Erstes Kapitel
Als ich vor einigen Jahren – wie lange es genau her ist, tut wenig zur Sache – so gut wie nichts in der Tasche hatte und von einem weiteren Aufenthalt auf dem Lande nichts mehr wissen wollte, kam ich auf den Gedanken, ein wenig zur See zu fahren, um die Welt des Meeres kennenzulernen. Man verliert auf diese Weise seinen verrückten Spleen, und dann ist es auch gut für die Blutzirkulation. Wenn man den scheußlichen Geschmack auf der Zunge nicht loswerden kann; wenn man das Frostgefühl eines feuchten und kalten Novembers auf der Seele hat; wenn man unwillkürlich vor jedem Sargmagazin stehenbleibt und jedem Leichenzug nachsieht, wenn man sich der Schwermut nicht mehr erwehren kann, daß man auf die Straße stürzen und vorsätzlich den Leuten den Hut vom Kopfe schlagen müßte, dann ist es allerhöchste Zeit, auf See zu gehen. Das ist für mich Ersatz für Pistole und Kugel.
Cato stürzte sich mit einer philosophischen Geste in sein Schwert. Ich entscheide mich in aller Ruhe für das Schiff. Das ist durchaus nichts Besonderes! Wenn sie es wüßten, so würden mit der Zeit mehr oder weniger alle dem Ozean mit denselben Gefühlen begegnen wie ich.
Da liegt von langen Kais eingefaßt, wie die Indianerinseln von Korallenriffen, unsere Inselstadt der Manhattoes. über die brandende See nimmt der Handel seinen Weg. Rechts und links laufen die Straßen nach dem Meere zu. Betrachte dir die Massen von Menschen, die ins Wasser starren! Mache an einem langweiligen Sonntagnachmittag einen Bummel durch die Stadt! Wenn du von Corlears Hook nach Coenties Slip und von da über Whitehall nach Norden gehst, siehst du nichts als Tausende von Menschen, die wie schweigsame Posten dastehen
zwischen den beiden Angriffen nur ein Zeitraum von einigen Tagen lag. Einige Walfischfänger haben angenommen, daß die nordwestliche Durchfahrt, die den Menschen so lange ein Problem war, dem Walfisch nie ein Problem gewesen ist.
Wenn man Moby-Dick solche Wunder zutraute und er nach wiederholten tapferen Angriffen stets lebendig entkommen war, kann es nicht überraschen, daß einige Walfischjäger in ihrem Aberglauben noch weitergingen und sogar behaupteten, Moby-Dick wäre nicht nur an mehreren Stellen zugleich, sondern er wäre auch unsterblich. Unsterblichkeit ist ja nur Allgegenwärtigkeit in der Zeit. Wenn man auch Wälder von Speeren in seine Seiten geschossen hätte, so würde er doch unbehelligt davonschwimmen. Wenn auch dickes Blut aus seinen Seiten herausflösse, so wäre das nur eine geisterhafte Täuschung. Hunderte von Meilen entfernt, wäre dennoch seine unbesudelte Fontäne in Wellen zu sehen, die nicht vom Blut beschmutzt wären.
Wenn man auch von diesen übernatürlichen Mutmaßungen absah, so hatte das Ungeheuer doch unbestreitbar genügend Merkmale einer irdischen Gestalt, die der Phantasie einen starken Impuls geben mußten. Er unterschied sich durch seinen ungewöhnlichen Körper nicht so sehr von den anderen Pottwalen. Aber er hatte eine merkwürdige Stirn von schneeweißer Farbe mit vielen Falten und einen hohen, weißen Höcker in Form einer Pyramide.
Der ganze übrige Körper war gestreift und gefleckt und hatte überall dieselbe Farbe, so daß man ihn zur Unterscheidung den »weißen Wal« nannte. Dieser Name wurde durch den lebhaften Eindruck gerechtfertigt, wenn man ihn um Mitternacht durch die tiefblaue See gleiten sah. Da zeichnete er eine milchweiße Straße mit cremartigem Schaum, worin es goldig schimmerte.
Es war nicht die ungewöhnliche Größe, nicht die auffallende Farbe und nicht sein entstellter Unterkiefer, wodurch er solch großen Schrecken einflößte. Es war die
durchtriebene Bosheit ohnegleichen, die er nach den einzelnen Berichten bei seinen Angriffen immer wieder an den Tag gelegt hatte. Vor allem jagten seine tückischen Rückzugsbewegungen einen furchtbaren Schrecken ein. Wenn er den in Wut geratenen Verfolgern unter allen Anzeichen von Beunruhigung davonschwamm, war er verschiedene Male plötzlich umgekehrt und auf sie zugestürmt. Entweder hatte er ihre Boote in Stücke geschlagen oder sie voller Verzweiflung in das Schiff zurückgetrieben.
Auf der Jagd nach ihm hatten sich sehr verschiedene Unglücksfälle ereignet. Nun waren ähnliche Vorfälle bei der Walfischjagd nicht ungewöhnlich, aber der weiße Wal schien mit einer vorsätzlichen teuflischen Wildheit vorgegangen zu sein.
Man kann sich vorstellen, in welche Wut seine immer mehr verzweifelten Jäger geraten mußten, wenn sie mit den Splittern ihrer Boote und den sinkenden Gliedern verstümmelter Kameraden aus dem weißen Wutschaum des Wals wieder in das heitere aufreizende Sonnenlicht schwammen, das wie bei einem glücklichen Vorfall weiterlächelte.
Als die drei Boote um ihn herum eingestoßen wurden und Ruder und Leute in dem Strudel herumwirbelten, hatte ein Kapitän in seinem zerschellten Schiffsbug nach dem Schiffsmesser gegriffen. Wie bei einem amerikanischen Duell war er auf den Wal losgegangen und hatte mit einer sechs Zoll langen Klinge versucht, das Leben des Wals, das einen Faden tief lag, zu erreichen. Dieser Kapitän war Ahab gewesen! Da war es geschehen, daß Moby-Dick mit seinem sichelförmigen Unterkiefer Ahabs Bein unter sich abgetrennt hatte, so, wie ein Mäher auf dem Felde einen Grashalm abmäht.
Einundzwanzigstes Kapitel
Kein turbanbedeckter Türke, kein angeworbener Venezianer oder Malaye hätte ihn mit größerer Bosheit treffen können! Es war leicht zu begreifen, daß Ahab seit diesem gefährlichen Treffen einen wilden Haß auf den Wal hatte, so daß er schließlich alle körperlichen Leiden und auch alle inneren und geistigen Verzweiflungszustände mit dem Wal identifizierte.
Seitdem schwamm der weiße Wal vor ihm her und war die Verkörperung aller bösen Triebkräfte, die an dem Innern von tief veranlagten Menschen oft zehren, so daß sie schließlich nur noch mit einer halben Lunge und mit halbem Herzen weiterleben. Diese unfaßbare Bosheit, die von Anfang an dagewesen und der nach Ansicht der modernen Christen die eine Hälfte der Welt ausgeliefert ist, und die die alten Ophiten des Ostens in einer Teufelsfigur verehrt haben. Aber Ahab fiel nicht davor nieder und betete sie an! Er übertrug seine fixe Idee wie ein Deliriumskranker auf den scheußlichen weißen Wal. Er häufte alle Wut und allen Haß, der seit Adams Zeiten erlebt worden ist, auf den Rücken des weißen Wals.
Es ist nicht anzunehmen, daß die Monomanie schon zur Zeit seiner Verstümmelung hervortrat. Als er mit dem Messer in der Hand auf das Ungeheuer losging, hatte er nur einer plötzlichen, leidenschaftlichen Feindschaft des Körpers Raum gegeben. Als er den gefährlichen Streich erhielt, fühlte er den Schmerz des verstümmelten Beines, aber weiter nichts. Doch, als er nach Hause mußte und monatelang in der Hängematte lag, und mitten im Winter um das düstere und stürmische Kap Horn segelte, da war es geschehen, daß sein wunder Körper und seine todkranke Seele zusammenflossen und durch ihre Vereinigung einen Verrückten aus ihm machten. Als er dann nach Hause fuhr, packte ihn die Monomanie vollständig. Es erhellt dies daraus, daß er während der Fahrt zeitweilig
wie ein Tobsüchtiger wütete. Trotz des einen Beins zeigte sich in seiner starken Brust eine solche Lebenskraft, daß die Matrosen ihn bei einem Deliriumsanfall binden mußten. In der Zwangsjacke sauste er bei den tollen Stößen des Sturmes hin und her.
Als er dann in erträglichere Breiten kam, glitt das Schiff durch das ruhige tropische Gewässer, und die Tobsuchtsanfälle schienen nachzulassen. Da kam er aus seiner dunklen Höhle in das heilige Licht und die wohltuende Luft. Seine Stirn hatte einen sicheren Ausdruck, wenn sie auch etwas bleich war. Er gab wieder seine Befehle in aller Ruhe, und die Maate dankten Gott, daß die entsetzliche Tollheit vorüber war. Aber in seinem verborgenen Ich tobte es weiter.
Der Wahnsinn ist manchmal etwas Durchtriebenes und ganz Gemeines. Wenn man annimmt, er ist nicht mehr da, dann hat er sich nur in eine andere und elegantere Form verwandelt. Bei Ahab legte sich der Wahnsinn nicht, sondern zog sich nur zusammen und ging tiefer, so wie der unbändige Hudson in ein engeres Flußbett kommt, wenn er durch die Schlucht des Hochgebirges fließt, aber auch dann nicht bis auf den Grund gemessen werden kann. In der engen Form hatte seine Monomanie nichts von seiner früheren Kraft eingebüßt. Was früher nur ein Begleitumstand gewesen war, war jetzt das wirkliche Element. Sein spezifischer Wahnsinn kämpfte nun gegen seinen gesunden Körper und ging mit allen Geschützen darauf los. Mithin verfügte Ahab, der nicht im entferntesten an Kraft verloren hatte, über hundertmal mehr Energie, als er früher in gesundem Zustande für einen geeigneten Gegenstand aufgebracht hatte.
Innerlich begriff Ahab etwas davon, daß all seine Mittel gesund, Motiv und Objekt jedoch wahnsinnig waren. Aber er verfügte nicht über die Macht, zu töten, und ebensowenig über die Macht, diese Tatsache zu ändern oder aus der Welt zu schaffen. Er wußte auch, daß er sich vor den Menschen verstellt hatte und es in gewisser Hinsicht immer noch tat.
unter Blasenentwicklung durch Stubbs beide Hände, von denen die Schutzleinewand zufällig abgeglitten war. Es war, als ob Stubb das zweischneidige Schwert des Feindes an der Klinge hielt, und dieser es ihm die ganze Zeit aus der Hand reißen wollte.
»Die Leine anfeuchten! Die Leine anfeuchten!« rief Stubb dem Bootsmann zu, der die Seiltrommel bediente und mit dem abgerissenen Hut das Meerwasser einschöpfte.
Es lief noch mehr von der Seiltrommel ab, so daß die Leine schließlich lang genug war. Das Boot sauste nun durch das kochende Wasser wie ein Hai mit all' seinen Flossen. Stubb und Tashtego tauschten miteinander die Plätze, den Vorder- mit dem Hintersteven, was bei der furchtbar schaukelnden Bewegung wahrhaftig keine leichte Sache war. Die zitternde Leine ging in ihrer ganzen Länge durch den oberen Teil des Bootes und war nun so stramm gespannt, wie eine Harfensaite. Wie nun das schäumende Boot gegen zwei Elemente ankämpfte, hätte man meinen können, es hätte zwei Kiele gehabt, einen, der gegen das Wasser, und einen, der gegen die Luft trieb. Eine dauernde Kaskade spielte an den Bugen; fortwährend war in dem Kielwasser ein aufwirbelnder Strudel, und bei der geringsten Bewegung vom Inneren des Bootes, selbst wenn sie vom kleinen Finger ausging, drohte das zitternde, krachende Fahrzeug mit dem Dollbord ins Meer zu kippen.
So sausten sie denn weiter. Jeder Mann hielt sich so fest er konnte an seinem Rudersitz fest, um zu verhindern, daß er in den Schaum hinabgestoßen wurde. Der große Tashtego am Steuerruder bückte sich soweit es eben ging, um seinen Schwerpunkt in die richtige Lage zu bringen. Ganze Atlantische und Stille Ozeane schienen an ihnen vorbeizufliegen, als sie wie ein Pfeil dahinschossen, bis der Wal schließlich seine Flucht etwas verlangsamte.
»Einziehen!« rief Stubb dem Bootsmann zu, und alle Mann faßten den Wal ins Auge und fingen an, das Boot
mit aller Kraft auf ihn zuzurudern, während das letztere von der Leine noch weitergezogen wurde. Bald richtete sich Stubb zur Seite auf, drückte mit aller Macht das Knie in die klitschige Klampe und stieß so fest er konnte nach dem flüchtenden Tier. Jedesmal, wenn der Befehl kam, arbeitete sich das Boot aus dem schrecklichen Wirbel des Wales heraus und ging dann beim nächsten Wurf wieder dicht an den Wal heran.
Die rote Flut strömte nun aus allen Seiten des Ungeheuers, wie Bäche zu Tale stürzen. Der gequälte Körper schleppte sich nicht im Salzwasser, sondern im Blute weiter, das eine Achtelmeile weit hinter ihrem Kielwasser zu sehen war. Die schrägen Sonnenstrahlen fielen auf den karminroten Tümpel in der See und leuchteten auf dem Gesicht jedes einzelnen Fischers, so daß alle glühten wie Rothäute. Und Strahlen weißen Rauches schossen einer nach dem anderen aus der Fontänenöffnung des Wales. Ebenso kam eine Rauchwolke nach der anderen aus dem Munde des wütenden Bootsführers. Nach jedem Stoß zog er die verbogene Lanze mit der daran befestigten Leine wieder heraus, machte sie durch Wetzen am Dollbord gerade und stieß sie immer wieder dem Wal in den Leib.
»Anziehen! Anziehen!« rief er nun dem Bootsmann zu, als der sterbende Wal in seiner Wut nachließ. »Heranrudern, dicht heranrudern!« Und das Boot ruderte längsseits des Wales. Stubb beugte sich weit über den Bug und wühlte mit seiner langen scharfen Lanze in dem Leib des Wales herum, als ob er das ganze Tier nach einer etwa verschlungenen goldenen Uhr absuchte, die er versehentlich zerbrechen könnte. Aber er suchte nach dem Sitz des Lebens. Und jetzt trat das ein, was immer eintritt, wenn der Wal aus seiner wahnsinnigen Wut in den unaussprechlichen Schreckenszustand versetzt wird. Das Ungeheuer wälzte sich auf gräßliche Weise in seinem Blut und bespritzte sich mit dem undurchdringlichen, kochend heißen Sprühregen, so daß das bedrohte, kleine Fahrzeug sofort achteraus trieb und sich mit aller Mühe
durch das Dämmerlicht des Wahnsinns in das helle Tageslicht einen Weg erkämpfen mußte.
Und als nun der Wal in seinen Zuckungen nachließ, kamen mit krachendem Laut die scheußlichen Schweißausbrüche des Todes; die Fontäne ließ mit einem Male nach und wurde dann ganz klein. Schließlich kam Guß über Guß von dickem, roten Blut, als ob es der purpurfarbene Bodensatz vom Rotwein wäre. Und dann taumelte er wieder zurück und sein lebloser Körper sank nieder in die See. Sein Herz hatte ausgekämpft.
»Er ist tot, Mister Stubb«, sagte Daggoo.
»Ja, beide Pfeifen sind aus!« Mit diesen Worten nahm Stubb die Pfeife aus dem Munde, streute die Asche ins Wasser und einen Augenblick lang stand er in Gedanken da und betrachtete den ungeheuren Leichnam, an dem er schuld war.
Dreißigstes Kapitel
Stubbs Wal war nicht weit vom Schiff getötet worden. Es war windstill. Wir bildeten ein Gespann aus den drei Booten und fingen an, die Kriegsbeute langsam an den »Pequod« zu ziehen.
Zu achtzehn Leuten machten wir uns mit unseren sechsunddreißig Armen und hundertachtzig Daumen und Fingern an der schwerfälligen Leiche im Meere zu schaffen. Es schien, als ob wir nur in großen Zwischenräumen mit unserer Arbeit vorwärtskämen. Die Masse, die wir so in Bewegung setzten, mußte demnach ungeheuer sein. Auf dem Hangho-Kanal in China oder wie er sonst heißt, können vier oder fünf Arbeiter eine schwer beladene Dschunke mit einer Geschwindigkeit von einer Meile in der Stunde weiterschleppen. Aber unsere gewaltige Fracht konnten wir nur schwer vorwärtsbringen, als ob sie Blei geladen hätte.
Es wurde dunkel. Drei im Takelwerk des »Pequod« aufgehängte
Laternen beleuchteten soeben unseren Weg. Als wir näher kamen, sahen wir, daß Ahab eine Laterne über das Schiffsgerüst herabließ. Er streifte den herangeschleppten Wal einen Augenblick lang mit dem Blick, gab die üblichen Befehle, um ihn in der Nacht zu bergen, reichte die Laterne einem Matrosen, begab sich in die Kajüte und kam bis zum anderen Morgen nicht wieder zum Vorschein.
Kapitän Ahab hatte ja bei der Beaufsichtigung der Waljagd seine gewohnheitsmäßige Beschäftigung ausgeführt. Aber nun, da das Tier tot war, schien ein unbestimmtes Gefühl des Unbefriedigtseins, der Ungeduld oder der Verzweiflung in ihm Platz zu greifen. Als ob der Anblick des toten Tieres ihn daran erinnerte, daß Moby-Dick noch getötet werden müßte. Wenn ihm auch tausend andere Wale ans Schiff gebracht wurden, so kam er seinem grandiosen monomanischen Ziel nicht eine Idee näher. Bald hätte man aus dem anhebenden Geräusch an Deck schließen müssen, daß alle Mann darauf aus gewesen wären, den Anker in die Tiefe zu senken. Es wurden nämlich schwere Ketten über Deck gezogen und mit lautem Getöse aus den Pfortöffnungen geworfen. Aber mit Hilfe dieser klappernden Werkzeuge sollte der ungeheure Leichnam selbst und nicht das Schiff festgemacht werden. Mit dem Kopf am Heck und mit dem Schwanz am Bug lag nun der Wal mit seinem schwarzen Rumpf dicht an dem des Schiffes. Und wenn man die beiden bei der Dunkelheit der Nacht betrachtete, die die Spiere und das Takelwerk hoch oben unsichtbar machte, so schienen Schiff und Wal wie zwei ungeheure Ochsen nebeneinander eingejocht zu sein, und zwar war der eine etwas hinübergelehnt, während der andere aufrecht dastand.
Wenn in der Fischerei der Südsee ein gefangener Pottwal nach langwieriger und schwerer Arbeit spät am Abend an die Längsseite des Schiffes gebracht ist, so pflegt man nicht sofort dazu überzugehen, ihn auseinanderzuschneiden. Das ist ein zu mühevolles Geschäft, als daß man sich sofort damit befaßte, und erfordert die Arbeit der ganzen Schiffsmannschaft. Daher verlangt ein allgemeiner Brauch, daß man die Segel einzieht, das Steuer an der Leeseite festbindet, und jeden Mann bis Tagesanbruch nach unten in die Hängematte schickt. Nur muß bis dahin Ankerwache gestellt werden, und zwar zwei müssen alle Stunde an Deck gehen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Aber manchmal kann gerade in der Gegend des Äquators im Stillen Ozean dieser Plan nicht befolgt werden. Unvorhergesehene Scharen von Haifischen wimmeln am angetäuten Leichnam, so daß nach sechs Stunden höchstens noch das Skelett desselben übrig wäre. In den meisten Gebieten des Ozeans kann die ans Unglaubliche grenzende Gefräßigkeit dadurch eingeschränkt werden, daß man dem Hai mit scharfen Walfischspaten kräftig zu Leibe geht. Aber in manchen Fällen stachelt dieses Verfahren sie zu noch größerer Lebhaftigkeit an.
Aber bei den Haien, die sich jetzt um den »Pequod« herumtrieben, war das nicht der Fall. Wenn auch wohl mancher, der an diesen Anblick nicht gewöhnt war, sicherlich in dieser Nacht, wenn er über die Reling geschaut hätte, des Glaubens gewesen wäre, daß das ganze Meer ein Riesenkäse und die Haie die Maden darin gewesen wären. Und doch gab es, als Stubb nach beendeter Mahlzeit die Ankerwache übergab und Queequeg und ein Matrose von der Vorderkajüte an Deck kamen, unter den Haien eine große Aufregung. Die beiden Matrosen ließen sofort das Schneidegerüst zugleich mit drei Laternen an der Seite herab, so daß lange Lichtstrahlen über die stürmische See fielen, stießen mit den langen Walfischspaten in die Gegend und richteten ein fortwährendes Blutbad unter den Haien an, wobei sie mit den scharfen Eisen in die Schädel fuhren, wo das volle Leben zu sitzen schien.
Aber in dem von dem Wirrwarr der kämpfenden Haifischhaufen herrührenden Schaum war es den beiden Schützen schwer, immer das Ziel zu treffen. Dabei zeigte sich die unglaubliche Wildheit des Haies von einer neuen Seite. In wilder Raserei schnappten sie nicht nur um sich, um sich gegenseitig zu zerstückeln, sondern sie krümmten sich wie biegsame Bogen und bissen nach ihren eigenen Körperteilen, so daß das Maul desselben Tieres sich in den eigenen Eingeweiden festgebissen hatte und nun immer neue Wunden aufriß.
Aber das war noch nicht alles. Es war gefährlich, mit den Leichen und Geistern dieser Geschöpfe in Verbindung zu treten. Eine gewisse pantheistische Lebenskraft schien in den Gelenken und Knochen zu stecken, nachdem das sogenannte Leben des Individuums geschwunden war. Als ein getöteter Hai der Haut wegen an Deck gezogen war, hätte er beinah die Hand des armen Queequeg abgerissen, als er den abgestorbenen oberen mörderischen Kiefer zumachen wollte.
»Queequeg sich nicht darum kümmern, was für Gott Hai geschaffen hat«, sagte der Wilde, der vor Schmerz die Hand auf- und abbewegte. »Ob Fidji-Gott, ob Nantucket-Gott. Aber Gott, der Hai geschaffen hat, muß verteufelter Ingin gewesen sein.«
Einunddreißigstes Kapitel
Es war Samstagabend, und ein richtiger Sonntag folgte! Aber alle Walfischer haben ja die Gewohnheit, den Sonntag nicht heilig zu halten. Der aus Walfischbein bestehende »Pequod« wurde, wie es schien, in eine Schlachtbank verwandelt. Jeder Matrose darauf wurde ein Schlächter. Man hätte glauben können, daß wir den Göttern des Meeres zehntausend rote Ochsen opfern wollten.
Da wurden zunächst mal die ungeheuer großen Flaschenzüge mitsamt den ebenso schweren Dingen, zu denen ein Haufe von Rollen gehört, die gewöhnlich grün bemalt sind und die kein Mann allein aufheben kann, oben an den Hauptmast hinaufgezogen und an die untere Mastspitze festgebunden. Das war der stärkste Punkt, der oberhalb des Decks des Schiffes überhaupt vorhanden war. Das Ende dieses kabelähnlichen Seiles, das man durch diese Verwicklung hindurchzog, wurde nach der Ankerwinde fortgeführt; dann wurde die ungeheuer große untere Rolle des Flaschenzuges über den Wal hinübergeschwungen. An dieser Rolle wurde der große Speckhaken, der einige Zentner schwer war, angebunden.
Und nun bewaffneten sich Starbuck und Stubb, die in Gerüsten an der Seite hingen, mit ihren langen Spaten, schnitten ein Loch in den Körper des Fisches, um an dieser Stelle den Haken grade da anbringen zu können, wo die beiden Seitenflossen am nächsten waren. Als dies geschehen war, zog man eine breite, halbkreisförmige Linie um das Loch, senkte den Haken hinein, und die größte Mannschaft zog unter einem wilden Geschrei im dichten Haufen an der Ankerwinde fest an. Da legte sich das ganze Schiff mit einemmal auf die Seite, und jeder Bolzen zitterte und bewegte die erschreckten Mastspitzen im Himmel. Ganz allmählich lehnte es sich nach dem Wal hinüber, wobei bei jedem Zug an der Ankerwinde eine entsprechende Bewegung von den Wellen erfolgte, bis man schließlich plötzlich ein schreckliches Krachen hörte. Da rollte das Schiff vor dem Wal nach vorn und nach rückwärts. Der Flaschenzug wurde mit einem Male oben sichtbar und zog das losgelöste halbkreisförmige erste Stück Walfischspeck nach sich.
Wie der Walfischspeck den ganzen Wal umschließt, wie eine Apfelsinenschale die Frucht, so schälte er sich nun vom ganzen Körper los, wie eine Apfelsine nach spiralförmigem Schälen. Mit jedem Zug an der Ankerwinde polterte der Wal in dem Wasser herum. Der Walfischspeck schälte sich in einem Zuge gleichförmig los und folgte der Linie, die »Blattung« genannt wird. Zu gleicher Zeit wurde er auch von den Spaten Starbucks und Stubbs zerschnitten. Und so schnell wie er abgeschält wurde, wurde er auch höher und höher gezogen, bis das obere Ende den Hauptmast erreichte. Da hörten die Leute an der Ankerwinde mit einemmal auf, und einen Augenblick lang flog die blutdurchtränkte Masse hin und her, als ob sie vom Himmel herabkäme, so daß jeder sich in acht nehmen mußte und auswich, wenn sie gerade über ihn kam und man nicht eine Ohrfeige bekommen oder kopfüber über Bord gefegt werden wollte.
Ein Harpunier ging nun mit einer langen, scharfen Waffe, dem »Enterschwert« vor und schnitt, wenn die Gelegenheit günstig war, mit geschicktem Schnitt ein gehöriges Loch in den unteren Teil der hin- und herschwingenden Masse. In dieses Loch hakte man dann das Ende des zweiten großen Flaschenzuges ein, um den Speck an einer festen Stelle anpacken zu können. Dann machte der geschickte Mann mit dem Schwert, nachdem er alle aufgefordert hatte, zurückzutreten, noch einmal einen mit wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführten Schnitt in die Masse und teilte sie durch ein paar seitwärts geführte kühne Schnitte vollständig in zwei Hälften, so daß der lange obere Streifen frei schwingen und herabgelassen werden konnte, während der kürzere untere Teil noch fest war. Die Leute an der Ankerwinde nahmen nun ihren Gesang wieder auf, und während der eine Flaschenzug einen zweiten Streifen vom Wal herunterschälte und hochzog, wurde der andere langsam herabgelassen. Der erste Streifen ging durch die große Luke rechts nach unten und fiel in einen unmöblierten Raum, den man das »Speckloch« nennt. In diesem dämmrigen Raum mußten mehrere flinke Hände das lange Speckstück zusammenrollen, als ob es eine große lebendige Masse von geflochtenen Schlangen wäre.
Zweiunddreißigstes Kapitel
Wir haben schon gesagt, daß der Speck in langen Stücken, den sogenannten »Decken«, heruntergezogen wird. Der Wal ist in seinen Speck wie in eine Decke, mit der man sich zudeckt, eingewickelt, oder, um noch einen besseren Vergleich zu gebrauchen, in einen Indianerponcho, der ihm über den Kopf gezogen ist und bis an das äußerste Ende reicht. Dank dieser gemütlichen Einkleidung ist der Wal imstande, sich bei jeder Witterung, in allen Meeren, zu allen Zeiten und in allen Fluten wohl zu fühlen. Was sollte denn aus einem Grönlandwal in dem schaurigen Eismeer des Nordens werden, wenn er nicht mit seinem gemütlichen Mantel bedeckt wäre? Natürlich findet man auch Fische, die sich ungewöhnlich frisch in diesen Gewässern des Nordens erhalten. Aber diese kaltblütigen, lungenlosen Fische, deren Leiber wie Eismaschinen sind, können sich schon an der Leeseite eines Eisberges wärmen, wie es bei einem Reisenden im Winter an dem Feuer des Gasthauses der Fall ist. Dagegen hat der Wal wie der Mensch Lungen und warmes Blut. Fängt sein Blut an zu frieren, so stirbt er.
Wenn es schon ein Wunder ist, daß dieses große Ungeheuer Körperwärme so notwendig braucht wie der Mensch, so wird es uns erst recht wundern, daß er in den arktischen Meeren zu Hause ist und tief mit den Lippen in das kalte Wasser eintaucht und sich dort recht wohl fühlt. In Meeren, wo über Bord gefallene Matrosen, wenn man sie Monate später auffindet, mitten in den Eisstücken eingefroren sind, wie Fliegen, die in ein Bernsteinstück eingeklebt sind. Aber es wird noch mehr überraschen, wenn man erfährt, daß das Blut eines Polarwals, wie durch Versuche festgestellt ist, noch wärmer ist, als das eines Negers von Borneo im Hochsommer. –
»Die Ketten einziehen! Laßt den toten Wal achteraus!« Die großen Flaschenzüge haben nun ihre Arbeit getan. Der abgeschälte weiße Körper des geköpften Walfisches leuchtet nun wie ein marmornes Grabmal; obwohl er nun anders aussieht als vorher, so ist er doch noch ebenso kolossal. Langsam treibt er immer mehr ab. Das Wasser wird von den unersättlichen Haifischen aufgepeitscht. Die Luft wird oben von Scharen raubgieriger, schreiender Vögel unsicher gemacht, deren Schnäbel wie Dolche in den Wal hineinhacken. Das ungeheure, weiße, kopflose Phantom treibt immer mehr vom Schiff ab. Und bei jedem Zoll vermehrt sich der mörderische Lärm der Haie im Quadrat und das Geschrei der Vögel in der dritten Potenz. Noch stundenlang ist dieser häßliche Anblick von dem fast an derselben Stelle stehenbleibenden Schiff aus zu sehen. Unter dem unbewölkten und milden, azurblauen Himmel treibt die große, tote Masse auf dem hellen Spiegel des lieblichen Meeres, auf den lustige Brisen Dünungen hervorrufen, langsam weiter und weiter, bis sie schließlich in der unendlichen Ferne verschwindet.
Es ist ein furchtbar trauriges und noch dazu spöttisches Begräbnis. Die Seegeier erscheinen in stummer Trauer und die Lufthaie sind alle schwarz oder mit Punkten gesprenkelt. Zu Lebzeiten würden nur wenige dem Wal Hilfe gebracht haben, wenn er zufällig ihrer bedurft hätte. Aber bei seinem Leichenschmaus fallen sie in frommer Trauer darüber her. Wie entsetzlich ist doch die Raubgier der Erde, vor der nicht mal der mächtigste Wal sicher ist!
Dreiunddreißigstes Kapitel
Man darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß der Wal enthauptet wird, bevor der Körper vollständig abgezogen ist. Aber die Enthauptung des Pottwals ist eine Angelegenheit, die mit anatomischem Scharfsinn vollzogen wird, und auf die erfahrene Wal-Chirurgen sich sehr viel einbilden. Das geschieht auch nicht ganz ohne Grund.
Man muß bedenken, daß der Wal eigentlich nicht über einen sogenannten Hals verfügt; wo Kopf und Rumpf zusammengehen, scheint gerade der dickste Teil des Körpers zu sein. Man muß auch bedenken, daß der Chirurg von oben arbeiten muß, daß acht oder zehn Fuß zwischen seinem Objekt liegen und daß dasselbe in einer undurchsichtigen und sehr oft stürmischen See verborgen ist. Man muß sich auch vergegenwärtigen, daß er unter diesen ungünstigen Umständen viele Fuß tief in das Fleisch hineinschneiden muß, und daß er, ohne ein einziges Mal in den so geführten Schnitt hineinschauen zu können, alle danebenliegenden verbotenen Teile umgehen und die Wirbelsäule an einem kritischen Punkt zerteilen muß an der Stelle, wo diese in den Schädel geht. Soll man sich da nicht wundern, wenn Stubb nur zehn Minuten brauchte, um einen Pottwal zu enthaupten?
Wenn der Kopf abgetrennt ist, läßt man ihn achterwärts herunter und befestigt ihn an einem Kabel, bis der Rumpf abgezogen ist. Wenn das geschehen ist, so wird er, sofern er einem kleinen Wal angehört, an Deck gezogen, und man verfügt über ihn nach Belieben. Aber bei einem ausgewachsenen Wal ist das unmöglich. Der Kopf des Pottwals nimmt beinahe ein Drittel des ganzen Körpers ein. Und wenn man mit den ungeheuren Flaschenzügen eines Walschiffes eine solche Last vollständig aufhängen wollte, so wäre das ein ebenso vergeblicher Versuch, wie der, wenn man eine holländische Scheune auf einer Juwelierwage wiegen wollte.
Als der Wal geköpft und der Rumpf abgezogen war, wurde der Kopf an der Seite des Schiffes aufgezogen und hing noch halb im Wasser, so daß er größtenteils vom Meer selbst getragen wurde. Und so wurde er durch das Fahrzeug, das sich zu ihm steil hinüberlehnte, mit Hilfe des ungeheuren, nach unten gerichteten Zuges vom unteren Mast gehalten, wobei jede Rahe an dieser Seite wie ein kleiner Krahn über den Wogen mitwirkte. Schließlich hing der Walfischkopf, von dem das Blut herabtropfte, dem »Pequod« an der Seite, wie der Kopf des riesigen Holofernes am Gürtel der Judith.
Als die letzte Arbeit getan war, war es Mittag, und die Matrosen gingen nach unten zum Essen. Es herrschte nun völlige Ruhe auf Deck, auf dem es vorher noch so laut zugegangen war. Eine Ruhe, vergleichbar einer alles bedeckenden Lotosblume, die allmählich ihre geräuschlosen, alles Maß übersteigenden Blätter ausstreckt, breitete sich über das Meer aus.
Eine kurze Zwischenzeit verging, und in dieser Stille kam Ahab allein aus seiner Kajüte hervor. Er ging ein paarmal auf dem Achterdeck herum, blieb stehen, starrte über die Reling und nahm dann, nachdem er langsam zwischen die Hauptketten gegangen war, Stubbs langen Spaten, der nach der Enthauptung des Wales noch dalag. Stieß ihn in den unteren Teil der halb aufgehängten Masse, nahm das eine Ende wie eine Krücke unter den Arm, stand dann nach vorn gelehnt da und starrte den Walfischkopf gedankenvoll an.
Es war ein dunkelfarbiger Kopf mit einer Haube. Wie er mitten in der tiefen Stille dahing, schien er die Sphinx in der Wüste zu sein.
»Rede, ungeheurer und ehrwürdiger Kopf,« brummte Ahab, »der du, obwohl du keinen Bart hast, doch hier und da wie mit reifartigen Moosteilen bedeckt bist! Rede, gewaltiger Kopf und erzähle uns von dem Geheimnis, das in dir verborgen ist! Von allen Tauchern bist du am tiefsten getaucht! Du Kopf, auf den die höchste Sonne nun ihre Strahlen fallen läßt, du hast auf dem Grund dieser Welt geweilt, wo nicht auf die Nachwelt gekommene Namen und Schiffe verrosten und nie bekanntgewordene Hoffnungen und Anker verfaulen; wo unsere mörderische Fregatte, die Erde, den Ballast der Skelette von Millionen Ertrunkener geladen hat, da warst du am besten zu Hause!
Du hast es erlebt, wie der ermordete Matrose um Mitternacht von Piraten vom Deck gestoßen wurde, wie er nach und nach in die noch größere Nacht des unersättlichen Schlundes fiel, und die Mörder in aller Ruhe davonsegelten.
Und wie daneben Blitze ein Schiff zersplitterten, das einen rechtschaffenen Gatten in die ausgestreckten, sehnsuchtsvollen Arme seiner Frau bringen sollte! Du hast genug erlebt, so daß die Planeten hätten zerschellen und Abraham zu einem Ungläubigen hätte werden können, und du sagst nicht ein einziges Wort dazu!«
»Segel in Sicht!« schrie eine Stimme triumphierend hoch oben vom Hauptmast.
»Wirklich? Nun das ist ja famos«, rief Ahab. Er richtete sich mit einem Male auf, während die reinen Gewitterwolken ihm über den Augenbrauen standen.
»Solch ein lebendiger Ruf könnte nach dieser Totenstille einen, der besser wäre als ich, bekehren! Wo ist es denn?«
»Drei Strich am Steuerbordbug! Es läuft mit der Brise auf uns zu!«
»Das ist ja noch besser, Mann! Ich wollte, der heilige Paulus käme nun des Weges daher und brächte bei meiner Windstille seine Brise mit! Wie unsagbar ähnlich seid ihr doch, Natur und menschliche Seele! Das kleinste Atom kann nicht leben und weben in der Materie, ohne daß es nicht im Geiste ein entsprechendes Gegenbild hätte!«
Vierunddreißigstes Kapitel
Schiff und Brise wehten zu gleicher Zeit auf. Aber die Brise kam schneller an als das Schiff, und bald fing der »Pequod« an zu schaukeln. Nach und nach erkannte man durch das Glas, daß die Boote des fremden Schiffes und die bemannten Masten einem Walschiff angehörten. Aber da es zu weit windwärts war und vorbeischoß, um anscheinend einem anderen Walfischgrunde zuzusegeln, konnte der »Pequod« nicht erwarten, das Schiff einzuholen. Daher wurde ein Signal aufgezogen, um zu sehen, was man für eine Antwort bekam.
Ich muß bemerken, daß die Schiffe der amerikanischen Walflotte wie die Schiffe der Kriegsmarine ein besonderes Signal haben. Alle diese Signale sind in einem Buch gesammelt, das alle Namen der in Frage kommenden Schiffe enthält; jeder Kapitän besitzt dieses Buch. Die Kapitäne der Walschiffe sind somit imstande, einander auf dem Ozean zu erkennen, selbst auf ziemlich weite Entfernungen mit großer Leichtigkeit.
Auf das Signal des »Pequod« hin setzte das fremde Schiff das eigene Signal auf. Man erkannte, daß es der »Jerobeam« aus Nantucket war. Die Rahen wurden gebraßt. Das Schiff segelte los, fuhr im rechten Winkel in der Leeseite des »Pequod« und ließ ein Boot herab. Bald war es nahe heran. Aber als die Schiffsleiter auf Befehl Starbucks angelegt werden sollte, um es dem Kapitän bequem zu machen, winkte der Fremde vom Heck des Bootes aus, zum Zeichen, daß das Vorhaben gänzlich überflüssig wäre. Es zeigte sich, daß der »Jerobeam« eine schlimme Epidemie an Bord hatte, und daß Mayhew, der Kapitän, befürchtete, er könne die Mannschaft des »Pequod« anstecken. Obwohl er selbst und die Mannschaft des Bootes nicht krank waren und das Schiff einen halben Flintenschuß weit weg lag, und obwohl See und Wind ungefährlich waren, so hielt er sich doch gewissenhaft an die ängstliche Quarantänevorschrift des Landes und vermied es von vornherein, mit dem »Pequod« direkt in Berührung zu kommen.
Aber damit wurde keineswegs jede Verbindung überhaupt unterbunden. Das Boot des »Jerobeam« hielt in einem Abstand von einigen Yards von dem Schiff und bemühte sich, durch gelegentlichen Gebrauch der Ruder sich parallel zum »Pequod« zu halten, der sich mit seinem hinteren Hauptsegel wacker einen Weg durch die See kämpfte, da es mittlerweile kräftig anfing zu wehen. Wenn auch das Boot manchmal durch den Stoß einer plötzlich auftretenden großen Welle hochgetragen wurde, so brachte man es bald geschickt wieder in die alte Richtung hinein. Von diesen und ähnlichen gelegentlichen Unterbrechungen abgesehen, konnte zwischen den beiden Schiffen eine Unterhaltung geführt werden; aber dazu kam noch eine Unterbrechung von einer ganz anderen Art.
Im Boot des »Jerobeam« führte ein Mann von sonderbarem Aussehen das Ruder. Das will was heißen, wo bei den Walfischern die sonderbarsten Individuen, die es überhaupt gibt, zusammenlaufen; es war ein kleiner, kurzer Mann von jugendlichem Aussehen, der im ganzen Gesicht mit Sommersprossen bedeckt war und riesig lange blonde Haare trug. Ein Rock mit langen Schößen und von mysteriösem Schnitt, der abgetragen und walnußfarben war, bedeckte ihn; die hochgeklappten Schöße gingen ihm bis an die Hüften. In seinen Augen lag ein tiefer fanatischer Ausdruck des Wahnsinns.
Er war ursprünglich unter der verdrehten Gesellschaft der »Neskyeuna Shakers« aufgewachsen, wo er es bald zum großen Propheten gebracht hatte. In ihren verrückten Geheimsitzungen war er verschiedentlich vom Himmel durch eine Falltür herabgestiegen, wobei er schnell die siebente Phiole aufmachte, die er in der Westentasche bei sich hatte. Aber sie enthielt kein Schießpulver, sondern war, wie man annahm, mit Opiumtinktur gefüllt. Eine merkwürdige apostolische Grille hatte ihn gepackt. Und so war er von Neskyeuna nach Nantucket gegangen, wo er bei seiner merkwürdigen Veranlagung zum schlauen Wahnsinn ein gesetztes unauffälliges Benehmen an den Tag legte und sich als Volontär für die Walreise des »Jerobeam« anbot. Er wurde angenommen, aber kaum war er mit dem Schiff außer Sichtweite des Landes, da brach der Wahnsinn in höchster Potenz bei ihm aus. Er gab sich als Erzengel Gabriel aus und befahl dem Kapitän, über Bord zu springen. Er veröffentlichte ein Manifest und erklärte sich als Befreier der Inseln des Meeres und Generalstatthalter von ganz Ozeanien.
Der unwiderlegbare Ernst, mit dem er diese Dinge vorbrachte, das dunkle, verwegene Spiel seiner ruhelosen, aufgepeitschten Phantasie und alle übernatürlichen Schrecken des Wahnsinns vereinigten sich, um diesen Gabriel in den Augen der meisten unerfahrenen Matrosen mit einem Nimbus von Heiligkeit zu umgeben. Außerdem hatten sie vor ihm Angst. Da natürlich solch ein Kerl auf dem Schiff nicht zu gebrauchen war, und er nichts anfassen wollte, was ihm nicht gefiel, so wäre der ungläubige Kapitän ihn gern losgeworden. Aber als der Erzengel merkte, daß man ihn im ersten besten Hafen absetzen wollte, öffnete er alle geheimen Siegel und Phiolen und erklärte das Schiff und die ganze Besatzung unweigerlich für verloren, wenn diese Absicht ausgeführt würde. Er hatte auf seine Anhänger unter der Mannschaft einen so starken Einfluß, daß diese geschlossen zum Kapitän gingen und ihm mitteilten, daß keiner bleiben würde, wenn Gabriel vom Schiff fortgeschickt würde. Der Kapitän war daher gezwungen, seinen Plan fallen zu lassen. Die Matrosen würden es auf keinen Fall geduldet haben, daß Gabriel mißhandelt würde, mochte er nun sagen und tun, was er wollte.
Und so kam es denn, daß Gabriel sich auf dem Schiff einer ungenierten Freiheit erfreute. Die Folge war, daß sich der Erzengel wenig oder so gut wie gar nicht um den Kapitän und die Schiffsmaate kümmerte. Seitdem die Epidemie ausgebrochen war, wuchs sein Ansehen; er erklärte, daß die »Pest«, wie er die Krankheit nannte, nur auf seinen Befehl gekommen wäre. Und sie würde, wenn es ihm Vergnügen machte, noch länger an Bord verweilen. Die Matrosen, die größtenteils arme Teufel waren, umschmeichelten ihn, und einige von ihnen warfen sich sogar vor ihm nieder. Um seinen Anordnungen Folge zu leisten, gingen sie sogar so weit, daß sie ihm persönliche Huldigungen wie einem Gott darbrachten. Solche Dinge können unglaublich erscheinen; aber so merkwürdig sie auch sind, sie sind doch wahr.
Aber es ist Zeit, daß wir zum »Pequod« zurückkehren.
»Ich fürchte die Epidemie bei dir nicht, Mann«, sagte Ahab vom Schiffsgerüst zum Kapitän Mayhew, der im Heck des Bootes stand. »Komm an Bord!«
Aber nun sprang Gabriel mit einem Satz auf die Beine.
»Denk' doch an das Fieber, an das Fieber, an das gelbe und Gallfieber! Hüte dich vor der entsetzlichen Pest!«
»Gabriel, Gabriel!« rief Kapitän Mayhew. »Du mußt entweder –« Aber in demselben Augenblick kam eine ungestüme Welle und hob das Boot mit einem Schwung weit weg auf einen Wellenkamm, so daß durch das siedende Geräusch die weitere Rede erstickt wurde.
»Hast du den weißen Wal gesehen?« fragte Ahab, als das Boot wieder zurückgetrieben wurde.
»Denk' doch an das Walboot, das eingeschlagen wurde und unterging! Hüte dich vor dem schrecklichen Walfischschwanz!«
»Ich sage dir noch einmal, Gabriel, daß –« Aber schon wieder wurde das Boot in die Höhe gezogen, als ob Teufel die Hand im Spiele hätten. Einige Augenblicke lang sagte man kein Wort, während widerspenstige Wellen nacheinander vorüberrollten, die, einer Laune des Meeres folgend, das Boot nicht emporhoben, sondern sogar umwarfen. Inzwischen wurde der hochgezogene Pottwalkopf mächtig hin und her geschüttelt. Als Gabriel das sah, verriet er mehr Angst, als ein Erzengel hätte zeigen dürfen.
Nachdem dies Intermezzo vorbei war, erzählte Kapitän Mayhew eine dunkle Geschichte von Moby-Dick. Dabei wurde er verschiedene Male von Gabriel, wenn dieser Name vorkam, unterbrochen und ebenso von der wilden See, die mit ihm im Bunde zu sein schien.
Der »Jerobeam« war noch nicht lange von Hause fort, da rief er ein Walschiff an, dessen Mannschaft zuverlässige Kenntnis von Moby-Dick und den Verheerungen hatte, die er anrichtete. Gabriel sog diese Mitteilungen gierig ein und warnte den Kapitän feierlich, daß er den weißen Wal auf keinen Fall angreifen sollte, wenn dieser sich sehen ließ. In seinem Wahnsinn erklärte er auf seine geschwätzige Art, daß der weiße Wal nichts Geringeres als der verkörperte »Gott der Shaker« wäre. Das hätten die Shakers aus der Bibel. Aber als dann ein oder zwei Jahre darauf Moby-Dick von dem Ausguckposten gesichtet wurde, brannte Macey, der Obermaat, danach, den Wal zu treffen. Der Kapitän wollte ihm diese günstige Gelegenheit nicht nehmen, trotzdem der Erzengel mit seinen Anklagen und Warnungen nicht zurückhielt. Macey gelang es, fünf Mann für das Boot zu gewinnen. Mit ihnen fuhr er ab, und nach mühevollem Rudern und vielen gefährlichen, vergeblichen Angriffen gelang es ihm schließlich, ein Eisen in den Wal zu bringen.
Währenddem machte Gabriel, der oben auf den Mast des Oberbramsegels geklettert war, mit dem Arm wahnsinnige Bewegungen und verkündete den Angreifern der Göttlichkeit des Wales ihren schnellen Untergang in prophetischen Reden.
Als nun Macey, der Maat, hochaufgerichtet im Bug des Bootes stand und mit unverminderter Kraft seine wilden anfeuernden Reden gegen den Wal ausstieß und darauf wartete, wie er die schwebende Lanze in einem günstigen Augenblick fortschleudern könnte, da erhob sich mit einem Male ein breiter, weißer Schatten aus dem Meere. Er stieg urplötzlich auf und raubte durch seine fächelnde Bewegung den Ruderleuten minutenlang den Atem. Im nächsten Augenblick wurde der unglückliche Maat, der so voll ungestümen Lebens steckte, in die Luft gerissen, und flog in einem weiten Bogen in einer Entfernung von 50 Yard in die See. Kein Stück war am Boot beschädigt und keinem Bootsmann war ein Haar gekrümmt worden, aber der Schiffsmaat blieb für immer versunken.
