Sie versahn mich mit Wagen und Dienern und schafften mein Gepäck nach Yedo, wo ich in Audienz empfangen wurde und meinen Brief überreichte; das Schreiben wurde unter grossen Förmlichkeiten geöffnet, und ein Dolmetsch legte es dem Kaiser aus; dann aber meldete mir mein Dolmetsch auf Befehl Seiner Majestät, ich möchte meine Bitte aussprechen, und worin sie auch bestehe, sie werde um seines königlichen Bruders von Luggnagg willen gewährt. Dieser Dolmetsch hatte auch das Amt, die Geschäfte mit den Holländern zu vermitteln; er erriet alsbald an meinen Zügen, dass ich ein Europäer war und wiederholte mir deshalb Seiner Majestät Befehle auf Holländisch, denn diese Sprache sprach er sehr gut. Ich erwiderte (wie ich zuvor beschlossen hatte), ich sei ein holländischer Kaufmann, der in einem sehr fernen Lande Schiffbruch erlitten habe; und von dort sei ich zu Meer und zu Lande nach Luggnagg gereist, um mich von da nach Japan einzuschiffen; ich habe gewusst, dass meine Landsleute mit Japan viel Handel trieben, und also gehofft, hier eine Gelegenheit zur Heimkehr nach Europa zu finden; ich flehte also um die Gunst, dass der König Befehl erteilen möchte, mich sicher nach Nangasaki zu geleiten. Und dieser Bitte fügte ich eine zweite hinzu, dass nämlich Seine Majestät sich um meines Gönners, des Königs von Luggnagg, willen herablassen möchte, mich von der Förmlichkeit, die meine Landsleute zu vollziehen hätten, indem sie das Kruzifix mit Füssen träten, zu entbinden; denn nur mein Unglück habe mich in dieses Königreich geworfen, nicht aber die Absicht, Handel zu treiben. Als dem Kaiser diese zweite Bitte übersetzt wurde, schien er ein wenig überrascht, und sagte, er glaube, ich sei der erste meiner Landsleute, der sich aus diesem Punkt ein Bedenken machte, und er beginne zu zweifeln, ob ich auch wirklich ein Holländer sei; er vermute vielmehr in mir einen Christen. Aus den Gründen jedoch, die ich angeführt hätte, vor allem aber, um dem König von Luggnagg durch ein ungewöhnliches Zeichen seiner Gunst gefällig zu sein, wolle er sich meiner sonderbaren Laune fügen; immerhin müsse die Angelegenheit geschickt behandelt werden, und seine Beamten sollten Befehl erhalten, mich passieren zu lassen, als geschähe es aus Vergesslichkeit. Denn er versicherte mir, wenn meine Landsleute, die Holländer, das Geheimnis entdeckten, so würden sie mir unterwegs den Hals abschneiden. Ich sprach durch den Dolmetsch für eine so ungewöhnliche Gunstbezeigung meinen Dank aus, und da gerade einige Truppen auf dem Wege nach Nangasaki waren, so erhielt der Oberbefehlshaber Anweisung, mich sicher dorthin zu bringen; über die Angelegenheit des Kruzifixes hatte er geheime Instruktionen.

Am 9. Juni kam ich in Nangasaki an, und zwar nach einer sehr langen und mühsamen Reise. Ich geriet bald in die Gesellschaft einiger holländischer Seeleute, die zur Amboyna gehörten, einem stattlichen Schiff von vierhundertfünfzig Tons aus Amsterdam. Ich hatte während meiner Studien zu Leyden lange in Holland gelebt und sprach recht gut Holländisch. Die Seeleute erfuhren bald, woher ich zuletzt gekommen war; sie fragten neugierig nach meinen Reisen und meinem Lebenslauf. Ich gab ihnen eine so kurze und wahrscheinliche Geschichte, wie ich nur konnte, zum besten; doch den grössern Teil verschwieg ich. Ich kannte in Holland viele Leute; ich war imstande, für meine Verwandten, die ich für unbedeutende Leute der Provinz Geldern ausgab, Namen zu erfinden. Ich hätte dem Kapitän (einem Mann namens Theodor Vangrult) für meine Reise nach Holland gegeben, was er verlangt hätte; doch als er hörte, dass ich Arzt war, begnügte er sich mit der Hälfte des gewöhnlichen Preises, wenn ich ihm meine beruflichen Dienste widmen wollte. Ehe wir uns einschifften, fragten mich ein paar Leute der Mannschaft mehrmals, ob ich die obenerwähnte Zeremonie vollzogen hätte. Ich umging die Frage durch die allgemeine Antwort, dass ich den Kaiser und den Hof in allen Punkten befriedigt hätte. Ein tückischer Matrosenschlingel aber ging zu einem Beamten, zeigte mich ihm und sagte, ich hätte das Kruzifix noch nicht mit Füssen getreten; da aber der andre Anweisung hatte, mich passieren zu lassen, so zählte er dem Halunken mit einem Bambusrohr zwanzig Hiebe über die Schultern, worauf ich nicht weiter mit Fragen belästigt wurde.

Während dieser Seefahrt geschah nichts, was der Erwähnung wert wäre. Wir segelten mit günstigem Winde bis zum Kap der guten Hoffnung, wo wir nur halt machten, um frisches Wasser einzunehmen. Am 10. April 1710 kamen wir wohlbehalten in Amsterdam an, nachdem wir unterwegs nur drei Leute durch Krankheit verloren hatten; ein vierter war nicht weit von der Küste von Guinea vom Fockmast ins Meer gefallen. Von Amsterdam aus ging ich bald darauf in einem kleinen Fahrzeug, das in jener Stadt beheimatet war, nach England unter Segel.

Am 16. April liefen wir in die Rhede der Downs ein. Am nächsten Morgen landete ich und sah nach einer Abwesenheit von vollen fünf Jahren und sechs Monaten noch einmal meine Heimat wieder. Ich ging geradenwegs nach Redriff, wo ich gegen zwei Uhr nachmittags ankam und mein Weib und meine Familie bei gutem Befinden antraf.

Der Reisen vierter Teil. Eine Reise ins Land der Houyhnhnms.

Kapitel I.

Der Verfasser bricht als Kapitän eines Schiffes auf. Seine Leute verschwören sich wider ihn und sperren ihn lange Zeit in seiner Kabine ein; sie setzen ihn an einer unbekannten Küste ans Land. Er reist landeinwärts. Schilderung der Yahoos, einer wunderlichen Art Tiere. Der Verfasser begegnet zwei Houyhnhnms.

Ich blieb etwa fünf Monate lang bei meinem Weibe und meinen Kindern zu Hause, und ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn ich hätte lernen können, zu wissen, wann mir wohl war. Ich liess mein armes Weib schwanger zurück und nahm ein günstiges Gebot an, das mich zum Kapitän des Adventurers machte, eines stattlichen Kauffahrers von dreihundertfünfzig Tons. Ich verstand genug von der Seefahrt, und da ich des Amts eines Arztes auf See müde war, obwohl ich es gelegentlich immer noch ausüben konnte, so nahm ich mir für diese Stellung einen geschickten jungen Mann namens Robert Purefoy ins Schiff. Wir gingen am 7. September 1710 von Portsmouth aus unter Segel; am vierzehnten trafen wir bei Teneriffa mit dem Kapitän Pocock aus Bristol zusammen, der in die Bucht von Kampetsche wollte, um Blauholz zu fällen. Am sechzehnten wurde er durch einen Sturm von uns getrennt, und ich habe nach meiner Heimkehr gehört, dass sein Schiff unterging und niemand gerettet wurde, ausser einem Schiffsjungen. Er war ein ehrlicher Mann und ein guter Seefahrer, aber ein wenig zu zuversichtlich in seinen Ansichten; und das war auch die Ursache seines Untergangs, wie es die so vieler andrer war. Wenn er meinem Rat gefolgt wäre, hätte er mittlerweile wie ich selber wieder wohlbehalten bei den Seinen zu Hause sein können.

Mir starben in meinem Schiff mehrere Leute an Seefieber, so dass ich gezwungen war, mir von den Barbados und den Antillen Rekruten zu holen. Ich lief dort gemäss der Anweisung zweier Kaufleute an, in deren Auftrag ich reiste, und ich hatte bald nur zu guten Grund, es zu bereuen: denn ich fand später heraus, dass die meisten meiner neuen Leute Raubjäger gewesen waren. Ich hatte fünfzig Mann an Bord, und mein Auftrag lautete dahin, mit den Indianern an der Südsee Handel zu treiben und soviel Entdeckungen zu machen, wie ich nur konnte. Diese Halunken, die ich aufnahm, demoralisierten mir auch meine andern Leute, und sie zettelten eine Verschwörung an, um das Schiff in ihre Gewalt zu bringen und mich gefangen zu nehmen. Sie taten das eines Morgens, indem sie in meine Kabine gestürzt kamen und mich an Händen und Füssen banden, wobei sie mir drohten, mich über Bord zu werfen, wenn ich Miene machte, mich zu rühren. Ich sagte ihnen, ich sei ihr Gefangener und fügte mich. Darauf nahmen sie mir einen Eid ab und banden mich dann los; nur einen Fuss fesselten sie mit einer Kette an mein Bett; und an meiner Tür stellten sie einen Posten mit geladener Waffe auf, der Befehl hatte, mich niederzuschiessen, wenn ich versuchen sollte, mir meine Freiheit zu verschaffen. Sie schickten mir zu essen und zu trinken herab und nahmen die Leitung des Schiffs in eigne Hände. Es war ihre Absicht, Seeräuber zu werden und die Spanier zu plündern; doch konnten sie das nicht eher tun, als bis sie mehr Hände an Bord hatten. Zunächst aber wollten sie die Ladung des Schiffs verkaufen, um dann nach Madagaskar zu gehn und sich neu zu rekrutieren, da seit meiner Gefangensetzung mehrere von ihnen gestorben waren. Sie segelten viele Wochen hindurch und trieben mit den Indianern Handel; ich aber wusste nicht, welchen Kurs sie fuhren, da ich in meiner Kabine eng gefangen gehalten wurde und nichts andres erwartete, als ermordet zu werden, wie sie es mir oft androhten.

Am 9. Mai 1711 kam ein gewisser Jakob Welch in meine Kabine herab und sagte, er habe Befehl vom Kapitän, mich an Land zu setzen. Ich machte ihm Vorstellungen, doch vergebens; er wollte mir nicht einmal sagen, wer ihr neuer Kapitän wäre. Sie setzten mich mit Gewalt in das Beiboot; doch liessen sie es zu, dass ich mir meine besten Kleider anzog, die so gut wie neu waren; ich durfte auch ein kleines Bündel Wäsche mitnehmen, doch ausser meinem Hirschfänger keinerlei Waffen. Sie waren auch höflich genug, mir nicht die Taschen zu durchsuchen, in die ich alles Geld steckte, das ich besass, zusammen mit ein paar andern notwendigen Kleinigkeiten. Sie ruderten etwa eine Seemeile weit und setzten mich dann auf einem Strande ab. Ich bat sie, mir zu sagen, was für ein Land es wäre. Sie schworen mir alle, sie wüssten nicht mehr als ich, aber sie sagten, der Kapitän (so nannten sie ihn) habe beschlossen, sich meiner, sowie sie die Ladung verkauft hätten, bei erster Gelegenheit, wenn sie Land entdeckten, zu entledigen.

In dieser trostlosen Lage ging ich weiter und trat bald auf festen Boden; ich setzte mich auf eine Düne, um auszuruhn und mir zu überlegen, was ich am besten beginnen sollte. Als ich mich etwas erholt hatte, ging ich ein wenig landeinwärts, entschlossen, mich den ersten Wilden, denen ich begegnen würde, auszuliefern und mein Leben mit ein paar Armbändern, Glasringen und andern Spielereien loszukaufen, wie sie Seefahrer auf solchen Reisen stets bei sich führen und mit denen auch ich versehn war. Das Land war durch lange Baumreihen geteilt, die jedoch nicht regelmässig angepflanzt waren, sondern von Natur wuchsen; es war viel Gras vorhanden, und ich sah ein paar Gerstefelder. Ich ging sehr vorsichtig weiter, denn ich fürchtete mich vor einer Überrumpelung oder einem plötzlichen Pfeilschuss von den Seiten oder von hinten her. Ich kam auf einen ausgetretenen Pfad, wo ich viele Spuren menschlicher Füsse sah, auch einige Spuren von Rindern, am meisten aber von Pferden. Schliesslich erblickte ich auf einem Feld mehrere Tiere, und ein oder zwei derselben Art sassen auch in einem Baum. Ihre Gestalt war sehr merkwürdig und verwachsen, und das benahm mir meine Fassung ein wenig, so dass ich mich hinter einem Dickicht niederlegte, um sie besser beobachten zu können. Ein paar von ihnen kamen bis in die Nähe der Stelle, wo ich lag, und jetzt hatte ich Gelegenheit, ihren Wuchs deutlich zu erkennen. Ihre Köpfe und Brüste waren mit dichtem Haar bedeckt, das bald kraus, bald schlicht war; sie hatten Bärte wie Ziegen, und auf ihrem Rücken und den Vorderseiten ihrer Beine und Füsse liefen lange Haarkämme hinab; der Rest ihrer Leiber aber war nackt, so dass ich ihre Haut sehn konnte, die von brauner Lederfarbe war. Sie hatten keine Schwänze und auch kein Haar am Steiss; nur um den After herum, und das hatte die Natur, so vermute ich, dort vorgesehn, um sie zu schützen, wenn sie sich auf den Boden setzten; denn diese Stellung nahmen sie oft ein; doch legten sie sich auch nieder und erhoben sich häufig auf den Hinterbeinen. Sie erkletterten hohe Bäume nicht minder gewandt als Eichhörnchen, denn sie hatten vorn und hinten langgestreckte Klauen, die in scharfe und krumme Krallen ausliefen. Oft schnellten sie sich vorwärts, und sie hüpften und sprangen mit unglaublicher Beweglichkeit. Die Weibchen waren nicht so gross wie die Männchen; sie hatten langes, schlichtes Haar auf dem Kopf, aber keins im Gesicht; und auch auf dem Rest ihres Leibes hatten sie nur eine Art Flaum, ausgenommen um den After und die Scham. Ihre Brüste hingen ihnen zwischen den Vorderbeinen herab und berührten oft, wenn sie gingen, fast den Boden. Bei beiden Geschlechtern war das Haar von verschiedener Farbe: braun, rot, schwarz und gelb. Im ganzen habe ich auf all meinen Reisen kein so widerliches Tier gesehn, und keins, gegen das ich eine so starke Abneigung empfunden hätte. In dem Gedanken, ich hätte nun genug gesehn, stand ich voller Verachtung und Widerwillen auf und ging auf dem Pfade weiter; denn ich hoffte, er werde mich zur Hütte irgend eines Indianers führen. Noch aber war ich nicht weit gekommen, als ich mich einem dieser Geschöpfe, das geradenwegs auf mich zukam, gegenüber sah. Als das scheussliche Ungeheuer mich erblickte, verzerrte es in verschiedenen Richtungen jeden Zug seines Gesichts und starrte mich an wie etwas, was es nie zuvor gesehn hatte; dann kam es näher und hob die Vorderpfote; ich weiss nicht, ob aus Neugier oder in tückischer Absicht. Ich aber zog meinen Hirschfänger und gab ihm mit der flachen Seite einen kräftigen Schlag; denn mit der Schneide wagte ich nicht zuzuschlagen, weil ich fürchtete, die Einwohner möchten wider mich ergrimmen, wenn sie erführen, dass ich ein Stück ihres Viehs getötet oder verstümmelt hätte. Als nun das Tier den Schmerz spürte, zog es sich zurück und brüllte so laut auf, dass eine Herde von mindestens vierzig solcher Tiere vom nächsten Feld her herbeigelaufen kam und mich heulend und Gesichter schneidend umringte; ich aber lief zu einem Baumstamm, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und hielt sie von mir ab, indem ich den Hirschfänger schwang. Da jedoch mehrere aus dieser verfluchten Brut hinten die Zweige zu fassen bekamen, so sprangen sie in den Baum hinauf, von wo aus sie mir ihre Exkremente auf den Kopf zu entleeren begannen; ich kam noch ziemlich gut davon, da ich mich eng an den Baumstamm drückte, doch der Kot, der von allen Seiten auf mich herabfiel, erstickte mich beinahe.

Mitten in dieser Bedrängnis sah ich plötzlich, wie sie alle, so schnell sie konnten, davonliefen; und als ich Mut fasste und den Baum verliess, um wieder den Weg zu verfolgen, fragte ich mich verwundert, was sie wohl in solchen Schrecken versetzt haben mochte. Doch als ich nach links hin blickte, sah ich ein Pferd, das langsam übers Feld ging; meine Verfolger hatten es früher entdeckt als ich, und so war es die Ursache ihrer Flucht. Das Pferd scheute ein wenig, als es mir nahte; doch bald beruhigte es sich wieder und sah mir unter handgreiflichen Zeichen der Verwunderung voll ins Gesicht; und indem es mich mehrmals umging, sah es sich meine Hände und Füsse an. Ich wollte meinen Pfad verfolgen, aber es stellte sich mir direkt in den Weg, wenn auch mit einem Blick voll eines sehr milden Ausdrucks und ohne die geringste Gewaltsamkeit zu versuchen. Wir blieben eine Weile stehn und starrten einander an; schliesslich erkühnte ich mich, die Hand nach seinem Hals auszustrecken; denn ich wollte es streicheln, und dazu pfeifen, wie es gemeinhin Jockeys tun, wenn sie ein fremdes Pferd anfassen sollen. Dieses Tier aber schien meine Höflichkeit voll Verachtung aufzunehmen, schüttelte den Kopf und schob die Brauen zusammen, indem es langsam den Vorderfuss hob, um meine Hand fortzuschieben. Dann wieherte es drei- oder viermal, doch in so verschiedenem Tonfall, dass ich fast zu glauben begann, es spräche in einer eignen Sprache mit sich selber.

Während das Pferd und ich so beschäftigt waren, kam ein zweites Pferd herbei; es wandte sich sehr förmlich an das erste, sie schlugen die rechten Vorderhufe leicht gegen einander und wieherten mehrmals abwechselnd und in so mannigfaltigen Tönen, dass sie fast artikuliert zu sein schienen. Sie entfernten sich um ein paar Schritte, als wollten sie sich mit einander besprechen, und gingen Seite an Seite hin und her, wie zwei Menschen, die gewichtige Dinge überlegen; und dabei wandten sie mir oft ihre Augen zu, als wollten sie aufpassen, dass ich ihnen nicht entspränge. Ich war erstaunt, ein solches Handeln und Verhalten bei vernunftlosen Tieren zu sehn und zog bei mir selber den Schluss, dass die Einwohner dieses Landes, wenn sie mit einem entsprechenden Grade von Vernunft begabt wären, das weiseste Volk der Erde sein müssten. Dieser Gedanke flösste mir soviel Trost ein, dass ich beschloss, weiterzugehn, bis ich ein Haus oder Dorf entdecken oder einem der Eingeborenen begegnen würde, und die beiden Pferde stehn zu lassen, damit sie so viel mit einander redeten, wie sie wollten. Doch das erste Pferd, ein Apfelschimmel, sah, wie ich mich davonstahl und wieherte mir in so ausdrucksvollem Ton nach, dass mir war, als verstände ich, was es sagen wollte; ich wandte mich um und näherte mich ihm, um seine weitern Befehle abzuwarten: doch verbarg ich meine Furcht, so gut ich konnte, denn ich begann in einigen Nöten zu schweben, wie dieses Abenteuer ausgehn mochte; und der Leser wird mir gern glauben, dass mir meine gegenwärtige Lage nicht besonders gefiel.

Die beiden Pferde kamen dicht zu mir heran und blickten mir mit grossem Ernst ins Gesicht und auf die Hände. Der Apfelschimmel rieb mit seinem rechten Vorderhuf kräftig auf meinem Hut herum und brachte ihn so in Unordnung, dass ich ihn zurecht zu rücken gezwungen war, indem ich ihn abnahm und wieder aufsetzte; das schien sowohl ihn wie seinen Gefährten (es war ein Brauner) in höchstes Staunen zu versetzen; der Braune betastete den Schoss meines Rocks, und als er fand, dass er lose an mir herabhing, blickten beide ihn mit neuen Zeichen der Verwunderung an. Er streichelte mir die rechte Hand, deren Weichheit und Farbe er zu bewundern schien; aber er drückte sie so stark zwischen seinem Huf und seiner Fessel, dass ich aufbrüllen musste, und hinfort berührten sie mich beide mit jeder nur möglichen Zartheit. Sehr viel machten ihnen meine Schuhe und Strümpfe zu schaffen, die sie sehr oft befühlten, während sie einander zuwieherten und allerlei Gesten machten, denen eines Philosophen, der den Versuch macht, ein neues und schwieriges Problem zu lösen, nicht unähnlich.

Im ganzen war das Benehmen dieser Tiere so ruhig und vernünftig, so scharfsinnig und verständig, dass ich schliesslich den Schluss zog, es müssten Magier sein, die sich in irgend einer Absicht so verwandelt hätten; da sie dann einen Fremden auf dem Wege sahen, hätten sie beschlossen, sich einen Scherz mit ihm zu machen; oder vielleicht waren sie auch wirklich erstaunt über den Anblick eines Menschen, der sich in Kleidung, Gesichtszügen und Hautfarbe so sehr von jenen unterschied, die vermutlich in diesem entlegenen Lande lebten. Kraft dieses Gedankengangs unternahm ich es, sie folgendermassen anzureden: »Meine Herrn, wenn Sie Beschwörer sind, wie ich anzunehmen gute Gründe habe, so können Sie jede Sprache verstehn; ich bin also so frei, Euer Gnaden kund zu tun, dass ich ein armer, bedrängter Engländer bin, den sein Unglück an Ihre Küste geworfen hat, und ich flehe einen von Ihnen an, dass er mich auf den Rücken nehme, als wäre er ein wirkliches Pferd, und mich in irgend ein Haus oder Dorf bringe, wo man mir helfen kann. Für diese Gunstbezeigung will ich Ihnen dieses Messer und dieses Armband zum Geschenk machen« (und ich nahm beides aus der Tasche). Die beiden Geschöpfe standen schweigend da, während ich sprach, und sie schienen mit grosser Aufmerksamkeit zu lauschen; und als ich geendet hatte, wieherten sie einander mehrmals zu, als wären sie in ernstlicher Unterhaltung begriffen. Ich konnte deutlich beobachten, dass ihre Sprache die Leidenschaften sehr gut ausdrückte, und die Worte hätten sich leichter als das Chinesische mit wenig Mühe in ein Alphabet auflösen lassen.

Oft konnte ich das Wort Yahoo unterscheiden, das beide mehrmals wiederholten. Und obgleich ich unmöglich vermuten konnte, was es bedeutete, so bemühte ich mich doch schon, während die beiden Pferde sich unterhielten, das Wort mit meiner Zunge zu formen; und als sie verstummten, sprach ich kühn mit lauter Stimme »Yahoo«, wobei ich zugleich, so gut ich konnte, das Wiehern eines Pferdes nachahmte; darüber waren sie beide sichtlich verwundert, und der Grauschimmel wiederholte das Wort zweimal, als wollte er mich den rechten Tonfall lehren; ich sprach es ihm nach, so gut es ging, und entdeckte, dass ich es jedesmal merklich besser machte, wenn ich auch von der Vollkommenheit noch weit entfernt blieb. Dann versuchte der Braune es mit einem zweiten Wort, das viel schwerer auszusprechen war; doch wenn ich es der englischen Schreibweise anpasse, lässt es sich etwa so buchstabieren; »Houyhnhnm« . Dieses Wort gelang mir nicht so gut wie das erste, doch nach zwei oder drei Versuchen hatte ich schon mehr Glück; und beide schienen über meine Fassungsgabe erstaunt.

Nach einigen weitern Reden, die sich, wie ich damals vermutete, auf mich bezogen, nahmen die beiden Freunde Abschied von einander, und der Graue winkte mir, vor ihm her zu gehn; ich hielt es für geraten, mich ihm darin zu fügen, bis ich einen bessern Wegweiser fände. So oft ich Miene machte, meinen Schritt zu verlangsamen, rief er: »Hhuun! Hhuun!« Ich erriet, was er meinte und gab ihm, so gut ich vermochte, zu verstehn, dass ich müde und nicht imstande sei, schneller zu gehn; dann blieb er eine Weile stehn, damit ich mich ausruhn konnte.

Kapitel II.

Der Verfasser wird von einem Houyhnhnm in sein Haus geführt. Schilderung des Hauses. Empfang des Verfassers. Die Nahrung der Houyhnhnms. Der Verfasser aus Nahrungsmangel in Not; er erhält schliesslich Rettung. Wie er sich in diesem Lande ernährte.

Als wir etwa drei Meilen weit dahin gezogen waren, kamen wir zu einer Art langen Gebäudes, das aus in den Boden gerammtem und durch Flechtwerk verbundenem Holz bestand; das Dach war niedrig und mit Stroh gedeckt. Mir wurde ein wenig tröstlicher zu Mut, und ich nahm einige Kleinigkeiten zur Hand, wie Reisende sie meist bei sich führen, um sie den wilden Indianern in Amerika und sonstwo zum Geschenk zu machen; ich hoffte, die Leute des Hauses damit zu ermutigen, dass sie mich freundlich aufnähmen. Das Pferd gab mir einen Wink, als erster einzutreten; es war ein grosser Raum mit einem glatten Lehmboden; und in ganzer Länge liefen an der einen Wand eine Krippe und eine Raufe entlang. Es waren drei Klepper und zwei Stuten anwesend, die nicht frassen, sich aber wohl zum Teil auf ihre Schenkel setzten, worüber ich mich sehr wunderte; mehr aber wunderte ich mich noch, als ich den Rest mit häuslichen Arbeiten beschäftigt sah. Sie schienen nichts als ein Vieh zu sein; aber das bestätigte nur meine ursprüngliche Ansicht, dass ein Volk, wenn es vernunftlose Tiere so weit zivilisieren konnte, notwendig alle Nationen der Welt an Weisheit überragen müsste. Der Graue kam gleich hinter mir und verhinderte so jede Misshandlung, die die andern mir vielleicht hätten angedeihn lassen. Er wieherte ihnen mehrmals in befehlendem Tonfall zu und erhielt auch Antwort.

