Stolz und Vorurteil von Jane Austen

Pride and Prejudice

Buchumschlag von Stolz und Vorurteil von Jane Austen
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7 Std. 54 Min.

Übersetzer: Louise Marezoll

Land: Englische

Epoche: 19. Jahrhundert

Jahr: 1813

Genre: Roman

Thema: Liebe, Gesellschaft, Ehe, Vorurteile

Stolz und Vorurteil von Jane Austen beschreibt die Entwicklung der Beziehung zwischen Elizabeth Bennet und dem wohlhabenden Mr. Darcy. Anfangs stehen Vorurteile und Missverständnisse zwischen ihnen. Elizabeth hält Darcy für arrogant, während er sie unterschätzt. Im Verlauf der Handlung ändern beide ihre Sichtweisen durch neue Erkenntnisse. Parallel werden auch andere Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen dargestellt. Intrigen und Fehlentscheidungen beeinflussen das Leben der Figuren. Schritt für Schritt wächst gegenseitiger Respekt und Verständnis. Am Ende finden Elizabeth und Darcy zueinander. Der Roman zeigt, wie wichtig Selbstreflexion und Überwindung von Vorurteilen sind.

Erster Theil

Erstes Capitel

Nichts ist leichter vorauszusetzen, als daß ein junger, reicher, unverheiratheter Mann vor allen andern Dingen eine Frau bedarf.

So wenig nun auch die Bewohner der Grafschaft Hertfordshire von den Neigungen und Aussichten eines solchen, eben unter ihnen auftretenden fremden Mannes wußten und wissen konnten, hatte sich obige Voraussetzung dennoch der Gemüther der ganzen Nachbarschaft dergestalt bemeistert, daß man ihn schon als das rechtmäßige Eigenthum dieser oder jener ihrer Töchter betrachtete.

»Lieber Bennet! weißt Du schon, daß Netherfield-Park nun endlich verpachtet ist?« Mit dieser Frage leitete Mrß. Bennet eines Tages die Unterhaltung ein.

»Nein!«

»Ja, so ist es. Mrß. Long war so eben hier, mir die Neuigkeit mitzutheilen.«

Herr Bennet schwieg.

»Verlangt Dich nicht zu wissen,
wer es gepachtet hat?« rief die Frau mit einiger Ungeduld.

»Dich verlangt darnach, mir es zu erzählen. Wohlan! ich bin zum Hören bereit.«

»Nun so höre denn. Am Montag ist ein junger, reicher Mann aus dem nördlichen England in einem vierspännigen Wagen nach Netherfield gekommen, hat das Gut besehen und so viel Wohlgefallen daran gefunden, daß er auf der Stelle mit Herrn Morris einig geworden. Noch vor Michaelis wird er Besitz davon nehmen, und ein Theil seiner Leute schon zu Ende nächster Woche im Hause eintreffen.«

»Wie heißt er?«

»Bingley.«

»Ist er verheirathet oder unverheirathet?«

»O natürlich unverheirathet, und reich. Vier bis fünftausend jährlich. Welch eine schöne Aussicht für unsre Töchter!«

»Wie so! Was können die mit seinem Reichthum zu thun haben?«

»Mein Gott! welch eine abgeschmackte Frage! So wisse denn, daß ich gesonnen bin, eine meiner Töchter mit Herrn Bingley zu verheirathen.«

»Ist dieß der Zweck seiner Niederlassung in hiesiger Gegend?«

»Zweck? Unsinn, wie kannst Du nur so schwatzen! Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, daß unsre Töchter ihm vor allen andern jungen Damen in der Nachbarschaft gefallen werden; und deshalb mußt Du ihn besuchen, so bald er angekommen ist.«

»Dazu sehe ich keinen Grund. Du magst mit den Mädchen hingehen, oder sie allein hinschicken, was vielleicht noch rathsamer sein möchte: denn da Du es im Punkte der Schönheit immer noch mit ihnen aufnimmst, könnte sich der unglückliche Fall ereignen, daß Du Herrn Bingley am Besten gefielst.«

»Wozu die unzeitige Schmeichelei! Ich habe mich früher allerdings einiger Schönheit rühmen können, doch solche Ansprüche längst schon aufgegeben. Eine Mutter von fünf erwachsenen Töchtern darf nicht mehr an ihre eigene Schönheit denken!«

»Und es wird wenige Frauen geben, die in diesen Jahren noch Ursache dazu haben.«

»Schon gut, liebster Mann! Aber Du mußt nicht versäumen, Herrn Bingley Deine Aufwartung zu machen, sobald er in Netherfield angekommen.«

»Das will ich nicht versprechen.«

»Bedenke nur Deine Töchter und welche Versorgung einer von ihnen daraus entstehen kann. Sir William und Lady Lukas sind auch entschlossen, ihm aufzuwarten, bloß aus diesem Grunde; denn Du weißt, daß sie sonst keinem neuen Ankömmling den ersten Besuch zu machen pflegen. Also darfst Du auch nicht zurückbleiben – und für uns würde es sich doch warlich nicht schicken, ihn aufzusuchen.«

»Liebe Frau! Du bist in diesem Punkt wirklich zu scrupulös. Ich bin überzeugt, Herr Bingley wird sich sehr freuen, Dich zu sehen; und ich will Dir einige Zeilen an ihn mit geben, worin ich ihm im Voraus meiner vollkommenen Zustimmung zu seiner Verheirathung, mit welcher von meinen Töchtern es ihm gefällt, versichern; obgleich ich ein gutes Wort für meine kleine Lizzy einlegen möchte.«

»Dergleichen muß ich mir verbitten. Lizzy ist nicht im Mindesten besser als die Andern: im Gegentheil nicht halb so schön wie Johanne, und nicht halb so aufgeweckt und lustig wie Lydie. Aber ich weiß, Du giebst ihr immer den Vorzug.«

»Keine ihrer Schwestern zeichnet sich durch irgend etwas aus. Sie sind nicht minder einfältig und unwissend wie alle die andern jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Lizzy aber hat mehr Verstand und Einsicht.«

»Bennet, wie kannst Du Deine eigenen Töchter so herabsetzen! Es macht Dir Freude, mich zu kränken. Du hast kein Mitleid mit meinen armen Nerven.«

»Bitte um Vergebung! ich habe den größten Respekt vor Deinen Nerven. Wie sollte ich auch anders! Es sind ja meine alten Bekannten, die ich wenigstens 20 Jahre in dieser Beziehung habe von Dir nennen hören.«

»Ach, Du weißt nicht, was ich leide!«

»Aber ich hoffe, Du wirst es überstehen, und lange genug leben, um noch mehr junge, reiche Männer in unsre Nachbarschaft einziehen zu sehen.«

»Und was könnte es mir helfen, wenn auch noch zwanzig solcher Phönixe kämen, da Du sie nicht besuchen willst.«

»Verlaß Dich darauf, daß ich sie alle besuchen werde, sobald die Zahl zwanzig nur erst voll ist.«

Herr Bennet war eine so seltsame Mischung von Lebhaftigkeit, sarkastischer Laune, Zurückhaltung und Eigensinn, daß eine drei und zwanzigjährige Erfahrung nicht hinreichte, die Gattin mit seinem Charakter bekannt zu machen. Der ihrige war leichter zu ergründen. Sie war eine Frau von geringem Verstand, wenig Bildung und ungleichem Temperament. Bei der geringsten Unzufriedenheit hielt sie sich für nervenschwach. Das Geschäfft ihres Lebens war, ihre Töchter zu verheirathen, ihre größte Freude Gesellschaften und Neuigkeiten.

Zweites Capitel

Bennet war einer der Ersten, welcher dem neuen Ankömmling die Aufwartung machte, und obgleich dieß vom Anfang an sein Vorsatz gewesen, hatte er doch nicht unterlassen, seine Frau fortwährend vom Gegentheil zu versichern, so daß sie am Abend, nachdem der Besuch schon so abgestattet war, noch nichts davon wußte. Um sie auf eine überraschende Weise davon in Kenntniß zu setzen, wandte er sich an Elisabeth, die mit der Ausschmückung eines Huts beschäfftigt war, und sagte –

»Lizzy! ich hoffe, Herr Bingley wird diesen Hut geschmackvoll finden.«

»Wir haben keine Aussicht, Herrn Bingley's Geschmack auf die Probe zu stellen,« entgegnete die Mutter empfindlich, »da wir nicht erwarten können, einen Besuch von ihm zu erhalten.«

»Aber Mama, Sie vergessen« – sagte Elisabeth – »daß wir ihn in den Gesellschaften sehen werden, und daß Mrß. Long versprochen hat, ihn uns vorzustellen.«

»Ich zweifle, ob Mrß. Long es thun wird; sie hat selbst zwei Nichten und ich kenne sie als eine eigennützige, heuchlerische Frau.«

»Auch ich möchte an ihrer Bereitwilligkeit zweifeln.« sagte Bennet, »und freue mich deshalb, daß Ihr diesen Liebesdienst nicht von ihr zu erbitten nöthig habt.«

Mrß. Bennet würdigte ihn keiner Antwort; doch unfähig ihren Unmuth länger zu verbergen, wandte sie sich zu Kitty, und rief –

»Ums Himmelswillen höre auf zu husten! Habe Erbarmen mit meinen Nerven. Du zerreißest sie in Stücken.«

»Kitty hat ihren Husten nicht gut gezogen,« sagte der Vater, »er kömmt immer zur Unzeit.«

»Ich huste nicht zu meinem Vergnügen,« erwiederte Kitty ärgerlich. »Lizzy, wann wird der nächste Ball sein?«

»Morgen über vierzehn Tage.«

»Ja, so ist es!« rief die Mutter, »und da Mrß. Long erst den Tag vorher zurückkommt, kann sie ihn freilich nicht bei uns einführen.«

»Dann, meine Liebe, steht Dir das Glück bevor, Herrn Bingley Deiner Freundin vorzustellen.«

»Unmöglich! rein unmöglich, wenn ich ihn selbst noch nicht kenne! Wie kannst Du mich so quälen?«

»Ich ehre Deine Vorsicht. Eine vierzehntägige Bekanntschaft ist allerdings sehr kurz, nicht hinreichend die Vorzüge und Fehler eines Mannes gründlich kennen zu lernen. Aber wenn wir es nicht wagen, thun es Andere; und Mrß. Long und ihre Nichten müssen es darauf ankommen lassen, von irgend einem andern Bekannten vorgestellt zu werden. Wenn Du ihr daher diesen Freundschaftsdienst abschlägst, bin ich entschlossen, ihr ihn selbst zu leisten.«

Die Töchter sahen ihren Vater voll Erstaunen an. Mrß. Bennet rief – »Unsinn! Unsinn!«

»Was soll dieser nachdrückliche Ausruf bedeuten?« fragte er. »Betrachtest Du den Gebrauch der Vorstellung und Einführung, und das Gewicht was darauf, gelegt wird, als Unsinn? Hierin stimme ich nicht ganz mit Dir überein. Was sagst Du dazu, Marie? denn ich weiß, Du bist eine junge Dame von tiefer Gelehrsamkeit, die in dicken Büchern liest und Auszüge daraus macht.«

Marie wünschte etwas sehr Verständiges zu sagen, wußte aber nicht was.

»Laßt uns, während Marie ihre Ideen ordnet, zu Herrn Bingley zurückkehren,« fuhr der Vater Fort.

»Ich mag nichts mehr von Herrn Bingley hören!« rief Mrß. Bennet.

»Das thut mir sehr leid. Ich wollte, ich hätte dieß früher gewußt, wenigstens diesen Morgen, bevor ich ihm meinen Besuch gemacht. Es ist mir wirklich höchst unangenehm: denn da dieser erste Schritt nun ein Mal geschehen ist, können wir eine nähere Bekanntschaft mit ihm nicht mehr vermeiden.«

Das Erstaunen der Damen war gerade, was er wünschte; Mrß. Bennet übertraf ihre Töchter noch darin; obgleich sie, nachdem der erste Tumult der Freude vorüber war, wiederholt versicherte, daß sie nichts anderes von ihm erwartet hätte.

»Nun, Kitty, kannst Du wieder husten, so viel es Dir gefällt,« sagte Bennet und verließ, ermüdet durch der Gattin laute Ausbrüche des Entzückens, das Zimmer.

»Kinder! welch einen vortrefflichen Vater habt Ihr!« rief die Mutter. »Ich weiß nicht, wie Ihr ihm diese Güte vergelten wollt, und auch mir: denn in unsern Jahren, müßt Ihr wissen, sind neue Bekanntschaften keine Freude mehr; und nur Eurentwegen entschließen wir uns dazu, wie zu manchen andern Dingen. Meine liebe Lydia! Du bist zwar die Jüngste, doch bezweifle ich nicht, daß Herr Bingley auf den nächsten Ball zuerst mit Dir tanzen wird.«

»O!« entgegnete Lydia stolz,« deshalb ist mir nicht bange. Denn bin ich gleich die Jüngste, so bin ich doch auch die Schlankeste«

Der Rest des Abends ward in Vermuthungen, wie bald Herr Bingley den Besuch erwiedern, und wie bald man ihn zum Mittagessen einladen könnte, hingebracht.

Drittes Capitel

Weder Mrß. Bennets noch ihrer fünf Töchter Bemühungen waren im Stande, eine genauere Beschreibung des neuen Ankömmlings von Herrn Bennet zu erhalten. Sie versuchten es auf alle Weise, durch gerade Fragen, durch spitzfündige Voraussetzungen und hingeworfene Vermuthungen; aber er wußte allen Angriffen geschickt auszuweichen, so daß sie endlich genöthigt waren, sich mit dem Bericht aus der zweiten Hand, von ihrer Nachbarin Lady Lukas zu begnügen: Sir William war entzückt von dem neuen Nachbar; er beschrieb ihn als einen jungen, hübschen, sehr angenehmen Mann, und was allen Vorzügen die Krone aufsetzte, war die Nachricht, daß er versprochen, die nächste Gesellschaft mit einigen Freunden aus der Stadt zu besuchen. Nichts konnte erfreulicher sein!

»Wenn ich es nur erlebe, eine meiner Töchter glücklich in Netherfield etablirt zu sehen, und die andern ebenfalls gut verheirathet,« sagte Mrß. Bennet zu ihrem Gemahl, »so bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig.«

Nach einigen Tagen erwiederte Bingley Herrn Bennets Besuch und verweilte ungefähr zehn Minuten bei ihm in seinem Studirzimmer. Er hatte gehofft, die jungen Damen zu sehen, von deren Schönheit er bereits viel gehört, fand aber nur den Vater. Die Töchter waren etwas glücklicher gewesen; sie hatten ihn unbemerkt aus einem obern Fenster beobachtet und wenigstens so viel gesehen, daß er einen blauen Rock trug und ein dunkles Pferd ritt.

Bald darauf ward eine Einladung zum Mittagessen an ihn erlassen; und schon ordnete Mrß. Bennet im Geist die Schüsseln, welches ihre Kochkunst im glänzendsten Licht zeigen sollte, als er die Ehre ablehnte, weil Geschäffte ihn in die Stadt beriefen.

Mrß. Bennet war einiger Maaßen trostlos. Sie konnte nicht begreifen, welches Geschäfft ihn sobald nach seiner Ankunft in Hertfordshire in die Stadt zurückrufen sollte, und schon begann sie zu fürchten, daß er immer von einem Ort zum andern flattern, und nie so recht, wie sie es wünschte, in Netherfield ansäßig werden würde, als Lady Lukas sie durch die Nachricht beruhigte, daß er nur in der Absicht, eine Gesellschaft Freunde zur Verherrlichung des Balls abzuholen, nach London gegangen sei. Sehr bald verbreitete sich auch das Gerücht, daß Bingley zwölf Damen und sieben Herren aus der Stadt mitgebracht. Mrß. Bennet und ihre Töchter trauerten über die große Anzahl von Tänzerinnen, wurden jedoch Tages vor dem Ball durch die Nachricht getröstet, daß sich die Zahl bis auf sechs vermindert und bloß aus seinen fünf Schwestern und einer Cousine bestände. Und beim Eintreten in den Saal ergab sich, daß Bingley der Hauptstadt nur seine beiden Schwestern, den Mann der ältesten und noch einen andern jungen Herrn entführt hatte.

Bingley verband mit einem angenehmen Aeußern, und einem leichten gefälligen Wesen den Anstand eines Mannes von Welt. Seine Schwestern waren hübsch und trugen deutlich das Gepräge des neuesten, besten Geschmacks. Herr Hurst, sein Schwager, verrieth nur im Aeußern den Gentleman; aber sein Freund, Herr Darcy, zog sehr bald die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch seine schlanke, schöne Gestalt, durch seine edlen Züge und stolze Haltung auf sich, und wenige Minuten reichten hin, das Gerücht zu verbreiten, daß er unumschränkter Gebieter eines jährlichen Einkommens von zehntausend Pfund sei. Die Herrn erklärten ihn für einen schönen Mann, die Damen für noch interessanter als seinen Freund Bingley, und Alles zollte ihm Bewunderung. Doch nur eine kurze Zeit sollte er sich dieser Gunst erfreuen. Sein abstoßendes, hochmüthiges Betragen konnte nicht lange verborgen bleiben: und noch war der Ball nicht halb zu Ende, als man entdeckte, daß er über alle Begriffe stolz sei, sich viel zu gut für diese Gesellschaft dünke, und keinesweges die Absicht habe, Vergnügen in derselben zu finden. Und nach solchen Bemerkungen konnte ihn selbst sein großes Besitzthum in Derbyshire nicht mehr retten; man fand sein Aeußeres höchst unangenehm und zurückstoßend, gar nicht mit dem seines Freundes zu vergleichen. Dieser verstand die Kunst, sich sehr bald mit den Hauptpersonen der Gesellschaft bekannt zu machen; er war lebhaft und freimüthig, tanzte alle Tänze, klagte über die Kürze des Balls und versprach nächstens einen längern in Netherfield zu geben. Solche liebenswürdige Eigenschaften empfehlen sich selbst. Welch ein Unterschied zwischen ihm und seinem Freund. Darcy tanzte nur ein Mal mit Mrß. Hurst und ein Mal mit Miß Bingley, lehnte die Ehre, den andern Damen vorgestellt zu werden, ab, und brachte den übrigen Theil des Abends damit zu, im Saal auf und abzuschreiten, dann und wann ein Paar Worte mit einem von seiner Gesellschaft zu sprechen, oder stumm zu beobachten. Sein Charakter war leicht zu ergründen; man erkannte ihn für den stolzesten, unangenehmsten Mann von der Welt, und Jedermann hoffte, daß er nie wieder in diese Gesellschaft kommen würde. Am Heftigsten äußerte sich Mrß. Bennet, deren Mißfallen seines allgemeinen Betragens noch durch die Vernachläßigung einer ihrer Töchter zum besondern Groll gesteigert worden war. Elisabeth hatte wegen Mangel an Herren zwei Tänze unbeschäfftigt sitzen müssen, während Darcy ihr nahe genug gestanden, um folgendes Gespräch zwischen ihm und Bingley, der aus dem Tanz getreten war, ihn zur Nachfolge aufzumuntern, mit anzuhören.

»Komm Darcy, Du mußt tanzen. Es ist mir ein widerlicher Anblick, Dich so unbeschäfftigt stehen zu sehen. Warlich, Du thätest besser zu tanzen.«

»Ich will nicht. Du weißt ja, wie ich dieses Vergnügen verabscheue, wenn ich nicht genau mit meiner Tänzerin bekannt bin, und in dieser Gesellschaft würde es mir vollends unerträglich sein. Deine Schwestern sind engagirt, und übrigens finde ich im ganzen Ballsaal kein Gesicht, mit dem es mir nicht eine Strafe wäre zu tanzen.«

»Nun warlich!« rief Bingley – »nicht um ein Königreich möchte ich so wählerisch und eigensinnig sein! Ich kann auf Ehre versichern, noch nie so viele hübsche Mädchen beisammen gesehen zu haben, wie diesen Abend, und einige unter ihnen sind sogar schön zu nennen.«

»Du tanzst mit dem einzigen hübschen Mädchen im ganzen Saal,« sagte Darcy, Johannen durchs Glas betrachtend.

»O, meine Tänzerin ist das reizendste Geschöpf, das meine Augen je erblickt!« rief Bingley begeistert. »Aber sieh! Hier sitzt eine ihrer Schwestern, die auch recht hübsch ist und recht pikant dazu. Erlaube, daß ich meine Tänzerin bitte, Dich ihr vorzustellen.«

»Welche meinst Du?« fragte Darcy, indem er sich herumdrehte, Elisen einige Augenblicke unverwandt anstarrte, und sich dann wieder zu seinem Freund wendend, kalt erwiederte:

– »Sie ist leidlich, aber nicht hübsch genug, mich zu reizen. Auch bin ich gerade nicht aufgelegt, mich der übriggebliebenen jungen Damen anzunehmen. Du thätest indeß auf jeden Fall besser, zu Deiner Tänzerin zurückzukehren und Dich an ihrem Lächeln zu ergötzen, als Deine Zeit mit mir zu verschwenden.«

Bingley folgte seinem Rath. Darcy ging wieder auf und ab, und Elisabeth sah ihm mit nicht sehr wohlwollenden Empfindungen nach. Doch von Natur heiter und fröhlich, und alles Komische leicht auffassend, theilte sie ihren Schwestern und Freundinnen unter vielem Lachen das eben angehörte Gespräch mit.

Der Abend verstrich der ganzen Familie höchst angenehm. Mrß. Bennet hatte den Triumph gehabt, ihre älteste Tochter von der Netherfielder Gesellschaft sehr bewundert zu sehen. Bingley hatte zwei Mal mit ihr getanzt und seine Schwestern sie sehr ausgezeichnet. Johanne fühlte sich nicht minder dadurch geschmeichelt als ihre Mutter, äußerte ihre Freude jedoch auf eine ruhigere Weise. Elisabeth nahm den wärmsten Antheil an ihrer Schwester Sieg. Maria war Miß Bingley als das unterrichtetste junge Mädchen im ganzen Umkreis vorgestellt worden, und Catharine und Lydia hatten immer Tänzer gehabt! Was konnten sie auf einem Ball mehr verlangen! Sie kehrten daher sämmtlich in sehr guter Laune nach Longbourn, dem Dorfe, worin sie die hauptsächlichsten Bewohner waren, zurück und fanden Herrn Bennet noch auf. Bei einem guten Buch pflegte er gewöhnlich Zeit und Stunde zu vergessen, und Neugier über den Ausgang des heutigen, mit so hohen Erwartungen begonnenen Abends kam jetzt noch dazu, ihn wach zu erhalten. Er hatte gehofft, Mrß. Bennets vielversprechende Hoffnungen auf den Fremden getäuscht zu sehen, fand aber nun leider das Gegentheil.

»O mein lieber Bennet!« rief sie schon beim Eintreten ins Zimmer – »welch einen herrlichen Ball haben wir gehabt! Ich wünschte, Du wärst mit dort gewesen. Johanne ist bewundert worden, wie noch nie. Jedermann war entzückt von ihrer Schönheit, und Herr Bingley erklärte sie nicht allein für die Schönste im ganzen Saal, sondern tanzte auch zwei Mal mit ihr, was er mit keiner andern gethan. Zuerst forderte er Miß Lukas auf. Ich war einiger Maaßen ärgerlich darüber, sah aber bald, daß es weiter keine Bedeutung hatte. Wie könnte es auch! Hierauf sah er Johannen aufstehen und ihrem Tänzer durch den Saal folgen. Er war frappirt von ihrer Schönheit, erkundigte sich nach ihrem Namen, ließ sich ihr vorstellen und bat gleich um die beiden nächsten Tänze. Dann tanzte er die beiden Dritten mit Miß King, die beiden Vierten mit Marie Lukas, die beiden Fünften mit Johannen und die beiden Sechsten mit Lizzy.«

»Wenn er einiges Mitleid mit mir gehabt hätte,« rief Bennet ungeduldig aus, »würde er nicht halb so viel getanzt haben. Um Gotteswillen! erzähle mir nichts mehr von seinen Tänzerinnen! ich wollte, er hätte sich beim ersten Tanz den Fuß versprungen!«

»O,« fuhr Mrß. Bennet fort, »ich bin ganz entzückt von ihm. Er ist so hübsch, und seine Schwestern so liebenswürdig! In meinem Leben sah ich noch keine so eleganten Anzüge. Ich behaupte, Mrß. Hursts Besatzung am Kleide« –

Hier unterbrach sie der Gemahl abermals, und protestirte gegen alle Beschreibungen der Anzüge. Sie sah sich deshalb genöthigt, einen andern Zweig der Unterhaltung zu wählen, und berichtete mit großer Erbitterung und einiger Uebertreibung Herrn Darcy's empörende Rohheit.

»Aber Du kannst es glauben,« fuhr sie fort, »daß Lizzy nur dadurch gewinnt, einem solchen Geschmack nicht zuzusagen: denn er ist ein höchst unangenehmer, schrecklicher Mensch – nicht zum Ertragen stolz und hochmüthig. Er ging auf und ab mit einer Miene, als ob er der Vornehmste gewesen wäre. Nicht hübsch genug, um mit
ihr zu tanzen! Es ist zu arg! Ich wollte, Du wärst dabei gewesen, um ihm gehörig darauf zu antworten. Ich verabscheue den Mann!«

Viertes Capitel

Sobald Johanne und Elisabeth allein waren, sprach sich Erstere, die bis jetzt sehr vorsichtig in Bingley's Lob gewesen, freimüthig über seine liebenswürdigen Eigenschaften aus, und gestand, daß sie sich durch sein nochmaliges Engagement sehr geschmeichelt gefühlt, indem sie eine solche Auszeichnung nimmermehr erwartet hätte. Elisabeth dagegen versicherte, daß es nicht anders hätte kommen können, da sie unstreitig die Schönste in der ganzen Gesellschaft gewesen, und daher nothwendig seine Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen müssen. Uebrigens stimmte sie in sein Lob mit ein, und gab ihrer Schwester vollkommne Erlaubniß, ihn charmant und liebenswürdig zu finden.