Man muß wissen, daß diese verhängnisvollen Unfälle in der Pottwalfischerei reichlich häufig sind. Oftmals geschieht niemandem etwas außer dem Mann, der auf diese Weise vernichtet wird. Oftmals ist der Bug des Bootes oder der Platz, auf dem der Harpunier stand, mit dem Körper desselben fortgerissen. Aber das allermerkwürdigste ist, daß in mehreren Fällen an dem Körper des Toten, wenn man ihn wieder fand, nicht eine Spur von Gewalttätigkeit zu erkennen war; der Mann war nichts wie tot.
Das ganze Unglück wurde vom Schiff deutlich erkannt, und man sah, wie Macey ins Meer fiel. Da erhob Gabriel einen gellenden Schrei: »die Phiole! die Phiole!« und hielt die vor Schrecken bebende Mannschaft davor zurück, den Wal weiter zu verfolgen. Dieses furchtbare Ereignis verstärkte den Einfluß des Erzengels noch mehr. Seine leichtgläubigen Anhänger glaubten nämlich, daß er den Vorfall vorher verkündet habe. So wurde er denn ein unheimlicher Schrecken für das Schiff.
Als Mayhew seine Erzählung beendet hatte, stellte Ahab solche Fragen, daß der fremde Kapitän sich erkundigte, ob er den weißen Wal jagen wollte, wenn sich die Gelegenheit dazu böte. Worauf Ahab dann antwortete: »Ja!« Da sprang Gabriel noch einmal auf die Beine, glotzte den alten Mann an und rief mit nach unten gerichtetem Finger heftig aus: »Denke doch an den toten Gotteslästerer und sieh da unten! Hüte dich vor seinem Ende!«
Ahab wandte sich ruhig zur Seite und sagte dann zu Mayhew: »Kapitän, ich denke gerade an den Postbeutel. Da ist ein Brief für einen von deinen Offizieren, wenn ich mich nicht irre. Starbuck sieh mal den Beutel durch!«
Jedes Walschiff nimmt eine beträchtliche Zahl von Briefen für verschiedene Schiffe mit, und die Beförderung derselben an die Adressaten hängt nur davon ab, ob man sich zufällig in den vier Ozeanen trifft. So erreichen die meisten Briefe niemals ihr Ziel, und viele werden erst dann abgegeben, nachdem sie zwei, drei Jahre oder noch älter sind.
Bald darauf kehrte Starbuck mit einem Brief in der Hand zurück. Er war scheußlich zerknüllt, feucht und mit einem grünen fleckigen Schimmel bedeckt, weil er in einem dunklen Kasten in der Kajüte aufbewahrt war. Der Teufel hätte wohl selbst der Briefträger eines solchen Briefes sein können.
»Kannst du ihn nicht lesen?« rief Ahab. »Gib ihn mir, Mann! Ja, das ist nur ein dünnes Gekritzel. Aber was ist denn das?« Als er ihn studierte, nahm Starbuck die Stange eines langen Schneidespatens, spaltete mit dem Messer soeben das eine Ende, um den Brief hineinzustecken und ihn auf diese Weise dem Boot zu übergeben, ohne daß es näher ans Schiff heranzukommen brauchte. Inzwischen brummte Ahab, während er den Brief hielt: »Mister Har – ja – Mister Harry! Das ist ja die feine Handschrift einer Frau, und ich wette, das ist die Frau des Mannes, ja – Mister Harry Macey, Schiff »Jerobeam«. Nun, es ist ja Macey, und der ist tot!« –
»Armer Kerl! armer Kerl! und dieser Brief ist von seiner Frau«, seufzte Mayhew. »Aber geben Sie ihn mir nur her!«
»Nein, behalte ihn nur«, schrie Gabriel Ahab zu. »Du wirst bald denselben Weg gehen.« – »Der Fluch soll dich treffen!« schrie Ahab mit gellender Stimme. »Kapitän Mayhew, paß auf und nimm ihn!« Damit nahm er den verhängnisvollen Brief aus der Hand Starbucks, steckte ihn in den Schlitz der Stange und reichte ihn zum Boot herüber. Aber als dies geschah, hielten die Ruderleute erwartungsvoll im Rudern inne. Das Boot wurde ein wenig gegen das Heck des Schiffes getrieben, so daß wie durch ein Wunder der Brief plötzlich in die gierige Hand Gabriels kam. Er packte ihn sofort, griff nach dem Bootsmesser, steckte den Brief in den gemachten Spalt und schickte ihn so wieder nach dem Schiff zurück.
Er fiel zu den Füßen Ahabs nieder. Dann schrie Gabriel seinen Kameraden zu, daß sie die Ruder greifen sollten, und so schoß denn das widerspenstige Boot, so schnell es konnte, aus dem Bereich des »Pequod« fort.
Fünfunddreißigstes Kapitel
Bei dem Lärm, den das Zerschneiden und Bergen des Wals mit sich bringt, laufen die Matrosen vom Vorder- zum Achterdeck hin und her. Mal werden Leute hier, mal werden sie dort gebraucht. Man bleibt nicht an einer Stelle stehen. Alles muß zur selben Zeit allerorts mit einem Male ausgeführt werden.
Wir hatten erwähnt, daß der Speckhaken zuerst in das Loch eingehängt werden mußte, was mit Hilfe der Spaten der Maate ausgeführt wurde, bevor man in den großen Rücken des Wales überhaupt eine Bresche legen konnte. Aber wie war es möglich, daß eine so plumpe und schwere Masse, wie der Haken, in dem Loch festgemacht werden konnte? Er wurde durch meinen Freund Queequeg darin befestigt, der als Harpunier die Funktion hatte, zu diesem ausdrücklichen Zweck auf den Rücken des Ungeheuers herabzusteigen. In vielen Fällen verlangen es die Umstände, daß der Harpunier auf dem Wal so lange bleibt, bis die Arbeit des Fellabziehens vollendet ist. Der Wal liegt fast ganz unter Wasser – darauf ist wohl zu achten – bis auf die Körperteile, an denen gerade gearbeitet wird. So treibt sich denn der arme Harpunier zehn Fuß unter Deck dort unten herum, halb ist er auf dem Wal und halb ist er im Wasser, und dazu dreht sich die ungeheure Fleischmasse unter ihm wie eine Tretmühle. Queequeg war nur in Hemd und Socken, und sein Anzug glich somit einem Hochländerkostüm.
Ich war der Bugmann des Wilden, das heißt die Person, die das Bugruder im Boote, das zweite von vorn gerechnet, führen mußte. So war es denn meine angenehme Pflicht, ihm behilflich zu sein, wenn er auf dem Rücken des toten Wals seine wagehalsigen Kletterversuche machte. Du hast gewiß schon die italienischen Musikanten gesehen, die einen Tanzaffen an einem langen Strick halten. Gerade so hielt ich meinen Queequeg von der steilen Seite des Schiffes aus, dort unten im Meere. Daher kommt der technische Ausdruck »Affenseil«, das an einem starken Segeltuchgürtel, der ihm um die Hüften gebunden ist, befestigt ist. Es war eine gefährliche Beschäftigung für uns beide, die dabei nicht ganz ohne Humor war. Bevor wir weitergehen, muß gesagt werden, daß das Affenseil mit beiden Enden festgebunden war, und zwar an dem breiten Segeltuchgürtel von Queequeg und an meinem schmalen Ledergürtel, so daß wir beide zeitweilig auf Tod und Leben miteinander verbunden waren. Sollte der arme Queequeg untersinken und nie mehr hochkommen, so verlangte es die Sitte und die Ehre, daß ich das Seil nicht abschneiden durfte, sondern in das Kielwasser Queequegs nachgezogen wurde. So waren wir denn wie die siamesischen Zwillinge miteinander verbunden.
Die Haifische hatten sich durch das Gemetzel in der Nacht nicht abschrecken lassen. Nun wurden sie wieder durch das aus der Leiche fließende Blut von neuem zu kühnen Angriffen verlockt. Und so trieben sie denn toll um den Wal herum, wie Bienen in einem Bienenkorb.
Queequeg befand sich mitten zwischen diesen Haien. Oftmals stieß er sie mit den zappelnden Füßen zur Seite. Das mag einem unwahrscheinlich vorkommen, aber es verhält sich tatsächlich so, daß der fleischgierige Hai, der sonst keinen Unterschied macht, selten einen Mann anrührt, wenn er von einer Beute, wie in dem vorliegenden Fall von einem toten Wal, angelockt wird.
Aber trotzdem tut man gut, wenn man den Haien scharf auf die Finger sieht, wo sie schon mal ihre Hand im Spiele haben. Außer dem Affenseil, mit dem ich ab und zu den armen Jungen wegzog, um ihn einer zu engen Nachbarschaft mit dem Maul eines besonders gefräßigen Hais zu entreißen, erfreute er sich noch eines anderen Schutzes. In einem Gerüst hingen Tashtego und Daggoo über ihm, und schwangen dauernd ein paar scharfe Walfischspaten, mit dem sie so viel Haie, wie sie kriegen konnten, abschlachteten, über seinem Kopf. Ihr Vorhaben war bestimmt uneigennützig und wohlwollend. Sie wollten bestimmt das Beste für Queequeg. Aber bei ihrem allzu großen Eifer, ihm nützlich zu sein, und bei der Tatsache, daß er und die Haie zeitweilig halb durch das blutige Wasser verborgen waren, hätten die beiden mit ihren Walfischspaten leichter ein Bein Queequegs als einen Haischwanz abschneiden können. –
Sechsunddreißigstes Kapitel
Es muß daran erinnert werden, daß der riesige Kopf eines Pottwals die ganze Zeit dem »Pequod« an der Seite hing. Aber wir müssen ihn noch eine Weile hängen lassen, bis wir eine günstige Gelegenheit haben, ihn zurechtzumachen. Augenblicklich sind andere Dinge wichtiger, und wir können nichts Besseres für den Kopf tun, als den Himmel bitten, daß die Flaschenzüge halten.
In der vergangenen Nacht und am Vormittag war der »Pequod« langsam in ein Meer getrieben, in dem gelegentlich vorkommendes gelbes Brit darauf hinwies, daß gewöhnliche Wale in der Nähe waren. Obwohl jedermann den Fang dieser gewöhnlichen Geschöpfe verabscheute, und obwohl der »Pequod« nicht beauftragt war, sie überhaupt aufzuspüren, und obwohl man bei den Crozetts-Inseln Scharen von ihnen begegnet war, ohne ein Boot herabzulassen, wurde nun mit einem Male, wo ein Pottwal an die Längsseite gebracht und enthauptet war, der Befehl bekanntgegeben, daß ein gewöhnlicher Wal gefangen werden sollte, wenn sich die Gelegenheit dazu böte. Man brauchte nicht lange zu warten. An der Leeseite sah man große Fontänen. Und so wurden denn zwei Boote, das von Stubb und das von Flask, auf die Verfolgung geschickt. Sie ruderten immer weiter weg, bis sie schließlich für die Leute oben am Mast unsichtbar wurden. Aber plötzlich sahen sie in der Ferne weißes Wasser hoch aufwirbeln, und bald darauf kam die Meldung von oben, daß eins der Boote festsaß. Eine kurze Zeit verging. Da waren die Boote wieder deutlich zu sehen, und man bemerkte, wie sie von dem angetäuten Wal gerade in der Richtung des Schiffes gezogen wurden. Das Ungeheuer kam so dicht an den Schiffsrumpf heran, daß es schien, als ob es etwas Böses beabsichtigte. Aber mit einemmal ging es in einem Maelstrom unter und verschwand drei Ruten vor den Planken, als ob es unter den Kiel getaucht wäre.
»Abschneiden, abschneiden!« rief man vom Schiff aus den Booten zu, die in einem Augenblick nahe daran waren, an der Seite des Schiffes tödlich anzuprallen. Aber da sie noch sehr viel Seil in der Trommel hatten, und der Wal nicht sehr schnell tauchte, konnten sie ziemlich viel abwickeln, und so ruderten sie gleichzeitig mit aller Macht, um vorn vors Schiff zu kommen. Einige Minuten lang war der Kampf sehr kritisch, denn während sie die Leine in einer Richtung abwickelten und das Ruder in einer anderen Richtung handhabten, drohte die verschiedene Richtung ihnen gefährlich zu werden. Aber sie suchten nur einen Abstand von einigen Fuß zu gewinnen, und sie strengten sich so an, daß es ihnen schließlich gelang. Da spürte man mit einemmal ein heftiges schnelles Zittern, als ob der Blitz unter den Kiel geraten wäre. Die angespannte Leine unter dem Schiff wurde mit einem Male am Bug sichtbar und zitterte so stark, daß die herabfallenden Wassertropfen wie zerbrochene Glasscherben auf das Wasser fielen. Indessen wurde der Wal an der anderen Seite auch wieder sichtbar, und so wurden denn die Boote noch einmal in den Stand gesetzt, die Verfolgung aufzunehmen. Aber der erschöpfte Wal verlangsamte die Geschwindigkeit, änderte wahllos die Richtung und ging um das Heck des Schiffes herum, wobei er die beiden Boote hinter sich herzog, so daß sie einen richtigen Bogen bildeten.
Inzwischen zogen sie ihre Leinen immer mehr ein, so daß sie von zwei Seiten ihm dicht in der Flanke waren. Stubb stieß den Wal mit Flask abwechselnd mit der Lanze, und so ging rings um den »Pequod« der Kampf los. Während die Herden der Haie bisher um den Körper des Pottwales herumgeschwommen waren, stürzten sie sich nun auf das frische Blut und tranken es durstig mit jedem Strahl, so wie die gierigen Juden in der Wüste den neuen Quell ausschlürften, der aus dem Felsen, gegen den Moses geschlagen hatte, herausströmte. Schließlich wurde die Fontäne ganz dick, und der Wal legte sich mit einem schrecklichen Wälzen und Seufzen auf den Rücken und war bald eine Leiche. Als die beiden Scharfrichter damit beschäftigt waren, die Seile um die Schwanzflossen anzulegen, und auf besondere Art die Masse zum Antäuen bereitzumachen, entwickelte sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:
»Ich möchte bloß mal wissen, was der Alte mit diesem faulen Speck will«, sagte Stubb mit einem gewissen Abscheu und dachte daran, daß er es mit einem unwürdigen Walfisch zu tun hatte.
»Will?« sagte Flask und wickelte die übrige Leine im Bug des Bootes zusammen. »Haben Sie denn niemals gehört, daß das Schiff, das schon einen Pottwalkopf an der Steuerbordseite aufgezogen hat, zu gleicher Zeit auch einen gewöhnlichen Walkopf an der Backbordseite haben muß? Haben Sie denn nie gehört, Stubb, daß solch ein Schiff niemals später kentern kann?«
»Warum denn nicht?«
»Ich weiß es nicht, aber ich hörte mal, daß der Kambodschageist von Fedallah es sagte, und der scheint sich auf den Schiffszauber zu verstehen. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob er für das Schiff nichts Gutes bedeutete. Ich mag den Kerl nicht so recht, Stubb. Haben Sie schon mal bemerkt, Stubb, daß sein Schneidezahn wie bei einem Schlangenkopf eingesetzt ist?«
»Der soll versaufen! Ich sehe ihn überhaupt nicht an. Aber wenn ich ihn zufällig in einer dunklen Nacht sehe, wenn er bei dem Schiffsgerüst steht und keiner bei ihm ist, dann sehen Sie mal her, Flask«, – und damit wies er in die See, mit einer charakteristischen Bewegung der beiden Hände. »Ja, das tue ich, Flask! Ich glaube, daß der Fedallah ein vermummter Teufel ist. Glauben Sie an das Ammenmärchen, daß er an Bord des Schiffes verstaut worden ist? Er ist der Teufel selbst! Daß Sie seinen Schwanz nicht sehen, liegt daran, daß er ihn verborgen aufgewickelt hat. Ich glaube, er hat ihn in der Tasche zusammengerollt. Nun, wo ich an ihn denke, fällt mir ein, daß er immer Werg nötig hat, um die Zehen in den Stiefeln auszustopfen.«
»Dann schläft er wohl in Stiefeln? Er hat keine Hängematte. Aber ich habe ihn nächtelang in einem Haufen zusammengelegter Taue liegen sehen.«
»Kein Wunder. Das ist ja wegen seines verdammten Schwanzes. Sie sehen also, daß er ihn in dem Takelwerk zusammenrollt.«
»Weshalb der Alte sich nur soviel mit ihm einläßt?«
»Müssen wohl etwas miteinander vorhaben.«
»Aber was denn?«
»Nun, Sie wissen ja, daß der Alte hinter dem weißen Wal her ist, und daß der Teufel da an ihn ranzukommen sucht, um ihm die silberne Uhr oder sogar die Seele oder sonst etwas abzunehmen und dafür den Moby-Dick auszuliefern!«
»Aber Stubb, was reden Sie da für dummes Zeug! Wie kann Fedallah so etwas tun?«
»Ich weiß es nicht, Flask. Aber der Teufel ist ein merkwürdiger Vertreter und dazu ein ganz gemeiner Schuft.« – – –
Man rief den Booten zu, sie sollten den Wal an die Backbordseite ziehen, wo die Ketten um die Schwanzflossen und andere notwendige Geräte schon bereitlägen, um den Wal zu bergen.
»Habe ich's Ihnen nicht gesagt?« sagte Flask. »Sie werden sehen, daß der Kopf des gewöhnlichen Wales gegenüber dem Kopf des Pottwales aufgezogen wird.«
In entsprechender Zeit stellte sich die Vermutung von Flask als wahr heraus. Da der »Pequod« sich unter dem Gewicht des Pottwalkopfes herüberlegte, so bekam er nun durch das Gleichgewicht der beiden Köpfe die rechte Lage des Kieles wieder, wenn er auch gehörig angespannt wurde. Und so verhält es sich auch auf philosophischem Gebiete: Wenn man auf der einen Seite den Kopf Lockes heraufzieht, fällt man nach dieser Seite. Wenn man aber auf der anderen Seite den Kopf Kants heraufzieht, so kommt man wieder ins richtige Gleichgewicht, aber man fühlt sich nicht wohl dabei.
Siebenunddreißigstes Kapitel
Da liegen nun zwei große Walfische mit ihren Köpfen nebeneinander. Wir wollen uns zu ihnen begeben und unsere Köpfe danebenlegen.
Von der erhabenen Klasse der Wale in Folioformat sind der Pottwal und der gewöhnliche Wal am bemerkenswertesten. Das sind die einzigen Wale, die regelmäßig von Menschen gejagt werden. Dem Nantucketer erscheinen sie als die beiden Extreme aller bekannten Spielarten des Wales.
Zunächst fällt einem der allgemeine Unterschied der Köpfe auf. Beide sind schon kolossal, aber der Kopf des Pottwales hat eine gewisse mathematische Symmetrie, die dem gewöhnlichen Wal leider fehlt. Der Pottwalkopf hat mehr Charakter. Wenn man ihn betrachtet, so wird man sich unwillkürlich der überwältigenden Würde, die er ausdrückt, bewußt. Im gegenwärtigen Falle wird diese Würde durch die gesprenkelte Farbe des Kopfes an der höchsten Stelle verstärkt, was ein Zeichen von vorgerücktem Alter und großer Erfahrung ist. Er ist, wie die Schiffer es in ihrer Sprache ausdrücken, ein »grauköpfiger Wal«.
Lassen Sie uns feststellen, was bei den beiden Köpfen nicht so sehr verschieden ist; das sind die beiden wichtigsten Organe, das Auge und das Ohr. Ganz unten an der Seite des Kopfes und ziemlich tief, fast an der Ecke des Kiefers der beiden Wale, wird man, wenn man genau hinsieht, schließlich ein Auge ohne Wimpern finden, das man für das Auge eines jungen Fohlens halten könnte; es steht zu der Größe des Kopfes in gar keinem Verhältnis. Bei der merkwürdigen seitlichen Lage der Walfischaugen ist es klar, daß er kein Objekt sehen kann, was gerade über ihm ist, und ebensowenig kann er ein Objekt erkennen, das genau hinter ihm liegt. Man sieht also, daß die Lage der Walfischaugen der Lage der menschlichen Ohren entspricht. Und man wird es sich nun denken können, wie einem zumute sein würde, wenn man die Gegenstände seitlich mit seinen Ohren sehen müßte. Man würde dann finden, daß man nur über dreißig Grad Sehfeld verfügt, seitlich der geraden Seitenlinie des Gesichts, und ungefähr dreißig Grad dahinter.
Wenn der größte Feind gerade hinter einem herginge und am hellichten Tage einen Dolch zückte, so würde man ihn nicht sehen können, gerade so, als ob er sich von hinten an einen heranschliche. Kurz ausgedrückt: man würde gleichermaßen zwei Rücken haben, aber zu gleicher Zeit auch zwei Vorderseiten (Seitenfronten); denn worin besteht denn die Front eines Menschen, wenn es nicht die Augen sind?
Während bei den meisten anderen Tieren die Augen so gerichtet sind, daß ihre beiderseitige Sehkraft miteinander verschmilzt, so daß im Hirn ein einziges Bild entsteht, ist es beim Wal anders. Bei der eigentümlichen Lage der Walaugen, die durch viele Kubikmeter des festen Kopfes getrennt sind, der gleichsam wie ein großer Berg zwei in einem Tal liegende Seen scheidet, so müssen die optischen Eindrücke, die jedes Auge unabhängig empfängt, natürlich getrennt bleiben. Der Wal muß daher auf der einen Seite ein deutliches Bild und auf der anderen Seite auch ein deutliches Bild haben. Und mitten dazwischen muß tiefe Dunkelheit und das reine Nichts liegen. Der Mensch sieht gleichsam aus einem Schilderhaus auf die Welt, das zwei miteinander verbundene Rahmen in einem Fenster hat. Aber bei dem Wal sind diese beiden Rahmen besonders eingesetzt und bilden zwei ganz auseinanderliegende Fenster, die nur eine schlechte Aussicht ermöglichen. Diese eigentümliche Beschaffenheit der Walfischaugen muß in der Fischerei wohl beachtet werden, und in den folgenden Szenen wird der Leser daran erinnert.
Nun könnte man eine merkwürdige und peinliche Frage aufwerfen, was es denn mit den Sehorganen bei dem Walfisch auf sich hat. Aber ich muß mich mit einem Hinweis begnügen. Solange die menschlichen Augen dem Licht ausgesetzt sind, ist der Akt des Sehens unfreiwillig, das heißt, er ist dem mechanischen Aufnehmen ausgesetzt, mag es sich nun um Objekte handeln, wie sie sein mögen. Trotzdem wird es sich bei einem Versuch herausstellen, daß, obwohl er verschiedene Dinge mit einem Blick aufnehmen kann, es ihm doch völlig unmöglich ist, zwei verschiedene Dinge, einen großen und einen kleinen Gegenstand, in demselben Moment aufmerksam und gründlich ins Auge zu fassen, auch wenn sie dicht nebeneinander liegen. Aber wenn man nun die beiden Objekte voneinander trennt und jedes mit einem tiefen, dunklen Kreis umgibt, so wird von den beiden Objekten das eine dem gegenwärtigen Bewußtsein nicht mehr faßbar sein, wenn man das andere so ins Auge faßt, daß man von ihm einen Eindruck haben will.
Wie verhält es sich da bei dem Wal? Allerdings müssen beide Augen bei ihm gleichzeitig in Tätigkeit sein. Aber nimmt sein Hirn besser auf, kombiniert es besser und ist es schlauer, als das des Menschen, so daß er in demselben Moment zwei voneinander geschiedene Objekte, die einander grade entgegengesetzt gerichtet sind, genau erkennen kann? Wenn es das wirklich kann, so ist das ebenso wunderbar, als wenn ein Mensch zwei verschiedene Beweise bei Euklid gleichzeitig vorführen könnte!
Vielleicht ist es nur ein Einfall der Laune, aber es ist mir immer so vorgekommen, als ob die ungewöhnliche Raserei, die die Wale, wenn sie von drei oder vier Booten angegriffen werden, befällt, die Furchtsamkeit und Empfänglichkeit für bloßen Schrecken, die dem Wal so eigentümlich ist und die hilflose Verlegenheit des Willens den geteilten und diametral entgegengesetzten Sehkräften zuzuschreiben ist.
Aber das Ohr des Wales ist ebenso merkwürdig wie das Auge. Wenn man ihn nicht kennt, so könnte man die beiden Köpfe stundenlang absuchen, und man würde dies Organ doch nicht finden. Das Ohr hat keine äußere Ohrmuschel oder etwas ähnliches. Und man kann kaum mit einer Gänsefeder in das Ohr hinein, so wunderbar klein ist es. Es liegt etwas hinter dem Auge. Wenn man die Ohren betrachtet, so muß man auf einen wichtigen Unterschied zwischen dem Pottwal und dem gewöhnlichen Wal achten. Während das Ohr des ersteren eine äußere Öffnung hat, ist die des letzteren völlig mit einer Membrane bedeckt, so daß es von außen her kaum gesehen werden kann.
Ist es nicht merkwürdig, daß ein so ungeheuer großes Geschöpf, wie der Wal, die Welt durch ein so kleines Auge sehen und den Donner durch ein Ohr hören muß, das kleiner ist, als das eines Hasen? Aber wenn seine Augen so groß wären, wie die Linse von dem großen Teleskop Herschels, und die Ohren so geräumig wären, wie die Säulenhallen der Kathedralen, würde er dann besser sehen oder schärfer hören können? Doch wohl kaum! Warum wollt ihr denn euren Geist erweitern? Sucht ihn zu verfeinern!
Aber wir wollen nun den schrecklichen Unterkiefer betrachten, der wie der schmale Deckel einer ungeheuer großen Schnupftabaksdose aussieht, mit einem Scharnier am Ende statt an der Seite. Wenn man nach oben sieht und die Reihen von Zähnen betrachtet, so kommt er einem wie ein schreckliches Fallgitter vor. Leider Gottes ist er das schon für manchen armen Teufel in der Fischerei geworden! Mit furchtbarer Macht ist dieses Gitter auf ihn niedergefallen. Aber es ist noch furchtbarer, wenn man tief in der See einen griesgrämigen Walfisch zu sehen bekommt, der mit seinem unglaublich großen Kiefer in einer Höhe von fünfzehn Fuß im rechten Winkel zum übrigen Körper dahängt, und der Welt wie ein Klüverbaum vom Schiff vorkommt; der Wal ist nicht tot, er ist nur geistesabwesend und eigensinnig; wie ein alter Hypochonder. Dabei so träge, daß die Scharniere seines Kiefers auseinanderhängen.
In den meisten Fällen kann dieser Unterkiefer durch einen geübten Künstler leicht aufgemacht werden. Man macht ihn los und zieht ihn an Deck, um die Fischbeinzähne herauszuziehen, die als Material für so viele merkwürdige Dinge dienen: Spazierstöcke, Stöcke von Regenschirmen und Griffe von Reitpeitschen.
Nach langwieriger Arbeit wird der Kiefer an Bord gezogen, als ob es ein Anker wäre. Und wenn die Zeit dafür gekommen ist, einige Tage nach der übrigen Arbeit, begeben sich Queequeg, Daggoo und Tashtego, die alle tüchtige Zahnärzte sind, ans Werk, um die Zähne auszuziehen. Mit einem scharfen Spaten spaltet Queequeg die Gaumen auf. Dann wird der Kiefer in Ringbolzen eingeklemmt, und mit Hilfe eines Flaschenzuges werden dann die Zähne ausgezogen, genau so, wie die Ochsen in Michigan die Baumstümpfe von alten Eichen aus brachliegendem Waldland herausziehen. Es sind im allgemeinen im ganzen 42 Zähne vorhanden; bei alten Walen sind sie wohl reichlich abgeschliffen, aber immerhin noch unzerstört; sie werden nicht nach unserer künstlichen Mode plombiert. Der Kiefer wird darauf in Platten zersägt und wie Querbalken, die man zum Häuserbau verwendet, aufgestapelt. –
Achtunddreißigstes Kapitel
Es geht nun an das Ausschöpfen des Ölbehälters. Aber wenn man diesen Vorgang richtig verstehen will, muß man etwas von der merkwürdigen Beschaffenheit des Dinges wissen, an dem gearbeitet wird.
Wenn man den Pottwalkopf als einen schrägen, festen Körper ansieht, so kann man ihn durch eine seitwärts hindurchgelegte Ebene in zwei abgestumpfte Pyramiden zerlegen. Der untere Teil derselben besteht aus einem festen Gerüst, das den Schädel und die Kiefer bildet, während der obere Teil eine quabbelige Masse ist, in der kein Knochengerüst vorkommt. Am breiteren vorderen Ende der letzteren befindet sich die ungeheuer große herabfallende Stirn des Wales. Mitten auf der Stirn wird die obere Pyramide durch einen wagerechten Schnitt in zwei fast gleiche Teile geteilt, die vorher durch eine Innenwand von dicker sehniger Substanz abgetrennt wurden.
Der untere abgetrennte Teil, den man die »Dschonke« nennt, ist eine unheimlich große Honigwabe aus Öl, die in kreuzweiser Anordnung aus zehntausend Zellen von dicken, elastischen, weißen Fasern gebildet wird. Der obere Teil, den man den »Ölbehälter« nennt, kann man als »das große Heidelberger Faß« des Pottwales ansehen. Wie das berühmte große Faß an der Vorderseite geheimnisvolle Schnitzarbeit aufweist, so hat die ungeheure Stirn des Wales mit den Falten zahllose merkwürdige Motive und Ornamente. Wie das Faß von Heidelberg immer mit den allerbesten Weinen aus den Rheintälern gefüllt wurde, so enthält das Faß des Wales das bei weitem kostbarste Öl der ganzen Ernten, nämlich das allerteuerste Walratöl in der reinsten, flüssigsten und wohlriechendsten Form. Obwohl das Öl zu Lebzeiten des Tieres vollkommen flüssig bleibt, so fängt es nach dem Tode desselben an, fest zu werden, wenn man es der Luft aussetzt; es bringt dann wunderbare Kristalle hervor, genau so wie sich das erste, dünne, zarte Eis auf dem Wasser bildet. Ein großer Ölbehälter bringt gewöhnlich ungefähr fünfhundert Gallonen Walfischöl ein, wenn man bedenkt, daß viel verdirbt, ausfließt oder auströpfelt, oder sonst unvermeidlicherweise bei dem Bergungsversuch des Tieres verlorengeht.
Ich weiß nicht, mit welchem feinen und kostbaren Stoff das Heidelberger Faß ausgelegt war, aber dieser Stoff könnte sich bei weitem kaum mit der seidenen, perlfarbenen Membrane messen, die wie ein feiner Pelz die Innenfläche des Ölbehälters vom Pottwal bedeckt.
Man wird wohl bemerkt haben, daß das Heidelberger Faß des Pottwales die ganze Länge des oberen Kopfes ausfüllt, und da, wie schon auseinandergesetzt ist, der Kopf ein Drittel der gesamten Körperlänge beträgt, so wird man, wenn man achtzig Fuß für einen anständigen Wal ansetzt, fünfundzwanzig Fuß für die Tiefe der Tonne bekommen, wenn er an der Längsseite aufgezogen ist und an der Seite des Schiffes herabhängt.
Da der Operateur beim Enthaupten des Wales nahe an der Stelle arbeitet, wo bald darauf ein Eingang zum Lager des Walratöls erzwungen wird, so muß er ungewöhnlich vorsichtig sein, damit nicht ein unbedachter, vorzeitiger Stoß in den heiligen Raum eindringt, und der unschätzbare Inhalt desselben ausläuft. Man hebt schließlich den Kopf an der enthaupteten Stelle aus dem Wasser und hält ihn durch ungeheuer große Tauwerke in dieser Lage.
Und da darüber hinreichend gesagt ist, so bitte ich Sie nun, mich zu der wunderbaren und höchst fatalen Operation zu begleiten, durch die das große Heidelberger Faß des Pottwales abgezapft wird.
Neununddreißigstes Kapitel
Behend wie eine Katze kletterte Tashtego nach oben, ohne die aufrechte Haltung aufzugeben, und läuft gerade auf die überhängende Großrahe zu, wo sich das Rahnock senkrecht über dem aufgezogenen Faß befindet. Er hat ein kleines Jollentau mitgenommen, das aus zwei Teilen besteht und über eine einteilige Rolle läuft. Als er die Rolle so angebracht hat, daß sie an dem Rahnock hängt, wirft er das eine Ende des Taues nach unten, daß es aufgefangen und an Deck festgehakt wird. Dann wirft er das andere Ende über die Hand und läßt sich durch die Luft herab, bis er oben auf dem Kopf des Wales landet. Wie er nun hoch über der übrigen Mannschaft schwebt, der er lebhaft zuruft, scheint er ein türkischer Muezzin zu sein, der die guten Leute von der Turmspitze aus zum Gebet ruft.
Man reicht ihm einen scharfen Spaten mit einem kurzen Griff, und er bemüht sich, eine geeignete Stelle zu finden, um das Faß einschlagen zu können. Bei diesem Vorhaben geht er sehr vorsichtig zu Werke, wie ein Schatzgräber in einem alten Hause, der die Wände abtastet, um festzustellen, wo das Gold eingemauert ist. Mittlerweile hat er die richtige Stelle gefunden, und man hat ihm an das eine Ende des Jollentaus einen kräftigen Eimer, der von Eisen eingefaßt ist und einem Brunneneimer sehr ähnlich sieht, gebunden. Das andere Ende, das auf das Deck reicht, wird von zwei oder drei kräftigen Armen gehalten. Diese ziehen nun den Eimer hoch, daß ihn der Indianer greifen kann, und ein anderer hat ihm eine lange Stange gereicht. Mit Hilfe der Stange führt Tashtego den Eimer in das Faß, bis er völlig darin verschwunden ist. Dann ruft er den Matrosen am Jollentau ein Stichwort zu, worauf der Eimer wieder hervorkommt und ein Geräusch macht, wie der Eimer eines Milchmädchens, wenn gemolken wird. Er wird dann sorgfältig herabgelassen und von einer bestimmten Person in Empfang genommen und schnell in einer großen Tonne entleert. Dann geht er wieder in die Höhe und macht dieselbe Runde, bis der tiefe Brunnen nichts mehr gibt. Tashtego muß dann mit der langen Stange immer tiefer in die Tonne hineinstoßen, bis sie ungefähr zwanzig Fuß tief drin ist.
Die Leute des »Pequod« hatten eine Zeitlang auf diese Weise geschöpft. Verschiedene Fässer waren schon mit dem wohlriechenden Öl gefüllt, als mit einem Male ein merkwürdiger Vorfall eintrat. Ob nun Tashtego, der wilde Indianer, so unvorsichtig gewesen war, daß er einen Augenblick vergessen hatte, sich an den großen Rollen über sich festzuhalten, ob die Stelle, wo er stand, so verräterisch glatt war, oder ob der Teufel es nun mal so verhängt hatte, ohne seine besonderen Gründe dafür anzugeben, genug, wie es kam, kann man schlecht sagen, aber als der achtzehnte oder neunzehnte Eimer mit dem suckenden Geräusch hochkam, fiel der arme Tashtego – du lieber Gott! – mit einemmal wie der Eimer bei einem Brunnen Hals über Kopf in das große Heidelberger Faß und verschwand unter einem schrecklichen Gurgeln des Öls aus dem Gesichtskreis!
»Mann über Bord!« rief Daggoo, der bei der allgemeinen Bestürzung zuerst wieder zur Vernunft kam.
»Den Eimer hochziehen!« Er setzte den einen Fuß hinein, um an dem Jollentau, das mittlerweile glitschig geworden war, besseren Halt zu gewinnen. Die Leute am Tau zogen ihn nach oben, und so schnell, daß Tashtego kaum tief ins Faß gestürzt sein konnte. Inzwischen gab es einen großen Tumult. Als sie über die Reling sahen, bewegte sich der Kopf des Wales, der bisher noch so ruhig dagehangen hatte, mit einem großen Gepolter unter der Meeresoberfläche, als ob ihm plötzlich etwas eingefallen wäre. Aber nur der arme Indianer bekam unbewußt durch das wilde Gebaren des Wales eine Vorstellung von der gefährlichen Tiefe, in die er versunken war.
In diesem Augenblick, als Daggoo oben auf dem Kopf das Jollentau zurechtmachte, das unter den großen Flaschenzügen stark gelitten hatte, hörte man ein lautes Krachen. Was man nicht für möglich gehalten hätte: einer von den unheimlich großen Haken, die den Kopf des Wales hielten, ging mit einer gewaltigen Erschütterung los, und die Masse glitt seitwärts, so daß das Schiff hin- und herschaukelte und einen solchen Stoß erlitt, als ob es von einem Eisberg gepackt wäre. Der übrige Haken, an dem jetzt das ganze Gewicht hing, schien in jedem Augenblick nachgeben zu wollen.
»Herunterkommen, herunterkommen!« schrien die Matrosen Daggoo zu. Aber er hielt sich noch mit der einen Hand an den schweren Rollen fest, so daß, wenn der Walfischkopf herunterfiele, er immer noch in der Luft hängenblieb. Der Neger, der die fettige Leine abgewischt hatte, stieß den Eimer in den eingestürzten Brunnen, um dem begrabenen Harpunier die Möglichkeit zu geben, danach zu greifen und auf diese Weise herausgezogen zu werden.
»In Teufels Namen, Mann,« rief Stubb, »willst du denn eine Patronenhülse feststopfen? Hände weg! Ist ihm denn damit gedient, daß du den Eimer mit den eisernen Bändern über seinen Kopf quetschst? Davon bleiben!«
»Hände weg vom Flaschenzug!« rief eine Stimme, laut wie eine platzende Rakete.
Fast im selben Augenblick fiel mit einem unglaublichen Gepolter die Riesenmasse in die See, wie ein Felsen vom Niagara sich loslöst und in den Strudel hinabsinkt. Der Schiffskörper wurde mit einemmal frei und löste sich von seiner Last los und sank so tief ein, daß der Kupferglanz noch soeben zu sehen war. Jeder Mann hielt vor Schreck den Atem an, als Daggoo bald über den Matrosen, bald über dem Wasser pendelte und nur mit Mühe durch einen Nebel aufspritzenden Wassers zu sehen war; während der arme lebendig begrabene Tashtego ganz und gar tief in die See hinuntersank.
Kaum hatte sich der Wasserdampf, der alles bedeckte, verflüchtigt, als man eine nackte Gestalt mit dem Enterschwert in der Hand eine Sekunde lang von dem Schiffsgerüst untertauchen sah. Im nächsten Augenblick ließ ein lautes Klatschen erkennen, daß mein braver Queequeg untergetaucht war, um Tashtego zu retten. Da stürzte alles auf die Seite, und jeder suchte in den aufeinander folgenden Sekunden jede einzelne Rippe zu zählen. Und man war darauf bedacht, ob man nicht ein Zeichen von dem Unglücklichen oder von dem Taucher entdecken könnte. Einige sprangen nun in ein Boot längsseits und ruderten ein Stück vom Schiff weg.
»He! he!« rief Daggoo ganz plötzlich von seinem mittlerweile ruhig gewordenen schaukelnden Beobachtungspunkt von oben aus. Als wir nun nach der Seite lugten, sahen wir, wie ein Arm aus den blauen Fluten hoch ausgestreckt wurde; es war ein merkwürdiger Anblick, als ob ein Arm sich durch das grüne Gras über dem Grabmal einen Weg bahnen wollte.
»Sie sind's beide! Beide!« rief Daggoo wiederum mit großer Freude. Bald darauf sah man, wie Queequeg mit der einen Hand tapfer ruderte und mit der anderen den Indianer an den langen Haaren hielt. Sie wurden in das bereitstehende Boot gezogen und schnell an Deck gebracht. Aber es dauerte lange, bis Tashthego soweit kam, und Queequeg sah reichlich ermüdet aus.
Wie war denn dieses edle Rettungswerk vor sich gegangen? Nun, Queequeg war dem langsam absinkenden Kopf nachgetaucht, hatte mit seinem scharfen Schwert seitwärts unten in die Lunge einen Schnitt gemacht und auf diese Weise ein großes Loch hineingeschnitten. Er hatte dann das Schwert weggeworfen, hatte den langen Arm bis weit nach innen und oben gesteckt und so unseren armen Tashtego am Kopf herausgezogen.
Vierzigstes Kapitel
Die enge Straße von Sunda trennt Sumatra von Java. Sie liegt mitten in dem großen Inseldamm, der von dem verwegenen grünen Vorgebirge gestützt wird, das den Seeleuten als Java-Head bekannt ist.
Unter günstigem frischen Wind bewegte sich der »Pequod« auf diese Meerenge zu. Ahab wollte durch diese in das Meer bei Java fahren, von dort aus im Norden kreuzen in Gewässern, in denen der Pottwal manchmal umherschwimmt, wollte an der Küste der Philippinen vorbei die ferne Küste von Japan erreichen, wo die große Walfischzeit bevorstand. Der »Pequod« wollte auf seiner Weltumsegelung fast alle bekannten Gründe des Pottwales bestreichen, bevor er auf den Äquator im Stillen Ozean hinunterging. Ahab rechnete bestimmt damit, wenn er auch sonst allerorts nicht zu seinem Ziel kam, Moby-Dick in dem Meer eine Schlacht anzubieten, von dem man wußte, daß er sich dort aufhielt.
Aber berührt denn Ahab auf der Suche nach dieser Zone kein Land? Leben seine Leute denn von der Luft? Er muß doch mal halten, um Wasser aufzunehmen. Das braucht er kaum! Die im Kreis herumlaufende Sonne hat eine lange Zeit in ihrem Feuerring den Wettlauf gemacht und braucht keinen Unterhalt; sie hat ja alles selbst. So verhält es sich auch bei Ahab und bei dem Walschiff. Während andere Schiffe mit fremdem Material beladen sind, das nach fremden Gestaden befördert werden muß, so trägt das um die ganze Welt fahrende Walschiff nur seine eigene Ladung und Mannschaft, seine eigenen Waffen und was es sonst braucht. Ein ganzer See ist im weiten Kiel in Behälter gefüllt. Für Jahre ist es mit Wasser versehen. Mit klarem alten Wasser aus Nantucket, das nach drei Jahren der Nantucketer auf dem Stillen Ozean immer noch dem Brackwasser vorzieht. So kommt es denn, daß, während andere Schiffe von New York nach China gefahren sind und wieder zurück, und dabei einen Haufen Häfen angelaufen haben, das Walschiff in der ganzen Zeit nicht mal ein Körnchen Land gesichtet hat. Die Mannschaft hat keine Menschen gesehen, außer den Matrosen, die, wie sie selbst, auf dem Schiff fahren. Und so könnte es dann vorkommen, daß, wenn man ihnen die Nachricht brächte, eine zweite Sintflut wäre gekommen, sie ruhig antworten würden: »Schön, Jungens, hier ist die Arche!«
Auf der Höhe der Westküste von Java waren unmittelbar in der Nachbarschaft der Straße von Sunda Wale gefangen worden. Die Schiffer wußten im allgemeinen, daß die Gegend ein ausgezeichneter Walfischgrund war. Daher wurden die Posten wiederholt angerufen und ermahnt, gut acht zu geben, als der »Pequod« immer mehr auf Java-Head zukam. Aber obwohl die grünen Klippen mit den Palmenbäumen bald an der Steuerbordseite auftauchten und man den frischen Zimtgeruch mit entzückten Nasenlöchern einatmete, bekam man nicht eine einzige Fontäne zu sehen. Und so hatten wir schon den Gedanken aufgegeben, daß wir ein Wild in dieser Gegend zu Gesicht bekämen, als wir mit einem Male den gewohnten Schrei von oben vernahmen, und bald darauf sich ein Schauspiel von ungewöhnlicher Pracht unseren Blicken darbot.
Aber ich muß vorausschicken, daß dank der unermüdlichen Energie, mit der man die Wale in der letzten Zeit über die vier Ozeane gejagt hat, sie nun, statt in kleinen, vereinzelten Trupps wie früher, recht häufig in großen Herden angetroffen werden, die manchmal zu solchen Mengen anwachsen, daß es scheint, als ob sie, wie die Völker, ein feierliches Bündnis geschlossen hätten, zur gegenseitigen Hilfe und zum Schutz. Man kann bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß man sogar in den besten Walfischgründen oft wochen- und monatelang segeln kann, ohne eine einzige Fontäne zu Gesicht zu bekommen, und dann kann es vorkommen, daß man plötzlich von Tausenden und Abertausenden begrüßt wird.
Zu beiden Bugen, in einer Entfernung von zwei oder drei Meilen, bildete eine Kette von Walfischfontänen einen großen Halbkreis und nahm fast die Hälfte des Horizontes ein. In der Mittagsluft spielten sie und fielen in einem Sprühregen nieder. Während die gerade aufsteigende Doppelfontäne des gewöhnlichen Wales oben in zwei Teile zerfällt, wie die gespaltenen, herabfallenden Zweige einer Weide, so bildet die ungeteilte, schräg nach vorn geneigte Fontäne des Pottwales einen dicken, quirlartigen Busch von weißem Nebel, der fortwährend aufsteigt und an der Leeseite niederfällt.
Von dem Deck des »Pequod« aus gesehen, stieg die Fontäne zu einem hohen Berge auf, quirlte in die Luft, und wenn sie durch den blendenden, bläulichen Nebel betrachtet wurde, sah sie so aus, wie tausend lustige Schornsteine einer großen Handelsstadt, die an einem nebligen Herbstmorgen von einem Reiter von der Höhe aus betrachtet werden, wie Heere, die sich einem unfreundlichen Gebirgspaß nähern, ihren Marsch beschleunigen und bemüht sind, den gefährlichen Paß möglichst schnell zu überschreiten und sich der größeren Sicherheit der Ebene anzuvertrauen. So eilte nun diese ungeheure große Flotte von Walen durch die Straße vorwärts. Langsam zogen sich die beiden Flügel des Halbkreises zusammen, und in einem festen, wenn auch noch halbmondförmigen Zentrum schwammen sie weiter.
Der »Pequod« setzte alle Segel auf und sauste hinter ihnen her. Die Harpuniere hielten ihre Waffen bereit und schrien laut von den immer noch aufgehängten Booten. Wenn der Wind so anhielt, so bestand kein Zweifel, daß die große Schar, wenn man sie durch die Straße von Sunda hindurchjagte, in dem östlichen Meer in einer beträchtlichen Zahl gefangen würde. Und wer konnte sagen, ob bei dieser Karawane Moby-Dick nicht in eigener Person schwamm, wie der verehrte weiße Elefant bei der Krönungsprozession der Siamesen? So fuhren wir denn mit allen aufgesetzten Segeln dahin und trieben die Leviathans vor uns her. Da hörte man plötzlich die Stimme Tashtegos, der laut unsere Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung in unserem Kielwasser richtete. Entsprechend der Erscheinung an der Vorderseite bemerkten wir eine andere auf unserer Rückseite. Es schien, als ob weiße Dämpfe sich loslösten, aufstiegen und wie Walfischfontänen niederfielen. Nur kamen sie nicht so plötzlich und verschwanden auch nicht wieder so vollständig. Sie sammelten sich auf einen Haufen, ohne schließlich zu verschwinden. Ahab griff nach dem Glas, beobachtete diese Erscheinung und drehte sich schnell in seinem Plankenloch, wobei er rief: »Schnell die Jollentaue und Eimer her und die Segel angefeuchtet! Malayen sind hinter uns!«
Als ob sie des langen Lauerns hinter dem Vorgebirge überdrüssig geworden wären und nicht warten wollten, bis der »Pequod« in die Straße gekommen wäre, stürzten diese Schufte von Asiaten wie wild hinter uns her. Aber da der schnelle »Pequod« mit einer frischen Brise selbst auf wilder Jagd war, so war es von diesen braunen Menschenfreunden sehr liebenswürdig, daß sie das Tempo der Jagd noch vergrößerten; sie waren wie Reitpeitschen und Spornrädchen, die den »Pequod« zur Eile anstachelten.
Ahab hatte das Fernglas unter dem Arm und schritt auf Deck auf und ab. Wenn er an der Vorderseite war, sah er die Ungeheuer, auf die die Jagd eröffnet war. Und wenn er auf die Achterseite kam, erblickte er die blutdürstigen Piraten, die auf ihn Jagd machten. Und wenn er auf die grünen Wälle des Engpasses des Meeres blickte, zwischen denen das Schiff segelte, hatte er den Gedanken, daß durch dieses Tor der Weg zu seiner Rache führte. Und dann sah er auch, daß er nun andere in den Tod hineinjagte und selbst von anderen hineingeschickt werden konnte.