Hinter diesem Raum waren noch drei weitere vorhanden, die die ganze Länge des Hauses ausfüllten; man kam durch Türen hinein, die einander gegenüber lagen, sodass sie eine Flucht ergaben; wir gingen durch den zweiten Raum zum dritten; hier trat der Grauschimmel als erster ein, indem er mir winkte, zu warten. Ich harrte im zweiten Raum und hielt meine Geschenke für den Herrn und die Herrin des Hauses bereit: es waren zwei Messer, drei Armbänder aus falschen Perlen, ein kleiner Spiegel und ein Halsband aus Glasperlen. Das Pferd wieherte drei- oder viermal, und ich erwartete, eine Antwort in menschlicher Stimme zu hören; doch ich vernahm nur Entgegnungen in gleicher Sprache, wenn auch die eine oder andre Stimme ein wenig schriller war als seine. Ich begann zu glauben, dass das Haus irgend einer sehr angesehnen Persönlichkeit gehören müsste, weil so viel Förmlichkeiten zu erledigen waren, ehe ich Einlass finden konnte. Dass aber ein Mann von Stande sich von lauter Pferden bedienen liess, ging über meinen Verstand. Ich fürchtete schon, mein Gehirn habe durch meine Leiden und mein Unglück eine Störung erfahren; ich raffte mich auf und sah mich um in dem Raum, in dem ich allein geblieben war; er war eingerichtet wie der erste, nur besser. Ich rieb mir oft die Augen, aber immer sah ich dieselben Gegenstände. Ich kniff mich in die Arme und in die Seiten, um mich zu wecken, denn ich hoffte, ich möchte nur träumen. Dann kam ich zu dem untrüglichen Schluss, dass all dies nur Negromantik und Magik sein könnte. Aber ich hatte keine Zeit, solchen Erwägungen nachzuhängen, denn der Apfelschimmel trat wieder in die Tür und winkte mir, ihm in den dritten Raum zu folgen, wo ich eine sehr stattliche Stute mit einem Hengstfüllen und einem Stutenfüllen sah, die auf nicht kunstlos gemachten und vollkommen saubern und frischen Strohmatten auf ihren Hüften sassen.

Die Stute stand gleich nach meinem Eintritt auf, trat dicht zu mir und warf mir, nachdem sie meine Hände und mein Gesicht genau besehn hatte, einen höchst verächtlichen Blick zu; dann wandte sie sich zu dem Pferd, und ich hörte nun oft das Wort Yahoo wiederholen. Den Sinn dieses Wortes konnte ich damals noch nicht verstehn, obgleich es das erste gewesen war, das ich aussprechen lernte; bald aber wurde ich zu meiner ewigen Demütigung besser unterrichtet; denn das Pferd winkte mir mit dem Kopf, wiederholte wie auf dem Pfad das Wort: »Hhuun! Hhuun!« das ich als den Befehl, es zu begleiten, verstand, und führte mich in eine Art Hof hinaus, an dem in einiger Entfernung vom Hause ein weiteres Gebäude stand. Dort traten wir ein, und ich sah drei jener abscheulichen Geschöpfe, denen ich zuerst nach meiner Landung begegnet war; sie frassen Wurzeln und das Fleisch irgend welcher Tiere; wie ich später erkannte, waren es meist Esel und Hunde und gelegentlich auch eine Kuh, die infolge eines Unfalls oder einer Krankheit gestorben war. Sie waren alle um den Hals mit starken Weidenruten gefesselt und an einem Balken gebunden; ihr Futter hielten sie zwischen den Klauen ihrer Vorderfüsse, und sie rissen es mit den Zähnen ab.

Das Pferd, das den Herrn spielte, befahl einem Fuchsklepper, der einer seiner Diener war, das grösste dieser Tiere loszubinden und in den Hof zu führen. Die Bestie und ich wurden dicht neben einander gestellt, und dann verglichen Herr und Diener sorgfältig unsre Gesichtszüge, um schliesslich mehrmals das Wort Yahoo zu wiederholen. Es lässt sich nicht schildern, mit welchem Grauen und Erstaunen ich in diesem scheusslichen Tier eine vollkommen menschliche Gestalt erkannte: das Gesicht freilich war platt und breit, die Nase eingedrückt, die Lippen lang und der Mund breit. Aber diese Unterschiede sind allen wilden Nationen gemeinsam, bei denen die Gesichtszüge dadurch entstellt sind, dass die Eingeborenen ihre Kinder auf der Erde kriechen lassen oder sie auf dem Rücken tragen, so dass sie ihr Gesicht gegen die Schultern der Mutter drücken. Die Vorderfüsse des Yahoo unterschieden sich von meinen Händen in nichts anderm als durch die Länge der Nägel, die Rauhheit und Bräune der Handfläche und den behaarten Rücken. Zwischen unsern Füssen bestand die gleiche Ähnlichkeit mit den gleichen Unterschieden; ich wusste das sehr wohl, die Pferde aber nicht, und zwar, weil ich Schuhe und Strümpfe trug; und ebenso war es mit allen andern Teilen unsres Körpers, die sich nur durch die schon geschilderte Behaarung und Farbe unterschieden.

Die grosse Schwierigkeit, die den beiden Pferden offenbar viel zu schaffen machte, bestand darin, dass ihnen der Rest meines Körpers von dem eines Yahoo so sehr verschieden schien; dafür hatte ich meinen Kleidern zu danken, von denen sie keine Vorstellung hatten. Der Fuchsklepper bot mir eine Wurzel, die er nach Art dieser Wesen, wie sie an ihrer Stelle geschildert werden wird, zwischen Huf und Fessel hielt; ich nahm sie in die Hand, und nachdem ich sie berochen hatte, gab ich sie ihm so höflich wie ich konnte zurück. Er holte mir aus dem Stall des Yahoos ein Stück Eselsfleisch; aber es roch so widerlich, dass ich mich voll Ekel abwandte: dann warf er es dem Yahoo zu, der es gierig verschlang. Später zeigte er mir eine Schwade Heu und eine Köthe voll Hafer; doch ich schüttelte den Kopf, um ihm anzudeuten, dass beides keine Nahrung für mich sei. Und wirklich begann ich zu fürchten, dass ich würde Hungers sterben müssen, wenn ich nicht Wesen meiner Art erreichte; denn was diese schmutzigen Yahoos anging, so muss ich gestehn, obgleich es wenig grössere Menschenfreunde geben kann, als ich es damals noch war, so hatte ich doch noch nie ein empfindungsfähiges Wesen gesehn, das in jeder Hinsicht so verabscheuenswürdig gewesen wäre; und je öfter ich ihnen nahe kam, um so verhasster wurden sie mir, während ich mich in jenem Lande aufhielt. Das erkannte das Pferd, das den Herrn spielte, an meinem Verhalten, und deshalb schickte es den Yahoo in seinen Stall zurück. Dann legte es den Vorderhuf an den Mund, was mich, obwohl er es mit Leichtigkeit tat, und seine Bewegung völlig natürlich schien, sehr überraschte; und er fragte mich auch noch durch weitere Zeichen, was ich essen wollte; ich aber konnte ihm keine Antwort geben, die er zu verstehn imstande gewesen wäre; und hätte er mich auch verstanden, so sehe ich doch nicht, wie es hätte möglich sein sollen, etwas zu ersinnen, wie ich mir Nahrung verschaffen konnte. Während wir so beschäftigt waren, sah ich eine Kuh vorüber gehn, und alsbald zeigte ich auf sie und gab dem Wunsch Ausdruck, er möchte mich gehn lassen, um sie zu melken. Das hatte seine Wirkung; denn er führte mich ins Haus zurück und befahl einer Dienststute, einen Raum zu öffnen, wo sehr ordentlich und sauber in irdenen und hölzernen Gefässen ein guter Milchvorrat aufgespeichert war. Sie gab mir eine grosse Schale, aus der ich herzhaft trank; worauf ich mich sehr erfrischt fühlte.

Gegen Mittag sah ich eine Art Fuhrwerk auf das Haus zukommen, das wie ein Schlitten von vier Yahoos gezogen wurde. Darauf sass ein alter Hengst, der ein vornehmes Wesen zu sein schien; er stieg mit den Hinterfüssen zuerst aus, denn er hatte sich infolge eines Unfalls den linken Vorderfuss verletzt. Er kam, um mit unserm Pferd zu speisen, und das empfing ihn mit grosser Höflichkeit. Sie speisten im besten Raum und erhielten als zweiten Gang in Milch gekochten Hafer, den das alte Pferd warm ass, die andern aber kalt. Ihre Krippen wurden kreisförmig mitten in den Raum gestellt und in mehrere Kammern abgeteilt; sie setzten sich mit den Hüften auf Strohkissen rings umher. In der Mitte befand sich eine grosse Raufe, die den Kammern der Krippe entsprechend in Winkelsektoren geteilt war, so dass jeder Hengst und jede Stute ihr eignes Heu und ihren eignen Brei aus Milch und Hafer ass, was sie mit viel Anstand und in grosser Ordnung taten. Das Benehmen der beiden Füllen schien mir sehr bescheiden zu sein, während Herr und Herrin sich dem Gast gegenüber ausserordentlich heiter und angenehm zeigten. Der Apfelschimmel befahl mir, neben ihm stehn zu bleiben, und zwischen ihm und seinem Freund war viel von mir die Rede, wie ich daran erkannte, dass der Fremde mich oft ansah und dass häufig das Wort Yahoo fiel.

Ich hatte zufällig meine Handschuhe angezogen, und als der Hausherr das bemerkte, schien er ganz ratlos und fragte erstaunt durch Zeichen, was ich mit meinen Vorderfüssen angefangen hätte; drei- oder viermal berührte er sie mit seinem Huf, als wollte er mir bedeuten, dass ich sie wieder in ihre frühere Form bringen sollte, was ich alsbald tat, indem ich meine beiden Handschuhe auszog und in die Tasche steckte. Das hatte weitere Unterhaltungen zur Folge, und ich sah, dass der Gesellschaft mein Benehmen gefiel; und bald konnte ich die guten Wirkungen erkennen. Man befahl mir, die wenigen Worte zu sprechen, die ich schon kannte, und während der Tafel lehrte mich der Hausherr die Namen für Hafer, Feuer, Wasser und einige andre Dinge, die ich ihm bald nachsprechen konnte, da ich von Jugend auf für das Erlernen von Sprachen sehr begabt gewesen war.

Als die Tafel vorüber war, nahm der Hausherr mich beiseite und gab mir durch Zeichen und Worte zu verstehn, dass er in grosser Sorge war, weil ich nichts zu essen gehabt hatte. Hafer heisst in ihrer Sprache »Hlunnh«. Dieses Wort sprach ich zwei- oder dreimal aus; denn obwohl ich den Hafer zuerst zurückgewiesen hatte, so überlegte ich es mir doch und sagte mir, dass ich vielleicht Mittel und Wege finden könnte, um mir eine Art Brot zu machen, das mit Milch zusammen ausreichen würde, um mich am Leben zu erhalten, bis ich in irgend ein andres Land und zu Geschöpfen meiner eignen Art entschlüpfen könnte. Der Hengst befahl sofort einer weissen Dienststute seines Hauses, mir in einer Art hölzernen Trogs eine genügende Menge Hafer zu bringen. Ich erhitzte ihn, so gut ich vermochte, vor dem Feuer und rieb ihn, bis die Hülsen abfielen, die ich mit vieler Mühe von den Körnern sichtete; die Körner mahlte und zerschlug ich zwischen zwei Steinen, nahm Wasser und rührte sie zu einem Brei oder einem Teig, den ich am Feuer röstete und warm mit Milch ass. Zunächst erschien es mir als eine sehr fade Kost, obgleich sie in vielen Teilen Europas ziemlich verbreitet ist; aber mit der Zeit wurde sie mir erträglich; und da ich in meinem Leben oft mit schmaler Küche hatte vorlieb nehmen müssen, so war dies nicht das erste Mal, dass ich erprobte, mit wie wenig die Natur sich zufriedenstellen lässt. Und ich kann nicht umhin, zu bemerken, dass ich während meines Aufenthalts auf dieser Insel nie auch nur eine Stunde lang krank war. Freilich fing ich mir auch bisweilen mit vieler Mühe ein Kaninchen oder einen Vogel, und zwar in Schlingen aus Yahoohaar, und oft sammelte ich heilkräftige Kräuter, die ich mir kochte und als Salat zu meinem Brot ass, und hin und wieder machte ich mir als eine Seltenheit ein wenig Butter und trank die Molken. Zuerst machte mir der Mangel an Salz viel zu schaffen; aber die Gewohnheit versöhnte mich bald damit. Ich bin überzeugt, dass der häufige Gebrauch des Salzes bei uns eine Wirkung der Ueppigkeit ist und zuerst nur als Reizmittel eingeführt wurde, um Durst zu wecken, es sei denn, wo es notwendig ist, um für lange Reisen oder an Orten, die von grossen Märkten fernab liegen, Fleisch zu konservieren. Denn wir können beobachten, dass es ausser vom Menschen von keinem Tier geliebt wird; und ich selbst konnte seinen Geschmack noch lange, nachdem ich dieses Land verlassen hatte, in nichts, was ich ass, vertragen.

Soviel genügt über das Thema meiner Kost, mit dem andre Reisende ihre Bücher füllen, als ob es die Leser persönlich etwas anginge, ob wir gut oder schlecht zu essen hatten. Immerhin war es nötig, die Frage zu erwähnen, damit nicht die Welt es für unmöglich hielte, dass ich in einem solchen Lande und unter solchen Eingeborenen drei Jahre lang Unterhalt fand.

Als der Abend nahte, wies mir der Hausherr eine Wohnstätte an; sie lag nur sechs Ellen vom Hause und war getrennt vom Stall der Yahoos. Ich erhielt ein wenig Stroh, deckte mich mit meinen eignen Kleidern zu und schlief sehr gut. Binnen kurzem aber wurde ich besser untergebracht, wie es der Leser später erfahren wird, wenn ich ausführlicher von meiner Lebensweise handle.

Kapitel III.

Der Verfasser bemüht sich, die Sprache zu lernen; sein Herr hilft dabei, ihn zu unterrichten. Schilderung der Sprache. Mehrere Houyhnhnms von Stande kommen aus Neugier, um sich den Verfasser anzusehn. Er erstattet seinem Herrn kurz Bericht über seine Reise.

Es war mein Hauptbestreben, zunächst die Sprache zu lernen, und darin wünschten mein Herr (denn so werde ich ihn hinfort nennen) und seine Kinder und alle Diener seines Hauses mich zu unterrichten. Denn sie sahen es als ein Wunder an, dass ein vernunftloses Tier soviel von einem vernünftigen Geschöpf haben konnte. Ich zeigte auf alle Gegenstände und fragte nach ihren Namen, die ich mir, wenn ich allein war, in meinem Tagebuch aufschrieb; meine schlechte Aussprache verbesserte ich, indem ich die Mitglieder bat, sie mir oft vorzusprechen. In dieser Beschäftigung zeigte sich ein Fuchsklepper, einer der geringern Diener, sehr zur Hilfe bereit.

Sie sprachen beim Reden durch die Nase und die Kehle, und von allen europäischen Sprachen, die ich kenne, nähert sich die ihre am meisten dem Deutschen an; doch ist sie anmutiger und bezeichnender. Der Kaiser Karl V. machte fast die gleiche Bemerkung, als er sagte, wenn er mit seinem Pferd zu reden hätte, würde er Deutsch sprechen .

Bei meinem Herrn waren Neugier und Ungeduld so gross, dass er viele seiner Mussestunden damit hinbrachte, mich zu unterrichten. Er war überzeugt (wie er mir später sagte), dass ich ein Yahoo sein müsste, aber meine Gelehrigkeit, Höflichkeit und Sauberkeit erstaunten ihn; denn das waren Eigenschaften, die jenen Tieren geradezu widersprachen. Völlig ratlos war er in betreff meiner Kleider, und bisweilen überlegte er sich bei sich selber, ob sie ein Teil meines Körpers seien: denn ich zog sie niemals aus, bevor nicht die ganze Familie schlafen gegangen war, und ehe sie am Morgen erwachten, zog ich sie wieder an. Mein Herr war begierig darauf, zu erfahren, woher ich käme und wie ich mir jenen Schein von Vernunft erworben hätte, den ich in all meinen Handlungen verriet; und er wollte meine Geschichte aus meinem eignen Munde erfahren, was er bei den grossen Fortschritten in der Erlernung und Aussprache ihrer Worte und Sätze, die ich machte, bald zu tun hoffen konnte. Um mein Gedächtnis zu unterstützen, setzte ich alles, was ich lernte, mit Hilfe des englischen Alphabetes um und schrieb mir die Worte mit ihren Uebersetzungen nieder. Nach einiger Zeit wagte ich das sogar in Gegenwart meines Herrn zu tun. Es kostete mich viel Mühe, ihm klar zu machen, was ich täte; denn die Eingeborenen haben nicht die geringste Vorstellung von Büchern oder von einer Literatur.

In etwa zehn Wochen war ich imstande, die meisten seiner Fragen zu verstehn, und in drei Monaten konnte ich ihm ein paar erträgliche Antworten geben. Er war äusserst neugierig, aus welchem Teil des Landes ich käme und wie ich gelernt hätte, ein vernünftiges Wesen nachzuahmen, denn die Yahoos (denen ich, wie er sah, an Kopf, Händen und Gesicht, den einzigen sichtbaren Teilen, aufs genaueste glich) waren trotz ihrer scheinbaren Schlauheit und dem stärksten Hang zum Unheilstiften als die ungelehrigsten aller Bestien bekannt. Ich antwortete ihm, ich sei mit vielen andern meiner eignen Art aus einem fernen Lande übers Meer gekommen, und zwar in einem grossen, hohlen Fahrzeug, das aus Baumstämmen gemacht werde. Meine Gefährten hätten mich gezwungen, an dieser Küste zu landen, und mich dann meiner eignen Sorge überlassen. Nur mit grosser Mühe und mit Hilfe vieler Zeichen konnte ich mich verständlich machen. Er sagte, ich müsste mich notwendig irren oder ich sage, »was nicht sei«. (Denn sie haben in ihrer Sprache kein Wort, das Lügen oder Unwahrhaftigkeit bedeutet.) Er wisse, es könne jenseits des Meeres unmöglich noch ein Land liegen, und unmöglich könne auch eine Bande vernunftloser Bestien auf dem Wasser ein hölzernes Fahrzeug bewegen, wohin sie wollten. Er sei überzeugt, dass kein lebender Houyhnhnm ein solches Fahrzeug machen könne, und wenn, so würde er es keinen Yahoos anvertrauen.

Das Wort Houyhnhnm bezeichnet in ihrer Sprache ein Pferd, und etymologisch bedeutet es: »die Vollendung der Natur«. Ich sagte meinem Herrn, ich sei um den Ausdruck verlegen, doch werde ich so schnelle Fortschritte machen, wie nur möglich, und hoffe, ihm in Kürze Wunder berichten zu können: er geruhte, seine eigne Stute und die beiden Fohlen nebst den Dienern seines Hauses anzuweisen, dass sie jede Gelegenheit ergreifen sollten, mich zu unterrichten; und jeden Tag machte er sich zwei oder drei Stunden lang selbst die Mühe. Mehrere vornehme Hengste und Stuten der Umgegend kamen oft in unser Haus, als sich das Gerücht von einem wundervollen Yahoo verbreitete, der reden könne wie ein Houyhnhnm und der in seinen Worten und Handlungen einen Schimmer von Vernunft verrate. Es machte ihnen grosse Freude, sich mit mir zu unterhalten: sie stellten mir viele Fragen, und ich gab ihnen die Antworten, die ich geben konnte. Infolge all dieser Vergünstigungen machte ich so schnelle Fortschritte, dass ich fünf Monate nach meiner Landung alles verstand, was gesprochen wurde, und mich auch einigermassen gut ausdrücken konnte.

Die Houyhnhnms, die meinen Herrn besuchten, um mich zu sehn und mit mir zu plaudern, konnten kaum glauben, dass ich ein wirklicher Yahoo sei, weil mein Körper eine Oberfläche zeigte, die sich so sehr von der andrer meiner Art unterschied. Sie sahen mit Staunen, dass ich nicht die gewöhnliche Behaarung noch die Haut der andern zeigte, es sei denn auf dem Kopf, im Gesicht und an den Händen; doch enthüllte ich meinem Herrn dieses Geheimnis gelegentlich eines Zufalls, der sich vor etwa vierzehn Tagen ereignet hatte.

Ich habe dem Leser schon gesagt, dass es meine Sitte war, mich allnächtlich, wenn die Familie schlafen gegangen war, auszuziehn und mit meinen Kleidern zuzudecken: eines Morgens nun geschah es, dass mein Herr in aller Frühe den Fuchsklepper, seinen Kammerdiener, nach mir ausschickte; als aber der zu mir kam, lag ich in festem Schlaf, meine Kleider waren auf der einen Seite herabgeglitten, und mein Hemd hatte sich bis über die Hüften hinaufgestreift. Ich erwachte von dem Geräusch, das er machte, und bemerkte, dass er seine Botschaft in einiger Verwirrung ausrichtete; dann eilte er zu seinem Herrn und erstattete ihm einen sehr wirren Bericht von dem, was er gesehn hatte. Ich entdeckte das bald, denn als ich, sowie ich angezogen war, zu Seinen Gnaden ging, um ihm meine Aufwartung zu machen, fragte er mich nach dem Sinn dessen, was sein Diener ihm berichtet hatte, dass ich nämlich im Schlaf nicht derselbe sei, als der ich zu andern Zeiten erscheine; sein Kammerdiener habe ihm versichert, ein Teil von mir sei weiss, ein Teil gelb oder wenigstens nicht so weiss, und ein Teil braun.

Ich hatte das Geheimnis meiner Kleidung bisher verborgen gehalten, um mich so viel wie möglich von jenem verfluchten Geschlecht der Yahoos zu unterscheiden. Jetzt aber schien es mir vergeblich, das noch länger fortzusetzen. Ausserdem erwog ich, dass meine Kleider und Schuhe bald abgenutzt sein würden, denn sie verfielen bereits; und dass ich sie auf irgend eine Weise durch das Fell der Yahoos oder andrer Tiere ersetzen musste; dann würde das ganze Geheimnis ja doch bekannt. Ich sagte also meinem Herrn, in dem Lande, aus dem ich käme, bedeckten die Wesen meiner Art ihren Leib stets mit dem Haar gewisser Tiere, das künstlich zubereitet werde; und zwar sowohl um der Schicklichkeit willen, wie auch um der Unbill der Witterung in Hitze und Kälte zu entgehen; davon wolle ich ihn, soweit es sich um meine eigne Person handle, sofort überzeugen, wenn er es mir zu befehlen geruhn sollte: und ich bäte ihn nur um Entschuldigung, wenn ich ihm nicht auch diejenigen Körperteile entblösste, die die Natur uns zu verbergen lehrte. Er sagte, meine Worte seien ganz merkwürdig, besonders aber die letzten; denn er könne nicht verstehn, weshalb die Natur uns lehren sollte, etwas zu verbergen, was die Natur uns gegeben hätte. Weder er noch die Seinen schämten sich irgend eines Körperteils; ich könne es jedoch halten, wie ich wolle. Daraufhin knöpfte ich zunächst meinen Rock auf und zog ihn aus. Desgleichen tat ich mit meiner Weste, und ebenso zog ich Schuhe, Strümpfe und Hose aus. Das Hemd liess ich bis auf die Hüften herab, und unten hob ich es hoch, indem ich es mir wie einen Gürtel um die Lenden schlang, um meine Blösse zu bedecken.

Mein Herr sah der ganzen Verrichtung mit den grössten Zeichen der Neugier und Bewunderung zu. Er nahm all meine Kleider in die Fussfessel und sah sie sich Stück für Stück sehr aufmerksam an; dann strich er mir sehr sanft über den Körper und besah mich mehrmals von allen Seiten; und schliesslich sagte er, es sei klar, dass ich ein vollkommener Yahoo sei; nur unterscheide ich mich sehr von dem Rest meiner Gattung durch die Weichheit und Weisse und Glätte meiner Haut, durch das Fehlen der Behaarung an allerlei Körperteilen, durch die Form und Kürze meiner Vorder- und Hinterklauen, und durch die Ziererei, dass ich beständig auf meinen beiden Hinterfüssen ginge. Mehr begehrte er nicht zu sehn, und also gab er mir die Erlaubnis, meine Kleider wieder anzuziehn; denn ich bebte vor Kälte.

Ich sagte ihm, wie unruhig es mich machte, dass er mir beständig die Bezeichnung eines Yahoos beilegte, eines scheusslichen Tiers, für das ich einen so ausgesprochenen Hass und eine so grosse Verachtung empfände. Ich bat ihn, er möchte mich doch hinfort nicht mehr so nennen und es auch in seiner Familie und unter seinen Freunden verbieten, denen er erlaube, mich zu sehn. Ich bat ihn auch, das Geheimnis, dass ich eine falsche Hülle auf meinem Leibe trüge, niemandem sonst zu verraten, wenigstens nicht, solange meine gegenwärtige Kleidung halten würde; denn dem Fuchsklepper, seinem Kammerdiener, könne Seine Gnaden befehlen, zu verbergen, was er gesehn habe.

In all das willigte mein Herr sehr huldvoll ein, und so wurde das Geheimnis bewahrt, bis meine Kleider zu zerfallen begannen; da aber war ich gezwungen, durch allerlei Auskunftsmittel, die weiterhin erwähnt werden sollen, Ersatz zu schaffen. Inzwischen, so bat er mich, möchte ich mit grösstem Eifer fortfahren, ihre Sprache zu lernen, denn ihn erstaune meine Begabung für die Rede und für vernünftiges Denken mehr als die Gestalt meines Leibes, einerlei ob er verhüllt sei oder nicht; und er fügte hinzu, er warte mit einiger Ungeduld darauf, die Wunder zu hören, die ich ihm zu erzählen versprochen hätte.

Hinfort gab er sich doppelte Mühe bei meinem Unterricht; er führte mich in jede Gesellschaft und liess mich mit viel Höflichkeit behandeln, denn das, so sagte er den Leuten insgeheim, würde mich in gute Laune versetzen und mich noch unterhaltsamer machen.

Jeden Tag pflegte er, wenn ich ihm meine Aufwartung machte, abgesehn von der Mühe, die er sich mit dem Unterricht gab, mir noch mehrere Fragen über mich selbst zu stellen, die ich, so gut ich konnte, beantwortete; und auf diese Weise hatte er allmählich einige, wenn auch sehr unvollkommene allgemeine Begriffe erworben. Es würde mich zu weit führen, wenn ich all die verschiedenen Schritte angeben wollte, durch die ich bis zu einer zusammenhängendern Unterhaltung fortschritt. Aber der erste irgendwie geordnete und ausführliche Bericht, den ich über mich selber gab, hatte etwa folgenden Inhalt.