Als Johanne nun aber auch Bingley's Schwestern erhob, ihre Unterhaltung anziehend, ihr Wesen gefällig und fein nannte und sich freute, Miß Bingley, welche einige Zeit in Netherfield bei ihrem Bruder zu leben gedachte, in der Nähe zu behalten und öfterer zu sehen; da konnte Elisabeth ihr unmöglich beistimmen. Sie beschuldigte Johannen, aus angebohrner Gutmüthigkeit blind gegen die Fehler und Thorheiten ihrer Nebenmenschen zu sein, überall nur Gutes zu sehen oder das Böse zum Guten zu wenden, und bewies ihr, daß das Benehmen beider Damen an diesem Abend keinesweges geeignet gewesen sei, sie zum Besten zu beurtheilen. Ihr Scharfsinn und richtiger Tackt hatte sie tiefern Blick in das Innere des Schwesternpaars thun lassen. Sie erkannte sie allerdings für hübsch, nicht ohne gute Laune, wenn sie sich gefielen, auch im Stande sehr angenehm zu sein, sobald sie Lust hatten; dabei aber auch stolz und hochmüthig.

In einer der ersten Pensionen der Hauptstadt erzogen, im Besitz eines Vermögens von 20000 Pfund, gewohnt noch etwas mehr zu verthun als sie hatten, und mit Menschen vom höchsten Rang umzugehen, war es ihnen denn freilich zur andern Natur geworden, hoch von sich selbst, und gering von ihren Nebenmenschen zu denken. Sie stammten von einer achtungswerthen Familie aus dem nördlichen England ab, welcher Umstand sich ihrem Gedächtniß tiefer eingeprägt hatte, als daß ihres Bruders Vermögen, so wie das Ihrige, durch den Handel erworben worden war.

Bingley hatte ein Vermögen von beinahe hunderttausend Pfund von seinem Vater geerbt, welcher immer die Absicht gehabt, sich ein Gut zu kaufen, aber noch vor Ausführung dieses Plans gestorben war. Denselben Entschluß hatte der Sohn nun zwar auch gefaßt, und zu diesem Zweck die Grafschaft, worin sein Vater gelebt, auserkohren; da er aber jetzt die Pachtung in Netherfield übernommen, zweifelten Alle, die ihn und seinen leichten Sinn kannten, daß es je dazu kommen würde.

Niemand betrübte sich hierüber mehr, als seine Schwestern, deren sehnlichster Wunsch es war, ihn als Gutsbesitzer zu sehen. Demohngeachtet bezeigte sich Miß Bingley auch jetzt nicht abgeneigt, die Honneurs in seinem Hause zu machen; und selbst Mrß. Hurst, deren Gemahl mehr Fashion als Vermögen besaß, beschloß Netherfield, falls ihr der Aufenthalt daselbst zusagen sollte, als ihr Eigenthum zu betrachten.

Durch eine zufällige Empfehlung veranlaßt, dieses Gut in Augenschein zu nehmen, hatte es bei dem jungen, raschen, kaum seit zwei Jahren mündig gewordenen Bingley nur einer halbstündigen Besichtigung bedurft, um ihn von den Vorzügen des Grundstückes, von der vortheilhaften Lage und den wohlerhaltenen Gebäuden zu überzeugen. Die Umgebungen gefielen ihm, Haus und Garten waren schön, und so pachtete er Netherfield ohne weitere Ueberlegung.

Zwischen ihm und Darcy bestand, trotz der großen Verschiedenheit ihrer Charaktere, eine innige Freundschaft. Darcy fühlte sich zu Bingley gezogen wegen seines freimüthigen, offnen, lenksamen Wesen, weil ihm diese Eigenschaften ganz abgingen; und Bingley hegte die größte Achtung vor seines Freundes Festigkeit, Verstand und richtigem Urtheil. In geistiger Hinsicht stand Darcy weit höher, obgleich es dem Andern keineswegs an Verstand fehlte. Dagegen gebührte Bingley'n der Vorzug im Betreff häuslicher und geselliger Tugenden. Darcy war stolz, hochmüthig und zurückhaltend, und sein Benehmen, wenn gleich das eines wohlgezogenen Mannes, hatte durchaus nichts Einnehmendes und stieß meistens ab. Bingley gewann alle Herzen, wo er sich zeigte, Darcy beleidigte stets.

Die Art und Weise, sich über die Meryton'sche Gesellschaft zu äußern, charakterisirte sie vollkommen. Bingley hatte nie angenehmere Leute und hübschere Mädchen gesehen; Jedermann war artig und zuvorkommend gegen ihn gewesen. Es hatte gar keine Förmlichkeit und Steifheit in der Gesellschaft geherrscht, so daß er sehr bald mit allen Anwesenden bekannt geworden – und Miß Bennet! Kein Engel konnte schöner sein, als sie! Darcy hingegen hatte eine Menge Menschen gesehen, die weder Anspruch auf Schönheit noch auf Fashion machen konnten; von denen Niemand geeignet gewesen war, ihm auch nur das geringste Interesse einzuflößen, und die ihm weder Vergnügen gemacht, noch Aufmerksamkeiten erwiesen hatten. Er gab zwar zu, daß Miß Bennet schon sei, tadelte aber, daß sie zu viel lächelte.

Miß Bingley und ihre Schwester stimmten seiner Meinung ganz bei, wagten jedoch, Johannen allerliebst, ihres Beifalls würdig zu finden und sie ein süßes Mädchen zu nennen. Miß Bennets Ruf als ein süßes Mädchen war daher gegründet, und Bingley fühlte sich durch diesen Ausspruch berechtigt, von ihr zu denken, wie es ihm beliebte.

Fünftes Capitel

In geringer Entfernung von Longbourn wohnte eine Familie, mit welcher Bennets sehr vertraut waren. Sir William Lukas hatte früher als Kaufmann in Meryton gelebt, und sich als solcher ein bedeutendes Vermögen erworben. Auch würde er Stand und Aufenthalt wohl schwerlich verlassen haben, wenn er nicht während seiner Würde als Maire, in Folge einer dem Könige überreichten Addresse, in den Ritterstand erhoben worden wäre. Eine solche Auszeichnung war mehr als er ertragen konnte. Sie hatte ihm sein Geschäfft und das Leben in dem kleinen Marktstädtchen zuwider gemacht, weshalb er Beides aufgab, und mit seiner Familie ein Haus, ungefähr eine Meile von Meryton bezog, welches von diesem Augenblick an Lukas-Lodge genannt wurde. Hier konnte er ungestört über seine eigene Wichtigkeit nachdenken, und frei von den Lasten der Handelsgeschäffte seine Zeit einzig dem schönen Beruf, höflich gegen alle Welt zu sein, widmen. Denn wenn gleich im Rang erhöht, war er dennoch nicht anmaaßend geworden – im Gegentheil nur noch aufmerksamer gegen Jedermann. Von Natur harmlos, freundlich und verbindlich, hatte ihn seine Vorstellung am Hof nur noch geschmeidiger gemacht.

Lady Lukas war eine sehr gute Frau, nicht übermäßig sein, und hinsichtlich ihrer Denkungsart vollkommen würdig, Mrß. Bennets Nachbarin zu sein. Sie hatten mehrere Kinder, von denen das älteste, ein verständiges, braves Mädchen von 27 Jahren, Elisabeths vertraute Freundin war.

Es verstand sich von selbst, daß die jungen Damen am andern Morgen nothwendig zusammen kommen mußten, die Freuden des gestrigen Balls zu recapituliren; und so fanden sich denn die beiden Miß Lukas in Longbourn ein, um zu hören und zu erzählen.

»Liebe Charlotte,« begann Mrß. Bennet mit höflicher Selbstüberwindung – »Sie fingen den Abend gut an. Sie waren Herrn Bingley's erste Wahl.«

»Ja, aber er schien mehr Geschmack an der Zweiten zu finden.«

»Sie meinen wohl Johannen, weil er zwei Mal mit ihr getanzt. Ja, es hatte allerdings den Anschein, als ob sie einigen Eindruck auf ihn gemacht hätte. Ich vermuthe es, theils nach dem was ich gesehen, theils nach seinem Gespräch mit Herrn Robinson, was Sie gestern mit angehört und nachher die Güte hatten, mir mitzutheilen. Sagte er nicht, Miß Bennet wäre unbestritten die Schönste im ganzen Ballsaal?«

»So etwas Aehnliches. Auf jeden Fall war es belohnender, Ohrenzeuge seines Gesprächs zu sein, als Herrn Darcy's Unterhaltung mit anzuhören. Arme Elise! nur
leidlich zu sein!«

»Ich hoffe, Lizzy hat sich nicht über sein unartiges Betragen geärgert: denn er ist so unaussprechlich fatal, daß es ein Unglück seyn würde, ihm zu gefallen. Mrß. Long erzählte mir gestern Abend, daß er eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen.«

»Liebe Mutter, sollten Sie sich hierin nicht irren?« sagte Johanne. »Ich selbst sah Herrn Darcy mit ihr sprechen.«

»Ja, nachdem sie ihn gefragt, wie es ihm in Netherfield gefalle? und er eine Antwort nicht vermeiden konnte. Aber sie sagte, daß es ihm sehr ärgerlich gewesen, reden zu müssen.«

»Miß Bingley erzählte mir,« fuhr Johanne fort, »daß er immer nur mit seinen genauern Bekannten zu sprechen pflegte, in der Unterhaltung mit diesen aber sehr angenehm wäre.«

»Das glaube ich nimmermehr. Wenn er so außerordentlich angenehm sein kann, hätte er wohl auch mit Mrß. Long gesprochen. Aber ich kann mir die Sache allenfalls erklären. Er gilt allgemein für erschrecklich stolz, und da braucht er nur erfahren zu haben, daß Mrß. Long keine eigne Equipage hat, und in einem Miethwagen auf den Ball gekommen ist.«

»Es ist mir einerlei, ob er mit Mrß. Long gesprochen oder nicht,« sagte Miß Lukas; »aber ich wünschte, er hätte mit Elisen getanzt.«

»Und ich in Lizzy's Stelle,« sagte die Mutter, »würde ein andres Mal nun auch nicht mit
ihm tanzen.«

»Dieses Versprechen glaube ich Ihnen geben zu können,« entgegnete Elisabeth ruhig.

»Sein Stolz,« fuhr Miß Lukas fort, »beleidigt mich weniger, als vieler andrer Menschen Stolz, weil er zu entschuldigen ist. Man darf sich nicht wundern, wenn ein junger, schöner Mann, aus guter Familie, reich, und im Besitz aller wünschenswerthen Dinge, eine hohe Meinung vor sich bekömmt. Er hat gewissermaaßen ein Recht, stolz zu sein.«

»Sehr wahr,« entgegnete Elisabeth – »und ich würde ihm auch
seinen Stolz vergeben wenn er den
meinigen nicht gekränkt hatte.«

Maria benutzte diese Gelegenheit, ihre Betrachtungen über die Ursachen und Wirkungen des Stolzes mit schönen Worten darzulegen, und da sich niemand aufgelegt fühlte, ihr zu widersprechen, endigte die Unterhaltung mit dem Aufbruch der Gäste.

Sechstes Capitel

Die Damen von Longbourn säumten nicht lange, den weiblichen Bewohnern von Netherfield ihre Aufwartung zu machen, und der Besuch ward in aller Form erwiedert. Miß Bennets Anmuth übte fortwährend einen Zauber über die Herzen des Bingley'schen Schwesternpaars aus; und obgleich sie die Mutter unerträglich, und die jüngern Töchter nicht der Erwähnung werth fanden, sprachen sie doch den Wunsch, mit den beiden ältern Schwestern genauer bekannt zu werden, aus. Johanne freute sich dieser Auszeichnung, Elisabeth hingegen sah immer nur Stolz und Uebermuth in ihrem Benehmen gegen Andre, selbst gegen ihre Schwester, und konnte sich daher nicht recht mit ihnen befreunden. daß Bingley großes Wohlgefallen an Johannen fand, entging Elisens scharfem Blick nicht; eben so wenig aber such der Eindruck, den er auf der Schwester Herz gemacht. Letztere Entdeckung würde sie vielleicht beunruhigt haben, hauptsächlich aus Furcht, daß die Welt diese Neigung zu früh entdecken könnte; aber sie wußte, daß Johanne eine gewisse Ruhe des Gemüths, eine stets gleiche Heiterkeit mit aller Kraft der Empfindung verband, wodurch sie ihre Umgebung über ihr wahres Gefühl irre leiten, und sich gegen die Neckereien der Zudringlichen sicher stellen würde.

Mit der Beobachtung Bingley's und ihrer Schwester beschäfftigt, ahnete Elisabeth nicht, daß sie selbst im Begriff stand, einiges Interesse in den Augen seines hochmüthigen Freundes zu erlangen. Darcy hatte anfänglich kaum zugeben wollen, daß sie hübsch sei, und sich auf dem Ball geweigert, ihr auch nur die geringste. Höflichkeit zu erzeigen. Beim nächsten Zusammentreffen beobachtete er sie bloß in der Absicht, etwas zu tadeln an ihr zu finden; aber kaum hatte er sich selbst und seine Freundinnen davon überzeugt, daß auch nicht ein hübscher Zug in ihrem Gesicht zu entdecken sei, als er die Bemerkung machte, daß es dennoch durch den schönen Ausdruck der dunkeln Augen einen eignen Reiz erhalte. Dieser Entdeckung folgten noch mehrere Andre. Obgleich sein streng richtendes Auge ihre Gestalt den Regeln der vollkommnen Symmetrie nicht ganz entsprechend gefunden, mußte er sich doch selbst gestehen, daß sie leicht und gefällig sei und ihr Benehmen, wenn auch seinem eigenen Geständniß zu Folge, durchaus nicht fashionable, zog ihn doch durch eine gewisse liebenswürdige Unbefangenheit an. Von dieser Veränderung hatte sie indessen keine Ahnung; sie sah in ihm nur den Mann, der sich nirgends beliebt zu machen wußte, und dem sie nicht hübsch genug erschienen war, um mit ihr zu tanzen.

Nach und nach regte sich der Wunsch in ihm, etwas mehr von ihr zu erfahren, und als ersten Schritt zur Unterhaltung mit ihr selbst begann er ihren Gesprächen mit andern ein aufmerksames Ohr zu leihen. Sie machte diese Bemerkung zuerst in einer großen Gesellschaft bei Sir William Lukas und sagte zu Charlotten –

»Was will Herr Darcy damit sagen, daß er meine Unterhaltung mit Oberst Forster belauscht?«

»Das ist eine Frage, die Herr Darcy allein tu beantworten im Stande ist.«

»Aber wenn er es noch öfterer thut, werde ich ihm zu verstehen geben, daß ich seine Absichten durchschaue. Er hat einen so spöttischen Blick, daß ich anfangen muß, mich entweder vor ihm zu fürchten, oder meinerseits auch impertinent zu werden.«

Indem näherte sich Darcy den Sprechenden, anscheinend nicht in der Absicht, selbst Theil an dem Gespräch zu nehmen. Miß Lukas forderte ihre Freundin durch Blicke und Worte auf, ihren Vorsatz auszuführen, und Elisabeth wandte sich rasch zu ihm mit den Frage –

»Herr Darcy, haben Sie nicht gefunden, daß ich mich ungemein wohl ausgedrückt, als ich den Oberst Forster gebeten, uns einen Ball in Meryton zu geben?«

»Mit vieler Energie; – aber es ist freilich ein Gegenstand, der alle junge Damen energisch zu machen pflegt.«

»Sie verfahren sehr streng gegen uns.«

»Die Reihe gebeten zu werden, wird nun an Dich kommen,« sagte Miß Lukas. »Ich mache jetzt das Instrument auf und dann weißt Du, Elise, was darauf folgt.«

»Du bist eine sonderbare Freundin! Immer forderst Du mich auf, vor aller Welt zu singen und zu spielen. Wenn meine Eitelkeit eine musikalische Richtung genommen hätte, würdest Du mir unschätzbar sein; da dieß aber nicht der Fall ist, weiß ich es Dir keinen Dank, daß Du mich veranlaßt, mein Licht vor einem Publikum leuchten zu lassen, das an die besten Künstler gewöhnt ist.«

Als Miß Lukas aber dem ohngeachtet fort fuhr, sie mit Bitten zu bestürmen, sagte sie »Nun wohl! wenn es sein muß, soll es geschehen,« und einen ernsten Seitenblick auf Darcy werfend, fuhr sie fort – »Es giebt ein alter Sprichwort, was einem Jeden unter uns bekannt sein wird. Es heißt: Spar deinen Athem, deine Suppe damit zu blasen. Und ich will den meinigen sparen, damit ich singen kann.«

Ihr Gesang war angenehm, jedoch keineswegs vortrefflich. Nachdem sie ein Paar Lieder gesungen, und ehe sie noch auf die an sie ergangenen Bitten, mehr zu singen, antworten konnte, hatte Marie Platz am Instrument genommen. Sie war sich bewußt, ihre Schwestern in der edlen Tonkunst, so wie in allen andern schulmeisterischen Beschäfftigungen weit zu übertreffen; und da sie in der That ihre ganze Zeit an die Ausbildung solcher Talente wendete, ergriff sie nun auch freudig jede Gelegenheit, damit zu glänzen. Zur Musik fehlte es ihr an Talent und Geschmack; und nur der Eitelkeit verdankte sie einige Fertigkeit, die aber mit so viel Pedanterie und Affektation vermischt war, daß sie einen noch höhern Grad von Vollkommenheit unangenehm gemacht haben würden. Elisens leichter und ungezwungener Manier war mehr Aufmerksamkeit gezollt worden, obgleich sie nicht halb so fertig spielte; und Maria mußte am Schluß eines langen Concerts noch froh sein, Lob und Dank für einige schottische und irländische Lieder einzuärndten, wornach ihre jüngern Schwestern nebst einigen andern jungen Damen und mehreren Officieren am entgegengesetzten Ende des Zimmers tanzten.

Schweigerd, voll Unwillen über diese Art und Weise, den Abend zuzubringen, über das Ausschließen aller Conversation, stand Darcy, in Betrachtung der verschiedenen Gruppen verloren, und bemerkte nicht, daß Sir William zu ihm getreten, bis dieser ihn anredete. – »Für Junge Leute giebt es doch keine charmantere Unterhaltung, als den Tanz; ich betrachte ihn als eine der wesentlichsten Verbesserungen der feinern, höhern Cirkel. Sie nicht auch, Herr Darcy?«

»Gewiß, Sir! und er hat nebenbei den Vorzug, auch in den wenigst verfeinerten Gesellschaften der Welt sein Glück zu machen. Jeder Wilde kann tanzen!« Sir William lächelte. »Ihr Freund tanzt vortrefflich,« fuhr er nach einer Pause fort, als er Bingley in die Reihen treten sah – »und ich zweifle nicht, daß auch Sie, Herr Darcy! Meister in dieser Kunst sind.«

»Ich glaube, Sir, Sie sahen mich in Meryton tanzen.«

»Allerdings, und erfreute mich dieses Anblicks. Tanzen Sie oft in
St. James?«

»Nein, Sir!«

»Ich sollte meinen, es wäre dieß ein diesem Ort angemessenes Compliment.«

»Es ist ein Compliment, was ich keinem Ort erzeige, wenn ich es vermeiden kann.«

»Sie besitzen vermuthlich ein eignes Haus in der Stadt?«

Darcy bejahte durch eine schweigende Verbeugung.

»Ich hatte einst auch die Idee, mich in der Stadt, niederzulassen, hauptsächlich der guten Gesellschaft wegen; doch gab ich den Gedanken nachher wieder auf, aus Furcht die Luft in London möchte Lady Lukas nicht zusagen.«

Er schwieg in Erwartung einer Antwort. Darcy fühlte sich jedoch nicht aufgelegt, sie zu geben, und als Elisabeth in diesem Augenblick zufällig in seine Nähe kam, erfaßte ihn der Drang, eine Galanterie auszuüben.

»Warum tanzen Sie nicht, liebste Miß Elise?« rief er ihr zu. »Herr Darcy, erlauben Sie mir, Ihnen diese junge Dame als eine vorzügliche Tänzerin zu präsentiren. Einer solchen Schönheit gegenüber können Sie es nicht abschlagen, ein Mal zu tanzen.« – Hiermit ergriff er ihre Hand, sie in Darcy's, zu legen, der, obgleich ungemein erstaunt, dennoch nicht abgeneigt war, sie anzunehmen, als Elisabeth, sich rasch zurückziehend, sich mit einigem Unmuth zu Sir William wendete –

»Sir! es war keineswegs meine Absicht zu tanzen und ich muß Sie sehr bitten, von der irrigen Meinung, als ob ich mich nach einem Tänzer umgesehen, zurück zu kommen.«

Darcy ersuchte sie mit vielem Anstand um die Ehre ihrer Hand; aber vergebens. Elisabeth beharrte fest auf ihrem Entschluß, trotz Sir Williams dringenden Bitten und seiner Versicherung, daß Herr Darcy, obgleich im Allgemeinen kein Liebhaber des Tanzes, jetzt doch erbötig sei, seine Abneigung auf kurze Zeit zu überwinden.

»Herr Darcy ist die Höflichkeit selbst,« entgegnete Elise schalkhaft lächelnd und entfernte sich. Ihre Weigerung hatte den stolzen Mann nicht beleidigt, und er gedachte ihrer eben mit großem Wohlgefallen, als er sich durch Miß Bingley gestört sah.

»Ich glaube den Gegenstand Ihrer Betrachtungen errathen zu können.«

»Das möchte ich fast bezweifeln.«

»Sie denken darüber nach, wie unerträglich es Ihnen sein würde, noch mehrere Abende auf solche Weise, in solcher Gesellschaft zubringen zu müssen. Und ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich fühlte mich noch nie so wenig an meinem Platz. Welch ein Lärm und welch eine abgeschmackte Unterhaltung! Ueberall nichts, und doch ein unerhörtes Wichtigthun! Ich gäbe was drum, Ihr Urtheil über dieses alles zu hören.«

»Ihre Vermuthungen sind ganz falsch; mein Gemüth war auf das Angenehmste beschäfftigt. Ich stellte nämlich Betrachtungen über die Wirkungen an, die ein Paar schöne Augen nothwendig in uns hervorbringen müssen.«

Miß Bingley verwunderte sich und äußerte den Wunsch, den Gegenstand solcher tiefen Betrachtungen genauer bezeichnet zu hören, worauf Darcy mit großer Unerschrockenheit erwiederte – »Miß Elisabeth Bennet.«

»Miß Elisabeth Bennet! Ich bin erstaunt. Darf ich fragen, wie lange sie das Glück hat, zu Ihren Lieblingen zu gehören? und welchen Tag Sie zur Annahme der Gratulationen bestimmt haben?«

»Diese Frage konnte ich mir von Ihnen erwarten. Die Einbildungskraft der Damen liebt den rascher Flug; sie bedarf nur weniger Augenblicke, um von der Bewundrung zur Liebe, und von der Liebe zur Heirath überzugehen. Ich wußte, daß Sie mir Glück wünschen würden.«

»Nein, wenn sie die Sache so ernsthaft behandeln, werde ich sie als völlig abgeschlossen betrachten müssen. Sie bekommen eine allerliebste Schwiegermutter, die natürlich immer bei Ihnen in Pemberley leben wird – auch dazu muß man Ihnen Glück wünschen.«

Darcy hörte ihr mit der höchsten Gleichgültigkeit zu, als sie in dieser Art noch eine Zeitlang fort fuhr; und da diese Ruhe sie überzeugte; daß sie nichts zu fürchten habe, ließ sie ihrem Witz freien Lauf.