Als die Piraten an der Heckseite beträchtlich zurückgeblieben waren und der »Pequod« an der grünen Kakaduspitze auf der Seite von Sumatra vorüber schließlich in breite Gewässer geglitten war, da schienen es die Harpuniere als sehr schmerzlich zu empfinden, daß die Wale mit ihrer Schnelligkeit dem Schiff weit voraus waren, und kaum zeigte man sich darüber erfreut, daß das Schiff den Malayen siegreich entronnen war. Aber als das Schiff noch in dem Kielwasser der Wale fuhr, schienen diese schließlich im Tempo nachzulassen. Langsam kam der »Pequod« ihnen näher. Als der Wind schwächer wurde, wurde befohlen, in die Boote zu springen. Aber kaum hatten es die Wale dank eines wunderbaren Instinktes gemerkt, daß die drei Kiele hinter ihnen herkamen – wenn sie auch noch eine Meile zurück waren –, als sie sich wieder sammelten und dichtgeschlossene Reihen und Bataillone bildeten, so daß ihre Fontänen wie leuchtende Reihen aufgepflanzter Bajonette aussahen, die mit doppelter Geschwindigkeit vorwärtsmarschieren.
Bis auf Hemd und Hose ausgezogen, sprangen wir an die Ruder. Nachdem wir mehrere Stunden gerudert hatten, waren wir geneigt, die Jagd aufzugeben. Da ließ eine allgemeine Aufregung unter den Walen erkennen, daß sie jetzt unter dem Einfluß der seltsamen Hilflosigkeit und Unentschlossenheit standen, die die Schiffer mit dem Ausdruck »Erschrockenheit« bezeichnen. Die geschlossenen Marschkolonnen, in denen sie bisher so schnell und sicher geschwommen waren, lösten sich nun in einer maßlosen Flucht auf. Wie die Elefanten des Königs Porus in der indischen Schlacht mit Alexander dem Großen, schienen sie vor Verwirrung toll geworden zu sein. Sie breiteten sich nach allen Richtungen in großen, unregelmäßigen Kreisen aus und schwammen ziellos hierhin und dorthin. Durch die kurzen und dicken Fontänen gaben sie deutlich zu erkennen, daß sie von einer wilden Panik ergriffen waren. Das zeigte sich noch mehr bei denen, die gleichsam vollständig gelähmt waren und hilflos wie abgetakelte, vom Wasser vollgesogene Schiffe umhertrieben.
Wären diese Leviathans eine Herde gewöhnlicher Schafe gewesen, die von drei Wölfen über eine Weide verfolgt werden, so hätten sie nicht kläglicher aussehen können. Aber diese momentane Erschrockenheit ist für alle in Herden lebenden Geschöpfe charakteristisch. Die Büffel aus dem Westen mit den Löwenmähnen, die in Tausenden und Abertausenden zusammenleben, haben vor einem einzigen Reiter Reißaus genommen. Man denke auch an alle menschlichen Wesen, die, wenn sie wie Schafe im Parterre eines Theaters zusammengepfercht sind, beim geringsten Feueralarm Hals über Kopf sich nach den Ausgängen stürzen, sich drängen, treten und drücken, wobei sie sich, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, gegenseitig tottrampeln. Man tut daher gut, wenn man sich bei der Verwirrung der so seltsam erschrockenen Wale Zurückhaltung auferlegt; denn keine Tollheit unter den Tieren der Erde ist so, daß sie nicht bei weitem durch die Tollheit der Menschen in den Schatten gestellt werden könnte! Obwohl diese Wale in großer Aufregung waren, so muß doch gesagt werden, daß die Herde als Ganzes weder vor- noch zurückging, sondern an ihrem Platze blieb. Wie es in solchen Fällen üblich ist, trennten sich die Boote mit einem Male, jedes nahm einen einzigen Wal an der Peripherie der Herde aufs Ziel. In drei Minuten flog die Harpune Queequegs ab. Der getroffene Fisch spritzte uns die blendende Fontäne ins Gesicht, lief mit uns fort und steuerte geradewegs mitten auf die Herde zu. Aber solch eine Bewegung bei einem getroffenen Wal ist unter diesen Umständen nichts Besonderes und ist schon mehr oder weniger oft vorgekommen. Und doch bedeutet sie einen der gefährlichen Momente der Fischerei. Der Wal zieht einen durch seine Geschwindigkeit tiefer in die verrückte Herde hinein, und man sagt dem geruhsamen Leben Lebewohl und existiert nur noch in einem wahnsinnigen Gedränge.
Der Wal stürmte, als ob er blind und taub wäre und sich durch die bloße Schnelligkeit von dem eisernen Blutegel befreien wollte, davon. Wir rissen so einen weißen Gischt in die See hinein und wurden von allen Seiten auf unserer Flucht durch die wahnsinnig gewordenen Geschöpfe bedroht, die hin und her und um uns herumliefen. Wir kamen uns in unserem Boot wie ein Schiff vor, das bei einem Sturm gegen Eisinseln gedrängt wird und versucht, durch komplizierte Kanäle und Straßen hindurchzusteuern und keinen Augenblick weiß, ob es eingeschlossen wird oder zerschellt.
Aber Queequeg war nicht im geringsten erschrocken und führte das Steuer tapfer. Mal rettete er uns vor der gefährlichen Nähe eines Ungeheuers und hielt den Kurs nach vorwärts, mal vermied er die Berührung mit einem anderen, dessen kolossale Schwanzflossen über uns hingen. Inzwischen stand Starbuck im Bug, hatte die Lanze in der Hand und maß unterwegs aus, welche Wale wir wohl mit kurzen Würfen treffen könnten; denn wir hatten keine Zeit, Abschüsse aus entsprechender Entfernung zu tun. Aber auch die Ruderleute waren nicht ganz müßig, wenn auch ihre übliche Tätigkeit nun nicht in Betracht kam. Sie warteten, bis sie Zurufe machen durften, so, wie es ihr Geschäft erforderte. »Platz da, Commodore!« rief einer einem großen Dromedar zu, das sich plötzlich an der Oberfläche zeigte und uns einen Augenblick lang damit drohte, uns zum Sinken zu bringen. »Deinen Schwanz herunter!« rief ein zweiter einem anderen zu, das sich dicht an unserem Dollbord in aller Ruhe dadurch abzukühlen suchte, daß es sich mit seinem äußersten Ende wie bei einem Ventilator Luft zufächelte. Alle Walboote führen gewisse Vorrichtungen mit, die ursprünglich von den Indianern von Nantucket erfunden sind. Zwei dicke viereckige Bohlen von gleicher Größe werden im rechten Winkel fest übereinander genagelt. Dann wird eine ziemlich lange Leine mitten an diesem Brett befestigt und das andere Ende der Leine mit einer Öse versehen, so daß sie sofort an einer Harpune befestigt werden kann. Dieser Block wird gewöhnlich bei »erschrockenen« Walen benutzt. Wenn mehrere Wale sich in unmittelbarer Nähe befinden, so hat man dann die Möglichkeit, mehrere zu gleicher Zeit zu jagen.
Pottwale trifft man nicht alle Tage. Daher muß man versuchen, alle zu töten, wenn es im Bereich der Möglichkeit liegt. Und wenn man sie nicht alle zugleich töten kann, so muß man sie bezeichnen, so daß man sie später töten kann. Daher kommt bei solchen Gelegenheiten der oben bezeichnete Block zur Anwendung. Unsere Boote besaßen drei solcher Art. Der erste und zweite Block wurde erfolgreich abgeschossen. Wir sahen, wie die Wale ins Schwanken kamen und davoneilten, wobei sie durch den großen seitlichen Widerstand des angetauten Blocks behindert wurden. Sie waren wie Verbrecher an Kette und Eisenkugel gefesselt. Aber als der dritte fortgeschleudert wurde, verfing sich der plumpe Holzblock unter einem Bootssitz, riß ihn sofort auseinander und nahm ihn mit fort, wobei der Bootsmann unten im Boot mit seinem Sitz mit hinunterfiel. Da kam das Meer zu beiden Seiten der zerstörten Planken zum Vorschein, aber wir steckten zwei Hosen und Hemden hinein und stopften so die Lecks eine Zeitlang zu.
Es wäre unmöglich gewesen, diese Blockharpunen abzuschießen, wenn nicht in dem Augenblick, als wir in die Herde hineinfuhren, die Geschwindigkeit unseres Wales stark nachgelassen hätte, um so mehr, als wir von dem Zentrum der allgemeinen Verwirrung weiter abkamen und sich die schreckliche Verwirrung legte. Als dann die Harpune abgeschnellt wurde und der am Tau hängende Wal seitlich abging, glitten wir zwischen zwei Walen hindurch und mitten in die Herde hinein, wobei wir das Gefühl hatten, als ob wir aus einem Gebirgsstrom in einen friedlichen Talsee kämen.
Hier hörten wir wohl das Poltern des Flusses in den Schluchten zwischen den Walen an der Außenseite, aber wir spürten es nicht mehr am eigenen Leibe. Mitten in diesem Gebiet zeigte sich der glatte seidenartige Spiegel des Meeres, der von der feinen Feuchtigkeit herrührte, die vom Wal in einer ruhigeren Stimmung ausgeworfen wird. Wir befanden uns nun in dem Zauber der Stille, die, wie man sagt, dem Sturm vorausgeht. Noch in weiter Entfernung erblickten wir den Tumult an den äußeren konzentrischen Kreisen und sahen aufeinanderfolgende Züge von Walen zu je acht oder zehn, die mit großer Geschwindigkeit im Kreis herumliefen, wie ein Haufen von Pferdegespannen. Sie hielten sich dicht Schulter an Schulter, so daß ein Riese von Zirkusreiter mit Leichtigkeit über die mittleren hätte hinüberspringen können, und so auf ihren Nacken gelandet wäre. Bei der dichten Menge der ausruhenden Wale, die sogleich die eingebuchtete Achse der Herde umgaben, bestand nicht die geringste Möglichkeit für uns, zu entkommen. Wir mußten warten, bis sich eine Bresche in der lebendigen Mauer auftat, die uns umschlossen hielt. Es schien, als ob die Mauer nur dazu da war, uns fest einzuschließen. Als wir uns in der Mitte des Sees hielten, wurden wir ab und zu von kleinen zahmen Kühen und Kälbern, den Frauen und Kindern der in die Flucht geschlagenen Herde, besucht.
Mit den zeitweiligen großen Zwischenräumen zwischen den sich drehenden äußeren Kreisen und mit den Räumen zwischen den verschiedenen Herden in diesen Kreisen mochte die Fläche, die von der ganzen Menge eingenommen wurde, zur Zeit mindestens zwei oder drei Quadratmeilen betragen. Auf jeden Fall sah man, wenn man sich auch zu solcher Zeit täuschen kann, Fontänen von unserem niedrigen Boot aus, die fast am Rande des Horizontes zu spritzen schienen.
Ich erwähne dies, weil es schien, als ob die Kühe und Kälber absichtlich im innersten Teil der Herde eingeschlossen wären und die weite Ausdehnung der Herde sie daran gehindert hätte, die wirkliche Ursache des Haltens derselben zu erfahren. Da sie noch so jung waren und nichts Böses im Schilde führen konnten und jeder Schritt noch unschuldig war und noch nicht aus Berechnung getan werden konnte, so lösten diese kleinen Wale, die unser ruhiges Boot vom Rande des Sees aus besuchten, eine erstaunliche Furchtlosigkeit und ein großes Vertrauen aus. Sonst hätte uns bestimmt eine Panik befallen, über die man sich unmöglich hätte wundern können.
Sie kamen wie Haushunde auf uns zu und schnupperten an dem Boot, gingen bis zu den Dollbords hoch und berührten sie, bis es schließlich so schien, als ob ein Zauber sie plötzlich uns zu Freunden gemacht hätte. Queequeg liebkoste ihre Stirn. Starbuck kitzelte sie mit der Lanze auf den Rücken. Aus Angst vor den Folgen hütete er sich zu dieser Zeit, einen Abschuß zu wagen.
Aber als wir nun zur Seite sahen, erlebten wir auf der Oberfläche dieser wunderbaren Welt einen noch seltsameren Anblick. Hoch in den Wassergewölben schwammen die Gestalten der säugenden Walfischmütter und derjenigen, die, wie ihr ungeheurer Leibesumfang zeigte, bald Mutter werden sollten. Die See, wie ich schon gesagt habe, war bis zu einer ziemlichen Tiefe durchscheinend. Und wie Kinder beim Säugen ruhig und starr von der Mutterbrust wegsehen, als ob sie zwei verschiedene Leben zu gleicher Zeit führten, und während sie Nahrung saugen, immer noch in ihrem Geist von einer überirdischen Erinnerung leben, so sahen die jungen kleinen Wale anscheinend zu uns auf, als ob wir nur ein Stück Meeresschilf in ihren neugeborenen Augen wären.
Die Mütter schwammen neben ihnen her und schienen uns in aller Ruhe anzublicken. Eins von den Kleinen, das wegen gewisser merkwürdiger Zeichen erst einen Tag alt zu sein schien, war wohl ungefähr vierzehn Fuß lang und sechs Fuß breit. Es war ziemlich ausgelassen, als ob es erst kurz vorher aus der schmerzlichen Lage befreit wäre, die es im Mutterleib eingenommen hatte; wo es mit dem Schwanz nahe dem Kopfe gelegen hatte und für den letzten Sprung bereit war, eine Stellung, in der der ungeborene Wal liegt, und die mit dem Bogen eines Tataren verglichen werden kann. Die zarten Seitenflossen und die feinen Schwanzflossen sahen aus wie die zerknüllten Ohren eines Babys, das eben erst zur Welt gekommen ist.
»Die Leine! die Leine!« rief Queequeg und sah über das Dollbord hinweg.
»Ihn fest, ihn fest! Wer Leine – ihm! Wer werfen? Zwei Wal, zwei Wal, ein großer und ein kleiner!«
»Was hast du denn, Mann?« rief Starbuck.
»Sehen hier!« sagte Queequeg und wies nach unten. So wie es oft beim Wal vorkommt, wenn er hundert Faden Leine von der Trommel abgewickelt hat, und nach tiefem Untertauchen wieder hochkommt, und die Leine nachgibt und spiralförmig sich in der Luft zusammenlegt, so sah nun Starbuck, wie lange spiralig gewickelte Teile der Mutterschnur eines weiblichen Leviathans auftauchten, an der das Kleine mit der Mutter verbunden zu sein schien. Es kommt bei den häufigen Wechselfällen der Walfischjagd ziemlich oft vor, daß die Leine mit dem freien Ende der Mutterschnur verwickelt wird und das Kleine dabei frei wird. Da schienen uns einige der zartesten Geheimnisse des Meeres in dieser verzauberten Herde enthüllt zu werden. Wir sahen das Liebesleben von jungen Leviathans in der Tiefe!
Der Pottwal hat wie die anderen Arten des Leviathans, und nicht, wie die meisten anderen Fische, seine Brunstzeit in allen Jahreszeiten. Nach einer Tragzeit von ungefähr neun Monaten bringt er nur ein Junges zur Welt, wenn er auch in einigen bekannten Fällen einem Esau und einem Jakob zu gleicher Zeit das Leben schenkt. Für diesen Fall ist gesorgt durch die beiden Zitzen, die in einer merkwürdigen Lage an beiden Seiten des Afters liegen. Aber die Brüste breiten sich oberhalb desselben aus. Wenn diese edlen Teile bei einem solchen Walfisch zufällig von der Walfischlanze durchschnitten werden, so färben die ausströmende Milch der Mutter und das Blut die See eine Strecke weit. Die Milch ist sehr süß und kräftig. Man hat sie gekostet, und sie müßte gut schmecken, wenn Erdbeeren hinzugesetzt würden. Wenn die Wale von gegenseitiger Wertschätzung überfließen, liebkosen sie sich auf menschliche Weise.
Und obwohl in den Kreisen ringsum Entsetzen und Verwirrung herrschte, gaben sich die unergründlichen Tiere in der Mitte ungeniert und ohne Furcht friedlichen Liebkosungen hin.
Als wir so eingeschlossen lagen, regten die gelegentlichen Schauerbilder in der Ferne die Energie der anderen Boote an, die noch damit beschäftigt waren, die Wale an der Außenseite der Herde mit dem Block zu kennzeichnen. Möglicherweise führten sie auch Krieg mit dem ersten Kreis, wo ein weiter Raum und passende Rückzugsmöglichkeit vorhanden waren. Aber der Anblick der wild gewordenen geblockten Wale, die manchmal wie blind in den Kreisen hin- und herschossen, war nicht das einzige, was sich unseren Augen darbot.
Manchmal versucht man, wenn man einen Wal harpuniert hat, der stärker und geschwinder als gewöhnlich ist, ihm gleichsam die Kniekehlen durchzuschneiden; man schneidet ihm die riesenhafte Schwanzsehne durch oder verstümmelt sie. Das geschieht durch einen Spaten mit kurzem Griff, an dem ein Seil befestigt wird, um ihn zurückziehen zu können. Ein Wal, der, wie wir später erfuhren, an diesem Teil verwundet war, hatte sich von dem Boot davongemacht, schleppte die halbe Harpunenleine mit sich fort und sauste nun bei den außerordentlichen Schmerzen in den sich drehenden Kreisen herum wie der einzige berittene Desperado Arnold in der Schlacht von Saratoga und verbreitete überall, wohin er kam, Furcht und Entsetzen. Aber so groß die Qual auch war, die die Wunde dem Wal verursachte, so hatte der merkwürdige Schrecken, den er der übrigen Herde einflößte, doch einen Grund, den wir zuerst bei der weiten Entfernung nicht sehen konnten. Aber schließlich bemerkten wir, wie es so oft bei den unvorhergesehenen Unfällen der Fischerei vorkommt, daß der Wal sich in seine Harpunenleine verwickelt hatte. Er war mit dem Spaten in seinem Körper davongelaufen. Während das freie Ende des Seiles an dieser Waffe befestigt war, hatte er sich in die Leinen der Harpune mit dem Schwanz verwickelt. Und so hatte sich der Spaten aus dem Fleisch gelöst. Bis zum Wahnsinn gequält, schäumte er nun durch das Wasser, schlug wie ein Wilder mit dem beweglichen Schwanz dreschflegelartig um sich und sauste mit dem scharfen Spaten in der Gegend herum, wobei er die eigenen Gefährten verwundete und tötete.
Dieses Mordinstrument schien die ganze Herde aus ihrer Furcht, die sie an einen Punkt gebannt hielt, aufzurütteln. Zuerst sammelten sich die Wale, die den Rand unseres Sees bildeten, ein wenig und türmten sich gegeneinander auf, als ob sie von Wellen aus der Ferne in die Höhe gehoben würden. Dann fing die See an, sich schwach zu heben und anzuschwellen, und die unter der Meeresfläche befindlichen Brautgemache und Wochenstuben verschwanden. Die Wale in den inneren Kreisen fingen dann an, in den sich immer mehr zusammenziehenden Bahnen in dichten Haufen zu schwimmen. Die Stille war mit einemmal vorbei. Man hörte ein leises, stärker werdendes Brummen. Dann türmte sich der ganze Haufen der Wale auf der inneren Mitte zu einem Gebirge auf wie die krachenden Massen der Eisschollen, wenn der große Hudson im Frühling auftaut. Sofort wechselten Starbuck und Queequeg die Plätze. Starbuck nahm den Sitz am Heck ein.
»An die Ruder!« flüsterte er in scharfem Ton und faßte das Steuer. »An die Ruder, und nehmt euch zusammen! Paßt jetzt auf! Gott und Menschen steht mir bei! Queequeg, nimm dir den Wal dort! Prick ihn, triff ihn! Aufstehen! Aufstehen und bleib' so stehen! Los, Leute, in die Ruder! Rudert! Kümmert euch nicht um ihre Rücken! Reißt sie! Feste!«
Das Boot war nun ganz und gar zwischen die beiden schwarzen Riesenkörper gepreßt und ließ eine enge Dardanellenstraße zwischen den langen Körpern frei. Aber als wir uns wie wahnsinnig angestrengt hatten, schossen wir schließlich in eine zeitweilige Öffnung hinein. Dann bekamen wir plötzlich Luft, und zu gleicher Zeit wurde ernsthaft nach einem anderen Ausfallstor Umschau gehalten. Nachdem wir durch viele ähnliche fahrbreite Öffnungen hindurch waren, glitten wir schließlich mit großer Schnelligkeit in die obenerwähnten äußeren Kreise hinein, in denen aber nun zufällig hineingekommene Wale kreuzen, die alle wild auf einen Haufen zusammenliefen. Die Rettung wurde mit einem billigen Preis erkauft, nämlich mit Queequegs Hut, den ihm ein Luftwirbel, der durch die plötzlich klatschenden breiten Schwanzflossen in seiner Nähe entstanden war, vom Kopf gerissen hatte, als er im Bug stand und in die flüchtenden Walfische hineinstieß.
So aufrührerisch und sinnlos die allgemeine Aufregung in diesem Augenblick auch war, so führte sie schließlich doch zu einer anscheinend systematischen Bewegung. Als sie in einem dichten Haufen zusammengeballt waren, nahmen sie ihre Flucht mit erhöhter Geschwindigkeit wieder auf. Eine weitere Verfolgung war sinnlos, aber die Boote blieben noch in dem Kielwasser der Wale, um aufzulesen, was von den beblockten Walen übriggeblieben war, und um einen in Sicherheit zu bringen, den Flask getötet und mit einem Fundzeichen versehen hatte. Das ist eine mit einem Fähnchen versehene Stange. In jedem Boot werden zwei oder drei dieser Art mitgeführt. Wenn ein neues Wild in Sicht kommt und in der Nähe ist, werden Fundzeichen oben in einem toten Wal angebracht, um die Stelle auf der See zu bezeichnen; es ist zu gleicher Zeit ein Zeichen der Priorität für den Fall, daß die Boote eines anderen Schiffes in die Nähe kommen sollten.
Das Ergebnis war eine Erläuterung des klugen Schifferspruches in der Fischerei: »Je mehr Wale, um so weniger Fische!« Von allen Walen, die mit dem Block bezeichnet waren, wurde nur ein einziger gefangen.
Einundvierzigstes Kapitel
Bei einem Walschiff ist es nicht üblich, daß alle in die Boote gehen. Einige wenige bleiben zurück, die die Aufgabe haben, die Arbeit auf dem Schiff zu verrichten, während die Boote den Wal verfolgen. Im allgemeinen ist diese »Bordmannschaft« ebenso kühn wie die Leute in den Booten. Aber wenn sich ein ungeschickter, plumper und ängstlicher Kerl auf dem Schiff befindet, so gehört er bestimmt zur Bordmannschaft. So verhielt es sich auf dem »Pequod« bei dem kleinen Neger Pippin, den man kurz »Pipp« nannte. Armer Pipp!
Von außen gesehen, waren Pipp und der Schiffsjunge ein Paar, wie ein schwarzer und ein weißer Pony. Obwohl sie von verschiedener Farbe waren, hatten sie doch dieselbe Entwicklung durchgemacht und gehörten zu demselben exzentrischen Gespann. Aber während der unglückliche Schiffsjunge von Natur aus dumpf und stumpf war, war Pipp, wenn er auch sehr weichherzig war, im Grunde ein heller Kopf und hatte das angenehme, naive, lustige Naturell, das seiner Rasse eigentümlich ist. Zufälligerweise verstauchte sich der Bootsmann am Heck von Stubb die Hand, so daß er eine Zeitlang ganz gelähmt war. Daher mußte Pipp vorübergehend an seine Stelle.
Als Stubb zum erstenmal mit ihm zu Wasser ging, war Pipp sehr nervös. Aber zum Glück kam er mit dem Wal damals nicht in nähere Berührung. Wenn er auch davonkam, ohne seinen Kredit ganz und gar untergraben zu haben. Stubb nahm ihn sich später vor und ermahnte ihn, seinen Mut bis aufs äußerste zu kultivieren; denn der könnte ihm manchmal sehr nützlich sein.
Als man ein zweites Mal die Boote zu Wasser ließ, paddelte das Boot auf den Wal zu. Und als dieser die spitze Harpune bekam, gab es wie gewöhnlich einen Schlag, und der wirkte gerade unter dem Sitz des armen Pipp. Die unwillkürliche Verwirrung des Augenblickes bewirkte es, daß er mit dem Paddelruder in der Hand aus dem Boot sprang. Und zwar so, daß ein Teil der schlaffen Walfischleine ihm gegen die Brust lief und mit ihm über Bord flog, so daß er darin verwickelt wurde und schließlich ins Wasser plumpste. In diesem Augenblick eröffnete der getroffene Wal ein irrsinniges Rennen, die Leine zog sich in einem Nu straff zusammen und der arme Pipp schäumte gegen den Staukeil des Bootes, wobei er von der Leine rücksichtslos mitgezogen wurde, die sich schon verschiedene Male um Brust und Hals gewickelt hatte.
Tashtego stand im Bug; er war auf die Jagd wie versessen; er haßte Pipp, weil er ein Feigling war. Er zog das Bootsmesser aus der Scheide, hielt das scharfe Ende über die Leine und wandte sich an Stubb und fragte: »Abschneiden?« Inzwischen sah ihn Pipp mit seinem blauen Gesicht mit allem Ausdruck des Entsetzens an, als ob er sagen wollte: »Um's Himmels willen, tue es!« Das ging in weniger als einer halben Minute vor sich.
»Verdammt noch mal, abschneiden!« brüllte Stubb.
So ging denn der Wal verloren, und Pipp wurde gerettet. Als sich der kleine arme Neger erholt hatte, wurde er von der Mannschaft mit Zurufen und Schmähungen empfangen. Stubb ließ es in seiner Ruhe zu, daß die Flüche zur Entladung kamen. In seiner klaren, geschäftsmäßigen, wenn auch halbhumoristischen Art schnauzte er Pipp offiziell an, und als das geschehen war, gab er ihm inoffiziell einen gesunden Rat. Es handelte sich darum, daß Pipp niemals aus einem Boot springen sollte, ausgenommen – aber das ließ sich nicht genau sagen, was mal das beste sein kann. Im allgemeinen ist der beste Rat bei der Waljagd: »Halt' dich an das Boot!« Aber manchmal kommt es vor, daß es noch besser ist: »Spring' aus dem Boot!« Als Stubb merkte, daß eine bestimmte gewissenhafte Verhaltungsmaßregel für Pipp unvorteilhaft wäre, ließ er alle Ratschläge fahren und sagte schließlich in einem gebieterischen Kommandoton: »Halte dich an das Boot, Pipp, oder ich hebe dich nicht wieder auf, wenn du nochmals 'runterspringst. Denk' daran! Wir können unmöglich durch Leute wie dich Walfische verlieren. Ein Wal ist dreißigmal soviel wert in Alabama wie du, Pipp. Merk' dir das – und springe nicht noch einmal!« Stubb wollte dadurch indirekt andeuten, daß der Mensch, wenn man auch seinen Nächsten lieb hat, trotzdem ein Geschöpf von einem bestimmten Wert ist.
Aber wir sind nun mal der Macht der Götter preisgegeben, und so fing Pipp wieder an zu springen; es war ein ähnlicher Vorgang wie bei der ersten Vorstellung. Aber diesmal streifte die Leine nicht seine Brust. Als der Wal anfing zu laufen, wurde Pipp im Meer zurückgelassen wie ein Reisekoffer in der Eile. Leider hielt sich Stubb zu eng an sein Bord. Der Tag war herrlich, überwältigend schön und blau. Die See funkelte und war ruhig und kühl. Sie streckte sich lässig ringsum bis zum Horizont, und war platt wie der Goldstreifen eines Goldschmiedes, der bis zum äußersten ausgehämmert ist.
Pipps Kopf, von der Farbe des Ebenholzes, tauchte in der See mal auf, mal nieder, und sah aus, wie die Krone einer Gewürznelke. Man zog kein Bootsmesser, als er so schnell am Heck niedersank. Der Rücken Stubbs war ihm rücksichtslos zugekehrt, und der Wal hatte es sehr eilig. In drei Minuten gab es zwischen Pipp und Stubb einen Zwischenraum von einer ganzen Meile. Der arme Pipp streckte mitten auf dem Meer seinen schwarzen Kopf mit den gekräuselten Locken in die Sonne, die gleichfalls ein vereinsamter Schiffbrüchiger war, nur der höchste und glänzendste.
Wenn die See ruhig ist, so ist es ebenso leicht für einen geübten Schwimmer, im offenen Ozean zu schwimmen, wie in einem Federwagen an Land zu fahren. Aber die Einsamkeit ist scheußlich und unerträglich. Wenn man mit seinem Ich einer solch erbarmungslosen Unendlichkeit preisgegeben ist, so ist das schrecklich. Aber hatte Stubb denn wirklich den armen kleinen Neger seinem Schicksal überlassen? Nein, das hatte er schließlich nicht beabsichtigt. Weil zwei Boote in seinem Kielwasser waren und er zweifellos annahm, daß sie sehr schnell Pipp einholen und ihn aufnehmen würden, hat er sich keine Sorge gemacht. Solche Fälle kommen ziemlich oft vor. Fast überall wird ein Feigling in der Fischerei mit demselben Abscheu behandelt, wie es bei den Kriegsmarinen und den Heeren zu Lande der Fall ist.
Aber es trug sich zu, daß die Boote Pipp nicht sahen und plötzlich dicht in der Nähe auf der einen Seite Wale sichteten, worauf sie kehrt machten und die Jagd eröffneten. Das Boot von Stubb war so weit ab, und er war mit seiner Mannschaft auf den Fisch so versessen, daß Pipps enger Horizont anfing, sich in kläglicher Weise zu erweitern. Als noch die allergeringste Möglichkeit bestand, wurde er schließlich von dem Schiff gerettet. Aber von der Stunde an schlich der kleine Neger wie ein Idiot an Deck herum. Und er war es schließlich auch, wie man sagte.
Das Meer hatte in spöttischer Weise seinen sterblichen Körper aufgehoben, aber seine unendliche Seele ertränkt.
Zweiundvierzigstes Kapitel
Stubbs Wal, der so teuer erkauft war, wurde auf die übliche Weise längsseits des »Pequod« gebracht, wo die Vorgänge des Zerlegens und Aufziehens, die oben ausführlich behandelt sind, sogar bis zum Ausschöpfen des Heidelberger Fasses erledigt wurden.
Während einige bei dieser Beschäftigung waren, schafften andere die großen Fässer fort, sobald sie mit Walfischöl gefüllt waren. Und als die Zeit kam, wurde dies selbe Öl sorgfältig mit der Hand geknetet, bevor es zu den Ausschmelzöfen ging, wovon jetzt die Rede sein wird.
Die Ausschmelzgeräte sind zwischen dem Vorder- und Hauptmast, dem geräumigsten Teil des Decks, aufgestellt. Die Bretter darunter sind merkwürdig stark, so daß sie das Gewicht eines Mauerwerks aus Backstein und Mörtel aushalten können; einige sind zehn Fuß lang und acht Fuß breit und fünf Fuß hoch. Die Grundmauer geht nicht durch das Deck, aber das Mauerwerk wird an der Oberseite desselben durch schwere Eisenstücke festgehalten, die es von allen Seiten umrahmen und unten an den Brettern festgeschraubt sind. An den Seiten ist es mit Holz verschalt, und oben ist es von einer großen Luke umgeben, die mit Leisten eingefaßt ist. Wenn wir die Luke aufschieben, legen wir die großen Ausschmelztöpfe frei. Es sind zwei an Zahl, und jeder faßt verschiedene Faß Öl. Wenn sie nicht gebraucht werden, werden sie besonders rein gehalten. –
Gegen neun Uhr abends wurde mit den Ausschmelzarbeiten des »Pequod« auf der gegenwärtigen Reise zum erstenmal begonnen. Stubb hatte den Auftrag, das Geschäft zu beaufsichtigen.
»Alles fertig? Die Luke weg und anfangen! Koch, stecken Sie die Öfen an!«
Das war sehr leicht, denn der Zimmermann hatte während der ganzen Reise die Hobelspäne in den Ofen geworfen. Hier muß man darauf hinweisen, daß das erste Feuer in den Schmelzöfen eine Zeitlang mit Holz unterhalten wird. Dann wird kein Holz mehr gebraucht, höchstens wenn man das aufgestapelte Brennmaterial schnell in Brand stecken will. Wenn der knusperige, zerknitterte Speck ausgelassen ist, enthält er noch ziemlich viel Öl. Diese Speckstücke unterhalten die Flammen. Wie ein vollblütiger brennender Märtyrer, der einmal in Brand gesteckt ist, an seinem eigenen Körper verbrennt, so versorgt sich auch der Wal mit seinem eigenen Brennmaterial und brennt auf ähnliche Weise. Ich wollte, er verbrauchte auch seinen eigenen Qualm; denn dieser Qualm ist scheußlich beim Einatmen. Man muß ihn nicht nur einatmen, sondern man muß auch eine Zeitlang darin leben. Er hat einen unaussprechlichen, wilden Hindugeruch, wie die Scheiterhaufen bei Leichenverbrennungen ihn manchmal im Gefolge haben.
Gegen Mitternacht waren die Arbeiten im vollen Gange. Der Leichnam des Wales war nicht mehr zu sehen. Wir hatten die Segel aufgehißt, und der Wind wehte erfrischend. Die Dunkelheit des Stillen Ozeans war außerordentlich. Aber sie wurde von den gewaltigen Flammen aufgeleckt, die von Zeit zu Zeit aus den rußigen Rauchfängen gabelförmig aufflackerten und jedes Tau im Takelwerk hoch oben erleuchteten, wie das berühmte griechische Feuer. Das brennende Schiff fuhr weiter, als ob es zur gewissenlosen Tat der Rache beauftragt sei.
Als die Luken oben von den Töpfen zur Seite geschoben waren, konnte man vorn in den großen Feuerherd hineinsehen. Darauf standen die Tartarengestalten der heidnischen Harpuniere, die auf dem Walschiff immer das Amt des Heizers verrichten. Mit langen Stangen, die mit Zinken versehen waren, langten sie zischende Massen von Speck in die brühend heißen Töpfe. Manchmal stocherten sie unter das Feuer, bis die kräuselnden Flammen wie Schlangen aus den Ofentüren hervorschossen, um sie an den Füßen zu packen. Der Qualm rollte in mürrischen Haufen davon. Wenn das Schiff hochging, so sprang das kochende Öl mit hoch, und es schien, als ob es einem gierig ins Gesicht springen wollte. Gegenüber der Mündung der Öfen, an der Verlängerung des weiten Holzherdes, befand sich das Ankerspill. Das war eine Art Sofa. Darauf hockten die Leute von der Wache, wenn nichts anderes zu tun war, und stierten in die rote Ofenhitze, bis die Augen ihnen wie Fackeln vorkamen. In dem launischen Lichtschein der Schmelzgeräte kamen ihre harten Gesichtszüge, die nun von Qualm und Schweiß verrußt waren, ihre geflochtenen Bärte und der im Gegensatz dazu stehende barbarische Glanz der Zähne auf wunderbare Weise zum Ausdruck.
Da erzählten sie einander ihre teuflischen Abenteuer, Erzählungen des Schreckens, die mit übermütigen Worten dargestellt wurden. Da drang das barbarische Gelächter forkenartig wie die Flammen aus dem Ofen aus ihrem Körper hervor. Da machten die Harpuniere mit ihren ungeheuren Forken, mit den Zinken und den Schöpfgefäßen vor ihnen wilde Gesten. Da fing der Wind an zu heulen. Da sprangen die Wellen hoch. Da stöhnte das Schiff, tauchte unter und stieß ständig das Feuer wie von einer roten Hölle in die tiefschwarze nächtliche See hinein und kaute das weiße Fischgebein verächtlich in seinem Mund und spuckte gemein nach allen Seiten ringsum. Da schien es, als ob der polternde »Pequod«, der eine Fracht von Wilden hatte, mit Feuer geladen wäre, einen Leichnam verbrannte und in die pechschwarze Dunkelheit hineintauchte und so das materielle Gegenstück der Seele des monomanischen Kommandanten wäre.
In jener Nacht hatte ich ein seltsames und unerklärliches Erlebnis. Ich schreckte aus einem kurzen Schlaf im Stehen auf und merkte zu meinem Schrecken, daß etwas nicht stimmte. Das Steuerreep aus den Kieferknochen, gegen das ich mich lehnte, schlug mir in die Seite. In meinen Ohren erklang das leise Brummen der Segel, die gerade anfingen, vom Winde geschüttelt zu werden. Es kam mir so vor, als ob meine Augen offen wären. Halb hatte ich das Gefühl, als ob meine Finger auf den Augenlidern lägen und ich sie in Gedanken ausstreckte. Aber trotz alledem sah ich keinen Kompaß vor mir, nach dem ich mich richten könnte. Und dabei kam es mir so vor, als ob ich noch vor einer Minute nach der Karte gesehen hätte und die ständig brennende Lampe im Kompaßhäuschen sie beleuchtet hätte.
Vor mir schien nur ein aufzuckender Schein zu sein, der durch rote Blitze manchmal geisterhaftes Aussehen bekam. Dabei herrschte der Eindruck vor, daß ich auch auf einem geschwinde forttreibenden Gegenstand stände, der nicht nach einem Hafen vor mir führe, sondern der von allen Häfen am Heck hinter mir hergestürzt käme. Ein mächtiges Gefühl, wie das des Todes, das mir alle Fassung nahm, überkam mich. Meine Hände umfaßten krampfhaft das Steuerreep. Aber ich hatte die verrückte Vorstellung, daß es auf geheimnisvolle Weise verzaubert und umgekehrt wäre. Was ist denn nur mit mir los, lieber Gott, sagte ich! In meinem kurzen Schlaf war ich auf den Kopf gestellt, und hatte das Heck des Schiffes vorn und den Rücken an dem Bug und dem Kompaß. In einem Augenblick sah ich zurück, und hatte gerade noch Zeit, das Schiff umzulegen, so daß es nicht in den Wind flog und wahrscheinlich umgeschlagen wäre. Welch ein schönes Gefühl der Erleichterung hatte ich, als ich aus der widersinnigen nächtlichen Halluzination aufwachte und durch die Zufälligkeit des Schicksals wieder an die Leeseite gebracht wurde!
Sieh nicht zu lange in das Antlitz des Feuers, Mensch! Träume niemals mit einer Hand vor Augen, wenn du am Steuer bist! Kehre niemals dem Kompaß den Rücken zu und nimm den Wink des ansteigenden Steuerreeps dankbar an! Schenke dem künstlichen Feuer keinen Glauben, wenn seine rote Glut alle Dinge geisterhaft erscheinen läßt! Wenn du morgens in die Sonne siehst, wird der Himmel leuchten. Wer wie ein Teufel in die Flammenforken gestiert hat, wird am Morgen in einer unangenehmeren Erleuchtung, die aus der Ferne kommt, aufstrahlen. Die ruhmreiche goldene, frohe Sonne ist die einzige wahre Leuchte. Alle anderen sind Lügner!
Die Sonne verbirgt nicht die tückischen Sümpfe von Virginia; sie verbirgt nicht die verfluchte Campagna bei Rom, auch nicht die weite Sahara und auch nicht die Millionen Meilen von Wüsten und Sorgen, die es unter dem Monde gibt. Die Sonne verbirgt nicht den Ozean, der den dunklen Teil unserer Erde ausmacht und zwei Drittel davon bedeckt. Wer unter den Sterblichen mehr Freude als Leid hat, kann nicht aufrichtig sein. Der aufrichtigste von allen Menschen war der Mann, der das Leid kannte, und das aufrichtigste aller Bücher ist das des Salomo. Der Prediger Salomo ist ein Werk wie der feingehämmerte Stahl des Leides.
Alles ist eitel! Alles! Diese verstockte Welt hat sich die Weisheit Salomos, der kein Christ war, noch nicht zu eigen gemacht. Wer an Krankenhäusern und Kerkern vorbeigeht, wer in schnellem Schritt über Gräber hinweggeht und lieber von Opern redet, als von der Hölle; wer Cooper, Young, Pascal, Rousseau arme Teufel nennt, die krank gewesen wären; und wer ein Leben ohne Sorgen führt und Rabelais für den größten Weisen wegen seiner Fröhlichkeit hält, der Mann taugt nicht dafür, daß er sich auf einen Grabstein niederläßt und den feuchten Moder über dem grünen Gras mit dem unergründlichen und herrlichen Salomo aufrührt!!
Dreiundvierzigstes Kapitel
Bis jetzt haben wir erzählt, daß Ahab auf dem Achterdeck herummarschierte und an dem Kompaßhäuschen und am Hauptmast regelmäßig umkehrte. Aber es waren so viele Dinge zu erzählen und es ist nicht erwähnt worden, daß er regelmäßig bei seinem Spaziergang an einer Stelle stehenblieb und das merkwürdige Objekt mit seltsamem Blick betrachtete. Wenn er vor dem Kompaßhäuschen anhielt, heftete sich sein Blick fest auf die spitze Nadel. Dieser Blick schoß wie ein Speer auf das Objekt, wie von einem scharfen Willen gelenkt. Und wenn er dann seinen Spaziergang wieder antrat, blieb er vor dem Hauptmast stehen und heftete den speerartig scharfen Blick auf die dort angebrachte Goldmünze. In seinem Blick lag noch dieselbe Festigkeit, die durch eine gewisse wilde Sehnsucht, die die Grenze der Hoffnungslosigkeit streifte, erhöht wurde.
Als er eines Morgens an der Dublone vorbeikam, schien es so, als ob er wieder von neuem durch die seltsamen Figuren und Inschriften, die darauf eingeprägt waren, angezogen würde. Es schien, als ob er sich jetzt erst in seiner monomanischen Art zurechtlegte, welch verborgener Sinn hinter den Inschriften läge. Nun liegt ja allen Dingen ein gewisser Sinn zugrunde. Sonst wären ja alle Dinge nichts wert. Und die ganze Welt wäre ein leeres Zifferblatt!
Die Dublone war aus dem reinsten und edelsten Gold, das aus den Schluchten der Berge geholt war, von wo aus die Wasserläufe von manch einem Pactolus nach Osten und Westen über goldene Sandmassen fließen. Und wenn das Gold mitten zwischen rostige Eisenhaken und mit Grünspan bedeckte Kupferspieken genagelt war, so war es doch unberührt und rein geblieben und hatte seinen alten
Quitoglanz bewahrt. Und wenn die Dublone auch zwischen einer gewissenlosen Schiffsmannschaft hing und hinter dem Schutze der ewig langen, dunklen Nacht ein Diebstahl sehr begünstigt werden konnte, so war sie doch bei jedem Sonnenaufgang noch an der Stelle, wo sie des Abends gehangen hatte.
Die Dublone hatte man für das furchtbare und schreckliche Ende beiseitegelegt und geheiligt. Und wenn die Matrosen auch noch so rauhbeinig waren, so ehrten sie diese Münze als den Talisman des weißen Wales. Manchmal sprachen sie darüber auf einer schweren Nachtwache und sagten, wem sie wohl schließlich gehören würde, und ob der wohl in die Lage kommen würde, sie auszugeben.
Die edlen Goldstücke von Südamerika sind wie Münzen der Sonne und Kennzeichen der tropischen Welt. Da sind Palmen, Alpacos und Vulkane; da sind Sonnenscheiben und Sterne, wie auch Füllhörner und prächtige wehende Banner mit schwelgerischer Verschwendung darin eingeprägt. Und das kostbare Gold scheint der Abglanz einer erhöhten Kostbarkeit und eines gesteigerten Ruhmes zu sein, der in diesen phantastischen Münzen auf die so recht poetische Weise der Spanier zum Ausdruck kommt.
Die Dublone des »Pequod« war ein höchst wertvolles Beispiel für diese Dinge. Am äußeren Rand standen die Worte: »Republica del Ecuador: Quito«.
Diese leuchtende Münze kam aus einem Lande, das in der Mitte der Erde liegt, unterhalb des großen Äquators, und von ihm seinen Namen trägt. Sie war mitten in den Anden gefördert worden, in dem Klima, das nicht schwankt und keinen Herbst kennt. Zwischen den Lettern sah man etwas, das wie drei Andengipfel aussah. Von dem einen leuchtete eine Flamme, auf einem anderen erhob sich ein Turm. Und auf dem dritten stand ein krähender Hahn, während sich über das Ganze das Segment eines Tierkreises bogenförmig ausbreitete. Die Zeichen waren mit ihren gewöhnlichen Symbolen bezeichnet, und als Schlußstein trat die Sonne gerade in die Tagundnachtgleiche bei Libra. Unbeobachtet von den anderen, blieb Ahab vor dieser Münze aus Ecuador stehen. Wenn es sich um Berggipfel und Türme und um sonstige erhabene und hohe Dinge handelt, dann ist etwas Egoistisches dabei. Man sehe nur mal hierher! Die drei Gipfel sehen stolz aus wie Luzifer. Der feste Turm ist Ahab! Der Vulkan ist Ahab. Der mutige und sieghafte Vogel, der sich von nichts abschrecken läßt, ist auch Ahab. Alles ist Ahab!
Dies runde Goldstück ist nur das Bild des noch runderen Globus, der wie ein Zauberspiegel das geheimnisvolle Selbst eines jeden Menschen reflektiert. Wer die Welt fragt, ob sie die Rätsel lösen kann, muß große Schmerzen erdulden und hat wenig Gewinn. Die Welt kann sich nicht selbst erklären. Mir kommt es so vor, als ob die Sonne auf der Münze rötlich aussähe. Aber siehe: sie geht in das Zeichen der Stürme, der Tagundnachtgleiche, und noch sechs Monate vorher steuerte sie aus einer früheren Tagundnachtgleiche im Zeichen des Widders! Von einem Sturm zum anderen! So muß es auch sein. In Wehen geboren, ist der Mensch dazu auserlesen, in Schmerzen zu leben und in Zuckungen zu sterben! So mag es denn sein. An dieser Stelle kann das Leid ansetzen; so mag es denn sein! »Nicht die Hände einer Fee haben das Gold geformt, sondern die Klauen des Teufels müssen seit gestern ihre Eindrücke darin hinterlassen haben«, brummte Starbuck für sich und lehnte sich gegen das Schiffsgerüst. Der Alte scheint die schreckliche Schrift des Belsazar gelesen zu haben. Ich habe mir niemals die Münze genau angesehen; er geht nach unten. Ich will sie doch mal lesen. Zwischen drei mächtigen Gipfeln, die den Himmel bewohnen und die Dreieinigkeit bedeuten, liegt ein dunkles Tal, das Symbol der ohnmächtigen Erde. So ragt Gott in diesem Tal des Todes über uns. Und über unser Elend scheint die Sonne der Gerechtigkeit wie ein Leuchtturm und ein Strahl der Hoffnung. Wenn wir unsere Augen niederschlagen, zeigt das dunkle Tal seinen schmutzigen Boden. Aber wenn wir sie aufheben, kommt uns die helle Sonne auf halbem Wege entgegen, um uns zu erfreuen. Ja, die erhabene Sonne ist kein Trugbild. Und wenn wir um Mitternacht einen schwachen Trost suchen, schauen wir vergeblich nach ihr aus. Die Münze spricht weise, gütig und aufrichtig, aber traurig zu mir. Ich will sie nicht mehr ansehen, damit die Wahrheit mich nicht auf Irrwege bringen kann.
»Das ist der alte Mogul«, sagte Stubb an den Schmelzgeräten für sich hin. »Er hat es wohl verstanden. Und da kommt auch Starbuck her. Und beide Gesichter sehen so aus, als ob sie in die Tiefe geschaut hätten. Und das kommt daher, weil sie ein Goldstück angesehen haben. Wenn ich es in Negro-Hill oder in Corlaers Hoock hätte, so würde ich es nicht lange ansehen, bevor ich es ausgäbe. Nach meiner geringen und unbedeutenden Ansicht ist das albern. Ich habe auf meinen Reisen Dublonen genug gesehen. Ich habe die Dublonen vom alten Spanien, die Dublonen von Peru, die Dublonen von Chile, die Dublonen von Bolivien und die Dublonen von Popayan gesehen. Dazu viele goldene Moidoren, Pistolen und Josephs, halbe Josephs und viertel Josephs. Was ist denn bloß mit dieser Dublone von Ecuador los, daß sie so verdammt merkwürdig sein soll? Beim Colconda, ich will sie doch auch mal lesen, hallo! Hier geschehen ja Zeichen und Wunder!