Ich sei, wie ich bereits versucht habe, ihm zu erzählen, mit etwa fünfzig weitern Angehörigen meiner Gattung aus einem sehr fernen Lande gekommen; wir seien in einem grossen, hohlen, aus Holz gefertigten Fahrzeug, das umfangreicher sei als das Haus seiner Gnaden, über die Meere gefahren. Ich beschrieb ihm das Schiff mit den besten Ausdrücken, die ich zu finden vermochte, und erklärte mit Hilfe meines ausgespannten Taschentuchs, wie es vom Winde vorwärts getrieben würde. Infolge eines Streits unter uns sei ich an dieser Küste an Land gesetzt worden, und ohne zu wissen wohin, darauf los gegangen, bis er mich vor der Verfolgung dieser scheusslichen Yahoos gerettet habe. Er fragte mich, wer das Schiff gemacht habe und wie es möglich sei, dass die Houyhnhnms meines Landes es den Händen vernunftloser Tiere überliessen. Meine Antwort lautete, ich wage in meinem Bericht nicht fortzufahren, es sei denn, er gebe mir sein Ehrenwort, nicht beleidigt zu sein; dann wolle ich ihm die Wunder erzählen, die ich ihm so oft versprochen habe. Er war bereit, und ich versicherte ihm, indem ich fortfuhr, dass das Schiff von Geschöpfen gemacht worden sei, die mir glichen; und diese Geschöpfe seien in allen Ländern, die ich bereist hätte, wie auch in meiner Heimat die einzigen herrschenden, vernünftigen Tiere. Als ich hierher kam, sei ich ebenso erstaunt gewesen, zu sehn, dass die Houyhnhnms gleich vernünftigen Wesen handelten, wie er oder seine Freunde sich wundern könnten, einige Spuren von Vernunft in einem Geschöpf zu entdecken, das ihm einen Yahoo zu nennen beliebe; ich gebe zu, dass ich diesen Wesen in allen Körperteilen ähnlich sehe, aber ihre entartete und viehische Natur könne ich mir nicht erklären. Ich sagte ferner, wenn mich das Glück je wieder in meine Heimat führte, so dass ich dort meine Reisen in diese Länder berichten könnte, so würde jedermann glauben, ich »sage, was nicht sei«; ich habe die Geschichte in meinem eignen Kopf erfunden; und, mit aller Achtung vor ihm, seiner Familie und seinen Freunden, und nur auf Grund seines Versprechens, nicht beleidigt zu sein, spreche ich es aus, unsre Landsleute würden es kaum für wahrscheinlich halten, dass in irgend einer Nation der Houyhnhnm das herrschende Geschöpf sein könne, und der Yahoo das Vieh.

Kapitel IV.

Die Begriffe des Houyhnhnm von Wahrheit und Unwahrheit. Des Verfassers Rede erregt das Missfallen seines Herrn. Der Verfasser gibt genauern Bericht über sich selber und die Begebnisse seiner Reise.

Mein Herr hörte mir unter den grössten Zeichen der Unruhe in seinen Gesichtszügen zu; denn »Zweifeln« oder »Nicht-Glauben« sind in diesem Lande so unbekannt, dass die Eingeborenen nicht wissen, wie sie sich unter solchen Umständen verhalten sollen. Und ich entsinne mich, wie oft mein Herr in den häufigen Gesprächen, die er mit mir über die Natur der Menschheit in andern Teilen der Welt hatte und in denen ich von »Lüge« und »falscher Darstellung« sprechen musste, nur mit grösster Schwierigkeit begreifen konnte, was ich meinte, obwohl er sonst ein sehr scharfes Urteil hatte. Er schloss nämlich so: der Nutzen der Rede sei der, dass wir uns einander verständlich machen und Belehrung über Tatsachen vermitteln könnten; wenn nun jemand »sage, was nicht sei«, so werde dieses Ziel vereitelt, denn ich könne eigentlich nicht mehr behaupten, dass ich ihn verstehe, und ich sei soweit davon entfernt, Belehrung zu empfangen, dass er mich vielmehr in einen schlimmern Zustand versetze als den des Nichtwissens; ich werde ja geradezu verleitet, zu glauben, etwas sei schwarz, während es weiss, und kurz, während es lang ist. Und das sei die Vorstellung, die er von jener Fähigkeit des »Lügens« habe, die man unter menschlichen Geschöpfen so vollkommen verstehe und so allgemein übe.

Um nun von dieser Abschweifung wieder auf den Gegenstand zu kommen, so wünschte mein Herr, als ich behauptete, die Yahoos seien die einzigen herrschenden Tiere in meinem Lande, was, wie er sagte, seine Vorstellungskraft überstieg, zu erfahren, ob wir Houyhnhnms unter uns hätten und welches ihre Beschäftigung wäre. Ich sagte ihm, wir hätten grosse Mengen; im Sommer grasten sie auf den Feldern, und im Winter würden sie mit Heu und Hafer in Häusern unterhalten, wo Yahoodiener angestellt seien, um ihnen das Fell glatt zu striegeln, die Mähnen zu kämmen, die Hufe zu säubern, sie mit Futter zu versehn und ihnen die Lager zu machen. »Ich verstehe Dich recht wohl«, sagte mein Herr, »jetzt ist es klar: auf wieviel Vernunft die Yahoos auch Anspruch machen, so sind doch die Houyhnhnms Eure Herrn; ich wollte von Herzen, dass unsre Yahoos auch so zähmbar wären. Ich bat Seine Gnaden, er möge mich entschuldigen, wenn ich nicht weiter fortführe, denn ich sei überzeugt, der Bericht, den er von mir erwarte, werde ihm im höchsten Grade missfallen. Doch er beharrte auf seinem Befehl, ihm das Beste und das Schlimmste kund zu tun: ich sagte ihm also, ich wolle gehorchen. Ich gab zwar zu, dass die Houyhnhnms, die wir bei uns Pferde nennen, die edelsten und schönsten Tiere seien, die wir hätten; dass sie sich durch Kraft und Schnelligkeit auszeichneten, und dass sie, wenn sie vornehmen Herrn gehörten und verwendet würden, um mit ihrer Hilfe zu reisen, Rennen zu reiten oder sich in Kutschen ziehn zu lassen, auch sehr freundlich und sorgfältig behandelt würden, bis sie erkrankten oder in den Beinen verschlügen; dann aber würden sie verkauft und bis zu ihrem Tode für allerlei Sklavenarbeit benutzt; schliesslich würden ihnen dann noch ihre Felle abgezogen und um das verkauft, was sie wert seien, während man ihre Kadaver von Hunden und Raubvögeln verschlingen liesse. Das Geschlecht der gewöhnlichen Pferde aber sei nicht so glücklich; sie würden von Landpächtern und Fuhrleuten und anderm geringen Volk gehalten, das sie schwerere Arbeit verrichten liesse, und sie schlechter füttere. Ich schilderte ihm, so gut ich konnte, wie wir reiten und wie Zügel, Sattel, Sporn, Peitsche, Geschirr und Räder gestaltet sind und gebraucht werden. Ich fügte hinzu, dass wir unter ihren Füssen Platten aus einem gewissen harten Stoff namens Eisen anbringen, um zu hindern, dass die steinigen Wege, auf denen wir oft reisen, ihre Hufe zerbrechen.

Mein Herr fragte nach einigen Ausrufen grosser Entrüstung erstaunt, wie wir uns auf den Rücken eines Houyhnhnms wagen könnten, denn er sei überzeugt, dass der schwächste Diener seines Hauses imstande wäre, den stärksten Yahoo abzuschütteln, oder das Vieh zu erdrücken, indem er sich niederlegte und auf dem Rücken wälzte. Ich erwiderte, unsre Pferde würden von ihrem dritten oder vierten Jahr an für die verschiedenen Dienste, in denen wir sie verwenden wollten, abgerichtet; wenn sich das eine oder andre unter ihnen als unerträglich tückisch erwiese, so benutze man es zum Ziehen von Wagen; sie würden, solange sie jung seien, für jeden Streich, der Schaden anrichtete, streng geschlagen; die Männchen, die man zu Reit- oder Zugtieren bestimme, würden in der Regel etwa zwei Jahre nach ihrer Geburt kastriert, um ihre Wildheit zu brechen und sie zahmer und sanftmütiger zu machen; sie wären zwar empfänglich für Lohn und Strafe, aber Seine Gnaden möge gefälligst bedenken, dass sie nicht die geringste Spur von Vernunft besässen, genau so wenig wie die Yahoos in seinem Lande.

Ich musste die Mühe vieler Umschreibungen auf mich nehmen, um meinem Herrn eine richtige Vorstellung von dem zu geben, was ich sagte, denn ihre Sprache hat, da ihre Bedürfnisse und Leidenschaften weniger zahlreich sind als bei uns, auch keine grosse Mannigfaltigkeit in Worten. Doch ist es unmöglich, seine edle Entrüstung über unsre wilde Behandlung des Geschlechts der Houyhnhnms zu schildern; sie brach besonders da aus, als ich ihm erklärte, wie und weshalb wir die Pferde kastrierten, um sie an der Fortpflanzung ihrer Gattung zu hindern und sie knechtischer zu machen. Er sagte, wenn es möglich sei, dass es ein Land gäbe, wo die Yahoos allein mit Vernunft begabt seien, so müssten sie sicherlich das herrschende Tier sein, denn die Vernunft werde stets im Laufe der Zeit über rohe Kraft den Sieg davontragen. Doch in anbetracht unsres Körperbaus, und besonders meins, scheine ihm, dass kein Geschöpf von gleichem Wuchs so wenig geeignet sei, jene Vernunft in den gewöhnlichen Verrichtungen des Lebens zu benutzen; und jetzt wünschte er zu wissen, ob die, unter denen ich lebte, mir oder den Yahoos seines Landes glichen. Ich sagte ihm, ich sei so wohl gestaltet wie die meisten meines Alters; aber jüngere Leute und Frauen seien viel weicher und zarter, und die Haut der Frauen sei im allgemeinen so weiss wie Milch. Er erwiderte, ich unterscheide mich freilich darin sehr von andern Yahoos, dass ich viel sauberer und nicht ganz so missgestaltet sei, aber in Dingen wirklicher Vorzüge, scheine ihm, unterscheide ich mich zu meinem Nachteil. Meine Nägel seien mir weder an meinen Vorder- noch an meinen Hinterfüssen von Nutzen; meine Vorderfüsse könne er eigentlich nicht einmal so nennen, denn er sehe nie, dass ich auf ihnen ginge; sie seien zu weich, um die Berührung mit dem Boden zu vertragen; ich trage sie meist unbedeckt, und die Hülle, die ich mir zuweilen darüberziehe, sei weder so geformt noch so stark wie die auf meinen Hinterfüssen; ich könne nicht einmal sicher gehn, denn wenn nur einer meiner Hinterfüsse ausgleite, so müsse ich unfehlbar fallen; und so begann er, auch noch andre Teile meines Körpers zu tadeln: mein flaches Gesicht, meine vorspringende Nase und meine genau nach vorn stehenden Augen, mit denen ich nicht zur Seite blicken könne, ohne den Kopf zu drehn; ich könne mich nicht sättigen, ohne einen meiner Vorderfüsse an den Mund zu heben, und deshalb habe die Natur auch diese Glieder so gestellt, dass sie diesem Bedürfnis entsprechen könnten. Er wisse nicht, wozu die Spaltungen und Teilungen an den Hinterfüssen von Nutzen seien; sie seien auch zu weich, um ohne eine Hülle, die aus dem Fell eines andern Tiers gemacht werden müsse, die Härte und Schärfe der Steine zu ertragen, meinem ganzen Leibe fehle es an einem Schutz gegen Hitze und Kälte, und ich müsse einen solchen Schutz jeden Tag langwierig und mühsam anlegen und ausziehn. Und schliesslich beobachtete er, dass jedes Tier in seinem Lande die Yahoos von Natur verabscheue; denn die schwächern mieden sie und die stärkern vertrieben sie. Und angenommen also, wir besässen die Gabe der Vernunft, so könne er doch nicht einsehn, wie es möglich sein sollte, jene natürliche Antipathie, die jedes Tier uns gegenüber verrate, zu überwinden, und also auch nicht, wie wir sie zähmen und dienstbar machen könnten. Er wolle die Sache jedoch (so sagte er) nicht weiter erörtern, da es ihn mehr danach verlange, meine eigne Geschichte kennen zu lernen: in welchem Lande ich geboren sei und was ich getrieben und erlebt habe, ehe ich hierher kam.

Ich versicherte ihm, wie sehr ich wünschte, ihn in jedem Punkt zufriedenzustellen; doch ich zweifle sehr, ob es mir möglich sein werde, mich über gewisse Dinge auszusprechen, von denen er keine Vorstellung haben könne, da ich nichts in seinem Lande sähe, womit sie sich vergleichen liessen. Ich wolle jedoch mein bestes tun und versuchen, mich durch Gleichnisse verständlich zu machen, wobei ich ihn demütig um seine Hilfe bitte, wenn mir die rechten Worte fehlen sollten; diese Hilfe geruhte er mir zu versprechen.

Ich sagte ihm, ich sei von ehrenwerten Eltern auf einer Insel namens England geboren worden, die von seinem Lande um soviele Tagereisen entfernt liege, wie der stärkste Diener Seiner Gnaden während des Jahreslaufs der Sonne zurückzulegen imstande sei. Ich sei zum Arzt erzogen worden; es sei dessen Gewerbe, Wunden und Verletzungen des Leibes zu heilen, die durch Unfälle oder Gewalttat entstanden seien; mein Land werde von einem weiblichen Menschen beherrscht, den wir eine Königin nennen. Ich habe es verlassen, um mir Reichtum zu erwerben, mit dem ich nach meiner Heimkehr mich und meine Familie unterhalten könnte. Auf meiner letzten Reise sei ich Befehlshaber des Schiffes gewesen und habe etwa fünfzig Yahoos unter mir gehabt, von denen viele auf See gestorben seien, so dass ich sie hätte durch andre ersetzen müssen, die ich aus verschiedenen Nationen ausgelesen hätte. Unser Schiff sei zweimal in Gefahr gewesen, unterzugehn, einmal in einem grossen Sturm, und ein zweitesmal durch den Zusammenprall mit einem Felsen. Hier unterbrach mich mein Herr, indem er fragte, wie ich Fremde aus verschiedenen Ländern überreden könnte, sich mit mir hinauszuwagen, nachdem ich schon soviel Verluste erlitten und soviel schlimme Unfälle durchgemacht hatte. Ich sagte ihm, es seien Burschen in verzweifelter Lebenslage gewesen, die gezwungen waren, wegen ihrer Armut oder ihrer Verbrechen aus den Ländern ihrer Geburt zu fliehen. Einige seien durch Prozesse zugrunde gerichtet worden, andere hätten ihre ganze Habe durch Trinken, Huren oder Spielen verschwendet, und wieder andre hätten fliehn müssen, weil sie einen Verrat begangen hatten; viele auch wegen Mord, Diebstahl, Vergiftung, Raub, Meineid, Fälschung, Falschmünzerei, oder weil sie Weiber entführt oder widernatürliche Unzucht getrieben hatten; viele wegen Fahnenflucht oder Übergang zum Feinde; die meisten aber wegen Ausbruchs aus Gefängnissen; sie alle wagten nicht in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie fürchten müssten, gehängt zu werden oder in einem Kerker zu verhungern; und deswegen seien sie gezwungen, sich an andern Orten ihren Lebensunterhalt zu suchen.

Während dieser Rede beliebte es meinem Herrn mehrmals, mich zu unterbrechen; ich hatte viele Umschreibungen angewandt, um ihm die Art der verschiedenen Verbrechen klar zu machen, um deretwillen die meisten Mitglieder unsrer Mannschaft aus ihrem Lande hatten entfliehn müssen. Diese Arbeit nahm mehrere Tage der Unterredung in Anspruch, ehe er mich zu verstehn imstande war. Er konnte absolut nicht begreifen, wozu die Ausübung dieser Laster nützen oder was sie notwendig machen konnte. Um das aufzuklären, musste ich eine Vorstellung von dem Verlangen nach Macht und Reichtum, von den furchtbaren Wirkungen der Wollust, der Unmässigkeit, der Tücke und des Neides zu geben versuchen. All das musste ich definieren und schildern, indem ich bestimmte Fälle und bestimmte Voraussetzungen annahm. Dann hob er wie jemand, dessen Phantasie etwas aufleuchtet, was er noch nie gesehn und wovon er noch nie gehört hat, in Staunen und Entrüstung die Augen empor. Macht, Regierung, Krieg, Gesetz, Bestrafung, und tausend andre Dinge hatten in jener Sprache gar keinen Namen, mit dem man sie ausdrücken konnte, und daher wurde die Schwierigkeit, meinem Herrn einen Begriff von dem zu geben, was ich meinte, fast unübersteiglich. Da er jedoch ein Wesen von vortrefflichem Verstande war, der obendrein durch viel Nachdenken und vielen Verkehr geschärft war, so brachte er es schliesslich zu einer vollgültigen Kenntnis dessen, was in unsern Gegenden der Welt menschliche Art zu vollbringen vermag; und er bat mich, ihm des genaueren über das Land zu berichten, das wir Europa nennen, vor allem aber über meine Heimat.

Kapitel V.

Der Verfasser unterrichtet seinen Herrn auf dessen Befehl von den Verhältnissen Englands. Die Ursachen des Krieges unter den europäischen Fürsten. Der Verfasser beginnt Ihm die englische Verfassung darzulegen.

Der Leser möge freundlichst beachten, dass der folgende Auszug aus vielen Unterredungen, die ich mit meinem Herrn führte, eine Inhaltsangabe der wichtigsten Punkte enthält, die zu verschiedenen Zeiten, während eines Zeitraums von über zwei Jahren besprochen wurden, denn oft verlangte seine Gnaden genauere Auskunft, nachdem ich mich in der Sprache der Houyhnhnms vervollkommnet hatte. Ich legte ihm, so gut ich konnte, den ganzen Zustand Europas dar; ich sprach von dem Handel und der Fabrikation, von den Künsten und Wissenschaften; und die Antworten, die ich auf all seine Fragen gab, wie sie sich bei den verschiedenen Themen erhoben, bildeten eine unerschöpfliche Grundlage für unsre Unterhaltungen. Doch will ich hier nur das wichtigste von dem niederschreiben, was wir in bezug auf meine eigne Heimat besprachen; und so gut ich kann, will ich es ordnen, ohne mich um die Zeit und andre Äusserlichkeiten zu kümmern; doch werde ich mich streng an die Wahrheit halten. Meine einzige Sorge ist die, dass ich kaum werde imstande sein, den Argumenten und Ausdrücken meines Herrn gerecht zu werden, da sie notwendig unter meinem Mangel an Begabung sowie durch eine Übersetzung in unsre barbarische Sprache leiden müssen.

Den Befehlen Seiner Gnaden gehorsam, berichtete ich ihm also von der Revolution unter dem Oranier ; von dem langen Kriege mit Frankreich, den besagter Fürst begann, und den seine Nachfolgerin, die gegenwärtige Königin, fortsetzte , in den die grössten Mächte der Christenheit verwickelt waren, und der noch immer wütete; ich berechnete auf sein Verlangen, dass in seinem ganzen Verlauf etwa eine Million Yahoos getötet, vielleicht hundert Städte eingenommen und dreimal so viel Schiffe verbrannt und in den Grund gebohrt worden sein mochten.

Er fragte mich, welches die gewöhnlichen Ursachen oder Motive seien, um deretwillen ein Land mit einem andern Krieg führte. Ich erwiderte, diese Motive seien zahllos, und ich wolle nur ein paar der wichtigsten erwähnen. Bisweilen sei es der Ehrgeiz der Fürsten, die immer glauben, sie hätten noch nicht genug Land oder Volk zu regieren; bisweilen sei es die Verderbtheit der Minister, die ihren Herrn in einen Krieg verwickeln, um das Geschrei der Untertanen wider ihre schlechte Verwaltung zu ersticken oder abzulenken. Meinungsverschiedenheiten haben viele Millionen Menschenleben gekostet; zum Beispiel die Meinungsverschiedenheit darüber, ob Fleisch Brot sei oder Brot Fleisch; ob der Saft einer gewissen Beere Blut sei oder Wein; ob es ein Laster oder eine Tugend sei, wenn man pfeift; ob es besser ist, einen Pfosten zu küssen oder ihn ins Feuer zu werfen; welches die beste Farbe für den Rock sei, ob Schwarz, Weiss, Rot oder Grau; und ob er lang oder kurz, eng oder weit, schmutzig oder sauber sein solle, nebst vielen andern Dingen. Und keine Kriege sind so wütend und blutig und dauern so lange wie die, die veranlasst sind durch Meinungsverschiedenheiten; besonders wenn es sich um gleichgültige Dinge handelt.

Bisweilen soll der Krieg zwischen zwei Fürsten entscheiden, welcher von ihnen ein Drittel seiner Besitzungen aufzugeben hat, wo keiner von beiden Rechte geltend machen kann. Bisweilen zankt ein Fürst sich mit einem andern, weil er fürchtet, der andre möchte sich mit ihm zanken. Bisweilen wird ein Krieg begonnen, weil der Feind zu stark ist, und bisweilen, weil er zu schwach ist. Bisweilen fehlen unsern Nachbarn die Dinge, die wir haben, oder sie haben die Dinge, die uns fehlen; und wir kämpfen miteinander, bis sie unsre nehmen oder uns ihre geben. Ein sehr berechtigter Grund zum Kriege ist es auch, wenn man in ein Land einfallen will, nachdem das Volk durch eine Hungersnot geschwächt oder durch eine Seuche vernichtet oder durch Parteispaltungen verwirrt ist. Es ist auch berechtigt, wenn wir unsern nächsten Verbündeten mit Krieg überziehn, weil eine seiner Städte uns bequem liegt, oder weil ein Stück Land unser Gebiet abrunden und vervollständigen würde. Wenn ein Fürst Streitmächte in eine Nation entsendet, wo das Volk arm und unwissend ist, so darf er gesetzlich die Hälfte der Bevölkerung hinrichten lassen und die andre zu Sklaven machen, um es so zu zivilisieren und es abzubringen von seiner barbarischen Lebensweise. Es ist sehr königlich, ehrenwert und häufig der Brauch, dass, wenn ein Fürst einen andern um Hilfe bittet wider einen Eindringling, der Helfer, nachdem er den Eindringling vertrieben hat, selbst die Ländereien besetzt und den Fürsten, dem er zu Hilfe kam, tötet, gefangen nimmt oder verbannt. Blutsverwandtschaft oder Bündnis durch Ehen ist unter Fürsten eine häufige Kriegsursache; und je näher die Verwandtschaft ist, um so grösser ist auch ihr Hang, sich zu zanken: arme Nationen sind hungrig, und reiche Nationen sind stolz, und Stolz und Hunger werden sich stets in den Haaren liegen. Aus diesen Gründen gilt das Gewerbe eines Soldaten als das ehrenhafteste von allen Gewerben; denn ein Soldat ist ein Yahoo, der gedungen ist, kalten Bluts so viele seiner eignen Art, die ihn nie beleidigt haben, zu töten, wie er nur irgendwie kann.

Es gibt ferner ein Geschlecht von Bettlerfürsten in Europa, die nicht imstande sind, für sich allein Krieg zu führen, und die ihre Truppen gegen eine Summe von soundsoviel für den Tag und den Mann an reichere Nationen vermieten; von jener Summe aber behalten sie dreiviertel für sich, und die ergeben den grössern Teil ihres Lebensunterhalts; das sind die in Deutschland und andern nördlichen Gegenden Europas.

»Was Du mir über das Thema des Krieges gesagt hast,« sprach mein Herr, »zeigt freilich wunderbar die Wirkungen jener Vernunft, auf die Ihr Anspruch macht; es ist nur ein Glück, dass die Schmach grösser ist als die Gefahr, und dass die Natur Euch unfähig machte, viel Unheil anzurichten.

Denn da Eure Münder flach in den Gesichtern liegen, so könnt Ihr einander nicht einmal kräftig beissen, es sei denn, dass Ihr gegenseitig einwilligt. Und die Krallen an Euren Vorder- und Hinterfüssen sind so kurz und schwach, dass einer unsrer Yahoos ein Dutzend von Euch vor sich her treiben würde. Und deshalb kann ich mir nichts andres denken, als dass Du bei Deinem Bericht über die Zahlen derer, die in der Schlacht gefallen sind, ›gesagt hast, was nicht ist‹.«

Ich konnte mich nicht enthalten, den Kopf zu schütteln und ob seiner Unwissenheit ein wenig zu lächeln. Und da ich in der Kriegskunst kein Fremdling war, so gab ich ihm eine Schilderung der Kanonen, Feldschlangen, Musketen, Karabiner, Pistolen; des Pulvers, der Kugeln, der Schwerter, Bajonette, Schlachten, Belagerungen, Rückzüge, Angriffe, Unterminierungen, Konterminierungen, Bombardierungen, Seegefechte; der Schiffe, die mit tausend Mann versinken, der zwanzigtausend Toten auf beiden Seiten, des Sterberöchelns, der Gliedmassen, die durch die Luft hinfliegen, des Rauchs, des Lärms, der Verwirrung, der Leiber, die unter Pferdehufen zu Tode gestampft werden, der Flucht, der Verfolgung, des Siegs; der Felder, die übersät sind mit Leichen, den Hunden und Wölfen und Raubvögeln zum Frass; der Plünderungen, Beraubungen, Leichenschändungen, Verbrennungen und Vernichtungen. Und um die Tapferkeit meiner eigenen teuren Landsleute ins rechte Licht zu setzen, versicherte ich ihm, ich hätte selbst gesehn, wie sie bei einer Belagerung hundert Feinde auf einmal, und ebensoviel zugleich auf einem Schiff in die Luft gesprengt hätten, und ich hätte es erlebt, wie zur grossen Unterhaltung der Zuschauer die Leichen in Fetzen aus den Wolken herabgestürzt kamen.

Ich wollte mich eben in weitere Einzelheiten einlassen, als mein Herr mir zu schweigen befahl. Er sagte, wer das Wesen der Yahoos durchschaue, werde es leicht für möglich halten, dass ein so verworfenes Tier jeder Tat, die ich erwähnt hätte, fähig wäre, wenn ihre Kraft und ihre List ihrer Tücke gleich sei. Wie aber meine Rede seinen Abscheu vor der ganzen Gattung nur gesteigert habe, so finde er, trage sie ihm auch eine Störung in den Geist, wie sie ihm bislang völlig fremd geblieben sei. Er glaube, wenn seine Ohren sich an so grauenhafte Worte gewöhnten, so möchten sie sie allmählich mit weniger Abscheu aufnehmen. Obwohl er die Yahoos seines Landes hasse, mache er ihnen doch ihre scheusslichen Eigenschaften so wenig zum Vorwurf, wie er einen ›gnnayh‹ (Raubvogel) ob seiner Grausamkeit tadle oder einen scharfen Stein, weil er ihm den Huf zerschneide. Doch wenn ein Geschöpf, das Anspruch auf Vernunft mache, solcher Ungeheuerlichkeiten fähig sei, so fürchte er, dass die Verderbnis eben dieser Vernunft schlimmer sein könne, als die Blöde des Viehs. Und daher schien er überzeugt zu sein, dass wir statt der Vernunft nur eine Eigenschaft besässen, die unsre natürlichen Laster zu steigern geeignet sei; so wie der Widerschein eines unruhigen Stroms einen missgestalteten Körper nicht nur grösser zeige, sondern auch verzerre.

Er fügte noch hinzu, er habe bereits nur zu viel über das Thema des Kriegs gehört, sowohl in dieser Unterredung wie in einigen frühern Gesprächen. Es sei noch ein andrer Punkt vorhanden, der ihm ein wenig zu schaffen mache. Ich habe ihm gesagt, dass einige Leute meiner Mannschaft ihr Land verlassen hätten, weil sie durch ›das Gesetz‹ zu Grunde gerichtet worden waren; ich habe den Sinn dieses Wortes zwar schon erklärt, aber er könne nicht begreifen, wie das Gesetz, das zur Erhaltung aller Menschen gegeben werde, irgend jemandem zum Verderben zu gereichen vermöchte. Deshalb wünsche er des genaueren darüber aufgeklärt zu werden, was ich unter dem Gesetz verstände, und welches nach dem gegenwärtigen Brauch in meinem Lande die Hüter dieses Gesetzes wären. Denn er halte die Natur und die Vernunft für ausreichende Leiter eines vernunftbegabten Tieres, wie wir es doch zu sein vorgäben, da sie uns zeigen, was wir zu tun und zu meiden hätten.