Siebentes Capitel

Herrn Bennets ganzes Vermögen bestand in einer jährlichen Einnahme von zweitausend Pfund, den Ertrag eines Guts, welches unglücklicher Weise für seine fünf Tochter, in Ermangelung männlicher Erben, nach seinem Tode an einen entfernten Verwandten fiel; und der Mutter Vermögen, für ihre Verhältnisse zwar nicht unbedeutend, war jedoch nicht hinreichend, den Mangel des Seinigen zu ersetzen. Ihr Vater, ein Advokat in Meryton, hatte ihr viertausend Pfund hinterlassen; ihre Schwester, an einen Herrn Philips verheirathet, der früher Schreiber bei ihrem Vater gewesen, späterhin in sein Geschäfft eingetreten war, lebte nun daselbst und ihr einziger Bruder hatte sich als Kaufmann in London etablirt,

Das Dorf Longbourn war nur eine Meile von Meryton entfernt, und diese geringe Distanz veranlaßte die jungen Damen, wenigstens drei bis vier Mal die Woche einen Besuch bei ihrer Tante Philips, und in einem ihrem Hause gegenüberliegenden Kaufladen, abzustatten. Besonders die beiden jüngsten Töchter, Katharine und Lydia versäumten nie, ihr diese Aufmerksamkeit zu erweisen. Nicht aufgelegt, sich mit etwas Ernstem, Nützlichem zu beschäfftigen, viel leichtsinniger wie ihre ältern Schwestern, gehörte ein Spaziergang nach Meryton, in Ermanglung etwas Bessern, dazu, ihre müßigen Morgenstunden auszufüllen und ihnen Stoff zur Unterhaltung für den Abend zu gewähren. Und fiel im Ganzen auch nicht viel Neues auf dem Lande vor, so waren sie doch sicher, das Wenige von ihrer Tante zu erfahren. Im gegenwärtigen Augenblick eröffnete sich ihnen indeß eine reiche Aussicht für Neuigkeiten und Vergnügungen, indem ein Regiment Landwehr für den ganzen Winker in die umliegende Gegend verlegt, und Meryton zum Hauptquartier ernannt worden war. Nun erst gewährten die Besuche bei Mrß. Philips großes Interesse. Jeder Tag fügte etwas zu ihrer Kenntniß der Namen und Verhältnisse der Officiere hinzu; die Wohnungen derselben blieben ihnen nicht lange ein Geheimniß und sehr bald lernten sie die Officiere selbst kennen. Herr Philips hatte nicht ermangelt, denselben seine Aufwartung zu machen, welche Höflichkeit seinen Nichten eine Quelle bis jetzt noch nicht geahneter Seligkeit eröffnete. Sie sprachen von nichts als von den Officieren; und Bingley's großes Vermögen, bei dessen bloßer Erwähnung die Mutter sich begeistert fühlte, erschien ihnen, im Vergleich mit einer Fähndrichsuniform, als ein unbedeutender Gegenstand.

Nachdem Herr Bennet eines Morgens ihre entzückten Ausbrüche über dieses Lieblingsthema einige Zeit mit angehört hatte, sagte er kaltblütig –

»Nach der Art und dem Gegenstand Eurer Unterhaltung zu urtheilen, müßt Ihr die beiden albernsten, einfältigsten Mädchen im ganzen Umkreise sein. Ich habe solche Vermuthung längst schon im Stillen gehegt, bin aber nun zur vollkommenen Ueberzeugung gelangt.«

Katharine wurde verlegen und schwieg; Lydia aber fuhr fort, ihr Wohlgefallen an Capitain Carter an den Tag zu legen, so wie die Hoffnung, ihn im Lauf des heutigen Tages noch ein Mal zu sehen, da er den andern Morgen nach London reisen wollte.

»Es setzt mich in Erstaunen,« begann: Mrß. Bennet, zu ihrem Gatten gewendet, »daß Du so bereit bist, Deine Kinder einfältig zu nennen. Ich muß gestehen, wenn ich geneigt wäre, irgend Jemands Kinder dafür zu halten, so wären es doch am wenigsten meine eigenen.«

»Ich hoffe immer ein offnes Auge für die Albernheiten meiner Kinder zu behalten.«

»Sehr wohl, aber wenn sie nun, wie es hier der Fall ist, alle verständig sind?«

»Und wenn ich auch bis jetzt gehofft, in allen Hauptsachen Deiner Meinung beitreten zu können, so muß ich doch nun mit Bedauern bemerken, daß unsre Ansichten in diesem Punkt differiren, indem ich unsre beiden jüngsten Töchter, für ungewöhnlich thöricht erkläre.«

»Liebster Bennet! Du darfst von solchen jungen Dingern nicht die Einsicht des Vaters und der Mutter verlangen. Wenn sie erst in unser Alter kommen, werden sie eben so wenig an die Officiere denken wie wir. Ich erinnere mich der Zeiten, wo auch mir ein Rothrock sehr wohl gefiel, und wenn ein muntrer junger Oberst mit fünf oder sechstausend des Jahres eine meiner Töchter verlangen sollte, würde ich nicht nein sagen. Oberst Forster nahm sich gestern Abend bei Sir William sehr hübsch in der Uniform aus.«

»Mama!« rief Lydia – »Tante Philips erzählte mir gestern, daß Oberst Forster und Capitain Forster nicht mehr so oft zu Miß Watson gingen, wie im Anfang ihres Hierseins; sie sieht sie jetzt häufig in Clarke's Buchladen.«

Mrß. Bennets Antwort ward durch den Eintritt eines Bedienten aus Netherfield unterbrochen. Er brachte ein Billet von Miß Bingley an Miß Bennet, und sollte Antwort zurückbringen. Der Mutter Augen glänzten vor Freude und Erwartung, und auf ihre wiederholten Fragen las Johanne wie folgt –

»Liebste Freundin!

Wenn Sie unsere Bitte, heute Mittag mit mir und Louisen zu essen, nicht erfüllen, gerathen wir in Gefahr, uns das ganze übrige Leben hindurch anfeinden zu müssen; denn ein zwölfstündiges
tête à tête zwischen zwei Schwestern kann nur mit Streit endigen. Kommen Sie daher gleich nach Empfang dieser Zeilen. Mein Bruder und die andern Herrn essen in Meryton mit den Officieren.

Ergebenste

Caroline Bingley.«

»Mit den Officieren!« rief Lydia, »es wundert mich, daß die Tante uns nichts davon gesagt hat.«

»Die Herren essen nicht zu Hause! Das ist Schade!« bemerkte. Mrß. Bennet.

»Kann ich den Wagen bekommen?« fragte Johanne.

»Nein, Kind! es ist besser, Du reitest, weil es regnicht aussieht und Du dann nicht wieder zurück kannst.«

»Ein feiner Plan!« rief Elisabeth – »Als ob Johanne nicht darauf rechnen könnte, daß sie sie nach Hause fahren lassen würden.«

»Das geht nicht so leicht; die Herrn nehmen wahrscheinlich Bingley's Equipage nach Meryton, und Hursts haben keine eigenen Pferde.«

»Ich hätte lieber den Wagen.«

»Aber Du kannst ihn nicht bekommen, weil die Pferde auf dem Felde sind.«

Johanne mußte sich also zum Reiten bequemen und die Mutter begleitete sie, unter steten Prophezeihungen baldigen schlechten Wetters, bis an die Thür; und wirklich war sie auch kaum eine Viertelstunde fort, als es stark zu regnen begann. Die Schwestern äußerten sich besorgt wegen ihrer Gesundheit; aber die Mutter freute sich ihres glücklichen Einfalls, besonders als der Regen ununterbrochen anhielt und Johannens Zurückkommen unmöglich machte. Doch erst am andern Morgen sollte sie erfahren, wie über alle Erwartung gut ihre List gelungen war. Die Familie saß eben beim Frühstück, als ein Bote aus Netherfield Elisen folgende Zeilen von ihrer Schwester brachte:

»Liebste Lizzy!

Ich befinde mich diesen Morgen sehr unwohl, wahrscheinlich in Folge der gestrigen Erkältung. Meine gütigen Freundinnen wollen mich nicht zurücklassen, bis ich vollkommen hergestellt bin, und bestehen darauf, Herrn Jonas kommen zu lassen; deshalb beunruhige Dich nicht, falls Du hören solltest, daß er bei mir gewesen. Ich leide an Kopfschmerzen und bösem Hals, sonst fehlt nichts

Deiner Johanne.«

»Vortrefflich eingerichtet!« sagte Bennet, nachdem Elise das Billet vorgelesen, zu seiner Frau. »Wenn Johanne nun gefährlich krank werden, oder gar sterben sollte, so hast Du doch die Beruhigung, daß dieser aberwitzige Ritt wegen Bingley, und auf Deinen Befehl unternommen worden ist.«

»Man stirbt nicht gleich an einer kleinen Erkältung. Sie werden sie schon pflegen, und dort ist sie auf jeden Fall gut aufgehoben. Wenn ich nur den Wagen haben könnte, wollte ich selbst nach ihr sehen.«

Elisabeth war wirklich sehr besorgt und deshalb entschlossen, die Schwester auch ohne Wagen zu besuchen; und da sie keine große Reiterin war, mußte der Weg zu Fuß zurückgelegt werden.

»Wie kannst Du so thöricht sein, bei solchem Schmutz gehen zu wollen!« rief die Mutter, nachdem Elise ihren Vorsatz ausgesprochen. »Du würdest ja in einem Zustand ankommen, daß Du Dich nicht sehen lassen könntest.«

»Vor Johannen werde ich mich auf jeden Fall sehen lassen können, und weiter verlange ich nichts.«

»Lizzy, ist dieß ein Wink für mich, nach den Pferden zu schicken?« fragte der Vater.

»Keineswegs! ich gehe sehr gern zu Fuß, und drei Meilen ist eine unbedeutende Entfernung, wenn man einen Zweck hat. Zu Mittag bin ich wieder zurück.«

»Ich bewundere Deine Bereitwilligkeit,« bemerkte Maria – »doch jeder Impuls des Gefühls sollte durch die Vernunft geleitet werden, und nach meiner Meinung muß die Anstrengung doch immer in einer gewissen Uebereinstimmung mit der Veranlassung stehen.«

»Wir wollen Dich bis Meryton begleiten,« sagten Katharine und Lydia, und letztere fügte noch hinzu – »wenn wir eilen, können wir Capitain Carter vielleicht noch sehen, ehe er abreist.«

Und somit begaben sie sich gleich auf den Weg.

In Meryton trennte sich die kleine Gesellschaft; die jüngern Schwestern suchten die Frau eines Officiers auf, und Elise setzte eiligen Schritts ihren Weg fort. Mit ungeduldiger Hast durchstrich sie Feld und Wald, sprang über Gräben und Pfützen, und fand sich bald, mit beschmutzten Schuhen, Strümpfen und Unterrock und mit hochglühenden Wangen vor dem Hause.

Man wies sie ins Frühstückszimmer; die ganze Gesellschaft bis auf Johanne war hier versammelt und staunte über ihre Erscheinung. daß sie so früh am Morgen drei Meilen, allein, bei so schmutzigem Weg zurückgelegt haben sollte, erschien Mrß. Hurst und Miß Bingley fast unglaublich, und Elisen entging es nicht, daß sie deshalb etwas verächtlich auf sie herabblickten; doch war ihr Empfang sehr höflich, und in des Bruders Betragen sprach sich etwas Besseres als bloße Höflichkeit, Gutmüthigkeit und Theilnahme aus. Herr Darcy sagte sehr wenig und Herr Hurst gar nichts. Ersterer kämpfte zwischen Bewundrung ihrer, durch die Bewegung in freier Luft erhöhten Reize und Unwillen, sich ohne die äußerste Noth so weit allein hinausgewagt zu haben. Letzterer war bloß mit seinem Frühstück beschäfftigt.

Auf ihre Fragen nach Johannens Befinden erhielt sie keine günstige Antwort. Sie hatte schlecht geschlafen, war jetzt zwar außer Bette, aber in einem fieberhaften Zustand und nicht wohl genug, das Zimmer zu verlassen. Elisabeth eilte zu ihr hinauf und fand sich für die Beschwerden des weiten Wegs reichlich durch Johannens Freude belohnt; denn nur aus Furcht, den Ihrigen Sorge zu machen, hatte sie das Verlangen nach der Schwester nicht ausgesprochen. Nachdem die ersten Freudensbezeugungen vorüber waren, fühlte sich Johanne sehr matt, und konnte der allein zurückgebliebenen Elise nur mit schwacher Stimme die außerordentliche Güte und Freundlichkeit ihrer Wirthinnen rühmen.

Nach aufgehobenem Frühstück fanden sich diese wieder bei der Kranken ein, und als Elise nun selbst sah, wie sorgsam und liebevoll sie um ihre Schwester bemüht waren, begannen mildere Gesinnungen dem frühern Widerwillen Platz zu machen. Der Arzt kam, fand die Patientin von einem Erkältungsfieber befallen, verordnete Arznei und Ruhe, und rieth ihr, sich wieder zu Bett zu legen, da sie an heftigen Kopfschmerzen litt. Elisabeth verließ das Krankenzimmer keinen Augenblick, und auch die andern Damen entfernten sich nur selten, da die Herrn abwesend waren, und sie also unten nichts zu versäumen hatten.

Um drei Uhr machte sich Elisabeth mit innerm Widerstreben zum Aufbruch bereit. Miß Bingley bot ihr höflich den Wagen an, den sie anzunehmen eben im Begriff stand, als Johanne ihr Bedauern, sich von der Schwester zu trennen, so laut äußerte, daß sich Miß Bingley genöthigt sah, das Anerbieten, sie zurückfahren zu lassen, in die Einladung, fürs Erste in Netherfield zu bleiben zu verwandeln. Elisabeth nahm sie dankbar an und ein Bote ward, augenblicklich nach Longbourn gesandt, ihr Ausbleiben zu melden, und die nothwendigsten Kleidungsstücke mit zurück zu bringen.

Achtes Capitel

Um fünf Uhr entfernten sich die Damen, Toilette zu machen, und einige Zeit darauf ward Elisabeth zum Mittagsessen gerufen. Bingley's Besorgniß über Johannens Befinden konnte sie durch ihre Berichte nicht vermindern; der Zustand war noch derselbe wie am Morgen. Die Schwestern wiederholten einige Mal, wie sehr sie sie bedauerten, wie unerträglich eine Erkältung sei, wie ungern sie selbst krank wären und dann dachten sie nicht mehr daran. Elisabeth sah jetzt deutlich, daß nur Johannens unmittelbare Nähe ihre Freundlichkeit und Theilnahme zu erregen im Stande war, und diese Bemerkung berechtigte sie, zum frühern Urtheil zurück zu kehren. Der Bruder war der Einzige in der ganzen Gesellschaft, den sie mit wohlwollenden Blicken betrachtete. Seine Angst um Johannen war augenscheinlich, und die zarten Aufmerksamkeiten, die er ihr bei jeder Gelegenheit zu beweisen strebte, drängten das unangenehme Gefühl, sich als eine Ueberlästige zu betrachten, (wofür sie die andern unfehlbar hielten) einiger Maaßen wieder zurück. Von ihm allein sah sie sich bemerkt. Miß Bingley und ihre Schwestern waren mit Darcy beschäfftigt; Hurst, ihr Tischnachbar, ein indolenter Mensch, der nur essen, trinken und Karte spielen konnte, wußte nichts mit ihr zu sprechen, nachdem er gesehen, daß sie einer einfachen Schüssel den Vorzug vor einem köstlichen Ragout gegeben.

Nach dem Essen kehrte sie gleich zu Johannen zurück und Miß Bingley benutzte ihre Abwesenheit, um schonungslos über sie herzufallen. Sie nannte ihr Benehmen roh und ungebildet, ihr Wesen halb stolz, halb impertinent; sie sprach ihr die Gabe der Unterhaltung ganz ab, und fand, daß sie weder Ausdruck, Geschmack noch Schönheit besitze. Mrß. Hurst war derselben Meinung und fügte noch hinzu –

»Kurz, sie hat nichts Empfehlendes als den Vorzug, eine vortreffliche Fußgängerin zu sein. Ich werde ihren Aufzug von diesem Morgen nie vergessen. Sie sah ordentlich wild aus.«

»Das fand ich auch und hatte Mühe, mich der Lachens zu erwehren. Wahrer Unsinn, so weit daher zu laufen, weil ihre Schwester sich erkältet hat! Und wie zerzaußt und chiffonirt waren ihre Haare!«

»Ja, und ihr Unterrock! ich hoffe, Du sahst die sechs Zoll lange Schmutzkante daran. Das Kleid war nicht lang genug, diesen Makel zu verdecken.«

»Deine Beschreibung mag allerdings sehr treu sein, liebe Louise!« sagte Bingley – »aber alle diese Dinge sind an mir vorüber gegangen. Ich fand Miß Elisabeth Bennet ungewöhnlich hübsch aussehend, als sie diesen Morgen ins Zimmer trat. Ihr schmutziger Unterrock entging meinen Blicken gänzlich.«

»
Sie bemerkten ihn gewiß, Herr Darcy!« sagte Miß Bingley – »ich bin überzeugt, Sie werden nie wünschen, Ihre Schwester so auftreten zu sehen.«

»Gewiß nicht.«.

»Drei Meilen, oder gar vier oder fünf Meilen bis an die Knöchel im Schmutz zu gehen, und allein, ganz allein! Was kann sie sich nur dabei gedacht haben? In diesem Betragen spricht sich eine unerträgliche Art erkünstelter Gleichgültigkeit, eine wahrhaft dorfmäßige Verachtung des Dekorums aus.«

»Ich sah darin nur eine aufopfernde Liebe für ihre Schwester,« entgegnete Bingley,

»Herr Darcy, fast muß ich befürchten, daß dieses Abentheuer Ihrer Bewundrung der schönen Augen Miß Bennets Schaden gethan.«

»Keineswegs. Ich fand sie im Gegentheil noch schöner und lebendiger durch den raschen Gang.« –

Es erfolgte eine kleine Pause.

»Ich fühle mich sehr zu Johannen gezogen,« begann Miß Hurst wieder – »sie ist wirklich ein liebes, gutes Mädchen, und ich wünsche von Herzen, sie anständig versorgt zu sehen. Doch bei solchen Eltern und solcher gemeinen Verwandscht ist die Aussicht hierzu sehr gering.«

»Ich meinte von Dir gehört zu haben, daß ihr Onkel als Advokat in Meryton lebt,« sagte Bingley,

»Ja, und sie haben noch einen Onkel, der irgendwo in der Nähe von Cheapside wohnt.«

»Das ist göttlich!« rief die Schwester und Beide lachten laut auf.

»Und wenn sie der Onkels so viele hätten, ganz Cheapside damit zu bevölkern,« sagte Bingley – »so macht dieser Umstand Johannen auch nicht um ein Tüttelchen weniger liebenswürdig.«

»Aber er trägt doch dazu bei, ihre Aussicht auf eine Verbindung mit einem Mann von Ansehen und Bedeutung zu verringern,« bemerkte Darcy.

Bingley schwieg; seine Schwestern hingegen stimmten ihm von ganzem Herzen bei und erschöpften sich in Witz und Spott über die gemeine Verwandscht ihrer lieben Freundin. Dieser kleine Angriff hinter ihrem Rüden hinderte sie jedoch nicht, nach dem Essen mit erneuerter Zärtlichkeit zu Johannen zurück zu kehren, und bei ihr zu bleiben, bis sie zum Caffee gerufen wurden. Die Kranke befand sich fortwährend sehr leidend, und Elisabeth verließ sie nicht eher, bis sie, am Abend in einen sanften Schlaf gefallen, ihren Beistand entbehren konnte. Nun erforderte die Höflichkeit, herunter zu kommen. Sie fand die Gesellschaft am Spieltisch beschäfftigt und ward sogleich aufgefordert, Theil daran zu nehmen; doch in der Voraussetzung eines hohen, ihre Kasse übersteigenden Spiels lehnte sie es, unter dem Vorwand, wegen ihrer Schwester nicht lange unten verweilen zu können, ab und versicherte, sich die Zeit mit einem Buch vertreiben zu wollen. Hurst sah sie mit nicht geringem Erstaunen an und fragte –

»Ziehen Sie wirklich das Lesen dem Kartenspiel vor? Das wäre doch in der That höchst sonderbar.«

»Miß Elise Bennet,« nahm Caroline das Wort, »verachtet die Karten. Sie ist eine große Freundin der Lektüre und findet nur an Büchern Freude.«

»Ich verdiene weder dieses Lob, noch diesen Tadel, indem ich keine eifrige Leserin bin, und noch an manchen andern Dingen Freude finde.«

»Zum Beispiel an dem süßen Geschäfft, Ihre liebe Schwester zu pflegen, was hoffentlich nun bald durch Miß Bennets völlige Herstellung beendigt sein wird,« sagte Bingley.

Elise dankte ihm für diesen Wunsch und trat an den Tisch, sich ein Buch auszusuchen. Er erbot sich, ihr noch einige andere zur Auswahl zu holen, und bedauerte, ihrentwegen keine größere Sammlung zu besitzen. »Für mich,« fügte er hinzu, »ist sie vollkommen groß genug, denn ich bin ein fauler Mensch und muß gestehen, diese wenigen noch nicht alle gelesen zu haben.«

Elisabeth versicherte, ein passendes gefunden zu haben, und setzte sich in einiger Entfernung von dem Spieltisch damit hin.

Miß Bingley benutzte diese Gelegenheit, Darcy's herrlicher und vollständiger Büchersammlung in Pemberley zu erwähnen, und ihm viel Schmeichelhaftes über seinen ästhetischen Sinn so wie über seinen Geschmack zu sagen. Sie pries Pemberley als das Paradies von Derbyshire, und forderte ihren Bruder auf, sich in dieser Gegend anzukaufen, und des Freundes Besitzthum als Modell zu nehmen.

Elisabeths Aufmerksamkeit ward durch den Gegenstand der Unterhaltung so sehr in Anspruch genommen, daß sie nicht im Zusammenhang bleiben konnte; deshalb legte sie ihr Buch bei Seite und setzte sich zwischen Bingley und seiner ältesten Schwester an den Spieltisch, das Spiel zu beobachten:

»Ist Miß Darcy noch gewachsen, seit ich sie zuletzt gesehen? ist sie wohl so groß wie ich?«

»Sie ist ungefähr in Miß Elisabeth Bennets Größe, oder vielleicht noch etwas größer.«

»Wie sehne ich mich darnach, sie wieder zu sehen! Noch nie hat mich ein weibliches Wesen so angezogen. Welche Lieblichkeit der Züge, welche Anmuth der Bewegungen und wie talentvoll für ihr Alter. Ihre Fertigkeit auf dem Clavier ist außerordentlich.«

»Ich wundre mich nur, wo die jungen Damen die Geduld hernehmen, so vollkommen und gebildet zu sein, wie sie doch alle sind.

»Alle? Lieber Carl, was denkst Du?«

»Je nun, ich halte sie Alle dafür. Da gibt es keine, die nicht auf Holz zu malen, Teppiche zu nähen oder Geldbörsen zu häkeln versteht, und noch mehr andre Vollkommenheiten besitzt. Und nie hört man zuerst von einer jungen Dame sprechen, ohne zu erfahren, daß sie sehr gebildet, und voller Talente ist.«

»Im Allgemeinen magst Du Recht haben,« sagt Darcy, »aber das Wort gebildet wird nur zu oft gemißbraucht und manchem weiblichen Wesen beigelegt, was in der That nichts weiter versteht, als auf Holz zu malen und Geldbörsen zu arbeiten. Ich kann mich nicht rühmen, mehr als höchstens sechs junge Damen zu kennen, die es verdienen, gebildet genannt zu werden.«

»Ich auch nicht,« sagte Miß Bingley.

»Dann,« bemerkte Elisabeth, »machen Sie wohl sehr große Ansprüche an weibliche Bildung.«

»Ich fordere allerdings viel.«

»O gewiß!«, rief Miß Bingley, sein getreuer Beistand – »Niemand kann für wahrhaft gebildet erklärt worden, der nicht das Gewöhnliche weit übertrifft. Eine junge Dame von Bildung muß eine gründliche Kenntniß der Musik besitzen, im Zeichnen, Tanzen und allen lebenden Sprache bewandert sein, und sich außerdem noch durch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen, Gang, Ton der Stimme, in ihren Bewegungen und Ausdrücken auszeichnen, ohne welches sie den ehrenvollen Beinamen nur halb verdienen würde.«

»Und fügen wir zu allem schon genannten,« sagte Darcy, »noch einige wesentliche, gediegene Eigenschaften hinzu; so ist die Bildung vollkommen.«

»Ich wundere mich nun nicht mehr, daß Sie nur sechs solcher weiblichen Vollkommenheiten in Ihrer Bekanntschaft zählen,« sagte Elisabeth. »Es sollte mir schwer werden, eine Einzige aufzuweisen.«

»Sind Sie so streng gegen Ihr eigenes Geschlecht, um die Möglichkeit solcher Vereinigung zu bezweifeln?«

»Mir ist noch kein weibliches Wesen vorgekommen, das solche Kenntnisse, Talente und gründliches Wissen mit so viel Geschmack und Eleganz verbunden hätte.«

Mrß. Hurst und Miß Bingley erhoben sich laut gegen die Ungerechtigkeit ihres Zweifels, und versicherten Beide, mehrere dieser Beschreibung entsprechende junge Damen zu kennen. Hurst unterbrach endlich das Gespräch durch gerechte Klagen über die Unaufmerksamkeit seiner Mitspieler, und so kehrten die Spieler sämmtlich zu ihren Karten zurück, Elise aber zu ihrer kranken Schwester.

»Miß Bennet
Die Anrede »Miss« im Zusammenhang mit dem Nachnamen gebührt zu dieser Zeit ausschließlich der ältesten Tochter; die übrigen Töchter führen den Miss-Titel nur zusammen mit ihrem Vornamen. Richtig müsste es an dieser Stelle also heißen »Miss Elisabeth«. Im Original sagt Caroline nur: »
Eliza Bennet«, was eine zusätzliche Herabsetzung einschließt.,« bemerkte Caroline, sobald sie das Zimmer verlassen, »gehört zu den jungen Damen, die sich bei dem andern Geschlecht durch Herabsetzung ihres eigenen zu empfehlen suchen, welcher Kunstgriff allerdings bei manchen Männern anschlägt. Nach meiner Ansicht jedoch eine armselige List, ein gemeine Kunstgriff.«

»So möchte ich,« entgegnete Darcy, dem die Bemerkung hauptsächlich galt, »jede geflissentliche Bemühung zu gefallen nennen. Alle List ist verächtlich.«

Nicht ganz zufrieden mit dieser Antwort, ließ Miß Bingley das Gespräch fallen.