Das ist ja das, was der alte Bowditch in seinem Abriß den Zodiacus nennt, und was mein Almanach ebenso bezeichnet. Ich will mir mal den Almanach heraufholen. Und da ich gehört habe, daß Teufel durch die Arithmetik des Daboll beschworen werden können, so will ich meine Hände daranlegen, um zu sehen, was diese merkwürdigen Zeichen hier im Kalender von Massachusetts bedeuten.
So, da ist das Buch. Nun wollen wir mal nachsehen. Zeichen und Wunder, und die Sonne ist immer dabei! Hm, hm, hm! Hier sind sie, hier sind sie alle lebendig. Der Widder oder der Sturmbock. Der Stier und die Zwillinge! Hier sind die Zwillinge selbst. Schön! Die Sonne gondelt zwischen ihnen herum. Ja. Auf dieser Münze kreuzt sie gerade die Schwelle zwischen zwei von zwölf Wohnzimmern, die alle in einem Kreise liegen. Das ist falsch, Buch! Ihr Bücher müßt wissen, wie die Plätze sind! Ihr gebt uns die bloßen Worte und Tatsachen, aber wir kommen, um die Gedanken zu geben. Das ist meine Erfahrung, soweit der Kalender von Massachusetts, der Seefahrer von Bowditch und die Arithmetik von Daboll in Betracht kommen. Sollen das Zeichen und Wunder sein?
Es ist dumm, wenn in den Zeichen nichts Wunderbares und in den Wundern nichts Bedeutungsvolles ist! Da ist irgendwo ein Haken! Augenblick mal! Ruhig! Da hab' ich's! Hersehen, Dublone! Dein Zodiacus bedeutet das Leben des Menschen, und nun will ich es ablesen, gerade aus dem Buch. Komm, Almanach! Da ist der Widder oder der Sturmbock, ein gefährlicher Hund, der uns an den Leib will. Dann kommt der Stier, der boxt uns von vorn, dann kommen die Zwillinge, das sind Tugend und Laster. Wir suchen die Tugend zu erreichen, aber da kommt der Krebs und zieht uns zurück. Und wenn wir von der Tugend kommen, kommt Leo, ein brüllender Löwe, der am Wege liegt. Der beißt uns heftig in den Nacken und versetzt uns einen Schlag mit seiner Klaue. Wir machen uns davon und begrüßen die Jungfrau. Das ist unsere erste Liebe. Wir verheiraten uns und glauben, wir sind für ewig glücklich. Da kommt bums die Wage. Sie wiegt das Glück ab, und es zeigt sich, daß etwas fehlt, und wenn wir darüber sehr traurig sind, dann springen wir mit einem Satze auf. Und da sticht uns der Skorpion von hinten! Wir wollen die Wunde heilen. Da werden wir ringsum von dem Bogenschützen beschossen, der sich einen Spaß daraus macht.
Wenn wir die Pfeile herausziehen, heißt es aufgepaßt! Da steht der Steinbock, der mit einem Satz auf uns zukommt und uns stößt, daß wir kopfüber fallen. Da gießt der Aquarius, der Wassermann, seine ganze Sündflut über uns aus, so daß wir ertrinken. Und wenn wir mit den Fischen nach oben gehen, geraten wir in den Schlaf.
Das ist ja die reine Predigt, die hoch oben im Himmel abgedruckt ist. Die Sonne geht jedes Jahr da durch und kommt doch lebendig und in guter Stimmung daraus hervor. Hoch oben gondelt sie lustig durch Mühseligkeiten und Kümmernis. Und wenn es erlaubt ist, ist Stubb ebenso lustig. Ja, lustig, das ist das richtige Wort! Lebe wohl, Dublone, aber einen Augenblick. Hier kommt der kleine King-Post, laßt die dummen Schmelztöpfe liegen, ich will doch mal hören, was er zu sagen hat. Nun steht er davor. Er wird schon gleich mit etwas kommen. So, nun fängt er an.« –
»Ich sehe nichts, als ein rundes Ding, das aus Gold gemacht ist. Und wer einen gewissen Wal meldet, dem soll dieses runde Ding gehören. Und was bringt denn dieses Herumstarren ein? Sechzehn Dollars, allerdings. Und wenn die Zigarre zwei Cents kostet, so gibt das neunhundertsechzig Zigarren. Ich rauche keine dreckigen Pfeifen, wie Stubb, aber ich rauche gern Zigarren, und hier hängen neunhundertsechzig. Hier geht Flask nach oben, um sie zu erwerben.
Soll ich das nun weise oder töricht nennen? Wenn es wirklich weise ist, so sieht es doch sehr töricht aus. Und wenn es wirklich töricht ist, so hat es doch einen gewissen Schein von Weisheit. Aber was anderes! Da kommt unser alter Mann von der Insel Man. Der alte Leichenkutscher, so etwas muß er gewesen sein, bevor er zur See ging. Er kommt angeluvt und bleibt vor der Dublone stehen. Hallo, und geht um sie herum auf die andere Seite des Mastes. Ah, da ist ein Hufeisen angeschlagen, und nun geht er wieder zurück, was soll das heißen? Halt! Er brummt vor sich hin. Eine Stimme wie eine ausgeleierte alte Kaffeemühle; die Ohren gespitzt und zugehört!«
»Wenn der Wal gesichtet wird, so muß das in einem Monat und an einem Tag geschehen, wenn die Sonne in einem von diesen Zeichen steht. Ich habe die Zeichen studiert und weiß, was sie bedeuten sollen. Als ich vor vierzig Jahren in Kopenhagen war, hat sie mir eine alte Hexe beigebracht. In was für einem Zeichen wird dann wohl die Sonne stehen? In welchem Zeichen steht denn nun die Sonne? Im Zeichen des Hufeisens. Das ist gerade der Sonne gegenüber. Und was bedeutet denn das Hufeisen? Das Hufeisen bedeutet den brüllenden Löwen, der alles verschlingt. Armes Schiff! Mein alter Kopf fängt an zu wackeln, wenn ich daran denke!«
Da ist eine andere Lesart: Alle Menschen stehen in einer Welt für sich. Da kommt Queequeg. Ist über und über tätowiert und sieht wie das Zeichen des Tierkreises selbst aus. Was sagt der Kannibale? Wahrhaftig, er vergleicht die Zeichen; er sieht nach seinem Schenkelknochen und glaubt, daß die Sonne im Schenkel, in der Wade oder im Eingeweide ist. So, wie die alte Frau über Astronomie redete in dem Lande, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist. Wahrhaftig! Er hat in der Gegend des Schenkels etwas entdeckt. Ich glaube, es ist der Bogenschütze. Nein! er weiß doch nicht, was er mit der Dublone anfangen soll. Er glaubt, es ist ein alter Hosenknopf von einem König. Aber aufgepaßt! Da kommt der Teufelsgeist, der Fedallah. Hat den Schwanz unsichtbar eingewickelt, wie bekannt. Hat Werg zwischen den Zehen, in seinem Tanzschuh, wie gewöhnlich. Was soll der Blick bedeuten? Ach, er macht nur ein Zeichen vor dem Zeichen und verbeugt sich. An der Ecke ist eine Sonne. Er ist ja Feueranbeter und verläßt sich darauf. Ach, da kommt noch mehr! Da kommt Pipp, dieser arme Junge! Ich wollte, er wäre gestorben, oder ich. Es geht mir ordentlich durch, wenn ich ihn sehe. Er hat die beiden Dolmetscher auch beobachtet, auch mich. Und kommt nun her und will auch lesen. Und hat dieses Idiotengesicht mit dem überirdischen Ausdruck. Etwas zur Seite und aufgepaßt! Pst! –
»Ich sehe, du siehst, er sieht, wir sehen, ihr seht, sie sehen!« –
Bei meiner Seele, er studiert die Grammatik! Er will seinen Geist läutern. Armer Junge. Aber was sagt er denn nun? Pst! –
»ich sehe, du siehst, er sieht, wir sehen, ihr seht, sie sehen!« –
Ach, er lernt es auswendig. Pst! Was gibt es nun? –
»Ich sehe, du siehst, er sieht, wir sehen, ihr sehet, sie sehen!« –
Nun, das ist ja komisch. Das »ich, du und er und wir und sie.« Damit sind alle Personen erschöpft. Und ich komme mir wie eine Krähe vor, besonders, wenn ich oben auf diesem Fichtenbaum stehe. Krah! Krah! Krah! Krah! Krah! Krah! Komme ich mir nicht wie eine Krähe vor, und wo ist die Vogelscheuche? Da steht sie. Zwei Knochen stecken in ein paar alten Hosen und zwei andere in den Schößen einer alten Jacke.
Wenn er am Ende mich meinte? Ein schönes Kompliment! Armer Bursche! Ich ginge hin und hängte mich auf! Fürs erste will ich mal die Nähe von Pipp meiden. Mit den übrigen werde ich schon fertig; denn sie haben normalen Verstand. Aber für mich hat er bei allem Irrsinn zuviel Verstand. Nun, ich will ihn seinem Gemurmel überlassen.
Da ist der Nabel des Schiffes, die Dublone. Und alle sind sie darum 'rum, um sie loszubringen. Aber man soll nur mal den eigenen Nabel losmachen, und man wird merken, was die Folge ist. Dann wäre es auch häßlich. Genau so, wie wenn etwas an den Mast genagelt ist, was ein Zeichen dafür ist, daß die Dinge gefährlich werden. Ha, ha, alter Ahab! Der weiße Wal wird dich an den Mast nageln! Das ist ein Fichtenbaum. Mein Vater legte im alten Holland mal eine Fichte nieder und fand darunter einen silbernen Ring, der überwachsen war. Es war der Hochzeitsring eines alten Negers. Wie war der nur dahingekommen? Und das wird man auch am Auferstehungstag sagen, wenn man unseren alten Mast auffischt und eine Dublone daran findet, und überall Austern in dem alten Kahn herumliegen. Ach, das Gold, das edle, edle Gold! Das Meer, der grüne Geizhals, wird dich bald auf einen Haufen werfen! Pst! Pst! Gott geht auf der Welt herum und sucht sich seine Brombeeren zusammen! Koch, heda, Koch! Koch' uns was! Jenny! Heda, Jenny!! Mach' den Maiskuchen fertig!
Vierundvierzigstes Kapitel
»Schiff ahoi, hast du den weißen Wal gesehen?« So schrie Ahab und rief noch einmal ein Schiff an, das die englische Flagge trug. Es sank am Heck tief ein. Der Alte stand mit dem Schallrohr am Munde in dem aufgeheißten Kapitänsboot. Der fremde Kapitän konnte das künstliche Bein deutlich erkennen; er lehnte sich nachlässig gegen den Bug seines eigenen Bootes. Er war dunkelfarbig, stämmig und sah gutmütig aus. Er hatte feine Gesichtszüge, mochte gegen sechzig sein und trug eine weite Jacke, die wie ein blaues Lotsentuch um ihn herumflatterte. Ein freier Ärmel hing ihm hinten aus der Jacke, wie der gestickte Ärmel eines Husarenmantels.
»Hast du den weißen Wal gesehen?«
»Können Sie das sehen?«
Er zog aus den Falten, die ihn verborgen hatten, einen weißen Arm hervor, der aus den Knochen eines Pottwals angefertigt war und der wie ein Hammer in einen Holzstiel auslief.
»Mann, mein Boot!« rief Ahab gebieterisch und stieß an die Ruder in seiner Nähe. »Klar bei Boote! Herunterlassen!«
In weniger als einer Minute wurden er und seine Mannschaft, ohne daß er das kleine Schiff zu verlassen brauchte, zu Wasser gelassen. Bald waren sie längsseits des Fremden. Aber da zeigte sich eine merkwürdige Schwierigkeit. In der Aufregung hatte Ahab vergessen, daß er niemals, seitdem er sein Bein verloren hatte, auf ein fremdes Schiff gegangen war. Dann ist es nicht ganz einfach – die Walfischer, die stündlich daran gewöhnt sind, bilden eine Ausnahme –, vom Boote aus auf offener See ein Schiff zu erklettern. Die großen Wellen heben das Boot mal hoch bis zur Reling, mal lassen sie es bis zum Innenkiel herabfallen. Da Ahab des einen Beines beraubt war und das fremde Schiff die Einrichtung des »Pequod«, die des Kapitäns wegen da war, nicht kannte, kam sich Ahab wie ein ungeschickter Landbewohner vor. Als er die Höhe des anderen Schiffes betrachtete, hatte er kaum Hoffnung, hinaufzukommen.
Ich habe schon darauf hingewiesen, daß jeder unvorhergesehene Umstand, der aus seinem Mißgeschick indirekt abzuleiten war, Ahab reizte und bis zur Verzweiflung brachte. Das wurde noch durch den Anblick der beiden Offiziere des fremden Schiffes, die sich über die Seite lehnten, gesteigert, ebenso durch die hin und her schwingende Schiffsleiter und durch die beiden schmuckvollen Geländerseile. Daß ein Mann mit einem Bein sich bewußt werden mußte, daß er ein Krüppel war, wenn er diese Geländerdocke benutzen sollte, daran dachten sie natürlich nicht. Aber das dauerte nur eine Minute. Der fremde Kapitän sah mit einem Blick, wie sich die Sache verhielt. Er schrie: »Ich sehe es! Weg mit dem Zeugs! Los, Jungens, und werft den Flaschenzug hinüber!«
Das Glück wollte es, daß sie vor ein paar Tagen einen Wal längsseits gehabt hatten. Die großen Flaschenzüge hingen noch oben, und der kolossale Speckhaken, der nun rein und trocken war, war auch noch am Ende dran. Der wurde nun schnell für Ahab heruntergelassen. Er begriff es schnell, was er damit sollte. Er steckte das gesunde Bein in die Krümmung des Hakens – so, wie man in den Ankerflügel oder in die Gabelung eines Apfelbaumes klettert –, dann gab er das Stichwort, hielt sich fest und half durch sein eigenes Gewicht mit, daß er hochgezogen wurde, und zog mit übereinandergreifenden Händen an den Seilen des Flaschenzuges. Dann wurde er behutsam über die hohe Reling gelassen und landete unversehrt oben auf dem Gangspill. Der andere Kapitän warf seinen künstlichen Arm in jovialer Weise zum Gruß vor, ging auf Ahab zu, der sein künstliches Bein vorstreckte, und indem sie die künstlichen Glieder übereinander kreuzten, wie zwei Sägefische ihre Sägen, rief Ahab rauh wie ein Walroß: »Nun wollen wir uns mal gegenseitig die Knochen reichen, den Arm und das Bein! Einen Arm, der niemals zusammenschrumpfen kann, und ein Bein, das nicht laufen kann. Wo hast du den weißen Wal gesehen? Wie lang ist das her?«
»Den weißen Wal?« sagte der Engländer und zeigte mit dem künstlichen Arm nach Osten. Dabei glitt er mit einem traurigen Blick daran entlang, wie an einem Fernrohr. »Da sah ich ihn, auf dem Äquator, in der letzten Walfischzeit.«
»Und er hat dir den Arm abgerissen, nicht wahr?« fragte Ahab, der nun von dem Gangspill herunterglitt und sich auf die Schulter des Engländers stützte.
»Ja, der war schuld daran, und der war auch wohl schuld an dem Bein da?«
»Erzähl' mir die Geschichte!« sagte Ahab. »Wie kam das?«
»Das war das erstemal, wo ich auf dem Äquator kreuzte«, sagte der Engländer. »Ich wußte damals noch nicht, daß es einen weißen Wal gibt. Nun, eines Tages ließen wir wegen einer Herde von vier oder fünf Walen die Boote herunter. Mein Boot kriegte einen fest. Das war ein richtiges Zirkuspferd. Er ging in einer Tour mit einem herum, daß meine Mannschaft sich nur dadurch im Gleichgewicht halten konnte, daß sie sich mit dem Hintern auf das äußerste Dollbord setzte. Auf einmal kam von tief unten ein großer Wal hervorgeschossen. Hatte einen Kopf und einen Höcker von milchweißer Farbe, hatte Krähenfüße und ebensolche Runzeln!«
»Das war er, das war er!« schrie Ahab und gab plötzlich den angehaltenen Atem frei.
»Und Harpunen steckten nahe bei der Steuerbordflosse.«
»Ja, ja! Die waren von mir. Meine Eisen!« schrie Ahab ganz außer sich vor Aufregung. »Aber weiter!«
»Einen Augenblick doch mal,« sagte der Engländer in guter Laune: »Nun, dieser alte Urgroßvater mit dem weißen Kopf und weißen Höcker schießt mit tollem Schaum zwischen die Herde und schnappt wie ein Blödsinniger an meiner festgemachten Leine.«
»Ja, ich verstehe es; er wollte sie losmachen, er wollte den festen Fisch befreien. Das ist sein alter Trick, den kenne ich wohl!«
»Wie es genau war,« fuhr der Kapitän mit dem einen Arm fort, »weiß ich nicht. Aber er mußte wohl mit seinen Zähnen in die Leine gebissen haben: sie war mit einemmal ab und fing sich irgendwo fest. Aber wir wußten das damals nicht. Als wir dann an der Leine zogen, plumpsten wir mit einemmal gegen seinen Höcker, und der andere Wal ging windwärts davon und machte eine riesige Dünung. Als ich sah, wie sich die Sache verhielt und erkannte, was das für ein edles großes Tier war – es war wohl der edelste und größte Wal, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe –, nahm ich mir vor, ihn zu fangen – trotz der großen Wut, in der er sich offenbar befinden mußte. Und da ich dachte, daß die verunglückte Leine losgehen würde oder sich um den Zahn gewickelt hätte, und daß es deshalb leicht wäre, daran zu ziehen – ich habe eine verteufelte Mannschaft, die sich auf Walleinen versteht –, da sprang ich in das Boot meines ersten Maaten. Das ist Mister Mountopp hier – (nebenbei, Kapitän-Mountopp; Mountopp-Kapitän). Wie gesagt, sprang ich in das Boot von Mountopp, das dicht neben mir war, kriegte die erste Harpune zu fassen und warf sie dem alten Urgroßvater ins Gesicht. Aber, Herr du meines Lebens, in einem Augenblick konnt' ich nichts mehr sehen, beide Augen waren mit dickem Schaum umgeben und beinah erblindet. Der Schwanz des Wals baumelte hoch in der Luft wie ein Pendel und sah wie ein marmorner Kirchturm aus. Es hatte keinen Sinn, kehrt zu machen. Ich starrte in eine Sonne von leuchtenden Kronenjuwelen, durch die man blind werden konnte. Ich griff nach der zweiten Harpune, und gerade sollte es losgehen, da kam der Schwanz wie ein Turm von Lima herab, schlug mir das Boot in zwei Stücke und es gab tausend Splitter. Der weiße Höcker ging mit den Schwanzflossen rückwärts durch das Wrack, als ob es lauter Schiffe wären, und wir flogen aus dem Boot. Um den gefährlichen Dreschflegeln zu entgehen, hielt ich mich am Harpunenstiel fest und klebte daran wie ein Fisch. Aber ein Wellenkamm riß mich fort, und zu gleicher Zeit machte der Fisch einen guten Satz vorwärts. Tauchte unter wie ein Blitz, und die Spitze der verdammten zweiten Harpune ging mir hier vorbei (er schlug mit seiner Hand an eine Stelle unterhalb seiner Schulter!) Ja, ging bis hierher und riß mich in die Flammen der Hölle hinunter. Da ging zum Glück die Spitze an dem Fleisch entlang und kam dicht an meinem Handgelenk wieder heraus. So kam ich wieder nach oben, und dieser Herr hier wird Ihnen das übrige erzählen. (Nebenbei, Kapitän – Doktor Bunger, der Schiffsarzt, mein lieber Bunger – der Kapitän.) Nun, mein lieber Bunger, packen Sie mal aus, was Sie wissen.«
Der so familiär bezeichnete Herr hatte die ganze Zeit daneben gestanden und hatte durch nichts verraten können, was seine Beschäftigung an Bord war. Er hatte ein ungewöhnlich rundes, aber ehrbares Gesicht und trug einen abgetragenen blauen Wollrock und geflickte Hosen.
»Es war eine furchtbare Wunde,« so fing der Arzt des Walschiffes an, »und auf meinen Rat ließ Kapitän Boomer hier unseren alten Sammy –«
»›Samuel Enderby‹ ist der Name meines Schiffes«, unterbrach der einarmige Kapitän und wandte sich an Ahab.
»Weiter, Junge!«
»Ließ unseren alten ›Sammy‹ den Kurs nordwärts nehmen, um aus dem glühendheißen Wetter des Äquators wegzukommen. Aber es hatte keinen Zweck. Ich tat alles, was ich konnte. Ich saß die Nächte mit ihm zusammen und hielt sehr strenge auf Diät!«
»Oh, sehr streng, sehr streng!« rief der Patient dazwischen. Dann änderte er den Ton der Stimme. »Er trank mit mir jede Nacht heiße Grogs, bis er nicht mehr die Binden unterscheiden konnte.«
»Was wurde denn aus dem weißen Wal?« rief nun Ahab, der ungeduldig dies Intermezzo zwischen den beiden Engländern mit angehört hatte.
»Oh,« rief der einarmige Kapitän, »ja, ja. Nachdem er untergetaucht war, sahen wir ihn eine Zeitlang nicht wieder. Wie ich schon sagte, wußte ich damals nicht, welcher Wal mir diesen Streich gespielt hatte! Erst einige Zeit später, als wir wieder zurück zum Äquator kamen, hörten wir von Moby-Dick, wie einige ihn nennen, und dann wußte ich, wer es gewesen war.«
»Hast du denn nicht sein Kielwasser wieder gekreuzt?«
»Zweimal.«
»Aber konntet ihr ihn denn nicht festkriegen?«
»Das wollt' ich nicht wieder versuchen. Ist es nicht an einem Glied genug? Was sollte ich mit dem anderen Arm machen? Und ich glaube, Moby-Dick kann noch besser schlucken als beißen!«
»Nun,« unterbrach Bunger, »dann geben Sie ihm doch den linken Arm als Köder, um den rechten wiederzukriegen. Wissen Sie auch, meine Herren?« dabei verbeugte er sich mit mathematischer Exaktheit vor den Kapitänen nacheinander, »wissen Sie auch, meine Herren, daß die Verdauungsorgane des Wales von der göttlichen Vorsehung so weise eingerichtet sind, daß es ihnen ganz unmöglich ist, den Arm eines Menschen vollständig zu verdauen? Das weiß er auch selbst. Was man für Bosheit hält, ist nur seine Ungeschicklichkeit. Er will niemals ein einziges Glied verschlingen. Er will nur durch Verstellung Furcht einjagen. Aber manchmal ist er wie der alte Gaukler, der mal in Ceylon mein Patient war, und der so tat, als ob er Messer schlucken könnte. Einmal schluckte er wirklich eines herunter, wo es dann ein Jahr und mehr steckenblieb. Und als ich ihm ein Brechmittel gab, holte er es in kleinen Rucken herauf. Er hatte keine Möglichkeit, das Messer zu verdauen und es seinem allgemeinen Körpersystem einzuverleiben. Nun, Kapitän Boomer, wenn Sie den Arm als Pfand geben wollen, um den anderen anständig zu beerdigen, dann haben Sie Ihren Arm wieder.«
»Nein, danke, Bunger«, sagte der englische Kapitän. »Den Arm, den er hat, kann er behalten, da ich es doch einmal nicht ändern kann, und ich ihn damals noch nicht kannte. Aber den anderen soll er nicht haben! Die weißen Wale können mir überhaupt gestohlen bleiben! Ich habe einmal die Boote herabgelassen seinetwegen, und das genügt mir. Es wäre ja recht schön, wenn man ihn töten könnte, und er hat eine ganze Schiffsladung voll prächtigen Walratöls. Aber man läßt ihn am besten zufrieden. Meinen Sie es nicht auch, Kapitän?« und warf dabei einen Blick auf das künstliche Bein.
»Das schon. Aber man muß ihn trotzdem jagen. Was man verflucht und was man am besten in Ruhe ließe, verlockt einen am meisten. Er ist wie ein Magnet! Wie lange ist es her, daß du ihn das letztemal gesehen hast? Welche Richtung nahm er?«
»Herrgott nochmal!« schrie Bunger, der sich verbeugte und um Ahab herumging, wobei er merkwürdig schnupperte, wie ein Hund. »Man fühle sich das Blut dieses Menschen an, das Thermometer her! Es ist ja siedend heiß! Die Schiffsplanken werden ja durch diesen Puls geschlagen!« Er nahm eine Lanzette aus der Tasche und ging auf den Arm Ahabs zu.
»Wegbleiben!« brüllte Ahab und stieß ihn gegen die Reling. »Klar bei Boot! Welchen Weg nahm er?«
»Herrgott nochmal!« schrie der englische Kapitän, an den die Frage gerichtet war. »Was ist denn los? Er ging ostwärts, glaube ich. Ist Euer Kapitän verrückt?« flüsterte er Fedallah zu.
Aber Fedallah legte einen Finger auf die Lippen, schlüpfte über die Reling, um das Steuerruder zu nehmen. Ahab ließ den Flaschenzug herankommen und befahl den Matrosen des Schiffes, beim Herablassen behilflich zu sein.
Einen Augenblick stand er im Heck des Bootes, und die Manilaleute sprangen mit einem Satz an die Ruder. Vergeblich rief der englische Kapitän ihm etwas zu. Ahab hatte dem fremden Schiff den Rücken gekehrt und blickte starr nach seinem eigenen. So stand er aufrecht da, bis er längsseits des ›Pequod‹ kam.
Fünfundvierzigstes Kapitel
Die überstürzte Art und Weise, in der Kapitän Ahab den ›Samuel Enderby‹ verlassen hatte, war nicht ohne Folgen gewesen wegen ihrer Gewaltsamkeit. Er war mit solcher Macht auf die Ruderbank seines Bootes gefallen, daß sein künstliches Bein einen Stoß erlitten hatte, wobei es halb zersplittert war. Nachdem er das eigene Deck erreicht hatte und in dem Plankenloch angekommen war, war er mit einem dringenden Befehl so heftig auf den Steuermann losgestürmt (wie immer hatte er sich beklagt, er steuere nicht energisch genug!), daß das schon arg mitgenommene künstliche Bein einen weiteren Stoß erlitt. Obwohl es noch ganz blieb und allem Anschein nach noch kräftig war, so erachtete Ahab es doch nicht für ganz zuverlässig.
Bei seiner übermächtigen, wahnsinnigen Ruhelosigkeit beachtete er manchmal die Beschaffenheit des toten Beins, auf dem er stand, recht wenig. Kurze Zeit, bevor der ›Pequod‹ von Nantucket abgesegelt war, hatte man ihn eines Nachts besinnungslos auf dem Boden liegend vorgefunden. Aus einer unbekannten und anscheinend unerklärlichen und nicht vorstellbaren Zufälligkeit war sein künstliches Bein auf so gewaltige Weise entstellt, daß es wie ein Pfahl zerbrochen war und ihm bis in die Leisten drang. Nur mit der allergrößten Schwierigkeit war es möglich gewesen, die schmerzhafte Wunde völlig zu heilen.
Damals war sein monomanischer Geist auf den Gedanken gekommen, daß die gegenwärtigen Qualen nur die unmittelbaren Folgen eines früheren Leidens wären. Es schien, als ob er eins deutlich erkannt hatte: Das giftigste Reptil der Sümpfe setzt unvermeidlich bis in alle Ewigkeit seine Art fort, wie es der angenehmste Singvogel des Waldes tut. Ebenso bringen alle Unglücksfälle wie alle Glücksfälle in entsprechender Weise ihresgleichen bis in alle Ewigkeit hervor.
Ja, noch mehr als das, dachte Ahab; das Leid hat mit seinen Vorfahren und seiner Nachkommenschaft eine größere Auswirkung als die Lust. Ganz abgesehen davon, daß gewisse Lehren der Kanoniker folgenden Schluß ziehen: Manche Freuden der menschlichen Natur verschaffen keine Nachkommenschaft für die andere Welt. Vielmehr haben sie die Verzweiflung der Hölle im Gefolge. Dagegen erzeugen manche schuldig erduldete Leiden eine ständig wachsende Nachkommenschaft von Bitternissen jenseits des Grabes.
Aber bei einer tieferen Betrachtung der Dinge scheint es doch anders zu sein. Obwohl im höchsten irdischen Glück, so dachte Ahab, eine gewisse Schalheit verborgen liegt, so hat alles menschliche Leid im tiefsten Grunde bei manchen Menschen eine Erhabenheit, wie sie den Erzengeln eigen ist. Wenn wir die Stammbäume der tiefen irdischen Leiden verfolgen, kommen wir schließlich zu dem Ursprung der Götter. Trotz der frohen Sonnen, unter denen das Heu gemacht wird, und trotz der sanften Monde, bei denen die Zimbel ertönt und ringsum die Ernte eingebracht wird, kommen wir notgedrungen zu der Erkenntnis, daß die Götter selbst nicht immer glücklich sind. Das traurige unauslöschliche Muttermal, das dem Menschen auf die Stirn geprägt ist, ist nur der Stempel des Leids, den seine Urheber ihm aufgedrückt haben.
Ohne es zu wollen, ist hier ein Geheimnis aufgedeckt worden, was vielleicht schon früher an besserer Stelle hätte geschehen können.
Es mag sich nun verhalten, wie es will. So wie die Sache um das Bein gegenwärtig stand, versuchte Ahab auf praktische Weise Abhilfe zu schaffen. Er rief den Schiffszimmermann.
Als dieser Angestellte vor ihm erschien, befahl er ihm, sofort ein neues Bein zu machen. Er wies die Maate an, ihn mit allen möglichen Knochenstücken vom Kiefer des Pottwals, die bislang auf der Reise gesammelt waren, zu versehen und das stärkste und geeignetste Material auszuwählen. Als das geschehen war, bekam der Zimmermann den Befehl, das Bein am Abend noch fertigzustellen. Und ebenso sollte er für die Zubehörteile sorgen, ohne sich darum zu kümmern, was an dem beschädigten fehlte. Dann wurden die Schmiede aus ihrer beschaulichen Ruhe unten im Schiffsraum nach oben gezogen, und um die Sache zu beschleunigen, bekam der Schmied den Befehl, sofort die eisernen Teile zusammenzuschmieden, die benötigt werden könnten.
Sechsundvierzigstes Kapitel
Wie es so üblich war, wurde am nächsten Morgen das Schiff ausgepumpt. Zur allgemeinen Überraschung kamen beträchtliche Mengen Öl mit dem Wasser nach oben. Die Fässer unten mußten ein Leck haben. Es gab eine allgemeine Aufregung. Starbuck ging in die Kabine, um die ungünstige Angelegenheit zu melden. Vom Süden und Westen kam der ›Pequod‹ dicht an Formosa und an die Baschi-Inseln heran, zwischen denen die tropischen Mündungen der Flüsse liegen, die von China her in den Stillen Ozean fließen. Starbuck traf Ahab an, wie er eine große Karte der östlichen Inselgruppen vor sich ausgebreitet hielt. Eine andere stellte die langen östlichen Küsten der japanischen Inseln Nippon, Matsmai und Sikoke dar. Das schneeweiße neue künstliche Bein war in das schraubenartige Tischbein eingeklemmt. Er hatte die lange Heckensichel seines Schiffermessers in der Hand. Der wunderliche alte Mann hatte den Rücken gegen die Lukenklappe gerichtet. Seine Stirn lag in Falten, und er zeichnete wieder seine alten Kurse.
»Wer ist da?« sagte er, als er den Tritt an der Tür hörte, ohne sich umzusehen. »An Deck! Verschwinden!«
»Kapitän Ahab irrt sich, ich bin es. Das Öl im Schiffsboden läuft. Wir müssen die Taljen aufziehen und ausladen!«
»Taljen aufziehen und ausladen? Jetzt, wo wir in die Nähe von Japan kommen? Sollen wir hier eine Woche lang aufhuven, um ein paar alte Reifen auszuflicken?«
»Entweder tun wir das, oder wir verlieren an einem Tag mehr Öl, als wir in einem Jahre bekommen können. Wenn wir dazu zwanzigtausend Meilen gebrauchen, so ist das schon der Mühe wert.«
»Ja, ist recht, wenn wir ihn kriegen können.«
»Ich sprach vom Öl im Kielraum, Kapitän.«
»Und ich sprach nicht davon, ich habe auch nicht daran gedacht. Marsch, weg! Meinetwegen kann es auslaufen! Ich bin auch leck. Alles ist leck in lecken Schiffen. Die Fässer sind nicht nur leck, sondern auch das Schiff ist leck. Wer will denn das Leck in dem tiefgeladenen Unterschiff finden? Und wer will es denn, wenn man es gefunden hat, in dem heulenden Sturm des Lebens zustopfen? Starbuck? Die Taljen sollen nicht aufgezogen werden!!«
»Was werden aber die Besitzer dazu sagen?«
»Die Besitzer sollen meinetwegen am Strande von Nantucket dastehen und versuchen, lauter zu brüllen als die Taifune! Was geht das Ahab an? Besitzer, was sind denn Besitzer? Du schwätzt nur immer von diesen kläglichen Besitzern, als ob ich mir ein Gewissen daraus machte. Aber beachte wohl, der einzige wirkliche Besitzer ist der Kommandant selbst, und merke dir das: Mein Gewissen ist im Kiel dieses Schiffes. Marsch, an Deck!«
»Kapitän Ahab«, sagte der Maat, dem die Röte ins Gesicht stieg. Er ging etwas weiter in die Kajüte hinein und sah dabei so merkwürdig respektvoll und vorsichtig aus, daß es fast schien, er wollte die geringste Respektlosigkeit nach außen hin vermeiden; er war dabei aber von einer merkwürdigen Festigkeit. »Ein besserer Mensch als ich könnte dir das wohl verzeihen, was er bei einem jüngeren Menschen übelnehmen würde, und der noch dazu glücklicher ist, Kapitän Ahab.«
»Teufelspack! Wagst du es denn, mir mit einer Kritik zu kommen? An Deck!«
»Nein, Kapitän, noch nicht. Ich bitte nur darum – und ich wage es – es mir nicht nachzutragen. Wäre es nicht möglich, daß wir uns besser verständen als bisher, Kapitän Ahab?«
Ahab holte eine geladene Muskete vom Streckrahmen, der einen Teil der Kajütenausrüstung der Südseeleute bildet. Er hielt sie gegen Starbuck und rief aus: »Es gibt einen Gott, der Herr über die Erde ist, und einen Kapitän, der Herr über den ›Pequod‹ ist. An Deck, marsch!«
Die Augen des Maates flackerten auf und seine Wangen waren feuerrot, so daß man einen Augenblick hätte der Meinung sein können, er hätte wirklich die Ladung des gezielten Rohres ins Gesicht bekommen. Er wurde aber seiner Erregung Herr, stand beruhigt auf, und als er die Kabine verließ, blieb er einen Augenblick stehen und sagte: »Du hast mich vergewaltigt, aber nicht beleidigt. Ich sage dir nicht, daß du dich vor Starbuck in acht nehmen solltest. Darüber würdest du doch nur lachen. Aber Ahab soll sich vor Ahab in acht nehmen! Hüte dich vor dir selbst!«
»Er wird so langsam tapfer, gehorcht aber trotzdem«, brummte Ahab, als Starbuck verschwand. »Was hat er gesagt? Ahab soll sich vor Ahab in acht nehmen? Da ist etwas dran!« Dann benutzte er die Muskete, ohne daß er es merkte, als Stock. Mit einer eisenharten Stirn ging er in der kleinen Kajüte hin und her. Da aber sogleich die dicken Adern seiner Stirn verebbten, stellte er das Gewehr wieder in den Streckrahmen und ging an Deck.
»Du paßt doch gut auf, Starbuck«, sagte er leise zu dem Maaten. Dann verstärkte er die Stimme und sagte zu der Mannschaft: »Die Hauptsegel beschlagen und die Toppsegel vorn und hinten eng gerafft! Die Großrahen backbrassen! Die Taljen hochziehen! Und die ganze Ladung im Hauptkielraum ausladen!«
Es war wohl unmöglich, genau festzustellen, aus welchen Gründen Ahab sich Starbuck gegenüber so verhielt. Vielleicht flackerte die anständige Gesinnung in ihm auf; vielleicht verlangte es unter den gegebenen Umständen eine kluge Politik, daß er sich nicht das geringste Zeichen einer Antipathie gegen den bedeutenden Offizier seines Schiffes merken ließ. Wie es zuging, kann gleichgültig sein. Jedenfalls wurden seine Befehle ausgeführt und die Taljen hochgezogen.
Siebenundvierzigstes Kapitel
Die Nachforschungen ergaben, daß die Fässer in dem Schiffsraum vollkommen heil waren und daß man das Leck an einer entfernteren Stelle suchen mußte.
In dieser Zeit geschah es, daß mein armer heidnischer Kamerad und treuer Busenfreund, mein Queequeg, vom Fieber gepackt wurde, das ihn fast aufs Sterbebett brachte.
Bei dem Beruf der Walfischfänger sind Drückposten unbekannt. Würde und Gefahr gehen Hand in Hand, bis man Kapitän wird. Je höher man steigt, um so schwerer ist auch die Arbeit. So mußte der arme Queequeg als Harpunier nicht nur die Wut des lebendigen Wales aushalten, sondern sich auch in die rollende See hinauswagen. Bis er schließlich in den düsteren Kielraum hinunter mußte, wo er den ganzen Tag in dem unterirdischen Gefängnis in einem fort schwitzte und die dicken Fässer mit fester Hand anfassen und verstauen mußte.
Armer Queequeg! Da kroch der tätowierte Wilde, der bis auf das wollene Wams ausgezogen war, in dem feuchten Dreck herum, wie eine Eidechse mit grünen Flecken unten in einem Brunnen. Hier zog er sich, so merkwürdig es ist, wegen des heißen Schweißes eine schreckliche Erkältung zu, die mit einem Fieber endete. Und schließlich mußte er sich nach einigen Tagen in die Hängematte legen, und seine Krankheit brachte ihn bis dicht an den Rand des Grabes. In den wenigen Tagen verfiel er so, daß von ihm nur die Knochen und die Tätowierungen übrigblieben. Aber als alles bei ihm dünner wurde, und die Backenknochen ganz schmal geworden waren, schienen seine Augen immer größer zu werden. Und es ging von ihnen ein seltsamer, weicher Glanz aus. Ein milder, aber tiefer Blick schaute einen aus dem kranken Körper an, der ein wunderbarer Zeuge für seine unverwüstliche Gesundheit war. Und wie die Kreise im Wasser schwächer werden, wenn sie sich ausdehnen, so erweiterten sich seine Augen, wie die Kreise der Ewigkeit. Und ein Gefühl der Ehrfurcht beschlich einen, wenn man an der Seite des dahinwelkenden Wilden saß und solche seltsamen Dinge in seinem Gesicht erblickte, wie sie die Umstehenden erlebt haben müssen, als Zarathustra starb.
Was bei einem Menschen wirklich ein Wunder und ein Schrecken ist, ist noch niemals in Büchern zur Sprache gebracht worden. Und die unmittelbare Nähe des Todes, die alles gleichmacht, verschafft einem auch die letzte Enthüllung von Dingen, die nur ein Autor aus dem Totenreiche richtig darstellen könnte. So hatte denn kein sterbender Chaldäer oder Grieche erhabenere und heiligere Gedanken als die, deren geheimnisvolle Schatten nun über das Gesicht des armen Queequeg krochen, der ruhig in seiner baumelnden Hängematte lag. Wie die rollende See ihn sanft in den letzten Schlaf schaukelte und die unsichtbare Flut des Ozeans ihn höher und höher gen Himmel trug.
Alle von der Mannschaft gaben ihn auf. Was seine eigenen Gedanken waren, konnte man aus einem erbetenen merkwürdigen Gefallen ersehen. Als es grauer Morgen war und der Tag gerade anbrach, faßte er einen bei der Hand und sagte, daß er in Nantucket kleine Kanus aus schwarzem Holz gesehen hätte, die dem prächtigen Holz für Kriegsgeräte aus seiner Heimatinsel ähnlich wären. Er hätte erfahren, daß alle Walfischer, die in Nantucket stürben, in dieselben dunkelfarbigen Kanus gelegt würden und daß diese Vorstellung ihm so gut gefallen hätte. Fast genau so wäre die Sitte seines eigenen Stammes, der einen toten Krieger einbalsamierte, ihn darauf in sein Kanu legte und ihn in die sternbedeckte Inselwelt hinaustreiben ließ. Sie haben nämlich den Glauben, daß die Sterne Inseln sind und daß in der Ferne jenseits der Horizonte die milden Meere, in denen es kein Festland gibt, mit dem blauen Himmel zusammenfließen. Ferner sagte er, daß ihn ein Schrecken überkäme, wenn er sich vorstellte, daß er in der Hängematte, wie es auf See üblich wäre, bestattet würde und er wie ein Verbrecher in den Todesrachen der gefräßigen Haifische hineingestoßen würde. Er erbäte sich ein Kanu genau wie die von Nantucket, was ihm angemessener wäre, da er nun mal ein Walfischer wäre.
Als diese merkwürdige Geschichte am Achterdeck bekannt wurde, bekam der Zimmermann sofort den Befehl, Queequegs Bitte zu erfüllen und ihm auch sonst behilflich zu sein. Man hatte heidnisches, altes Bauholz von der Farbe des Sarges an Bord, das auf einer früheren Reise mal aus den uralten Wäldern der Lackaday-Inseln abgehauen war. Aus diesen dunklen Brettern sollte der Sarg gemacht werden. Kaum hatte der Zimmermann den Befehl bekommen, als er das Lineal nahm und sich mit der gleichgültigen Bereitwilligkeit seines Charakters sofort ans Werk begab. Er ging zur Vorderkajüte und nahm Queequeg mit großer Genauigkeit das Maß. Und wenn er das Lineal verschob, machte er regelmäßig an dem Körper Queequegs ein Zeichen.
»Ach, du armer Kerl! Nun muß er sterben!« stieß der Matrose von Long Island hervor. Der Zimmermann ging nun an seine Hobelbank und übertrug, weil es bequemer war, die genaue Länge des Sarges auf diese. Dann machte er an den beiden Enden zwei Einschnitte. Als das geschehen war, besorgte er sich die Bretter und die Werkzeuge, und ging an die Arbeit.
Nachdem der letzte Nagel eingeschlagen und der Deckel aufgesetzt war und paßte, nahm er den Sarg auf die Schulter, ging damit los und erkundigte sich, ob man schon soweit wäre. Queequeg überhörte die entrüsteten Rufe, wenn sie auch halb humoristisch gemeint waren, womit die Leute an Deck den Sarg wegbeförderten. Er befahl zu jedermanns Entsetzen, daß man ihn sofort herbringen sollte. Es war auch nicht möglich, ihm etwas abzuschlagen, da von allen Menschen die Sterbenden manchmal die größten Tyrannen sind. Und da sie uns bald darauf kaum noch stören werden, so sollte man die armen Kerls mit Nachsicht behandeln.
Queequeg beugte sich in der Hängematte nach der Seite und betrachtete den Sarg sehr aufmerksam. Dann verlangte er seine Harpune, ließ den Holzschaft abziehen und legte die Eisenspitze mit einem Paddelruder seines Bootes der Länge nach in den Sarg. Dann wurde auch auf seine Bitte Schiffszwieback dazwischengelegt, ebenso eine Flasche mit frischem Wasser, die an das Kopfende gelegt wurde, und ein kleiner Beutel mit Holzerde, die im Kielraum abgekratzt war und an das Fußende kam. Dann wurde ein Stück Segeltuch als Kissen zusammengerollt, und Queequeg ließ sich in das letzte Ruhebett tragen, um zu sehen, ob es auch recht bequem wäre.
So blieb er einige Minuten liegen, ohne sich zu rühren. Dann mußte ihm einer aus seinem Seesack den kleinen Gott Yojo bringen. Darauf kreuzte er die Arme über der Brust, nachdem Yojo dazwischen lag, und ließ den Sargdeckel über sich schließen. Dieser war an einen Lederriemen gebunden. Und so lag denn Queequeg mit zufriedenem Ausdruck in dem Sarge. »Rarmai« (er ist leicht), murmelte er schließlich, und gab dann ein Zeichen, daß man ihn wieder in die Hängematte legen sollte.
Aber bevor dies geschehen war, drängte sich Pipp, der alles mit angehört hatte, an ihn heran und nahm ihn unter sanftem Schluchzen bei der Hand. In der anderen Hand hielt er sein Tambourin.
»Armer Wanderer, wirst du denn niemals Ruhe haben von diesem mühsamen Wandern? Wo gehst du jetzt hin? Wenn die Strömung dich nach den lieblichen Antillen trägt, wo der Strand voll von Wasserlilien ist, willst du mir da wohl einen kleinen Gefallen tun? Sieh nach, ob du nicht einen gewissen Pipp findest, der seit langem vermißt wird. Ich glaube, er muß in den entfernten Antillen sein. Wenn du ihn findest, tröste ihn; denn er muß sehr traurig sein. Denn siehe, er hat sein Tambourin zurückgelassen. Ich hab' es gefunden. Rig-a dig, dig, dig! Jetzt kannst du sterben, Queequeg, und ich will dir deinen Sterbemarsch schlagen!«
»Ich habe gehört,« brummte Starbuck, und sah die Schiffsluke hinab, »daß die Menschen bei heftigem Fieber unbewußt in alten Sprachen reden. Und wenn man das Geheimnis erforscht, so zeigt es sich, daß sie in ihrer völlig vergessenen Kindheit diese Sprachen gesprochen haben, wie es von großen Gelehrten bezeugt ist. So ist auch nach meiner Lieblingsvorstellung der arme Pipp in dieser seltsamen Lieblichkeit seines Wahnsinns der Zeuge von unserer himmlischen Heimat. Wo kann er das nur herhaben, wenn nicht von dort? Horch, er fängt wieder an zu sprechen, aber nun ist es ein wilderer Tonfall!«
»Vereinige zwei und zwei! Wir wollen einen General aus ihm machen. Wo ist denn seine Harpune? Sie lag hier quer über ihm. Rig-a dig, dig, dig, hurra! Queequeg stirbt mutig! Merkt euch das! Queequeg stirbt mutig! Beachtet das wohl! Queequeg stirbt mutig!! Ich sage, mutig, mutig, mutig! Aber der gemeine kleine Pipp starb wie ein Feigling, starb mit einem Schauder. Hör' mal, wenn du Pipp findest, so sag' den ganzen Antillen, daß er ausgerissen ist. Und daß er ein Feigling, ein großer Feigling ist! Sag' ihnen, daß er aus einem Walboot gesprungen ist! Ich würde niemals mein Tambourin über den gemeinen Pipp schlagen und ihn als General begrüßen, wenn er noch einmal sterben sollte. Nein, alle Feiglinge sollen verflucht sein! Sie sollen wie Pipp ertrinken, der aus einem Walboot gesprungen ist. Pfui! Pfui!!«
Währenddem lag Queequeg mit geschlossenen Augen da, als ob er träumte. Pipp wurde davongeführt, und den kranken Mann kriegte man wieder in die Hängematte.
Als Queequeg sich augenscheinlich in jeder Weise auf den Tod vorbereitete, und der Sarg wirklich gut paßte, erholte er sich mit einem Male. Bald schien er den Kasten des Zimmermanns nicht mehr nötig zu haben. Als einige darüber hocherfreut waren und sich dementsprechend aussprachen, sagte er, daß seine plötzliche Genesung folgenden Grund hätte. Im kritischen Augenblick wäre ihm eine kleine Verpflichtung eingefallen, die er an Land noch nicht erfüllt hätte. Er hätte daher seine Absicht, zu sterben, aufgegeben, und könnte noch nicht sterben. Darauf wurde er denn gefragt, ob das Leben und Sterben eine Sache des persönlichen Willens und Vergnügens wäre. Er antwortete, daß das wirklich der Fall wäre. Es war die Ansicht Queequegs, daß, wenn jemand entschlossen wäre, zu leben, die Krankheit ihn allein nicht töten könnte. Das vermöchte auch kein Wal, kein Gewittersturm und keine heftige willkürliche, widersinnige Lebenszerstörerin dieser Art.