Ich versicherte Seinen Gnaden, das Gesetz sei eine Wissenschaft, mit der ich mich nicht viel abgegeben hätte; ich habe nur gelegentlich einiger Ungerechtigkeiten, die mir angetan worden seien, vergeblich Advokaten angestellt; doch wolle ich ihm die Aufklärung geben, die zu geben ich imstande sei.

Ich sagte ihm, es gäbe unter uns eine Klasse von Menschen, die von Jugend auf in der Kunst unterrichtet würden, durch eigens zu dem Zweck gehäufte Worte zu beweisen, dass Weiss schwarz ist und Schwarz weiss, und zwar, je nachdem sie dafür bezahlt werden. Dieser Klasse seien alle übrigen Menschen als Sklaven untertan. Wenn es zum Beispiel meinen Nachbar nach meiner Kuh gelüstet, so mietet er sich einen Anwalt, damit der beweise, dass er von mir meine Kuh erhalten müsste. Ich muss mir dann einen zweiten dingen, um mein Recht zu verteidigen, da es allen Regeln des Gesetzes widerspricht, dass ein Mensch für sich selber reden dürfte. Nun leide in diesem Fall ich, der ich der rechte Eigentümer bin, unter zwei grossen Nachteilen. Zunächst ist mein Anwalt, der fast von der Wiege an darin geübt wurde, die Unwahrheit zu verteidigen, ganz ausserhalb seines Elements, wenn er der Fürsprecher der Gerechtigkeit sein soll, denn als ein ihm unnatürliches Amt greift er es stets äusserst linkisch, wenn nicht gar mit Widerwillen an. Der zweite Nachteil ist der, dass mein Anwalt sehr vorsichtig auftreten muss, sonst erhält er von den Richtern einen Verweis und seine Amtsbrüder verabscheun ihn als einen Menschen, der die juristische Praxis schmälern möchte. Und deshalb bleiben mir nur zwei Wege, um meine Kuh zu behalten. Der erste ist der, dass ich den Anwalt meines Gegners durch ein doppeltes Honorar für mich gewinne; denn der wird dann Verrat an seinem Klienten üben, indem er zu verstehn gibt, dass er das Recht auf seiner Seite habe. Der zweite Weg ist der, dass mein Anwalt meine Sache als so ungerecht erscheinen lässt wie er nur kann, indem er zugibt, dass die Kuh meinem Gegner gehört: wenn das geschickt gemacht wird, so wird es mir sicherlich die Gunst des Gerichtshofs gewinnen.

Nun muss Euer Gnaden wissen, dass diese Richter Personen sind, ernannt, um sowohl alle Streitigkeiten über den Besitz zu entscheiden wie auch die Prozesse angeklagter Verbrecher; und sie werden ausgewählt aus den gewandtesten Anwälten, doch erst, wenn sie alt oder träge geworden sind; und da sie ihr ganzes Leben lang wider die Wahrheit und Gerechtigkeit eingenommen wurden, so werden sie mit verhängnisvoller Notwendigkeit den Betrug, den Meineid und die Bedrückung begünstigen; das geht so weit, dass ich mehrere unter ihnen kannte, die auf der Seite, bei der das Recht war, lieber grosse Bestechungen zurückwiesen, als dass sie den Stand schädigten, indem sie etwas taten, was sich für ihr Wesen und ihr Amt nicht ziemte.

Es ist unter diesen Anwälten ein anerkannter Grundsatz, dass, was je zuvor getan worden ist, wieder getan werden darf; und deshalb verwenden sie ganz besondere Sorgfalt auf ein Verzeichnis all der früher wider das Recht und wider jede Vernunft der Menschen gefällten Entscheidungen. Die führen sie unter dem Namen der Präzedenzfälle als Autoritäten an, um die unbilligsten Meinungen zu rechtfertigen; und die Richter verfehlen niemals, demgemäss zu entscheiden.

Wenn sie ihre Sache vertreten, so vermeiden sie es streng, sich auf die guten Seiten dieser Sache einzulassen; aber laut und heftig und umständlich verweilen sie bei allen Einzelheiten, die nicht zur Sache gehören. In dem erwähnten Fall zum Beispiel wünschen sie niemals zu wissen, welches Recht oder welchen Anspruch mein Gegner an meine Kuh hat; wohl aber, ob besagte Kuh rot oder schwarz war, ihre Hörner lang oder kurz; ob das Feld, auf dem ich sie weiden lasse, rund oder viereckig ist; ob sie im Hause gemelkt wird oder draussen, unter welchen Krankheiten sie leidet und dergleichen mehr; dann suchen sie nach Präzedenzfällen, vertagen die Sache von Zeit zu Zeit und kommen in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren zu einer Entscheidung.

Es lässt sich gleichfalls beobachten, dass diese Klasse eine eigne Sprache hat oder einen Dialekt spricht, den kein andrer Sterblicher verstehn kann. In dieser Sprache sind all ihre Gesetze geschrieben, und sie mühen sich emsig, sie immer mehr auszubaun. Auf diese Weise haben sie das innerste Wesen von Wahrheit und Falschheit, von Recht und Unrecht vertauscht; so dass sie dreissig Jahre brauchen, um zu entscheiden, ob das Feld, das mir durch sechs Generationen hin von meinen Vorfahren hinterlassen wurde, mir gehört oder einem Fremden, der um dreihundert Meilen entfernt wohnt.

Bei den Verhandlungen gegen Leute, die eines Verbrechens wider den Staat angeklagt sind, ist das Verfahren viel kürzer und löblicher: der Richter schickt erst zu denen, die im Besitz der Macht sind, um sie zu sondieren, und dann kann er den Verbrecher leicht unter strenger Beobachtung aller gehörigen Rechtsformen hängen oder retten.

Hier unterbrach mich mein Herr und sagte, es sei schade, dass Geschöpfe von so ungeheurer geistiger Begabung, wie es nach der Schilderung, die ich von ihnen entworfen hätte, diese Anwälte sicherlich sein müssten, nicht lieber ermutigt würden, andre in der Weisheit und im Wissen zu unterrichten. Zur Antwort versicherte ich Seinen Gnaden, dass sie ausserhalb ihres Gewerbes in allen Dingen fast immer die unwissendste und bornierteste Gesellschaft unter uns seien, die verächtlichste in jeder gewöhnlichen Unterhaltung, eingestandene Feinde jedes Wissens und jeder Gelehrsamkeit, und geneigt, die allgemeine Vernunft der Menschen in jedem andern Gesprächsthema genau so sehr zu verdrehn, wie in den Reden, die zu ihrem Beruf gehörten.

Kapitel VI.

Fortsetzung der Verhältnisse in England. Der Charakter eines ersten Staatsministers an einem europäischen Hof.

Mein Herr konnte immer noch absolut nicht begreifen, welche Motive dieses Geschlecht der Anwälte treiben mochten, sich abzuplagen und zu mühen und zu ermüden und sich zu einem Bund der Ungerechtigkeit zusammen zu schliessen, einzig, damit sie ihren Mittieren schaden könnten; auch ging ihm nicht ein, was ich sagen wollte, wenn ich behauptete, sie täten es um Lohn. Ich musste also die grosse Mühe auf mich nehmen, ihm den Gebrauch des Geldes zu erklären: aus welchen Stoffen es verfertigt würde, und was die Metalle wert seien: dass ein Yahoo, wenn er grosse Mengen von diesen kostbaren Stoffen angehäuft hatte, imstande sei, zu kaufen, wonach es ihn gelüste: die feinste Kleidung, die edelsten Pferde, grosse Striche Landes, die kostspieligsten Speisen und Getränke; und dass er die Wahl habe unter den schönsten Frauen. Da also Geld allein imstande sei, all diese Dinge zu vollbringen, so glaubten die Yahoos, sie könnten nie genug davon bekommen, um es auszugeben oder aufzusparen, je nachdem, ob sie die natürliche Neigung zur Verschwendung oder zur Habgier trieb. Der Reiche genösse die Früchte der Arbeit des Armen, und der Armen kämen auf einen von jenen tausend. Die Masse unsres Volks sei gezwungen, im Elend zu leben, indem sie sich tagtäglich gegen geringen Lohn placke, damit wenige im Überfluss zu leben vermöchten. Ich liess mich über diese und viele andre, ähnliche Einzelheiten breit aus, aber Seine Gnaden wusste sich immer noch nicht zu helfen, denn er ging von der Voraussetzung aus, dass alle Tiere Anspruch an ihren Anteil von den Erzeugnissen der Erde hätten, und vor allem all die, die über die andern herrschten. Deshalb wünschte er, ich möchte ihm kund tun, was für kostspielige Speisen das seien und wie es komme, dass irgend jemand unter uns nach ihnen begehre. Ich zählte ihm so viel verschiedene auf, wie mir in den Kopf kamen und erklärte ihm die verschiedenen Arten, sie zuzubereiten, was nicht möglich sei, ohne zur See Fahrzeuge in alle Teile der Welt zu schicken, sowohl um Getränke zum Trinken zu holen, wie Saucen und unzählige andre Waren. Ich versicherte ihm, dass dieser ganze Erdball mindestens dreimal umfahren werden müsste, bevor eins unsrer bessern Yahooweibchen ihr Frühstück oder eine Tasse erhalten könnte, es daraus zu trinken. Er sagte, es müsse wohl ein armes Land sein, das für seine eignen Bewohner nicht genug Nahrung zu liefern vermöchte. Vor allem aber wunderte es ihn, dass solche riesigen Landstriche, wie ich sie ihm schilderte, ganz ohne frisches Wasser seien, und dass das Volk genötigt sei, sich Getränke übers Meer herholen zu lassen. Ich erwiderte ihm, dass England (das teure Land meiner Geburt) nach ungefährer Schätzung dreimal so viel Nahrung hervorbringe, wie seine Einwohner zu verzehren imstande seien, und ebensoviel Getränke, seien sie nun aus Korn gewonnen oder aus den Früchten gewisser Bäume gepresst, die treffliche Getränke ergäben; und nicht anders sei es mit allen andern Erfordernissen des Lebens. Um aber die Üppigkeit und Masslosigkeit der Männchen und die Eitelkeit der Weibchen zu befriedigen, schickten wir den grössern Teil unsrer notwendigen Dinge in andre Länder, von denen wir dafür die Grundstoffe von Krankheiten, Narrheiten und Lastern erhielten, die wir unter uns verbrauchten. Daraus folge notwendig, dass ungeheure Mengen unsres Volks gezwungen seien, sich ihren Lebensunterhalt durch Bettelei, Diebstahl, Raub, Betrug, Kuppelei, Meineid, Schmeichelei, Bestechung, Fälschung, Spiel, Lüge, Kriecherei, Aufschneiden, Stimmenverkauf, Schreiben, Sterngucken, Vergiften, Huren, Schwätzen, Verleumden, Freidenkerei und ähnliche Beschäftigungen zu verdienen; und jeden dieser Ausdrücke musste ich ihm mit vieler Mühe verständlich machen.

Wein werde nicht aus fernen Ländern unter uns eingeführt, um den Mangel an Wasser oder an andern Getränken zu ersetzen, sondern weil er eine Flüssigkeit sei, die uns lustig mache, indem sie uns unsre Besinnung nehme, er zerstreue alle melancholischen Gedanken, erzeuge wilde, ausschweifende Einbildungen im Gehirn, steigre unsre Hoffnungen und verbanne unsre Befürchtungen, schalte eine Weile jede Wirkung der Vernunft aus und beraube uns des Gebrauchs unsrer Glieder, bis wir in einen tiefen Schlaf versänken; freilich sei zuzugeben, dass wir immer krank und entmutigt erwachten, und dass der Gebrauch dieser Flüssigkeit uns mit Keimen der Schwäche fülle, so dass unser Leben unbehaglich und kurz sei.

Aber abgesehn von all dem ernähre sich die grosse Masse des Volks dadurch, dass sie den Reichen oder einander die Notdurft oder den Luxus des Lebens liefere; wenn ich zum Beispiel zu Hause sei und angezogen, wie es sich gehöre, so trüge ich auf meinem Leibe die Arbeit von hundert Gewerbetreibenden; der Bau und die Einrichtung meines Hauses beschäftige noch einmal so viel und der Putz meines Weibes die fünffache Zahl.

Ich wollte fortfahren und ihm von einer andern Klasse von Leuten erzählen, die sich ihren Unterhalt dadurch verdienen, dass sie die Kranken pflegen; denn ich hatte Seiner Gnaden gelegentlich schon mitgeteilt, dass viele Leute meiner Mannschaft an Krankheiten gestorben waren. Hier aber konnte ich ihm nur mit grösster Mühe verständlich machen, was ich meinte.

Er konnte sich leicht vorstellen, dass ein Houyhnhnm ein paar Tage vor seinem Tode schwach und schwerfällig wurde, oder dass er sich bei einem Unfall ein Glied brach. Dass aber die Natur, die alle Dinge zur Vollkommenheit bringt, sollte Schmerzen in unserm Körper nisten lassen, hielt er für unmöglich, und er wünschte die Ursache eines so unerklärlichen Übels zu wissen. Ich sagte ihm, wir nährten uns von tausend Dingen, die einander zuwider wirkten; wir ässen, wenn wir nicht hungrig wären, und tränken ohne den Anreiz des Durstes; wir sässen ganze Nächte lang beisammen und tränken starke Getränke, ohne einen Bissen dazu zu essen, und das mache uns zur Trägheit geneigt, entzünde uns den Leib und beschleunige oder verzögere die Verdauung. Feile weibliche Yahoos zögen sich eine bestimmte Krankheit zu, die in den Gebeinen derer, die sich ihren Umarmungen hingäben, Fäule erzeuge; und diese und andre Krankheiten pflanzten sich vom Vater auf den Sohn fort, so dass grosse Mengen mit komplizierten Krankheiten behaftet zur Welt kämen; ich würde zu keinem Ende kommen, wollte ich ihm ein Verzeichnis aller Krankheiten geben, die den menschlichen Leib befielen; denn ihrer würden nicht weniger als fünf- oder sechshundert sein, die sich über alle Glieder und Gelenke erstreckten; kurz, jeder innere und äussere Körperteil habe die ihm eigentümlichen Krankheiten bei uns. Und um denen abzuhelfen, gebe es unter uns eine Klasse von Menschen, die eigens in dem Beruf oder unter dem Vorwand, die Kranken zu heilen, ausgebildet würden. Und da ich selbst in dieser Kunst nicht unbewandert sei, so wollte ich Seinen Gnaden aus Dankbarkeit das ganze Geheimnis und die Methode kund tun, nach der sie verfahren.

»Ihr erster Grundsatz ist der, dass alle Krankheiten entspringen aus Überfüllung; und daraus ziehn sie den Schluss, dass zunächst eine grosse Entleerung des Leibes notwendig ist, und zwar entweder durch die natürlichen Kanäle oder nach oben hin durch den Mund. Ihre zweite Aufgabe aber ist die, aus Kräutern, Mineralien, Harzen, Ölen, Muscheln, Salzen, Säften, Seetang, Exkrementen, Baumrinden, Schlangen, Kröten, Fröschen, Spinnen und dem Fleisch und den Knochen toter Menschen, Vögel, Tiere und Fische eine Mixtur zusammenzustellen, die nach Geruch und Geschmack das Abscheulichste, Ekelhafteste, Widerwärtigste ist, was sie nur ersinnen können, und die der Magen sofort voll Abscheu wieder ausstösst; sie nennen sie ein Brechmittel; oder aber sie verordnen uns aus dem gleichen Vorratshaus, nur mit noch ein paar giftigen Zusätzen, eine die Eingeweide ebenso stark reizende und ihnen gleich widerwärtige Medizin, die wir (je nachdem, wie der Arzt gerade gestimmt ist) durch die obere oder untere Öffnung einzunehmen haben, und die den Bauch öffnet, indem sie alles vor sich hertreibt; und das nennen sie eine Purganz oder ein Klistier. Denn da die Natur (so behaupten die Ärzte) die obere Öffnung vorn nur für die Aufnahme fester und flüssiger Körper bestimmt hat, die untere Öffnung hinten aber für die Ausscheidung, so folgern diese Künstler daraus mit grossem Scharfsinn, dass die Natur, die bei allen Krankheiten aus ihrem Sitz vertrieben ist, in ihren Sitz wieder eingesetzt werden müsse; und zu dem Zweck muss der Körper in gerade entgegengesetzter Weise behandelt werden, indem man nämlich die Funktionen der Leibesöffnungen vertauscht und feste und flüssige Körper zum After hineinzwingt und die Entleerungen durch den Mund erfolgen lässt.

Abgesehn aber von den wirklichen Krankheiten leiden wir unter vielen, die nur eingebildet sind, und für die auch die Ärzte eingebildete Heilmethoden erfunden haben; die haben ihre verschiedenen Namen, und ebenso auch die Arzneien; und mit diesen Krankheiten sind unsre weiblichen Yahoos stets behaftet.

In einem zeichnet sich dieser Stamm ganz besonders aus, das ist die Sicherheit ihrer Prognostik, in der sie sich selten irren, denn ihre Prophezeiungen verkünden bei wirklichen Krankheiten, sobald sie irgendwie tückisch werden, im allgemeinen den Tod; und wenn sie keine Besserung erzielen können, so steht doch die Verwirklichung dieser Prophezeiung stets in ihrer Macht; und stellen sich also unerwartete Zeichen einer Besserung ein, nachdem sie ihren Spruch bereits gefällt haben, so wissen sie der Welt ihren Scharfblick, statt sich als falsche Propheten anklagen zu lassen, durch eine rechtzeitige Dosis zu beweisen.

Auch für Gatten und Ehefrauen, die ihrer Gefährten müde geworden sind, erstgeborne Söhne, grosse Staatsminister und oft selbst Fürsten sind sie von besonderm Nutzen.

Ich hatte schon früher mit meinem Herrn über das Wesen der Regierung im allgemeinen, und insbesondre von unsrer eignen ausgezeichneten Verfassung gesprochen, die mit Recht von der ganzen Welt angestaunt und beneidet wird. Doch da ich hier zufällig einen Staatsminister erwähnte, so befahl er mir einige Zeit darauf, ihm mitzuteilen, welche Art von Yahoos ich des genaueren unter dieser Bezeichnung verstände.

Ich sagte ihm, ein erster Staatsminister (und so nenne man die Persönlichkeit, die ich ihm zu schildern gedächte) sei ein Geschöpf, das völlig frei bleibe von Freude und Schmerz, Liebe und Hass, Mitleid und Zorn; wenigstens gebe es keinen andern Leidenschaften Spielraum ausser einer heftigen Gier nach Reichtum, Macht und Titeln; es verwende seine Worte in jedem Sinn, nur nicht in dem, der ausdrücken würde, was er denkt; es sage nie die Wahrheit, ausser in der Absicht, dass man sie für eine Lüge halten soll; nie eine Lüge, ausser in der Absicht, dass man sie für die Wahrheit halten soll; diejenigen, von denen es hinter ihren Rücken am schlechtesten spreche, seien der Beförderung am sichersten; und so oft es beginne, einen vor andern oder vor einem selber zu loben, sei man von diesem Tage an verloren. Das schlimmste Zeichen, das man erhalten könne, sei ein Versprechen, zumal wenn es durch einen Schwur bekräftigt werde; jeder kluge Mensch ziehe sich, wenn er das erhalte, sofort zurück und lasse alle Hoffnung fahren.

»Es gibt«, so sagte ich, »drei Methoden, durch die sich ein Mensch zum ersten Minister emporschwingen kann. Die erste besteht darin, dass man klug über sein Weib, oder über eine Tochter oder eine Schwester zu verfügen weiss; die zweite ist die, dass man seinen Vorgänger verrät oder unterminiert; und die dritte die, dass man in öffentlichen Versammlungen wütend gegen die Verderbtheiten des Hofes eifert. Ein weiser Fürst freilich wird es stets vorziehn, die zu wählen, die die letzte dieser drei Methoden befolgen; denn solche Eiferer erweisen sich stets als die ergebensten und willfährigsten Diener der Wünsche und Leidenschaften ihres Herrn. Diese Minister, die alle Ämter zur Verfügung haben, erhalten sich in der Macht, indem sie die Majorität eines Senats oder grossen Rats bestechen; und schliesslich sichern sie sich durch ein Auskunftsmittel, das man eine Indemnitätsakte nennt (und ich schilderte ihm, was das ist) vor jeder Nachrechnung, und wenn sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehn, sind sie beladen mit dem Raub der Nation.

Der Palast eines Ministers ist ein Seminar für die Ausbildung andrer in seinem Gewerbe: die Pagen, Lakaien und Lastträger werden dadurch, dass sie ihren Herrn nachahmen, auf ihren verschiedenen Gebieten selbst zu Staatsministern; und sie lernen, sich in den drei wichtigsten Eigenschaften: der Unverschämtheit, der Lüge und der Bestechung, auszuzeichnen; daher machen ihnen Leute der besten Stände in ihrer subalternen Sphäre den Hof, und bisweilen gelingt es ihnen vermöge ihrer Gewandtheit und Unverschämtheit, über mehrere Stufen hinweg zu Nachfolgern ihres Gebieters zu werden.

Er lässt sich in der Regel von einer heruntergekommenen Dirne oder einem Lieblingslakaien beherrschen, und die sind dann die Kanäle, durch die alle Gnadenbezeugungen gehen; und in letzter Instanz kann man sie als die Regenten des Königreichs bezeichnen.

Eines Tages machte mir mein Herr, als er hörte, dass ich den Adel meines Landes erwähnte, ein Kompliment, auf das ich keinen Anspruch erheben konnte: er sei nämlich überzeugt, dass ich einer vornehmen Familie entstammen müsse, da ich an Wuchs, Weisse und Sauberkeit alle Yahoos seines Landes überträfe; freilich scheine es mir an Kraft und Behendigkeit zu fehlen, doch das müsse an der Verschiedenheit unsrer Lebensweise im Vergleich zu diesen andern Bestien liegen, und ausserdem habe ich nicht nur die Gabe der Sprache, sondern ich besässe auch die Anfangsgründe der Vernunft in einem Grade, der mich für all seine Bekannten zu einem Wunder mache.

Er wies darauf hin, dass unter den Houyhnhnms die Schimmel, die Füchse und die Eisengrauen nicht genau so gestaltet seien wie die Braunen, die Apfelschimmel und die Rappen; auch würden sie nicht mit den gleichen Geistestalenten geboren, noch mit der Fähigkeit, sie zu steigern; deshalb blieben sie immer in dienendem Stande, ohne je ausserhalb ihrer Rasse nach einer Paarung zu streben, was in ihrem Lande auch als ungeheuerlich und unnatürlich gelten würde.

Ich sprach Seinen Gnaden meinen demütigsten Dank aus für die gute Meinung, die er von mir zu haben geruhte; doch versicherte ich ihm gleichzeitig, dass meine Geburt eine niedrige gewesen sei; ich hätte einfache, ehrliche Eltern gehabt, die nur eben imstande gewesen seien, mir eine erträgliche Erziehung zu geben. Der Adel sei bei uns etwas ganz andres, als was er sich darunter vorstelle; unsre jungen Adligen würden von Kindheit an in Müssiggang und Üppigkeit erzogen; sobald die Jahre es erlaubten, richteten sie ihre Kraft zu Grunde und zögen sich unter unzüchtigen Weibern scheussliche Krankheiten zu; und wenn ihr Vermögen fast vergeudet sei, so heirateten sie irgend eine Frau von niedriger Geburt, unangenehmer Erscheinung und ungesunder Konstitution, die sie hassen und verachten, einzig um des Geldes willen. Die Sprösslinge solcher Ehen seien im allgemeinen skrofulöse, gebrechliche und verwachsene Kinder, so dass sich die Familie selten über drei Generationen hinaus erhalte, es sei denn, die Frau sorge unter ihren Nachbarn oder Dienern, um die Rasse zu verbessern und fortzuführen, für einen gesunden Vater. Ein schwacher, verseuchter Körper, hagere Züge und bleiche Farbe seien die echten Zeichen adligen Bluts; und eine kräftige gesunde Erscheinung sei eine solche Schmach für einen vornehmen Mann, dass die Welt lieber den Schluss ziehe, sein wirklicher Vater sei ein Lakai oder ein Kutscher gewesen. Die Unvollkommenheiten seines Geistes aber liefen mit denen seines Leibes Hand in Hand; denn er sei eine Zusammensetzung von Verdriesslichkeit, Stumpfsinn, Unwissenheit, Laune, Sinnlichkeit und Hochmut.

Ohne die Einwilligung dieser erlauchten Körperschaft könne kein Gesetz gegeben, widerrufen oder geändert werden; und in ihrer Hand liege die Entscheidung über all unsern Besitz, und zwar in letzter Instanz.

Kapitel VII.

Des Verfassers grosse Liebe zu seiner Heimat. Seines Herrn Bemerkungen zur Verfassung und Verwaltung Englands, wie der Verfasser sie geschildert hatte; nebst Analogien und Vergleichen. Seines Herrn Bemerkungen über die Menschennatur.

Der Leser wird vielleicht geneigt sein, sich zu wundern, wie ich es über mich gewann, meine eigne Gattung so offen zu schildern, und das unter einem Geschlecht von Sterblichen, die bereits nur zu sehr gewillt waren, sich nach jener vollkommenen Übereinstimmung zwischen mir und ihren Yahoos die niedrigste Meinung von der Art der Menschen zu bilden. Doch ich muss aufrichtig gestehn, mir hatten die vielen Tugenden dieser ausgezeichneten Vierfüsser gegenüber den menschlichen Verderbtheiten wenigstens so weit die Augen geöffnet und den Verstand erweitert, dass ich die Handlungen und Leidenschaften der Menschen in sehr anderm Licht zu sehn und es für nicht mehr der Mühe wert zu halten begann, die Ehre meiner Gattung zu schonen. Es wäre mir das ohnehin nicht möglich gewesen, da ich vor einem Wesen von so scharfem Urteil stand, wie mein Herr es war; tagtäglich überzeugte er mich von tausend Fehlern in mir selber, von denen ich bisher nicht das geringste bemerkt hatte und die bei uns niemals unter die menschlichen Schwächen gezählt worden wären. Ich hatte durch sein Beispiel ferner den höchsten Abscheu vor jeder Unwahrheit und Verschleierung gelernt, und die Wahrhaftigkeit erschien mir als so liebenswert, dass ich beschloss, ihr alles zu opfern.