Indem kehrte Elise zurück, um zu melden, daß sich der Zustand ihrer Schwester verschlimmert und sie sie daher nicht verlassen könnte. Bingley schlug vor, Herrn Jonas augenblicklich kommen zu lassen; seine Schwestern aber, welche die Geschicklichkeit dieses Arztes bezweifelten, wollten einen Expressen an einen der berühmtesten Aerzte in London schicken. Dieß verbot Elisabeth, nahm jedoch den Vorschlag des Bruders an, und so ward verabredet, Herrn Jonas mit dem anbrechenden Morgen holen zu lassen, falls Miß Bennets Zustand sich bis dahin nicht bedeutend gebessert haben sollte.

Bingley fühlte sich höchst unbehaglich; seine Schwestern erklärten, sehr unglücklich durch das Leiden der Freundin zu sein, suchten jedoch nach dem Abendessen ihren Jammer durch Musik zu vertreiben, während Bingley seine Empfindungen in sich verschloß und seine Sorge nur durch verdoppelte Aufmerksamkeit und zarte Vorkehrungen für die Ruhe des kranken Gasts verrieth.

Neuntes Capitel

Elisabeth brachte den größten Theil der Nacht am Bette ihrer Schwester zu, und freute sich, dem Herrn des Hauses am andern Morgen auf seine Fragen nach ihrem Befinden eine leidliche Antwort zurückschicken zu können. Trotz dieser Besserung ließ sie ihn aber doch um einen Boten nach Longbourn bitten, der Mutter Kunde von Johannens Befinden zu geben, und sie zu ersuchen, selbst zu kommen und ihren Zustand zu prüfen. Das Billet ward augenblicklich abgeschickt, und Mrß. Bennet, begleitet von ihren beiden jüngsten Töchtern, langte gleich nach dem Frühstück in Netherfield an.

Hätte sie Johannen bedeutend krank gefunden, würde sie sich gewiß sehr unglücklich gefühlt haben, nachdem sie aber gesehen, daß die Erkältung zwar heftig, jedoch keineswegs gefährlich war, konnte sie den geheimen Wunsch nicht unterdrücken, daß die Besserung nicht allzurasch vor sich sehen möge, um ihren Aufenthalt so lange als möglich auszudehnen. Des hinzugekommenen Arztes Erklärung, die Patientin in diesem Zustand nicht zu transportiren, veranlaßte Mrß. Bennet, die Gastfreiheit der Bingley'schen Familie noch auf einige Zeit für ihre beiden ältesten Töchter in Anspruch zu nehmen, worauf Bingley mit vieler Wärme, seine Schwestern mit kalter Höflichkeit antworteten.

Die Gesellschaft hatte sich jetzt im Frühstückszimmer versammelt und Mrß. Bennet unterließ nicht, sich in Bewundrung und Lobeserhebungen der Einrichtung des Hauses, der schönen Lage und Aussicht und dergleichen mehr zu ergießen. So lange das Gespräch noch allgemeinen Innhalts war, und hauptsächlich zwischen Bingley und Mrß. Bennet geführt wurde, ging alles gut, und Elisabeth, wenn gleich in steter Angst, hatte doch keine Ursache zu erröthen, und sich ihrer Mutter zu schämen. Als diese nun aber, durch Bingley's Höflichkeit ermuthigt, immer weiter ging und in ihren gewöhnlichen schwatzenden Ton verfiel, da glaubte sie vor Schaam in die Erde sinken zu müssen. Vergebens bemühte sie sich, durch dazwischen geworfene Fragen der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben. Mrß. Bennet erzählte rücksichtslos, was ihr einfiel; erst von ihren Kindern und deren Vorzügen, bei welcher Gelegenheit Johannens Sanftmuth und Bescheidenheit hervorgehoben wurde; dann von den Freuden und Annehmlichkeiten des Landlebens.

»Hoffentlich sind Sie, Herr Bingley, in diesem Punkt meiner Meinung,« so schloß sie ihre Rede - »und gedenken Netherfield nicht sobald wieder zu verlassen?«

»Dafür kann ich nicht einstehen. Solche Entschlüsse wechseln schnell, und die Ausführung folgt ihnen immer auf dem Fuß. Deshalb würde ich, falls es mir einfallen sollte, Netherfield zu verlassen, in fünf Minuten fort sein. In diesem Augenblick betrachte ich mich jedoch als völlig ansässig hier.«

»So habe ich Sie also ganz richtig beurtheilt,« sagte Elisabeth.

»Sie fangen an mich zu verstehen« – rief Bingley, sich zu ihr wendend.

»O ja, ich verstehe Sie vollkommen.«

»Ich wünschte dieß als ein Compliment betrachten zu können; aber so leicht durchschaut zu werden, ist leider nicht sehr rühmlich.«

»Das kommt auf Umstände an. Ein tiefer, schwer zu ergründender Charakter ist nicht immer dem offnen, freimüthigen vorzuziehen.«

»Ich habe nicht gewußt, daß Sie sich mit dem Studium der Charaktere beschäftigen; es muß dieß sehr unterhaltend sein.«

»Das Leben auf dem Lande ist demselben nur nicht günstig,« bemerkte Darcy. »Man bewegt sich hier in einem so engen und beschränkten Kreis.«

»Aber die Menschen in diesem Kreise verändern sich mitunter so auffallend, daß immer etwas Neues an ihnen zu bemerken ist,« sagte Elisabeth.

Mrß. Bennet, durch Darcy's Geringschätzung des Landlebens beleidigt, erhob jetzt ihre Stimme zum Lob der ländlichen Geselligkeit, besonders in einer so anziehenden Nachbarschaft, wie sich Longbourn zu erfreuen hätte, und zählte wenigstens vier und zwanzig Familien her, mit denen sie im freundschaftlichen Verkehr ständen.

Alle sahen sie erstaunt an, und Darcy wandte sich, nachdem er sie einige Augenblicke schweigend betrachtet, lächelnd ab. Es erfolgte eine Pause, und Elisabeth zitterte, daß ihre Mutter noch ein Mal den Faden des Gesprächs wieder aufnehmen und sich von Neuem Preis geben könnte. Sie wünschte dem Unglück vorzubeugen, wußte aber nicht wie, und war daher sehr froh, als Mrß. Bennet, nachdem sie nochmals um Entschuldigung wegen Johannens und Lizzy's längerm Bleiben gemacht, ihren Wagen bestellte. Auf dieses Signal erhoben sich die beiden jüngsten Töchter. Sie hatten die ganze Zeit leise mit einander geflüstert und das Resultat dieses Gesprächs war, daß die Jüngste Herrn Bingley an sein Versprechen, einen Ball in Netherfield zu geben, erinnern sollte.

Lydia war zwar erst funfzehn Jahre, aber schon vollkommen erwachsen. Sie verband mit einer schlanken Taille eine feine, weiße Haut und einen muntern, hübschen Ausdruck des Gesichts. Von Jugend auf der Liebling ihrer Mutter, hatte diese nicht gesäumt, sie sehr früh in die Welt einzuführen. Mit einem gewissen Selbstvertrauen, was sich durch die Aufmerksamkeiten der Herrn Officiere bis zur Selbstzufriedenheit gesteigert hatte, wandte sie sich an Bingley, und erinnerte ihn ohne Umschweife an sein Versprechen. Er erklärte sich bereit, es zu halten, sobald Miß Bennet wieder hergestellt wäre, und forderte sie auf, alsdann den Tag des Balls selbst zu bestimmen.

Hiermit schien Lydia sehr zufrieden und meinte, bis dahin wurde Capitain Carter auch wohl wieder in Meryton sein. »Und wenn Sie dann Ihren Ball gegeben haben,« fuhr sie fort, »Werde ich dem Oberst Forster begreiflich zu machen suchen, daß die Reihe nun an ihm ist, und daß es eine Schande sein würde, zurück zu bleiben.«

Mrß. Bennet und ihre jüngern Töchter empfahlen sich hiermit der Gesellschaft und kehrten nach Longbourn zurück. Elisabeth begab sich wieder zu ihrer Schwester, und überließ ihr eigenes, und ihrer Angehörigen Betragen den Bemerkungen der beiden Damen und Herrn Darcy's. Letzterer konnte sich jedoch, trotz Miß Bingley's Spöttereien über Lizzy's schöne Augen, nicht überwinden, in des Schwesterpaares strenges Urtheil über sie mit einzustimmen.

Zehntes Capitel

Der Tag verstrich wie der vorhergegangene. Mrß. Hurst und Miß Bingley brachten einige Morgenstunden bei der Kranken zu, deren Zustand sich langsam zu bessern begann, und gegen Abend fand sich Elisabeth im Gesellschaftszimmer ein. Der allgemeine Spieltisch erschien jedoch heute nicht. Darcy schrieb, und Miß Bingley, neben ihm sitzend, beobachtete den Fortgang seines Briefs, und wurde nicht müde, ihm immer wieder neue Aufträge an seine Schwester zu geben. Hurst und Bingley saßen beim Piquet, und Mrß. Hurst sah ihrem Spiele zu.

Elisabeth ergriff eine weibliche Arbeit und ergötzte sich an der Beobachtung dessen, was zwischen Darcy und seiner Nachbarin vorging. Miß Bingley erschöpfte sich in lobenden Ausrufungen über die Zierlichkeit seiner Handschrift, über die Gleichheit seiner Zeilen und über die Länge seines Briefs, worauf er, ohne sich stören zu lassen, sehr lakonisch antwortete. Auf diese Weise ging die Unterhaltung fort, bis Darcy seinen Brief beendet und gesiegelt hatte. Hiermit fertig, ersuchte er Miß Bingley und Elisabeth, etwas Musik zu machen. Erstere bewegte sich eiligst zum Instrument, und nachdem sie Elisen höflichst gebeten, den Anfang zu machen, was diese eben so höflich als ernstlich abgelehnt, nahm sie am Flügel Platz.

Mrß. Hurst sang mit ihrer Schwester, und Elisabeth bemerkte, während sie in einem Notenbuche blätterte, daß Darcy's Augen häufig auf sie gerichtet waren. Sie konnte es sich kaum vorstellen, ein Gegenstand der Bewundrung des großen Mannes zu sein, und aus Mißfallen betrachtet zu werden, war eben so unglaublich. Seine Aufmerksamkeit auf sie mußte also wohl durch irgend etwas, seinen Ansichten Widersprechendes erregt worden sein. Diese Vermuthung kümmerte sie indeß wenig, da er ihr nicht angenehm genug war, um Werth auf seinen Beifall zu legen.

Nachdem Miß Bingley einige italienische Arien gesungen, ging sie zu einem muntern schottischen Liedchen über. Darcy hatte sich unterdessen Elisen genähert, und sagte zu ihr – »Miß Bennet, fühlen Sie keine Neigung, einen Walzer nach dieser Melodie zu tanzen?«

Sie lächelte, antwortete jedoch nicht; und so wiederholte er seine Frage mit einigen Erstaunen über ihr Schweigen. »Ich verstand Sie schon das erste Mal,« entgegnete sie – »konnte mich aber nicht recht entschließen, was ich Ihnen darauf antworten sollte. Sie hörten mich gern Ja sagen, um die Freude zu haben, sich über meinen Geschmack lustig zu machen; aber dergleichen Vorsätze zu vereiteln, macht mir immer Spaß, und so erkläre ich denn auch jetzt, daß ich keine Lust zum Walzen fühle – und nun verachten Sie mich, wenn Sie es wagen.«

»Ich wage es nicht!«

Elisabeth staunte über seine Galanterie. Sie glaubte ihn beleidigt zu haben; aber es lag eine solche Mischung von Lieblichkeit und Muthwillen in ihrem Wesen, daß sie Andere nicht leicht beleidigen konnte; und Darcy mußte sich gestehen, daß er sich noch nie von einem Weibe so angezogen gefühlt, wie von ihr, und daß nur ihre schreckliche Verwandscht und Bekanntschaft ihn vor der Gefahr, sie zu lieben, schützen konnte.

Miß Bingley sah und vermuthete genug, um eifersüchtig zu werden, und ihre zärtliche Sorge für die Wiederherstellung der geliebten Johanne erhielt noch einigen Beistand durch den Wunsch, Elisabeth auf diese Weise los zu werden.

»Ich hoffe,« sagte sie, als sie den folgenden Tag mit Darcy in den Anlagen spazieren ging – »ich hoffe, Sie werden Ihrer Schwiegermutter einige wohlmeinende Winke geben, nicht gar zu dumm zu schwatzen; auch würde es rathsam sein, die jüngern Schwestern von der Sucht, den Officieren nachzulaufen, zu heilen. Und, wenn man einen so zarten Gegenstand berühren darf, möchte ich noch hinzufügen, das gewisse, an Geringschätzung und Impertinenz grenzende Etwas Ihrer Zukünftigen zu mildern.«

»Haben Sie sonst noch etwas zur Beförderung und Erhaltung meines häuslichen Glücks vorzuschlagen?«

»O Ja! ich würde rathen, die Portraits Ihres zukünftigen Herrn Onkels und Ihrer Frau Tante Philips in der Gallerie zu Pemberley aufhängen zu lassen, zunächst bei Ihrem Großonkel, dem Richter. Sie treiben einerlei Geschäfft, nur in verschiedenen Zweigen. Was das Bildniß Ihrer Elisabeth betrifft, so möchte es schwer halten, einen Maler zu finden, der im Stande wäre, diesen schönen Zügen ihr Recht widerfahren zu lassen.«.

»Es würde in der That keine leichte Aufgabe sein, den Ausdruck treu wiederzugeben, wenn auch Farbe und Form, so wie die schönen Augenlieder zu copiren wären.«.

In diesem Augenblick traten Mrß. Hurst und Elisabeth den Sprechenden aus einem andern Gang entgegen.

»Ich wußte nicht, daß Sie auch die Absicht hatten, spazieren zu gehen,« sagte Miß Bingley etwas verlegen.

»Es war nicht sein, so fortzulaufen, ohne uns etwas davon zu sagen,« entgegnete Mrß. Hurst. Und somit ergriff sie Darcy's freien Arm, und ließ Elisabeth hinterher gehen, da der Weg nur drei Personen faßte.

Darcy fühlte ihre Unart und sagte –

»Dieser Weg ist nicht breit genug für unsre Gesellschaft. Wir thun besser, einen andern einzuschlagen.«

Elisabeth aber, die keine Lust hatte, sich ihnen anzuschließen, rief lachend, – »nein, nein! bleiben Sie nur. Die Gruppe ist zu romantisch und kann sich nirgends vortheilhafter entwickeln. Das Pittoreske würde durch einen Vierten in diesem Bunde gänzlich verloren gehen. Leben Sie wohl!«

Damit lief sie eiligst fort, sich freuend, nach einigen Tagen wieder in die Heimath zurückkehren zu können. Johanne war so weit hergestellt, daß sie ihr Zimmer diesen Abend auf einige Stunden verlassen konnte.

Elftes Capitel

Sobald die Damen vom Tisch aufgestanden waren, führte Elisabeth ihre Schwester wohl verhüllt und eingepackt hinunter in das Gesellschaftszimmer, wo sie von ihren beiden Freundinnen mit vielen Freudensversicherungen empfangen wurde. Elisabeth hatte sie noch nie so angenehm und liebenswürdig gefunden, als in dieser Stunde, ehe die Herrn erschienen. Ihre Unterhaltungsgabe war wirklich außerordentlich; sie konnten eine Gesellschaft mit allen Nuancen beschreiben, eine Anekdote mit vieler Laune erzählen und über die Lächerlichkeiten ihrer Bekannten mit Geist lachen.

Doch sobald die Herrn eintraten, hörte Johanne auf, die Hauptperson zu sein. Miß Bingley hatte Darcy'n etwas zu sagen, noch ehe er sich ihr genähert. Er begrüßte Miß Bennet mit einem höflichen Glückwunsch zu ihrer Genesung: Hurst machte ebenfalls eine leichte Verbeugung und freute sich, sie wieder wohl zu sehen; aber Bingley's Empfang drückte die Wärme seiner Empfindung aus. Er war ganz Freude und Aufmerksamkeit, sorgte für Erhaltung des Kaminfeuers, suchte ihr den besten, vor Zug gesicherten Platz aus, rückte dann seinen Stuhl zu ihr hin und sprach nur mit ihr. Elisabeth, im andern Ende des Zimmers mit einer weiblichen Arbeit beschäfftigt, sah diesem Treiben mit Vergnügen zu.

Nach eingenommenem Thee erinnerte Hurst seine Schwägerin an die Karten. Doch vergebens. Sie hatte geheime Nachricht, daß Darcy nicht zum Spiel aufgelegt war, und so wurde selbst Hursts laut ausgesprochener Wunsch unbeachtet gelassen. Ihm blieb daher nichts anderes übrig, als sich auf ein Sofa zu strecken und zu schlafen. Darcy ergriff ein Buch, Miß Bingley that ein Gleiches und Mrß. Hurst, mit ihren Ringen und Armbändern spielend, mischte sich dann und wann in die Unterhaltung ihres Bruders mit Johannen. Doch nicht lange ertrug Miß Bingley das Einförmige dieses Zeitvertreibs, und nachdem sie einige Mal laut gegähnt, legte sie ihr Buch zur Seite und sagte zu ihrem Bruder, der eben mit Johannen von dem projektirten Ball in Netherfield sprach –

»
A propos, Carl! bist Du wirklich gesonnen, einen Ball zu geben? Ich würde Dir doch rathen, erst die Wünsche Deiner Hausgenossen über diesen Punkt zu erforschen, bevor Du dergleichen fest setzst. Es möchte vielleicht Manchem unter uns dieser Ball mehr zur Strafe als zum Vergnügen gereichen.«

»Wenn Du Darcy meinst, rief Bingley lachend – »so steht es ihm frei zu Bette zu gehen, ehe Der Ball beginnt. Aber gegeben wird er, und sobald die nöthigen Vorkehrungen von Seiten meiner Haushälterin getroffen sind, werde ich die Karten herumschicken.«

Miß Bingley sagte noch Mancherlei über die Einförmigkeit eines solchen Vergnügens, und wie es weit unterhaltender gemacht werden könnte, wenn der Tanz mit Conversation abwechselte. Als sie aber bemerkte, daß ihr Bruder fest entschlossen war, ließ sie den Gegenstand fallen, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Ihre Gestalt war schön und sie bewegte sich mit Grazie. Doch Darcy, auf welchen dieser Angriff gerichtet war, verwandte keinen Blick von seinem Buch. In der Verzweiflung forderte sie jetzt Elisen auf, ihrem Beispiel zu folgen, indem eine solche Bewegung nach langem Stillsitzen sehr heilsam sei.

Elisabeth staunte, willigte jedoch ein, und Miß Bingley erreichte ihren Zweck in so fern, daß Darcy, durch diese ungewöhnliche Höflichkeit aufmerksam geworden, sein Buch weglegte. Nun ward er sogleich aufgefordert, Theil an dem Spaziergang zu nehmen, lehnte die Einladung indeß ab, weil die Damen, wie er sagte, nur zwei Gründe zu diesem Auf- und Abgehen haben könnten, welche Beide durch sein Hinzutreten gestört werden müßten.

Miß Bingley bat sich eine Erklärung dieser beiden Gründe aus.

»Ich nehme keinen Anstand, sie auszusprechen,« sagte er. »Sie erwählen diese Weise, den Abend zuzubringen, entweder um sich ungestört über geheime Gegenstände unterhalten zu können, oder weil sie überzeugt sind, ihre Gestalten beim Auf- und Abgehen im vortheilhaftesten Licht zu zeigen. Im erstern Fall würde ich völlig überflüssig sein; im zweiten – kann ich sie aus einiger Entfernung besser bewundern.«

»O wie abscheulich!« rief Miß Bingley. »Kann man sich so etwas vorstellen! Wie züchtigen wir ihn für diese Sprache?«

»Nichts ist leichter, wenn Sie Lust dazu haben,« entgegnete. Elisabeth. »Aergern Sie ihn – zanken Sie ihn aus – lachen Sie ihn aus. Bei Ihrer genauen Kenntniß seines Charakters werden Sie wohl wissen, wie dieß am Besten anzufangen ist.«

»Ja, wenn ich das wüßte! aber so weit ergründet habe ich ihn trotz unserer längern Bekanntschaft noch nicht. Auch sind Gemüthsruhe und Geistesgegenwart nicht leicht außer Fassung zu bringen. Nein, nein! ich fühle, er wird uns Trotz bieten. Und was das Auslachen betrifft, so bedarf es dazu eines Grundes, und diesen giebt uns Herr Darcy nicht.«

»Herr Darcy ist also ein Gegenstand, über den man nicht lachen kann!« rief Elisabeth. »Das ist allerdings ein ungewöhnlicher Vorzug; und ungewöhnlich wird er auch hoffentlich bleiben. Wenigstens für mich würde es ein großer Verlust sein, viel solche Bekanntschaften zu haben, indem ich ungemein gern lache.«

»Miß Bingley,« sagte er, »traut mir zu viel zu. Die weisesten und besten Menschen, ja sogar die weisesten und besten ihrer Handlungen können von solchen, denen ein Scherz der höchste Zweck des Lebens ist, lächerlich gemacht werden.«

»Es giebt allerdings solche Menschen,« entgegnete Elisabeth – »doch hoffe ich nicht in diese Klasse zu gehören. Was weise und gut ist, werde ich nie lächerlich machen. Thorheiten und Unsinn, Launen und Unbeständigkeiten unterhalten mich und reizen mich zum Lachen, wo ich sie finde; aber ich sehe voraus, daß Sie über solche Dinge erhaben sind.«

»Das möchte vielleicht kein Mensch mit Recht von sich behaupten können; doch habe ich es zum Studium meines Lebens gemacht, mich vor solchen Schwachheiten zu bewahren, die einen Menschen, bei dem aufgeklärtesten Verstand, oft lächerlich machen.«

»Als da sind Stolz und Eitelkeit.«

»Die Eitelkeit erkenne ich allerdings für eine Schwachheit; aber der Stolz – wenn er auf wahre Vorzüge gegründet ist – verdient diesen Namen nicht.«

Elise wandte sich ab, ein Lächeln zu verbergen.

»Ihre Untersuchung der Schwachheiten des Herrn Darcy scheint zu Ende zu sein,« sagte Miß Bingley. »Darf man nach dem Resultat fragen?«

»Ich bin vollkommen überzeugt, daß Herr Darcy keine Schwachheiten hat. Er gesteht es selbst ein.«

»Sie mißverstehen mich,« entgegnete Darcy. »Ich habe Schwachheiten genug, aber hoffentlich keine Verstandesschwachheiten. Für mein Temperament kann ich nicht einstehen. Ich fürchte, es ist zu wenig nachgiebig, zu wenig geeignet, sich in die Welt zu fügen. Ich kann die Thorheiten und Laster Anderer nicht so leicht vergessen, als ich sollte, eben so wenig erlittene Beleidigungen. Mein Gefühl ist nicht durch jede Kleinigkeit zu rühren. Ich verdiene vielleicht den Vorwurf, empfindlich, zum Groll geneigt genannt zu werden. Wer meine gute Meinung einmal verloren hat, gewinnt sie nie wieder.«

»Das ist in der That mehr wie Schwachheit!« rief Elisabeth. »Unversöhnlicher Groll ist ein Flecken im Charakter. Doch Sie haben Ihre Fehler im Ganzen gut gewählt; sie sind sämmtlich von der Beschaffenheit, daß man mit dem besten Willen nicht darüber lachen kann.«

»Ich glaube, es findet sich in jedem Menschen eine Neigung zum Bösen, so eine Art Naturfehler, den selbst die beste Erziehung nicht auszurotten vermag.«

»Der Ihrige ist die Neigung, jedermann zu hassen.«

Und Ihr Fehler,« entgegnete er lächelnd, »besteht darin, alle Menschen geflissentlich unrecht verstehen zu wollen.«

»Lassen Sie uns ein Wenig Musik machen,« rief Miß Bingley, ermüdet von einer Unterhaltung, an der sie keinen Antheil hatte. – »Louise, Du fürchtest Dich nicht, Deinen Mann dadurch aufzuwecken?«

Mrß. Hurst schien keine so zarten Rücksichten nehmen zu wollen. Der Flügel ward geöffnet, und Darcy freute sich dieser Störung, indem er nach einiger Ueberlegung die Gefahr, Elisen zu viel Aufmerksamkeit zu widmen, erkannte.

Zwölftes Capitel

Da Johanne nun wieder, vollkommen hergestellt war, schrieb Elisabeth den folgenden Morgen an ihre Mutter, und bat sie, den Wagen zu ihrer Abholung noch denselben Nachmittag zu schicken. Diese Aufforderung kam ihr sehr ungelegen. Sie hatte gewünscht, die Zurückkunft ihrer Tochter wenigstens noch zwei Tage verschoben zu sehen, um sagen zu können, daß sie eine ganze Woche in Netherfield gewesen; und da sie nicht gesonnen war, diesen Wunsch aufzugeben, meldete sie Elisen, ›daß der Wagen vor dem Dienstag nicht geschickt werden könnte, und daß sie, falls Bingley und seine Schwestern sie zum längern Bleiben nöthigen sollten, zu Hause recht gut noch einige Tage entbehrt werden könnten.‹

Zu einem abermaligen Aufschub konnte sich Elisabeth indeß nicht entschließen, und da sie eher befürchten mußte, als eine Ueberlästige betrachtet zu werden, als eine neue Einladung von den Damen zu erhalten, bat sie Johannen, den gefälligen Bingley, um seinen Wagen anzusprechen.