Soviel ist sicher, daß zwischen Wilden und Zivilisierten ein wichtiger Unterschied besteht. Während ein kranker zivilisierter Mensch sechs Monate zur Genesung braucht, ist ein kranker Wilder beinahe in einem Tage wieder auf den Beinen. Queequeg kam daher nach einer gewissen Zeit wieder zu seinen Kräften. Als er einige Tage lang untätig auf dem Ankerspill gesessen hatte (wobei er aber mit kräftigem Appetit aß!), sprang er plötzlich auf, streckte Arme und Füße aus, gähnte ein wenig, stürzte sich darauf vorn in das hochgezogene Boot und schwang mit den Händen eine Harpune, wobei er erklärte, daß er zum Kampf gerüstet wäre.
In einem Anfall von wildem Übermut benutzte er seinen Sarg nun als Seekiste. Er leerte seinen Kleidersack darin und legte alles zurecht. Dann verbrachte er viele Stunden damit, daß er den Deckel mit den merkwürdigsten Zahlen und Zeichnungen ausschnitzte. Und es schien so, als ob er in seiner rauhen Art den Versuch machte, Stücke von der komplizierten Tätowierung seines Körpers zu kopieren. Diese Tätowierung rührte von einem verstorbenen Propheten und Seher seiner Insel her, der durch diese Hieroglyphen auf seinem Körper eine vollständige Theorie des Himmels und der Erde und eine mystische Abhandlung über die Kunst, der Wahrheit nahezukommen, niedergeschrieben hatte. Somit war Queequeg in seiner eigenen Person ein Rätsel!
Aber er war nicht imstande, die Geheimnisse desselben selbst zu lesen, obwohl sein eigenes lebendiges Herz dagegenschlug. Diese Geheimnisse waren daher dazu bestimmt, schließlich mit dem lebendigen Pergament zu zerfallen, auf das sie geschrieben waren; sie konnten daher bis zur letzten Stunde nicht gedeutet werden.
Dieser Gedanke mußte auch Ahab gekommen sein, als er sich eines Morgens von dem Anblick des armen Queequeg mit dem wilden Ausruf abwandte: »Welch teuflische Versuchung der Götter!«
Achtundvierzigstes Kapitel
Als wir an den Baschi-Inseln vorbeiglitten, tauchten wir schließlich in die erhabene Südsee. Wäre es nicht aus anderen Gründen geschehen, so hätte ich meinen lieben Pazifischen Ozean mit unendlichem Dank begrüßen können. Nun war ein lang verspürter Drang meiner Jugend erfüllt. Der heitere Ozean rollt tausend Meilen ostwärts von mir seine blauen Wogen.
In diesem Meer ist – man weiß nicht wie – ein süßes Geheimnis verborgen. Sein sanftes, wenn auch furchtbares Gewoge scheint von einer verborgenen Seele zu reden, so, wie die märchenhaften Wellen des Rasens von Ephesus über den begrabenen heiligen Johannes dahinrollen. Es ist ganz in der Ordnung, daß die Wellen über jene Meeresweiten und Wasserwiesen, die in die Weite rollen, steigen und fallen, und in fortlaufendem Wechsel Ebbe und Flut aufeinanderfolgt. Hier haben sich Millionen von Schatten, von ertränkten Träumen und Vorstellungen von Nachtwandlern miteinander verbunden. Alles, was wir Leben und Seelen nennen, liegt im Traum immer noch da; es stößt sich, wie die Schlafenden in ihren Betten; die ewig rollenden Wellen ließen das in ihrer Ruhelosigkeit geschehen.
Dem beschaulichen, wandernden Magier muß der heitere Stille Ozean, wenn er ihn sieht, das Meer seiner Wahl sein. Er wälzt die mittelsten Meere der Welt, und der Indische wie der Atlantische sind nur seine Arme. Dieselben Wellen, die die Molen der neu angelegten Städte Kaliforniens bespülen, Städte, die erst gestern von dem jüngsten Menschengeschlechte gegründet sind, berühren auch die eintönig gewordenen, wenn auch immer noch gewaltigen Ränder der Länder Asiens, Länder, die älter sind als Abraham. Während zwischen ihnen die Milchstraßen der Korallen-Inseln, die niedrige, endlose und unbekannte Inselwelt und das unerforschbare Japan treiben, so umfaßt der geheimnisvolle, göttergleiche Stille Ozean den Rumpf der ganzen Welt.
Alle Küsten sind wie eine einzige Bucht dazu. Er scheint mit seinen klopfenden Fluten das Herz der Erde zu sein. Von dem ewigen Wellenschlag emporgehoben, fühlt man sich notgedrungen dem verführerischen Gott ausgeliefert, und man beugt ehrfurchtsvoll vor Pan das Haupt. Aber Ahabs Gehirn wurde kaum von dem Gedanken an Pan bewegt, wie er, einer Statue aus Erz vergleichbar, neben dem Takelwerk am Kreuzmast an gewohnter Stelle stand. Mit dem einen Nasenflügel sog er gedankenlos den zuckersüßen Moschusduft von den Baschi-Inseln ein (in deren lieblichen Wäldern wohl sanfte Liebespaare wandelten!); während er mit dem anderen Nasenflügel bewußt den Salzgeruch des neuen Meeres einatmete, in dem der verhaßte weiße Wal sich zu dieser Zeit herumtreiben mußte.
Als er nun schließlich in diese Gewässer stürzte und in das japanische Kreuzgebiet hineinglitt, stand dem alten Mann das Ziel mit verstärkter Macht vor Augen. Die festen Lippen begegneten sich wie die Lippen eines Verbrechers. Das Delta seiner Adern auf der Stirn schwoll an wie ein Bach während der Flut. Und sogar im Schlaf dröhnte sein lauter Ruf durch das gewölbte Schiff: »Alle an Achterdeck! Der weiße Wal spritzt dickes Blut!«
Neunundvierzigstes Kapitel
Perth, der schmutzige, alte Schmied, mit den Blasen an den Händen, hatte das milde Sommerwetter, das in diesen Breiten vorherrscht, in Voraussicht der eigentümlichen Arbeitswut, die in kurzem folgen würde, ausgenützt und die transportierbare Schmiede nicht wieder in den Schiffskiel gebracht. Als er mit dem Anteil seiner Arbeit an dem Bein Ahabs fertig war, behielt er die Schmiede noch an Deck und befestigte sie mit Ringbolzen fest am Vordermast. Er wurde nun fast unaufhörlich von den Scharfrichtern und Harpunieren und Bootsleuten angegangen, um einige kleine Arbeiten für sie zu verrichten.
Bald mußte er etwas umändern, ausbessern oder an den verschiedenen Waffen und Bootszubehörteilen etwas erneuern. Oft war ein ganzer Kreis von gierigen Leuten um ihn versammelt, die auf jede seiner rußigen Bewegungen bei der Arbeit genau acht gaben. Trotzdem wurde ein geduldiger Hammer von einem geduldigen Arm geleitet. Niemals erfolgte ein Murren, ein Zeichen der Ungeduld oder ein Ausbruch von Verdrießlichkeit. Es ging alles ruhig, langsam und feierlich zu. Er beugte seinen zeitweilig gebrochenen Rücken nach vorn und arbeitete drauflos, als ob die Arbeit das Leben selbst und das schwere Schlagen des Hammers das heftige Klopfen seines Herzens wäre.
Perth stand mit seinem verfilzten Bart, in eine stachelige Schürze aus Haifischhaut eingewickelt, um die Mittagszeit zwischen seiner Schmiede und dem Amboß. Der letztere war auf einem eisenbeschlagenen Klotz aufgestellt. Perth hielt mit der einen Hand eine Pikenspitze in die Kohlen, und mit der anderen Hand zog er den Blasebalg. Da kam Kapitän Ahab heran und trug einen kleinen rostigen Lederbeutel in der Hand. Als der verdrossene Ahab sich noch in einer kleinen Entfernung von der Schmiede befand, blieb er stehen. Bis schließlich Perth das Eisen aus dem Feuer zog und auf den Amboß loshämmerte, wobei von der roten Masse Funken in hohem Bogen in der Gegend herumflogen und dicht in der Nähe von Ahab niedergingen.
»Was sind denn das für Funken, die in deinem Kielwasser herumfliegen? Es scheinen Vögel mit guten Vorzeichen zu sein. Aber nicht für jedermann. Sieh mal her! Sie brennen. Aber du stehst dabei, ohne verbrannt zu werden.«
»Weil ich über und über verbrannt bin, Kapitän«, antwortete Perth und ruhte sich einen Augenblick von seinem Hammer aus. »Ich bin über das Verbranntwerden längst hinaus. Du kannst nicht leicht eine Narbe verbrennen.«
»Schon gut. Deine eingeschrumpfte Stimme kommt mir sehr traurig vor. Ich bin selbst in keiner glücklichen Haut. Ich wundere mich, daß andere bei ihrem Elend nicht verrückt werden. Eigentlich solltest du verrückt werden, Schmied. Wie kommt es, daß du das nicht wirst? Wie hältst du das aus, ohne verrückt zu werden? Wirst du vom Himmel so gehaßt, daß du das nicht wirst? – Was machst du denn da eben?«
»Ich schweiße eine alte Pikenspitze zusammen. Da waren mal Risse drin.«
»Und kannst du sie wieder ausglätten, Schmied, wenn sie so schwer mitgenommen ist?«
»Ich glaube es, Kapitän.«
»Und ich glaube, daß du auch alle Risse und Falten ausglätten kannst, und daß es nichts ausmacht, wie hart das Metall ist, Schmied.«
»Ja, Kapitän, ich glaube, daß ich es kann. Alle Risse und Falten, bis auf eine.«
»Sieh hierher!« schrie Ahab. Damit ging er leidenschaftlich vorwärts und lehnte sich mit beiden Händen gegen die Schultern von Perth. »Sieh hierher. Da kannst du einen Riß wieder ausglätten, Schmied.« Und er fuhr mit der einen Hand über die Falten seiner Stirn. »Wenn du das könntest, Schmied, so wollte ich meinen Kopf auf deinen Amboß legen und den schwersten Hammer zwischen meinen Augen aushalten, Perth. Gib Antwort! Kannst du diesen Riß ausglätten?«
»Das ist es ja, Kapitän! Sagte ich nicht, alle Risse und Falten, bis auf einen?«
»Ja, Schmied, das ist der eine. Man kann den Menschen nicht ausglätten. Hier siehst du den Riß in meinem Fleisch. Er ist bis in den Knochen meines Gehirns gegangen. Es sind nichts als Falten! Aber weg mit dem Kinderspielzeug! Keine Piken und Spaten mehr geflickt heute. Sieh hierher!« Dabei klimperte er mit dem Lederbeutel, als ob er voll von Goldmünzen wäre. »Ich will mir eine Harpune machen lassen. Eine, die tausend Teufel nicht auseinanderbringen können, Perth. Etwas, das wie die eigene Seitenflosse in einem Wal steckenbleibt. Da ist Material«, und er warf den Beutel auf den Amboß. »Sieh her, Schmied, das sind die aufgehobenen Nägelstumpfen der Hufeisen von Rennpferden.«
»Stümpfe von Hufeisen? Da hast du ja, Kapitän, das beste und widerstandsfähigste Material, das wir Schmiede jemals verarbeitet haben.«
»Ich weiß es. Diese Nägel werden wie der Leim aus den geschmolzenen Knochen von Mördern zusammenhalten. Schnell! Schmiede mir die Harpune, und schmiede mir zuerst die zwölf Stränge für den Schaft. Dann drehe und winde und hämmere diese zwölf zusammen wie die Teile eines Taues. Schnell! Ich will das Feuer blasen.«
Als schließlich die zwölf Stränge fertig waren, wickelte sie Ahab nacheinander auf mit der eigenen Hand und legte sie um einen langen, kräftigen Eisenbolzen. »Ein Riß!« sagte er und verwarf den letzten. »Schmiede den noch einmal, Perth!«
Als das geschehen war, wollte Perth die zwölf zusammenschmieden, als Ahab Einhalt gebot und sagte, er wollte das eigene Eisen selbst schmieden. Als er dann keuchend Atem holte, hämmerte er auf den Amboß los. Perth reichte ihm die glühenden Stränge nacheinander, und die Schmiede schoß eine kräftige, gerade Flamme bei ihrer harten Arbeit empor. Da ging der Parse in aller Stille vorbei, beugte seinen Kopf nach vorn in das Feuer, und es schien, als ob er einen Fluch oder einen Segen zu der Arbeit sprach. Aber als Ahab aufsah, schlich er leise zur Seite.
»Was treibt sich denn der verdammte Luzifer in der Gegend herum?« knurrte Stubb und sah von der Vorderkajüte auf. »Der Parse riecht nach Feuer wie ein Schwefelholz und stinkt wie die heiße Pulverpfanne einer Muskete.«
Schließlich wurde der Schaft zu einem einzigen Strang zusammengeschmiedet, und als Perth ihn in den Wassereimer in seiner Nähe tauchte, wobei das Eisen aufzischte, ging der brühendheiße Strom Ahab in das niedergebeugte Gesicht.
»Wolltest du mich denn auch einbrennen, Perth?«, und er zuckte einen Augenblick vor Schmerz zusammen. »Habe ich denn am Ende mir selbst ein Brandmal geschmiedet?«
»Das nicht. Aber ich befürchte etwas, Kapitän Ahab. Ist diese Harpune nicht für den weißen Wal bestimmt?«
»Für den weißen Teufel! Aber jetzt müssen wir an die Harpunenspitze. Du mußt sie selbst anfertigen, Mann. Hier sind meine Rasierklingen, die besten aus Stahl. Mach' Harpunenspitzen daraus, die so scharf sind, wie die Eisnadeln des Eismeeres.«
Einen Augenblick sah der alte Schmied die Rasierklingen an, als ob er sie nicht gern verwenden wollte.
»Nimm sie doch, Mann, ich brauch' sie nicht mehr. Denn von jetzt an will ich mich nicht mehr rasieren, nicht mehr zu Abend essen oder beten bis – aber ans Werk!«
Als der Stahl zu der Gestalt eines Pfeiles geformt und von Perth mit dem Schaft zusammengeschmiedet war, bildete er das äußere Ende des Eisens. Dann wollte er die Spitze heißglühend machen. Bevor das geschah, rief er Ahab zu, er möge den Wassereimer näher heranbringen.
»Nein, nein! Dafür kein Wasser! Hallo! Tashtego, Queequeg, Daggoo! Wollt ihr mir soviel Blut abgeben, wie ich brauche, um diese Spitze zu bedecken?« Damit hielt er sie hoch empor.
Verschiedene Male wurde aus einem schwarzen Menschenhaufen als Zeichen der Zustimmung genickt. Man machte drei Einschnitte in das heidnische Fleisch, und die Harpunenspitzen des weißen Wales wurden damit gekühlt.
»Ego non baptizo te in nomine patris, sed in nomine diaboli!« heulte Ahab in seinem Wahnsinn, als das teuflische Eisen das Blut der Taufe auftrocknete und verschlang.
Nun nahm Ahab die übriggebliebenen Stangen hervor, prüfte sie und suchte eine aus Walnußbaum aus, an der noch die Borke hing. Ahab steckte das Ende in die Hülse des Eisens. Dann wurde ein Knäuel von einem neuen Tau aufgebunden, und man nahm einige Fadenlängen daraus hervor, befestigte sie an dem Ankerspill und spannte sie. Ahab setzte dann den Fuß darauf, so daß das Seil wie eine Harfenseite summte, beugte sich mit großem Eifer darüber, und als er keine Duchten bemerkte, rief er aus: »Gut! Nun zugebunden!«
Am äußersten Ende wurde das Seil nun auseinandergezogen. Es wurden die einzelnen Stränge miteinander verbunden und um die Hülse der Harpune gelegt. Man trieb dann die Stange tief in die Hülse hinein. Und an dem unteren Ende wurde das Seil bis zur Hälfte an der Stange befestigt und mit Bindfäden ganz festgebunden.
Als das geschehen war, waren Stange, Eisen und Seil wie die drei Schicksalsgöttinnen unzertrennlich. Und Ahab stolzierte mürrisch mit der Waffe davon, wobei das künstliche Bein und die Stange aus Nußbaum über jede Schiffsplanke hohl klapperten. Aber bevor er in seine Kabine kam, hörte man einen leisen, unnatürlichen, beinahe scherzhaften, wenn auch höchst entsetzlichen Laut:
»Ach, Pipp!«
Fünfzigstes Kapitel
Es waren ziemlich lustige Seufzer und Geräusche, die der Wind ihnen entgegentrug, als einige Wochen vergangen waren, seitdem Ahab seine Harpune geschmiedet hatte. Es war ein Schiff aus Nantucket, der »Bachelor«, der sein letztes Ölfaß verstaut und die platzenden Dachluken verriegelt hatte. Nun sah alles aus wie an einem lustigen Feiertag, und man fuhr an den weit auseinanderliegenden Schiffen auf dem Walfischgrund ein wenig eitel und prahlerisch vorbei, bevor man den Kiel nach der Heimat lenkte.
Die drei Leute an der Mastspitze trugen lange Wimpeln von schmalem, roten Flaggentuch an den Hüten. Am Achterdeck hing ein Walboot mit dem Boden nach unten. Und am Bugspriet sah man den langen Unterkiefer des zuletzt getöteten Wales hängen. Zu jeder Seite wehten Signalflaggen, Wimpel und Flaggen in allen Farben vom Takelwerk. In jedem der drei Topps, die mit Körben versehen waren, hingen seitwärts zwei Fässer mit Walratöl, und darüber sah man in den Quersalings des oberen Mastes kleine Fässer mit derselben kostbaren Flüssigkeit. Und an dem Hauptflaggenknopf hing eine metallene Lampe.
Wie man später erfuhr, hatte der »Bachelor« unglaubliches Glück gehabt. Das war um so erstaunlicher, als in derselben Zeit andere Schiffe, die in denselben Meeren kreuzten, Monate zugebracht hatten, ohne eines einzigen Fisches habhaft zu werden. Man hatte nicht nur Fässer von Rindfleisch und Brot fortgeben müssen, um für das wertvollere Walratöl Platz zu schaffen, sondern hatte auch Reservefässer von den vorbeifahrenden Schiffen erbitten müssen. Man hatte diese längs des Deckes und in den Kabinen des Kapitäns und der Offiziere unterbringen müssen. Man hatte sogar den Tisch in der Kajüte zu Kleinholz zusammengeschlagen. Und die Schiffsmesse fand an einem Ölfaß statt, das man auf dem Fußboden als Mittelstück angebracht hatte.
Die Matrosen hatten in der Vorderkajüte ihre Kisten vernagelt und sie mit Walfischöl gefüllt. Es war komisch, daß der Koch seinen größten Topf mit einem Deckel verschlossen und mit Öl gefüllt hatte. Und so hatte der Steward seinen Reserve-Kaffeetopf hervorgeholt und gleichfalls damit gefüllt. Ebenso hatten die Harpuniere die Hülsen ihrer Harpunen aufgebrochen und sie gefüllt. So war denn in der Tat alles voll von Walratöl, ausgenommen die Hosentaschen des Kapitäns, worin er die Hände zu stecken pflegte als Zeichen seiner selbstgefälligen und befriedigten Haltung.
Als das glückliche Schiff seinen Kurs auf den melancholischen »Pequod« nahm, vernahm man den barbarischen Laut von riesigen Trommeln vom Vorderdeck. Als man näher kam, stand eine Schar von Leuten um die riesigen Schmelztöpfe herum, die mit der pergamentähnlichen Haut des Magens von dem schwarzen Fisch bedeckt waren und die bei jedem Schlag mit der geballten Faust der Mannschaft laut dröhnten.
Auf dem Quarterdeck tanzten die Maate und Harpuniere mit olivenfarbenen Mädchen, die von den Inseln Polynesiens mit ihnen davongelaufen waren. In einem mit Ornamenten geschmückten Boot, das zwischen dem Vorder- und Hauptmast befestigt in der Luft hing, saßen drei Neger von Long Island, die mit glitzernden Fiedelbogen aus Walfischbein das lustige Treiben dirigierten. Indes machten sich andere mit vielem Lärm an dem Mauerwerk der Schmelzöfen zu schaffen, aus denen die riesigen Töpfe entfernt waren. Man hätte glauben können, sie holten die verfluchte Bastille herunter: solch wildes Geschrei erhoben sie, als die nun überflüssig gewordenen Backsteine mitsamt dem Mörtel in die See geschleudert wurden.
Als Herr und Meister der ganzen Szene stand der Kapitän auf dem erhöhten Quarterdeck in seiner ganzen Größe. So spielte sich das lustige Schauspiel vor seinen Augen ab und schien nur zu seiner eigenen Zerstreuung arrangiert zu sein.
Aber auch Ahab stand auf seinem Quarterdeck mit einem scheuen, düsteren und eigensinnigen finsteren Ausdruck. Als die beiden Schiffe nun mit ihrem Kielwasser zusammenkamen, und das eine von Jubel erfüllt war über vergangene Dinge, und das andere von banger Ahnung der kommenden Dinge, da drückten auch die beiden Kapitäne in ihrer Person den ganzen auffälligen Gegensatz der Szene aus.
»Komm an Bord, komm an Bord!« rief der lustige Befehlshaber des »Bachelor« und hob ein Glas und eine Flasche in die Luft.
»Hast du den weißen Wal gesehen?« knirschte Ahab als Antwort.
»Nein. Habe nur von ihm gehört. Aber ich glaube nicht an ihn«, sagte der andere in seiner guten Laune. »Komm an Bord!«
»Du bist ja verdammt lustig, fahr weiter! Hast du Leute verloren?«
»Ist nicht der Rede wert. Zwei von den Inseln, das ist alles. Aber komm an Bord, alter Freund. Will dir deine schlechte Laune vertreiben. Komm hierher! Es ist schön hier. Ein volles Schiff, das nach der Heimat fährt!«
»Wie vertraulich doch gleich solch ein Narr wird«, brummte Ahab, dann sagte er laut:
»Du hast ein volles Schiff und willst nach der Heimat, sagst du! Nun, ich habe ein leeres Schiff und gehe nach draußen. Geh du deiner Wege! Und ich will die meinen gehen. Vorwärts denn! Alle Segel heraus und in den Wind gelegt!«
Und als nun das eine Schiff sich lustig vor die Brise legte, kämpfte das andere hartnäckig dagegen. So schieden denn die beiden Schiffe voneinander. Die Mannschaft des »Pequod« sah mit ernsten, verlangenden Blicken nach dem rückkehrenden »Bachelor«. Aber die Leute vom »Bachelor« achteten wegen der lustigen Schwelgerei nicht auf die starren Blicke unserer Mannschaft. Und als Ahab, der sich über das Heckbord lehnte, das der Heimat zusegelnde Schiff betrachtete, nahm er aus seiner Tasche eine kleine Sandbüchse. Dann sah er vom Schiff nach der Sandbüchse und schien dadurch zwei entfernte Gedankenverbindungen vereinigen zu wollen; denn die Büchse war mit dem Ankergrund von Nantucket gefüllt.
Einundfünfzigstes Kapitel
Es kommt manchmal in unserem Leben vor, daß, wenn die Günstlinge des Schicksals dicht neben uns segeln, wir trotz aller Verzagtheit etwas von der rauschenden Brise mitbekommen und zu unserer Freude wahrnehmen, wie unsere schwellenden Segel damit angefüllt werden. So schien es auch beim »Pequod« der Fall zu sein. Am nächsten Tage wurden Wale gesichtet und vier davon getötet. Einer davon von Ahab selbst.
Es war spät am Nachmittag. Als die Speerwürfe des karmoisinroten Kampfes getan waren, und in dem lieblichen Abendsonnenschein Sonne und Wal friedlich nebeneinander untergingen, da stiegen bei der allgemeinen süßen und traurigen Stimmung solche engverschlungenen »Ave Marias« in der rosigen Luft auf, daß es schien, als ob aus den Klostertälern der Manilainseln mit ihrem tiefen Grün die spanischen Landbrisen in ihrer Ausgelassenheit Matrosen geworden, zur See gegangen wären und die Abendhymnen als Fracht mitbekommen hätten.
Ahab war wieder beruhigt, aber nur, um bald einer um so tieferen Schwermut zu verfallen. Er hatte sich von dem Wal heckwärts losgemacht und saß da, um seine letzten Zuckungen vom ruhigen Boot aus zu beobachten. Das merkwürdige Schauspiel, das man bei allen sterbenden Pottwalen beobachten kann, wie er den Kopf der Sonne zuwendet und so den letzten Atem aushaucht. Dies Schauspiel, das Ahab an einem ruhigen Abend ansah, versetzte ihn in eine wunderbare Stimmung, die er vorher nicht gekannt hatte.
»Er wendet sich um und wendet sich ihr zu. Welche bedächtigen und welche ehrfurchtsvollen Bewegungen macht er mit seiner flehenden Stirn in den letzten Todeszuckungen. Er ist auch ein Feueranbeter. Er ist ein getreuer, ergebener Vasall der Sonne! Wenn doch meine Augen die ergebenen Seufzer des Wales sehen könnten. Er ist in der ganzen Weite vom Wasser eingeschlossen. Er befindet sich fern von allem lauten menschlichen Glück und Leid. In diesen unberührten und unparteiischen Meeren, wo die Felsen der Überlieferung keine Tafeln liefern. Wo in den langen Zeiträumen die Wellen gerollt haben, ohne daß von ihnen die Rede war. So wie Sterne über der unbekannten Quelle des Niger leuchten. Hier endet ein Leben und ist im Glauben der Sonne zugerichtet. Aber siehe, es ist nicht früher zu Ende, bis der Tod den Leichnam herumwirbelt und ihm eine andere Richtung gibt.
Du andere Hälfte der Natur, die du dunkel wie ein Hindu bist, und die du aus versunkenem Gebein irgendwo mitten in diesen Meeren, die nicht mit frischem Grün bedeckt sind, deinen Thron für dich aufgebaut hast, du bist, obgleich Königin, eine Verräterin! Und du redest mit mir in dem Taifun, der weit und breit Verheerungen anrichtet und in den nachfolgenden Kalmen, wo wir in furchtbarer Ruhe die Opfer bestatten.
Auch hat dein Wal sich mit seinem sterbenden Haupte nicht der Sonne zugewandt und dann wieder umgedreht, ohne mir eine Lehre gegeben zu haben.
Furchtbarer und mächtiger Leib, der du dreifach umgürtet und geschmiedet bist! Und du in die Höhe strebende Fontäne, die du wie ein Regenbogen dastehst! Der erste strebt in die Höhe und die letztere macht durch die Spritzer alles wieder zunichte! Du suchst vergeblich Verbindung mit der alles belebenden Sonne darüber, die das Leben selbst hervorruft, aber es niemals ein zweites Mal hergibt. Und doch verleihst du, dunkle Seite der Natur, mir einen stolzeren, wenn auch dunkleren Glauben. Alles, was sich miteinander verbunden hat und wofür es keinen Namen gibt, treibt hier unter mir.
Ich werde von dem Atem der Dinge gehoben, die einstmals lebendig waren; was mal als Luft ausgeatmet wurde, ist nun Wasser geworden.
Sei darum gegrüßt, für immer gegrüßt, du Meer, in dessen ewigen Brandungen die wilden Vögel ihre einzige Ruhestätte finden. Aus Erde geboren, aber vom Meer gestillt, wenn auch Berg und Tal mich gewiegt haben, so bin ich doch, ihr Wellen, euer Stiefbruder!«
Zweiundfünfzigstes Kapitel
Die vier Wale, die man am Abend getötet hatte, waren, weit voneinander getrennt, verendet. Der eine weit windwärts, der andere in nicht so großer Entfernung an der Leeseite, der dritte an der Vorderseite und der vierte an der Heckseite. Die letzten drei wurden, bevor die Nacht hereinbrach, längsschiffs gebracht, aber den an der Windseite konnte man vor dem nächsten Morgen nicht kriegen. Das Boot, das ihn getötet hatte, lag die ganze Nacht an seiner Seite, und das gehörte Ahab. Die Stange mit dem Block wurde dem Wal senkrecht in das Spritzloch geschleudert. Die Laterne hing oben daran und breitete einen flackernden Lichtschein auf den schwarzen glänzenden Rücken und warf ihr Licht weit in die mitternächtlichen Wellen hinaus, die die gewaltige breite Flanke des Wales sanft berührten, wie der leise Wellenschlag den Strand.
Ahab und seine ganze Bootsmannschaft schienen zu schlafen bis auf den Parsen. Der hockte in dem Bug und beobachtete die Haifische, die gespensterhaft um den Wal herumspielten und mit den Schwänzen gegen die leichten Schiffsplanken aus Zedernholz schlugen. Ein Laut, wie das Geheul der unerlösten Geister von Gomorrah, die über dem Toten Meer schwebten, ertönte schauerlich durch die Luft.
Ahab fuhr aus seinem Schlaf auf und sah den Parsen Auge in Auge an. Wie sie nun von der Dunkelheit der Nacht umrahmt waren, sahen sie aus wie die letzten Menschen in einer Welt, über die die Sintflut gekommen ist.
»Ich hab' wieder davon geträumt«, sagte er.
»Von dem Leichenzug? Habe ich's nicht gesagt, Alter, daß weder eine Totenbahre noch ein Sarg für dich bestimmt sind.«
»Wie werden aber die beigesetzt, die auf dem Meere sterben?«
»Ich sagte doch, Alter, daß, bevor du auf dieser Reise stürbest, zwei Totenbahren von dir auf dem Meere gesichtet werden müßten. Die erste dürfte nicht von Sterblichen gemacht sein, und das Holz der zweiten müßte in Amerika gewachsen sein.«
»Ja, ja! Das ist ein merkwürdiger Anblick, Parse! Eine Totenbahre und Bretter, die über den Ozean treiben und Wellen, die für die Leichenträger bestimmt sind. Ha! Solch einen Augenblick werden wir sobald nicht erleben.«
»Ob du es nun glaubst oder nicht, du kannst nicht sterben, bis du es gesehen hast, Alter!«
»Und was war das doch, was du über dich selbst sagtest?«
»Obwohl es zuletzt kommt, werde ich noch vor dir als dein Lotse gehen.«
»Und wenn du vor mir gegangen bist – vorausgesetzt, daß das eingetreten ist – dann kann ich dir nicht eher folgen, bis du mir als Lotse erschienen bist? War es nicht so? Nun, wenn ich das nur alles glauben könnte, was du sagst, alter Lotse. So habe ich denn zwei Bürgschaften, daß ich Moby-Dick töten und ihn überleben werde.«
»Dann gibt es noch eine Bürgschaft, Alter«, sagte der Parse, und seine Augen leuchteten wie Leuchtkäfer in der Dämmerung. »Du kannst nur durch Hanf getötet werden.«
»Du meinst den Galgen? Dann bin ich zu Lande und zu Wasser unsterblich«, rief Ahab mit einem spöttischen Lachen. »Unsterblich zu Lande und zu Wasser!«
Dann wurden die beiden wieder still, als ob sie eine Person gewesen wären. Die graue Dämmerung kam heran, und die schlummernde Mannschaft erhob sich unten aus dem Boot, und bevor es Mittag war, wurde der tote Wal ans Schiff gebracht.
Dreiundfünfzigstes Kapitel
Dann kam die Jahreszeit für den Äquator schließlich immer näher. Wenn Ahab aus der Kabine kam und den Blick nach oben warf, pflegte der wachsame Steuermann mit auffälligem Griff seine Speichen zu bedienen, und die eifrigen Matrosen liefen schnell an die Brassen und standen da und hielten die Augen starr auf die angenagelte Dublone gerichtet. Mit Ungeduld wartete man auf den Befehl, daß das Schiff den Kurs auf den Äquator nehme. Als die entsprechende Zeit verflossen war, kam der Befehl.
Es war kurz vor Mittag. Ahab saß in dem Bug seines hochgezogenen Bootes und nahm seine tägliche Sonnenmessung vor, um die geographische Breite zu bestimmen.
Im Japanischen Meer gleichen die Sommertage Bächen von Glanz. Die strahlende Sonne Japans scheint der flammende Brennpunkt des unermeßlichen Brennglases zu sein, das der glasartige Ozean darstellt. Der Himmel sieht aus, als ob er mit hellem Lack überzogen wäre. Es sind keine Wolken zu sehen. Der Horizont fließt förmlich. Dieser nackte, durch nichts unterbrochene Glanz kommt einem wie die leuchtenden Strahlen von Gottes Thron vor, die man nicht aushalten kann.
Es war gut, daß Ahabs Quadrant mit farbigen Gläsern versehen war, durch die er die Sonne in ihrem Feuer betrachten konnte. Er wurde mit dem schaukelnden Schiff hin- und hergeworfen in seinem Sitz; er hatte das wie zu astrologischen Zwecken dienende Gerät an das Auge gebracht und blieb einige Momente in dieser Stellung, um den genauen Augenblick zu erfassen, wenn die Sonne ihren Meridian erreicht.
Während seine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet war, hatte der Parse unter ihm an Deck des Schiffes, ebenso wie Ahab, das Gesicht nach oben gerichtet und betrachtete die Sonne genau so wie er. Nur bedeckten seine Augenlider die Augen zur Hälfte, und sein wildes Gesicht drückte eine irdische Gefühllosigkeit aus.
Schließlich hatte man die gewünschte Beobachtung gemacht. Ahab hatte den Bleistift auf dem künstlichen Bein liegen und betrachtete bald die geographische Breite des gegenwärtigen Augenblickes. Dann verfiel er einen Augenblick seiner Träumerei, sah wieder auf zur Sonne und murmelte vor sich hin:
»Du Zeichen des Meeres! Du mächtiger Lotse in der Höhe! Du kannst mir genau sagen, wo ich jetzt bin. Aber kannst du mir im entferntesten andeuten, wo ich einst sein werde? Oder kannst du mir sagen, wo ein anderes Ding außer mir im gegenwärtigen Augenblick lebt? Wo ist Moby-Dick? In diesem Augenblick mußt du ihn doch sehen. Meine Augen sehen in dasselbe Auge, das ihn nun gerade sieht. Ja, und sie sehen in das Auge, das nun gleichfalls die Dinge auf der unbekannten Seite von dir erkennen kann!«
Als er dann seinen Quadranten anstarrte und die zahllosen kabbalistischen Eintragungen darauf studiert hatte, sann er wieder nach, worauf er brummte:
»Du Narrenspielzeug! Du Kinderspiel von eingebildeten Admirälen, Kommodoren und Kapitänen! Alle Welt schwatzt von dir, von deiner Klugheit und Macht. Aber kannst du mehr als den armseligen, kümmerlichen Punkt angeben, wo du selbst zufällig auf diesem weiten Planeten bist und die Stelle der Hand, die dich hält? Du kannst nicht angeben, wo ein Wassertropfen oder ein Sandkorn morgen um die Mittagszeit sein wird, und du beleidigst mit deiner Ohnmacht die Sonne! Was ist Wissenschaft! Ich verfluche dich, du eingebildetes Ding! Und verflucht seien alle die Dinge, die das Menschenauge oben an den Himmel wirft, der es durch seinen lebendigen Glanz versengt, sowie meine alten Augen nun von deinem Licht versengt werden, Sonne! Die Strahlen des menschlichen Auges liegen mit dem Horizont der Erde in einer Linie. Sie gehen nicht von der Krone seines Kopfes aus, als ob er nach dem Willen Gottes, nicht nach dem Sternenhimmel schauen sollte. So verfluche ich dich denn, Quadrant!«
Damit schleuderte er ihn auf das Deck. »Ich will mich nicht länger von dir führen lassen auf meinem Wege hier. Der Schiffskompaß und die Berechnung des Wasserspiegels mit Log und Leine sollen mein einziger Führer sein und sollen mir angeben, wo ich auf der See bin. Ja,« und er erhob sich von dem Boot aus auf das Deck, »so trete ich denn mit den Füßen auf dich, du erbärmliches Ding, das so kläglich die Höhe angegeben hat. Ich zersplittere dich in tausend Stücke!«
Als der tolle Alte so sprach und mit dem gesunden und kranken Fuß darauf herumtrat, ging ein für Ahab bestimmter triumphierender Ausdruck des Spottes und ein schicksalsergebener Verzweiflungsausdruck, der für den Parsen selbst bestimmt zu sein schien, über das stumpfe und starre Gesicht des letzteren. Er stand unauffällig auf und schlich davon. Während, entsetzt über den Anblick ihres Befehlshabers, die Matrosen in einem Klumpen auf der Vorderkajüte zusammenhockten, bis Ahab voller Unruhe auf dem Deck herumging und ausrief: »An die Brassen! Das Steuer hoch! Vierkant brassen!«
In einem Nu flogen die Rahen herum, und als das Schiff wie auf seinem Absatz halb herumgedreht wurde, hielten die drei festen Mäste den langen Rumpf mit den Schiffsrippen aufrecht im Gleichgewicht und glichen den drei Horaziern, die auf einem passenden Schlachtroß ihre Reiterkunststücke vorführten.
Starbuck stand zwischen den Ohrhölzern und beobachtete die mit soviel Lärm vor sich gehende Handlungsweise des »Pequod« und ebenso die von Ahab, als er am Deck entlang sah.
»Ich habe vor dem dichten Kohlenfeuer gesessen und sein qualvolles flammendes Leben mit seiner ganzen Glut beobachtet. Ich habe gesehen, wie es schließlich niederbrannte und zu reinem Staub dahinschwand. Der du so viele Ozeane befahren hast, du alter Mann, was wird schließlich von dem Feuer deines Lebens übrigbleiben, als ein kleiner Haufen Asche!«
»Ja,« rief Stubb, »aber es war die Asche von Seekohle. Beachten Sie das wohl, Mister Starbuck, es war Seekohle, nicht die gemeine Holzkohle, schon gut. Ich hörte, wie Ahab brummte: ›Man hat mir diese Karten in meine alten Hände gesteckt, und so muß ich denn mit ihnen spielen und kein anderer! Und verdammig, Ahab, du machst es richtig! Fasse das Leben als ein Spiel auf und stirb!‹«
Vierundfünfzigstes Kapitel
Das Klima in den wärmsten Gegenden bringt die grausamsten Fallen mit sich. Der Tiger von Bengalen hockt in den von Gewürzen duftenden Wäldern, wo es ewig grün bleibt. Die Himmel mit dem herrlichsten Glanz bergen die todbringendsten Gewitterstürme. Auf dem prächtigen Kuba kennt man Tornados, wie sie niemals über die harmlosen Länder des Nordens dahingebraust sind. So erlebt auch in den leuchtenden japanischen Meeren der Matrose den furchtbarsten aller Stürme, den Taifun. Manchmal stürzt er aus dem wolkenlosen Himmel herab wie eine Bombe auf eine träumende Stadt im tiefsten Frieden.
Als es auf den Abend zuging, wurde alles Segeltuch auf dem »Pequod« zerrissen, und mit nacktem Schiffsgestänge mußte er mit einem Taifun kämpfen, der ihn von oben her direkt überfallen hatte. Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden Himmel und Meer unter furchtbarem Gebrüll vom Donner gespalten; und bei dem leuchtenden Blitz konnte man die verstümmelten Maste und die Lumpen erkennen, die der Sturm nach seinem ersten Wutanfall übriggelassen hatte, um seinen Spott damit zu treiben.
Starbuck hielt sich an einer Wante und stand auf dem Quarterdeck. Bei jedem Blitzstrahl sah er nach oben, ob das Takelwerk auch ein Mißgeschick ereilt hätte. Indessen erteilten Stubb und Flask den Leuten Befehle, als sie die Boote höherzogen und fester an den Sorrtauen befestigten. Aber all ihre Mühe schien vergeblich zu sein. Obwohl es bis oben an die Schiffskräne hochgezogen war, ging das Boot Ahabs an der Windseite des Achterdecks nicht über Bord. Da kam eine schwere See, stürmte gegen die Reling des Schiffes, durchschlug den Boden des Bootes am Heck, so daß es von Wasser triefte wie ein Sieb.
»Hier,« rief Starbuck, faßte Stubb an der Schulter und wies mit der Hand auf die Wetterrichtung, »erkennst du nicht den Sturm da, der vom Osten kommt, wohin Ahab wegen Moby-Dick den Kurs nimmt. Denselben Kurs hat er bis heute mittag genommen. Sieh dir jetzt sein Boot an! Wo hat es eingeschlagen? In den Heck-Schooten, Mann, wo er gewöhnlich steht. An seinem Stand hat es eingeschlagen! Nun weißt du, was du zu tun hast. Spring über Bord und versinke!«
»Ich verstehe Sie nicht, was ist denn mit dem Winde los?«
»Ja, der kürzeste Weg nach Nantucket geht um das Kap der guten Hoffnung«, sagte Starbuck plötzlich wie in einem Monolog und beachtete die Frage Stubbs nicht. »Der Sturm, der nun an uns herumhämmert, um uns das Schiff einzuschlagen, kann von uns in einen günstigen Wind verwandelt werden, der uns nach der Heimat treibt. Sieh da, windwärts ist nichts als düstere Verdammnis. Aber leewärts, in der Richtung der Heimat, sehe ich es aufleuchten, aber das ist nicht das Leuchten des Blitzes!«
Im selben Augenblick hörte man, als die Blitze die tiefe Dunkelheit unterbrachen, an seiner Seite eine Stimme. Und fast im gleichen Augenblick rollte der Donner wie eine Salve über ihren Köpfen hin.
»Wer ist da?«
»Schock und Schwerenot!« sagte Ahab, der sich tastend an dem Schiffsgeländer entlang nach seinem gewöhnlichen Standort einen Weg suchte. Aber plötzlich fand er sich zurecht, als vorspringende Feuerlanzen von Blitzen ihn alles deutlich erkennen ließen.
Wie der an einem Kirchturm angebrachte Blitzableiter zu Lande das gefährliche Fluidum in den Boden fortleiten soll, so ist der Leiter, den einige Schiffe auf der See an jedem Mast tragen, dazu bestimmt, es in das Wasser zu leiten. Aber dieser Leiter muß bis in eine ziemliche Tiefe reichen, und das Ende desselben darf mit dem Schiffskörper nicht in Berührung kommen. Wenn er dort dauernd befestigt wäre, würden viele Mißhelligkeiten eintreten. So könnte er mit Teilen des Takelwerkes in Berührung kommen und in höherem oder geringerem Grade dem Schiff auf seinem Wege hinderlich sein. Daher hängen die unteren Teile der Blitzableiter eines Schiffes nicht immer über Bord. Sie haben im allgemeinen die Form von langen, dünnen Kettengliedern, damit sie um so leichter in die Ketten an der Außenseite aufgeholt werden können und man sie in die See werfen kann, wenn es die Umstände erfordern.
»Die Blitzableiter, die Blitzableiter!« rief Starbuck der Mannschaft zu, da er plötzlich durch den mächtigen Blitzstrahl zur Wachsamkeit ermahnt wurde, der gerade Flammenbündel ausgestrahlt hatte, um Ahab nach seinem Posten zu leuchten. »Sind sie über Bord? Werft sie vorn und hinten aus! Aber schnell!«
»Laß das!« rief Ahab. »Wir wollen fair sein, wenn wir auch die Schwächeren sind. Ich will mitmachen, wenn es sich darum handelt, Blitzableiter auf dem Himalaja und den Anden anzubringen, auf daß die ganze Welt etwas davon hat, aber wir wollen nichts besonderes für uns haben! Laßt das!«
»Sieh nach oben!« rief Starbuck. »Das Elmsfeuer! das Elmsfeuer!«
Alle Rahenenden hatten an der Spitze ein bleiches Feuer. Die Blitzableiter gingen in drei Spitzen aus und zeigten drei weiße Flammen, und jeder der drei großen Mäste brannte in der phosphoreszierenden Luft in aller Stille wie drei riesige Wachskerzen vor einem Altar.
»Das verdammte Boot! Laßt es zum Teufel fahren!« rief Stubb in diesem Augenblick, als eine Sturzwelle hochkam und das eigene kleine Fahrzeug berührte, wobei das Dollbord desselben ihm gehörig die Hand quetschte, als er an einem Zurring vorbeiging. »Verdammt noch mal!« Als er aber rückwärts an Deck schlich, erblickte er oben die Flammen, und sofort änderte er den Ton und schrie: »Mag sich das Elmsfeuer unser erbarmen!«
Bei Matrosen sind Flüche etwas Gewöhnliches. Sie fluchen, wenn sie vor lauter Windstille irrsinnig werden und auch dann, wenn sie der Gewalt des Sturmes ausgeliefert sind. Aber auf allen meinen Reisen habe ich selten erlebt, daß jemand geflucht hätte, wenn der brennende Finger Gottes auf das Schiff gelegt und sein »Mene, Mene, Tekel Upharsin« in die Wanten und Taue des Schiffes hineingewebt war.
Als dies bleiche Feuer hoch oben brannte, hörte man von der besessenen Mannschaft kaum ein Wort. Sie standen in einem dichten Haufen auf dem Vorderdeck und stierten in das bleiche, phosphoreszierende Licht wie nach einem Sternbild in der Ferne. In dem geisterhaften Licht ragte der riesige Neger Daggoo mit seiner pechschwarzen Farbe in seiner dreifachen Größe hervor. Er schien die schwarze Wolke zu sein, aus der der Donner herabgekommen war. Der geöffnete Mund Tashtegos machte die haiweißen Zähne frei, die seltsam glänzten, als ob sie Elmsfeuer ausstrahlten. Und von dem übernatürlichen Licht angezündet, brannten die Tätowierungen Queequegs wie blaue Flammen des Satans auf seinem Körper.
Als das bleiche Licht oben ausging, schwand auch dies Gemälde ganz und gar. Und so war denn der »Pequod« und jede Seele auf dem Deck in ein Leichentuch eingehüllt. Als einige Augenblicke vergangen waren, rannte Starbuck auf seinem Wege gegen jemand. Es war Stubb. »Wie kommst du dir nun vor, Mann? Ich hörte dich schreien. Das klang nicht so wie in deinem Liede!«
»Nein, nein! So war das nicht. Ich sagte, das Elmsfeuer möchte mit uns Erbarmen haben. Und ich hoffe, daß es das tun wird. Aber hat es
nur Erbarmen mit Leuten, die vor Angst lange Gesichter machen? Hat es keinen Sinn für ein richtiges Lachen? Aber sehen Sie her, Mister Starbuck; es ist zum Hersehen zu dunkel. Hören Sie mich denn! Die Flamme oben am Mast nehme ich für ein gutes Zeichen, das uns Glück bringt; denn die Maste stecken in einem Schiffsboden, der mit seinem Walratöl eine Art Staukeil werden kann. Und so wird denn das ganze Pottwalöl in den Masten aufsteigen wie der Saft in einem Baum. Unsere drei Maste werden wie drei Kerzen aus Walfischöl werden, und so haben wir denn ein gutes Vorzeichen gesehen.«
In demselben Augenblick erblickte Starbuck das Gesicht von Stubb, das anfing zu leuchten. Und als er nach oben sah, rief er: »Sieh da! Sieh da!!«
Und noch einmal erkannte man die spitz zulaufenden Flammen in der Höhe, und die bleiche Farbe schien doppelt übernatürlich zu sein.
»Mag das Elmsfeuer mit uns allen Erbarmen haben!« rief Stubb wieder.
Unten am Hauptmast, gerade unter der Dublone und der Flamme kniete der Parse an der Vorderseite von Ahab. Aber das gebeugte Haupt war von ihm abgewandt. In der Nähe hatten verschiedene Matrosen eine Spiere festmachen wollen und hingen nun, von dem Lichtschein beunruhigt, wie Pendel nebeneinander, wie ein Haufen betäubter Wespen an einem herabhängenden Baumzweig. Andere waren in verschiedenen Zauberstellungen wie an Deck festgewurzelt, mal stehend, mal schreitend, mal laufend, wie die Menschenskelette in Herkulanum. Aber alle hatten die Augen nach oben gerichtet.