Der Leser möge mir erlauben, ganz aufrichtig gegen ihn zu sein und zu gestehn, dass ich noch ein stärkeres Motiv hatte, in meiner Darstellung der Dinge so offen zu verfahren. Ich hatte noch kein Jahr in diesem Lande gelebt, als ich schon eine solche Liebe und Verehrung für seine Einwohner empfand, dass ich fest entschlossen war, niemals unter die Menschen zurückzukehren, sondern den Rest meines Lebens in der Betrachtung und in der Übung aller Tugenden unter diesen wunderbaren Houyhnhnms zu verbringen; denn hier konnte mich kein Beispiel und kein Anreiz zum Laster treiben. Doch das Schicksal, mein ewiger Feind, hatte beschlossen, dass mir ein so grosses Glück nicht zufallen sollte. Immerhin tröstet mich jetzt der Gedanke ein wenig, dass ich in allem, was ich von meinen Landsleuten sagte, soweit ich es vor einem so streng prüfenden Auge wagen durfte, ihre Fehler milderte und einem jeden Punkt die vorteilhafteste Wendung gab, die das Thema nur zuliess. Denn wahrlich, welcher lebende Mensch würde nicht beherrscht von seiner Liebe und seiner Parteilichkeit für das Land seiner Geburt?

Ich habe den Inhalt mehrerer Unterredungen berichtet, die ich während des grössern Teils der Zeit, die ich in seinem Dienst zu verbringen die Ehre hatte, mit meinem Herrn geführt habe; doch habe ich um der Kürze willen noch viel mehr ausgelassen, als hier verzeichnet worden ist.

Als ich ihm all seine Fragen beantwortet hatte und seine Neugier völlig befriedigt schien, liess er mich eines Morgens in aller Frühe rufen und befahl mir, mich in einigem Abstand zu setzen (eine Ehre, die er mir noch nie erwiesen hatte); dann sagte er, er habe sich meine Geschichte, soweit sie sich auf mich und meine Heimat beziehe, sehr ernsthaft überlegt; er sehe in uns eine Art Tiere, denen, durch welchen Zufall, das könne er nicht erraten, eine kleine Spur von Vernunft zugefallen sei, von der wir keinen andern Gebrauch machten als den, mit seiner Hilfe unsre natürliche Korruption zu steigern, und uns eine neue zu erwerben, die die Natur uns nicht verliehen habe. Wir entwaffneten uns der wenigen Fähigkeiten, die sie uns mitgebe; wir hätten unsre ursprünglichen Bedürfnisse sehr erfolgreich vervielfältigt und schienen unser ganzes Leben mit vergeblichen Bemühungen hinzubringen, um sie durch unsre eignen Erfindungen zu befriedigen. Was mich selbst angehe, so sei es klar, dass ich weder die Kraft noch die Behendigkeit eines gewöhnlichen Yahoos besitze; ich gehe unsicher nur auf meinen Hinterfüssen; ich habe ein Mittel ersonnen, meine Krallen zu Gebrauch und Verteidigung ungeeignet zu machen und das Haar von meinem Kinn zu entfernen, während es doch bestimmt sei als Schutz gegen Sonne und Witterung. Schliesslich könne ich weder schnell laufen noch wie meine Brüder (so nannte er sie), die Yahoos seines Landes, Bäume erklettern.

Unsre Regierungs- und Gesetzeseinrichtungen seien offenkundig entsprungen aus unserm grossen Mangel an Vernunft und also auch an Tugend, denn die Vernunft allein genüge, ein vernünftiges Wesen zu regieren; deshalb könnten wir keinen Anspruch auf diesen Namen erheben, und das folge eben aus dem Bericht, den ich über mein Volk gegeben hatte, freilich merke er recht wohl, dass ich ihm, um sie nicht in zu ungünstigem Licht erscheinen zu lassen, noch viele Einzelheiten verhehle und oft ›sage, was nicht sei‹.

In dieser Meinung bestätige ihn die Beobachtung, dass, wie ich in jedem Zuge meiner Erscheinung mit andern Yahoos übereinstimme, ausser wo es zu meinem Nachteil sei, nämlich in der Kraft, der Schnelligkeit und Behendigkeit, der Kürze meiner Krallen und einigen andern Punkten, mit denen die Natur nichts zu tun habe – dass er ebenso auch nach der Schilderung, die ich ihm von unserm Leben, unsern Sitten und Handlungen entworfen habe, in unsrer geistigen Veranlagung grosse Ähnlichkeit entdecke. Er sagte, es sei bekannt, dass die Yahoos einander mehr hassten als jede andre Tiergattung; der meist angeführte Grund sei die Scheusslichkeit ihrer eignen Gestalt, die ein jeder bei allen andern erkenne, doch nicht bei sich selbst. Er habe deshalb begonnen, es nicht mehr für unweise zu halten, dass wir unsre Leiber verhüllten und vermöge dieser Erfindung einander viele unsrer eignen Missgestaltungen, die sonst kaum zu ertragen waren, verbärgen. Jetzt aber erkenne er, dass er sich geirrt hätte, und dass die Zänkereien der Bestien in seinem Lande derselben Ursache entsprängen wie die unsern, die ich ihm beschrieben habe. »Denn wenn man (so sagte er) mitten unter fünf Yahoos so viel Futter wirft, wie für fünfzig ausreichen würde, so werden sie, statt in Frieden zu fressen, übereinander herfallen, und ein jeder wird alles für sich verlangen; deshalb wird meist ein Diener in die Nähe gestellt, wenn sie draussen gefüttert werden; und die, die zu Hause bleiben, werden in genügenden Abständen von einander angebunden: wenn eine Kuh vor Alter oder durch einen Unfall stirbt, ehe ein Houyhnhnm sie sich für seine eignen Yahoos zu sichern vermag, so kommen die aus der Nachbarschaft in Herden herbei, um sich ihrer zu bemächtigen; und dann erfolge eine Schlacht, wie Du sie geschildert hast, und sie versetzen sich auf beiden Seiten mit ihren Krallen furchtbare Wunden, wenn sie auch selten imstande sind, einander zu töten, weil ihnen die geeigneten Werkzeuge fehlen, wie Ihr sie erfunden habt. Zu andern Zeiten sind auch schon ähnliche Schlachten ohne jede sichtliche Ursache zwischen den Yahoos verschiedener Gegenden ausgefochten worden; und die Yahoos eines Distrikts lauern dann auf jede Gelegenheit, um die eines andern zu überfallen, ehe sie gerüstet sind. Doch wenn sie erkennen, dass ihr Anschlag missglückt ist, so kehren sie nach Hause zurück und beginnen unter sich, was Du einen Bürgerkrieg nennst.

Auf einigen Feldern seines Landes gebe es gewisse leuchtende Steine von verschiedenen Farben, die die Yahoos leidenschaftlich liebten; und wenn ein Teil dieser Steine in der Erde stecke, wie es bisweilen vorkomme, so grüben sie ganze Tage lang mit ihren Klauen, um sie herauszuholen, und schleppten sie dann fort, um sie zu Haufen in ihren Ställen zu verbergen; immer aber blickten sie sich mit grosser Vorsicht um, weil sie fürchteten, ihre Gefährten möchten ihren Schatz entdecken. Mein Herr sagte, er habe nie den Grund dieses unnatürlichen Gelüsts entdecken können, da diese Steine einem Yahoo doch in nichts von Nutzen seien; jetzt aber glaube er, es entspringe demselben Prinzip der Habgier, die ich den Menschen zugeschrieben habe. Er habe einmal zur Probe einen Haufen solcher Steine von der Stelle entfernt, an der ein Yahoo sie vergraben hatte; und als das schmutzige Vieh seinen Schatz vermisste, habe es durch seine Klagen die ganze Herde an der Stelle zusammengerufen; es habe jammervoll aufgeheult, die andern gebissen und zerrissen und dann begonnen, hinzusiechen; es habe nicht mehr essen noch schlafen noch arbeiten wollen, bis er einem Diener befohlen hätte, die Steine insgeheim wieder in das gleiche Loch zu tun und wie zuvor zu verbergen; und als sein Yahoo sie gefunden hatte, habe er auf der Stelle seine Lebenslust und seine gute Laune zurückgewonnen, sie aber auch sorgfältig fortgeschleppt und in einem bessern Versteck verborgen; und seither sei er stets ein gutes Lasttier gewesen.

Mein Herr versicherte mir ferner, was ich auch selbst beobachten konnte, dass gerade in den Feldern, auf denen die leuchtenden Steine in Fülle vorkommen, die wildesten und zahlreichsten Schlachten ausgefochten werden, veranlasst durch dauernde Einbrüche von Seiten der benachbarten Yahoos.

Er sagte, es komme oft vor, dass, wenn zwei Yahoos einen solchen Stein auf einem Felde fänden und mit einander um seinen Besitz kämpften, ein dritter das ausnutzte und ihn beiden entführte; mein Herr bestand darauf, dass das eine gewisse Ähnlichkeit mit unsern Prozessen hätte, und ich hielt es für das bessere, ihn darin nicht aufzuklären, denn die Entscheidung, die er erwähnte, war weit gerechter als viele Wahrsprüche bei uns; dort verloren Kläger und Beklagter nichts als den Stein, um den sie kämpften, während unsre Gerichtshöfe einen Prozess nie fallen lassen würden, so lange noch einer von beiden irgend etwas besitzt.

Mein Herr fuhr in seiner Rede fort und sagte, nichts mache die Yahoos so scheusslich wie ihre wahllose Gier, alles zu verschlingen, was ihnen in den Weg komme, einerlei, ob es Kräuter, Wurzeln, Beeren, oder das verfaulte Fleisch von Tieren oder gar eine Mischung von allem sei; und es sei bezeichnend für ihren Charakter, dass ihnen mehr gefalle, was sie sich in der Ferne durch Raub oder Diebstahl verschafften, als die weit bessere Kost, die sie zu Hause erhielten. Solange ihre Beute vorhielte, frässen sie, bis sie bereit seien, zu bersten, dann aber habe die Natur ihnen eine bestimmte Wurzel gegeben, die eine allgemeine Entleerung zur Folge habe.

Es gebe noch eine andre Wurzel, die sei sehr saftig aber ein wenig selten und schwer zu finden; die Yahoos aber suchten sie mit grossem Eifer und saugten sie voll Entzücken aus; und sie habe auf sie dieselben Wirkungen, wie der Wein auf uns. Bald umarmten sie einander, wenn sie sie genossen hätten, und bald zerrissen sie sich; sie heulten dann und grinsten und schwätzten und schwankten und taumelten und schliefen schliesslich im Schlamm der Wege ein.

Ich konnte freilich beobachten, dass die Yahoos in diesem Lande die einzigen Tiere waren, die Krankheiten ausgesetzt blieben. Es waren aber viel weniger Krankheiten, als sie bei uns die Pferde haben; und sie waren nicht die Folge erfahrener schlechter Behandlung, sondern die der Unsauberkeit und Gier dieser scheusslichen Bestien. Auch hat die Sprache des Landes nur eine allgemeine Bezeichnung für diese Krankheiten, und sie ist dem Namen des Tieres entlehnt, denn sie lautet ›Hnea-Yahoo‹ oder die Yahookrankheit; das Heilmittel, das verordnet wird, besteht aus einer Mischung ihres eigenen Kots mit ihrem Urin, die man dem Yahoo mit Gewalt in die Kehle hinunterstopft. Ich habe es oft erlebt, dass dieses Mittel mit Erfolg angewandt wurde; und ich empfehle es zum allgemeinen Nutzen meinen Landsleuten als eine wundervolle Arznei gegen alle Krankheiten, die durch Übersättigung veranlasst sind.

Was die Gelehrsamkeit, die Regierung, die Künste, die Fabrikationstätigkeit und dergleichen angehe, sagte mein Herr, so könne er allerdings zwischen den Yahoos seines Landes und denen meiner Heimat wenig oder keine Ähnlichkeiten finden. Er gedenke nur anzuführen, welche Berührungspunkte er zwischen uns sehe. So habe er denn freilich von ein paar wissbegierigen Houyhnhnms behaupten hören, dass es in den meisten Herden eine Art regierenden Yahoos gebe (so wie bei uns in den Parks in der Regel ein Hirsch den Führer spielt); und der sei stets noch missgestalteteren Leibes und heimtückischeren Geistes als irgend einer der andern. Dieser Führer habe fast immer einen Günstling, der ihm selber so sehr gleiche, wie er nur zu finden sei; und dessen Amt sei es, seinem Herrn die Füsse und den Hintern zu lecken und ihm die weiblichen Yahoos in den Stall zu treiben; dafür werde er von Zeit zu Zeit mit einem Stück Eselsfleisch belohnt. Dieser Günstling werde von der ganzen Herde gehasst und halte sich deshalb zu seinem Schutz stets in der Nähe seines Führers auf. Er bleibe meist solange im Amt, bis sich ein noch Schlimmerer finden lässt; doch sowie er entlassen sei, käme sein Nachfolger an der Spitze aller Yahoos im Distrikt herbei, um ihn von Kopf zu Fuss mit ihrem Kot zu bekacken. Wie weit sich das auf unsre Höfe und deren Günstlinge und Staatsminister übertragen lasse, das, so sagte mein Herr, könne ich selbst am besten beurteilen.

Ich wusste auf diese boshafte Anspielung, die den Verstand der Menschen bis unter den Scharfsinn eines gemeinen Hundes erniedrigte, der immer noch Urteilskraft genug besitzt, dem Ruf des tüchtigsten im Rudel zu folgen, ohne dass er sich je darin irrt, nichts zu erwidern.

Mein Herr sagte mir, die Yahoos hätten noch einige auffallende Eigenschaften, die ich seines Wissens in dem Bericht über die Natur der Menschen nicht erwähnt oder doch nur sehr flüchtig berührt hätte. Er sagte, diese Tiere hätten gleich andern Bestien ihre Weibchen gemeinsam; doch unterschieden sie sich darin von ihnen, dass das Yahooweibchen das Männchen auch dann zu sich zu lassen pflege, wenn es trächtig sei; und die Männchen zankten und kämpften ebenso wild mit den Weibchen wie untereinander. Beide Bräuche zeugten von einem solchen Grad gemeiner Brutalität, wie ihn kein andres empfindendes Wesen je erreiche.

Ferner wundre er sich bei den Yahoos auch über ihre seltsame Neigung zur Unsauberkeit und zum Schmutz, während alle andern Tiere eine natürliche Liebe zur Reinlichkeit verrieten. Was die beiden ersten Anklagen anging, so liess ich sie mit Freuden ohne Antwort, da ich zur Verteidigung meiner Gattung kein einziges Wort zu sagen hatte, obwohl ich es sonst meiner eignen Neigung nach gewiss getan hätte. Aber sicherlich hätte ich das Menschengeschlecht von der Anklage reinigen können, dass es in dem letzten Punkt eine Ausnahme bilde, wenn nur ein Schwein in jenem Lande gelebt hätte (wie zu meinem Unglück keins vorhanden war): denn wenn es auch ein angenehmerer Vierfüsser ist als ein Yahoo, so kann ich doch in aller Demut, wenn ich gerecht sein will, nicht finden, dass es ihn an Sauberkeit übertrifft; das hätte auch Seine Gnaden selbst zugeben müssen, wenn er die schmutzige Art und Weise gesehn hätte, wie es frisst und wie es gewohnt ist, sich im Kot zu wälzen und zu schlafen.

Mein Herr erwähnte noch eine weitere Eigenschaft, die seine Diener bei mehreren Yahoos beobachtet hatten und die ihm völlig unerklärlich war. Er sagte, bisweilen komme einen Yahoo die Grille an, dass er sich in einen Winkel zurückziehe und sich niederlege und heule und stöhne und alle fortjage, die sich ihm nahten, und zwar obwohl er jung und fett sei und weder an Futter noch an Wasser Mangel leide; und auch seine Diener könnten sich nicht vorstellen, was ihn anfechten möge. Das einzige Heilmittel, das sie gefunden hätten, bestehe darin, ihn harte Arbeit verrichten zu lassen, denn dann komme er unfehlbar zur Besinnung. Ich schwieg aus Parteilichkeit für meine eigne Art; doch konnte ich hier deutlich die echten Keime der englischen Hypochondrie erkennen, die nur die Müssigen, Üppigen und Reichen packt; und wenn man sie derselben Kur unterwürfe, so wollte ich mich für die Heilung verbürgen.

Seine Gnaden hatten ferner beobachtet, dass ein Yahooweibchen oft hinter einer Bodenfalte oder einem Busch stand, um die jungen Männchen anzustarren, die vorüberkamen; und es zeigte sich bald und verbarg sich wieder und machte viele wunderliche Gesten und schnitt Grimassen; und immer habe man beobachtet, dass sie um diese Zeit sehr anstössig röche; und wenn dann eines der Männchen auf sie zukam, zog sie sich langsam zurück und drehte sich oft um und lief in gespielter Furcht an irgend eine entlegene Stelle, wohin das Männchen ihr, wie sie wusste, folgen würde.

Zu andern Zeiten, wenn etwa ein fremdes Weibchen kam, versammelten sich drei oder vier ihres eignen Geschlechts um sie und starrten sie an und schwätzten und grinsten und berochen sie von oben bis unten; und dann wandten sie sich mit Gesten ab, die Verachtung und Geringschätzung zu malen schienen.

Vielleicht mochte mein Herr in diesen Spekulationen, die er seinen eignen Beobachtungen und dem, was andre ihm mitgeteilt hatten, entnahm, ein wenig zu spitzfindig klügeln; aber ich konnte doch nicht umhin, mir mit einigem Staunen und grossem Schmerz zu sagen, dass offenbar die Keime der Unzucht, der Koketterie, der Scheelsucht und des Klatsches schon im Instinkt der Frauen lagen.

Ich erwartete von Augenblick zu Augenblick, dass mein Herr die Yahoos auch jener widernatürlichen Gelüste bezichtigen würde, wie sie bei uns in beiden Geschlechtern so verbreitet sind. Aber es scheint doch, dass die Natur als Schulmeisterin nicht ganz so erfahren war; diese feinern Genüsse auf unsrer Seite des Erdballs sind ausschliesslich das Erzeugnis der Kunst und der Vernunft.

Kapitel VIII.

Der Verfasser berichtet allerlei Einzelheiten über die Yahoos. Die grossen Tugenden der Houyhnhnms. Die Erziehung und die Leibesübungen ihrer Jugend. Die allgemeine Versammlung.

Wie ich die menschliche Natur viel besser verstehn musste, als mein Herr es meiner Meinung nach zu tun vermochte, so war es auch leicht, die Schilderung, die er mir von den Yahoos entwarf, auf mich und meine Landsleute anzuwenden; und ich glaubte, mit Hilfe eigner Beobachtung noch weitere Entdeckungen machen zu können. Ich bat deshalb oft um die Erlaubnis, in der Nachbarschaft unter die Yahooherden gehn zu dürfen; er willigte immer sehr huldvoll ein, da er fest davon überzeugt war, dass mich mein Hass gegen diese Bestien davor bewahren werde, mich von ihnen verderben zu lassen. Und Seine Gnaden befahl einem seiner Diener, einem kräftigen Fuchsklepper, der sehr ehrlich und gutmütig war, über mich zu wachen, denn ohne einen solchen Schutz konnte ich dergleichen Abenteuer nicht unternehmen. Ich habe dem Leser ja erzählt, wie sehr diese scheusslichen Tiere mich nach meiner Landung gequält hatten. Und auch später noch entging ich drei- oder viermal nur eben dem Schicksal, ihnen in die Klauen zu fallen, als ich mich ohne meinen Hirschfänger in die etwas weitere Umgebung gewagt hatte. Ich habe allen Grund zu glauben, dass sie sich irgendwie einbildeten, ich gehörte ihrer eignen Gattung an; und in dieser Vorstellung bestätigte ich sie oftmals selbst, indem ich, wenn mein Wächter dabei war, vor ihren Augen meine Ärmel aufstreifte und ihnen meine Arme und meine Brust nackt zeigte. Jedesmal kamen sie mir dann so nahe, wie sie es nur zu tun wagten, und ahmten wie Affen meine Bewegungen nach, doch stets unter den Zeichen grossen Hasses, so wie eine zahme Dohle mit Hut und Strümpfen stets von den wilden verfolgt wird, wenn sie unter sie gerät.

Sie sind von frühster Jugend an ungeheuer behend; doch fing ich mir einmal ein junges, dreijähriges Männchen und versuchte, es durch alle Zeichen der Zärtlichkeit zu beruhigen; aber der kleine Balg begann zu schreien und so heftig zu kratzen und zu beissen, dass ich gezwungen war, ihn loszulassen; und es war auch die höchste Zeit, denn auf den Lärm hin umringte uns eine ganze Herde von alten; als sie jedoch sahen, dass das Junge in Sicherheit war (es lief schon davon) und dass mein Fuchsklepper mich begleitete, wagten sie sich nicht in unsre Nähe. Ich bemerkte, dass das Fleisch des jungen Tieres sehr streng roch; der Gestank blieb etwa zwischen dem eines Wiesels und eines Fuchses, nur war er viel unangenehmer. Eine andre Einzelheit habe ich vergessen und vielleicht würde mir der Leser verzeihn, wenn ich sie ganz ausliesse; während ich nämlich das scheussliche kleine Gewürm in den Händen hielt, entleerte es mir seine schmutzigen, gelblich-flüssigen Exkremente über die ganzen Kleider; aber zu meinem Glück war ein kleiner Bach in unmittelbarer Nähe, wo ich mich so sauber abwusch, wie ich konnte; freilich wagte ich mich meinem Herrn nicht eher zu nahn, als bis ich genügend ausgelüftet war.

Nach allem, was ich herausbekommen konnte, sind die Yahoos die ungelehrigsten Geschöpfe unter allen Tieren, denn ihre Begabung reicht nie weiter, als dass sie Lasten ziehn oder tragen lernen. Doch bin ich der Meinung, dass dieser Mangel vor allem einem verderbten, widerspenstigen Charakter entspringt. Denn sie sind listig, tückisch, verräterisch und rachsüchtig. Sie sind stark und verwegen, aber von feiger Gesinnung und also unverschämt, gemein und grausam. Man hat beobachtet, dass in beiden Geschlechtern die Rothaarigen zügelloser und heimtückischer sind als die andern, die sie doch auch an Kraft und Behendigkeit weit übertreffen.

Die Houyhnhnms halten die Yahoos, die sie jeweils brauchen, in Hütten nicht weit vom Hause entfernt; den Rest aber schickt man auf gewisse Felder hinaus, wo sie sich Wurzeln ausgraben, gewisse Kräuter fressen und nach Aas suchen; bisweilen fangen sie sich auch ein Wiesel oder ein ›Luhimuh‹ eine Art wilder Ratte, die sie gierig verschlingen. Die Natur hat sie gelehrt, sich auf dem Hang geneigten Bodens mit den Nägeln tiefe Höhlen zu graben, in denen sie einzeln liegen; nur die Löcher der Weibchen sind grösser, so dass sie zwei oder drei Junge aufnehmen können.

Sie schwimmen von Kindheit an wie Frösche und können lange unter Wasser bleiben, wo sie sich oft Fische fangen, die die Weibchen ihren Jungen mit nach Hause nehmen. Und bei dieser Gelegenheit wird mir der Leser verzeihn, wenn ich hier ein wunderliches Abenteuer einschalte.

Als ich eines Tages bei sehr heissem Wetter mit meinem Wächter, dem Fuchs, unterwegs war, bat ich ihn, er möchte mich in einem nahen Strom baden lassen. Er willigte ein, und ich zog mich auf der Stelle splitternackt aus, um dann langsam ins Wasser zu steigen. Nun traf es sich, dass ein junges Yahooweibchen hinter einem Damm stand und den ganzen Vorgang mit ansah; von Begierde entflammt, so wenigstens vermuteten der Fuchsklepper und ich, kam sie plötzlich in aller Geschwindigkeit herbeigerannt und sprang, keine fünf Ellen von der Stelle, wo ich badete, entfernt, ins Wasser. Ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht wieder so erschrocken; der Fuchs graste in einigem Abstand, ohne etwas Arges zu argwöhnen. Sie umarmte mich in der unflätigsten Weise; ich brüllte auf, so laut ich konnte, und der Fuchs kam herbeigaloppiert, worauf sie mich in äusserstem Widerstreben losliess und auf das gegenüberliegende Ufer sprang, wo sie starrend und heulend stehn blieb, bis ich mir die Kleider angezogen hatte.

Das gab für meinen Herrn und die Seinen Stoff zum Lachen; für mich aber war es eine grosse Demütigung. Denn jetzt konnte ich nicht länger leugnen, dass ich in jedem Zug und Glied ein richtiger Yahoo war; hatten doch selbst die Weibchen eine natürliche Neigung zu mir, wie zu einem ihrer eignen Art. Und dabei war das Haar dieser Bestie nicht einmal rot gewesen, das hätte noch als eine kleine Entschuldigung für ein etwas unnatürliches Gelüst gelten können, sondern schwarz wie eine Schlehe, und ihre Züge ergaben ein nicht ganz so scheussliches Gesamtbild, wie die der andern ihrer Art, denn mir scheint, sie kann nicht über elf Jahre alt gewesen sein.

Da ich nun drei Jahre in diesem Lande gelebt habe, so wird der Leser, dünkt mich, erwarten, dass ich ihm gleich andern Reisenden auch über die Sitten und das Wesen der Einwohner Bericht erstatte, die denn zu studieren auch mein Hauptbestreben war.

Da diese edlen Houyhnhnms von der Natur mit einem allgemeinen Hang zu allen Tugenden begabt sind und keine Begriffe oder Vorstellungen von dem haben, was bei einem vernünftigen Wesen schlecht sein kann, so ist es auch ihr Hauptgrundsatz, die Vernunft zu kultivieren und sich ganz von ihr leiten zu lassen. Auch ist bei ihnen die Vernunft nichts Problematisches wie bei uns, wo ein Mensch ohne Widersinn für beide Seiten einer Frage reden kann; sondern sie überzeugt unmittelbar, wie sie es notwendig tun muss, wo sie nicht von Leidenschaft oder Interesse getrübt, verdunkelt oder verfärbt wird. Ich entsinne mich, dass ich nur mit grosser Schwierigkeit meinem Herrn den Sinn des Wortes ›Meinung‹ begreiflich machen konnte, und ebenso, wie etwas strittig sein kann; denn die Vernunft lehrt uns, nur da zu behaupten oder zu leugnen, wo wir Gewissheit haben; und jenseits unsres Wissens können wir weder das eine noch das andre tun. Daher sind Streitigkeiten, Zänkereien, Debatten und Behauptungen falscher oder zweifelhafter Sätze unter den Houyhnhnms unbekannte Übel. Ebenso pflegte er, wenn ich ihm unsre verschiedenen Systeme der Naturgeschichte auseinandersetzte, laut darüber zu lachen, dass ein Geschöpf, während es doch auf Vernunft Anspruch mache, sich damit brüsten könne, die Vermutungen andrer zu kennen, und noch dazu bei Dingen, in denen jenes Wissen, wenn es ein sicheres Wissen wäre, nutzlos bleiben müsste. Darin stimmte er vollkommen mit der Gesinnung des Sokrates überein, wie Plato sie uns überliefert; ich erwähne das als die höchste Ehre, die ich jenem Fürsten der Philosophen antun kann. Ich habe mir oft überlegt, welche Zerstörung eine solche Lehre in den Bibliotheken Europas anrichten könne, und wie viele Pfade zum Ruhm sie der gelehrten Welt schliessen würde.