Dieses Zeichen zum Aufbruch ward von Mrß. Hurst und Miß Bingley mit vielen Versicherungen des Bedauerns aufgenommen, und die Schwestern dringend gebeten, die Abreise wenigstens bis morgen zu verschieben, welchen Vorschlag Caroline jedoch sehr, bald wieder bereute, indem ihr aus Eifersucht entstandener Widerwille gegen Elisen die Liebe zu Johannen weit übertraf. Den Herrn des Hauses erfüllte die Kunde ihrer nahen Abreise mit vieler Bekümmerniß, und er wandte alle Beredsamkeit an, Johannen zum längern Verweilen zu vermögen: doch fest in dem, was sie ein Mal für recht erkannte, ließ sie sich auch jetzt nicht umstimmen.

Darcy vernahm die Nachricht mit Vergnügen. Elisabeth war schon zu lange in Netherfield gewesen. Sie hatte ihn mehr angezogen, als er wünschte – und Miß Bingley war unhöflich gegen
sie, und zudringlicher als gewöhnlich gegen ihn gewesen. Er beschloß sorgfältig über sich zu wachen, um ihr den möglichen Gedanken, als ob sie Eindruck auf ihn gemacht haben könnte, wieder zu benehmen. In dieser Absicht sprach er auch den ganzen Sonnabend nicht zehn Worte mit ihr und blieb selbst, als Beide zufällig eine halbe Stunde allein im Zimmer waren, stumm und unbeweglich bei seinem Buch sitzen.

Sonntag Morgen nach dem Gottesdienst fand endlich die von den meisten so ersehnte Trennung Statt. Miß Bingley's Höflichkeit gegen Elisen nahm zum Schluß in demselben Grade zu, wie ihre Zärtlichkeit gegen Johannen; und nachdem sie Letztere umarmt und ihr mehrmals versichert, daß es ihr viel Freude machen würde, sie wieder zu sehen, reichte sie auch Elisen die Hand zum Abschied.

Der Empfang von der Mutter war nicht sehr herzlich. Sie wunderte sich über ihr frisches Kommen, fand es nicht artig, die Netherfielder Gesellschaft des Wagens zu berauben und äußerte große Sorge, daß Johanne sich abermals erkältet, haben könnte. Der Vater hingegen, obgleich sehr lakonisch in seinen Freudensbezeugungen, war augenscheinlich froh, sie wieder zu sehen. Er hatte ihre Unentbehrlichkeit in dem Familienkreis hinlänglich erkannt, und die Abendunterhaltung ohne ihren Beistand unerträglich gefunden.

Marie war wie gewöhnlich mit dem ernsten Studium des Generalbasses und der menschlichen Natur beschäfftigt, und hatte ihren Schwestern neue Ausarbeitungen zu zeigen und scharfsinnige Bemerkungen mitzutheilen. Kitty's und Lydiens Nachrichten waren andrer Art. Viel war von den Officieren gethan und noch mehr gesagt worden seit vorigen Freitag; einige dieser Herrn hatten kürzlich beim Onkel Philips gegessen, und es ging ein unverbürgtes Gerücht, daß Oberst Forster sich nächstens verheirathen würde.

Dreizehntes Capitel

Am folgenden Morgen beim Frühstück kündigte Bennet der versammelten Familie einen Gast zum Mittag an. Mutter und Töchter waren natürlich sehr begierig, Namen und Stand des Kommenden zu erfahren. Es konnte niemand anderes als Bingley sein, und Mrß. Bennet zog die Klingel, um eiligst noch einige Veränderungen und Verbesserungen des Mahls anzuordnen; als Bennet versicherte, daß sie nicht Herrn Bingley, sondern einen ganz fremden Herrn zu erwarten hätten. Und nachdem er sich einige Zeit an ihrem Erstaunen und ihrer Neugier ergötzt, erzählte er, daß er vor vier Wochen einen Brief von seinem Vetter Collins, demselben, der nach seinem Tode Frau und Töchter, sobald es ihm beliebte, zum Hause hinausweisen könnte, erhalten hatte, worin er seinen Besuch auf den heutigen Tag angekündigt.

Mrß. Bennet erschöpfte sich zum hundertsten Mal in Klagen und Verwünschungen über die ungerechte und grausame Einrichtung, einer Wittwe und ihren fünf Töchtern das Gut nach des Mannes Tode zu nehmen, um es einem wildfremden Vetter zu geben. Johanne und Elisabeth bemühten sich ebenfalls zum hundertsten Mal, jedoch vergeblich, ihr die Sache begreiflich zu machen; der Versuch überstieg ihr Fassungsvermögen, und so blieb sie bei ihrer Meinung.

»Es ist allerdings ein höchst unbilliges Verlangen,« sagte Bennet mit erkünsteltem Ernst – »und nichts kann Herrn Collins von der Schuld, Longbourn zu erben, freisprechen. Aber ich hoffe, wenn Du seinen Brief gelesen hast, wirst Du durch seine Art, sich hierüber auszudrücken, milder gegen ihn gestimmt werden.«

»Gewiß nicht; ich finde es im Gegentheil sehr unverschämt und heuchlerisch, daß er schreibt. Solche falsche Freunde sind mir höchst zuwider. Warum fährt er nicht fort, mit uns im Streit zu leben, wie es sein seliger Vater that?«

»Hierüber scheint er selbst einige kindliche Skrupel zu hegen. Doch hört:

Hunsford bei Westerham

Grafschaft Kent

15. October.

Verehrter Herr!

Die zwischen Ihnen und meinem verstorbenen Vater obwaltende Mißhelligkeit hat mir, seit ich so unglücklich war, ihn zu verlieren, schon manche trübe Stunde bereitet. Der Wunsch, den Bruch zu heilen, ist zwar oft in mir aufgestiegen, doch immer wieder durch die Besorgniß zurückgedrängt worden, dem Willen meines seligen Herrn Vaters zuwider zu handeln, da es ihm doch gefallen hatte, auf diesem Fuß mit Ihnen zu leben. Seit Kurzem bin ich indeß über diesen Punkt mit mir selbst ins Reine gekommen, indem ich Ostern ordinirt worden und jetzt glücklich gewesen bin, die Pfarrei dieses Kirchspiels, durch die außerordentliche Huld und Gnade der hochgebornen Lady Katharine von Bourgh
Bei den ersten Erwähnungen findet sich in der Vorlage irrtümlich »Borough«; die Stellen wurden sämtlich zu »Bourgh« berichtigt., Wittwe des Sir Louis von Bourgh zu erhalten. Mit der dankbarsten Hochachtung gegen Ihro Herrlichkeit erfüllt, wird es von nun an mein ernstliches Bestreben sein, alle Pflichten eines Geistlichen gewissenhaft zu erfüllen; und da es einem solchen vor allen andern Dingen zukommt, den Segen des Friedens in den Familien seines Bereichs zu befördern: so darf ich mir wohl schmeicheln, daß Sie meinen guten Willen anerkennen und Ihrerseits den Umstand, daß ich der rechtmäßige Erbe des Longbournschen Guts bin, vergessen und den dargereichten Oelzweig nicht verschmähen werden. Es betrübt mich innigst, das unschuldige Werkzeug zu sein, Ihre liebenswürdigen Töchter zu beeinträchtigen; und ich bitte um Erlaubniß, ihnen selbst meine Entschuldigung deshalb machen zu dürfen, so wie sie von meiner Bereitwilligkeit, ihnen jeden möglichen Ersatz zu geben, zu versichern. In der angenehmen Hoffnung, eine freundliche Aufnahme in Ihrem Hause zu finden, bin ich so frei, Ihnen und Ihrer verehrten Familie meine Aufwartung Montag den 18ten November Mittags 4 Uhr zu machen, und bis zum Sonnabend über acht Tage unter Ihrem gastfreien Dach zu verweilen, was ohne Bedenken von meiner Seite geschehen kann, da Lady Katharine mir gütigst gestattet, einen Sonntag abwesend zu sein, wenn ich einen andern Geistlichen zur Verrichtung des Gottesdienstes stelle. Mit den ehrfurchtsvollsten Empfehlungen an Ihr schätzbare Familie habe ich die Ehre zu zeichnen.

Ew. Wohlgeboren

ergebenster Freund und Diener

William Collins.«

Punkt vier Uhr also können wir diesen Vetter mit dem Oelzweig erwarten,« sagte Bennet; indem er den Brief wieder zusammenfaltete – »denn es versteht sich von selbst, daß ich gebührend darauf geantwortet, und ihm im Namen der ganzen Familie die freundlichste Aufnahme zugesichert habe. Er scheint ein sehr gewissenhafter, höflicher, junger Mann zu sein und ich freue mich auf seine nähere Bekanntschaft, besonders wenn Lady Katharine so huldvoll ist, sein öfteres Wiederkommen zu erlauben.«

»Was er über die Mädchen sagt, klingt ganz vernünftig, und wenn er geneigt ist, ihnen irgend einen Ersatz zu geben, werde ich ihn warlich nicht davon abhalten.«

»Der Vorschlag macht seinem Herzen Ehre,« sagte Johanne, »doch sehe ich nicht ein, auf welche Weise er uns entschädigen will.«

Elisabeth konnte nicht aufhören, sich über seine außerordentliche Unterwürfigkeit gegen Lady Katharine zu verwundern, und die Erwähnung seiner Bereitwilligkeit, alle vorfallenden Berufspflichten zu erfüllen, reitzte sie zum Lachen, da es sich ja von selbst verstände, daß ein Pfarrer taufen, confirmiren, copuliren und begraben müßte, so oft es vorfiele. »Es muß ein wunderlicher Kauz sein,« sagte sie – »ich kann mich nicht mit ihm und seinem pomphaften Styl befreunden; und was soll denn die Entschuldigung wegen des Lehns bedeuten? Er kann die Sache ja doch nicht ändern; und würde sie nicht ändern, falls er es auch könnte. Was halten Sie von ihm, lieber Vater?«

»Ich habe die größte Hoffnung, ihn abgeschmackt zu finden. Sein Brief enthält eine so viel versprechende Mischung von Kriecherei und Selbstgefühl, daß ich es kaum erwarten kann, ihn zu sehen.«

»Hinsichtlich der Composition,« bemerkte Marie, »erscheint mir sein Brief nicht fehlerhaft. Die Idee mit dem Oelzweig ist freilich nicht ganz neu, doch hier sehr passend angebracht.

Katharine und Lydia interessirten sich weder für den Brief noch für den Schreiber. Es war höchst unwahrscheinlich, ja fast unmöglich, daß der Vetter in einem rothen Rock kommen sollte, und seit mehreren Wochen gewohnt, ihr Vergnügen einzig in der Gesellschaft der Officiere zu finden, erwarteten sie jetzt gar nichts von einem, in einer andern Farbe gekleideten Mann.

Mrß. Bennet fühlte sich durch den Brief viel milder gegen den Vetter gestimmt und bereitete sich, zum Erstaunen ihres Mannes und ihrer Töchter, vor, ihn mit Ruhe und ohne Empfindlichkeit zu empfangen.

Herr Collins erschien pünktlich zur bestimmten Stunde und ward von der ganzen Familie mit großer Höflichkeit bewillkommt. Bennet sprach sehr wenig, die Damen desto mehr und Herr Collins bedurfte ebenfalls keiner Aufmunterung zum Sprechen. Er war ein langer, etwas linkisch aussehender junger Mann von 25 Jahren, von ernstem, steifem Aeußern und förmlichem Wesen. Nachdem die ersten Begrüssungen vorüber waren, wandte er sich an Mrß. Bennet und pries sie glücklich, die Mutter solcher schönen Tochter zu sein, von denen der Ruf bei Weitem noch nicht genug gesagt hätte. Hierauf begann er seine Entschuldigungen wegen dem Lehn und fuhr dann fort –

»Ich beklage das harte Schicksal meiner schönen Cousinen und würde noch mehr über diesen Gegenstand sagen, wenn ich nicht befürchten müßte, voreilig und übereilt zu erscheinen. Doch kann ich den jungen Damen versichern, daß ich nur in der Absicht gekommen bin, ihnen meine Verehrung zu bezeigen. In diesem Augenblick etwas Mehreres darüber zu sagen, würde ihr Zartgefühl beleidigen; vielleicht aber, wenn wir uns nach einigen Tagen durch eine genauere Bekanntschaft näher getreten, konnte –«

Hier ward er durch den Eintritt des Bedienten unterbrochen, der das aufgetragene Mittagsessen meldete. Die Mädchen sahen sich verwundert an und lachten. Im Eßzimmer fand er reichen Stoff zum Bewundern und Loben, und Mrß. Bennets Eitelkeit würde sich höchlich dadurch geschmeichelt gefühlt haben, hätte sie den niederschlagenden Gedanken, daß er alle diese Herrlichkeit als sein künftiges Eigenthum betrachtete, verbannen können. Auch den aufgetragenen Speisen ward das gebührende Lob gezollt und er wünschte zu wissen, welcher von seinen schönen Cousinen der Dank für diese vortreffliche Zubereitung gebührte? worauf die Mutter mit einiger Empfindlichkeit erwiederte, ›daß sie Gott lob! in den Umständen wäre, einen Koch halten zu können, und daß ihre Töchter sich nicht um die Küche zu bekümmern hätten.‹ – Er bat um Verzeihung, sie erzürnt zu haben, und obgleich sie hierauf in einem sanftern Ton versicherte, sich nicht beleidigt zu fühlen, fuhr er doch noch eine halbe Stunde fort, sich zu entschuldigen.

Vierzehntes Capitel

Während der Mahlzeit verhielt sich Herr Bennet fortwährend schweigsam; als aber die Bedienten hinausgegangen waren, glaubte er doch auch einigen Theil an der Unterhaltung nehmen zu müssen, und wählte hierzu einen Gegenstand, bei welchem sich sein Gast, wie er hoffte, in seiner ganzen Größe zeigen würde. Er pries ihn nämlich glücklich, in Lady Katharine eine so vortreffliche Gönnerin gefunden zu haben. Collins war unerschöpflich in ihrem Lobe, und versicherte mit etwas mehr Feierlichkeit als gewöhnlich, noch nie ein solches Betragen von einer Dame dieses Rangs gesehen, nie so viel Herablassung und Huld erfahren zu haben, wie von Lady Katharine. Sie hatte seine beiden in Hunsford gehaltenen Predigten anzuhören geruht, ihr bereits zwei Mal zu Tisch nach Rosings eingeladen, und ihn sogar am vorigen Sonnabend holen lassen, um den vierten Mann am Spieltisch abzugeben. Lady Katharine galt bei vielen Menschen für stolz; er aber hatte noch keine Gelegenheit gehabt, dieß zu bemerken, da sie mit ihm wie mit jedem andern Gentleman zu sprechen pflegte. Sie gestand ihm gern die Erlaubniß zu, an den Gesellschaften in der Nachbarschaft Theil zu nehmen, oder seine ferner lebenden Verwandten auf längere Zeit zu besuchen; ja, sie hatte sich herabgelassen, ihm den Rath zu ertheilen, sobald als möglich zu heirathen (nur mit Vernunft zu wählen) und war in ihrer Huld so weit gegangen, seine demüthige Wohnung mit ihrem Besuch zu beehren, und einige kleine Aenderungen daselbst anzuordnen.

Mrß. Bennet war erstaunt über solche seltne Artigkeit und Collins fuhr mit großer Wichtigkeit zu erzählen fort.

»Der Garten, in welchem meine Wohnung steht, ist nur durch einen Beckengang von Rosings-Park, dem Wohnsitz ihrer Herrlichkeit, getrennt, und ich habe täglich die Freude, sie, oder ihre einzige Tochter, die Erbin von Rosings und mehrerer anderer bedeutender Güter, vorbeifahren zu sehen.«

»Einzige Tochter und Erbin mehrerer Güter!« seufzte Mrß. Bennet. »Ist sie hübsch?«

»Eine äußerst liebenswürdige junge Dame. Lady Katharine sagt selbst, daß Miß Bourgh im Punkte wahrer Schönheit die Schönsten ihres Geschlechts durch ein gewisses Etwas in ihren Zügen, durch den Ausdruck hoher Geburt übertrifft. Leider ist sie sehr kränklich, wodurch sie verhindert worden ist, den Grad von Vollkommenheit zu erreichen, den sie sonst ohne Zweifel erlangt haben würde – wie mir ihre Gouvernante, die noch bei ihr ist, gesagt hat. Aber an Liebenswürdigkeit sucht sie ihres Gleichen, so wie an Herablassung, welche sie unter anderm dadurch beweißt, daß sie manchmal in ihrem Phäton
Diese Schreibweise ist zu jener teilweise üblich; im dritten Theil findet sich aber auch Phaeton, was etymologisch gesehen die richtige Form darstellt (von griech. Phaëthon).bei mir vorfährt.«

»Ist sie bei Hof vorgestellt? Ich erinnere mich nicht, ihren Namen gelesen zu haben.«

»Ihre schwächliche Gesundheit gestattet ihr leider nicht, in London zu leben, wodurch der Hof von England, wie ich neulich schon gegen Lady Katharine erwähnte, einer seiner schönsten Zierden beraubt worden ist, indem Miß Bourgh alle die erhabenen Eigenschaften einer Herzogin besitzt, und dem höchsten Rang Ehre machen würde. Ihro Herrlichkeit schien Wohlgefallen an dieser Idee zu finden und ich versäume keine Gelegenheit, ihr edles Mutterherz durch solche zarte Complimente zu erfreuen.«

»Wohl Ihnen,« sagte Bennet, »daß Sie das Talent besitzen, auf eine feine Weise zu schmeicheln. Darf ich fragen, ob solche gern gesehene Aufmerksamkeiten ihre Entstehung dem Eindruck des Augenblicks verdanken, oder das Resultat vorhergegangenen Nachdenkens sind?«

»Sie entstehen meistens im Moment des Gebrauchs; und obgleich ich mich manchmal damit beschäfftige, solche kleine, elegante Complimente für die gewöhnlich vorkommenden Fälle in Bereitschaft zu halten, so suche ich ihnen doch immer so viel als möglich ein ungesuchtes Ansehen zu geben.«

Collins entsprach Herrn Bennets Erwartungen vollkommen; er war in der That so absurd, als er sich ihn vorgestellt. Doch nicht lange war er im Stande, sich an diesem Geschwätz zu ergötzen, und nach eingenommenem Thee forderte er ihn auf, den Damen etwas vorzulesen. Dazu ließ sich Herr Collins nicht bitten und ein Buch ward sogleich herbeigeholt, bei dessen Anblick (es trug alle Kennzeichen einer Leihbibliothek) er sich jedoch mit Abscheu abwandte und mit vielen Entschuldigungen versicherte, daß er niemals Romane läse. Kitty staunte ihn an und Lydia schrie laut auf. Es wurden andere Bücher gebracht, und nach einigem Ueberlegen erwählte er Fordyce's Predigten
James Fordyce, (1720-1796), schottischer presbyterianischer Geistlicher und Poet. Am bekanntesten ist seine 1766 veröffentlichte Sammlung von Predigten (
Sermons for Young Women).. Lydien überfiel ein Entsetzen, als er das Buch öffnete, und ehe er noch drei Zeilen gelesen, unterbrach sie ihn mit –

»Mama, wissen Sie schon, daß Onkel Philips davon spricht, seinen Richard wegzuschicken, und daß ihn Oberst Forster auf diesen Fall miethen will? Die Tante erzählte mir es am Sonntag. Ich muß morgen nur ein Mal nach Meryton gehen, um zu hören, wie die Sache abgelaufen ist, und ob Herr Denny bald aus der Stadt zurückkehrt.«

Lydia ward von ihren beiden ältesten Schwestern zur Ruhe verwiesen; Collins aber legte höchst beleidigt sein Buch zur Seite, und sagte –

»Ich habe schon oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß junge Damen so wenig Interesse an ernsten Schriften finden, obgleich sie doch hauptsächlich zu ihrem Besten geschrieben sind. Ich muß gestehen, es setzt mich in Erstaunen; denn gewiß kann ihnen nichts vortheilhafter sein als Belehrung. Ich will indeß meinen schönen Cousinen nicht beschwerlich damit fallen.«

Hierauf wandte er sich zu Herrn Bennet und forderte ihn zu einer Parthie Tricktrack auf, welche dieser bereitwillig annahm, und ihm den Rath ertheilte, die leichtsinnigen Mädchen ihrer eigenen läppischen Unterhaltung zu überlassen. Die Mutter nebst Johanne und Elisabeth bemühten sich, Lydiens unartige Unterbrechung zu entschuldigen und versicherten, daß dergleichen nicht wieder vorfallen sollte, wenn er die Güte haben wollte, noch ein Mal mit Lesen anzufangen. Herr Collins aber verharrte mit aller Höflichkeit auf seiner Verneinung, indem er jedoch wiederholt betheuerte, daß er dem Cousinchen die Beleidigung längst vergeben hätte. Und somit begann er sein Spiel.

Fünfzehntes Capitel

Herr Collins war kein sehr geistreicher Mann, und die fehlenden Naturgaben hatten bei ihm weder durch eine sorgfältige Erziehung noch durch den Umgang der Welt ersetzt werden können, da er den größten Theil seines Lebens unter der Leitung eines unwissenden und geizigen Vaters zugebracht, und späterhin auf der Universität keine Gelegenheit gehabt hatte, sich durch geselligen Verkehr auszubilden. Die Unterwürfigkeit, in welcher ihn sein Vater auferzogen, hatte ihm eine gewisse äußere Demuth gegeben, die jedoch schlecht mit dem Eigendünkel übereinstimmte, den er, wie alle schwachen Köpfe in hohem Grabe besaß. Durch einen glücklichen Zufall hatte er Lady Katharinens Bekanntschaft gerade in dem Augenblicke gemacht, als die Pfarre von Hunsford eben erledigt gewesen und da er ihr besonders empfohlen worden war, und sich durch seinen unbegrenzten Respekt vor ihrem hohen Rang selbst zu empfehlen wußte, so erhielt er die Stelle.

Sehr begreiflich also, daß dieses frühe, unverdiente Glück seine hohe Meinung von sich selbst um ein Beträchtliches vermehren, so wie seine Dankbarkeit und Verehrung für die erhabene Gebieterin erhöhen mußte, und dieses Gefühl seiner Würde, verbunden mit der angebohrnen Unterwürfigkeit seiner kleinlichen Seele machten ihn zu dem seltsamsten Gemisch von Stolz und Gehorsam, Selbstgefühl und Demuth.

Im Besitz einer einträglichen Stelle und eines bequemen Hauses dachte, er jetzt ernstlich daran, sich zu vermählen; und da er längst schon eine Aussöhnung mit der Familie Bennet gewünscht, beschloß er nun eine ihrer Tochter zur Gattin zu erwählen, falls sie nämlich wirklich so schön und liebenswürdig sein sollten, als der Ruf sie geschildert.

Darauf bezogen sich seine Anspielungen auf Vergütung und Ersatz für das Erbe ihres Vaters; und das Glück, an seiner Seite zu leben, erschien ihm selbst so groß, daß er den Vorschlag zur Vergütung nicht allein als sehr passend erkannte, sondern sich im Stillen auch wegen seiner Großmuth und Uneigennützigkeit pries.

Der erste Anblick der versammelten Schwestern entschied seine Wahl. Miß Bennets Schönheit so wie der glückliche Umstand ihrer Erstgeburt, bestimmten ihn augenblicklich; und bis zum folgenden Morgen betrachtete er sie im Geheimen als die Auserkohrene seines Herzens. Doch ein kurzes
tête-à-tête mit Mrß. Bennet vor dem Frühstück, welches er geschickt dazu benutzte, seine Wünsche vorläufig zu erkennen zu geben, belehrte ihn, daß er wegen Johannen zu spät gekommen. Mit schlauem Lächeln bedeutete ihn die Mutter, daß Johanne so gut als versagt sei, die übrigen Töchter hingegen, so viel sie wisse, alle noch frei wären und über Herz und Hand gebieten könnten.

Dem heirathslustigen Pfarrherrn genügte dieser Wink, und auf Elisabeth, dieser Johannen hinsichtlich der Geburt und Schönheit zunächststehenden Schwester, richtete er jetzt sein Augenmerk. Die Wahl war getroffen, während Mrß.. Bennet das Feuer im Kamine anschürte, und der Mutter abermals mitgetheilt. Die erfreuliche Aussicht, zwei Töchter in kurzer Zeit verheirathet zu sehen, beglückte sie ausnehmend; und derselbe Mann, von dem sie noch den Tag vorher nicht ohne Verachtung und Widerwillen hatte sprechen können, war jetzt plötzlich hoch in ihrer Gunst gestiegen.

Lydiens Vorschlag, nach Meryton zu gehen, war nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Sämmtliche Schwestern, Marie ausgenommen, fanden sich zum Mitgehen bereit und Herr Collins mußte sie auf des Vaters Bitte begleiten.

Gewohnt sein Studirzimmer für sich allein zu behalten und dort ungestört von dem Lärm und Geschwätz seiner Frau und jüngern Töchter der Lieblingsbeschäfftigung zu leben, war es ihm jetzt sehr lästig geworden, Herrn Collins bei sich zu dulden, der ihn nach dem Frühstück dorthin begleitet und so lange von seinem Haus und Garten vorerzählt hatte, bis er ihn endlich durch den dicksten Folianten seiner Bibliothek zum Schweigen gebracht. Da er jedoch bald gewahrte, daß der würdige Vetter keinen großen Geschmack an solcher Art Unterhaltung fand, lud er ihn höflichst ein, seine Töchter auf ihrem Spaziergang zu begleiten, welchen Vorschlag er freudig einging.