»Leute,« rief Ahab, »seht hinauf und merkt es euch wohl! Die weiße Flamme leuchtet uns den Weg nach dem weißen Wal. Reicht mir die Kettenglieder für den Hauptmast! Ich möchte gern diesen Puls fühlen und meinen dagegen schlagen lassen; Blut gegen Feuer!«
Als er sich umdrehte, hielt er das letzte Kettenglied in der linken Hand und setzte den Fuß auf den Parsen.
Mit starren, nach oben gerichteten Augen und mit dem emporgeworfenen rechten Arm stand er aufrecht da vor der Dreieinigkeit der drei Flammenspitzen.
»Du klarer Geist des reinen Feuers, den ich wie ein persischer Feueranbeter einstmals auf diesen Meeren verehrt habe, bis ich von dir in dem feierlichen Akt das Mal eingebrannt bekam, das ich bis zur Stunde trage, ich erkenne dich nun, und ich weiß, daß die richtige Verehrung der Trotz ist! Der Liebe und der Ehrfurcht bist du nicht zugänglich. Und wenn man dir Haß entgegenbringt, so kannst du nur töten, und alle werden getötet. Der dir jetzt Trotz bietet, ist kein Narr, der die Furcht nicht kennt.
Ich besitze deine Macht, die ohne Worte ist und keinen Ort kennt. Ich habe sie mir nicht entwinden lassen und gebe auch die Kettenglieder in meiner Hand nicht frei. Du kannst mich blenden, aber dann finde ich tastend meinen Weg. Du kannst mich verzehren, aber dann kann ich doch wenigstens zu Asche werden. Nimm die Verehrung meiner armseligen Augen und geschlossenen Hände entgegen. Ich würde sie nicht annehmen!
Der Blitz saust mir durch den Schädel. Die Augen schmerzen mich. Das besiegte Hirn kommt mir wie gerädert vor und treibt auf betäubendem Grunde. Wenn ich auch hundertmal geblendet bin, so will ich doch zu dir reden. Aber ich bin Finsternis, die vom Licht herkommt, und das Licht kommt von dir! Die Pfeile des Blitzes lassen nach. Die Augen auf! Sehe ich oder sehe ich nicht? Dort brennen die Flammen! Du Wesen voll Großmut und Hochherzigkeit! Nun erhöhe ich den Ruhm meines Geschlechts! Aber du mit dem Feuergeist bist mein Vater oder meine sanfte Mutter. Ich weiß nicht, welches von beiden! Das ist mein Geheimnis; aber das deinige ist größer.
Du weißt nicht, wie du entstanden bist, daher nennst du dich ungezeugt. Du weißt gewiß nicht, wann dein Anfang war. Daher nennst du dich ohne Anfang.
Was du nicht von dir weißt, das weiß ich von mir, Allmächtiger! Hinter dir, klarer Geist, liegt etwas, das nicht auszuschöpfen ist, und im Vergleich dazu ist alle deine Ewigkeit nur Zeit und deine Schöpfungskraft nichts als Mechanik.
Durch dich, durch dein flammendes Selbst, erkennen meine versengten Augen undeutlich diese Macht.
Auch du, Feuer, das wie der Findling seine Herkunft nicht kennt, du Einsiedler außer allem Zusammenhang mit der Zeit, hast dein Rätsel, das niemand mitgeteilt werden kann, und dein Leid, das du allein tragen mußt!
Hier lese ich mit Stolz und Angst in dem Schicksalsbuch meines Allvaters. Spring' gegen den Himmel und schlag' ihn! Ich will dir nachspringen und mit dir brennen! Ich möchte zu einem Wesen mit dir zusammengeschweißt werden. Voller Trotz verehre ich dich!«
»Das Boot, das Boot!« rief Starbuck. »Siehe dir dein Boot an, Alter!«
Die Harpune Ahabs, die er am Feuer von Perth geschmiedet hatte, blieb an den bekannten Haken festhängen, so daß sie über dem Bug des Walfischbootes hinausragte. Aber die See, die den Boden desselben eingeschlagen hatte, hatte auch den losen Lederüberzug beseitigt. Aus der scharfen Stahlspitze der Harpune kam nun eine wagerechte, bleiche Feuerflamme von der Form einer Gabel. Als die Harpune wie die Zunge einer Schlange brannte, faßte Starbuck Ahab an den Arm und sagte: »Gott ist gegen dich. Gib es auf! Es ist eine üble Reise, schlecht angefangen und schlecht fortgesetzt! Laß mich die Rahen vierkant brassen, wenn es geht, und laß uns versuchen, einen günstigen Wind für die Heimreise zu bekommen. Wir wollen dann eine bessere Reise unternehmen, als die, auf der wir jetzt sind.«
Die von einer wilden Panik befallene Mannschaft hörte nicht auf Starbuck und stürzte sich an die Brassen, obwohl nicht ein Segel oben übriggeblieben war. Einen Augenblick schien es, als ob die Gedanken des erschrockenen Maaten auch die ihrigen wären. Sie stießen einen Ruf aus, der beinahe wie Meuterei klang. Aber Ahab schleuderte die klirrenden Kettenglieder und Blitzableiter auf das Deck, packte die brennende Harpune und schwenkte sie wie eine Fackel unter ihnen. Und schwor, daß er den ersten Matrosen damit durchbohren würde, der nicht das Tauende losließe. Vor diesem Anblick wie zu Stein erstarrt, und von dem Feuergeschoß, das er in der Hand hielt, zurückschaudernd, fielen die Leute wieder in Entsetzen, und Ahab sagte ihnen wieder: »Was ihr geschworen habt, daß ihr den weißen Wal jagen wolltet, ist ebenso bindend, wie das, was ich gesagt habe. Der alte Ahab ist mit Herz, Seele und Körper, mit seiner Lunge und seinem Leben dazu verpflichtet. Und damit ihr erkennt, wie es mit meinem Mute bestellt ist, so seht her! So blase ich den letzten Rest von Furcht aus.« Und mit einem einzigen Stoß seines Atems löschte er die Flamme aus.
Fünfundfünfzigstes Kapitel
Die See war noch nicht zur Ruhe gekommen und am nächsten Morgen rollte sie in gewaltigen, langen Wellen langsam dahin. Diese suchten der gurgelnden Spur des »Pequod« zu folgen und schoben das Schiff weiter, wie die ausgebreiteten Hände eines Riesen. Die Brise wehte in einem fort und war so stark, daß Himmel und Luft einem wie riesige, sich ausbuchtende Segel vorkamen. Die ganze Welt brauste vom Winde.
Bei dem starken Morgenlicht war die Sonne nicht zu sehen; man erkannte sie nur daran, daß an ihrer Stelle intensives Licht hervorbrach. Und dicke Strahlen, von der Form eines Bajonetts, bewegten sich in Massen weiter. Die See war wie ein Tiegel geschmolzenen Goldes, das in einem Sprudel von Licht und Hitze in die Höhe springt.
Ahab stand lange Zeit für sich allein, wie unter dem Bann einer innerlichen Stille. Wenn das schwankende Schiff seinen Bugspriet senkte, wandte er sich um, die Strahlen der leuchtenden Sonne vorn am Bug zu betrachten. Und wenn das Schiff am Heck tief niederging, wandte er sich nach hinten um, und sah sich die Sonne von rückwärts an. Und beobachtete, wie dieselben gelben Lichtstrahlen mit dem Kielwasser des Schiffes verschmolzen.
Plötzlich wurde er durch einen Gedanken aufgeschreckt. Er stürmte an das Steuer und erkundigte sich schroff, in welcher Richtung denn das Schiff fahre.
»Ostsüdost, Kapitän«, sagte der erschrockene Steuermann.
»Du lügst«, und er hielt ihm die geballte Faust entgegen. »Du hast den Kurs nach Osten zu dieser Morgenstunde, und die Sonne steht am Heck!«
Jedermann war über diese Erscheinung entsetzt; denn was Ahab gerade bemerkt hatte, war den anderen entgangen.
Ahab steckte den Kopf halb in das Kompaßhäuschen und streifte mit einem Blick die Kompasse. Der Arm, der drohend in die Höhe gehalten war, fiel langsam herunter; einen Augenblick lang schien er zu schwanken. Starbuck stand hinter ihm und sah auch hin. Wahrhaftig! Die beiden Kompasse zeigten nach Osten und der »Pequod« fuhr unfehlbar nach Westen!
Aber bevor der erste wilde Schrecken draußen unter den Leuten Fuß fassen konnte, rief der Alte mit einem kalten Lachen aus:
»Ich hab' es! Das ist schon früher vorgekommen. Mister Starbuck, das Gewitter von gestern abend hat unsere Kompasse umgedreht. Das ist alles. Du hast doch früher schon von solchen Dingen gehört?«
»Ja, aber ich habe das nie vorher erlebt, Kapitän«, sagte der bleich gewordene Maat in düsterer Stimmung.
An dieser Stelle muß gesagt werden, daß derartige Vorfälle bei Schiffen, die heftige Stürme durchgemacht haben, mehr als einmal vorgekommen sind. Der Magnetismus der Kompaßnadeln ist, wie alle wissen, mit der Elektrizität identisch, die wir im Gewitter wahrnehmen. Daher ist es kein Wunder, daß solche Dinge vorkommen. Wenn der Blitz das Schiff gehörig geschüttelt hat, so daß einige Spiere und Teile vom Takelwerk zerschmettert sind, dann ist die Nadel manchmal in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist vorgekommen, daß der ganze Magnetismus vernichtet wurde und der Magnetstahl so überflüssig geworden war, wie der Strickstock eines alten Frauenzimmers. Aber in dem einen wie dem anderen Fall bekommt die Magnetnadel aus eigener Kraft niemals wieder den früheren Magnetismus.
Ahab stand nachdenklich vor dem Kompaßhäuschen und betrachtete die umgerichteten Nadeln. Da nahm er mit der ausgebreiteten Hand den genauen Stand der Sonne, und als er beruhigend festgestellt hatte, daß die Nadeln tatsächlich umgekehrt waren, rief er, daß man den Kurs des Schiffes demzufolge ändern sollte. Die Rahen wurden gerichtet, und noch einmal stieß der »Pequod« seine Kiele unerschrocken in den Gegenwind; denn der vermeintliche günstige Wind hatte das Schiff betrogen.
Starbuck ließ nicht erkennen, wie er im geheimen darüber dachte. Er sagte nichts und führte in aller Ruhe die notwendigen Befehle aus. Stubb und Flask, die im geringen Grade seine Gefühle zu teilen schienen, beruhigten sich ebenfalls, ohne zu murren. Was die übrige Mannschaft betraf, so war ihre Furcht vor Ahab, wenn auch einige leise knurrten, größer als ihre Furcht vorm Schicksal.
Wie bei früheren Gelegenheiten, machten die Vorgänge auf die heidnischen Harpuniere fast gar keinen Eindruck. Wenn sie überhaupt einem Eindruck unterlagen, so war es ein gewisser Magnetismus, der von dem unerschütterlichen Ahab in ihre verwandten Herzen überströmte.
Eine Zeitlang spazierte der Alte in rollenden Traumbildern an Deck herum. Zufällig stieß er mit seinem Fuß aus Walfischbein auf die zerschmetterten Kupfer-Fernrohre des Quadranten, den er am Tage vorher gegen das Deck geschleudert hatte.
»Du armseliger und eingebildeter Himmelsgucker und Sonnenlotse! Gestern habe ich dich zerschmettert, und heute hätten mich die Kompasse liebend gern zerschmettert, so, so! Aber Ahab ist noch Herr über den Magneten. Mister Starbuck, eine Lanze ohne Stange her, einen Seemannshammer und die allerkleinsten Nadeln des Segelmachers! Aber schnell!«
Was er nun vorhatte, entsprang einer gewissen Vorsicht, um vielleicht den Mut seiner Mannschaft durch eine Äußerung seiner schlauen Geschicklichkeit neu zu beleben. Durch eine Handlung, die ebenso wunderbar war wie die umgekehrten Kompaßnadeln. Der Alte wußte wohl, daß man mit umgekehrten Nadeln, wenn es auch möglich war, nicht steuern konnte, und man auf den Aberglauben der Matrosen Rücksicht nehmen mußte, die darüber erschraken und es als übles Vorzeichen auffaßten.
»Leute,« sagte er, und wandte sich gefaßt an die Mannschaft, als der Maat ihm die verlangten Dinge übergab, »Leute, der Donner hat die Nadeln des alten Ahab umgedreht, aber aus diesem bißchen Stahl kann Ahab eine eigene Nadel machen, die ebensogut wie eine andere zeigen wird.«
Die Matrosen tauschten verlegene Blicke als Zeichen erstaunter Unterwürfigkeit untereinander aus, als er dies sagte. Mit faszinierten Augen warteten sie darauf, was für ein Wunder folgen würde. Aber Starbuck sah fort.
Ahab schlug mit einem Hammer den Stahlteil der Lanze ab, überreichte das lange Eisenteil dem Maaten und forderte ihn auf, es senkrecht zu halten, ohne daß es das Deck berührte. Dann legte er die stumpfe Nadel mit dem Ende oben darauf, nachdem er den oberen Teil der Eisenrute wiederholt mit dem Hammer geschlagen hatte. Dann hämmerte er nicht mehr so stark, und der Maat hielt das Eisen noch gerade so wie vorhin. Er machte dann verschiedene seltsame Bewegungen mit derselben – ob das zum Magnetisieren des Stahles notwendig war oder nur die Ehrfurcht der Mannschaft erhöhen sollte, war ungewiß – und verlangte dann einen Zwirnsfaden. Er ging nach dem Kompaßhäuschen, nahm die beiden umgekehrten Nadeln heraus und hängte die Segelnadel in horizontaler Richtung mitten über eine der Bussolen auf. Zunächst ging der Stahl rundherum und zitterte an beiden Enden. Aber schließlich kam er an der richtigen Stelle zum Stehen, als Ahab, der auf dieses Ergebnis ausdrücklich gewartet hatte, von dem Kompaßhäuschen zurücktrat, mit ausgestrecktem Arm darauf zeigte und ausrief: »Nun seht selbst hin, ob Ahab keinen Magneten machen kann! Die Sonne steht im Osten, und der Kompaß zeigt es euch!«
Da starrte einer nach dem anderen die Nadel an, denn nur mit ihren Augen konnten sie solch eine Dummheit bezeugen, und einer nach dem anderen schlichen sie davon.
Dann konnte man Ahab mit seinen feurigen Augen voller Verachtung und Siegesbewußtsein in seinem verhängnisvollen Stolz sehen.
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Als der »Pequod« nach der magnetisierten Nadel Ahabs südostwärts steuerte und den zurückgelegten Weg allein mit Hilfe des Logs und der Leine feststellte, nahm er den Kurs in der Richtung des Äquators. Wie er nun durch unbefahrene Meere fuhr, wo er keine Schiffe erblickte, und wie er durch unveränderliche Winde, die für Handelsschiffe günstig sind, seitwärts getrieben wurde, und eintönige und milde Wellen ihn bespülten, war diese merkwürdige Stille ein Vorzeichen für eine Szene voll Aufruhr und Verzweiflung.
Schließlich kam das Schiff gleichsam an die Peripherie der Fischgründe des Äquators, und es segelte in der tiefen Dunkelheit, die der Dämmerung vorhergeht, an einer Gruppe von Felseninseln vorbei. Da wurde die Wache, über die Flask die Aufsicht hatte, von einem wilden, klagevollen und unirdischen Schrei erschreckt, der wie das beinahe unartikulierte Gestöhn der Geister der von Herodes ermordeten unschuldigen Kinder klang. Da schoß alles aus seinem Traum auf, und man stand einige Augenblicke lang da, saß oder lehnte sich starr wie ein römischer Sklave aus Erz mit größter Aufmerksamkeit an, solange der wilde Schrei dauerte. Wer Christ war oder zur zivilisierten Mannschaft gehörte, sagte, es wären Wassernixen, und fuhr zusammen. Aber die heidnischen Harpuniere blieben unbewegt. Und der alte, graue Mann von der Insel Man – der älteste Matrose auf dem Schiff – erklärte, daß die wilden, schrillen Laute die Stimmen von Neuertrunkenen wären.
Ahab hörte unten in seiner Hängematte vor der grauen Morgendämmerung nichts davon. Dann kam er an Deck. Flask meldete ihm, was losgewesen war und verfehlte nicht, dunkle, bedeutungsvolle Winke hinzuzufügen, dabei lachte er hohl und suchte so bedeutungsvoll das Wunder zu erklären.
Die Felseninseln, an denen das Schiff vorbeigefahren war, wurden von großen Mengen Seehunden aufgesucht. Einige junge Seehunde, die ihre Muttertiere verloren hatten, vielleicht waren es auch Muttertiere, die ihre Jungen verloren hatten, gingen in der Nähe des Schiffes in die Höhe und leisteten ihnen Gesellschaft, wobei sie schrien und in der Art der Menschen wehklagten. Das machte auf einige Matrosen einen um so größeren Eindruck, als die meisten den Seehunden ein abergläubisches Gefühl entgegenbringen. Nicht nur, weil sie so merkwürdig schreien; wenn sie in Not geraten, sondern auch weil sie wegen ihrer runden Köpfe und ihres halbintelligenten Gesichtsausdrucks wie Menschen aussehen, wenn man sie, Umschau haltend, längsseits aus dem Wasser auftauchen sieht. Auf der See hat man unter bestimmten Umständen die Seehunde mehr als einmal für Menschen gehalten.
Die Vorahnung der Mannschaft erfüllte sich in dem Schicksal, das einen Matrosen aus ihrer Mitte am Morgen ereilte. Bei Sonnenaufgang ging ein Mann von seiner Hängematte nach dem Mast oben am Vorderdeck. Ob er nun noch halb im Schlafe war – denn die Matrosen gehen manchmal in einem halben Schlafzustand hinauf – oder ob sonst etwas los war, genug, er befand sich noch nicht lange an seinem Sitz, als man einen Schrei und ein Klatschen hörte. Als man aufsah, erblickte man in der Luft eine fallende Erscheinung. Und als man in die See sah, stiegen mehrere weiße Blasen in der blauen See auf.
Die Rettungsboje, eine lange, dünne Tonne war vom Heck gefallen, wo sie immer, eines Federdrucks gewärtig, hing. Keine Hand erhob sich, um sie zu packen. Als die Sonne lange genug auf die Tonne geschienen hatte, war sie zusammengeschrumpft. Langsam füllte sie sich mit Wasser, und das ausgedörrte Holz war bis zu jeder Pore vollgesogen. So kam es denn, daß die eisenbeschlagene Tonne dem Matrosen in die Tiefe nachfolgte, als ob ihm ein weiches Kissen, das sich sehr hart anfühlen mußte, nachgetragen wurde.
So war denn der erste Mann vom »Pequod«, der nach dem weißen Wale vom Maste aus hatte Umschau halten wollen, auf dem eigenen Grunde des weißen Wales in der Tiefe untergegangen.
Man mußte nun für die verlorengegangene Rettungsboje Ersatz schaffen. Starbuck wurde damit beauftragt. Aber da man kein Faß fand, das leicht genug gewesen wäre, und da bei der fieberhaften Tätigkeit in Erwartung der kommenden Krise alle Hände mit großem Eifer an Dinge angelegt wurden, die mit dem Schluß derselben direkt in Verbindung standen (und was das auch für ein Schluß sein mochte!), wollte man am Heck des Schiffes keine Rettungsboje wieder anbringen lassen.
Da wies Queequeg mit seltsamen Handbewegungen auf seinen Sarg hin. »Eine Rettungsboje aus einem Sarg!« rief Starbuck und schoß auf.
»Das kommt mir aber sehr merkwürdig vor«, sagte Stubb.
»Das wird schon gehen,« sagte Flask, »der Zimmermann kann ihn leicht zurechtmachen.«
»Bringt ihn herauf, es ist nichts anderes da«, sagte Starbuck nach einer melancholischen Pause. »Mach' ihn zurecht, Zimmermann; sieh mich nicht an, ich meine den Sarg. Verstehst du nicht, was ich sage? Du sollst ihn zurechtmachen!«
Siebenundfünfzigstes Kapitel
Am nächsten Tage wurde ein großes Schiff, die »Rachel«, gemeldet, die direkt auf den »Pequod« losfuhr. – Auf allen Spieren derselben wimmelte es von Menschen. Der »Pequod« sauste gerade mit großer Geschwindigkeit durchs Wasser. Als aber das fremde Schiff mit den weit ausgebuchteten Segeln windwärts dicht auf ihn zuschoß, klappten seine prahlerischen Segel zusammen wie weiße, platzende Wasserblasen.
»Schlechte Nachrichten! Das Schiff bringt schlechte Nachrichten«, brummte der alte Mann von der Insel Man. Aber bevor der Kapitän mit dem Schallrohr am Mund im Boot stand, und bevor er hoffnungsvoll etwas zurufen konnte, hörte man die Stimme Ahabs.
»Hast du den weißen Wal gesehen?« –
»Ja, gestern. Habt ihr ein Walboot treiben sehen?« –
Mit erstickter Freude verneinte Ahab diese unerwartete Frage. Gern wäre er an Bord des Fremden gegangen. Da sah man, wie der fremde Kapitän selbst, der sein Schiff gestoppt hatte, an der Seite ausstieg. Nach einigen kräftigen Ruderschlägen machte man den Bootshaken an den Hauptketten des »Pequod« fest, und der Kapitän sprang an Deck. Sofort erkannte Ahab ihn als einen Bekannten aus Nantucket. Eine formelle Begrüßung fand nicht statt.
»Wo war er denn? Er ist nicht getötet! Nicht getötet!« schrie Ahab und kam näher. »Wie ging das zu?«
Anscheinend war es spät am Nachmittag des vorhergehenden Tages gewesen, als drei von den Booten mit einer Walfischherde beschäftigt waren, wobei die Mannschaft etwa vier oder fünf Meilen vom Schiff abgekommen war. Und als sie windwärts auf scharfer Jagd waren, war Moby-Dick mit seinem weißen Höcker und Kopfe plötzlich aus dem Wasser aufgetaucht, an der Leeseite in nicht zu großer Entfernung vom Schiff. Darauf hatte man das vierte aufgetakelte Boot, das als Reserve diente, sofort herabgelassen, um die Verfolgung aufzunehmen.
In weiter Entfernung hatte man das Boot in Punktgröße gesehen, dann war schnell ein Strahl von aufzischendem weißen Wasser gekommen. Und weiter war nichts mehr zu sehen gewesen. Man hatte aus dieser Tatsache geschlossen, daß der getroffene Wal mit seinen Verfolgern, wie es oft der Fall ist, aufs Geratewohl fortgeeilt war. Man war wohl etwas besorgt gewesen, war aber bis jetzt noch nicht bestürzt. Man hatte im Takelwerk Signale aufgesteckt, die zur Rückkehr aufforderten. Dann war die Dunkelheit gekommen, und man war gezwungen gewesen, die drei Boote, die weit windwärts waren, aufzunehmen. Bevor man das vierte in der genau entgegengesetzten Richtung aufgesucht hatte, war das Boot bis Mitternacht notgedrungenerweise seinem Schicksal überlassen worden. Man hatte sich sogar im gegenwärtigen Augenblick von dem Boot weit entfernt. Als aber die Mannschaft endlich sicher an Bord gebracht war, hatte das Schiff alle Segel beigesetzt, um das fehlende Boot aufzusuchen. Man hatte in den Schmelzhäfen Feuer angemacht, das als Signal dienen sollte, und jedermann hatte sich oben auf dem Ausguckposten befunden. Als das Schiff weit genug gesegelt war und den vermutlichen Platz der fehlenden Matrosen erreicht hatte, wo sie zuletzt gesichtet waren, hatte das Schiff haltgemacht und alle übrigen Boote herabgelassen, um in der unmittelbaren Umgebung herumzusuchen. Da man nichts vorgefunden hatte, war man weiter gestürmt. Man hatte wieder haltgemacht, hatte die Boote herabgelassen. Obwohl nun dies Verfahren bis zum Morgenanbruch gedauert hatte, hatte man von dem fehlenden Boot keine Spur entdeckt!
Als der fremde Kapitän den Sachverhalt erzählt hatte, ging er sofort dazu über und teilte mit, weshalb er an Bord des »Pequod« gekommen wäre. Er wünschte, daß das Schiff mit seinen eigenen Leuten das verlorene Boot aufsuchte. Man wollte einige vier oder fünf Meilen parallel zueinander über das Meer fahren und so eine doppelte Fläche bestreichen.
»Ich wette,« flüsterte Stubb Flask zu, »daß einer in dem fehlenden Boot den besten Rock vom Kapitän mit hat. Vielleicht auch seine Uhr, und daß er es deshalb so verdammt eilig hat. Hat man schon mal gehört, daß zwei Walschiffe in aller Eintracht einem fehlenden Boot mitten in der Walfischzeit nachgefahren wären? Sieh nur mal hin, wie bleich er aussieht! Und bleich sind auch die Pupillen in seinen Augen. Es war nicht der Rock. Es muß wohl –«
»Mein Junge, mein eigener Junge ist dabei! Um's Himmels willen. Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie!« rief der fremde Kapitän aus, da Ahab seiner Bitte bisher mit eisiger Kälte begegnet war. »Lassen Sie mich für achtundvierzig Stunden Ihr Schiff chartern. Ich will das gerne zahlen, und es soll mir nicht darauf ankommen, wenn es keinen anderen Weg gibt. Für achtundvierzig Stunden nur! Das müssen Sie tun!«
»Seinen Sohn hat er verloren,« schrie Stubb, »seinen eigenen Sohn. Ich nehme das mit dem Rock und der Uhr zurück. Was sagt Ahab? Wir müssen den Jungen retten.«
»Er ist gestern abend mit den anderen ertrunken«, sagte der alte Matrose von der Insel Man, der hinter ihm stand. »Ich hab' es gehört; ihr alle habt die Geister gehört.«
Wie es sich bald herausstellte, wurde der Unglücksfall, der die »Rachel« betroffen hatte, noch durch den Umstand vergrößert, daß sich nicht nur ein Sohn des Kapitäns unter der fehlenden Bootsmannschaft befand, sondern daß unter der Mannschaft des anderen Bootes sich noch ein Sohn befunden hatte. So befand sich denn der unglückliche Vater in der allerfurchtbarsten Situation. In derartigen Fällen entscheidet sich der Obermaat immer dafür, daß das Boot mit der stärksten Mannschaft zuerst aufgenommen wird.
Aber der Kapitän hatte aus unbekannten Gründen alles dies nicht erwähnt. Erst als er durch das eiskalte Verhalten Ahabs dazu gezwungen wurde, sprach er von dem einen Jungen, der immer noch fehlte. Es war ein kleiner Kerl, erst zwölf Jahre alt. Sein Vater hatte ihn mit aller Kühnheit der Vaterliebe eines Nantucketer, ohne etwas Böses zu ahnen, mit den Gefahren und Herrlichkeiten seines Berufes vertraut machen wollen, und hatte kaum an das Geschick, dem sein ganzes Geschlecht ausgeliefert war, gedacht. Es kommt häufig vor, daß die Kapitäne von Nantucket einen Sohn in solch zartem Alter auf ein anderes Schiff für eine Fahrt schicken, die drei oder vier Jahre dauert. Die ersten Eindrücke, die sie von dem Leben eines Walfischers aufnehmen, sollen nicht durch die natürliche und unpassende Parteilichkeit des Vaters und ebensowenig durch unangebrachte Angst und Sorge verwischt sein.
Inzwischen bemühte sich der Fremde immer noch um die Gefälligkeit Ahabs. Ahab stand immer noch wie ein Amboß da, der jeden Stoß aufnahm, aber nicht im geringsten selbst dadurch erschüttert wurde.
»Ich gehe nicht,« sagte der Fremde, »bis Sie ›Ja‹ gesagt haben. Handeln Sie so, wie Sie es von mir in einem ähnlichen Fall erwarten würden. Sie haben doch auch einen Jungen, Kapitän Ahab, wenn er auch noch ein zartes Kind ist und nun zu Hause sicher und geborgen ist. Sie geben nach. Ich sehe es. Lauft, Leute, und helft, die Rahen vierkant brassen!«
»Hütet euch und rührt nicht das Kabelgarn an!« brüllte Ahab. Und dann sagte er mit einer Stimme, wobei jedes Wort besonders geformt wurde: »Kapitän Gardiner, ich mache es nicht. Gerade jetzt kann ich keine Zeit verlieren. Adjö, adjö! Gott möge dir helfen, Mann, und möge ich mir selbst vergeben. Aber ich muß gehen. Mister Starbuck, sieh nach der Kompaßuhr und sage in drei Minuten allen Fremden ab! Laß dann vorwärtsbrassen und das Schiff segeln wie vorher.«
Dann wandte er sich mit abgekehrtem Gesicht in aller Eile um und stieg in seine Kabine hinunter und kümmerte sich nicht darum, daß ihn der fremde Kapitän wegen dieses bedingungslosen und schroffen Abschlagens einer so ernsten Bitte anstarrte. Aber Gardiner überwand seine verzweifelte Stimmung und stürzte gefaßt zur Seite. Dann fiel er mehr in das Boot, als daß er hineintrat, und kehrte nach seinem Schiff zurück.
Bald kamen die beiden Schiffe aus ihrem gegenwärtigen Kielwasser heraus. Und solange man das fremde Schiff erblicken konnte, sah man es hier und da an jedem dunklen Fleck, wenn er auch noch so klein war, auf der See herumsuchen. Mal wurden die Rahen nach der Steuerbordseite, mal nach der Backbordseite herumgedreht. Mal kämpfte das Schiff gegen einen Wellenberg, mal wurde es von der See weitergeschleudert. Und indessen saßen auf den Masten und Rahen, dicht gedrängt, Menschen wie auf drei hohen Kirschbäumen, wenn die Jungen am Kirschenpflücken sind und sich bis zu den Zweigen hinauswagen.
Aber da es immer noch von Zeit zu Zeit stoppte und beidrehte, konnte man daraus schließen, daß das Schiff, das vom Meeresschaum wie von Tränen gebadet war, immer noch keine Ruhe gefunden hatte.
Es war wie Rahel, die um ihre Kinder weinte, weil sie fehlten.
Achtundfünfzigstes Kapitel
Wie der Polarstern in den ewigen arktischen Nächten, die sechs Monate lang dauern, nicht untergeht, und durch seinen unwandelbaren Glanz alles überstrahlt, so leuchtete nun das Ziel Ahabs durch die ewige Mitternacht der melancholischen Stimmung der Schiffsmannschaft. Dies Ziel beherrschte sie in solchem Maße, daß alle Vorahnungen, Zweifel, Befürchtungen usw. sich unter ihren Seelen versteckten, und nicht eine einzige Nadel oder ein Blatt daraus zum Vorschein kam.
In dieser Zwischenzeit, wo die Schatten des Ereignisses schon vorausgeworfen wurden, hörte aller künstliche oder natürliche Humor auf. Stubb gab sich keine Mühe mehr, ein Lächeln zu erwecken, und Starbuck tat nichts, ein solches zu verhindern. So schien denn zu der Zeit alle Freude und alles Leid, alle Hoffnung und alle Furcht in dem Mörser der zu Eisen erstarrten Seele Ahabs zu dem feinsten Pulver zermahlen zu sein. Wie dumpfe Maschinen schlichen sie über das Deck, und sie fühlten, daß das Despotenauge des Alten auf ihnen lag.
Wenn sie auf Deck gingen, mochte es zu einer Tageszeit sein, wie es wollte, befand sich Ahab vor ihnen. Er stand entweder in seinem bestimmten Standloch oder schritt zwischen den beiden unabänderlichen Grenzen auf den Planken, zwischen dem Haupt- und Kreuzmast, ordnungsgemäß auf und ab. Oder sie sahen ihn in der Kajütenluke stehen, und er setzte den gesunden Fuß auf Deck, als ob er hinaufwollte. Er hatte den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen und stand bewegungslos da, wenn man die Zeit abrechnete, wo er sich in seine Hängematte geschwungen hatte. Unter dem Schlapphut war er so versteckt, daß man nie sagen konnte, ob seine Augen nicht manchmal wirklich geschlossen waren, oder ob sie in einem fort prüfend sahen. Es machte ihm nichts, wenn er auch eine ganze Stunde in der Luke dastand und die nächtliche Feuchtigkeit sich in Tautropfen auf dem steinharten Rock und Hut sammelte. Wenn die Kleider in der Nacht naß geworden waren, so wurden sie von der Sonne am nächsten Tage wieder getrocknet. Und so ging er denn Tag für Tag und Nacht für Nacht nicht mehr unter die Planken. Was er aus der Kabine brauchte, ließ er sich von dort holen.
Er aß in derselben offenen Luft; er nahm nur zwei Mahlzeiten. Frühstück und Mittag. Das Abendessen rührte er nie an. Er schnitt sich auch nicht den Bart, der dunkel und ganz knorrig geworden war, so wie nicht in der Erde steckende Baumwurzeln, die fortgeweht sind, an einer freien Stelle weiterwachsen, aber im grünen Gebüsch umkommen.
Obwohl sein ganzes Leben nun eine Wache an Deck geworden war, und obwohl die geheimnisvolle Wache des Parsen ebensowenig unterbrochen wurde, schienen die beiden niemals miteinander zu reden, wenn nicht in langen Unterbrechungen eine vorübergehende Sache es erforderte; und obwohl die zwei durch einen mächtigen Zauber insgeheim verbunden zu sein schienen, so machten sie vor der angsterfüllten Mannschaft den Eindruck, als ob sie jeder einen Pol darstellten. Wenn sie bei Tage durch Zufall ein Wort miteinander sprachen, so waren sie in der Nacht so gut wie taub, soweit der leiseste Austausch eines Wortes in Frage kam. Manchmal standen sie lange Stunden, weit voneinander getrennt, im Sternenlicht, ohne sich etwas zuzurufen; Ahab in seiner Luke und der Parse an dem Hauptmast. Aber ihre Blicke waren starr aufeinander gerichtet, als ob Ahab in dem Parsen seinen vorangeworfenen Schatten, und der Parse in Ahab seine aufgegebene Substanz erblickte.
Sobald der erste Schimmer der kommenden Dämmerung sichtbar wurde, hörte man seine eisenharte Stimme vom Achterdeck: »Die Mastspitzen bemannen!« So ging es den ganzen Tag bis nach Sonnenuntergang, und nach dem Dunkelwerden hörte man alle Stunden, wenn die Glocke des Steuermanns ertönt: »Was seht ihr? Scharf aufpassen! Scharf aufpassen!«
Als aber drei oder vier Tage vorüber waren, seitdem man die »kindersuchende ›Rachel‹« getroffen hatte und man keine Fontäne gesichtet hatte, schien der monomanische Alte zu der Ergebenheit seiner Mannschaft kein Vertrauen zu haben. Es war so, als ob er fast allen, bis auf die heidnischen Harpuniere, mißtraute. Er schien anzunehmen, daß Stubb und Flask nur mit Widerwillen aufpaßten, aber er behielt seinen Verdacht für sich und hütete sich wohlweislich, ihm in Worten Ausdruck zu geben, wenn er auch in seinen Handlungen darauf hinzudeuten schien.
»Ich werde den Wal wohl selbst zuerst zu sehen kriegen«, sagte er. »Ja, Ahab muß sich selbst die Dublone verdienen!« Und dann wickelte er mit seinen eigenen Händen ein Bündel Bugleinen, die an einen Korb gebunden waren, los und schickte jemand mit einem einrolligen Flaschenzug hinauf, um sie oben an der Hauptmastspitze festzubinden. Er selbst nahm dann die beiden Enden des nach unten gehenden Seiles in Empfang. Er band das eine Seilende an den Korb und das andere Ende an einen Pflock, um es an der Reling zu befestigen. Als das geschehen war, hatte er das eine Ende noch in der Hand und stand so neben dem Pflock, wobei er nach der Mannschaft sah, die von einem Ende zum anderen sauste. Er betrachtete Daggoo, Queequeg und Tashtego sehr lange, wich aber Fedallah aus. Als er dann einen festen, vertrauensvollen Blick auf den Obermaaten richtete, sagte er: »Nimm das Seil, ich übergebe es dir, Starbuck.«
Als er sich dann mit seiner Person in den Korb verfügt hatte, gab er den Befehl, daß sie ihn zu seinem Sitz hinaufziehen sollten. Starbuck gab dann schließlich auf das Seil acht und stellte sich später daneben. Und indem Ahab sich so mit der einen Hand an der Oberbramstange festhielt, hielt er meilenweit in der Runde auf die See Umschau, nach vorn, nach hinten und nach der Seite und nach dem weiten, ausgedehnten Horizont, der von einer so außerordentlichen Höhe beherrscht wird.
Ahabs Verfahren war daher nicht ungewöhnlich. Es schien nur recht merkwürdig zu sein, daß Starbuck, der ja der einzige war, der es gewagt hatte, ihm in der schonendsten Weise entgegenzutreten, als er seinen Entschluß faßte, – und er war noch einer von denen, deren Zuverlässigkeit auf dem Ausguckposten er etwas in Zweifel gezogen hatte – es war recht merkwürdig, sage ich, daß er gerade diesen Mann gewählt hatte, und er so sein Leben den Händen eines Menschen aus freien Stücken anvertraute, dem er sonst nicht ganz traute.
Als Ahab zum erstenmal dort oben hockte, – und es waren kaum zehn Minuten vergangen, kam einer von den wilden Seefalken mit den roten Schnäbeln, die so oft dicht um die bemannten Mäste der Walfischer in jenen Breiten kreisen, flog mit großem Geschrei in einem Wirrwarr von geschwind gezogenen Kreisen, deren Spur man nicht feststellen konnte, um seinen Kopf, schoß dann tausend Fuß hoch in die Luft, ließ sich spiralförmig herunter, und wirbelte dann wieder um seinen Kopf herum.
Aber Ahab hielt den Blick starr auf den trüben und fernen Horizont gerichtet und bemerkte den wilden Vogel einscheinend nicht.
»Achten Sie auf Ihren Hut, Kapitän«, schrie plötzlich der Matrose von Sizilien, der auf dem Besanmast postiert war und unmittelbar hinter Ahab stand, wenn es auch etwas tiefer war.
Aber schon war die düstere Schwinge vor den Augen des Alten und der lange hakenförmige Schnabel an seinem Kopf. Und mit einem kreischenden Schrei schoß der schwarze Falke mit seiner Beute fort.
Ein Adler flog dreimal um den Kopf des Tarquinius, nahm ihm die Mütze ab und ersetzte sie ihm durch eine andere, worauf Tanaquil, seine Gemahlin, erklärte, daß er König von Rom werden würde. Aber nur dadurch, daß die Mütze durch eine andere ersetzt wurde, wurde das Omen für gut befunden. Ahab bekam seinen Hut nicht wieder. Der wilde Falke flog damit immer weiter und immer weiter ab vom Schiffsbug. Schließlich verschwand er, während von der Stelle aus, wo er mit dem Hut verschwunden war, ein ganz kleiner schwarzer Fleck undeutlich erkennbar wurde, der von gewaltiger Höhe in das Meer fiel.
Neunundfünfzigstes Kapitel
Der »Pequod« segelte mit starker Geschwindigkeit weiter. Die rollenden Wogen gingen wie die Tage an ihm vorüber. Der zur Rettungsboje umgeformte Sarg schwang immer noch leicht hin und her. Da wurde ein neues Schiff gemeldet, das in seinem Elend den falschen Namen »Delight« führte. Als es näher kam, waren alle Augen auf die breiten Deckbalken gerichtet, die bei einigen Walschiffen in einer Höhe von acht oder neun Fuß über das Achterdeck gehen. Sie dienen dazu, die übrigen unfertigen und nicht gebrauchsfähigen Boote zu tragen.
Auf den Deckbalken des fremden Schiffes sah man die zerschlagenen weißen Schiffsrippen und ein paar zersplitterte Schiffsplanken von einem ehemaligen Walboot. Aber nun sah man durch das Wrack hindurch wie durch das abgezogene, kaum noch zusammenhängende und bleichfarbige Gerippe eines Pferdes.
»Hast du den weißen Wal gesehen?«
»Sieh da!« erwiderte der hohlwangige Kapitän von seinem Heckbord und wies mit seinem Schallrohr auf das Wrack.
»Hast du ihn getötet?«
»Die Harpune ist noch nicht geschmiedet, die das zustande bringt«, antwortete der andere und sah mit traurigen Blicken auf eine ausgefüllte Hängematte auf Deck, deren zusammengesuchte Teile einige Matrosen in aller Stille zusammennähten.
»Nicht geschmiedet?« damit faßte Ahab nach dem Eisen Perths, nahm es vom Haken und streckte es mit den Worten hin: »Sieh her, Nantucketer, seinen Tod halte ich in dieser Hand! Diese Harpune ist in Blut und vom Blitz gehärtet, und ich schwöre, daß ich sie dreifach an der heißen Stelle hinter der Flosse härten werde, wo der weiße Wal sein verfluchtes Leben spürt.«
»Möge dich Gott beschützen, Alter, siehst du da,« – und er zeigte auf die Hängematte – »daß ich einen von fünf wackeren Leuten beerdige, die gestern noch am Leben, aber heute noch vor Abend tot waren. Ich beerdige nur den einen, die übrigen wurden beerdigt, bevor sie starben. Ihr segelt auf ihrem Grabe.« Dann wandte er sich an seine Mannschaft. »Seid ihr fertig? Legt die Planke auf die Reling und hebt den Toten darauf! Möge denn Gott dir« – worauf er mit aufgehobenen Händen auf die Hängematte zuschritt – »die Auferstehung und das Leben –«
»Nach vorn brassen! Das Ruder hoch!« fuhr Ahab wie ein Ungewitter seine Leute an.
Aber mochte der »Pequod« auch noch so plötzlich losgefahren sein, es war doch nicht schnell genug, um dem Geräusch des Klatschens zu entgehen, das der Leichnam machte, als er auf die See fiel. Er war auch nicht schnell genug, daß nicht einige von den fliegenden Wasserblasen seinen Schiffsrumpf mit ihrer geisterhaften Taufe bespritzt hätten.
Als Ahab nun dem Bereich des verworfenen »Delight« entglitt, wurde die merkwürdige Rettungsboje, die am Heck des »Pequod« hing, sichtbar.
»Seht da, Leute!« rief eine ahnungsvolle Stimme im Kielwasser des Schiffes. »Vergeblich flieht ihr Fremden vor unserem traurigen Begräbnis davon. Ihr wendet uns euer Heck zu und zeigt uns euren Sarg!«
Sechzigstes Kapitel
Es war ein klarer Tag und blau wie Stahl. Luft und See konnte man in dem alles durchdringenden Azurblau kaum auseinanderhalten. Die nachdenkliche Luft war durchleuchtend und so rein und sanft wie der Blick einer Frau. Das Meer dünte in seiner männlichen Stärke mit seinen langen und starken Atemzügen und hob sich wie Simsons Brust im Schlaf.
Ahab ging von der Luke aus langsam über Deck, lehnte sich über die Reling und sah zu, wie sein Schatten im Wasser vor seinen Blicken sank, je mehr er in die Tiefe eindringen wollte. Aber die lieblichen Düfte in der Zauberluft vertrieben schließlich einen Augenblick anscheinend das Krebsgewächs in seiner Seele. Die muntere und glückliche Luft und der liebliche Himmel streichelten ihn schließlich, und die Stiefmutter Welt, die solange grausam gewesen war, warf nun ihre liebevollen Arme um seinen widerspenstigen Nacken. Es schien so, als ob sie vor Freude über ihn weinte, wie über einen, der nach eigensinnigem Umherschweifen den Weg zu ihrem Herzen, zu seiner Rettung und zu seinem Segen gefunden hat. Da fiel unter dem Hut Ahabs eine Träne in die See; vielleicht enthielt der ganze Stille Ozean nichts, was so wertvoll war wie dieser Tropfen Leid. Starbuck sah den Alten dastehen. Er sah, wie er sich schwerfällig über die Reling beugte. Und es schien so, als ob er in seinem treuen Herzen das maßlose Schluchzen vernähme, das sich mitten aus der fröhlichen Welt um ihn herum hervorwagte. Er hütete sich, ihn anzurühren oder von ihm erkannt zu werden, aber er mußte sich ihm nähern, und so stand er da. Ahab wandte sich um.
»Starbuck!« –
»Kapitän?« –
»Ach, Starbuck! Es weht ein sanfter Wind und der Himmel sieht milde aus. Grad an solch einem Tage – es war gerade so mildes Wetter – tötete ich meinen ersten Wal. Ich war damals Harpunier, ein Junge von achtzehn Jahren. Das war vor vierzig – ja vierzig Jahren! Vierzig Jahre lang bin ich nun ununterbrochen auf der Waljagd! Vierzig Jahre lang habe ich Entbehrungen, Gefahren und stürmische Zeiten durchgemacht! Vierzig Jahre lang bin ich auf der See, die kein Mitleid kennt! Vierzig Jahre lang hat Ahab das friedliche Land verlassen, und vierzig Jahre lang hat er mit den Schrecken der Tiefe Krieg geführt.
Ja, ja! Was für ein Narr, was für ein großer Narr ist der alte Ahab in diesen vierzig Jahren gewesen! Wozu dieser Kampf bei der Jagd? Wozu diese Müdigkeit und wozu ist der Atem am Ruder, am Eisen und an der Lanze erlahmt? Ist Ahab nun dadurch reicher oder besser geworden? Sieh her, Starbuck! Ist mein Leid, an dem ich trage, nicht schwer, daß das eine Bein mir unter dem Leibe weggerissen ist? Streich mein altes Haar zur Seite! Es blendet mich, und es kommt mir so vor, als ob ich weinte. Wenn man solche grauen Haare hat, so können sie nur aus Asche entstanden sein! Aber sehe ich so alt, so furchtbar alt aus, Starbuck? Ich komme mir todesschwach, vor Alter gebeugt wie mit einem Buckel vor, als ob ich Adam wäre, der unter der Last von Jahrhunderten, die seit dem Paradiese verflossen sind, umherschwankte. Gott! Du lieber Gott, laß mein Herz zerbrechen und meine Stirn zerschellen! Welcher Spott, welch bitterer Spott, daß ich graue Haare habe! Habe ich denn Freude genug erlebt, um ihrer würdig zu sein? Und nun komme ich mir so unerträglich alt vor! Komm! komm dicht zu mir, Starbuck, laß mich in das Auge eines Menschen sehen. Es ist besser, als wenn man in die See oder in den Himmel sieht und besser noch, als wenn man in das Auge Gottes sieht. Bei der grünen Farbe des Landes, bei dem leuchtenden Schein des heimatlichen Herdes! Dies ist der Zauberspiegel! Mann, wenn ich in dein Auge sehe, so sehe ich mein Weib und mein Kind. Bleibe an Bord, nein, bleibe an Bord! Gehe nicht ins Boot, wenn ich es tue, wenn Ahab mit seinem Brandmal Moby-Dick jagt. Du sollst nicht diesem Wagespiel zum Opfer fallen! Nein, keinesfalls! Ich will nicht an die Heimat in der Ferne denken, wenn ich in das verruchte Auge sehe!« –
– »Mein lieber Kapitän! Hat man es denn nötig, daß man den verhaßten Fisch jagt! Fahr mit fort, laß uns aus diesen todesgeweihten Gewässern entfliehen! Laß uns nach Hause fahren! Auch Starbuck hat Weib und Kind. Und hat gerade so wie du in deinem liebebedürftigen Alter, als Vater nach Weib und Kind Verlangen. Laß uns fortfahren! Laß mich noch in diesem Augenblick den Kurs umstellen! In welcher Stimmung und in welcher Fröhlichkeit wollen wir dann auf unserem Weg dahinrollen, um das alte Nantucket wiederzusehen! Es kommt mir so vor, als ob sie in Nantucket gerade so sanfte, blaue Tage hätten, wie wir hier!«
–»Es ist so. Ich habe mal einige Sommermorgen erlebt. Um diese Zeit, wo man gerade seinen Mittagsschlaf hält, wacht der Junge mit seinem Strampeln auf. Richtet sich in seinem Bett auf, und die Mutter erzählt ihm von mir, dem alten Kannibalen, wie ich in der Fremde auf der tiefen See bin, und daß ich doch wiederkomme und ihn auf den Armen schaukeln werde.«–
»Genau so ist meine Mary. Sie hat mir gesagt, daß sie meinen Jungen alle Morgen nach den Dünen tragen würde, damit er als erster das Segel seines Vaters sehen sollte. Nun wollen wir aber nicht mehr daran denken! Wir wollen den Kurs nach Nantucket nehmen! Komm, Kapitän, nimm den richtigen Kurs und laß uns fortfahren!« –
Aber Ahabs Blick kehrte sich um; er schüttelte sich wie ein verdorrter Obstbaum und warf den letzten aschenfarbigen Apfel herab auf den Boden.