Freundschaft und Wohlwollen sind die beiden Haupttugenden unter den Houyhnhnms; und sie sind nicht auf einzelne Wesen beschränkt, sondern dem ganzen Geschlecht gemeinsam. Denn ein Fremdling aus der entlegensten Gegend wird genau so behandelt, wie der nächste Nachbar, und wohin er auch gehe, er sieht sich überall als zu Hause an. Sie beobachten im höchsten Grade Anstand und Höflichkeit, aber sie wissen absolut nichts von Förmlichkeiten. Sie kennen keinerlei Schwärmerei für ihre Jungen oder Fohlen; sondern die Sorgfalt, die sie auf ihre Erziehung verwenden, entspringt einzig den Diktaten der Vernunft; und ich habe beobachten können, dass mein Herr der Nachkommenschaft seines Nachbarn genau die gleiche Herzlichkeit bezeugte, wie seiner eignen. Sie behaupten, die Natur lehre sie, die ganze Gattung zu lieben, und nur die Vernunft mache da einen Unterschied zwischen Einzelwesen, wo ein überlegener Grad von Tugend vorhanden ist.

Wenn die Frauen der Houyhnhnms ein Füllen von jedem Geschlecht geboren haben, so gesellen sie sich ihren Gatten nicht mehr, es sei denn, dass sie durch irgend einen Unfall eins ihrer Jungen verlieren, was jedoch selten geschieht; dann aber kommen sie nochmals zusammen, oder, wenn ein solcher Unfall einem Houyhnhnm zustösst, dessen Weib über die Zeit des Gebährens hinaus ist, so übergibt ihm ein andres Paar eins seiner Füllen, um von neuem miteinander zu verkehren, bis die Mutter wieder schwanger ist. Diese Vorsicht ist notwendig, damit das Land nicht mit zu grossen Mengen überlastet wird. Doch das Geschlecht der niedrigeren Houyhnhnms, die zu Dienern erzogen werden, kennt in diesem Punkte keine so strengen Vorschriften; die dürfen von jedem Geschlecht drei Junge hervorbringen, damit sie in den vornehmen Familien Dienstboten werden.

Bei ihren Eheschliessungen wählen sie sehr sorgfältig solche Farben aus, die beim Nachwuchs keine unangenehmen Mischungen ergeben. Beim Männchen wird der Hauptwert auf Kraft gelegt, beim Weibchen auf Stattlichkeit; nicht im Interesse der Liebe, sondern um die Rasse vor der Entartung zu bewahren; denn wenn ein Weibchen sich durch seine Kraft auszeichnet, wird das Männchen mit Rücksicht auf die Schönheit ausgesucht. Werbung, Liebe, Geschenke, Wittum, Mitgift spielen in ihren Gedanken keine Rolle; sie haben in ihrer Sprache nicht einmal Worte, um sie zu benennen. Das junge Paar findet sich und wird verbunden, weil ihre Eltern und Freunde es so beschlossen haben; sie sehn jeden Tag, dass es so geschieht, und sehn es als eine der notwendigen Handlungen eines vernunftbegabten Wesens an. Ehebruch aber oder sonstige Unkeuschheit sind niemals bekannt geworden: und das verheiratete Paar verbringt sein Leben in derselben Freundschaft und in dem gleichen gegenseitigen Wohlwollen, das sie allen Mitgliedern ihrer Gattung entgegenbringen, die ihnen in den Weg kommen: ohne Eifersucht, närrische Liebe, Zank oder Unzufriedenheit.

In der Erziehung ihrer Jugend befolgen sie eine ausgezeichnete Methode, die unsre Nachahmung im höchsten Grade verdient. Die Jungen dürfen ausser an gewissen Tagen bis zu ihrem achtzehnten Jahr kein Korn Hafer kosten; und auch Milch nur sehr selten. Im Sommer grasen sie morgens zwei Stunden und abends zwei Stunden, und diese Zeit beobachten auch die Eltern; aber den Dienern erlaubt man nur die Hälfte dieser Zeit, und ein grosser Teil ihres Grases wird ihnen ins Haus geschafft, damit sie es zu gelegener Stunde essen, wenn man sie am besten bei der Arbeit entbehren kann.

Mässigkeit, Fleiss, Leibesübung und Sauberkeit sind die Lehren, die den Jungen beider Geschlechter gleichermassen eingeschärft werden: und mein Herr fand es ungeheuerlich, dass wir den Weibchen eine andre Erziehung geben als den Männchen, es sei denn in einigen Punkten der Hausverwaltung. Dadurch, so bemerkte er mit Recht, wäre ja die Hälfte unsrer Eingeborenen zu nichts nütze, als um Kinder in die Welt zu setzen; und dass man die Sorge für seine Kinder so nutzlosen Wesen anvertraute, sagte er, sei ein noch grösseres Zeichen tierischer Dummheit.

Doch die Houyhnhnms entwickeln in ihren Jungen Kraft, Geschwindigkeit und Mut, indem sie sie darin üben, steile Hügel hinauf und hinab Rennen zu veranstalten, und ebenso auf hartem steinigem Boden; und wenn sie alle in Schweiss sind, so lassen sie sie Hals über Kopf in einen Teich oder Fluss springen. Viermal im Jahr kommen die Jungen jeden Distrikts zusammen, um ihre Fortschritte im Laufen und Springen und andern Leistungen der Kraft und Behendigkeit zu zeigen; der Sieger wird dann durch ein Lied belohnt, das zu seinem oder ihrem Preise gedichtet wird. Bei diesem Fest treiben die Diener eine Herde Yahoos mit Heu und Hafer und Milch ins Feld, und die Houyhnhnms halten ein Gastmahl ab; dann aber werden die Bestien auf der Stelle wieder fortgejagt, weil man fürchtet, sie könnten der Gesellschaft lästig fallen.

In jedem vierten Jahr findet um die Zeit der Frühjahrstagundnachtgleiche eine repräsentative Versammlung der ganzen Nation statt; sie tritt in einer Ebene zusammen, die etwa zwanzig Meilen von unserm Haus entfernt lag, und sie dauert etwa fünf bis sechs Tage. Hier wird der Stand und die Lage eines jeden Distrikts untersucht und festgestellt, ob er mit Heu, Hafer, Kühen und Yahoos reichlich oder ungenügend versehen ist. Und wo irgend welcher Mangel auftritt, was recht selten der Fall ist, da wird ihm sogleich durch allgemeinem Beschluss und allgemeinem Beitrag abgeholfen. Hier wird auch die Verteilung der Kinder erledigt: wenn zum Beispiel ein Houyhnhnm zwei Männchen hat, so tauscht er eins mit einem andern aus, der zwei Weibchen hat; und wenn durch einen Unfall ein Kind verloren ging, die Mutter aber über die Zeit des Gebärens hinaus ist, so wird bestimmt, welche Familie des Distrikts ein neues zu erzeugen hat, um den Verlust wieder auszugleichen.

Kapitel IX.

Eine grosse Debatte in der allgemeinen Versammlung der Houyhnhnms und wie sie abschliesst. Die Gelehrsamkeit der Houyhnhnms. Ihre Gebäude. Die Art ihrer Begräbnisse. Die Mängel ihrer Sprache.

Eine jener grossen Versammlungen wurde auch zu meiner Zeit abgehalten, und zwar etwa drei Monate vor meinem Aufbruch; mein Herr besuchte sie als Vertreter unsres Distrikts. In dieser Ratsversammlung wurde ihre alte Debatte wieder aufgenommen, und es war die einzige Debatte, die es je in jenem Lande gegeben hat; nach seiner Rückkehr erstattete mein Herr mir darüber sehr genauen Bericht.

Die Frage, die zu erörtern war, war die, ob die Yahoos vom Angesicht der Erde zu vertilgen seien. Einer von denen, die diese Frage bejahten, führte allerlei Argumente von grosser Kraft und viel Gewicht an; er sagte, wie der Yahoo das schmutzigste, ekelhafteste und missgestaltetste Tier sei, das die Natur je hervorgebracht habe, so sei es auch das widerspenstigste und ungelehrigste, das schädlichste und heimtückischste: er söge heimlich den Kühen der Houyhnhnms die Euter leer, töte und fresse ihre Katzen, trete ihnen Hafer und Gras zu Boden, wenn er nicht beständig überwacht werde, und begehe tausend andre Ausschweifungen. Er erwähnte eine allgemeine Tradition, dass es nicht immer Yahoos im Lande gegeben hätte; vielmehr seien vor vielen Generationen zwei dieser Bestien gemeinsam auf einem Berge aufgetaucht; ob nun erzeugt von der Hitze der Sonne aus faulendem Schlamm und Schleim oder aus dem Schaum und den Blasen des Meeres, das sei nie bekannt geworden. Diese Yahoos hätten gezeugt, und ihre Brut sei in kurzer Zeit so zahlreich geworden, dass sie das ganze Land überschwemmt und verseucht hätten. Die Houyhnhnms hätten, um sich von diesem Übel zu befreien, eine allgemeine Jagd veranstaltet und schliesslich die ganze Herde eingeschlossen; und sie hätten die Älteren vernichtet, aber zwei Junge habe ein jeder Houyhnhnm in seinem Stall behalten, wo er sie so weit gezähmt habe, wie sich ein von Natur so wildes Tier überhaupt nur zähmen lässt; so seien sie denn als Last- und Zugtiere nutzbar gemacht worden. An dieser Überlieferung scheine viel Wahres zu sein; denn ›Ylnhniamshy‹ (oder ›aborigines‹ des Landes) könnten diese Geschöpfe schon deshalb nicht sein, weil die Houyhnhnms und alle andern Tiere ihnen einen so heftigen Hass entgegenbrächten; und obwohl ihr schlechter Charakter ihn zur Genüge verdiente, hätte er doch nie eine solche Höhe erreichen können, wenn sie Ureinwohner gewesen wären, oder sie wären längst ausgerottet worden. Die Eingeborenen aber hätten, da sie Gefallen daran fanden, die Dienste der Yahoos zu benutzen, sehr unkluger Weise versäumt, die Eselzucht zu kultivieren; der Esel sei ein schönes Tier, leicht zu halten, zahmer und lenksamer, ohne widerlichen Geruch und stark genug für die Arbeit, wenn er den andern auch an Leibesbehendigkeit nachstehe; und wenn sein Iahen auch kein angenehmer Laut sei, so sei er doch dem grauenhaften Geheul der Yahoos bei weitem vorzuziehen.

Mehrere andre gaben ihre Meinung im gleichen Sinne ab; mein Herr aber schlug der Versammlung ein Auskunftsmittel vor, zu dem er die Anregung von mir entlehnt hatte. Er stimmte der von dem ehrenwerten Mitglied, seinem Vorredner, erwähnten Überlieferung bei und versicherte, die beiden ersten Yahoos, die angeblich bei ihnen gesehn wurden, seien übers Meer her zu ihnen getrieben worden; als sie ans Land kamen und von ihren Gefährten verlassen wurden, hätten sie sich in die Berge zurückgezogen, seien allmählich entartet und im Laufe der Zeit viel wilder geworden, als es die Wesen ihrer Gattung in dem Lande, aus dem diese beiden Stammväter kamen, je waren. Er begründete diese Behauptung damit, dass er jetzt einen gewissen wunderbaren Yahoo (er meinte mich) im Besitz hätte, von dem die meisten von ihnen gehört hätten, und viele hätten ihn auch gesehn. Er berichtete ihnen dann, wie er mich zuerst gefunden hatte; dass mein Leib ganz mit einer künstlichen Zusammensetzung der Felle und des Haars andrer Tiere bedeckt sei; dass ich eine eigne Sprache spräche und die ihre vollkommen erlernt hätte; dass ich ihm berichtet hätte, durch welche Unfälle ich hierher gekommen sei; dass ich, wenn man mich nackt sähe, ohne meine Hüllen, in jedem Körperteil genau einem Yahoo gliche; nur sei ich von weisserer Farbe, weniger stark behaart und habe kürzere Krallen. Er fügte hinzu, ich hätte versucht, ihn zu überreden, dass in meiner Heimat und in andern Ländern die Yahoos die Rolle des regierenden, vernünftigen Tieres spielten und die Houyhnhnms in Knechtschaft hielten; er erkenne an mir alle Eigenschaften eines Yahoos, nur seien sie ein wenig mehr zivilisiert, und zwar vermöge einer Spur von Vernunft, die jedoch hinter der Vernunft der Rasse der Houyhnhnms etwa ebensoweit zurückstehe, wie die Yahoos ihres Landes hinter mir zurückblieben. Nun hätte ich ihm gegenüber unter andern Dingen auch eine bei uns herrschende Sitte erwähnt, nach der wir die Houyhnhnms kastrierten, so lange sie jung seien, um sie zahm zu machen; die Operation sei leicht und ungefährlich; es sei keine Schande, von vernunftlosen Tieren Weisheit zu lernen; denn Fleiss lehre die Ameise, die Schwalbe die Baukunst. (Ich gebe das Wort ›Lyhannh‹ mit ›Schwalbe‹ wieder, obwohl es einen weit grössern Vogel bezeichnet.) Diese Erfindung könne man bei den jüngeren Yahoos anwenden, und sie werde sie nicht nur lenksamer und für die Arbeit tauglicher machen, sondern auch in einer einzigen Generation der ganzen Rasse ein Ziel setzen, ohne dass man Leben vernichte. Inzwischen sollte man die Houyhnhnms ermahnen, die Eselzucht zu betreiben; denn abgesehn davon, dass der Esel ein in jeder Hinsicht wertvolleres Tier sei, biete er noch diesen Vorteil, dass er mit fünf Jahren diensttauglich werde, der Yahoo aber nicht unter zwölf.

Das war alles, was mein Herr mir damals von den Vorgängen im Grossen Rat mitzuteilen für gut fand. Es beliebte ihm, mir eine Einzelheit zu verhehlen, die sich auf mich persönlich bezog; ich hatte bald, wie es der Leser an seiner Stelle erfahren wird, die unglücklichen Wirkungen der Debatten zu spüren, und von dem Tage an datiere ich alles folgende Unglück meines Lebens.

Die Houyhnhnms kennen keine Schrift, und also ist ihr ganzes Wissen Überlieferung. Da jedoch bei einem so gut geeinigten und von Natur so sehr zur Tugend neigenden Volk, das sich ganz von der Vernunft leiten lässt und vom Verkehr mit allen andern Nationen abgeschnitten ist, nur wenig Ereignisse von irgend welcher Bedeutung vorkommen, so lässt sich der historische Teil ihres Wissens leicht behalten, ohne ihr Gedächtnis zu überlasten. Ich habe bereits bemerkt, dass sie keinen Krankheiten ausgesetzt sind und also keine Ärzte nötig haben. Doch besitzen sie ausgezeichnete Arzneien, die aus Kräutern bestehn, um gelegentliche Quetschungen oder Schnitte, wie scharfe Steine sie an der Fessel oder der Gabel des Fusses hervorrufen, und alle andern Schäden und Verletzungen an den verschiedenen Körperteilen zu heilen.

Sie berechnen das Jahr nach dem Umlauf der Sonne und des Mondes, doch kennen sie keine Untereinteilung in Wochen. Mit den Bewegungen dieser beiden Himmelskörper sind sie recht genau bekannt, und sie verstehn das Wesen der Verfinsterungen; das aber ist die Grenze ihres astronomischen Wissens.

In der Dichtung muss man ihnen den Vorrang vor allen andern Sterblichen zuerkennen; ihre treffenden Gleichnisse und die bis ins Kleinste hinein gehende Genauigkeit ihrer Schilderungen sind wirklich unnachahmlich. Ihre Verse sind reich an beidem, und sie enthalten fast immer eine erhabne Schilderung der Freundschaft und des Wohlwollens, oder sie singen das Lob derer, die in Wettrennen und andern Leibesübungen einen Sieg davongetragen haben. Ihre Bauten sind, obwohl sehr roh und einfach, doch nicht unbehaglich und trefflich dazu geeignet, sie vor aller Unbill der Hitze und Kälte zu schützen. Sie haben einen bestimmten Baum, der sich mit seinem vierzigsten Jahr in der Wurzel löst und beim ersten Sturm stürzt; er hat einen sehr graden Wuchs, und nachdem man ihn mit einem scharfen Stein wie einen Pfahl zugespitzt hat, denn den Gebrauch des Eisens kennen die Houyhnhnms nicht, stecken sie die Stämme in einem Abstand von etwa zehn Zoll in den Boden, und flechten dann Haferstroh oder bisweilen auch Weidenruten hinein. Das Dach wird auf die gleiche Art und Weise gemacht, und ebenso die Türen.

Die Houyhnhnms benutzen den hohlen Teil zwischen Fessel und Huf ihrer Vorderfüsse, wie wir die Hände benutzen; und zwar tun sie es mit grösserer Gewandtheit, als ich es mir zunächst vorstellen konnte. Ich habe selbst gesehn, wie eine weisse Stute aus unserm Hause mit diesem Gelenk eine Nadel (die ich ihr eigens lieh) einfädelte. In gleicher Weise melken sie ihre Kühe, ernten ihren Hafer und verrichten alle Arbeit, die Hände erfordert. Sie haben einen gewissen harten Feuerstein, aus dem sie durch Reibung an andern Steinen Werkzeuge formen, die als Brecheisen, Axt und Hammer dienen. Auch ihr Heu und ihren Hafer, der auf mehreren Feldern wild wächst, ernten sie mit Geräten, die aus diesem Flintstein gemacht sind. Die Yahoos ziehn die Garben auf Wagen nach Hause, und die Dienstboten stampfen sie, um das Korn zu gewinnen, das in Vorratshäusern aufgespeichert wird, in gewissen eingedeckten Hütten aus. Sie stellen auch eine Art roher irdener und hölzerner Gefässe her und brennen jene an der Sonne.

Wenn sie allen Unfällen entgehn, sterben sie nur vor Alter, und begraben werden sie an den dunkelsten Stellen, die man finden kann; Freunde und Verwandte geben bei der Trennung weder einer Freude noch einem Schmerz Ausdruck; und auch der Sterbende verrät nicht das geringste Bedauern darüber, dass er die Welt verlässt, so wenig, wie wenn er von einem Besuch bei einem seiner Nachbarn nach Hause zurückkehrte. Ich entsinne mich, dass mein Herr einmal mit einem Freund und seiner Familie verabredet hatte, sie sollten ihn in einer wichtigen Angelegenheit in seinem Hause besuchen; an dem festgesetztem Tage kam das Weib mit ihren beiden Kindern sehr spät; sie entschuldigte sich doppelt; zunächst wegen ihres Gatten, der, wie sie sagte, gerade an diesem Morgen genötigt gewesen war, zu ›schnuwnh‹. Das Wort ist in ihrer Sprache sehr ausdrucksvoll, aber es lässt sich in unsrer nicht leicht wiedergeben; es bedeutet etwa: ›sich zu seiner ersten Mutter zurückziehn‹. Ihre Entschuldigung für ihre Verspätung aber bestand darin, dass ihr Gatte erst spät am Morgen gestorben war und sie lange mit ihren Dienern über eine passende Stelle beraten hatte, wo sein Leichnam untergebracht werden sollte. Ich konnte beobachten, dass sie sich in unserm Hause ebenso heiter benahm, wie alle andern. Sie starb etwa drei Monate darauf.

Im allgemeinen leben sie siebzig oder fünfundsiebzig Jahre; sehr selten werden sie achtzig: einige Wochen vor ihrem Tode spüren sie einen allmählichen Verfall, der jedoch nicht von Schmerzen begleitet ist. Während dieser Zeit werden sie viel von ihren Freunden besucht, weil sie nicht mehr mit der gewohnten Leichtigkeit und Zufriedenheit ausgehn können. Zehn Tage vor ihrem Tode aber, den sie selten falsch berechnen, erwidern sie bei ihren nächsten Nachbarn die ihnen gemachten Besuche; sie lassen sich dann auf einem bequemen Schlitten von Yahoos ziehn; dieses Fuhrwerk benutzen sie nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern, wenn sie alt werden, bei allen langen Reisen überhaupt; und ebenso, wenn sie durch einen Unfall gelähmt sind. Und wenn die sterbenden Houyhnhnms diese Besuche erwidern, nehmen sie feierlich Abschied von ihren Freunden, als zögen sie in eine entlegene Gegend des Landes, wo sie den Rest ihres Lebens zu verbringen gedenken.

Ich weiss nicht, ob es der Mühe lohnt, zu bemerken, dass die Houyhnhnms in ihrer Sprache kein Wort haben, um irgend ein Übel zu benennen, ausser den Worten, die sie den schlimmen Eigenschaften und der Hässlichkeit der Yahoos entlehnen. So bezeichnen sie die Narrheit eines Dieners, die Unterlassungssünde eines Kindes, den Stein, der ihnen die Füsse zerschneidet, lange anhaltendes oder der Jahreszeit nicht entsprechendes schlechtes Wetter, indem sie dem jeweiligen Wort das Epitheton Yahoo hinzufügen. Zum Beispiel sagen sie ›Hhnm-Yahoo‹, ›Whnaholm-Yahoo‹, ›Ynlhmndwihlma-Yahoo‹; und ein schlecht gebautes Haus nennen sie ›Ynholmhnmrohlnw-Yahoo‹.

Ich könnte mich mit grossem Vergnügen noch weiter über die Sitten und Tugenden dieses ausgezeichneten Volkes auslassen; doch da ich binnen kurzem ohnehin ein eignes Buch über dieses Thema zu veröffentlichen gedenke, so verweise ich den Leser darauf. Und zugleich gehe ich jetzt zum Bericht von meiner traurigen Katastrophe über.

Kapitel X.

Des Verfassers Haushalt und glückliches Leben unter den Houyhnhnms. Welche grossen Fortschritte er durch den Verkehr mit ihnen in der Tugend machte. Seine Gespräche mit ihnen. Dem Verfasser wird von seinem Herrn verkündet, dass er das Land verlassen muss. Er fällt vor Schmerz in Ohnmacht, fügt sich aber. Er entwirft und vollendet mit Hilfe eines Mitbediensteten ein Boot und sticht aufs Geratewohl in See.

Ich hatte mir meinen kleinen Haushalt nach Herzenslust eingerichtet. Mein Herr hatte mir nach dem Vorbild ihrer Häuser etwa sechs Ellen von seinen Räumen entfernt eine Kammer bauen lassen; Wände und Boden dichtete ich mit Lehm ab und bedeckte sie mit selbstgemachten Binsenmatten. Ich hatte mir Hanf geschlagen, der dort wild wächst, und mir eine Art Zwillich daraus gemacht; den füllte ich mit den Federn verschiedener Vögel, die ich in Schlingen aus Yahoohaar gefangen hatte und die eine treffliche Nahrung ergaben. Mit meinem Messer hatte ich mir zwei Stühle hergestellt, und der Fuchsklepper hatte mir bei der gröbern und anstrengendern Arbeit geholfen. Als meine Kleider in Fetzen zerfielen, machte ich mir aus den Fellen von Kaninchen neue; ich benutzte dazu auch das Fell eines gewissen, sehr schönen Tieres von derselben Grösse, das ›Nnuhnoh‹ heisst und dessen Haut mit einem feinen Flaum bedeckt ist; aus diesen Fellen machte ich mir auch ganz erträgliche Strümpfe. Meine Schuhe besohlte ich mir mit Holz, das ich von einem Baum abschnitt und dem Oberleder anpasste; und als das Oberleder verbraucht war, schuf ich mir Ersatz aus den Häuten von Yahoos, die ich an der Sonne dörrte. Oft holte ich mir aus hohlen Bäumen Honig, den ich mit Wasser mischte oder mit meinem Brot ass. Niemand hat je die Wahrheit dieser beiden Grundsätze: »Die Natur ist leicht zufriedengestellt« und: »Die Not ist die Mutter der Erfindung« sicherer bestätigen können. Ich genoss vollkommene leibliche Gesundheit und geistige Ruhe; ich fühlte nie den Verrat oder die Untreue eines Freundes noch auch die schlimmen Anschläge eines geheimen oder offenen Feindes. Ich hatte keine Gelegenheit, zu bestechen, zu schmeicheln oder zu kuppeln, um mir die Gunst eines grossen Mannes oder seines Lieblings zu verschaffen. Ich bedurfte keines Schutzes wider Betrug oder Bedrückung; hier war kein Arzt, der meinen Leib zugrunde richtete, und kein Anwalt, der mein Vermögen vernichtete; kein Denunziant belauerte meine Worte und Handlungen, keiner erlog gegen Lohn Anklagen gegen mich. Hier waren keine Spötter, Tadler, Verleumder, Taschendiebe, Strassenräuber, Einbrecher, Advokaten, Kuppler, Hanswürste, Spieler, Politiker, Witzemacher, Hypochonder, keine langweiligen Schwätzer, Disputanten, Entführer, Mörder, Räuber und Kunstkenner; keine Parteiführer, und Anhänger; keine Leute, die durch Verführung oder Beispiel zum Laster ermutigten; keine betrügerischen Ladenbesitzer oder Handwerker; kein Stolz, keine Eitelkeit und keine Ziererei; keine Gecken, keine Eisenfresser, Trunkenbolde, vagabundierenden Huren und Seuchen; keine prahlerischen, unzüchtigen, kostspieligen Ehefrauen; keine bornierten, hochmütigen Pedanten; keine lästigen, übermütigen, zanksüchtigen, lärmenden, brüllenden, hohlen, eingebildeten und fluchenden Gefährten; keine Halunken, die um ihrer Laster willen aus dem Staub erhoben wurden, kein Adel, der um seiner Tugenden willen in den Staub gebeugt wurde; keine Grafen, Fiedler, Richter und Tanzmeister.

Ich hatte die Ehre, mehrmals zugelassen zu werden, wenn andre Houyhnhnms meinen Herrn zu Tische besuchten; Seine Gnaden erlaubte mir huldvoll, dann im Zimmer zu bleiben und auf ihre Gespräche zu lauschen. Sowohl er wie seine Gäste liessen sich oft dazu herab, mir Fragen zu stellen und meine Antworten entgegen zu nehmen. Bisweilen wurde mir auch die Ehre zu Teil, dass ich meinen Herrn begleiten durfte, wenn er andre besuchte. Ich masste mir niemals an, selbst zu reden, es sei denn, um eine Frage zu beantworten; und auch dann tat ich es nur mit Bedauern, weil ich dadurch soviel Zeit verlor, während derer ich selbst hätte Fortschritte machen können; unendlich viel Freude aber machte mir die Stellung eines demütigen Zuhörers bei solchen Unterhaltungen, wo nichts als Nützliches besprochen wurde; und stets wurde es mit den wenigsten und bezeichnendsten Worten ausgedrückt. Wie ich bereits gesagt habe, wurde, ohne die geringste Spur von Förmlichkeit der grösste Anstand beobachtet; niemand sprach, ohne dass es ihm selbst und seinen Gefährten genehm war; es gab keine Unterbrechungen, keine Langeweile, keine Hitzigkeit und keine Meinungsverschiedenheit. Sie leben des Glaubens, dass ein kurzes Schweigen die Unterhaltung sehr belebt, wenn mehrere zusammenkommen: ich erkannte das als wahr; denn während jener kleinen Unterbrechungen des Gesprächs erhoben sich in ihrem Geist neue Gedanken, die die Unterredung sehr viel lebendiger machten. Ihre Gespräche drehn sich meist um die Freundschaft und das Wohlwollen, die Ordnung und die Volkswirtschaft; bisweilen auch um das sichtliche Walten der Natur oder um alte Überlieferungen; um die Grenzen und Ziele der Tugend; um die unfehlbaren Regeln der Vernunft oder um ein paar Beschlüsse, die in der nächsten grossen Versammlung zu fassen sind; oft auch um die vielfachen Herrlichkeiten der Dichtung. Ich kann ohne Eitelkeit hinzufügen, dass meine Gegenwart ihnen oft ausreichenden Gesprächsstoff gab, denn sie lieferte meinem Herrn die Gelegenheit, seine Freunde in meine Geschichte und in die meines Landes einzuweihn, worauf es ihnen allen stets beliebte, sich in einer für das Menschengeschlecht nicht sehr vorteilhaften Weise auszulassen; aus diesem Grunde will ich auch nicht wiederholen, was sie sagten: nur möge man mir die Anmerkung erlauben, dass Seine Gnaden zu meiner grossen Verwunderung das Wesen der Yahoos viel besser zu durchschaun sehen, als ich selbst. Er ging all unsre Laster und Torheiten durch und entdeckte viele, die ich ihm nie genannt hatte, indem er sich nur ausmalte, was für Eigenschaften ein Yahoo ihres Landes mit einem kleinen Zusatz von Vernunft zu zeigen imstande sein mochte; und er schloss daraus mit nur zu grosser Wahrscheinlichkeit, wie gemein und elend ein solches Geschöpf doch sein müsse.