Unter nichtssagenden Gesprächen von seiner Seite und höflichen Erwiederungen von Seiten der jungen Damen hatten sie Meryton erreicht. Kitty und Lydia konnten ihm nun ferner keine Aufmerksamkeit mehr schenken, indem sie jetzt andere Dinge zu beachten gefunden. Ein junger, ihnen ganz unbekannter Mann wandelte Arm in Arm mit Herrn Denny, von dessen Zurückkunft aus London Lydia sich zu überzeugen gekommen war, am andern Ende der Straße. Unter dem Vorwand, einige kleine Einkäufe in dem gegenüber befindlichen Kaufladen zu machen, führten die beiden jüngern Schwestern den Zug dahin an; in demselben Augenblick kehrten auch die Spaziergänger um und begrüßten die Damen, als diese eben den Laden erreicht hatten. Der Fremde mußte einem Jeden angenehm auffallen, sowohl wegen seiner schönen Gestalt, als wegen seines feinen, edlen Anstands. Herr Denny bat um Erlaubniß, den Damen seinen Freund, Herrn Wickham, vorstellen zu dürfen, den er gestern mit aus der Stadt hierhergebracht, und der zu seiner größten Freude eingewilligt hatte, eine Officierstelle in ihrem Corps anzunehmen. Und wirklich fehlte ihm nur die Uniform, um ihn ganz unwiderstehlich zu machen.

Mit jener feinen Leichtigkeit, die jedem, selbst dem gleichgültigsten Gespräch ein gewisses Interesse verleiht, knüpfte er eine Unterhaltung mit den Damen an, die oft durch das Geräusch nahender Pferde unterbrochen wurde. Darcy und Bingley ritten durch die Straße, anfänglich ohne die Gruppe zu beachten, bis sie Miß Bennet und Elisabeth erkannten. Hierauf kamen sie näher, und Bingley berichtete, daß sie auf dem Weg nach Longbourn begriffen gewesen, sich nach Mit Bennets Befinden zu erkundigen. Darcy bestätigte dieß durch eine Verbeugung und bemühte sich eben, seine Blicke von Elisen abzuwenden, als sie auf den Fremden fielen und ihr, die beide Männer zufällig im Auge behaltend, den tiefen Eindruck verrieth, den das unerwartete Zusammentreffen auf beide Theile gemacht: Der Eine wurde roth, der Andre blaß. Nach wenigen Augenblicken lüftete Wickham seinen Hut, welche Begrüssung Darcy kalt erwiederte. Was konnte dieß zu bedeuten haben? Lizzy fand keine Auflösung zu dem unerklärlichen Räthsel. Gleich darauf empfahl sich Bingley, der von dem Vorgegangenen nichts bemerkt zu haben schien und ritt mit seinem Freund weiter.

Denny und Wickham begleiteten die Damen bis an das Haus ihrer Tante, waren aber weder durch Lydiens dringende Einladung, noch durch Mrß. Philips freundlichen Nachruf zu vermögen, ihren Geschäfftsgang aufzugeben und die Gesellschaft zu vermehren.

Mrß. Philips erfreute sich immer des Besuchs ihrer Nichten, aber besonders angenehm waren ihr jetzt die beiden Aeltesten, deren längerer Aufenthalt in Netherfield ihr reichen Stoff zu neugierigen Fragen bot. Auch Herr Collins, den ihr Johanne sogleich als einen Vetter und Gast des Hauses vorgestellt, ward mit der äußersten Höflichkeit aufgenommen, und sie erwiederte seine wortreichen Entschuldigungen, sich als Fremder hier einzudrängen, mit gleicher Artigkeit. Doch über den einen Fremden durfte der andere nicht vergessen werden, und ihre jüngern Nichten brannten vor Verlangen, nähere Nachrichten über Herrn Wickham einzuziehen. Leider wußte sie indeß nicht mehr, als was ihnen Denny schon mitgetheilt hatte; und ihre Beobachtungen durch das Fenster waren ohne Erfolg geblieben. Lydia und Kitty bemühten sich dieselben fortzusetzen; doch unglücklicher Weise passirten nur einige andere Officiere vorüber, die ihnen im Vergleich mit dem Fremden unbedeutend und albern erschienen. Einige derselben waren zum folgenden Mittag zu Herrn Philips eingeladen und seine Gattin versprach ihren Nichten, ihn zu vermögen, den Neuangekommenen noch heute zu besuchen und ihn ebenfalls einzuladen, wenn die Longbourn'sche Familie sich den Abend einstellen wollte. Dieß versprachen sie sämmtlich, und Mrß. Philips verhieß ihnen ein lustiges Spiel mit kleinen Lotterieloosen und zum Beschluß ein einfaches Abendessen. Somit trennte sich die kleine Gesellschaft glücklich in Erwartung der bevorstehenden Freude.

Auf dem Rückweg theilte Elisabeth Johannen ihre Bemerkungen über das seltsame Betragen der beiden Herrn mit und so geneigt die gutmüthige Schwester auch war, beide Theile zu entschuldigen, so konnte sie deren Betragen doch eben so wenig ergründen wie Lizzy.

Collins war voll des Lobes und der Bewundrung der höflichen Aufnahme, die er bei Mrß. Philips gefunden. Er versicherte, außer bei Lady Katharinen und ihrer Tochter noch nie so viel Artigkeit und feine Bildung vereinigt gesehen zu haben, wie bei Mr. Philips; und obgleich er manche ihrer höflichen Redensarten auf Rechnung der Verwandscht setzte, meinte er doch auch viele seinem eignen Werth zuschreiben zu können; denn sie hatte ihn nicht allein mit äußerster Artigkeit empfangen, sondern ihn, den ganz Fremden, auch in die morgende Einladung mit eingeschlossen. Und solch eine Aufmerksamkeit war ihm im ganzen Leben noch nicht widerfahren.

Sechzehntes Capitel

Da Herr und Mrß. Bennet keine Einwendungen gegen die erhaltene Einladung der jungen Leute machten, und des Vetters höfliches Anerbieten, ihnen zur Gesellschaft zu Hause zu bleiben, standhaft ablehnten, fuhr er mit seinen schönen Cousinen nach Meryton, woselbst Lydia sogleich mit der angenehmen Nachricht empfangen wurde, daß Herr Wickham ihres Onkels Einladung angenommen habe und sich im Hause befinde.

Bis die Tischgäste erschienen, hatte Collins Muße, seine Umgebungen zu mustern und zu bewundern; und er war so frappirt von der geschmackvollen Ausstaffirung des Gesellschaftszimmers, daß er erklärte, sich nach Rosings, in eins der schönsten Sommergemächer versetzt zu sehen geglaubt. Eine Vergleichung, die zwar anfänglich nicht die erwünschte Wirkung hervorbrachte; später aber nachdem er berichtet, daß Rosings der Aufenthalt Lady Katharinens, und die Zimmer daselbst im geschmackvollsten, kostbarsten Styl eingerichtet, sehr huldvoll aufgenommen wurde. Durch dieses wohlangebrachte Compliment in die beste Laune versetzt, widmete Mrß. Philips dem gesprächigen Collins nun ihre ganze Aufmerksamkeit und lernte nicht allein die herrlichen Gemächer seiner hohen Beschützerin, sondern auch seine eigne demüthige Wohnung von innen und außen, so weit es durch Beschreibung möglich war, kennen.

Endlich erschienen die Herrn, und Wickham trat mit so viel Anstand in das Zimmer, daß Elisabeth nicht umhin konnte, im Stillen die Bemerkung zu machen, daß er sich sehr vortheilhaft vor den Uebrigen auszeichnete, obgleich die Officiere dieses Regiments meistens sehr feine, gebildete Leute waren und die heutige Gesellschaft aus der Elite bestand.

Wickham war der Glückliche, dem alle Augen sich zuwandten, und Elisabeth die Glückliche, an deren Seite er endlich Platz nahm. Mit der Leichtigkeit und Gewandheit eines Mannes von Welt wußte er dem gleichgültigsten Gespräch eine interessante Wendung zu geben und die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen auf sich zu ziehen.

Der arme Collins war seit dem Eintritt der Officiere in seine eigenthümliche Unbedeutendheit zurückgesunken. An die jungen Damen wagte er sich gar nicht mehr, da sie ihre Ungeduld über die Breite seines Vortrags kaum zu verbergen im Stande waren. Nur Mrß.. Philips lieh ihm dann und wann ein geneigtes Ohr, und versah ihn in den Zwischenzeiten sehr reichlich mit Caffee und Kuchen.

Jetzt wurden die Spieltische arrangirt und Herrn Collins sein Platz beim Whist angewiesen. Wickham, der kein Whistspieler war, fand am andern Tisch zwischen Elisabeth und Lydia eine willige Aufnahme. Anfänglich schien es, als ob Letztere ihn ganz in Beschlag nehmen würde; denn sie besaß eine unerschöpfliche Unterhaltungsgabe und ließ den gefaßten Gegenstand schwer wieder los. Sobald aber das Lotteriespiel begann, theilte sich ihre Aufmerksamkeit; und sie war so sehr beschäfftigt mit den Gewinnen und Wetten, daß sie sich keinem Einzelnen widmen konnte. Wickham benutzte ihren Spielenthusiasmus, sich Elisen wieder zuzuwenden, und diese war bereit ihn anzuhören. Am Liebsten hätte sie die Geschichte seiner Bekanntschaft mit Darcy gehört; – wagte aber nicht den Namen dieses Mannes zu nennen. Doch Wickham selbst leitete die Unterhaltung darauf hin, indem er fragte, wie weit Netherfield von Meryton entfernt sei? und wie lange Herr Darcy sich dort aufgehalten habe? –

»Ungefähr einen Monat,« entgegnete Elisabeth und fuhr dann, das Gespräch festhaltend, fort – »er soll, wie ich höre, ein schönes Gut in Derbyshire besitzen?«

»Ja,« erwiederte Wickham – »Sein Besitzthum ist eins der einträglichsten in der ganzen Gegend; man taxirt es auf 10,000 des Jahrs. Sie hätten sich an niemand wenden können, der Ihnen darüber so genaue Auskunft zu geben vermag, als ich, da ich von meiner Kindheit an mit seiner Familie bekannt bin.«

Elisabeth sah ihn voll Erstaunen an.

»Diese Versicherung scheint Sie in Erstaunen zu setzen, Miß Bennet, und ich finde es sehr begreiflich, nachdem Sie gestern Zeuge unseres kalten Zusammentreffens gewesen sind. Kennen Sie Herrn Darcy genauer?«

»So genau, wie ich ihn kennen zu lernen wünsche,« rief Elisabeth mit Wärme. – »Ich habe vier Tage mit ihm in einem Hause gelebt, und ihn sehr unangenehm gefunden.«

»Ich habe kein Recht zu entscheiden, ob er angenehm oder unangenehm ist,« sagte Wickham. »Ich kenne ihn zu lange und zu genau, um über ihn richten zu dürfen, auch ist es mir unmöglich, ihn unpartheiisch zu beurtheilen; aber ich glaube, Ihre Meinung würde im Allgemeinen Erstaunen erregen – und vielleicht sprächen Sie sie auch nicht überall mit gleicher Wärme aus. – Hier sind Sie unter Ihrer eigenen Familie.«

»Ich sage hier nicht mehr, als ich in jedem andern Hause, Netherfield ausgenommen, sagen würde,« entgegnete Elisabeth rasch. »Er ist in Hertfordshire durchaus nicht beliebt. Jedermann ist empört über seinen Stolz, und Sie werden nirgends ein günstigeres Urtheil über ihn hören.«

»Das ist allerdings wunderbar, so wenig er auch ein günstigeres verdient. Aber ich bin gewohnt, die Welt durch sein großes Vermögen geblendet, oder durch sein hochmüthiges und gebieterisches Wesen eingeschüchtert zu sehen.«

»Und ich bin geneigt, ihn trotz meiner geringen Bekanntschaft seines Charakters, für keinen guten Menschen zu erklären.«

Wickham schüttelte den Kopf, und fuhr dann nach einer Pause fort – »Ich möchte wohl wissen, ob er noch lange in hiesiger Gegend zu bleiben gedenkt?«

»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, aber ich hörte nichts von seiner baldigen Abreise, als ich in Netherfield war. Ich hoffe, Ihre Pläne werden durch seine Gegenwart keine Umänderung erleiden?«

»O, nein! Ich bin nicht gesonnen, mich durch Herrn Darcy vertreiben zu lassen. Wenn er mich zu vermeiden wünscht, mag er gehen. Wir stehen nicht auf dem freundschaftlichsten Fuß, und es giebt mir alle Mal einen Stich durchs Herz, wenn ich ihn sehe; aber ich habe keinen Grund, ihn zu vermeiden, und das will ich der ganzen Welt beweisen. Er hat mich unverantwortlich schlecht behandelt. Sein Vater war ein vortrefflicher Mann, und der treueste Freund, den ich je besessen. Der Anblick des Sohnes erweckt tausend Erinnerungen in meiner Seele; alles, was er mir gethan, wollte ich ihm gern verzeihen, nur nicht, daß er meine schönsten Hoffnungen getäuscht, und dadurch das Andenken seines Vaters entehrt hat.«

Elisabeth hörte dem Sprecher mit steigendem Interesse zu, wagte, aber nicht weiter zu fragen.

Wickham ging nun auf allgemeinere Gegenstände über, rühmte die angenehme Lage von Meryton, den Vorzug der guten Gesellschaft und fuhr dann fort: »Diese Gründe haben mich auch bewogen, in das Corps einzutreten. Geselliger Umgang ist mir unentbehrlich. Ich bin in meinen schönsten Erwartungen getäuscht worden, und kann jetzt die Stille der Einsamkeit nicht mehr ertragen. Ich muß Beschäfftigung und Zerstreuung haben, und nur die Notwendigkeit macht mir das militairische Leben, für welches ich nicht erzogen worden bin, erträglich. Zum Geistlichen war ich bestimmt und hätte jetzt im Besitz einer einträglichen Stelle sein können, wenn es dem Herrn, von dem wir eben sprachen, beliebt hätte.«

»Wie so?« –

»Der verstorbene Herr Darcy, mein Pathe und theuerster Wohlthäter, der mir nur Gutes und Liebes im Leben erwiesen, wollte auch noch nach seinem Tode für mich sorgen, und verhieß mir die erste erledigte Stelle in seinem Kirchspiel. Es wäre eine angemessene Versorgung gewesen; sie wurde mir aber nicht zu Theil – der Sohn bestimmte sie einem Andern.«.

»Gütiger Gott!« rief Elisabeth – »ist es möglich, dem letzten Willen des Vaters so entgegen zu handeln? Warum suchten Sie Ihre Ansprüche nicht auf dem Wege des Rechts geltend zu machen?«

»Leider machte dieß eine kleine Unregelmäßigkeit in der Form unmöglich. Die Absicht meines verstorbenen Wohlthäters war mir und jedem rechtlichen Mann klar; aber dem jungen Herrn Darcy beliebte es sie zu bezweifeln, oder als eine bedingungsweise Belohnung zu betrachten, die ich durch Unverstand, Thorheit oder dergleichen verscherzt haben sollte. Genug, die, Stelle ward einem andern gegeben, obgleich ich mir bewußt bin, nichts gethan zu haben, was mich ihrer unwürdig gemacht hätte – es mußte denn eine zu freimüthige Aeußerung über sein Betragen ihn erzürnt haben. Ich bin zwar von lebhaftem Temperament, kann mir aber nichts Böses in dieser Art vorwerfen. Soviel ist gewiß, daß wir ganz verschiedene Gesinnungen und Ansichten haben, und daß er mich haßt.«

,Schrecklich! Sein Betragen verdient öffentlich bekannt gemacht zu werden.«

»Früher oder später wird es ans Tageslicht kommen, doch nicht durch mich. So lange mir das Andenken des Vaters noch so theuer und werth ist, kann ich den Sohn nicht Preis geben.«

Elisabeth lobte seinen Edelmuth, und fand ihn in diesem Augenblick hübscher und anziehender als je.

»Aber,« fuhr sie nach einer Pause fort – »was kann ihn dazu bewogen haben, so grausam gegen Sie zu verfahren?

»Nichts weiter als Abneigung – eine Abneigung, die ich nur aus Eifersucht erklären kann. Seines Vaters Liebe zu mir hat ihm schon als Kind eine Bitterkeit gegen mich eingeflößt, die in spätern Jahren dadurch, daß ich ihm oft vorgezogen worden, in Haß ausgeartet ist.«

»Ich hätte Herrn Darcy nicht für so böse gehalten. Obgleich er mir nie gefallen, hielt ich ihn doch nicht für schlecht; nur für hochmüthig und vorurtheilsvoll; aber solcher Ungerechtigkeit, solcher Grausamkeit glaubte ich ihn nicht fähig. Und doch,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, »begreife ich die Möglichkeit, wenn ich mich an ein Gespräch in Netherfield erinnere, wo er selbst eingestand, einen unversöhnlichen Charakter zu haben. Es muß wirklich ein schrecklicher Mensch sein!«

»Ich kann nicht über ihn urtheilen,« entgegnete Wickham mit Bescheidenheit, »mir wird es schwer, gerecht gegen ihn zu sein.«

Elisabeth schwieg einige Augenblicke in Gedanken verloren, und rief dann mit Wärme: »den Freund, den Pathen, den Liebling seines Vaters auf eine solche Weise zu behandeln, ist wirklich schrecklich! Und wahrscheinlich sind Sie doch mit einander aufgewachsen?«

»Allerdings. In einem Kirchspiel geboren, brachten wir unsre ganze Jugendzeit unter einem Dach zu, Freud und Leid, Unterricht und Erholung mit einander theilend. Mein Vater hatte früher dasselbe Geschäfft getrieben, wie Ihr Herr Onkel Philips, es jedoch bald aufgegeben, um sich ganz der Sorge für das Pemberley'sche Gut zu weihen. Der verstorbene Herr Darcy erkannte seinen Eifer und äußerte oft, daß er ihm den größten Dank schuldig sei. Er behandelte ihn ganz als Freund, und fühlte sich glücklich, ihm durch das Versprechen meiner künftigen Versorgung für die thätige und zweckmäßige Verwaltung seiner Güter belohnen zu können.«

»Unbegreiflich und abscheulich zugleich,« sagte Elisabeth mit Unwillen, »daß der Sohn nicht wenigstens aus Stolz gerecht gegen Sie gewesen ist. Wenn auch nicht aus einem bessern Motiv, mußte ihn doch sein Stolz vor solcher Unredlichkeit bewahren.«

»Das ist mir selbst ein Räthsel geblieben,« entgegnete Wickham, »da der Stolz alle seine Handlungen leitet, sein bester Freund ist, und ihn oft zur Ausübung der Tugend veranlaßt. Aber wir Menschen sind nun ein Mal nicht immer consequent, und aus seinem Betragen gegen mich sprechen noch stärkere Leidenschaften als der Stolz.«

»Kann ein so abscheulicher Stolz jemals zu etwas Gutem führen?« fragte Elisabeth

»Ja. Er hat ihn oft veranlaßt, freigebig und großmüthig zu handeln – reichlich Geld zu spenden, eine edle Gastfreiheit auszuüben, seinen Unterthanen beizustehen und Arme zu unterstützen. Das hat er aus Familienstolz und Sohnesstolz gethan, um nicht hinter seinem Vater zurückzubleiben, den Einfluß des Pemberley'schen Hauses nicht zu verlieren, und sich so populär zu beweisen, wie diese Familie es immer gethan. Er hat auch brüderlichen Stolz, der ihn in Verbindung mit einiger brüderlichen Liebe zu einem gütigen und sorgsamen Aufseher seiner Schwester macht; und Sie werden ihn gewiß schon als den aufmerksamsten und besten Bruder rühmen gehört haben.«

»Und wie ist seine Schwester?«

»Es thut mir leid, sie nicht liebenswürdig nennen zu können; aber sie ist ihrem Bruder zu ähnlich, stolz, sehr stolz. Als Kind war sie gut und gefällig und mir sehr zugethan, weshalb ich ihr denn auch mit Freuden jede müßige Stunde widmete. Jetzt aber ist sie mir nichts mehr. Sie ist ungefähr 15 bis 16 Jahr alt, und wie man sagt sehr hübsch und auch außerordentlich unterrichtet. Seit ihres Vaters Tode lebt sie in London bei einer ältlichen Dame, die ihre Erziehung leitet.«

Nach mehreren Pausen und Versuchen, die Unterhaltung auf andere Gegenstände zu leiten, kam Elise noch ein Mal auf den ersten zurück. »Ich bin erstaunt,« sagte sie, »über seine genaue Freundschaft mit Herrn Bingley. Wie kann dieser liebenswürdige, gutmüthige Mann sein Freund sein und Gefallen an ihm finden? – Kennen Sie Herrn Bingley?«

»Durchaus nicht.«

»Er ist sanft, liebenswürdig und gut – er kann Herrn Darcy unmöglich kennen.«

»Wahrscheinlich nicht. Herr Darcy kann übrigens sehr liebenswürdig sein, so bald es ihm beliebt. Er besitzt alle dazu erforderlichen Eigenschaften, und ist sogar ein unterhaltender Gesellschafter, wenn er es der Mühe werth hält. Unter seines Gleichen benimmt er sich ganz anders; sein Stolz verläßt ihn zwar nie, aber er ist zugleich freimüthig, unbefangen, verständig und hinsichtlich des Vermögens und der Figur auch vielleicht angenehm.«

Indem erhob sich die Whistparthie; die Spieler mischten sich unter die andere Gesellschaft, und Collins nahm zwischen Elisabeth und Mrß. Philips Platz, welche Letztere ihm ihr Bedauern über seinen Spielverlust an den Tag legte. Er erwiederte sehr ernsthaft, daß ihm ein so geringer Verlust als fünf Schillinge durchaus nicht inkommodire; und daß er, Dank sei es Lady Katharine von Bourgh's Freigebigkeit, solche Kleinigkeiten nicht zu beachten nöthig habe.

Wickham wurde aufmerksam bei Erwähnung des Namens, und nachdem er Collins einige Augenblicke beobachtet, fragte er Elisen leise, ›ob ihr Vetter genau mit der Familie von Bourgh bekannt sei?‹

»Lady Katharine hat ihn vor Kurzem mit einer Pfarre beschenkt,« entgegnete sie, »auf welche Weise es ihm gelungen ist, sich ihr bemerkbar zu machen, weiß ich nicht; aber daß er sie noch nicht lange kennt, hat er erzählt.«

»Es wird Ihnen bekannt sein, daß Lady Katharine von Bourgh und Lady Anne Darcy Schwestern waren, und Erstere deshalb des jetzigen Herrn Darcy's Tante ist.«

»Nein, ich hörte nie davon; überhaupt nichts von Lady Katharinens Bekanntschaft und Verwandschaft; und selbst von ihrer Existenz nicht eher als vorgestern.«

»Ihre Tochter, Miß von Bourgh, wird einst ein beträchtliches Vermögen bekommen, und man glaubt, daß sie für ihren Vetter bestimmt ist.«

Diese Nachricht entlockte Elisen ein Lächeln, indem sie an die arme Miß Bingley dachte. Vergebens also waren ihre Aufmerksamkeiten, ihr Bestreben ihm zu gefallen, ihr Lob seiner Schwester!

»Herr Collins,« sagte sie, »spricht mit großer Verehrung von Lady Katharine und ihrer Tochter; doch vermuthe ich aus einigen kleinen Schilderungen, daß die Dankbarkeit sein Urtheil besticht, und diese hochgepriesene Gönnerin und Patronin eine anmaaßende, hochmüthige Frau sein muß.«

»Sie besitzt beide Eigenschaften in einem hohen Grade,« erwiederte Wickham. »Ich habe sie zwar in mehreren Jahren nicht gesehen, erinnere mich aber sehr wohl, daß ich sie nie leiden mochte, und daß ihr Wesen sehr gebieterisch und hochfahrend war. Sie gilt für außerordentlich fein und gebildet; ich glaube aber, daß sie diesen Ruf theils ihrem Rang und Vermögen, theils ihrem absprechenden Benehmen, und endlich dem Stolz ihres Neffen verdankt, welcher jedem Gliede seiner Familie einen Verstand erster Classe beizulegen für gut findet.«

Elisabeth fand diese Schilderung sehr treffend und charakteristisch; und sie fuhr fort, sich mit Wickham zu unterhalten, bis das Abendessen dem Spiel ein Ende machte, und den andern Damen Gelegenheit gab, ihre Ansprüche an ihn und seine Artigkeiten geltend zu machen. Durch eine allgemeine interessante Unterhaltung konnte sich niemand in Mrß. Philips lärmenden Gesellschaften auszeichnen; aber alles, was Herr Wickham sagte, war gut gesagt, und alles, was er that, mit Anstand gethan. Elisabeth blieb nicht ungerührt von so vielen innern und äußern Vorzügen; sie dachte auf dem Rückweg nur an das, was er ihr gesagt, fand aber keinen Augenblick Muße, seiner zu erwähnen, indem Lydia und Collins ohne Aufhören schwatzten. Erstere von ihren Gewinnsten, von verlornen und gewonnenen Marken, letzterer von Mrß. Philips außerordentlicher Artigkeit und Höflichkeit, die ihn selbst seinen Verlust im Spiel vergessen ließ; und beide waren noch nicht fertig, als der Wagen in Longbourn hielt.