»Was für ein namenloses, unerforschbares und unirdisches Ding, was für ein betrügerischer, im Verborgenen wirkender Herr, und welcher grausame, gewissenlose Tyrann beherrscht mich? – Daß ich, allen natürlichen Gefühlen der Liebe und der Sehnsucht entgegen, fortwährend auf dem Sprunge bin und mich dazu dränge und mich auf die Dinge stürze! Daß ich mich unbekümmert zu dem bereit erkläre, was ich in meinem eigenen natürlichen Herzen nicht wagen dürfte? Ist Ahab denn wirklich Ahab? Bin ich es denn, lieber Gott, oder ist es ein anderer, der diesen Arm hochhebt? – Wenn die erhabene Sonne sich nicht aus eigener Kraft bewegt, sondern nur ein Wanderer am Himmelsgewölbe ist, und kein einziger Stern ohne Hilfe einer unsichtbaren Kraft sich um sich selbst drehen kann – wie kann dann dies kleine Herz schlagen und wie kann dieses kleine Gehirn denken, wenn nicht Gott im Herzen schlägt und nicht Gott im Gehirn denkt! Beim Himmel! Wir werden in dieser Welt herumgewirbelt, wie das Windspill dort drüben, und das Schicksal ist die Handspeiche. Und sieh die ganze Zeit den lächelnden Himmel und die bodenlose See an, sieh dir den Albicore da drüben an! Wer hat ihn gelehrt, den fliegenden Fisch zu jagen und zu fangen? Wie weit werden es noch die Mörder treiben, Mann! Wen soll man verurteilen, wenn der Richter selbst vor die Schranken des Gerichts geschleppt wird? Aber es ist ein sanfter, milder Wind, und der Himmel sieht recht ruhig aus. Die Luft duftet so, als ob sie von einer Wiese in der Ferne käme. Sie haben wohl irgendwo an den Abhängen der Anden Heu gemacht, Starbuck, und die Schnitter halten unter dem frischgemähten Gras ihren Mittagsschlaf? Arbeiten wir, solange wir können! Wir werden schließlich alle mal auf dem Felde schlafen. Und wir werden in dem grünen Gras einrosten, so wie die Sensen des vorigen Jahres zerklirren und in den halbgeschnittenen Grasschwaden liegenbleiben, nicht wahr, Starbuck!«
Aber Starbuck, der vor Verzweiflung bleich geworden war wie ein Leichnam, hatte sich inzwischen davongemacht.
Ahab ging über das Deck, um an der anderen Seite hinüberzusehen. Aber vor zwei nachdenklichen starren Augen, die in das Wasser sahen, fuhr er zurück. Es war Fedallah, der bewegungslos sich über dieselbe Reling lehnte.
Einundsechzigstes Kapitel
Als der Alte in jener Nacht in der mittleren Wache aus der Luke, in der er angelehnt dastand, gewohnheitsgemäß in gewissen Zwischenräumen hervortrat und nach seinem Standort an Deck ging, fuhr er plötzlich mit dem Gesicht erregt auf. Und er schnüffelte in der Seeluft herum, wie ein Hund mit seiner Spürnase, als er in die Nähe einer Barbareninsel kam. Er erklärte, daß ein Wal in der Nähe sein müßte. Bald spürte die ganze Wache den eigentümlichen Geruch, der manchmal in einer großen Entfernung von dem lebendigen Pottwal ausgeht. Kein Matrose war daher überrascht, als Ahab, nachdem er die Kompaßnadel aufmerksam betrachtet und sich überzeugt hatte, daß der Geruch aus unmittelbarer Nähe kommen müßte, sofort befahl, daß der Kurs des Schiffes ein wenig geändert und die Segel eingezogen werden sollten.
Bei Tagesanbruch bekam diese scharfe Weisung, die diese Bewegungen anordnete, durch den Anblick einer langen Glätte auf der See, ihre Erklärung. Man sah sie unmittelbar in der ganzen Länge vorn vom Schiff. Sie war glatt wie Öl und glich mit den gefalteten Wasserrunzeln, die ihre Grenzen bildeten, dem metallischglänzenden Zeichen eines mit aller Plötzlichkeit erfolgenden Gezeitenrisses, der dicht vor einer tiefen, reißenden Strömung erfolgt.
»Die Mastspitzen bemannen! Alle Mann rufen!«
Daggoo trommelte mit drei knüppelartigen Handspeichen am Deck der Vorderkajüte und weckte die Schlafenden mit den Schlägen des Jüngsten Gerichts, daß es schien, als ob sie aus der Luke wie ausgeatmete Luft hervorgestoßen wurden. So plötzlich waren sie erschienen, und sie hatten die Kleider noch in den Händen.
»Was seht Ihr denn?« schrie Ahab und glättete seine Stirn angesichts des Himmels.
»Nichts, nichts, Kapitän!« rief er ihm als Antwort zu.
»Die Stunsegel hoch! Oben und unten und an beiden Seiten!«
Als alle Segel gesetzt waren, warf er die Rettungsleine aus, die dafür bestimmt war, um ihn oben an die Oberbramstange zu befördern, und in wenigen Augenblicken wurde er hinaufgezogen. Als nur zwei Drittel des Weges nach oben zurückgelegt waren und Ahab von oben her auf eine freie Stelle am Horizont zwischen dem Hauptmarssegel und dem oberen Segel hindurchschaute, schrie er wie eine Möve in der Luft: »Dort bläst sie! dort bläst sie! Ein Höcker, wie ein Schneeberg, es ist Moby-Dick!«
Von dem Ruf angefeuert, der gleichzeitig von den drei Ausgucksposten aufgenommen wurde, stürmten die Leute an Deck und nach dem Takelwerk, um den berühmten Wal von Angesicht zu sehen, den sie solange verfolgt hatten. Ahab war nun oben an seinem Sitz angekommen und befand sich einige Fuß über den anderen Ausgucksposten. Tashtego stand gerade unter ihm auf der höchsten Spitze des Obermastes, so daß der Kopf des Indianers mit Ahabs Fersen in gleicher Höhe war. Von dieser Höhe aus konnte man den Wal in einer Entfernung von einer Meile ungefähr beobachten. Wenn die See Wellen schlug, wurde jedesmal der hohe leuchtende Höcker sichtbar, und regelmäßig spritzte seine Fontäne in aller Ruhe in die Luft. Die abergläubischen Matrosen bildeten sich ein, daß es dieselbe ruhige Fontäne gewesen wäre, die sie solange vorher in dem mondglänzenden Atlantischen und Indischen Ozean gesehen hätten.
»Hat es denn keiner von euch vorher gesehen?« schrie Ahab den Leuten zu, die rund um ihn herum in den Masten saßen.
»Ich hab' ihn in demselben Augenblick gesehen wie der Kapitän! Und ich hab' ihn gemeldet«, sagte Tashtego.
»Nicht im selben Augenblick! Das ist nicht wahr! Die Dublone gehört mir. Das Schicksal hat die Dublone für mich aufbewahrt. Keiner von euch hätte den weißen Wal zuerst erblicken können, dort bläst sie, dort! Wieder dort! da!« schrie er in langgezogenem, systematischen Tonfall, der zu den allmählichen Verlängerungen der sichtbaren Fontäne des Wales paßte. »Er taucht gleich! In die Stunsegel! Die oberen Segel herunter. Drei Boote bereithalten, Starbuck. Denk daran und bleib an Bord und paß auf das Schiff! Das Steuerruder! Einen Strich anluven! So! Feste Mann, feste! Da sind die Schwanzflossen! Nein, nein. Es ist nur dunkles Wasser! Ist alles fertig an den Booten? Bereithalten! Laß mich herab, Starbuck! Herab! Herab, schnell, schneller!« Und er glitt durch die Luft auf Deck.
»Er geht gerade leewärts nach vorn, Kapitän«, schrie Stubb. »Er schwenkt von uns rechts ab; er kann das Schiff noch nicht gesehen haben.« –
»Halt den Mund, Mann. Stehe an den Brassen! Halt! das Steuer herunter! Aufbrassen! Boote her! Boote!«
Bald ließ man alle Boote bis auf das von Starbuck herunter. Alle Bootssegel wurden aufgezogen, alle Paddelruder kamen in Tätigkeit. Das Wasser kräuselte ringsum, angesichts der Geschwindigkeit, mit der man leewärts vorwärtsschoß. Ahab führte selbst den Angriff. Ein bleicher Todesschimmer leuchtete in den erstarrten Augen Fedallahs auf; eine häßliche Bewegung nagte an seinem Munde. Die hellen Buge der Schiffe gingen wie geräuschlose Nautilusschalen durch das Meer; aber sie kamen nur langsam an den Feind heran. Als sie in seiner Nähe waren, nahm die Glätte des Ozeans zu. Man hatte den Eindruck, als ob ein Teppich über die Wellen gezogen wäre. Heiter wie eine Wiese in der Mittagszeit breitete er sich aus. Schließlich kam der rastlose Jäger so dicht in die Nähe seines Wildes, das anscheinend nichts merkte, daß der Höcker mit dem blendenden Glanz deutlich erkennbar wurde; wie ein vereinsamtes Ding glitt er durch die See und war ständig von einem sich drehenden Ring umgeben, der aus dem schönsten, hautartigen Schaum von grüner Farbe bestand. An der anderen Seite sah Ahab die riesigen, tief eindringenden Falten des leicht vorgestreckten Kopfes; davor bewegte sich bis weit in das Gewässer, das wie mit einem sanften türkischen Teppich bedeckt war, der weißglitzernde Schatten seiner breiten milchweißen Stirn. Ein musikalisches Kräuseln begleitete wie beim Spiel den Schatten. Und dahinter floß unaufhörlich blaues Wasser in das sich bewegende Tal seines stetigen Kielwassers. Zu beiden Seiten stiegen leuchtende Wasserblasen auf, die in der Luft tanzten. Aber diese wurden von den hellen Füßen lustiger Vögel zerstört, die über dem Meer ihre sanften Schwingen ausbreiteten. Wie sich ein Flaggenmast über ein bemaltes Schiff erhebt, so ragte der große, aber zersplitterte Schaft einer kürzlich geworfenen Lanze aus dem Rücken des weißen Wales hervor. Von Zeit zu Zeit ließ sich eine Wolke der sanftfüßigen Vögel darauf nieder und schwebte wie ein Baldachin über dem Tier; in aller Stille hockten sie da und schwankten auf der Stange, wobei die langen Schwanzfedern wie Fähnchen flatterten.
So schwamm denn Moby-Dick in der heiteren Stille des tropischen Meeres durch Wellen, die mit ihrem klatschenden Geräusch eine ungewöhnliche Raubgier verdeckten, weiter und ließ den Schrecken seines untergetauchten Rüssels nicht erkennen, der das Entsetzen seines zermalmenden häßlichen Kiefers ganz und gar verbarg. Aber bald erhob sich der Vorderteil langsam aus dem Wasser. In einem Augenblick bildete sein marmorweißer Körper einen hohen Bogen wie die Naturbrücke in Virginia; wie zur Warnung hob er sein Bannerzeichen, die Schwanzflossen, in die Luft, und der große Gott zeigte sich in voller Größe, tauchte unter und war nicht mehr zu sehen. Die weißen Seevögel suchten sich noch zu halten, tauchten mit den Flügeln ins Wasser und beugten sich dann verlangend über die schwankende Stange, die noch zu sehen war.
Mit senkrecht gehaltenen Rudern und niedergelegten Paddeln ließen sich die drei Boote nun ruhig treiben, ließen ihre Segel flattern und warteten, bis Moby-Dick wieder auftauchte.
»Eine Stunde«, sagte Ahab, der wie angewurzelt in dem Heck seines Bootes stand. Er sah über die Stelle hinaus, wo der Wal untergetaucht war, nach dem trüben, blauen Wasser und den großen Zwischenräumen an der Leeseite, die noch nicht berührt waren. Das war in einer Sekunde geschehen. Als er ringsum das Wasser sah, schienen sich die Augen in seinem Kopf zu drehen. Die Brise zog an. Und die See fing an zu dünen.
»Die Vögel! die Vögel!« rief Tashtego. In einer langen Reihe flogen die weißen Vögel, wie Reiher in der Luft, auf Ahabs Boot zu. Und als sie einige Yards davon entfernt waren, flatterten sie über das Wasser und zogen mit lustigem, erwartungsvollen Schrei einen Kreis um ihn. Ihre Sehkraft war stärker als die eines Menschen; Ahab konnte in der See nichts erkennen. Als er aber plötzlich in die Tiefe schaute, sah er einen lebendigen Fleck dort unten, der nicht größer als ein weißes Wiesel war. Mit einer unglaublichen Schnelligkeit stieg er auf und vergrößerte sich, als er höher kam, drehte sich dann mit einem Mal um, und es zeigten sich ganz deutlich zwei lange, krumme Reihen von weißen, glitzernden Zähnen, die aus dem unerkennbaren Meeresgrund auftrieben. Es war der offene Mund von Moby-Dick und der geschnörkelte Unterkiefer! Sein riesenhafter, vom Schatten bedeckter Rumpf zerschmolz noch mit dem Blau des Meeres zur Hälfte. Der glitzernde Mund sperrte sich unter dem Boot auf wie ein geöffnetes Marmorgrab. Ahab gab dem Boote mit dem Steuerruder seitwärts einen Stoß, um es dieser furchtbaren Erscheinung zu entreißen. Dann forderte er Fedallah auf, den Platz mit ihm zu wechseln, ging auf den Bug los, faßte die Harpune von Perth und befahl seinen Leuten, die Ruderstangen festzuhalten und am Heck bereitzustehen. Ahabs Absicht war, dem Bug des Bootes durch eine rechtzeitig erfolgte Drehung eine dem Kopf des Wales entgegengesetzte Richtung zu geben, solange er sich noch unter Wasser befand. Aber, als ob er diese List bemerkt hätte, glitt Moby-Dick mit der ihm zugeschriebenen boshaften Schlauheit seitwärts und schoß in einem Nu seinen Kopf mit den vielen Falten in der ganzen Länge unter das Boot.
In jeder Planke, in jeder Rippe und in jeder Fuge krachte es in einem Augenblick; der Wal lag schräg auf dem Rücken, wie ein zubeißender Hai und nahm langsam und spürbar den ganzen Bug in das Maul, so daß der lange, schmale, schneckenförmige Unterkiefer bis hoch in die offene Luft ragte und ein Zahn in ein Ruderloch faßte. Das bläuliche, perlweiße Innere des Kiefers war sechs Zoll von Ahabs Kopf entfernt und reichte wohl noch höher hinauf. In dieser Stellung schüttelte nun der weiße Wal das dünne Zedernboot, wie eine nicht übermäßig grausame Katze eine Maus. Fedallah starrte mit ruhigen Augen die Szene an und kreuzte die Arme. Aber die Mannschaft mit den tigergelben Gesichtern taumelte übereinander und suchte das äußerste Heck zu erreichen. Während nun die beiden elastischen Dollborde hin und her schnellten, als der Wal mit dem todgeweihten Schiff auf teuflische Weise spielte, und der Wal, der mit seinem Körper unterhalb des Bootes getaucht war, so daß er von dem Bug aus nicht getroffen werden konnte – denn die Buge waren gleichsam in ihm drin – und während die anderen Boote unwillkürlich stoppten, wie vor einer schnellen Krise, der man nicht widerstehen kann, da geschah es, daß der monomanische Ahab, der die furchtbare Nähe seines Feindes nicht ertragen konnte, und lebendig und hilflos den verhaßten Kiefern preisgegeben war, in seiner Wut mit seinen bloßen Händen den langen Kieferknochen anpackte und ihn mit wilder Kraft loszureißen suchte. Als er nun diesen vergeblichen Versuch machte, entglitt ihm der Kiefer; die gebrechlichen Dollborde bogen sich zurück, krachten und zerbrachen, und die beiden Kiefer des Wals glitten, wie ein riesiger Querbalken, weiter achterwärts, rissen das Boot vollständig in zwei Teile und schlossen sich schnell wieder in der See in der Mitte zwischen den beiden treibenden Wracks. Als diese abtrieben und die gebrochenen Teile niedergingen, hielten sich die Leute an dem Heck des Wracks an den Dollborden fest und griffen nach den Ruderstangen, um sich weiterzubringen.
Bevor das Boot zerbrochen war, hatte Ahab an dem schlauen Aufschnellen des Kopfes die Absicht des Wales erkannt. Bei dieser Bewegung lockerte sich der feste Griff des Wales einen Augenblick, sofort machte er mit der Hand seinen letzten Versuch, das Boot dem Biß des Wales zu entreißen. Aber da das Boot noch tiefer in das Maul gerutscht und dabei seitlich umgekippt war, hatte es die Lockerung des Kiefers bewirkt. Als Ahab sich dabei nach vorn beugte, wurde er aus dem Boot geworfen und fiel so mit dem flachen Gesicht auf das Meer.
Moby-Dick hatte sich unter kräuselndem Wellenschlag von seiner Beute zurückgezogen und lag nun in geringer Entfernung da und streckte seinen schrägen weißen Kopf senkrecht in den Wellen nach oben und nach unten; dabei drehte sich sein ganzer Körper wie eine Spindel gleichzeitig langsam um, und als nun seine riesige Stirn mit den vielen Falten aus dem Wasser kam – wohl bis zu einer Höhe von zwanzig Fuß und darüber –, schlugen die nun anhebenden Dünungen der gleichzeitig kommenden Wellen stürmisch dagegen. Rachsüchtig spritzten sie ihren Schaum noch weit höher in die Luft.
Er nahm bald seine horizontale Lage wieder ein und schwamm schnell um die schiffbrüchige Mannschaft herum. Er ließ rachsüchtig das Kielwasser seitwärts aufschäumen, als ob er sich zu einem noch furchtbareren Todesangriff aufraffen wollte. Der Anblick des zersplitterten Bootes schien ihn toll zu machen, wie der Saft der Weintrauben und Maulbeeren, die in dem Buch der Makkabäer den Elefanten des Antiochus vorgeworfen werden. Inzwischen wurde Ahab halb erstickt im Schaum des Schwanzes des unverschämten Wales herumgetrieben. Um schwimmen zu können, war er zu sehr Krüppel. Immerhin konnte er sich sogar mitten in solch einem Strudel oben halten. Man erkannte den Kopf des hilflosen Ahabs, dem wie eine hin und her gestoßene Wasserblase bei der geringsten Kleinigkeit das Allerschlimmste passieren konnte. Aus dem Heck des Bootes, das nur noch ein Wrack war, sah ihn Fedallah uninteressiert und sanft an. Die am anderen Ende treibende Mannschaft konnte ihm keine Hilfe bringen. Es war schon viel, daß sie sich selbst helfen konnten. Der Anblick des weißen Wales war so schrecklich, und er trieb sich wie ein Planet in dem sich immer mehr zusammenziehenden Kreise um sie herum, daß es so schien, als ob er in wagerechter Richtung auf sie zustoßen wollte. Obwohl die anderen Boote unbeschädigt waren und immer noch in nächster Nähe hielten, wagten sie dennoch nicht, sich in den Strudel zu begeben, damit das nicht das Zeichen für die völlige Vernichtung der wagehalsigen Schiffbrüchigen würde. Und wenn das geschah, so hatten sie selbst kaum Hoffnung, sich zu retten. Mit starren Blicken hielten sie sich an dem äußeren Rande der Zone des Entsetzens, deren Mittelpunkt nun der Kopf des Alten geworden war.
Inzwischen hatte man von den Masten des Schiffes aus diese Vorgänge beobachtet; das Schiff hatte vierkant gebraßt und nahm nun den Kurs auf die Szene zu und war nun so nahe, daß Ahab ihm vom Wasser aus zurief: »Auf den –« aber in demselben Augenblick trieb ihn eine hohe See von Moby-Dick ab, und er wurde für eine Zeit überwältigt. Er kämpfte sich aber daraus hervor und rief dann, als er zufällig oben auf einen riesig hohen Wellenkamm kam: »Auf den Wal zusegeln! Treibt ihn zurück!«
Die Schiffsbuge des »Pequod« wurden gerichtet. Das Schiff zerbrach den Zauberkreis und trennte tatsächlich den weißen Wal von seinem Opfer. Als der Wal mürrisch davonschwamm, flogen die Boote zur Rettung herbei.
Ahab wurde mit blutunterlaufenen, nahezu geblendeten Augen in das Boot von Stubb gezogen, und weißer salziger Schaum bedeckte seine Falten. Nun ließ ihn die lange körperliche Spannung zusammenbrechen. Hilflos wie einer, der von den Beinen von Elefantenherden zertreten ist, lag er unten in Stubbs Boot wie zerschlagen. Aus seinem Innern kamen namenlose Klagerufe aus weiter Ferne, schmerzhafte Laute aus einer Schlucht.
»Ist die Harpune noch ganz?« sagte Ahab, der sich soeben aufrichtete und den einen Arm gebeugt hielt, auf den er sich stützte.
»Ja, Kapitän; sie ist nicht abgeschossen. Da ist sie«, sagte Stubb und zeigte sie.
»Leg' sie vor mich hin! Fehlen Leute?«
»Eins, zwei, drei, vier, fünf – es waren fünf Ruder und fünf Leute sind da, Kapitän.«
»Es ist gut. Hilf mal, Mann. Ich will stehen. So, so. So sehe ich ihn. Da ist er. Er ist noch immer an der Leeseite. Die Fontäne spritzt ja furchtbar! Die Hände von mir weg! Das Blut steigt wieder in meinen alten Knochen auf. Die Segel setzen! Die Ruder 'raus! Und das Steuer!«
Es geschieht oft, daß, wenn ein Boot eingeschlagen ist, die Mannschaft desselben, sofern sie von einem anderen Boot aufgefischt ist, beim zweiten Boot mithilft. Die Jagd wird dann mit doppelsitzigen Rudern fortgesetzt. Das war auch hier der Fall. Aber die vereinte Kraft des Bootes war der vereinten Kraft des Wales nicht gewachsen; man hatte den Eindruck, als ob seine Flossen »dreisitzig« wären. Er schwamm mit einer Geschwindigkeit, woraus deutlich hervorging, daß, wenn es auf diese Weise weiterging, die Jagd bis ins Unermeßliche dauern würde, sofern sie überhaupt Aussicht auf Erfolg hatte. Dann konnte es keine Mannschaft wegen der ununterbrochenen übermäßigen Anstrengung an den Rudern solange aushalten.
Das Schiff stand unter den besten Vorbedingungen einer erfolgreichen Jagd. Die Boote, die gerade bereitgestellt waren und bald an den Rollenzügen hochgezogen wurden – man hatte die beiden Teile des zerbrochenen Bootes vorher in Sicherheit gebracht –, streckten ihre Sturmsegel nach der Seite aus wie die doppelten Schwingen eines Albatros. So nahm denn der »Pequod« seinen Kurs auf das Kielwasser an der Leeseite des Moby-Dick. Nach den wohlbekannten methodischen Zwischenzeiten wurde die glitzernde Fontäne des Wales von der Bemannung der Mäste regelmäßig gemeldet.
Und als man die Meldung brachte, daß er gerade untergetaucht wäre, sah Ahab auf die Uhr, ging über Deck und hatte die Kompaßuhr in der Hand. Als die letzte Sekunde der veranschlagten Stunde vorüber wir, hörte man seine Stimme.
»Wem gehört denn nun wohl die Dublone? Seht ihr ihn?« Und wenn die Antwort war: »Nein, Kapitän«, befahl er ihnen unverzüglich, ihn an seinen Sitz hochzuziehen. Auf diese Weise ging der Tag zu Ende. Mal war Ahab oben in der Luft, ohne sich zu bewegen, mal schritt er ruhelos über die Schiffsplanken.
Wenn er dann, ohne einen Laut von sich zu geben, – ausgenommen, wenn er die Leute oben anrief und ihnen befahl, ein Segel noch höher aufzuziehen oder eins auszubreiten, hin und her ging und unter seinem breitkrempigen Hut versteckt war, kam er jedesmal an dem Wrack seines Bootes vorüber, das auf das Achterdeck gezogen war, wo es mit dem Kiel nach oben dalag und der zerbrochene Bug sich neben dem eingeschlagenen Heck befand. Schließlich blieb er davor stehen. Wie über einen schon mit Wolken überzogenen Himmel immer neue Scharen von Wolken ziehen, so kam über das Gesicht des Alten ein noch erhöhter Ausdruck von Schwermut.
Stubb sah das, vielleicht wollte er, nicht ganz ohne Eitelkeit, mit seiner eigenen Tapferkeit, die noch nicht ins Wanken gekommen war, protzen und sich so im Gedächtnis des Kapitäns einen guten Platz sichern. So ging er denn einen Schritt vor und rief beim Anblick des Wracks aus: »Die Distel hat der Esel nicht gemocht. Sie stach ihm wohl zu sehr ins Maul, Kapitän, ha, ha.«
»Das muß schon einer sein, der vor einem Wrack anfängt zu lachen? Mann! Wüßte ich nicht, daß du so tapfer und so furchtlos wie das Feuer bist, so wollte ich schwören, du wärst ein Feigling. Vor einem Wrack sollte man alles Murren und Lachen unterlassen!«
Der Tag war beinahe vorüber – man hörte nur noch das Rauschen seines goldenen Kleides. Bald war es so gut wie dunkel. Aber die Leute an den Ausgucksposten machten es nicht wie die Sonne.
»Können die Fontäne jetzt nicht sehen, Kapitän, zu dunkel!« rief eine Stimme aus der Luft.
»Wohin ging sie denn, als ihr sie zuletzt saht?«
»Wie vorhin, gerade nach der Leeseite.«
»Gut! Der Wal wird heute nacht langsamer schwimmen. Das Oberbramsegel und die Stunsegel am oberen Mars einziehen! Starbuck! Vor morgen werden wir kaum auf ihn stoßen. Er macht jetzt seine Rundreise und wird wohl jetzt eine Weile beilegen. Ans Ruder! Das Ruder vor dem Wind in acht nehmen! Ihr da oben, kommt herunter! Stubb, schick' einen neuen Mann oben an den Vordermast und bemanne ihn bis zum Morgen.« Dann ging er auf die Dublone am Hauptmast zu. »Leute, dies Goldstück gehört mir, ich hab' es verdient. Aber ich lasse es hier, bis der weiße Wal tot ist. Und wer ihn dann zuerst sichtet an dem Tage, wo er getötet werden soll, dem soll das Goldstück gehören. Wenn ich ihn an diesem Tage wieder sichte, so will ich die zehnfache Summe unter euch allen verteilen. Los jetzt! Du hast die Aufsicht auf Deck.«
Als er das sprach, stellte er sich auf halbem Wege in die Luke, zog den Hut über den Kopf und blieb bis zum Morgengrauen dort stehen, höchstens, daß er von Zeit zu Zeit sich aufreckte, um zu sehen, ob die Nacht nicht bald vorüber wäre.
Zweiundsechzigstes Kapitel
Als der Tag anbrach, wurden die drei Mäste auf die Minute neu bemannt.
»Seht ihr ihn?« schrie Ahab, nachdem er abgewartet hatte, bis sich das Licht ausbreitete.
»Sehe nichts, Kapitän.«
»Alle Hände angelegt und die Segel aufgeheißt! Er schwimmt schneller als ich gedacht habe. Die Oberbramsegel ganz oben hoch! Ja, die hätten über Nacht hochbleiben sollen, aber es macht nichts, so haben sie sich denn für die Jagd ausgeruht.«
Das Schiff sauste los und ließ in der See eine Furche zurück, wie eine in die Irre gegangene Kanonenkugel zur Pflugschar wird und das ebene Feld aufwirbelt.
»Blitz und Schwerenot!« schrie Stubb. »Das Deck legt ja los, daß einem die Beine anfangen zu klappern und man anfängt, merkwürdige Gefühle zu kriegen! Unser Schiff und ich sind ein paar famose Kerle! Ha, ha! Soll mich mal einer aufnehmen und mich mit dem Rückgrat auf das Meer werfen, zum Himmel noch mal! Mein Rückgrat kommt mir wie ein Schiffskiel vor, ha, ha! Wir gehen ja schwer ins Zeug, und es bleibt nicht mal ein Staubkorn zurück.«
»Dort bläst sie. Sie bläst, sie bläst! Vorn rechts!« rief man jetzt vom Mast herunter.
»Ja, ja,« rief Stubb, »ich wußte es wohl. Du kommst uns nicht davon. Blas ruhig weiter und spritze deine Fontäne kaputt. Ja, Wal! Der verrückte Teufel selbst ist hinter dir her! Blas nur mit deinem Rüssel weiter! Leg' dir aber ein Pflaster auf deine Lungen! Ahab wird dein Blut abdämmen, so wie ein Müller mit seinem Wassergatter den Bach.«
Was Stubb sagte, waren wohl die Gefühle der ganzen Mannschaft. Die wilde Jagd hatte um diese Zeit alle neu angeregt, wie es bei altem Wein der Fall ist, in dem herumgerührt wird. Wenn man auch vor Furcht bleich gewesen war und üble Vorzeichen gesehen hatte, so traten diese doch angesichts der wachsenden Ehrfurcht vor Ahab nicht in Erscheinung; sie waren vernichtet und auf der ganzen Strecke in die Flucht geschlagen, so wie die ängstlichen Präriehasen vor dem springenden Bison Reißaus nehmen. Die Hand des Schicksals hatte all ihre Seelen gepackt. Angesichts der schrecklichen Gefahren des vorhergehenden Tages, angesichts der an dem vergangenen Abend ausgestandenen Folterqualen und der unabwendbaren, blinden und tollkühnen Art, mit der das wilde Schiff auf das fliegende Ziel zuschoß, waren ihre Herzen gleichsam in die Tiefe gesunken. Und als der Wind aus ihren Segeln große Bäuche machte und das Schiff wie von unsichtbaren und unwiderstehlichen Armen weitergetrieben wurde, kam ihnen das wie der Ausdruck einer unsichtbaren Kraft vor, die sie völlig zu Sklaven machte.
In der Takelung wurde es lebendig. Die Mastspitzen streckten sich aus wie die Gipfel von hohen Palmen; sie hatten Büschel von Armen und Beinen. Einige hielten sich mit der einen Hand an einer Spiere fest; andere streckten die andere aus und winkten damit ungeduldig. Wieder andere schützten sich gegen das übermäßige Sonnenlicht und saßen auf den schwankenden Rahen. Alle Spiere waren dicht besetzt von Menschen, die für ihr Schicksal bereit und reif waren. Ach! Wie sehr bemühten sie sich, in dem unendlichen Blau das Ding zu erspähen, das über die Macht verfügte, sie zu vernichten.
»Warum meldet ihr ihn denn nicht, wenn ihr ihn seht?« rief Ahab, als man, nachdem einige Minuten seit dem ersten Schrei verstrichen waren, nichts mehr gehört hatte. »Zieht mich hoch, Leute. Ihr habt euch täuschen lassen. Moby-Dick ist es nicht, der eine so seltsame Fontäne aufwirft und dann wieder verschwindet.«
Es war wirklich so. In ihrem großen Eifer hatten die Leute etwas anderes für die Walfischfontäne gehalten, wie es sich bald herausstellte. Kaum hatte Ahab seinen Sitz erreicht und kaum war das Seil an den bestimmten Zapfen an Deck angelegt worden, da gab er dem Konzert den richtigen Ton an, worüber die Luft vibrierte, wie wenn eine Salve von Flintenschüssen abgegeben wäre. Man hörte mit einemmal das Siegesgeschrei von dreißig Lungen, das sich so anhörte, als ob diese aus hartem Wildleder wären. Viel näher als die eingebildete Fontäne, in einer Entfernung von weniger als einer Meile, trat auf einmal – Moby-Dick, so wie er leibte und lebte, in Erscheinung! Nicht durch freches Spritzen und nicht durch den friedlichen Strom der geheimnisvollen Fontäne, die aus seinem Haupt hervorkam, verriet der weiße Wal nun seine unmittelbare Nähe, sondern durch das noch weit mehr erstaunliche Phänomen der Brandung. Der Pottwal, der sich mit seiner allergrößten Geschwindigkeit aus der größten Tiefe erhebt, treibt hierbei seinen ganzen Körper hoch in die Luft, türmt einen ganzen Berg von rasendem Schaum auf und zeigt auf sieben Meilen Entfernung, wo er sich befindet. Dann kommen einem die von ihm aufgerissenen wahnsinnigen Wellen wie seine Mähne vor; manchmal ist diese Brandung ein Ausbruch des Trotzes.
»Da ist er am Branden, da! da!« war der Ruf, als der weiße Wal in seiner maßlosen Herausforderung wie ein Lachs gegen den Himmel sprang. Wenn man ihn in der blauen Ebene des Meeres sah, wie er sich gegen den noch blaueren Rand des Himmels abhob, so kam einem der Meeresschaum, den er machte, wie ein nicht zu ertragender glitzernder Gletscher vor; dann ließ er allmählich nach, und das erste mächtige Leuchten nahm ab, wie vor den trüben Nebeln eines heraufziehenden Schauers in einem Tale.
»Ja, brande nur das Letzte deiner Kraft gegen die Sonne, Moby-Dick«, rief Ahab. »Deine Stunde ist gekommen. Deine Harpune wartet auf dich. Niederlassen! Alle an die Boote, bis auf den einen Mann am Vorderdeck. An die Boote!«
Die Leute benutzten die langweiligen Strickleitern nicht. Wie Sternschnuppen glitten sie an dem bereitstehenden Pardunen und Fallen auf das Deck, während Ahab mit weniger Geschwindigkeit, aber dennoch schnell genug von seinem Sitz herabgelassen wurde.
»Niederlassen!« schrie er, sobald er sein Boot erreicht hatte – es war ein Reserveboot, das am Nachmittag vorher aufgetakelt war. »Starbuck, das Schiff steht unter deinem Kommando! Halte dich von den Booten entfernt, aber doch noch in ihrer Nähe! Alle niederlassen!«
Um sie mit plötzlichem Schrecken zu erfüllen, griff Moby-Dick zuerst an; er hatte sich umgekehrt und kam nun auf die drei Mannschaften zu. Ahabs Boot war in der Mitte. Er rief seinen Leuten etwas zu und sagte ihnen, daß er geradewegs auf die Stirn des Wales zurudern wollte. Das ist nicht ungewöhnlich; denn bis zu einer gewissen Grenze wird bei einem solchen Kurs ein Angriff des Wals wegen seiner seitlichen Blickrichtung unmöglich. Aber bevor diese Grenze erreicht wurde, und während alle drei Boote wie die drei Masten des Schiffes noch in seinem Blickfeld waren, schäumte der weiße Wal bei der aufgenommenen wahnsinnigen Geschwindigkeit in einem Nu drauflos, stürzte sich mit offenen Kiefern zwischen die Boote und peitschte mit dem Schwanze. Er setzte sich nach jeder Seite schrecklich zur Wehr und beachtete die Harpunen, die von jedem Boote abgeschossen wurden, nicht im geringsten. Er schien es darauf angelegt zu haben, jede einzelne Planke der Boote zu vernichten; aber die Boote verstanden geschickt zu manövrieren. Sie drehten sich unaufhörlich wie geübte Schlachtrosse in der Schlacht um sich selbst, und eine Zeitlang wichen sie ihm aus, wenn es sich auch manchmal nur um die Breite einer Planke handelte. Indessen zerriß das übermenschliche Feldgeschrei Ahabs jeden anderen Laut gleichsam in Fetzen.
Aber schließlich brachte der weiße Wal bei seinen Bewegungen, denen man unmöglich folgen konnte, auf tausend verschiedene Weisen die Enden der drei Leinen, an denen er jetzt fest war, durcheinander, daß sie zu kurz wurden, und infolgedessen die hilflosen Boote gegen die in ihm steckenden Eisen gewarpt wurden. Einen Augenblick lang entfernte sich der Wal ein wenig, aber er schien nur Kraft zu sammeln zu einem um so furchtbareren Angriff. Ahab benutzte diese Gelegenheit und wickelte mehr Leine ab. Er zog sie dann ein und schleuderte sie wieder fort. Er hoffte, daß es ihm auf diese Weise gelingen würde, einige Verwickelungen zu beseitigen. Aber da bot sich ihm ein Anblick, der noch wilder war als die auf den Kampf versessenen Zähne von Haifischen.
Die losen Harpunen und Lanzen, die wie ein Korkzieher in dem Wirrwarr der Leine festsaßen und verdreht waren, kamen nun mit den stacheligen Eisenspitzen angesaust und fielen gegen die Staukeile in den Bugen von Ahabs Boot. Da konnte nur eins geschehen. Er griff nach dem Bootsmesser und reichte es dem Bootsmann im Boot. Als dann das Seil in der Nähe der Staukeile zweimal durchgeschnitten war, fiel das Stahlbündel in die See, und alles war wieder in Ordnung.
In dem Augenblick machte der weiße Wal plötzlich einen Angriff auf das übrige Leinengewirr. Dadurch zog er die Boote von Stubb und Flask, die noch mehr verwickelt waren, unwiderstehlich in den Bereich seiner Schwanzflossen. Er schleuderte sie fort wie zwei rollende Kapseln, die gegen einen von der Brandung gepeitschten Strand fliegen. Dann tauchte er in die See und verschwand in einem kochenden Maelstrom, in dem eine Zeitlang die duftenden Wrackteile aus Zedernholz herumtanzten wie geschabte Muskatnuß in einer geschwind umgerührten Punschterrine.
Als die beiden Mannschaften in dem Strudel herumgetrieben wurden und die sich drehenden Seiltrommeln, die Ruder und das sonstige schwimmende Mobiliar zu fassen suchten, während der kleine Flask auf abschüssiger Bahn wie eine leere Flasche auf- und niedertanzte und seine Beine hochhob, um den gefürchteten Kiefern der Haie zu entgehen, und Stubb nach jemand Ausschau hielt, der ihn aus dem Wasser fischte, und die Leine des Alten die Möglichkeit bot, aus dem schäumenden Pfuhl einen x-beliebigen Mann herauszuziehen, und das unbeschädigte Boot Ahabs von unsichtbaren Drähten gen Himmel gezogen zu werden schien, da kam der weiße Wal mit einem Male wie ein Pfeil aus der See herausgeschossen, schlug mit seiner breiten Stirn von unten gegen das Boot und warf es kopfüber in die Luft. Bis es dann wieder herunterfiel – mit dem Dollbord nach unten – und Ahab und seine Leute sich aus dem umgekehrten Boot herauskämpften wie Seehunde aus einem am Meeresufer stehenden Käfig.
Bei dem ersten Aufsteigen war der Wal, als er die Meeresoberfläche berührte, aus der Richtung gekommen, und so wurde er wider Willen eine kleine Strecke von dem Ort seiner Zerstörung abgetrieben. Dieser befand sich in seinem Rücken; so blieb er denn einen Augenblick liegen und fühlte mit seinen Flossen in der Gegend herum. Und jedesmal, wenn ein herrenloses Ruder, ein Plankenstück oder der geringste Überrest von den Booten seine Haut streifte, zog er geschwind den Schwanz zurück und schlug von der Seite gegen die See.
Aber als er sich zu seiner Zufriedenheit davon überzeugt hatte, daß seine Arbeit diesmal getan war, trieb er seine Stirn mit den vielen Falten durch den Ozean und zog die verwickelten Leinen hinter sich her; er setzte dann seinen Weg an der Leeseite fort, wie es ein Reisender tut, der nach einer bestimmten Methode reist.
Wie früher hatte das aufmerksame Schiff den ganzen Kampf mitangesehen. Nun kam es wieder zur Rettung herangefahren. Man ließ ein Boot herunter, fischte die herumtreibenden Matrosen auf, ebenso die Seiltrommeln, die Ruder und was man sonst fassen konnte. Es wurde alles sicher an Deck untergebracht: einige verstauchte Schultern, Handgelenke und Knöchel, bleich aussehende Leute mit Quetschungen, verbogene Harpunen und Lanzen, nicht mehr auseinanderzubringende Stücke der Leine und zersplitterte Ruder und Planken. Alles das war reichlich vorhanden. Aber niemand schien einen ernsthaften Schaden genommen zu haben. Wie es am Tage vorher bei Fedallah der Fall gewesen war, so fand man nun Ahab; er hielt sich an seinem halben, zerbrochenen Boot wutverzerrt fest. So kam er noch verhältnismäßig leicht davon, und außerdem war er nicht so erschöpft wie an dem unglücklichen vorhergehenden Tage.
Aber als man ihm beim Besteigen des Decks behilflich war, richteten sich alle Augen fest auf ihn. Statt auf eigenen Füßen zu stehen, hing er halb an der Schulter von Starbuck, der ihm zu allererst Hilfe gebracht hatte. Das Bein aus Walfischknochen war ihm abgerissen, und es blieb nur noch ein kurzer, scharfer Splitter übrig.
»Ja, ja, Starbuck, es ist schön, wenn man sich manchmal anlehnen kann, und mag das auch sein, wer will. Es wäre besser gewesen, wenn der alte Ahab sich öfter mal angelehnt hätte.«
»Der Eisenring hat nicht gehalten, Kapitän«, sagte der Zimmermann, der nun herankam. »Ich habe mir bei dem Bein große Mühe gegeben.«
»Aber es sind doch keine Knochen gebrochen, Kapitän?« sagte Stubb mit aufrichtiger Teilnahme.
»Ja. Es ist alles zersplittert, Stubb! Du kannst es sehen. Aber wenn auch ein Knochen zerbrochen wäre, so ist doch dem alten Ahab nichts geschehen. Es kommt mir kein lebendiger Knochen wichtiger vor als dieser tote Knochen, der nicht mehr da ist. Kein weißer Wal, kein Mensch und kein Teufel kann dem alten Ahab in seinem innersten Wesen zunahe treten! Kann denn das Blei dem Fußboden dort etwas anhaben? Und kann denn ein Mast das Dach dort unten abschaben? Ihr da oben, wo geht er hin?«
»Tot nach der Leeseite, Kapitän.«
»Das Steuer hoch! Die Segel wieder hochgezogen, ihr von der Bordmannschaft! Die übrigen Reserveboote sollen herunter und aufgetakelt werden! Starbuck, geh und sieh nach, ob die Mannschaften von den Booten noch alle da sind!«
»Ich will dir auf dem Weg nach der Reling behilflich sein, Kapitän.«
»Ach, wie doch dieser Splitter einem jetzt weh tut, verfluchtes Schicksal! Daß doch der in der Seele unüberwindbare Kapitän solch einen Kümmerling von Genossen hat!«
»Kapitän?!«
»Ich meine meinen Körper, Mann, nicht dich! Gib mir etwas von einem Stock! Die zersplitterte Lanze wird ausreichen. Sieh nach, ob alle von den Leuten da sind! Ich habe ihn bestimmt noch nicht gesehen. Beim Himmel, das kann nicht sein. Er sollte fehlen? Schnell, ruf sie alle zusammen!«
Die Befürchtung des Alten erfüllte sich. Als sich die Mannschaft versammelte, war der Parse nicht da.
»Der Parse –«, rief Stubb. »Der Parse muß wohl –«
»Das gelbe Fieber soll dich fressen! Lauft alle nach oben, nach unten, in die Kabine, auf das Vorderdeck, und sucht, wo er ist! Er kann doch nicht fort sein!«
Aber bald kamen sie mit der Nachricht wieder, daß der Parse nirgends zu finden wäre. »Er muß wohl zwischen Ihre Leine gekommen sein. Mir kommt es so vor, als ob ich ihn gesehen hätte, wie er heruntergezogen wurde.«
»Unter meine Leine! meine Leine? Er ist wirklich fort? Was kann dies eine Wort bedeuten? Was für eine Totenglocke kann nur darin klingen, daß der alte Ahab zusammenfährt, als ob er ein Glockenturm wäre? Wo ist denn die Harpune? Werft mal das Gerümpel da durcheinander! Seht ihr sie? Ich meine das geschmiedete Eisen, Leute, die Harpune des weißen Wals! Nein, nein, nein! Ich blöder Narr! Ich hab' sie ja mit dieser Hand abgeschossen! Sie steckt ja im Fisch drin! Ihr da oben! Habt ihn gut im Auge! Schnell, alle Mann an das Takelwerk der Boote! Die Ruder her, Harpuniere, die Eisen! die Eisen! Zieht die Oberbramsegel höher! Ran an die Schotten! Ans Ruder! Arbeitet, was ihr könnt! Ich will zehnmal um den unermeßlichen Erdball herumfahren, ja, und in ihm untertauchen, bis ich ihn erschlagen habe!«
»Großer Gott! Zeig' doch nur einen Augenblick, wie du selbst bist!« schrie Starbuck. »Du wirst ihn niemals kriegen, Alter! Gib es doch um Christi willen auf! Zwei Tage hast du nun gejagt. Zweimal ist dir das Boot zersplittert, und dazu ist dir dein Bein noch einmal unter dem Leibe weggerissen worden! Dein böser Schatten ist fort! Alle guten Engel kommen scharenweise auf dich zu und warnen dich. Willst du denn noch mehr wissen? Sollen wir denn diesen mörderischen Wal so lange jagen, bis er den letzten Mann vernichtet hat? Sollen wir von ihm bis in die Tiefe des Meeres gezogen werden? Ach, es ist Gottlosigkeit und Gotteslästerung, wenn man ihn weiterjagt!«
»Starbuck, neulich bin ich dir gegenüber seltsam bewegt geworden. Und du weißt, was ich, seitdem wir uns kennen, in den Augen eines anderen gesehen habe. Aber Ahab bleibt, solange er lebt, Ahab! Das ist der unabänderliche Beschluß des ganzen Aktes. Das war schon für dich und mich festgelegt vor einer Billion Jahre, bevor dieser Ozean rollte. Du Narr! Ich bin der Beauftragte des Schicksals. Ich handle auf Befehl! Du bist mein Untergebener, und hüte dich, wenn du meine Befehle nicht ausführst! Kommt her, Leute, ihr seht einen alten Mann, der bis auf den Stumpen abgeschnitten ist, der sich auf eine zersplitterte Lanze lehnt und sich nur auf einen übriggebliebenen Fuß stützt. Aber bevor ich zusammenbreche, werdet ihr hören, wie es kracht! Glaubt ihr denn an das, was man Vorzeichen nennt? Dann lacht, so laut ihr könnt, und schreit dazu! Denn bevor sie untergehen, kommen die dem Untergang geweihten Dinge zweimal an die Oberfläche. Dann kommen sie nochmal hoch und sinken dann für ewig. So ist es auch bei Moby-Dick. Zwei Tage lang ist er hochgekommen, und morgen kommt der dritte Tag. Ja, Leute, er wird noch einmal hochgehen, aber dann wird er zum letztenmal seine Fontäne spritzen lassen. Seid ihr auch tapfer?«
»Ohne Furcht wie das Feuer!« rief Stubb.
»Und ebenso gefühllos«, brummte Ahab. Als dann die Leute nach vorn gingen, brummte er weiter: »Die Dinge nennt man Vorzeichen! Gestern sprach ich noch mit Starbuck darüber, als es sich um ein zerbrochenes Boot handelte. Wie sehr bemühe ich mich, das aus dem Herzen der anderen zu vertreiben, was in meinem eigenen so festsitzt! Der Parse! Der Parse ist nicht mehr da?! Der sollte doch zuerst gehen und nochmal zum Vorschein kommen, bevor ich verloren wäre. Das ist ein Rätsel!«
Als die Dämmerung herabstieg, konnte man den Wal immer noch an der Leeseite sehen.
So wurden denn die Segel noch einmal eingezogen, und es verging beinah alles wie in der vorhergehenden Nacht. Nur hörte man das Klopfen der Hämmer und das Knirschen des Schleifsteins bis zum Morgengrauen, da die Leute bei dem Laternenlicht eifrig beschäftigt waren, die Reserveboote vollständig und sorgfältig aufzutakeln und ihre Waffen für den Morgen zu schärfen. Inzwischen machte der Schmied für Ahab aus dem gebrochenen Kiel seines Schiffswracks ein neues Bein. Ahab stand aber, wie in der vorhergehenden Nacht, mit herabgezogenem Hut in seiner Luke.