Ich gebe offen zu, dass das wenige Wissen um irgend welchen Wert, das ich besitze, den Lehren, die ich von meinem Herrn erhielt, und den Gesprächen zwischen ihm und seinen Freunden, die ich mit anhörte, entstammt; ich würde noch jetzt jenen mit mehr Stolz lauschen, als ich der grössten und weisesten Versammlung in Europa Vorschriften machen würde. Ich bewunderte die Kraft, die Schönheit und die Geschwindigkeit der Einwohner des Landes; und eine solche Vereinigung von Tugenden in so liebenswerten Wesen flösste mir die höchste Verehrung ein. Zunächst freilich empfand ich jene natürliche Scheu, die die Yahoos und alle andern Tiere ihnen entgegenbringen, nicht; allmählich aber drängte sie sich mir immer stärker auf, und zwar viel schneller als ich gedacht hatte; und sie war untermischt mit einer achtungsvollen Liebe und Dankbarkeit, weil sie sich herabliessen, mich von den andern meiner Gattung zu unterscheiden.

Wenn ich an meine Familie, meine Freunde, meine Landsleute und die Menschen im allgemeinen dachte, so sah ich sie an als das, was sie in Wirklichkeit waren, als Yahoos in Gestalt und Charakter, vielleicht als solche, die ein wenig zivilisierter waren und die Gabe der Sprache besassen, doch auch als solche, die die Vernunft zu nichts anderm benutzten, als dazu, jene Laster, von denen ihre Brüder in diesem Lande nur das besassen, was die Natur ihnen zugewiesen hatte, zu steigern und zu mehren. Wenn ich zufällig in einem See oder einem Brunnen den Widerschein meiner eignen Gestalt erblickte, wandte ich mich voll Grauen und Abscheu vor mir selber ab, und leichter noch konnte ich den Anblick eines gewöhnlichen Yahoos ertragen als den meiner selbst. Da ich immer mit den Houyhnhnms verkehrte und sie voll Entzücken betrachtete, so begann ich, ihren Gang und ihre Gesten nachzuahmen, und jetzt ist es bei mir so sehr zur Gewohnheit geworden, dass meine Freunde mir zuweilen derb sagen, ich »trabe wie ein Gaul«; ich jedoch sehe das als ein grosses Kompliment an. Auch will ich nicht leugnen, dass ich beim Sprechen leicht in den Tonfall und den Stil der Houyhnhnms verfalle, und dass ich es ohne die geringste Demütigung höre, wenn man mich deshalb lächerlich macht.

Mitten in all diesem Glück schickte eines Morgens, als ich mich schon für mein Leben als untergebracht betrachtete, mein Herr ein wenig früher nach mir, als sonst. Ich erkannte es an seinen Zügen, dass er in irgend einer Verlegenheit war und nicht recht wusste, wie er beginnen sollte. Nach einem kurzen Schweigen sagte er mir, er wisse nicht, wie ich das aufnehmen werde, was er mir sagen wolle; in der letzten allgemeinen Versammlung hätten die Vertreter des Landes, als die Frage der Yahoos angeschnitten wurde, Anstoss daran genommen, dass er einen Yahoo (er meinte mich) bei sich in der Familie halte, und zwar mehr wie einen Houyhnhnm als wie ein vernunftloses Vieh. Man habe erfahren, dass er sich oft mit mir unterhielte, als könnte ihm aus dem Verkehr mit mir Vorteil oder Vergnügen erwachsen; ein solcher Brauch entspräche weder der Vernunft noch der Natur, und er sei unter ihnen völlig unerhört. Die Versammlung habe ihn deshalb ermahnt, mich entweder wie die andern meiner Gattung zu halten oder mir Befehl zu erteilen, dass ich dorthin, woher ich gekommen wäre, zurückschwimmen möchte. Den ersten dieser Auswege hätten alle Houyhnhnms, die mich je in seinem oder ihrem Hause gesehn hätten, unbedingt zurückgewiesen; denn sie führten an, da ich einige Rudimente der Vernunft besässe, die die natürliche Verderbtheit dieser Tiere nur steigre, so sei zu fürchten, dass ich sie in die bewaldeten und gebirgigen Teile des Landes locken und nächtlicherweile in Trupps herunterführen könnte, damit sie den Houyhnhnms ihr Vieh zerstörten; denn wir alle wären von Natur Raubtiere und der Arbeit abgeneigt.

Mein Herr fügte hinzu, die Houyhnhnms der Nachbarschaft drängten ihn jeden Tag, der Mahnung der Versammlung nachzukommen, und er könne nicht länger damit zögern. Er denke sich wohl, dass es mir nicht möglich sein würde, bis zu einem andern Lande zu schwimmen, und deshalb wünsche er, dass ich mir eine Art Fahrzeug herstelle, denen gleich, die ich ihm geschildert hätte, damit es mich auf dem Meere zu tragen vermöge; bei dieser Arbeit sollte mir die Hilfe seiner Diener sowie auch derer seiner Nachbarn zu teil werden. Er sagte zum Schluss, er für sein Teil wäre es zufrieden gewesen, mich, solange ich lebte, in seinem Dienst zu behalten, denn er fände, ich hätte einige schlechte Gewohnheiten und Neigungen abgelegt, indem ich mich bemühte, soweit meine niedre Natur dessen fähig sei, die Houyhnhnms nachzuahmen.

Ich muss hier für den Leser anmerken, dass ein Wahrspruch der allgemeinen Versammlung in diesem Lande mit dem Wort »Huhloayn« bezeichnet wird, das eine Ermahnung bedeutet, so weit ich es zu übersetzen vermag; denn sie haben keine Vorstellung davon, wie ein vernünftiges Geschöpf zu zwingen wäre; man kann ihm nur raten oder es ermahnen; denn der Vernunft kann niemand ungehorsam sein, ohne seinen Anspruch auf den Namen eines vernünftigen Wesens aufzugeben.

Mich befielen bei meines Herrn Worten höchster Gram und Verzweiflung; und da ich ausserstande war, die Qualen, die ich durchmachte, zu ertragen, so fiel ich ihm ohnmächtig zu Füssen nieder; als ich wieder zu mir kam, sagte er mir, er habe geglaubt, ich sei tot (denn diese Wesen sind keinen solchen Schwächen der Natur unterworfen). Ich erwiderte mit leiser Stimme, dass der Tod ein nur zu grosses Glück für mich gewesen wäre; obwohl ich die Versammlung nicht wegen ihrer Ermahnung tadeln könne, noch auch seine Freunde wegen ihres Drängens, so scheine es mir doch in meinem schwachen und verderbten Urteil, als hätte es sich vielleicht mit der Vernunft vereinbaren lassen, weniger streng zu sein. Ich könne keine Meile weit schwimmen, und das Land, das dem ihren am nächsten liege, sei vermutlich immer noch über hundert Meilen entfernt; viele Materialien, die notwendig seien, um ein kleines Fahrzeug zu machen, wie es mich forttragen könne, seien im Lande absolut nicht vorhanden; und doch wolle ich in Gehorsam und in Dankbarkeit gegen Seine Gnaden das Werk versuchen, das ich freilich für unmöglich halten müsse, weshalb ich mich auch bereits als dem Untergang geweiht ansähe. Die sichre Aussicht auf einen unnatürlichen Tod sei aber das geringste meiner Übel: denn wenn ich auch durch ein seltsames Abenteuer mit dem Leben davonkommen sollte: wie könne ich da ruhig daran denken, meine Tage unter den Yahoos zu verbringen und in meine alte Verderbtheit zurückzusinken, weil mir die Beispiele fehlten, die mich führen und auf den Pfaden der Tugend festhalten würden. Ich wisse nur zu gut, auf wie fester Grundlage alle Beschlüsse der weisen Houyhnhnms ruhten, und dass sie sich nicht durch meine, eines elenden Yahoos, Argumente erschüttern liessen; und deshalb fügte ich hinzu, nachdem ich noch meinen demütigen Dank für das Angebot der Hilfe seiner Diener ausgesprochen und um eine angemessne Frist für das schwierige Werk der Herstellung eines Fahrzeugs gebeten hatte, ich wolle mich bemühn, mein elendes Leben zu erhalten; und wenn ich je nach England zurückkehren sollte, so brauche ich wenigstens nicht ohne die Hoffnung zu leben, meiner eignen Gattung dadurch nützlich zu werden, dass ich den Ruhm der herrlichen Houyhnhnms feierte und ihre Tugenden der Nachahmung der Menschheit empföhle.

Mein Herr gab mir in wenigen Worten eine sehr huldreiche Antwort, stellte mir für die Vollendung meines Bootes eine Frist von zwei Monaten und befahl dem Fuchsklepper, meinem Dienstgenossen (denn in einer solchen Entfernung kann ich es wohl wagen, ihn so zu nennen), meinen Anweisungen zu folgen; denn ich hatte meinem Herrn gesagt, seine Hilfe werde ausreichen, und ich wusste, er hatte eine zärtliche Schwäche für mich.

In seiner Gesellschaft ging ich, das war meine nächste Sorge, an jenen Teil der Küste, wo meine meuterische Mannschaft mich hatte ans Land setzen lassen. Ich stieg auf eine Höhe, und als ich nach allen Seiten aufs Meer hinausspähte, meinte ich im Nordosten eine kleine Insel zu entdecken: ich zog mein Taschenfernrohr und konnte sie nun deutlich in einer Entfernung von etwa fünf Meilen, wie ich schätzte, erkennen; dem Fuchs schien es freilich nur eine blaue Wolke zu sein, denn da er keine Vorstellung von einem Lande ausser seinem eignen hatte, so konnte er auch nicht so geübt darin sein, ferne Dinge über dem Meer zu unterscheiden, wie wir, die wir so viel auf diesem Element verkehren.

Als ich diese Insel entdeckt hatte, überlegte ich nicht länger, sondern beschloss, dass sie das erste Ziel meiner Verbannung sein sollte; das weitere wollte ich dann der Zukunft überlassen.

Ich kehrte nach Hause zurück, und nachdem ich mich mit dem Fuchs beraten hatte, gingen wir in einen ziemlich entlegenen Wald, wo wir, ich mit meinem Messer, er mit einem scharfen Flintstein, der nach ihrer Weise sehr künstlich an einem hölzernen Griff befestigt war, mehrere Eichenzweige von etwa der Dicke eines Spazierstocks schnitten, und ferner eine Reihe von dickern Stämmen. Doch ich will den Leser nicht mit einer genauen Schilderung meiner Technik belästigen. Es genüge ihm, dass ich mit dem Beistand meines Fuchses, der die mühevollsten Teile der Arbeit übernahm, in sechs Wochen eine Art Kanoe vollendete, wie es die Indianer haben; nur war es viel grösser; bekleidet hatte ich es mit Yahoohäuten, die ich mit selbstverfertigten Hanffäden sorgfältig aneinander genäht hatte. Mein Segel war gleichfalls aus Häuten desselben Tiers zusammengesetzt, doch benutzte ich da die jüngsten, die ich bekommen konnte, da die ältern zu zäh und zu dick sind; und ferner versah ich mich auch mit vier Rudern. Ich verstaute einen Vorrat gekochten Fleisches, von Kaninchen und Vögeln, und nahm zwei Gefässe mit, eins voll Milch und das andre voll Wasser.

Ich probierte mein Kanoe auf einem grossen Teich beim Hause meines Herrn aus und verbesserte, was an ihm nicht in Ordnung war; alle Fugen dichtete ich mit Yahootalg ab, bis es kein Wasser mehr zog und mich und meine Fracht zu tragen imstande war. Und als es so vollkommen war, wie ich es zu machen vermochte, liess ich es so vorsichtig wie möglich auf einem Wagen von Yahoos unter der Aufsicht des Fuchses und eines zweiten Dienstboten an die Küste ziehn.

Als alles bereit war und der Tag meines Aufbruchs kam, nahm ich von meinem Herrn, meiner Herrin und der ganzen Familie Abschied; meine Augen flossen von Tränen über, und mein Herz war vor Schmerz ganz mutlos. Seine Gnaden aber beschloss, und zwar aus Neugier und vielleicht (wenn ich es ohne Eitelkeit sagen darf) zum Teil auch als Zuneigung, mir in meinem Kanoe nachzublicken, und mehrere seiner Freunde aus der Nachbarschaft überredete er, ihn zu begleiten. Ich musste über eine Stunde auf die Flut warten; als ich aber dann erkannte, dass der Wind sehr glücklich genau auf die Insel stand, auf die ich zu halten gedachte, nahm ich zum zweitenmal Abschied von meinem Herrn; doch als ich mich niederwerfen wollte, um ihm den Huf zu küssen, erwies er mir die Ehre, ihn sanft an meinen Mund zu heben. Ich weiss recht wohl, wie sehr man mich getadelt hat, weil ich diese Einzelheit erwähnte. Denn meine Neider geruhn es für unwahrscheinlich zu halten, dass eine so erlauchte Persönlichkeit sich dazu herablassen sollte, einem so minderwertigen Geschöpf wie mir eine so grosse Auszeichnung zuteil werden zu lassen. Auch habe ich nicht vergessen, wie gern manche Reisenden sich ausserordentlicher Gunstbezeugungen rühmen, die sie empfangen haben wollen. Aber wenn diese Tadler genauer mit dem edlen und höflichen Wesen der Houyhnhnms bekannt wären, so würden sie bald andrer Ansicht werden.

Ich machte den andern Houyhnhnms, die Seine Gnaden begleiteten, meine Verbeugung, stieg in mein Boot und stiess von der Küste ab.

Kapitel XI.

Die gefährliche Fahrt des Verfassers. Er kommt in Neu-Holland an und hofft, sich dort niederlassen zu können. Er wird von einem der Eingeborenen mit einem Pfeil verwundet. Wird aufgegriffen und gewaltsam auf ein portugiesisches Schiff geschleppt. Die grosse Höflichkeit des Kapitäns. Der Verfasser kommt in England an.

Ich begann diese verzweifelte Seefahrt am 15. Februar 1714/15 um neun Uhr morgens. Der Wind war sehr günstig; doch machte ich zuerst nur von den Rudern Gebrauch, und erst in der Erwägung, dass ich bald müde werden würde und der Wind sich drehn könnte, wagte ich es, mein kleines Segel zu setzen; und so fuhr ich mit Hilfe der Flut mit einer Geschwindigkeit von stündlich, soweit ich es schätzen konnte, etwa anderthalb Seemeilen dahin. Mein Herr und seine Freunde blieben am Ufer, bis ich fast ausser Sicht war, und oft hörte ich den Fuchs (der mich immer geliebt hatte) rufen: »Hnuy illa nyha majah Yahoo! Gib Acht auf dich, zarter Yahoo!«

Es war meine Absicht, wenn möglich, irgend eine kleine, unbewohnte Insel zu entdecken, die doch ausreichte, mir mit Hilfe meiner Arbeit die Notdurft des Lebens zu liefern; das wäre mir als ein grösseres Glück erschienen, als am kultiviertesten Hof Europas erster Minister zu sein; so grauenhaft war mir der Gedanke, in die Gesellschaft der Yahoos zurückzukehren und unter ihrer Regierung zu leben. Denn in einer Einsamkeit, wie ich sie mir wünschte, konnte ich wenigstens meine eignen Gedanken geniessen und voll Entzücken über die Tugenden jener unnachahmlichen Houyhnhnms nachdenken, ohne dass sich mir Gelegenheit bot, wieder in die Laster und Verderbtheiten meiner eignen Gattung zurückzusinken.

Der Leser erinnert sich vielleicht noch, was ich berichtet habe, als meine Mannschaft sich wider mich verschwor und mich in meiner Kabine einsperrte. Wie ich dort drei Wochen gefangen blieb, ohne zu wissen, welchen Weg wir einschlugen; und als ich im Beiboot an Land gesetzt wurde, wie mir da die Matrosen unter ihren Eiden, ob sie nun wahr oder falsch waren, sagten, sie wüssten nicht, in welcher Gegend der Welt wir wären. Ich aber glaubte damals, wir müssten etwa zehn Grad südlich vom Kap der guten Hoffnung sein, oder auf etwa 45 Grad südlicher Breite; ich entnahm das einigen allgemeinen Andeutungen in ihren Gesprächen, die ich auffing, denn ich vermutete, sie müssten auf ihrer beabsichtigten Fahrt nach Madagaskar damals im Südosten angelangt sein. Und obgleich das nicht viel mehr war als blosse Vermutung, so beschloss ich doch, den Kurs nach Osten zu nehmen, denn ich hoffte, die Südwestküste von Neuholland zu erreichen, und vielleicht gar eine Insel, wie ich sie mir wünschte, die westlich davon läge. Der Wind kam genau aus Westen, und gegen sechs Uhr abends berechnete ich meine Fahrt nach Osten auf wenigstens achtzehn Seemeilen; da aber erspähte ich auch schon in einer Entfernung von etwa einer halben Seemeile eine ganz kleine Insel, die ich bald erreichte. Sie war nichts als ein Felsen mit einer einzigen Bucht, die durch die Gewalt der Stürme in den Stein gehöhlt worden war. Hier legte ich mein Boot fest, und als ich eine Spitze des Felsens erkletterte, konnte ich im Osten deutlich Land erkennen, das sich von Süden nach Norden erstreckte. Ich blieb die ganze Nacht hindurch in meinem Boot liegen; und als ich früh am Morgen wieder in See stach, erreichte ich in sieben Stunden die Südwestspitze von Neu-Holland. Das bestätigte mich in meiner längst gehegten Meinung, dass die Karten dieses Land mindestens um drei Grad östlicher verzeichnen als es liegt; diesen Gedanken habe ich schon vor vielen Jahren meinem würdigen Freund Herrn Herman Moll mitgeteilt und ihm auch meine Gründe angegeben; doch hat er es vorgezogen, andern Autoren zu folgen.

Ich sah keine Einwohner, wo ich landete, und da ich unbewaffnet war, so scheute ich mich, mich allzuweit ins Land hineinzuwagen. Ich fand einige Schellfische an der Küste und ass sie roh, denn ich wagte nicht, ein Feuer zu entzünden, damit die Eingeborenen mich nicht entdeckten. Drei Tage lang nährte ich mich von Austern und Tellermuscheln, um meine eignen Vorräte zu sparen; und zum Glück fand ich einen Bach ausgezeichneten Wassers, der mir eine wahre Erlösung brachte.

Als ich mich am vierten Tage in der Frühe ein wenig zu weit vorwagte, sah ich plötzlich zwanzig oder dreissig Eingeborene auf einer Höhe, die nicht mehr als fünfhundert Ellen von mir entfernt lag. Sie waren splitternackt; Männer, Weiber und Kinder sassen durcheinander rings um ein Feuer, das ich am Rauch erkennen konnte. Einer von ihnen sah mich und rief es den andern zu; fünf von ihnen liefen mir nach, indem sie die Weiber und Kinder am Feuer zurückliessen. Ich eilte, so schnell ich konnte, an die Küste, sprang in mein Kanoe und stiess ab; als die Wilden merkten, dass ich floh, verfolgten sie mich; und ehe ich noch weit genug in See hinauskam, entsandten sie einen Pfeil, der mich auf der Innenseite meines linken Knies tief verwundete (ich werde die Narbe bis in mein Grab behalten). Ich fürchtete, der Pfeil möchte vergiftet sein; deshalb ruderte ich (es herrschte fast Windstille an diesem Tage) weiter, bis ich ausserhalb des Bereichs ihrer Schüsse war, sog dann mit vieler Mühe die Wunde aus und verband sie, so gut ich konnte.

Ich wusste nicht was ich beginnen sollte; denn zu derselben Landungsstelle wagte ich nicht zurückzukehren; ich hielt also nach Norden und war gezwungen zu rudern, da der, wenn auch sehr leichte Windhauch mir aus Nordwesten entgegen kam. Als ich mich nach einer sichern Landestelle umsah, erkannte ich im Nordnordosten ein Segel, das mit jeder Minute deutlicher sichtbar wurde. Ich war im Zweifel, ob ich es erwarten sollte oder nicht; schliesslich aber siegte mein Abscheu vor dem Geschlecht der Yahoo, ich wandte mein Kanoe und zog wieder südwärts, wobei ich Segel und Ruder zugleich benutzte; ich ging in dieselbe Bucht, aus der ich am Morgen gekommen war, denn lieber wollte ich mich jenen Barbaren anvertraun, als unter europäischen Yahoos leben. Ich zog mein Boot, so nah ich konnte, ans Land und verbarg mich bei dem kleinen Bach, der, wie ich bereits gesagt habe, ausgezeichnetes Wasser führte, hinter einem Stein.

Das Schiff näherte sich dieser Bucht bis auf eine halbe Seemeile und schickte sein Beiboot mit Fässern ans Land, um frisches Wasser zu holen (denn der Bach, so scheint es, war allgemein bekannt); doch bemerkte ich es nicht eher, als bis das Boot schon fast den Strand erreicht hatte; und inzwischen war es zu spät geworden, ein andres Versteck zu suchen. Die Matrosen sahen gleich bei ihrer Landung mein Kanoe, durchstöberten es ganz und gar und kamen leicht auf die Vermutung, dass der Eigentümer nicht weit entfernt sein konnte. Vier von ihnen durchsuchten wohlbewaffnet jeden Spalt und jeden Hinterhalt, bis sie mich schliesslich hinter dem Stein entdeckten, wo ich flach auf dem Gesicht lag. Eine Weile starrten sie verwundert meine seltsame, befremdliche Kleidung an: meinen aus Häuten gemachten Rock, meine holzsohligen Stiefel und meine Pelzstrümpfe. Freilich zogen sie aus ihr auch sofort den Schluss, dass ich kein Eingeborener sein könne, denn die gehn nackt. Einer der Matrosen befahl mir auf Portugiesisch, aufzustehn, und fragte, wer ich wäre. Ich verstand diese Sprache recht gut, und indem ich auf die Füsse sprang, sagte ich, ich sei ein armer Yahoo, der aus dem Lande der Houyhnhnms verbannt worden sei; und ich bat sie, mich gnädigst ziehn zu lassen. Sie erstaunten, als sie mich in ihrer eignen Sprache antworten hörten, und erkannten an meiner Gesichtsfarbe, dass ich ein Europäer sein müsste; doch wussten sie mit den Worten Yahoos und Houyhnhnms nichts anzufangen; und zugleich lachten sie über meinen seltsamen Tonfall laut auf, denn er glich dem Wiehern eines Pferdes. Ich zitterte derweilen zwischen Furcht und Hass: von neuem bat ich, mich ziehn zu lassen, indem ich langsam auf mein Kanoe zuging; sie aber packten mich und verlangten zu wissen, aus welchem Lande ich wäre und woher ich käme, nebst vielen andern Dingen mehr. Ich sagte ihnen, ich sei in England geboren und habe es vor etwa fünf Jahren verlassen, und damals habe Frieden geherrscht zwischen ihrem Lande und unserm. Deshalb hoffe ich, sie würden mich nicht als Feind behandeln, denn ich wolle ihnen nicht übel, sondern sei ein armer Yahoo, der nur einen verlassnen Ort suche, um dort den Rest seines unglücklichen Lebens zu verbringen.

Als sie zu reden begannen, war es mir, als hätte ich nie etwas so Unnatürliches gehört oder gesehn; es schien mir ebenso ungeheuerlich, wie wenn in England ein Hund oder eine Kuh reden könnte, oder im Lande der Houyhnhnms ein Yahoo. Die ehrlichen Portugiesen waren nicht minder erstaunt über meine wunderliche Kleidung und die befremdende Art, wie ich meine Worte aussprach, die sie jedoch recht gut verstanden. Sie sprachen sehr menschenfreundlich auf mich ein und sagten, sie seien überzeugt, dass ihr Kapitän mich umsonst nach Lissabon bringen würde, von wo ich in meine Heimat zurückkehren könnte; zwei der Matrosen sollten jetzt zum Schiff zurückkehren, dem Kapitän melden, was sie gesehn hätten und seine Befehle entgegen nehmen; inzwischen würden sie mich, wenn ich ihnen nicht feierlich schwüre, nicht zu entfliehn, mit Gewalt festhalten. Ich hielt es für das beste, mich ihrem Vorschlag zu fügen. Sie waren sehr neugierig auf meine Geschichte, aber ich stellte sie wenig zufrieden; und sie alle kamen auf die Vermutung, dass mir mein Unglück den Verstand verwirrt hätte. In zwei Stunden kam das Boot, das mit Fässern voll Wasser beladen zum Schiff gegangen war, mit dem Befehl des Kapitäns, mich an Bord zu bringen, zurück. Ich fiel auf meine Knie, um mir die Freiheit zu erhalten; aber es war alles vergeblich; und nachdem die Leute mich mit Stricken gebunden hatten, hoben sie mich ins Boot; dann wurde ich ins Schiff gebracht, und schliesslich in die Kabine des Kapitäns.

Sein Name lautete Pedro de Mendez; er war ein sehr höflicher und grossmütiger Mann; er flehte mich an, ihm einige Erklärungen über mich selbst zu geben, und wünschte zu wissen, was ich essen und trinken wolle; er sagte, ich solle ebenso gut bedient werden wie er selber, und er fügte noch soviel liebenswürdige Dinge hinzu, dass ich mich wunderte, bei einem Yahoo eine derartige Höflichkeit zu finden. Ich blieb jedoch schweigsam und finster; ich war bereit, in Ohnmacht zu fallen, als ich ihn und seine Leute nur roch. Schliesslich verlangte ich aus meinem eignen Boot etwas zu essen; doch er bestellte mir ein Kücken und etwas ausgezeichneten Wein, und gab dann Befehl, dass man mich in einer sehr saubern Kabine zu Bett brächte. Ich wollte mich nicht ausziehn, sondern legte mich nur auf das gedeckte Bett; als ich nach einer halben Stunde glaubte, die Mannschaft sei beim Essen, stahl ich mich hinaus, schlich mich an das Schiffsbord und wollte eben ins Meer springen und um mein Leben davon schwimmen, um nur nicht unter den Yahoos bleiben zu müssen. Doch einer der Matrosen hinderte mich daran, und nachdem er es dem Kapitän gemeldet hatte, wurde ich in meiner Kabine gefesselt.