Siebzehnte Capitel

Elisabeth theilte Johannen am andern Morgen den Innhalt ihres Gespräche mit Wickham mit, und diese hörte ihr voll Erstaunen und Betrübniß zu. Es war ihr unmöglich, Darcy'n so schlecht, Bingley's Freundschaft so unwürdig zu halten; und doch lag es nicht in ihrem Charakter, die Wahrheitsliebe eines so liebenswürdigen Mannes, wie Wickham, zu bezweifeln. Die Möglichkeit, daß er alle die genannten Härten und Täuschungen erlitten haben sollte, war schon hinreichend, Johannens Interesse und Mitleid zu erregen, aber unfähig den Angeklagten zu verdammen, suchte sie den Grund seines Betragens in andern Ursachen und bemühte sich, ihre Schwester davon zu überzeugen, daß Beide vielleicht unschuldig, und nur durch Mißverständnisse, fremde Einmischung und andre widrige Umstände veranlaßt worden waren, gegenseitig schlecht von einander zu denken.

Elisabeth bestritt lachend die wohlwollende Meinung ihrer weichherzigen Schwester, und das reichhaltige Thema war noch lange nicht erschöpft, als sie durch der Mutter Stimme herabbeschieden wurden. Besuch zu empfangen. Bingley und seine Schwestern kamen selbst, die Familie zu dem lang erwarteten Ball in Netherfield für den nächsten Dienstag einzuladen. Die Damen waren höchst erfreut, ihre geliebte Johanne wiederzusehen, nannten es eine Ewigkeit, seit sie von einander geschieden, und überhäuften sie mit Zärtlichkeit. Desto weniger Aufmerksamkeit wurde den übrigen Gliedern geschenkt, Mrß. Bennet so viel als möglich vermieden, mit Elisabeth sehr wenig, mit den andern Schwestern, gar nicht gesprochen und der Aufbruch so plötzlich bewerkstelligt, als ob sie den zudringlichen Höflichkeiten der Mutter hätten entfliehen wollen. Die Aussicht auf den Ball in Netherfield erfüllte die weiblichen Herzen der Bennet'schen Familie mit freudiger Erwartung. Mrß. Bennet betrachtete ihn als ein ihrer ältesten Tochter gezolltes Compliment, und fühlte sich sehr durch die persönliche Einladung geschmeichelt. Johanne malte sich im Geist einen glücklichen Abend in der Gesellschaft ihrer Freundinnen und deren Bruder aus; und Elisabeth dachte mit Vergnügen daran, die meisten Tänze mit Wickham zu tanzen, und in Darcy's Blicken und Betragen alles bestätigt zu finden, was er ihr von ihm erzählt hatte. Katharinens und Lydiens erwartete Glückseligkeit hing nicht von einzelnen Umständen oder Personen ab; und obgleich sie wie Elisabeth voraussetzten, den halben Abend mit Wickham zu tanzen; so war es doch keineswegs der einzige wünschenswerte Gegenstand, und ein Ball schon als Ball ein lichter Punkt im Leben. Selbst Marie versicherte den Ihrigen, daß sie nicht abgeneigt sei, Theil an diesem Feste zu nehmen, indem die Gesellschaft an Jedermann Anspruch machen könne; und daß sie, wenn sie den Morgen der Arbeit gewidmet, sich Abends gern eine Erholung in gebildeten geselligen Kreisen zu gönnen pflege.

Elisabeth, sonst nicht aufgelegt unnöthiger Weise mit dem Vetter Collins zu sprechen, konnte jetzt doch im Uebermuth der guten Laune nicht umhin, ihn zu fragen: ›ob er auch gesonnen sei, Herrn Bingley's Einladung anzunehmen, und wie er sich auf diesen Fall hinsichtlich des Tanzens zu verhalten gedenke?‹ Zu ihrem größten Erstaunen vernahm sie hierauf, daß er den Tanz für ein unschuldiges Vergnügen halte, welches ihm weder der Erzbischoff noch Lady Katharine von Bourgh je untersagt habe.

»Ich bin keineswegs der Meinung,« fuhr er fort, »daß ein solcher Ball, von einem jungen Mann von Stande einer auserwählten Gesellschaft gegeben, meiner Reputation schaden kann; und selbst ein thätiger Antheil an dem allgemeinen Vergnügen scheint mir im gegenwärtigen Fall so erlaubt, ja geziemend, daß ich mir mit der Hoffnung schmeichele, von meinen sämmtlichen schönen Cousinen als Tänzer angenommen zu werden. Und so benutze ich denn die günstige Gelegenheit, Sie, Miß Elisabeth, um die beiden ersten Tänze zu ersuchen – ein Vorzug, den meine Cousine Johanne hoffentlich dem wahren Grund, und nicht dem Mangel an Achtung zuschreiben wird.«

Elisabeth war wie vom Donner gerührt. Sie hatte gehofft, diese beiden ersten Tänze mit Wickham zu tanzen, und statt dessen fiel sie nun dem unerträglichen Collins anheim. Ihr Vorwitz war ihr noch nie so schlecht bekommen; aber hier half keine Reue. Wickham's Glück mußte wider Willen noch etwas weiter hinausgeschoben, und Collins Engagement angenommen werden. Doch mehr noch als seine allgemeine Galanterie inkommodirte sie die Anspielung in dem Schluß seiner Rede. Zum ersten Mal wurde es ihr klar, daß er sie unter ihren Schwestern als die Würdigste erwählt hatte, Gebieterin der Pfarrwohnung von Hunsford zu werden, und in Ermangelung standesmäßigerer Gesellschaft den Spieltisch in Rosings zu zieren. Die Idee bildete sich bald zur völligen Gewißheit aus, als sie ihn nun genauer beobachtete, seine häufigen Complimente über ihren Witz, ihre Lebhaftigkeit und gute Laune vernahm, und seine zunehmende Galanterie gewahrte. Kaum hatte sie diese Entdeckung gemacht, die mehr Erstaunen als Freude in ihr erregte, als ihr auch die Mutter schon zu verstehen gab, daß sie sehr einverstanden mit seinen Wünschen und Hoffnungen sei. Elisabeth ließ diesen Wink jedoch unbeachtet, wohl wissend, daß ihre Antwort einen ernstlichen Streit herbeiführen würde. Collins hatte ja seinen Antrag noch nicht gemacht; und bis es so weit kam, war es unnöthig, darüber zu sprechen.

Ohne die Aussicht auf den Ball und die dazu gehörigen Vorbereitungen würden die jüngern Miß Bennets sich in einem kläglichen Zustand befunden haben. Denn von dem Tage der Einladung bis zum Balltag selbst regnete es so unaufhaltsam, daß sie nicht daran denken konnten, nach Meryton zu gehen. Ohne Tante, ohne Officiere, ohne Neuigkeiten mußte der lange Zwischenraum verlebt und selbst die Schuhschleifen für Netherfield durch Boten besorgt werden. Nur die Erwartung des Dienstags konnte Katharinen und Lydien einen solchen Freitag, Sonnabend, Sonntag und Montag überstehen helfen.

Achtzehntes Capitel

Bis Elisabeth in den Ballsaal eintrat und den ersehnten Wickham vergebens unter dem dichten Haufen der Rothröcke suchte, war kein Zweifel, ihn nicht hier zu finden, in ihr aufgestiegen. Sie hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet, die heiterste Laune für den Ball mitgebracht, und sich im Stillen mit der Hoffnung geschmeichelt, den letzten Rest seines uneroberten Herzens an diesem Abend zu gewinnen. Jetzt stieg plötzlich der schreckliche Argwohn, daß Bingley ihn aus Rücksicht für Darcy nicht mit eingeladen, in ihr auf. Dieß war jedoch nicht der Fall, wie sie sehr bald erfuhr; sondern Wickham hatte, so berichtete sein Freund Denny auf Lydiens angelegentliche Nachfrage, Geschäffte halber Tages vorher nach London reisen müssen, und war noch nicht zurückgekehrt. »Ich glaube nicht,« fügte er mit schlauem Lächeln hinzu, »daß das Geschäfft so dringend ist, ihn gerade heute entfernen zu müssen, und vermuthe eher, daß er einen gewissen Herrn hier zu vermeiden wünschte.«

Dieser von Lydien unbeachtete Zusatz entging Elisen nicht; und da sie daraus ersah, daß Darcy doch gewisser Maaßen die Schuld seiner Abwesenheit trug, vermehrte sich ihr Widerwillen gegen denselben so sehr, daß sie seine höflichen Fragen nach ihrem Befinden kaum mit der erforderlichen Artigkeit erwiederte. Aufmerksamkeit, Nachsicht, Geduld gegen Darcy war Beleidigung für Wickham. Sie war entschlossen, sich in keine längere Unterhaftung mit ihm einzulassen, und äußerte sogar einige üble Laune gegen Bingley, dessen blinde Partheilichkeit sie empörte. Doch ihr heiterer Sinn war nicht für die üble Laune geschaffen, und obgleich alle Aussicht auf Freude für diesen Abend verloren schien, kehrte ihre natürliche Fröhlichkeit doch bald zurück. Und nachdem sie ihrer Freundin, Charlotte Lukas, die sie eine ganze Woche nicht gesehen, ihre Leiden geklagt, machte sie sie auf ihren Vetter und dessen Umständlichkeit und Albernheit aufmerksam, und berichtete, wie sehr er die Familie, und vor allen ihren Vater langweilte.

Jetzt begann der Ball, und die beiden ersten Tänze erneuerten ihren Gram; es waren Tänze der Qual und Demüthigung. Collins, linkisch und feierlich, machte Entschuldigungen statt Touren, drehte sich verkehrt um, ohne es zu wissen, und machte ihr so viel Schande und Kummer, als ein schlechter Tänzer möglicher Weise vermag. Der Augenblick der Erlösung war ein ersehnter, und erfüllte sie mit Freude.

Hierauf tanzte sie mit einem Officier und hörte von Wickham erzählen, und wie er so allgemein beliebt sei. Nach Beendigung der Tänze kehrte sie zu Charlotten zurück und war eben im tiefen Gespräch mit dieser begriffen, als Darcy sich ihr mit der Bitte um die nächsten beiden Tänze näherte, und sie dergestalt dadurch in Erstaunen setzte, daß sie sie ihm, ohne zu wissen was sie that, zusagte. Kaum hatte er sich indeß wieder entfernt, als sie sich über ihren eigenen Mangel an Geistesgegenwart beklagte, und das Geschehene gern ungeschehen gemacht hätte. Charlotte suchte sie zu trösten und sagte –

»Du wirft ihn gewiß noch recht angenehm finden.«

»Das verhüte der Himmel! – Den Mann angenehm zu finden, den ich zu hassen entschlossen bin, würde mir als das größte Unglück erscheinen. Wünsche mir nicht das Schlimmste.«

Elisabeth folgte ihrem Tänzer in die Reihen, selbst erstaunt sich ihm gegenüber zu erblicken, und Erstaunen in den Augen aller Umstehenden lesend. Anfänglich standen sie Beide ohne ein Wort zu sprechen, und sie bereitete sich schon vor, in diesem schweigsamen Zustand zu verharren, so langweilig er ihr auch erschien, als ihr einfiel, daß es ihm eine größere Strafe sei zu sprechen als zu schweigen, und deshalb warf sie eine leichte Bemerkung über den Tanz hin. Er erwiederte das unumgänglich Nothwendige, und schwieg dann wiede4r. Nach einer kleinen Pause begann sie zum zweiten Mal –

»Jetzt ist die Reihe etwas zu sagen an Ihnen, Herr Darcy. – Ich sprach über den Tanz, und Sie können nun einige Bemerkungen über das Lokal, und über die Anzahl der tanzenden Paare machen.«

Er lächelte, und versicherte, daß er alles sagen würde, was sie gesagt zu haben wünschte.

»Sehr wohl. – Diese Antwort genügt für den Augenblick, – Vielleicht mache ich nun gelegentlich die Bemerkung, daß Privatbälle viel unterhaltender sind als öffentliche. Aber dann schweigen wir wieder Beide.«

»Ist es bei Ihnen Gesetz, während des Tanzes zu sprechen?«

»Zuweilen. Sie wissen ja, man muß mitunter ein Paar Worte reden, es sieht gar zu seltsam aus, eine halbe Stunde schweigend neben einander zu stehen, und die Unterhaltung kann so eingerichtet werden, daß man so wenig wie möglich sagt.«

»Berücksichtigen Sie bei diesem Vorschlag Ihre Gefühle, oder glauben Sie den meinigen dadurch zu willfahren?«

»Beides vereinigt,« entgegnete Elisabeth muthwillig; »denn ich habe längst schon eine große Aehnlichkeit in unsrer beiderseitigen Denkungsart bemerkt. Wir sind beide ungeselliger, schweigsamer Natur; nicht aufgelegt zum Sprechen, als wenn wir uns bewußt sind, etwas zu sagen, was alle Anwesende in Erstaunen setzt, und werth ist, gleich einem Sprüchwort auf die Nachwelt überzugehen.«

»Dieß ist keine getreue Schilderung Ihres eignen Charakters,« sagte er. »In wie fern sie dem meinigen gleicht, kann
ich nicht entscheiden. – Sie halten sie aber vermuthlich für getroffen?«

»Ich darf nicht über meine eigne Arbeit urtheilen.«

Er antwortete nicht, und so schwiegen sie wieder Beide bis zu Ende des Tanzes, wo er sie fragte, ob sie und ihre Schwestern noch oft nach Meryton gingen?

Sie bejahte, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, hinzuzufügen – »Als Sie uns neulich dort sahen, hatten wir eben eine neue Bekanntschaft gemacht.«

Der Eindruck dieser Worte war sichtbar. Ein höherer Ausdruck des Selbstgefühls überflog seine Züge, drückte sich in seiner Haltung aus; aber er sagte nichts, und Elisabeth, ihre Schwäche verdammend, schwieg ebenfalls. Endlich begann Darcy wieder im gezwungenen Ton –

»Herr Wickham ist so glücklich, im Besitz eines so anziehenden Wesens zu sein, daß es ihm leicht wird, sich Freunde zu
erwerben – ob er auch die Gabe hat, sich solche zu
erhalten, ist nicht so gewiß.«

»Er ist so unglücklich gewesen,
Ihre Freundschaft zu verlieren,« entgegnete Elisabeth mit Nachdruck, »und dieser Umstand äußert sich auf eine für sein ganzes Leben nachtheilige Weise.«

Darcy erwiederte hierauf nichts, und schien einen andern Gegenstand der Unterhaltung zu wünschen. In diesem bedrängten Augenblick erlöste ihn Sir William Lukas, dessen Höflichkeit ihm nicht erlaubte, schweigend an dem Paar vorbei zu gehen. Mit der ihm zur andern Natur gewordenen Verbindlichkeit sagte er Herrn Darcy viel Schmeichelhaftes über sein vorzügliches Tanzen und über die Wahl seiner Tänzerin, wodurch er einen nicht minder vortrefflichen Geschmack als sein Freund Bingley verriethe. Diese Worte begleitete er mit einem vielsagenden Blick auf Bingley, der mit Johannen im tiefen Gespräch verloren stand. »Doch,« so schloß er seine Rede – »ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so lange der geistreichen Unterhaltung Ihrer schönen Tänzerin entzogen zu haben, die mir diese Unterbrechung ebenfalls nicht danken wird.« –Hiermit ging er weiter.

Darcy hatte die letzten Worte kaum gehört, Sir William's Anspielung und Blick auf seinen Freund hingegen schienen großen Eindruck gemacht zu haben, und sein Auge wandte sich mit einem ernsten Ausdruck zu Bingley und Johannen, welche eben wieder zu tanzen begannen. Doch faßte er sich bald und sagte, sich zu Elisen wendend –

»Ueber Sir Williams Dazwischenkunft habe ich ganz vergessen, wovon wir sprachen.«

»So viel ich weiß, von nichts, Sir William hätte kein Paar im ganzen Saal unterbrechen können, welches weniger mit einander zu reden gewußt, wie wir. Wir haben bereits zwei bis drei vergebliche Unterhaltungsversuche gemacht, und wovon wir nun sprechen werden, kann ich nicht errathen.«

»Was halten Sie von Büchern?«, fragte er lächelnd.

»Bücher!« wiederholte sie »Wir lesen gewiß nie dieselben, wenigstens nicht mit demselben Gefühl.«

»Es thut mir leid, daß Sie so denken; aber wenn dieß der Fall ist, kann es uns wenigstens nicht an Stoff zur Unterhaltung fehlen. Wir können nun unsre verschiedenen Meinungen vergleichen.«

»Nein – in einem Tanzsaal kann ich nicht über Bücher sprechen; mein Kopf ist dann immer mit andern Dingen angefüllt.«

»Die Gegenwart beschäfftigt Sie wohl allzusehr?« fragte er mit zweifelhaftem Blick.

»Ja, immer,« entgegnete sie, ohne zu wissen, was sie sagte; denn ihre Gedanken hatten einen weiten Flug genommen, wie sich gleich darauf aus ihrem plötzlichen Ausruf ergab. »Herr Darcy, ich erinnere mich, Sie einst sagen gehört zu haben, daß Sie nicht leicht vergeben könnten, und in Ihrem Zorn unversöhnlich wären. Deshalb sind Sie vermuthlich auch sehr vorsichtig, ihn nicht ungerechter Weise auf einen Gegenstand fallen zu lassen.«

»So bin ich«, erwiederte er mit fester Stimme.

»Und lassen sich nie durch Vorurtheile irre leiten?«

»Ich hoffe nicht.«

»Für diejenigen Menschen, welche eine vorgefaßte Meinung nie ändern, ist es hauptsächlich Pflicht, sie nicht ohne reife Ueberlegung zu fassen.«

»,Darf ich fragen, worauf diese Fragen abzwecken?«

»Bloß zur bessern Erkenntniß Ihres Charakters,« sagte sie, indem sie sich bemühte weniger ernst zu scheinen. »Ich versuche Sie zu durchschauen.«

»Und gelingt Ihnen dieser Versuch?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich komme nicht aufs Reine. Man hört so viele verschiedene Urtheile über Sie, daß man nicht klug daraus wird.«

»Ich kann mir leicht vorstellen,« sagte er sehr ernsthaft, »daß das Gerücht sich verschieden über mich ausspricht; und ich wünschte, daß Miß Bennet
Zu dieser Anrede s. Anm. 2.nicht gerade den gegenwärtigen Augenblick erwählte, sich ein richtiges Bild von mir zu entwerfen, da ich hinreichenden Grund zu der Vermuthung habe, daß es nicht sehr vortheilhaft ausfallen wird.«

»Aber wenn ich es jetzt nicht thue, finde ich vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu.«

»Ich will Ihr Vergnügen keineswegs stören,« entgegnete er kalt.

Hierauf schwiegen sie beide während des folgenden Tanzes und trennten sich, ohne etwas zu sagen, gegenseitig unzufrieden mit einander, wenn gleich nicht in demselben Grade: denn in Darcy's Brust erhob sich eine laute Stimme für sie, die ihr bald Verzeihung erwarb, und seinen Unwillen auf einen Andern lenkte.

Gleich darauf kam Miß Bingley auf sie zu, und sagte mit dem Ausdruck höflicher Geringschätzung –

»Miß Elise, wie ich so eben höre, sind Sie ganz entzückt von Georg Wickham! Ihre Schwester hat mir von ihm erzählt und tausend Fragen über ihn gethan. Der junge Mann scheint
einen Umstand unerwähnt gelassen zu haben, nämlich daß er der Sohn des Verwalters des verstorbenen Herrn Darcy ist. Uebrigens möchte ich Ihnen als Freundin rathen, seinen Versicherungen nicht unbedingt zu vertrauen; denn wenn er sagt, daß ihn Herr Darcy schlecht behandelt hat, so ist das eine Unwahrheit, da er im Gegentheil sehr gütig gegen ihn gewesen ist, trotz dem, daß Wickham sich auf eine abscheuliche Weise gegen ihn benommen hat. Ich weiß die Details nicht genau; nur so viel, daß Darcy durchaus nicht zu tadeln ist, wenn er Wickham's Namen nicht ohne Zorn aussprechen hören kann. Mein Bruder glaubte ihn nicht ausschließen zu können, da er die übrigen Officiere einlud, war aber sehr froh, daß er selbst dem Ball aus dem Wege gegangen. Sein Auftreten in hiesiger Gegend zeugt schon von seiner Insolenz, und es ist unbegreiflich, wie er es wagen konnte. Ich bedauere Sie, Miß Elise! es ist sehr niederschlagend, solche Fehler an seinen Lieblingen entdecken zu müssen; aber wenn man seine Herkunft bedenkt, ist nichts anderes zu erwarten.«

»Sein Vergehen und seine Herkunft scheinen in Ihrem Bericht über ihn eins zu sein, erwiederte Elisabeth erzürnt, »denn ich habe Sie ihn nichts Schlimmeres beschuldigen hören, als daß er der Sohn des Verwalters des Herrn Darcy ist, und davon hat er mich selbst unterrichtet.«

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Miß Bingley, sich mit spöttischer Miene abwendend. »Entschuldigen Sie meine Einmischung, – Es war gut gemeint.«

»Unverschämtes Mädchen!« sagte Elisabeth zu sich selbst, als die falsche Freundin sie verlassen. »Dieß ist nicht die rechte Weise, mich andrer Meinung zu machen, und ich ersehe daraus nichts als vorsätzliche Unwissenheit von ihrer, und Bosheit von Darcy's Seite.«

Sie suchte nun ihre älteste Schwester auf, um zu hören, was diese über denselben Gegenstand von Bingley erfahren. Johanne sah so fröhlich und glücklich aus, daß Elisabeth die eben erlittene Kränkung vergessend mit lächelndem Munde fragte, was sie über Wickham gehört?

Johanne berichtete, daß Bingley nicht mit den nähern Umständen bekannt sei, und nicht wisse, wodurch Wickham seinen Freund beleidigt habe; daß er aber für dessen untadeliges Betragen hafte, und fest überzeugt sei, daß Wickham sich sehr gröblich gegen Darcy vergangen haben müsse. – »Und,« fügte sie hinzu – »nach dem, was ich sowohl von ihm als von seiner Schwester erfahren habe, scheint Wickham unsre Vorliebe keineswegs zu verdienen, vielmehr ein sehr leichtsinniger, unbesonnener junger Mann zu sein, der Herrn Darcy's Unwillen reichlich verdient hat.«

»Sagtest Du nicht, daß Bingley Wickham nicht persönlich kennt?«

»Ja, er sah ihn an jenem Morgen in Meryton zum ersten Mal.«

»So weiß er also nur, was ihm Darcy gesagt. Dann bin ich zufrieden.«

Johanne bemühte sich, ihrer Schwester eine bessere Meinung von Bingley's Freund beizubringen; aber vergebens. Und da Bingley jetzt selbst hinzutrat, setzte sich Elise zu Miß Lukas, deren Fragen über ihren letzten Tänzer sie noch nicht beantwortet hatte, als Collins sich ihr näherte und mit großer Freude berichtete, daß er so eben eine wichtige Entdeckung gemacht.

»Ich habe durch einen sonderbaren Zufall erfahren, daß sich in diesem Zimmer ein naher Verwandter, vielleicht ein Neffe von Lady Katharine von Bourgh befinden soll, und ich eile nun, ihm meine Hochachtung zu bezeigen. Er wird verzeihen, daß es nicht schon früher geschehen ist; aber meine gänzliche Unkenntniß dieses Umstands muß mir zur Entschuldigung dienen.«

»Sie werden sich Herrn Darcy doch nicht selbst vorstellen wollen?«

»Dazu bin ich entschlossen. Lady Katharinens Neffe wird es hoffentlich nicht übel deuten, daß ich es bis jetzt versäumt.«

Elisabeth versuchte ihn von diesem Vorhaben abzubringen; sie versicherte, daß Herr Darcy diese Selbstintroduction eher als eine unziemliche Freiheit als ein, seiner Tante erwiesenes Compliment betrachten würde; daß es durchaus nicht nöthig sei, und daß, falls es wirklich nöthig sein sollte, Herr Darcy als der Vornehmere die Bekanntschaft anknüpfen müßte. Collins hörte ihre Auseinandersetzungen mit der Miene eines Mannes, welcher entschlossen ist, seinem eignen Rath zu folgen, an, und erwiederte: ›daß er zwar die höchste Achtung für ihre Meinung hegte, in diesem Fall aber dennoch seinem eignen Urtheil folgen müßte.‹ Und mit einer tiefen Verbeugung verließ er sie, seinen Angriff auf Darcy zu wagen.