Dreiundsechzigstes Kapitel
Der Morgen des dritten Tages zog prächtig und frisch herauf. Der einsame Mann der Nacht wurde noch einmal oben am Vordermast von zahlreichen Tagesposten unterstützt, die an jedem Mast und fast auf jeder Spiere hockten.
»Seht ihr ihn?« rief Ahab. Aber der Wal war noch nicht zu sehen.
»Ihr müßt aber sein unfehlbares Kielwasser sehen, folgt nur dem Kielwasser mit den Augen! Das ist die Hauptsache. Du, das Steuerruder so ruhig halten wie jetzt und wie du es sonst getan hast! Was ist das wieder mal für ein schöner Tag! Los denn! Ihr da oben! was seht ihr?«
»Nichts, Kapitän!«
»Nichts! Und dabei ist es bald Mittag! Die Dublone geht ja betteln. Seht nach der Sonne! Ja, wirklich, es muß ja so sein. Ich bin schneller gefahren als er. Ja, er jagt mich jetzt – nicht ich ihn! Das ist übel. Ich hätte es wissen können. Ich Narr! Er zieht ja an den Leinen und an den Harpunen! Ich bin gestern abend an ihm vorbeigefahren. Los! los! Alle sollen herunterkommen, bis auf die gewöhnlichen Posten! Die Brassen bemannen!« Der Wind hatte ungefähr in der Richtung des ›Pequod‹ geweht, und als nun die umgekehrte Richtung eingeschlagen wurde, segelte das gebraßte Schiff gerade auf die Brise los; in dem eigenen weißen Kielwasser wurde der Schaum noch einmal aufgerührt.
»Jetzt steuert er gegen den Wind und gerade in den Schlund seines Verderbens hinein«, murmelte Starbuck vor sich hin, als er die neu eingeholte Brasse des Hauptmastes an der Reling festmachte. »Gott bewahre uns, aber schon kommen mir die Knochen feucht und das Fleisch inwendig naß vor. Ich fürchte, daß ich meinem Gott ungehorsam bin, wenn ich ihm gehorche!«
»Sei mir behilflich und zieh mich hoch!« rief Ahab und ging auf den Korb aus Hanf zu. »Wir müßten ihn doch bald sehen!«
»Ja, ja, Kapitän.« Und unverzüglich erfüllte Starbuck die Aufforderung Ahabs, und noch einmal schwebte der Kapitän in die Höhe.
So verging denn eine ganze Stunde, die Zeit selbst hielt vor lauter Spannung den Atem an. Aber schließlich meldete Ahab drei Striche seitwärts vom Wetterwinkel wieder die Fontäne, und sogleich erfolgten von den drei Mastspitzen drei Schreie, als ob sie von feurigen Zungen ausgestoßen würden.
»Stirn an Stirn treffe ich dich das drittemal, Moby-Dick! Ihr an Deck, fester brassen! Alle Segel beisetzen, nach der Windseite! Er ist noch zu weit weg, als daß man die Boote 'runterlassen könnte. Starbuck! Die Segel klatschen! Geh mal mit einem Schiffshammer an die Stelle über dem Steuermann. So, so! Er hat's eilig, und ich muß hinunter. Aber ich will hier oben doch noch einmal einen Rundblick auf die See tun, dafür langt's noch! So etwas habe ich oft erlebt, und doch kommt's mir wie neu vor. Ja, es hat sich nichts geändert, seitdem ich das als Junge von den Dünen von Nantucket zum erstenmal sah! Genau so! Und genau so hat es auch wohl zu Noahs Zeiten ausgesehen wie jetzt! An der Leeseite ist ein mildes Schauer, wie das lieblich ist! Das muß wohl nach einem nicht ungewöhnlichen Lande gehen, wo es noch etwas Lieblicheres als Palmen gibt!
Auch der weiße Wal geht nach der Seite hin. Man soll nach der Windseite sehen. Diese Richtung ist unangenehmer, aber in diesem Fall besser. Doch leb' wohl, leb' wohl, alter Mast! Was ist das denn, grün? wahrhaftig, es ist feines Moos in den Rissen! An Ahabs Kopf ist solch eine grüne Stelle nicht vorhanden! Das ist der Unterschied zwischen dem Alter eines Menschen und dem eines Dinges!! Aber alter Mast, wir beide werden miteinander alt. Aber trotzdem ist unser Rumpf gesund, nicht wahr, Schiff? Ja, wenn man das Bein abrechnet, stimmt das. Dieses tote Holz ist besser dran als mein lebendiges Fleisch! Ich kann mich damit nicht vergleichen, und ich habe Schiffe gekannt, die aus verdorrten Bäumen gemacht waren und das Leben von Menschen überdauerten, die von den allerkräftigsten Vätern gezeugt waren.
Was hat er doch gesagt? Er sollte als mein Lotse vor mir hergehen – und er würde nochmal zum Vorschein kommen? Wo das nur sein kann? Habe ich denn Augen, daß ich auf den Grund des Meeres sehen kann? Vorausgesetzt, daß ich diese endlosen Stufen hinabsteigen kann? Und die ganze Nacht bin ich von der Stelle fortgesegelt, wo er gesunken ist. Ja, wie in vielen Fällen sagtest du über dich selbst eine furchtbare Wahrheit, Parse! Aber bei Ahab hast du danebengehauen! Lebe wohl, Mastspitze, pass' auf den Wal gut auf, während ich fort bin. Wir wollen morgen weiterreden, nein, heute abend noch, wenn der weiße Wal, an Kopf und Schwanz gefesselt, tot daliegt.«
Er gab ein Zeichen, und indem er immer noch um sich in die Runde blickte, wurde er durch die aufgeklaffte blaue Luft auf das Deck niedergelassen.
In entsprechender Zeit wurden die Boote herabgelassen, aber als Ahab im Heck seiner Schaluppe stand und vor dem Hinabsteigen etwas zögerte, winkte er dem Maaten, der eins von den Rollenseilen an Deck hielt, und bat ihn, einen Augenblick einzuhalten.
»Starbuck!«
»Kapitän?«
»Zum drittenmal tritt das Schiff meiner Seele diese Reise an, Starbuck.«
»Ja, Kapitän, du willst es so haben.«
»Einige Schiffe segeln aus ihren Häfen ab und immer fehlen sie später, Starbuck.«
»Das ist Wahrheit, Kapitän, furchtbare Wahrheit.«
»Einige sterben zur Ebbezeit, einige im niedrigen Wasser und einige mitten in der Flut. Ich komme mir jetzt wie eine Welle vor, die nur ein riesiger einziger weißer Kamm ist, Starbuck. Ich bin alt, gib mir die Hand, Mann!«
Ihre Hände begegneten sich, ihre Blicke lagen fest ineinander, und aus Starbucks Augen leuchtete eine Träne.
»Ach, Kapitän, du edler Mensch, geh nicht fort. Sieh, es ist ein tapferer Mensch, der weint. Wie groß muß da der Schmerz seines Glaubens sein!«
»Niederlassen!« schrie Ahab. Und er stieß den Arm des Maaten von sich. »Sei der Mannschaft behilflich!«
Im Augenblick ruderte das Boot dicht an der Heckseite.
»Die Haifische! die Haifische!« schrie eine Stimme aus dem unteren Kabinenfenster. »Herr, mein Herr, komm doch zurück!«
Aber Ahab hörte es nicht, denn seine eigene Stimme wurde hoch in die Luft geworfen; dann tanzte das Boot weiter.
Doch die Stimme hatte die Wahrheit gesagt; denn kaum war er aus dem Bereich des Schiffes heraus, da schnappten viele Haifische, die sich anscheinend unterhalb des Schiffskörpers aus dem dunklen Wasser erhoben, in teuflischer Weise jedesmal, wenn sie in das Wasser tauchten, nach den Rudern. Und so begleiteten sie das Boot mit ihren Bissen. Es ist dies nichts Ungewöhnliches: den Walbooten in diesen Meeren, wo es von Tieren wimmelt, begegnet das häufig. Die Haie folgen ihnen manchmal in derselben vorbedeutungsvollen Art, wie die Geier über die Fahnen der marschierenden Regimenter im Osten schweben. Aber seitdem der weiße Wal zum erstenmal von dem ›Pequod‹ gesichtet war, waren dies die ersten Haie. Ob nun die Mannschaft von Ahab solche tigergelben Barbaren und ihr Fleisch für den Geschmack der Haie angenehmer war; genug, sie folgten dem einen Boot, ohne die anderen zu belästigen.
»Du Mann aus Schmiedestahl!« murmelte Starbuck, als er über die Reling sah und mit seinen Augen das fallende Boot verfolgte. »Kannst du immer noch kühnen Mutes diesen Anblick ertragen? Kannst du unter raubgierigen Haien deinen Kiel herunterlassen und dich von ihnen mit ihren offenen Mäulern auf die Jagd begleiten lassen? Bedenk', daß dies der kritische dritte Tag ist! Wenn man drei Tage mit einer dauernden scharfen Verfolgung verbracht hat, so ist der erste sicherlich der Morgen, der zweite der Mittag und der dritte der Abend – und auch das Ende! Mag es nun ausfallen, wie es will! Ach Gott! Was durchzuckt mich mit einemmal und macht mich so totenstill und doch so erwartungsvoll, gerade, wo ich einem furchtbaren Schauder ausgesetzt bin?!
Dinge der Zukunft schwimmen vor mir her, so wie unausgefüllte Umrisse und Skelette, und die ganze Vergangenheit ist trübe und dunkel geworden. Mary, mein Mädchen! Du vergehst in bleichem Glorienschein hinter mir. Mein Junge!! Es kommt mir so vor, als ob deine Augen wunderbar blau geworden wären. Die merkwürdigsten Fragen des Lebens scheinen klar zu werden, aber die Wolken fegen dazwischen. Ist das Ende meiner Reise nahe? Meine Beine kommen mir so schwach vor, wie bei einem, der den ganzen Tag auf den Füßen gestanden hat. Schlägt mein Herz noch? Raff' dich zusammen, Starbuck! Bewegung, Bewegung, sprich laut! Ihr da, an den Masten oben! Seht ihr die Hand meines Jungen auf der Düne? Verdammt noch mal, ihr dort oben! Habt die Boote scharf im Auge! Gebt gut acht auf den Wal! Ach, schon wieder! Treibt den Seefalken weg! Seht, er zerreißt die Wetterfahne!« Und er wies auf die rote Flagge, die am Hauptmast flatterte. »Ach, er schwebt damit davon! Wo ist der Alte jetzt? Kannst du das sehen? Ach, Ahab, es ist schaurig! Schaurig!«
Die Boote waren noch nicht weit, da erfuhr Ahab von einem Signal von den Mastspitzen, durch einen nach unten zeigenden Arm, daß der Wal untergetaucht wäre. Da er aber beim nächsten Hochgehen in der Nähe desselben sein wollte, hielt er sich ein wenig seitwärts vom Schiff. Die wie von einem Zauber gebannte Mannschaft beobachtete das allergrößte Stillschweigen, als die bis zu den Köpfen schlagenden Wellen gegen den widerstrebenden Schiffsbug hämmerten.
»Versucht nur eure Nägel einzutreiben! Treibt sie bis zu den äußersten Nagelköpfen ein! Ihr schlagt doch nur gegen ein Ding, das keinen Deckel hat! Kein Sarg und keine Totenbahre ist für mich bestimmt, und nur der Hanf kann mich töten! Ha, ha!«
Plötzlich schwollen die Wassermassen um ihn herum langsam zu großen Kreisen an. Dann türmten sie sich schnell auf, als ob sie vor einem eingesunkenen Eisberg seitwärts glitten, der sich eiligst bis zur Meeresoberfläche erhob. Man hörte einen langsamen, krachenden Laut und ein unterirdisches Brummen. Da hielten alle den Atem an. Wie von Schlepptauen und von Harpunen und Lanzen geschleift, kam eine riesige Gestalt schräg aus dem Meer in ihrer ganzen Länge hervorgeschossen. Von einem dünnen herabfallenden Nebelschleier bedeckt, hockte sie einen Augenblick in der regenbogenfarbigen Luft und plumpste dann wieder zurück in die Tiefe. Das Wasser schoß vierzig Fuß hoch wie ein Haufen von Fontänen und zerfiel dann in einen Schauer von Flocken, die die Oberfläche des Wassers ringsum mit neuem Milchschaum bedeckten, so weit sich der marmorfarbene Rumpf des Wales befand.
»Vorwärts!« rief Ahab den Ruderleuten zu, und die Boote schossen zum Angriff vorwärts. Aber von den brennenden Eisen des gestrigen Tages toll geworden, schien Moby-Dick von den gesamten abtrünnigen Engeln des Himmels besessen zu sein. Lange Reihen von verwickelten Seilen gingen über seine breite weiße Stirn unter der durchleuchtenden Haut, als ob sie zusammengestrickt wären. Mit dem Kopf nach vorn wühlte er mit seinem Schwanz das Wasser bei den Booten auf und fuhr wie mit einem Dreschflegel dazwischen. Die Harpunen und Lanzen wurden aus den Booten der beiden Maate geschleudert, und eine Seite des oberen Randes der Schiffsbuge wurde eingeschlagen, aber Ahab kam fast mit heiler Haut davon. Während Daggoo und Queequeg die beschädigten Schiffsplanken verstopften und der Wal von ihnen fortschwamm, eine Wendung machte und eine ganze Flanke zeigte. Als er wieder an ihnen vorbeischoß, ertönte ein kurzer Schrei. Ganz und gar an den Rücken des Wales festgebunden und von den Leinen mehrfach gefesselt, die dieser während der vergangenen Nacht um ihn gewickelt hatte, wurde nun mit einem Male der halbzerrissene Körper des Parsen sichtbar!! Seine schwarzen Kleider waren in Fetzen zerrissen, und seine starren weiten Augen sahen den alten Ahab an.
Als er das sah, fiel ihm die Harpune aus der Hand.
»Ich werde verrückt, verrückt!« Und er atmete lang auf. »Ja, Parse! ich sehe dich wieder. Ja, und du gehst vor mir! und das – ist also die Totenbahre, die du versprochen hast, aber ich halte dich an den genauen Wortlaut deiner Rede. Wo ist die zweite Totenbahre? Fort, Maate, nach dem Schiff! Diese Boote sind jetzt nutzlos! Repariert sie rechtzeitig, wenn es möglich ist – und kehrt zu mir zurück. Wenn nicht, so genügt es, wenn Ahab hier allein stirbt. – Los, Leute, wer zuerst den Versuch macht, aus dem Boot zu springen, in dem ich stehe, den harpuniere ich! Ihr seid nicht etwas anderes! Ihr seid nur meine Arme und meine Beine, und so müßt ihr mir denn gehorchen. Wo ist der Wal? Ist er wieder untergegangen?«
Als ob Moby-Dick entschlossen wäre, mit dem Leichnam zu verschwinden und der Ort des letzten Treffens nur eine Stufe auf seiner Reise an der Leeseite gewesen wäre, schwamm er nun in einem fort wieder vorwärts. Er war beinah an dem Schiff vorbeigekommen, das bisher in der entgegengesetzten Richtung von ihm gesegelt war, obwohl es im gegenwärtigen Augenblick gestoppt hatte. Er schien mit der allergrößten Geschwindigkeit zu schwimmen und nur darauf aus zu sein, geradeswegs in das Meer zu kommen.
»Ach Ahab,« rief Starbuck, »es ist auch jetzt am dritten Tage noch nicht zu spät! Gib es auf! Sieh, Moby-Dick sucht dich nicht! Nur du allein suchst ihn in deinem Wahnsinn!«
Als es in der Richtung des aufkommenden Windes die Segel setzte, wurde das einsame Boot durch seine Ruder und Segel geschwind leewärts getrieben. Als schließlich Ahab neben dem Schiffe herglitt, war er so nahe daran, daß er das Gesicht Starbucks erkennen konnte, der sich über die Reling legte. Er rief ihm zu, er sollte das Schiff beidrehen und nicht so schnell, aber in angemessener Zeit nachkommen.
Als er aufwärts sah, konnte er Tashtego, Queequeg und Daggoo erkennen, die mit großem Eifer nach den drei Mastspitzen kletterten. Zu gleicher Zeit schaukelten die Bootsleute in den angerammten Booten, die gerade an der Seite hochgezogen waren, und waren fleißig bei der Arbeit, sie auszubessern. Als er vorbeiflog, konnte er durch die Stückpforten auch Stubb und Flask flüchtig erkennen, die sich an Deck unter Bündeln von neuen Harpunen und Lanzen zu schaffen machten. Als er diese Dinge sah und die Hammerschläge in den zerbrochenen Booten hörte, kam es ihm vor, als ob in der Ferne andere Hämmer Nägel in sein Herz schlügen. Aber er faßte sich. Und als er jetzt bemerkte, daß die Wetterfahne von der Hauptmastspitze verschwunden war, rief er Tashtego zu, der gerade daran angelangt war, er solle nach unten steigen und eine andere Flagge holen, ebenso einen Hammer mit Nägeln mitbringen und so die Flagge an den Mast nageln.
Ob der weiße Wal von der dreitägigen heißen Jagd und von dem Widerstand ermattet war, den er seinem aus Tauen geflochtenen Korb entgegensetzte, oder ob es die Lust zu täuschen und reine Bosheit war, genug, er ließ nun in seinem geschwinden Tempo nach; wenigstens hatte man von dem Boot, das noch einmal dicht an ihn herankam, diesen Eindruck. Als Ahab über die Wellen glitt, waren noch immer die erbarmungslosen Haifische seine Begleiter; hartnäckig hielten sie sich an sein Boot; unaufhörlich bissen sie nach den ausgelegten Ruderstangen, daß die Ruderblätter ausgezackt und verstümmelt wurden, so daß fast bei jedem Eintauchen kleine Splitter in der See zurückblieben.
»Macht euch daraus nichts! Diese Zähne geben euren Ruderstangen nur neue Ruderlöcher, weiterrudern! Auf den Kiefern des Hais ruht es sich besser als auf dem nachgebenden Wasser.«
»Aber bei jedem Biß werden die dünnen Ruderblätter immer kleiner, Kapitän.«
»Sie werden lange genug halten! Weiterrudern! Aber wer kann sagen,« brummte er, »ob diese Haie zu dem Leichenschmaus des Wals oder zu meinem eigenen kommen, aber weiterrudern! Feste! Wir kommen in seine Nähe! Das Ruder! Fest das Steuer angefaßt!« Und als er das sagte, waren ihm zwei Ruderleute behilflich und brachten ihn vorn in den Bug des immer noch dahinfliegenden Bootes.
Als schließlich das Boot nach einer Seite geworfen wurde und längs der Flanke des weißen Wals trieb, schien es, als ob er merkwürdigerweise gar nicht an eine Vorwärtsbewegung dachte, wie es bei den Walen manchmal geschieht. Ahab befand sich mitten in dem Nebel des rauchenden Berges, der von der Fontäne des Wals ausgeworfen wurde und um seinen großen Höcker herumwirbelte. Er war ganz dicht bei ihm. Da hielt er sich mit gekrümmtem Rücken und mit beiden Armen im Gleichgewicht und schleuderte seine gewaltige Harpune und den bei weitem gewaltigeren Fluch in den Leib des verhaßten Wals.
Als das Eisen und der Fluch tief in seine Fetthülle eindrangen und wie in einem Morast untertauchten, krümmte sich Moby-Dick seitwärts, rollte seine Flanke schmerzverzerrt gegen den Bug und kippte in einem Nu das Boot über, ohne ein einziges Loch hineinzuschlagen. Das geschah so plötzlich, daß Ahab, wenn er sich nicht an dem erhöhten Teil des Dollbords festgehalten hätte, noch einmal in die See geworfen wäre. Aber drei von den Ruderleuten, die den genauen Augenblick des Abwurfs nicht vorhergesehen hatten und daher auf die Wirkungen desselben nicht vorbereitet waren, wurden in einem Bogen hinausgeworfen. Zwei von ihnen konnten sich noch einmal am Dollbord festhalten, und da sie gegen eine verstärkte Welle fielen, die ebenso hoch war, wurden sie wieder in das Boot zurückgeschleudert. Der dritte fiel hilflos an die Heckseite; er blieb aber oben und konnte sich durch Schwimmen halten.
Fast gleichzeitig schoß der weiße Wal mit dem mächtigen Willen einer unabgestuften Geschwindigkeit durch die sich wälzende See. Aber als Ahab dem Steuermann zurief, er solle die Leine aufwickeln und sie festhalten, und der Mannschaft befahl, sie sollten sich auf ihren Sitzen umwenden und das Boot auftauen nach dem Ziel hin, in diesem Augenblick spürte die verräterische Leine die verdoppelte Anspannung und zerriß in der freien Luft!
»Was zerreißt in mir? Irgendeine Sehne ist zerrissen! Ruder her! Ruder!! Fest auf ihn los!«
Als der Wal das furchtbare Krachen im Boot hörte, drehte er sich herum und streckte seine weiße Stirn in Verteidigungsstellung aus. Aber bei dieser Bewegung erblickte er den herankommenden schwarzen Rumpf des Schiffes. Da er in ihm die Ursache seiner Verfolgungen vermutete und des Glaubens war, es wäre ein größerer und edlerer Gegner, ging er mit einemmal auf den vorrückenden Schiffsbug zu, wobei er mit seinen Kiefern gewaltige Massen von Meeresschaum aufwirbelte.
Ahab kam ins Wanken; mit der Hand schlug er sich gegen die Stirn. »Ich werde blind! Hände, streckt euch vor mich aus, daß ich meinen Weg tasten kann! Wird es Nacht?«
»Der Wal! Das Schiff!!« riefen die sich krümmenden Ruderleute.
»Ruder, geht tief ins Meer, daß Ahab, bevor es für immer zu spät ist, das letztemal auf sein Ziel losgleiten kann. Das Schiff, das Schiff, vorwärts, Leute! Wollt ihr mein Schiff nicht retten?«
Aber als die Ruderleute unter der größten Anstrengung das Boot durch die hämmernde See brachten, brachen die vom Wal getroffenen Enden des Bugs mittendurch, und in einem Augenblick lag das zur Zeit kampfunfähige Boot mit den Wellen in gleicher Höhe. Die halb ohnmächtige, im Wasser platschende Mannschaft machte die größte Anstrengung, das Leck zu verstopfen und das eindringende Wasser auszuschöpfen. Inzwischen hielt Tashtego an der Mastspitze den Hammer ununterbrochen in der Hand. Die rote Flagge, die sich wie ein Überwurf um ihn wickelte, flatterte geradeswegs von ihm fort wie das eigene überfließende Herz. Starbuck und Stubb, die auf dem Bugspriet unten standen, erblickten ebenso schnell das auf sie zukommende Ungeheuer.
»Der Wal, der Wal! Das Steuer hoch! Ach, ihr wilden Mächte der Luft, haltet euch dicht an mich! Daß Starbuck nicht stirbt, wenn er einmal sterben muß, wie ein Weib, das ohnmächtig wird. Das Steuer hoch, sage ich, ihr Narren! Seht den Kiefer des Wals da! Ist das das Ende meiner inbrünstigen Gebete? Ist das das Ende der treuen Handlungen meines Lebens? Sieh, Ahab, das ist dein Werk! Sei tapfer, Steuermann, tapfer! Nein, nein! Ich sage dir noch einmal, das Steuer hoch! Er macht eine Wendung, um auf uns loszugehen! Ach, mit seiner rasenden Stirn fährt er auf einen los, dessen Pflichtgefühl ihm sagen kann, daß er nicht ausreißt! Mein Gott, stehe mir nun bei! Ich grinse dich an, grinsender Wal! Wer hat denn Stubb geholfen, oder wer hat Stubb wach gehalten als das eigene Auge, das niemals versagt hat? Und nun soll Stubb auf einer Matratze schlafen gehen, die ein wenig zu weich ist! Ich wollte, sie bestände aus Reisigholz! Ich grinse dich an, grinsender Wal! Seht her, Sonne, Mond und Sterne! Ihr seid die Mörder eines Menschen, wie es nie einen besseren gegeben hat. Deswegen möchte ich mit dir anstoßen, wenn du nur das Glas herumreichen wolltest! Ach, du grinsender Wal, es wird bald sehr viel zu schlucken geben! Warum flieht Ihr nicht, Ahab! Was mich angeht, so heißt es jetzt, Schuhe und Jacke ausgezogen. Stubb will in seinen Hosen sterben! Es ist aber ein gewürzter und reichlich gesalzener Tod!! Kirschen her! Kirschen, Kirschen!! Ach, Flask, wenn wir doch eine einzige rote Kirsche hätten, bevor wir sterben!«
»Kirschen? Ich wollte, daß wir dort wären, wo sie wachsen. Ach, Stubb, ich hoffe, meine arme Mutter hat schon meinen Anteil abgehoben; wenn nicht, so werden jetzt wenige Pfennige für sie abfallen, denn die Reise ist nun vorbei.«
Von den Bugen des Schiffes hingen nun fast alle Matrosen schlaff herab. Hämmer, Plankenstücke, Lanzen und Harpunen wurden gedankenlos in ihren Händen gehalten, und es sah aus, als ob sie gerade ihre verschiedenen Beschäftigungen unterbrochen hätten. Ihre wie von einem Zauber erstarrten Augen ruhten auf dem Wal, der von einer Seite nach der anderen auf so seltsame Weise seinen alles vorher bestimmenden Kopf schwingen ließ und einen breiten Strom von alles überspritzenden Schaum vor sich herschickte. Vergeltung, eilige Rache, ewige Bosheit drückten sich in seinem ganzen Anblick aus, und unbekümmert von dem, was ihm sterbliche Menschen antun könnten, zerschellte er mit dem gewaltigen weißen Strebepfeiler seiner Stirn den Steuerbordbug des Schiffes, bis Menschen und Holzteile taumelten. Einige fielen direkt auf das Gesicht; wie lose Flaggenknöpfe wackelten die Köpfe der Harpuniere an ihrem Genick. Und durch die Brandung hörten sie, wie das Wasser eindrang, so wie Gebirgsströme in einen schmalen Wasserlauf hinunterstürzen.
»Das Schiff! Die Totenbahre! Die zweite Totenbahre!« rief Ahab vom Boot aus. »Das Holz konnte nur amerikanisches sein!« Der Wal tauchte unter das Schiff und schwamm mit zitternder Bewegung unter dem Kiel desselben entlang. Als er sich unter dem Wasser umgewandt hatte, schoß er geschwind wieder an die Meeresoberfläche in ziemlicher Entfernung von dem anderen Bug, aber immerhin noch in einiger Entfernung von einigen Yards von Ahabs Boot, wo er eine Zeitlang ruhig liegenblieb.
»Ich wende mich von der Sonne ab. Aber Tashtego, warum höre ich denn deinen Hammer nicht? Ach, ihr drei Schiffstürme, die ihr euch nie ergeben habt! Du Kiel, der du nie gekracht hast, und du Schiffsrumpf, dem nur ein Gott gefährlich werden konnte! Du festes Deck, und du hochgemutes Steuer! Du, wie ein Pol in die Gegend zeigender Bug! Du, wenn auch dem Tode geweihtes herrliches Schiff! Sollt ihr denn untergehen ohne mich? Hat man mir denn den letzten Stolz des gemeinsten schiffbrüchigen Kapitäns genommen? Welch einsamer Tod nach einem so einsamen Leben! Jetzt fühle ich, daß meine allergrößte Stärke in meinem größten Schmerz liegt. So strömt denn rein mit euren weitesten Sätzen, ihr kühnen Wellen meines ganzen vorangegangenen Lebens und türmt euch zu der letzten Sturzwelle meines Todes zusammen! Auf dich wälze ich mich zu, der du alles vernichten, aber nicht besiegen kannst! Bis zum letzten will ich mit dir ringen! Mit einem Herzen, das mit Höllengedanken erfüllt ist, steche ich nach dir! Weil ich dich hasse, speie ich dir meinen letzten Atem entgegen! Wenn auch alle Särge und alle Totenbahren in einem gemeinen Pfuhl versinken, und da diese nicht für mich bestimmt sind, so will ich denn, wenn ich dich jage, und wenn ich auch mit dir verbunden bin, dich verfluchten Wal, in Stücke reißen! Und so lasse ich denn meinen letzten Speer fallen!«
Die Harpune wurde geschleudert. Der getroffene Wal flog weiter. Die Leine sauste mit heißer Geschwindigkeit durch die Rinne und ging fehl. Ahab bückte sich, um sie klarzumachen, und es gelang ihm, aber das fliegende Ende verfing sich und ging ihm um den Hals. Und lautlos, so wie die türkischen Totenwärter ihr Opfer erdrosseln, wurde er aus dem Boot gerissen, bevor die Mannschaft begriff, daß er verloren war. Im nächsten Augenblick ging die schwere Schleife des Seilendes aus der stark abgewickelten Seiltrommel, schlug einen Bootsmann nieder, klatschte gegen die See und verschwand in der Tiefe.
Einen Augenblick lang stand die im Erstarrungszustand befindliche Mannschaft still, dann wandte sie sich um. »Wo ist das Schiff? Um's Himmels willen, wo ist das Schiff?« Bald sahen sie durch trübe, beunruhigende Luft hindurch ein seitlich dahinschwimmendes Phantom wie bei einer gasförmigen Fata Morgana. Nur die höchsten Enden der Mäste standen aus dem Wasser hervor. Erstarrt hielten die heidnischen Harpuniere aus Eitelkeit, aus Treue oder aus Schicksalsergebenheit auf ihren einstmals so hohen Sitzen aus, die nun in die See sanken. Nun faßten konzentrische Ringe das übriggebliebene Boot und die ganze Mannschaft; jede Ruderstange, jeder Lanzenschaft und jedes belebte und unbelebte Wesen wurde nun in einen Strudel gezogen, und langsam kam der kleinste Überrest vom »Pequod« außer Sicht.
Aber als die Flut allmählich über den gesunkenen Kopf des Indianers am Hauptmast zu schlagen drohte, blieben noch ein paar Zoll der emporgerichteten Spiere sichtbar, wie auch von den langen flackernden Yards der Flagge, die in aller Ruhe mit ironischer Begleitung über den verheerenden Wellen wogte, die sie fast berührten. In demselben Augenblick wurden ein roter Arm und ein Hammer an der Backbordseite in die offene Luft gehoben, der sich alle Mühe gab, die Flagge an der nachgebenden Spiere immer fester zu schlagen. Ein vom Himmel kommender Seefalke, der höhnischerweise dem Flaggenknopf am Hauptmast von seiner natürlichen Heimat unter den Sternen nach unten gefolgt war, hackte an der Flagge und belästigte dort Tashtego. Dieser Vogel schlug nun mit seiner breiten, flatternden Schwinge zwischen den Hammer und das Holz. Vielleicht fühlte der untergetauchte Wilde darunter zu gleicher Zeit den ätherischen Schauer, und so hielt er denn in der Umklammerung des Todes seinen Hammer mit eingefrorener Faust fest. Der Vogel des Himmels stieß mit erzengelhaften Rufen und seinem majestätischen Schnabel nach oben, wobei er mit seiner ganzen Gestalt in der Flagge Ahabs eingeschlossen und gefangen war. So ging er denn mit dem Schiff unter, das wie Satan nicht zur Hölle sinken wollte, ohne daß es ein lebendes Stück Himmel mit in die Tiefe gerissen und damit sein Haupt bedeckt hätte.
Nun flogen kleine Vögel schreiend über den Schlund, der sich noch immer weit auftat. Eine weiße Brandung schlug mürrisch gegen die steilen Ufer derselben. Dann krachte alles zusammen, und das große Leichentuch des Meeres rollte weiter, wie es schon vor fünftausend Jahren gerollt war.
Epilog
»Und ich bin allein entkommen, um es dir zu sagen.«
Hiob.
Das Drama ist zu Ende. Wozu will denn einer noch weitergehen? Weil ein einziger das Wrack überlebt hat.
Das ging so zu. Nach dem Untergang des Parsen war ich derjenige, den das Schicksal dazu bestimmte, den Platz des Bootsmannes von Ahab auszufüllen. Ich war derselbe, der am Heck niederging, als an dem letzten Tage die drei Leute aus dem schaukelnden Boot geworfen wurden. Angesichts der darauffolgenden Szene, als die saugende Bewegung des Meeres, die das versunkene Schiff schon verschlungen hatte, an mich herankam, wurde ich langsam auf den Strudel zugezogen, der allem ein Ende machte. Als ich ihn erreicht hatte, war ein schäumender Pfuhl an die Stelle getreten; so bewegte ich mich denn um die Achse des sich langsam drehenden Kreises auf die knopfartige schwarze Wasserblase zu wie ein zweiter Ixion. Bis dann schließlich die schwarze Wasserblase, als sie gegen das lebendige Zentrum stieß, oben barst. Ich war nun infolge dieses günstigen Umstandes befreit und dank der Tatsache, daß der zur Rettungsboje umgeformte Sarg infolge seines leichten Auftriebs der Länge nach aus dem Meer hervorgeschossen kam, überkippte und neben mir hertrieb. Als ich von jenem Sarg gerettet war, trieb ich fast einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf einem unruhigen und grabähnlichen weiten Meer umher.
Die Haifische taten mir nichts und glitten an mir vorüber, als ob sie Schlösser vor ihren Mäulern hätten. Die wilden Seefalken flogen vorbei, als ob ihre scharfen Schnäbel in der Scheide steckten. Am zweiten Tage kam ein Segler heran und nahm mich schließlich auf. Es war die in falschen Zonen kreuzende »Rachel«, die auf der immer noch währenden Suche nach ihren verlorengegangenen Kindern nur ein anderes Waisenkind fand.
Ende.
Wortableitung
(Zusammengestellt von einem kürzlich verstorbenen schwindsüchtigen Hilfslehrer an einer Lateinschule.)
Den bleichen Hilfslehrer, an dem alles fadenscheinig war, der Rock, das Herz, der Körper und das Gehirn, sehe ich noch vor mir. Fortwährend staubte er seine alten Lexika und Grammatikbücher mit einem sonderbaren Taschentuch ab, das wie zum Schabernack mit den lustigsten Flaggenzeichen aller bekannten Völker der Welt verziert war. Er war in seine alten Grammatikbücher mitsamt dem Staub verliebt, der ihn feinfühlend wohl an die eigene Sterblichkeit erinnerte.
Wenn du dich dessen befleißigst, anderen etwas beizubringen und du den Namen »Whale« (Walfisch) dem Ursprung nach erklären willst und den Buchstaben »h«, der allein den Bedeutungsgehalt des Wortes ausmacht, wider besseren Wissens ausläßt, so tust du etwas, was der Wahrheit nicht gemäß ist.
Hackluyt.
»Whale« (Walfisch)... Schwedisch und dänisch »hval«. Dieses Tier ist nach seiner runden Gestalt und seiner wälzenden Bewegung so genannt, denn im Dänischen ist »hvalt« etwas Bogenförmiges und Gewölbtes.
Webster's Dictionary.
»Whale« (Walfisch)... Es hängt unmittelbar mit dem holländischen und deutschen »Wallen« zusammen. Angelsächsisch »Walwian« = »rollen, sich wälzen«.
Richardson's Dictionary.
| hebräisch | |
| Hwal | schwedisch |
| χητος | griechisch |
| Whale | isländisch |
| Cetus | lateinisch |
| Whale | englisch |
| Whael | angelsächsisch |
| Baleine | französisch |
| Hvalt | dänisch |
| Ballena | spanisch |
| Wal | holländisch |
| Piki-Nui-Nui | Fidschi |
Auszüge aus der Literatur, den Walfisch betreffend.
(Zusammengestellt von einem Unterbibliotheksgehilfen.)
»Und Gott schuf große Walfische.«
Genesis.
»Leviathan machte einen Weg, der hinter ihm leuchtete, so daß man hätte meinen können, die Tiefe sei mit Reif bedeckt.«
Hiob.
»Da fahren die Schiffe, und da ist Leviathan, den du geschaffen hast, um im Meer zu spielen.«
Psalm
»Und was auch immer in den Bereich des Chaos des Maules von diesem Ungeheuer kommt, sei es ein Tier, Boot oder Stein, geht mit seinem großen Schlund vereint herunter und kommt in dem grundlosen Golf seines Morastes um.«
Hollands »Moralischer Plutarch«.
»Das indische Meer ernährt die gewaltigsten Fische, die es überhaupt gibt: unter ihnen fassen die Wale und Strudelfische, genannt Baleine, an Länge ungefähr vier Acker Land.«
Hollands »Plinius«.
»Er besuchte auch unser Land in der Absicht, Roß-Wale zu fangen, die Gebein von sehr großem Wert wegen ihrer Zähne hatten. Einige davon wurden dem Könige gebracht. Die besten Wale wurden in seinem eigenen Lande gefangen, von denen einige achtundvierzig, andere fünfzig Yards lang waren. Er sagte, er wäre einer von den sechsen, die sechzig Stück in zwei Tagen getötet hätten.«
Wortgetreue Geschichten des Königs Alfred (aus dem Jahre 890 n. Chr.), auf Grund von Berichten anderer oder von ihm selbst erzählt.
»Und während alle anderen Dinge, sei es Tier oder Schiff, die in dem entsetzlichen Rachen dieses Ungeheuers (des Wales) hineingelangen, im Nu verloren sind und verschlungen werden, zieht sich der See-Gründling in großer Sicherheit dorthin zurück und hält dort seinen Schlaf.«
Montaigne, Apologie für Raimond Sebond.
»Die Leber dieses Wales umfaßte zwei Karrenladungen.«
Stowe's Annalen
»Der große Leviathan läßt die Meere sieden wie Schmelzpfannen.«
Lord Bacons Version der Psalmen.
»Ganz wie ein Walfisch.«
Hamlet (Shakespeare).
»Unendlich stark wie Wale, deren Riesenkörper bei einer friedlichen Stille den Ozean aufrühren können, bis er kocht.«
Sir William Davenant, Vorrede zu Gondibert.
»Talus bei Spencer mit dem Flegel schlägt; Der Wal den Schwanz dazu gebrauchen pflegt. So erliegt er denn des Speers Gewalt, Und auf dem Rücken ist ein ganzer Piken-Wald.«
Waller's, Schlacht bei den Summer Islands.
»Der böse Mansoul verschlang ihn, ohne zu kauen, als ob er eine Sprotte im Maul des Wales gewesen wäre.«
Pilgrimms Progress.
»Dem Vorgebirge gleich Streckt Leviathan, das größte lebende Geschöpf Sich in das Meer und hält dort seinen Schlaf. Und wenn er schwimmt, ist's wie ein fließend Land. Ein ganzes Meer wird ein- und ausgeatmet.«
Milton, »Das verlorene Paradies«.
»Dicht vor des Vorgebirges Spitzen Liegt beutelauernd Leviathan; Wenn Fische in den weiten Rachen flitzen, Sind sie des Wahns, es wär' der Ozean.«
Dryden, Annus Mirabilis.
»Unterwegs sahen sie viele Wale, die im Ozean ihren Mutwillen trieben und vor lauter Übermut das Wasser durch ihre Röhren und Ausgänge ausspritzen, die die Natur ihren Schultern verliehen hat.«
Sir Herberts Reisen nach Asien und Afrika.
»Wir gingen von der Elbe unter Segel mit dem Winde nordost, und fuhren auf einem Schiff, das ›Jonas im Walfischbauch‹ genannt wurde. Einige sagen, der Wal könnte das Maul nicht aufkriegen, aber das ist eine Fabel ... Oftmals klettern sie auf die Maste, um zu sehen, ob sie einen Wal sichten können; denn wer ihn zuerst sieht, bekommt für seine Mühe einen Dukaten ...
Ich hörte von einem Wal, der bei den Shetland-Inseln gefangen wurde und mehr als ein Faß Heringe im Bauch hatte ...
Einer von unseren Harpunieren erzählte mir, daß er mal in Spitzbergen einen Wal gefangen hätte, der über und über weiß gewesen wäre ...«
Eine Reise nach Grönland. A.D. 1671, von Harris Coll.
»Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, den Spermacetti-Wal zu bezwingen und zu töten; denn ich habe nie davon gehört, daß ein solcher von einem Menschen getötet wäre, so groß ist seine Wildheit und Geschwindigkeit.«
Richard Straffors's Brief von den Bermudas. Phil. Trans. 1668.
»Wir sahen einen solchen Überfluß von großen Walen, und es ist wohl hundert gegen eins zu wetten, daß es in den südlichen Meeren viel mehr Wale gibt, als wir in den angrenzenden nördlichen Meeren haben.«
Kapitän Cowley's Reise um die Welt im Jahre 1729.
»... Der Atem des Wales ist manchmal von solch einem unerträglichen Geruch begleitet, daß er im Gehirn Störungen anrichtet.«
Ulloas, Südamerika.
»Wenn wir die Landtiere in bezug auf ihre Größe mit denen vergleichen, die sich in den tiefen Meeren aufhalten, so werden wir finden, daß sie bei dem Vergleich schlecht wegkommen. Der Wal ist ohne Frage das größte Tier, das überhaupt geschaffen ist.«
Goldsmith, Naturgeschichte.
»Am Nachmittage sahen wir etwas, das wie ein Felsen aussah, aber es stellte sich heraus, das es ein toter Wal war, den einige Asiaten getötet hatten und an Land zu bringen suchten. Sie gaben sich anscheinend alle Mühe, sich hinter dem Wal zu verstecken, um es zu vermeiden, daß wir sie sähen.«
Cooks Reisen.
»Der Spermacetti-Wal, der von den Nantucketern aufgesucht wird, ist ein lebhaftes, wildes Tier und erfordert bei den Fischern unglaubliche Geschicklichkeit und Kühnheit.«
Thomas Jefferson's Walfisch-Memorial an den Franz. Minister im Jahre 1778.
»Und gestatten Sie, mein Herr, gibt es auf der Welt etwas, das dem gleich wäre?«
Edmund Burks Anspielung auf die Walfischerei von Nantucket im Parlament.
»Spanien ist wie ein großer Wal, der an den Gestaden Europas gestrandet ist.«
Edmund Burk.
»Ein Zehntel des gewöhnlichen Einkommens des Königs, das, wie man sagt, für den Schutz der Meere gegen Seeräuber verwandt wird, kommt aus den Gerechtsamen der Königsfische, zu denen der Wal und der Stör gehören. Wenn diese an Land geworfen oder in der Nähe der Küste gefangen werden, sind sie Eigentum des Königs.«
Blackstone.
»Zehn oder fünfzehn Gallonen Blut werden bei einem einzigen Schlage aus dem Herzen ausgestoßen, mit ungeheurer Geschwindigkeit.«
John Hunter's Bericht über die Sektion eines Walfisches (von kleiner Größe).
»Die Hauptschlagader eines Wales ist im Kaliber größer als das Hauptrohr der Wasserwerke an der London-Bridge, und das Wasser, das brüllend durch dieses Rohr einströmt, ist wegen seiner rasenden Geschwindigkeit nicht mit dem Blut zu vergleichen, das aus dem Herzen des Wales hervorschießt.«
Paley's Theologie.
»Großes Lob sing ich Dem Flossenvolk-König! Tief im weiten Atlantik Sah ich den Wal nicht so mächtig, Und ist auch im Polar-Meer kein Fisch So fett und so kriegerisch!«
Charles Lamb, »der Triumph des Wales«.
»Ich baute eine Hütte für Susan und für mich und machte ein Tor von der Form eines gotischen Bogens und richtete die Kieferknochen eines Wales auf.«
Hawthorne, »Geschichten, die zweimal erzählt wurden«.
»Nein, Kapitän, das ist ein gewöhnlicher Wal«, antwortete Tom. »Ich hab' seine Fontäne gesehen; er warf ein paar hübsche Regenbogen in die Luft, so wie sie sich ein Christ nur wünschen kann. Er hat ein richtiges Faß Öl bei sich, dieser Bursche!«
Coopers, Lotse.
»Die Zeitungen wurden hereingebracht, und wir sahen in einer Berliner Zeitung, daß man dort Walfische in den Schaubuden zeigte.«
Eckermanns Gespräche mit Goethe.
»Auf Nachtwach' saß mal ein Matros';
Es blies ein kräftiger Wind.
Das Mondlicht war mal hell, mal fahl,
Da kam im Phosphorschein ein Wal
Und zog des Wegs geschwind.«
Elisabeth Oakes Smith.
»Der Cachalot (Pottwal) ist nicht nur besser bewaffnet als der richtige Wal (der Grönlands- oder gewöhnliche Wal), da er an beiden Körperenden eine mächtige Waffe besitzt, sondern er zeigt auch viel häufiger sein Geschick darin, diese Waffen beim Angriff zu verwenden. Und das in einer so kunstvollen, verwegenen und unheilvollen Art und Weise, daß man geneigt ist, ihn als den gefährlichsten von allen bekannten Walarten überhaupt anzusehen, die man angreifen kann.«
Frederick Debell Bennett's Walreise um die Welt 1840.
»Als er mal von einem Wale, den er verwundet hatte, verfolgt wurde, wehrte er den Angriff eine Zeitlang mit einer Lanze ab. Aber schließlich stürmte das wütende Ungeheuer auf das Boot los; er und seine Kameraden konnten nur dadurch gerettet werden, daß sie ins Wasser sprangen, als sie sahen, daß der Angriff nicht zu vermeiden war.«
Aus dem Tagebuch eines Missionars von Tyrmann und Bennett.
»Nantucket,« sagte Mr. Webster, »bildet einen hervorragenden Teil unserer nationalen Interessen. Dort lebt eine Bevölkerung von acht- oder neuntausend Menschen auf der See und erhöht in jedem Jahr das Nationalvermögen ganz beträchtlich durch das kühnste Gewerbe, das zu gleicher Zeit die größte Ausdauer erfordert.«
Bericht der Rede des Daniel Webster im Senat, als es sich darum handelte, bei Nantucket einen Wellenbrecher zu errichten. 1828.
»Die Reisen der Holländer und Engländer in dem nördlichen Ozean hatten den Zweck, eventuell eine Durchfahrt nach Indien zu entdecken; wenn auch der Hauptzweck mißlang, so legten sie doch die Wohnbezirke des Wales frei.«
Handels-Wörterbuch von Mc Culloch.
»Diese Dinge waren rückwirkend; denn wie der Ball zurückspringt, um noch einmal vorwärts zu springen, so legten nun die Walfischer die Wohnbezirke des Wales frei und wirkten indirekt mit bei der Entdeckung der mystischen nordwestlichen Durchfahrt.«
Aus etwas Unveröffentlichtem..
»Die Fußgänger in der Umgebung von London und sonstwo werden sich vielleicht erinnern, daß sie große, gebogene Knochen, die in der Erde aufgerichtet waren, gesehen haben, die als Bogen über Toreingängen oder als Eingänge zu Grotten dienten. Vielleicht hat man ihnen gesagt, daß dies Walfischrippen waren.«
Erzählungen eines Walreisenden in den arktischen Meeren.
»Es ist allgemein bekannt, daß von der Mannschaft der Walfischer (der amerikanischen) immer nur wenige an Bord der Schiffe zurückkehren, von denen sie ausgegangen sind.«
Kreuzfahrt in einem Walfischboot.
»Plötzlich ragte eine Riesenmasse aus dem Wasser hervor und schoß wie ein Pendel durch die Luft. Es war der Wal.«
Ein Kapitel über den Walfischfang.
»Alle an's Heck!« rief der Maat aus und erkannte, als er den Kopf umwandte, die aufgeklafften Kiefer eines großen Pottwales, der dicht vorn am Boot war und es mit sofortiger Vernichtung bedrohte. »Alle an's Heck, es geht um's Leben!«
Wharton, der Walfischjäger.
»Habt frischen Mut und laßt mir nur das Klagen;
Der Harpunier ist ein verwegener Mann,
Der wird schon den Wal erjagen.«
Ein Lied aus Nantucket.
»Ja, der alte Wal, ist bei aller Gefahr,
In dem Ozean Herr des gesamten Heeres;
Er ist ein Riese an Macht, und wer die Macht hat, der hat Recht.
Er ist der König des unendlichen Meeres.«
Walfischlied.