Nach Tisch kam Don Pedro zu mir und wünschte den Grund zu wissen, weshalb ich eine solche Verzweiflungstat zu begehn versuchte; er versicherte mir, er wünsche mir nur all die Dienste zu leisten, deren er fähig sei; und er sprach so rührend, dass ich mich schliesslich herbeiliess, ihn als ein Tier zu behandeln, das eine kleine Spur von Vernunft besass. Ich erstattete ihm in Kürze Bericht über meine Reise; über die Verschwörung, die meine eignen Leute gegen mich angezettelt; über die Insel, wo sie mich an Land gesetzt hatten, und über die drei Jahre meines Aufenthalts dort. All das sah er als einen Traum oder als eine Vision an, worüber ich mich sehr ärgerte; denn ich hatte ganz vergessen, dass den Yahoos in allen Ländern, wo sie herrschen, die Fähigkeit des Lügens so natürlich ist, und also auch die Neigung, bei andern ihrer eignen Gattung die Wahrheit zu beargwöhnen. Ich fragte ihn, ob es in seinem Lande Sitte sei, »zu sagen, was nicht ist«. Ich versicherte ihm, ich hätte fast vergessen, was er unter Unwahrhaftigkeit verstehe, und wenn ich auch tausend Jahre im Lande der Houyhnhnms gelebt hätte, so würde ich doch selbst von dem geringsten Diener nie eine Lüge vernommen haben; es sei mir ganz gleichgültig, ob er mir glaube oder nicht; doch wolle ich als Entgelt für seine Güte so viel Nachsicht mit der Verderbtheit seines Wesens haben, dass ich auf jeden Einwand, den er zu erheben habe, Antwort stehe; dann werde er leicht die Wahrheit erkennen.

Der Kapitän begann als kluger Mann, nachdem er vielfach versucht hatte, mich in irgend einem Teil meiner Geschichte auf einem Fehltritt zu ertappen, schliesslich doch eine bessre Meinung von meiner Wahrhaftigkeit zu hegen. Doch fügte er hinzu, dass ich ihm, da ich mich zu einem so unversetzlichen Hang zur Wahrheit bekenne, mein Ehrenwort geben müsse, ihn auf dieser Reise zu begleiten, ohne einen Anschlag gegen mein eignes Leben zu unternehmen; sonst würde er mich gefangen halten, bis wir nach Lissabon kämen. Ich gab ihm das verlangte Versprechen; doch beteuerte ich zugleich, ich wolle lieber die grössten Entbehrungen ertragen, als wieder unter Yahoos leben.

Unsre Reise verlief ohne jeden bedeutendern Zwischenfall. Aus Dankbarkeit gegen den Kapitän setzte ich mich auf seine ernsten Bitten zuweilen zu ihm und bemühte mich, meine Abneigung gegen das Menschengeschlecht zu verbergen; freilich brach sie oft genug durch, aber er liess es ohne eine Bemerkung hingehn. Den grössern Teil des Tages aber schloss ich mich in meiner Kabine ein, um dem Anblick von Mitgliedern der Mannschaft zu entgehn. Der Kapitän hatte mich oft gebeten, meine wilde Kleidung abzulegen, indem er sich erbot, mir die besten seiner Kleider zu leihn. Ich wollte mich nicht überreden lassen, dieses Angebot anzunehmen, denn ich hatte einen wahren Abscheu davor, mich mit irgend etwas zu bedecken, was ein Yahoo auf dem Rücken getragen habe. Ich bat ihn nur, mir zwei saubre Hemden zu geben; denn da sie gewaschen worden waren, seit er sie getragen hatte, schien mir, als würden sie mich nicht so sehr entweihn. Ich wechselte sie jeden zweiten Tag und wusch sie selbst.

Wir kamen am 5. November 1715 in Lissabon an. Bei unsrer Landung zwang der Kapitän mich, seinen Mantel umzulegen, damit sich der Pöbel nicht um mich sammelte. Ich wurde in sein eignes Haus gebracht, und auf mein ernstliches Verlangen führte er mich in das höchste Zimmer nach hinten hinaus. Ich beschwor ihn, allen Leuten zu verschweigen, was ich ihm von den Houyhnhnms erzählt hatte, denn die geringste Andeutung einer solchen Geschichte könnte nicht nur Scharen von Leuten herbeilocken, die mich würden sehn wollen, sondern mich wahrscheinlich auch in Gefahr stürzen, von der Inquisition gefangen gesetzt oder gar verbrannt zu werden. Der Kapitän überredete mich, einen neu gemachten Anzug anzunehmen; doch wollte ich nicht dulden, dass der Schneider mir Mass nähme; Don Pedro war zufällig fast von meinem Wuchs, und also passten sie mir recht gut. Er versah mich auch mit allen andern Dingen, die ich brauchte; sie waren sämtlich neu, und ich lüftete sie noch vierundzwanzig Stunden lang, ehe ich sie anlegte.

Der Kapitän hatte kein Weib und nicht mehr als drei Dienstboten, von denen keiner bei Tische aufwarten durfte; und seine ganze Haltung war so liebenswürdig, und er selbst begabt mit so gutem »menschlichen« Verstand, dass ich allmählich seine Gesellschaft wirklich zu ertragen lernte. Ich gewann es über mich, dass ich zum Hinterfenster hinausblickte. Allmählich brachte man mich in ein andres Zimmer, aus dem ich einmal auf die Strasse hinabspähte, doch zog ich sofort entsetzt den Kopf zurück. Nach einer Woche lockte er mich an die Tür hinab. Ich merkte, wie meine Angst allmählich abnahm, doch schienen mein Hass und meine Verachtung nur zu wachsen. Ich wurde schliesslich so kühn, dass ich in seiner Gesellschaft durch die Strassen ging, doch verstopfte ich mir die Nase mit Rauten und bisweilen mit Tabak.

In zehn Tagen überzeugte mich Don Pedro, dem ich über den Stand meiner Familienangelegenheiten Bericht erstattet hatte, dass es für mich eine Ehren- und Gewissenssache sei, in meine Heimat zurückzukehren und mit meinem Weib und meinen Kindern zu Hause zu bleiben. Er sagte mir, es liege gerade ein englisches Schiff segelfertig im Hafen, und er wolle mich mit allem was nötig sei, versehn. Es würde zu weit führen, wenn ich all seine Argumente und meine Einwände wiederholen wollte. Er fügte hinzu, es sei ganz unmöglich, eine so einsame Insel zu finden, wie ich sie mir zum Leben wünschte; doch in meinem eignen Hause könne ich befehlen und meine Zeit so abgeschlossen verleben, wie ich nur wolle.

Ich fügte mich schliesslich, da ich sah, dass ich nichts Besseres tun konnte. Ich verliess Lissabon am 24. November, und zwar auf einem englischen Kauffahrer; wer der Kapitän war, danach habe ich nie gefragt. Don Pedro begleitete mich bis aufs Schiff und lieh mir zwanzig Pfund. Er nahm herzlichen Abschied von mir und umarmte mich beim Scheiden, was ich, so gut ich konnte, ertrug. Während dieser letzten Reise hatte ich keinerlei Verkehr mit dem Kapitän oder irgend einem seiner Leute; ich schützte Krankheit vor und blieb in meiner Kabine eingeschlossen. Am 5. Dezember 1715 warfen wir gegen neun Uhr morgens auf der Rhede der Downs Anker, und um drei Uhr nachmittags erreichte ich wohlbehalten mein Haus zu Rotherhith .

Mein Weib und die Meinen empfingen mich in grosser Überraschung und Freude, denn sie hatten mich für zweifellos tot gehalten. Aber ich muss offen gestehn, dass mich ihr Anblick nur mit Hass, Abscheu und Verachtung erfüllte; um so mehr, als ich mir überlegte, wie nahe ich mit ihnen verbunden war. Denn obgleich ich mich seit meiner unglückseligen Verbannung aus dem Lande der Houyhnhnms gezwungen hatte, den Anblick der Yahoos zu ertragen und mit Don Pedro de Mendez zu verkehren, so waren doch mein Gedächtnis und meine Phantasie noch immer voll von den Tugenden und Vorstellungen jener erhabnen Houyhnhnms. Und als ich mir zu überlegen begann, dass ich durch die Paarung mit einer von der Gattung der Yahoos zum Vater mehrerer geworden war, befielen mich Scham, Verwirrung und Grauen.

Sowie ich ins Haus trat, nahm mich mein Weib in die Arme und küsste mich; und da ich so viele Jahre hindurch nicht mehr an die Berührung mit diesem scheusslichen Tier gewöhnt gewesen war, so fiel ich auf fast eine Stunde in Ohnmacht. Zur Zeit, da ich schreibe, sind seit meiner letzten Heimkehr nach England fünf Jahre verstrichen; während des ersten Jahres konnte ich es nicht ertragen, dass mein Weib oder meine Kinder in meine Nähe kamen; ihr blosser Geruch war mir unerträglich; viel weniger konnte ich mit ihnen im gleichen Zimmer essen. Bis auf diese Stunde wagen sie es nicht, mein Brot zu berühren oder aus derselben Tasse zu trinken; und nie war ich imstande, mich von einem von ihnen an der Hand fassen zu lassen. Das erste Geld, das ich ausgab, wurde dazu verwandt, zwei junge Hengste zu kaufen, die ich in einem guten Stall halte; nächst ihnen ist der Stallknecht mein grösster Günstling, denn ich fühle, wie er meine Lebensgeister durch den Geruch erfrischt, den er aus dem Stalle mitbringt. Meine Pferde verstehn mich recht gut; ich unterhalte mich jeden Tag wenigstens vier Stunden lang mit ihnen. Sattel und Zügel sind ihnen fremd; sie leben in grosser Freundschaft mit mir und unter einander.

Kapitel XII.

Von des Verfassers Wahrheitsliebe. Seine Absicht bei der Veröffentlichung dieses Werkes. Tadel jener Reisenden, die von der Wahrheit abweichen. Der Verfasser erklärt, dass er keinerlei schlimme Ziele verfolgte, als er schrieb. Wiederlegung eines Einwandes. Die Methode der Gründung von Kolonien. Lob seiner Heimat. Das Recht der Krone an die vom Verfasser geschilderten Länder wird anerkannt. Die Schwierigkeiten einer Eroberung. Der Verfasser nimmt zum letztenmal Abschied von seinem Leser; er legt die Lebensweise dar, die er in Zukunft beobachten wird, erteilt einen guten Rat und schliesst.

So also, freundlicher Leser, habe ich dir eine treue Geschichte meiner Reisen während einer Zeit von mehr als sechzehn Jahren und sieben Monaten gegeben; ich habe mich darin nicht so sehr des Zierrats der Rede befleissigt wie der Wahrhaftigkeit. Ich hätte dich vielleicht auch wie andre mit wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchen erstaunen können; aber ich habe es vorgezogen, dir in der einfachsten Weise und Manier reine Tatsachen zu berichten; denn es war vor allem meine Absicht, dich zu unterrichten, nicht dich zu amüsieren.

Es ist leicht für uns, die wir in ferne Länder reisen, wie sie von Engländern und andern Europäern selten besucht werden, Schilderungen von wunderbaren See- und Landtieren zu entwerfen. Doch sollte es das Hauptziel jedes Reisenden sein, die Menschen weiser und besser zu machen und ihre Seelen zu fördern durch die guten wie die schlimmen Beispiele dessen, was sie über fremde Länder berichten.

Ich könnte von Herzen wünschen, es würde ein Gesetz erlassen, dass jeder Reisende, ehe man ihm erlaubte, seine Reiseschilderungen zu veröffentlichen, vor dem Lord Kanzler beschwören müsste, dass alles, was er drucken zu lassen gedenke, nach seinem besten Wissen unbedingt wahr sei; denn dann würde die Welt nicht mehr betrogen werden, wie sie es in der Regel wird, solange manche Schriftsteller, um ihren Werken beim Publikum leichtern Eingang zu verschaffen, dem arglosen Leser die gröbsten Lügen aufbinden. Ich habe in meiner Jugend mit grossem Vergnügen viele Reisebücher gelesen; doch da ich inzwischen die meisten Teile des Erdballs durchfahren habe und imstande war, vielen fabelhaften Berichten aus eigner Kenntnis zu widersprechen, so hat mich ein grosser Abscheu vor dieser Art Lektüre gepackt, und auch einige Entrüstung, wenn ich sehn musste, dass die Leichtgläubigkeit der Menschheit so schamlos missbraucht wird. Da es meinen Bekannten beliebte, zu glauben, meine armen Bemühungen möchten meinem Lande nicht jeden Beifalls unwert erscheinen, so habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, von dem ich nie abweichen dürfte, mich streng an die Wahrheit zu halten. Auch kommt mich nicht die geringste Versuchung an, ihr zu widersprechen, solange ich die Lehren und Beispiele meines edlen Herrn und der andern erlauchten Houyhnhnms vor Augen habe, deren demütiger Zuhörer ich so lange zu sein die Ehre hatte.

. . . Nec si miserum fortuna Simonem

Finxit, vanum etiam, mendacemque improba finget.

Ich weiss sehr wohl, wie wenig Ruhm durch Schriften zu erwerben ist, die weder Genie, noch Gelehrsamkeit, noch irgend welche andern Talente verlangen, es sei denn ein gutes Gedächtnis oder ein genaues Tagebuch. Ich weiss auch, dass Reiseschilderer gleich den Verfassern von Wörterbüchern durch das Gewicht und die Masse derer, die nach ihnen kommen und also zu oberst liegen, in Vergessenheit versenkt werden. Und es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass die, die nach mir die in diesem, meinem Werk geschilderten Länder besuchen, dadurch, dass sie meine Irrtümer entdecken (wenn ihrer vorhanden sind) und viele neue eigne Entdeckungen hinzufügen, mich bei Seite stossen und an meine Stelle treten werden, so dass die Welt vergisst, ob ich je etwas geschrieben habe. Das wäre in der Tat eine grosse Demütigung, wenn ich um des Ruhmes wegen schriebe; da aber mein einziges Ziel das ALLGEMEINE WOHL war, so kann ich nicht völlig enttäuscht werden. Denn wer kann von den Tugenden lesen, die ich bei den glorreichen Houyhnhnms geschildert habe, ohne sich seiner eignen Laster zu schämen, wenn er sich als das vernünftige, herrschende Tier in seinem Lande betrachtet. Ich will nichts von jenen entlegenen Nationen sagen, in denen gleichfalls Yahoos herrschen; unter ihnen sind die am wenigsten verderbten die Brobdingnagianer, deren weise Grundsätze in der Moral und der Regierung zu beobachten für uns schon ein Glück wäre. Aber ich enthalte mich weiterer Ausführungen und überlasse lieber den verständigen Leser seinen eignen Anmerkungen und Schlussfolgerungen.

Es freut mich nicht wenig, dass dieses mein Werk unmöglich Tadler finden kann; denn welche Einwände kann man gegen einen Schriftsteller erheben, der nichts berichtet, als einfache klare Tatsachen, wie sie in jenen fernen Ländern vorfielen, in denen wir nicht die geringsten kommerziellen oder diplomatischen Interessen haben. Ich habe mit Sorgfalt jeden Fehler vermieden, den man den meisten Reiseschriftstellern in der Regel mit nur zu viel Recht vorwirft. Ausserdem kümmere ich mich nicht im geringsten um irgend eine Partei, sondern schreibe ohne Leidenschaft, Vorurteil oder Übelwollen gegen jeden Einzelnen und jede Gruppe von Menschen. Ich schreibe zum edelsten Zweck, um die Menschheit zu unterrichten und zu belehren; und ich kann wohl ohne ein Verbrechen gegen die Bescheidenheit, auf einige Überlegenheit ihr gegenüber Anspruch machen, da ich soviel vor ihr voraus habe durch den langen Verkehr unter den gebildetsten Houyhnhnms. Ich schreibe ohne jedes Streben nach Gewinn oder Beifall. Ich lasse nie ein Wort stehn, das wie eine Unehrerbietigkeit aussehn oder den geringsten Anstoss erregen könnte, selbst bei denen, die am leichtesten Anstoss nehmen. Deshalb hoffe ich, dass ich mich mit Recht als Schriftsteller völlig tadelfrei nennen kann, und dass die Scharen der Erwiderer, der Verfasser von Anmerkungen, Beobachtungen, Gedanken, Enthüllungen und Notizen nie imstande sein werden, bei mir Stoff für die Übung ihrer Talente zu finden.

Ich gestehe, man hat mir angedeutet, ich sei als englischer Untertan verpflichtet gewesen, bei einem Staatssekretär gleich nach meiner Heimkehr eine Denkschrift einzureichen, denn alle Länder, die ein Untertan entdecke, gehören der Krone. Doch ich zweifle, ob uns der Sieg über die fraglichen Länder so leicht geworden wäre, wie der über die nackten Amerikaner Fernando Cortez wurde. Die Lilliputaner, scheint mir, verlohnen es kaum, dass man eine Flotte und ein Heer entsendet, um sie zu bezwingen; und ich zweifle sehr, ob es klug oder geraten wäre, es bei den Brobdingnagianern zu versuchen; auch würde sich eine englische Armee kaum sehr wohl fühlen, wenn sie die Fliegende Insel über dem Kopf hätte. Die Houyhnhnms freilich scheinen für den Krieg nicht so gut gerüstet zu sein, denn diese Wissenschaft ist ihnen völlig fremd, zumal wenn sie Schusswaffen gegenüber stehn. Aber wenn ich Staatsminister wäre, so würde ich nie dazu raten, einen Einfall in ihr Land zu unternehmen. Ihre Klugheit, Einigkeit, Furchtlosigkeit und Heimatsliebe würde vollen Ersatz für alle Mängel in der Kriegskunst bieten. Man stelle sich vor, wie zwanzigtausend von ihnen mitten unter ein europäisches Heer sprengen, die Reihen in Verwirrung bringen, die Wagen umstürzen und die Gesichter der Krieger durch furchtbare Schläge mit den Hinterhufen zu Brei zerschlagen! Denn sie würden den Ruf gar wohl verdienen, den man Augustus beilegte: »Recalcitrat undique tutus«. Doch statt Vorschläge zu machen, wie man jene grossherzige Nation erobern könnte, wollte ich lieber, sie wären imstande oder geneigt, eine genügende Anzahl ihrer Einwohner herüberzuschicken und Europa zu zivilisieren, indem sie uns die Grundprinzipien der Ehre, der Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Mässigung, des Gemeinsinns, der Seelengrösse, der Keuschheit, der Freundschaft, des Wohlwollens und der Treue lehrten. Die Namen all dieser Tugenden sind freilich bei uns in den meisten Sprachen noch erhalten, und man findet sie sowohl bei den modernen wie den alten Autoren; das kann ich aus eigner Lektüre versichern.

Aber ich hatte noch einen Grund, der mich weniger bereit machte, Seiner Majestät Besitzungen durch meine Entdeckungen zu erweitern. Die Wahrheit zu sagen, so waren mir ein paar Zweifel inbetreff der Gerechtigkeit gekommen, die die Fürsten bei solchen Gelegenheiten walten lassen. Zum Beispiel: durch einen Sturm wird eine Piratenbande irgendwohin getrieben, sie wissen selbst nicht, wohin; schliesslich entdeckt ein Schiffsjunge vom Mastkorb aus eine Küste; sie gehn an Land, um zu rauben und zu plündern; sie finden ein harmloses Volk, werden freundlich bewirtet, geben dem Lande einen neuen Namen, ergreifen für ihren König förmlich Besitz von ihm, errichten als Gedenkzeichen eine verfaulte Planke oder einen Stein, ermorden zwei oder drei Dutzend der Eingeborenen, nehmen als Probe ein weiteres Paar gewaltsam mit, kehren nach Hause zurück und erhalten Pardon. Hier beginnt nun ein neues Kolonialreich, das erworben ist auf Grund des Anspruchs »göttlichen Rechtes«. Bei erster Gelegenheit werden Schiffe hingeschickt, die Eingeborenen werden vertrieben oder ausgerottet, ihre Fürsten gefoltert, damit sie ihr Gold preisgeben; allen Taten der Unmenschlichkeit und der Gier wird ein Freibrief ausgestellt, die Erde dampft vom Blute ihrer Bewohner; und diese abscheuliche Schlächterbande, die zu einer so frommen Expedition ausgeschickt wurde, ist »eine moderne Kolonie«, ausgesandt, um ein barbarisches und götzendienerisches Volk zu bekehren und zu zivilisieren.

Aber diese Schilderung, das gebe ich zu, trifft keineswegs die britische Nation, die der ganzen Welt wegen der Weisheit, Sorgfalt und Gerechtigkeit, mit der sie Kolonien gründet, als Beispiel dienen kann; freigebig stiftet sie grosse Summen für die Förderung der Religion und Gelehrsamkeit; sie wählt die frömmsten und tüchtigsten Pastoren aus, um das Christentum zu verbreiten; vorsichtig versieht sie ihre Kolonien von diesem Vaterkönigreich aus mit Leuten von nüchternem Leben und Verkehr; streng achtet sie auf die Gerechtigkeit, indem sie die Zivilverwaltung in all ihren Kolonien mit Beamten von höchsten Talenten versorgt, denen die Korruption vollkommen fremd ist; und um all das zu krönen, entsendet sie die wachsamsten und tugendhaftesten Statthalter, die nichts andres im Auge haben, als das Glück des Volks, das sie regieren sollen, und die Ehre ihres Herrn, des Königs.

Da aber diese Länder, die ich geschildert habe, offenbar gar kein Verlangen danach tragen, erobert oder in die Sklaverei geführt, ermordet oder durch Kolonisten vertrieben zu werden, und da sie ferner weder an Gold noch an Silber, an Zucker noch Taback irgendwie reich sind, so dachte ich mir in aller Demut, dass sie kein geeigneter Gegenstand für unsern Eifer, unsre Tapferkeit oder unser Interesse sein könnten. Sollten aber jene, die es näher angeht, für gut befinden, andrer Meinung zu sein, so bin ich bereit, wenn man mich gesetzmässig dazu auffordert, zu versichern, dass vor mir noch kein Europäer je diese Länder besucht hat. Ich meine natürlich, wenn man den Eingeborenen glauben kann; höchstens könnte sich in betreff der beiden Yahoos, die vor vielen Generationen im Lande der Houyhnhnms auf einem Berge gesehn sein sollen, ein Streit erheben.

Was aber die Formalität der Besitzergreifung im Namen meines Herrschers angeht, so ist sie mir nie in den Sinn gekommen; und hätte sie das getan, so würde ich sie vielleicht, wie damals die Dinge für mich lagen, aus Klugheit und Selbsterhaltungstrieb auf eine bessere Gelegenheit verschoben haben.

Nachdem ich so auf den einzigen Einwand geantwortet habe, der je gegen mich als Reisenden erhoben werden kann, nehme ich hiermit Abschied von all meinen höflichen Lesern; und ich werde jetzt wieder in meinem kleinen Garten zu Redriff meine eignen Spekulationen verfolgen und jene ausgezeichneten Lehren in der Tugend zu verwirklichen suchen, die ich unter den Houyhnhnms gelernt habe; ich werde die Yahoos meiner eignen Familie unterrichten, so weit ich in ihnen gelehrige Tiere finden werde, und mir meine eigne Gestalt oft im Spiegel besehn, um mich, wenn möglich, mit der Zeit daran zu gewöhnen, dass ich den Anblick eines menschlichen Wesens wieder ertrage; ich werde beklagen, dass die Houyhnhnms in meiner Heimat so vernunftlose Tiere sind, werde sie aber stets mit Achtung behandeln, und zwar um meines edlen Herrn, seiner Familie und seiner Freunde und des ganzen Geschlechts der Houyhnhnms willen, denen unsre Houyhnhnms in all ihren Zügen zu gleichen die Ehre haben, so sehr sie auch in ihrem Intellekt entartet sind.

Ich habe in der letzten Woche meinem Weibe zum erstenmal wieder erlaubt, mir bei Tische am andern Ende einer langen Tafel Gesellschaft zu leisten und (doch in äusserster Kürze) die wenigen Fragen zu beantworten, die ich ihr stellte. Doch da mir der Geruch eines Yahoo noch immer sehr widerwärtig ist, so verstopfe ich mir stets die Nase gut mit Rauten-, Lavendel oder Tabakblättern. Und obwohl es für einen in den Jahren vorgerückten Mann schwer ist, alte Gewohnheiten abzulegen, so habe ich doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich später einmal wieder einen Nachbaryahoo in meiner Nähe werde dulden können, ohne mich wie noch jetzt vor seinen Zähnen und seinen Krallen zu fürchten.

Meine Versöhnung mit der Gattung der Yahoos im allgemeinen wäre vielleicht nicht so schwierig, wenn sie sich mit jenen Lastern und Narrheiten begnügen wollten, auf die die Natur ihnen ein Recht verliehn hat. Mich ärgert es nicht im geringsten, wenn ich einen Anwalt, einen Taschendieb, einen Obersten, einen Narren, einen Grafen, einen Spieler, einen Politiker, einen Hurenwirt, einen Arzt, einen Zeugen, einen Bestecher, einen Verräter oder dergleichen sehe; das alles liegt nur in der Natur der Dinge, doch wenn ich einen Haufen Scheusslichkeit erblicke, verzehrt von Krankheiten an Seele und Leib, und wenn der mit Hochmut behaftet ist, so reisst mir sofort jedwede Geduld; auch werde ich nie verstehn, wie sich ein solches Tier mit einem solchen Laster vertragen kann. Die weisen und tugendhaften Houyhnhnms, die im Überfluss alle Auszeichnungen besitzen, wie sie ein vernünftiges Wesen nur zieren können, haben in ihrer Sprache kein Wort für dieses Laster; und ihre Sprache hat überhaupt keine Ausdrücke für irgend etwas Arges, es sei denn die, mit denen sie die scheusslichen Eigenschaften ihrer Yahoos bezeichnen; und unter diesen wiederum sind sie nicht imstande, die Eigenschaft des Stolzes zu erkennen, weil sie dazu die menschliche Natur, wie sie sich in andern Ländern zeigt, wo dieses Tier herrscht, nicht gründlich genug verstehn. Ich aber, der ich mehr Erfahrung hatte, konnte deutlich einige Rudimente davon unter den wilden Yahoos erkennen.

Aber die Houyhnhnms, die unter der Regierung der Vernunft leben, sind auf die guten Eigenschaften, die sie besitzen, so wenig stolz, wie ich es darauf sein könnte, dass mir nicht ein Arm oder ein Bein fehlt, denn dessen könnte sich kein Mensch rühmen, solange er bei Verstande ist, wiewohl er ohne sie elend wäre. Ich verweile auf diesem Gegenstand so lange, weil ich wünsche, die Gesellschaft eines englischen Yahoo auf jede Weise zu etwas nicht ganz Unerträglichem zu machen; und deshalb flehe ich hier alle an, die auch nur eine Spur dieses widersinnigen Lasters besitzen, dass sie sich nicht anmassen mögen, mir vor die Augen zu kommen.