Elisabeth verfolgte ihn mit den Augen und bemerkte des stolzen Mannes Erstaunen, als er sich so unerwartet aus seinen Träumereien gerissen sah. Ihr Vetter eröffnete die Unterhaltung mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung, und obgleich sie von dem darauf folgenden Gespräch kein Wort verstehen konnte, glaubte, sie doch in seinen Mienen die Ausdrücke »Entschuldigung,« »Hunsford,« »Lady Katharine von Bourgh« zu lesen. Darcy betrachtete ihn mit augenscheinlicher Verwundrung, und erwiederte seine lange Rede mit kalter Höflichkeit. Dadurch ließ sich Collins jedoch nicht abschrecken, einen zweiten Angriff zu riskiren, der indessen Darcy's Geduld zu übersteigen schien: denn nachdem er die abermalige Rede mit dem Ausdruck zunehmender Verachtung angehört, machte er ihm eine leichte Verbeugung und ging dann weiter. Collins kehrte zu Elisabeth zurück, und sagte –

»Ich habe die größte Ursache, mit meiner Aufnahme zufrieden zu sein; Herr Darcy schien die Aufmerksamkeit wohl aufzunehmen. Er antwortete mir mit äußerster Höflichkeit und schloß mit dem Compliment, daß er fest überzeugt sei, Lady Katharine besitze zu viel Scharfsinn, um ihre Gunst an einen Unwürdigen zu verschwenden. Ein allerliebster Gedanke. Ich bin sehr erfreut über diese Bekanntschaft!«

Elisabeth wandte jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit Johannen und Bingley'n zu, und verlor sich in glücklichen Voraussetzungen für deren Zukunft. Die Mienen ihrer Mutter verriethen einen ähnlichen Gedankenflug, und sie vermied dieselbe deshalb so viel als möglich, um nur keine laute Aeußerung zu hören. Aber das Schicksal hatte ihr an diesem Abend noch harte Prüfungen vorbehalten. Ein unglücklicher Zufall führte sie beim Souper der Mutter gegenüber, und dieser zur Seite Lady Lukas. Herzlich froh, ihre mütterlichen Erwartungen aussprechen zu können, begann sie ihrer Nachbarin die beglückende Hoffnung, Johannen bald glänzend versorgt zu sehen, mitzutheilen. Es war ein unerschöpflicher Gegenstand, und sie erschöpfte ihn bis auf den Grund. Vergebens beschwor Elise sie, etwas leiser zu sprechen, indem Herr Darcy, der nicht weit von ihnen saß, alles hören konnte. Mrß. Bennet versicherte, daß sie auf ihn durchaus keine Rücksicht zu nehmen brauchte, und fuhr unbarmherzig fort, ihr Glück zu preisen. Elisabeth erröthete zu wiederholten Malen, und hätte vor Schaam in die Erde sinken mögen. Dann und wann wagte sie einen Blick auf Darcy zu werfen; aber ein jeder bestätigte nur ihre Furcht: denn obgleich er ihre Mutter nicht zu beobachten schien, bemerkte sie doch, daß ihm kein Wort entging. Der Ausdruck seiner Züge zeugte von Unwillen und Verachtung und verlor sich endlich in unerschütterlichen Ernst.

Endlich wußte Mrß. Bennet nichts mehr zu sagen; und Lady Lukas, die ihren steten Wiederholungen nichts als ein Gähnen entgegengesetzt, fand nun Muße, sich an dem Souper zu erholen.

Elisabeth schöpfte wieder Athem. Doch nicht lange sollte sie das Glück der Ruhe genießen. Denn kaum war das Mahl beendet, als sie zu ihren größten Schrecken gewahrte, daß Marie auf die leicht hingeworfene Bitte, etwas zu singen, aufstand und sich darauf vorbereitete. Durch bittende Blicke und Zeichen suchte sie sie davon zurück zu halten – aber vergebens. Marie
wollte sie nicht verstehen; eine solche Gelegenheit sich zu zeigen durfte nicht unbenutzt vorüber gehen, und sie begann ihren Gesang. Elisabeths Augen ruhten mit dem Ausdruck innerer Angst auf der Sängerin, und ihre Ungeduld nahm mit jeder Strophe zu. Endlich war das Lied zu Ende, aber Mariens Athem nicht; denn kaum hörte sie den Wunsch aussprechen, die Gesellschaft noch durch ein zweites Lied zu erfreuen, als sie auch mit der größten Bereitwilligkeit wieder anhub. Ihre schwache Stimme war keineswegs geeignet, sich vor einem so großen Publikum hören zu lassen, und ihre Manier verrieth weit mehr Affektation als Kunst.

Elisabeth saß in Todesangst. Ihre Blicke suchten Johannen, um zu sehen, wie diese das Schreckliche ertrug; aber mit Bingley im eifrigen Gespräch begriffen, schien sie nicht auf ihre Umgebung zu achten. Seine Schwestern hingegen waren aufmerksamer, und sie bemerkte, daß sie sich spöttische Blicke zuwarfen und auch Darcy'n dazu aufforderten, der jedoch unerschütterlich ernst blieb. Jetzt trug sie die Qual nicht länger, und gab ihrem Vater einen Wink, welcher ihn auch verstand und laut sagte, nachdem Marie zum zweiten Male geendet – »Nun laß es gut sein, liebes Kind! Das längere Singen nach dem Tanzen möchte Deiner Gesundheit schaden; auch ist es jetzt Zeit, andere junge Damen auftreten zu lassen.«

Marie wurde etwas verlegen, und obgleich sie nicht that, als ob sie des Vaters Ermahnung vernommen, hörte sie doch auf, und andere wurden nun aufgefordert. Collins benutzte die günstige Gelegenheit, seine Meinung über die Musik, über die Wirkung, die sie auf das menschliche Herz hervorzubringen im Stande u. d. m. auszusprechen, und äußerte sein Bedauern, nicht selbst musikalisch zu sein, da es auch ihm als Geistlichen sehr wohl anstehen würde, die Gesellschaft durch einen Gesang zu erfreuen, so wie sich durch dieses Talent solchen Personen angenehm zu machen, die ihm vom Schicksal als Gönner und Beschützer angewiesen, indem es eines jeden Menschen Pflicht sei, sich dankbar gegen diejenigen zu beweisen, denen man sein Glück und seine Anstellung verdankte.

»Ich wenigstens« – so schloß er seine Rede – »halte mich dazu verpflichtet, und werde keine Gelegenheit versäumen, meiner hohen Gebieterin, so wie allen mit dieser edlen Familie verwandten Personen meinen tiefen Respekt auf jede nur mögliche Weise an den Tag zu legen.«

Die letzten Worte wurden mit einem Seitenblick auf Darcy und einer ehrfurchtsvollen Verbeugung begleitet. – Alle Anwesenden staunten; einige lächelten, andere sahen sich verwundert an; doch Niemand ergötzte sich mehr an Herrn Collins Lächerlichkeiten, als sein eigner Vetter, Herr Bennet; während dessen Frau dem Sprecher beifällig zunickte, und ihn laut als einen sehr vernünftigen, gebildeten Mann pries.

Elisabeth allein empfand das Peinliche, ein Glied ihrer Familie nach dem andern sich selbst Preis geben zu sehen. Und wenn auch Bingley, zu sehr mit Johannen beschäftigt, nicht alles bemerkt hatte, so war sie doch fest überzeugt, daß seine Schwestern und Darcy nicht versäumen würden, jede kleine Lächerlichkeit herauszuheben, und ihre Angehörigen zum Ziel ihres Witzes und Spottes zu machen. Im gegenwärtigen Augenblicke wurde es ihr schwer, zu entscheiden, ob sie mehr durch das ungezogene Lächeln der Damen, oder durch die schweigende Verachtung Darcy's litt.

Der übrige Theil des Abends gewährte ihr wenig Freude. Collins quälte und langweilte sie durch seine beharrliche Ausdauer. Er wich nicht von ihrer Seite, und wenn es ihm gleich nicht gelang, sie zu bewegen, noch ein Mal mit ihm zu tanzen, so machte er es ihr doch unmöglich, mit einem Andern zu tanzen. Vergebens bat sie ihn, dem Vergnügen des Balls nicht zu entsagen, und erbot sich, ihn zu diesem Zweck einigen jungen Damen vorzustellen. Er versicherte, daß der Tanz als Tanz kein Interesse für ihn hätte, daß er sich
ihr nur angenehm zu machen wünschte, und deshalb den ganzen Abend an ihrer Seite bleiben würde. Ein solcher Vorsatz war nicht durch Gegenreden umzustoßen. Es mußte ausgehalten werden, und Elisabeth erkannte es dankbar, daß Charlotte Lukas sich oft zu ihr setzte und sie auf Augenblicke von des Vetters Unterhaltung erlößte. Fühlte sie sich doch einiger Maaßen erleichtert, Darcy's forschenden und beobachtenden Blicken entgangen zu sein, denn obgleich er, völlig unbeschäftigt, nicht sehr weit von ihr stand, schien er sie doch nicht zu beachten, und machte keinen Versuch, eine zweite Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen. Sie erkannte darin die Folgen ihrer Anspielungen auf Wickham, und freute sich derselben.

Der Ball war zu Ende, und die ganze Gesellschaft fort; nur die Bennet'sche Familie wartete noch auf die Ankunft ihrer Wägen, die durch Mrß. Bennets Veranstaltung eine Viertelstunde später erschienen. Mrß. Hurst und ihre Schwester konnten ihren Verdruß über diese Verzögerung kaum verbergen, und öffneten den Mund nur, um über grenzenlose Müdigkeit zu klagen. Mrß. Bennets Versuche, eine allgemeine Unterhaltung anzuknüpfen, blieben ganz ohne Aufmunterung, und es entstanden daher peinliche Pausen, nur durch Collins Ausrufungen der Bewunderung über die Eleganz der Gemächer, über die geschmackvolle Einrichtung des Festes u. d. m. unterbrochen. Darcy sagte gar nichts, Bennet ergötzte sich ebenfalls schweigend an der Scene. Bingley und Johanne standen seitwärts und sprachen halb leise mit einander. Elisabeth verhielt sich nicht minder stumm, als Mrß. Hurst und Miß Bingley, und selbst Lydia fühlte sich zu erschöpft, um mehr als ein – »Ach Gott! wie bin ich so müde!« unter lautem Gähnen hervorzubringen.

Endlich wurden die Wägen gemeldet, und Mrß. Bennet erhob sich, um Abschied zu nehmen. Mit einem Schwall höflicher Worte sprach sie den Wunsch, die ganze Familie recht bald bei sich in Longbourn zu sehen, aus, und versicherte besonders Bingley'n, daß sie sich sehr glücklich fühlen würde, wenn er, ohne eine förmliche Einladung abzuwarten, ihr die Ehre erzeigen wollte, ein frugales Mittagsessen in ihrem Hause einzunehmen.

Hierzu äußerte er sich sehr bereit, und versprach, sich einzustellen, sobald er von London, wohin er den folgenden Tag zu reisen genöthigt, zurückgekehrt sein würde.

Mrß. Bennet verließ Netherfield in der heitersten Laune, vollkommen überzeugt, ihre älteste Tochter sehr bald daselbst als Gebieterin begrüssen zu können, und im Geiste die nöthigen Anstalten zur Anschaffung der Equipagen, hochzeitlichen Kleider und dergleichen Nebendingen treffend. Die Verheirathung ihrer zweiten Tochter mit dem Vetter Collins betrachtete sie als eine eben so ausgemachte Sache, die ihr jedoch weniger Freude machte. Elisabeth war das am wenigsten geliebte Kind, und dieser Mann für sie deshalb gut genug.

Neunzehntes Capitel

Den folgenden Tag eröffnete sich eine neue Scene in Longbourn; Herr Collins machte seinen Antrag in aller Form. Nachdem sein Entschluß fest geworden, sah er kein Hinderniß, ihn auszusprechen, und bereitete sich dazu vor, wie es ein so wichtiges Geschäfft erforderte. Nach eingenommenem Frühstück, als er sich mit Mrß. Bennet, Elisabeth und einer der jüngern Schwestern allein im Zimmer befand, redete er die Mutter folgender Maßen an:

»Madam, darf ich auf Ihre Einwilligung hoffen, wenn ich um eine Privataudienz bei Miß Elisabeth bitte?«

Ehe diese Zeit hatte, durch etwas anderes als ein Erröthen des Erstaunens zu antworten, erwiederte Mrß. Bennet:

»O, sehr gern. – Ich bin überzeugt, Lizzy wird sich glücklich fühlen – sie kann nichts dagegen einzuwenden haben. Komm, Kitty! ich brauche Dich im obern Stock.« Hiermit raffte sie ihre Arbeit zusammen und wollte eiligst das Zimmer verlassen, als Elisabeth ausrief:

»Liebe Mutter, gehen Sie nicht! ich bitte Sie darum. Herr Collins wird mich entschuldigen. Er kann mir nichts zu sagen haben, was Sie nicht Alle hören dürften. Ich gehe selbst.«

»Nein, nein, Lizzy! – Ich wünsche, daß Du da bleibst!« – Und als sie sah, daß Elisabeth mit Blicken der höchsten Verzweiflung wirklich Anstalt zur Flucht machte, fügte sie hinzu:

»Lizzy! ich
befehle Dir, dazubleiben, und Herrn Collins anzuhören.«

Solch einem Machtspruch durfte Elisabeth nicht entgegen handeln – und eine augenblickliche Ueberlegung machte ihr begreiflich, daß es am Besten sein würde, die Sache auf diese Weise abzumachen, jetzt, wo es in ihrer Macht stand, sie mit einem Mal zu beendigen. Sie ergab sich deshalb in das Unabänderliche, und Collins begann, sobald die Mutter und Schwester das Zimmer verlassen hatten:

»Seien Sie versichert, theure Miß Elisabeth! daß Ihre Bescheidenheit, weit davon entfernt, Ihnen in meinen Augen Nachtheil zu bringen, Ihre Vorzüge nur noch vermehrt. Ich würde Sie ohne diese kleine Abgeneigtheit minder liebenswürdig gefunden haben. Doch bevor ich mit der Hauptsache beginne, sei es mir vergönnt, Ihnen zu versichern, das ich zu meinem Vorhaben die Einwilligung Ihrer geehrten Frau Mutter habe. Ueber meine Gesinnungen können Sie nicht länger in Zweifel sein, indem ich sie Ihnen bereits durch unzählige kleine Aufmerksamkeiten verrathen. Der erste Eintritt in dieses Haus entschied mein Schicksal, und bestimmte mir Sie als die auserwählte Gefährtin meiner Zukunft. Doch ehe ich mich von meinem Gefühl hinreißen lasse, wird es angemessen sein, Ihnen die Gründe, weshalb ich mich zu verheirathen gedenke, auseinander zu setzen, so wie warum ich in dieser Absicht nach Longbourn gekommen.«

Die Idee, daß sich Herr Collins mit aller ihm eigenthümlichen Ruhe und Feierlichkeit von seinen Gefühlen hinreißen lassen sollte, erschien Elfen so lächerlich, daß sie nicht im Stande war, die kurze, zum Athemholen nöthige Pause dazu anzuwenden, den Lauf seiner Rede zu unterbrechen, und so fuhr er fort –

»Die Gründe, die mich zum Heirathen bestimmen, sind erstlich: weil ich es für Pflicht eines jeden Geistlichen, der, wie ich, sich in guten Umständen befindet, halte, seiner Gemeinde auch in diesem Punkt mit gutem Beispiel vorzugehen. Zweitens, weil ich überzeugt bin, durch diesen Schritt an Glückseligkeit zu gewinnen; und drittens endlich, welchen Umstand ich eigentlich zuerst hätte anführen müssen, weil es der Rath meiner erhabenen Gönnerin und Gebieterin ist. Zwei Mal hat sie sich herabgelassen, unaufgefordert ihre Meinung über diesen Gegenstand auszusprechen; und erst noch am letzten Sonntag, bevor sie Hunsford verließ, sagte sie: ›Herr Collins, Sie müssen heirathen. Ein Geistlicher in Ihren Umständen muß heirathen. Wählen Sie vernünftig; ein gebildetes Frauenzimmer in Rücksicht auf mich, aber zugleich Ihren eigenen Verhältnissen angemessen. Ihre künftige Frau muß thätig, verständig, sparsam und wirthschaftlich sein. Dieß ist mein Rath. Und haben Sie eine solche gefunden, so bringen Sie sie, sobald es geht, nach Hunsford, und ich will sie besuchen.‹ – Erlauben Sie mir, meine schöne Cousine, beiläufig zu bemerken, daß ich die mir von Lady Katharine bewiesene Güte und Auszeichnung als einen der größten Vorzüge meiner Lage betrachte. Sie werden ihr Betragen noch weit liebenswürdiger und herablassender finden, als ich es zu beschreiben im Stande bin; und meiner theuren Elisabeth Witz und Lebhaftigkeit wird ihrem Wesen sehr zusagen, besonders wenn diese angenehmen Eigenschaften etwas gemildert werden durch den Respekt, den Ihrer Herrlichkeit Nähe einem Jeden unwillkührlich einflößt. So viel im Allgemeinen über meine Ansichten in Bezug auf die Ehe; es bleibt mir nun nur noch zu sagen übrig, weshalb ich mich in dieser Absicht nach Longbourn gewendet anstatt in meiner Nachbarschaft eine Wahl zu treffen, woselbst, wie ich Ihnen versichern kann, sehr viel hübsche, junge und liebenswürdige Mädchen zu finden sind. Da mir aber nach dem Tode Ihres verehrten Herrn Vaters (Gott erhalte ihn noch manches Jahr!) sein Gut als rechtmäßigem Erben zufällt, konnte ich nicht umhin, die künftige Lebensgefährtin unter seinen Töchtern zu erwählen, um den Uebrigbleibenden den Verlust weniger schmerzlich zu machen. Dieß, schönste Cousine! mein Beweggrund, der mich hoffentlich in Ihrer Achtung noch mehr befestigen wird. Und nun die Versicherung, daß mein Herz Ihnen mit heißer Liebe zugethan ist, und nur für Sie schlägt. Auf Vermögen mache ich durchaus keine Ansprüche, wohl wissend, daß Ihr Herr Vater nicht in der Lage ist, Ihnen solches mitzugeben, und daß Sie auf den geringen Antheil des Unvermögens Ihrer Frau Mutter erst nach deren Tode rechnen können. Deshalb bescheide ich mich über diesen Punkt und versichere im Voraus, daß kein unzarter Vorwurf deshalb während unseres Ehestandes über meine Lippen kommen soll.«

Jetzt war es die höchste Zeit, ihn zu unterbrochen, und Elisabeth sagte: »Sie sind zu rasch Herr Collins! Sie vergessen, daß Sie mir noch gar nicht Zeit gelassen haben, Ihnen zu antworten. Empfangen Sie meinen Dank für ihre gute Meinung. Ich erkenne den vollen Werth der mir zugedachten Ehre, fühle mich aber unfähig, sie anzunehmen.«

»Ich sehe,« entgegnete Collins mit einer feierlichen Bewegung, der rechten Hand, »daß auch Sie das gewöhnliche Herkommen beobachten, und die Anträge, welche Sie im Stillen entschlossen sind anzunehmen, das erste Mal ablehnen. Ich weiß die Fälle, wo es einer zwei und dreimaligen Wiederholung bedurfte; deshalb fühle ich mich durch Ihre eben ausgesprochenen Worte keineswegs abgeschreckt, hoffe vielmehr Sie in Kurzem zum Altar führen zu dürfen.«

»Sie mißverstehen mich, Sir!« rief Elisabeth entsetzt, nach meiner deutlichen Erklärung kann keine Hoffnung mehr Statt finden. Ich gehöre nicht zu den jungen Damen (wenn es wirklich solche geben sollte), welche so kühn sind, ihre Glückseligkeit von einer zweiten Anfrage abhängig zu machen. Meine Verweigerung ist ernstlich gemeint. Ich bin fest überzeuge, daß
Sie mich nicht glücklich machen werden, und daß ich die letzte Person auf der Welt bin, Sie zu beglücken. Und, wenn Lady Katharine mich kennte, würde sie mich in jeder Hinsicht unpassend für die mir zugedachte Lage erklären.«

»Sollte Lady Katharine wirklich so denken!« sagte Collins mit bedächtigem Ernst – »nein! ich kann es nicht glauben! Seien Sie auch versichert, daß ich nicht versäumen werde, in den höchsten Ausdrücken von Ihrer Bescheidenheit, Wirtschaftlichkeit und von Ihren andern liebenswürdigen Eigenschaften zu sprechen.«

»Herr Collins! Ich muß nochmals versichern, daß alle Ihre Lobsprüche vergeblich sein würden. Ertauben Sie mir die Bitte, über mich selbst zu entscheiden, und meinem Ausspruch Glauben beizumessen. Durch das Anerbieten Ihrer Hand haben Sie Ihr Zartgefühl hinsichtlich unsrer Familie beruhigt, und können ohne Gewissensbisse Besitz von Longbourn nehmen, so bald es Ihnen zufällt. Diese Sache wäre also abgemacht.«

Bei den letzten Worten war sie aufgestanden und wollte das Zimmer verlassen, als Collins sie zurückhielt.

»Sobald ich wieder die Ehre haben werde, über diesen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, hoffe ich eine günstigere Antwort zu erhalten, als mir jetzt zu Theil geworden, obgleich ich weit davon entfernt bin, Sie der Grausamkeit zu beschuldigen. Ich weiß, daß es bei Ihrem Geschlecht zur festen Regel geworden ist, die Anträge eines annehmlichen Mannes zum ersten Mal abzuweisen, und erkenne, daß Ihre Antwort so viel Hoffnung enthalten hat, als der weiblichen Delikatesse zu geben erlaubt ist.«

»In der That, Herr Collins!« rief Elisabeth mit einiger Wärme, »Sie quälen mich unbeschreiblich. Wenn meine Antwort Ihnen als Aufmunterung erschienen ist, weiß ich warlich nicht, wie ich mich ausdrücken soll, um Ihnen meine Gesinnungen begreiflich zu machen.«

»Ich schmeichele mir, verehrte Cousine! daß Ihre Verweigerung nur
pro forma gewesen ist, und das aus folgenden Gründen. Erstlich halte ich das Anerbieten meiner Hand und meines Herzens Ihrer Annahme nicht unwürdig, indem ich mir bewußt bin, Ihnen dadurch ein wünschenswerthes Loos zu bereiten. Meine Verhältnisse, meine Verbindungen mit der Familie von Bourgh und meine Verwandscht mit der Ihrigen sind Umstände, die sehr zu meinem Gunsten sprechen. Zweitens muß ich bemerken, daß Sie, trotz Ihrer mannigfachen Vorzüge, wegen des mangelnden Vermögens, vielleicht nicht oft Gelegenheit haben werden, den ernstlichen Absichten eines heiratsfähigen Mannes zu begegnen. Deshalb habe ich Grund zu vermuthen, daß Ihre erste Verweigerung meiner Hand nicht wörtlich genommen werden darf, und daß Sie, dem Gebrauch junger eleganter Damen zu Folge, meine Liebe nur durch Hindernisse zu steigern gesonnen sind.«

»Ich aber versichere auf mein Wort,« erwiederte Elisabeth, »daß ich nicht gesonnen bin, den Gebrauch junger eleganter Damen nachzuahmen und einen rechtschaffenen Mann zu quälen. Ich danke Ihnen nochmals, und recht von Herzen für die mir zugedachte Ehre, die ich aber unmöglich annehmen kann, da sie meinen Gefühlen in jeder Hinsicht widerspricht. Kann ich mich deutlicher ausdrücken? Betrachten Sie mich nicht als eines jener eleganten weiblichen Wesen, die nur darauf ausgehen, einen ehrlichen Mann zu plagen, vielmehr als ein bloß vernünftiges Geschöpf, das Ihnen die Wahrheit so schonend wie möglich zu sagen wünscht.«

»Sie sind unwiderstehlich!« rief er mit dem Ausdruck unbeholfener Galanterie; »und ich bin überzeugt, daß mein Antrag seine Wirkung nicht verfehlen wird, sobald ich erst die ausdrückliche Einwilligung Ihrer verehrten Eltern dazu erhalten habe.«

Einer solchen beharrlichen Selbsttäuschung wußte Elisabeth nichts mehr entgegen zu setzen. Sie schwieg und verließ das Zimmer, fest entschlossen sich an ihren Vater zu wenden, falls Collins fortfahren sollte, ihre wiederholte Verneinung als schmeichelhafte Aufmunterung zu betrachten. Das kräftige, bestimmte Nein des Vaters konnte wenigstens nicht für weibliche Affektation und Coquetterie gehalten werden.

Zwanzigstes Capitel

Mrß. Bennet ließ dem Bewerber nicht lange Zeit, über den glücklichen Erfolg seines Antrages nachzudenken: denn kaum hörte sie Elisen die Thüre öffnen und raschen Schritts die Treppe hinanlaufen, als sie wieder in das Zimmer trat und sich und Herrn Collins in den wärmsten Ausdrücken Glück zu der erfreulichen Aussicht ihrer nähern Verwandschaft wünschte. Der Vetter empfing und erwiederte die Glückwünsche mit selbstgefälliger Freude, und berichtete, dann die Details der Unterhaltung, mit welchen er sehr zufrieden zu sein versicherte, indem er die abschlägige Antwort seiner schönen Cousine einzig und allein auf Rechnung weiblicher Bescheidenheit und Delikatesse setzte.

Diese Nachricht erschreckte Mrß. Bennet; sie kannte ihre Tochter zu gut, um an der Wahrheit ihrer Versicherung zu zweifeln, und konnte nicht umhin, den Bewerber darüber aufzuklären. »Aber verlassen Sie sich auf mich Herr Collins,« fügte sie hinzu, »daß Lizzy zur Vernunft gebracht werden soll. Ich werde gleich selbst mit ihr sprechen. Sie ist ein halsstarriges, albernes Mädchen, das seinen eignen Vortheil nicht kennt; aber ich will ihr ihn schon begreiflich machen.«

»Verzeihen Sie mir die Unterbrechung, Madame!« rief Collins in einiger Angst; »aber wenn Miß Elisabeth wirklich so halsstarrig und albern ist, wie Sie sie schildern, möchte ich es selbst bezweifeln, ob sie eine wünschenswerthe Gefährtin für einen Mann in meinen Verhältnissen ist. Sollte sie deshalb fortfahren, meinen Antrag zu verwerfen, so halte ich es für rathsam, sie nicht zur Annahme desselben zu zwingen, indem sie bei solchen Fehlern des Charakters keineswegs geeignet sein würde, meine Glückseligkeit zu erhöhen.«

»Sie mißverstehen mich gänzlich,« rief Mrß. Bennet alarmirt. »Lizzy ist bloß halsstarrig in solchen Dingen, sonst aber das gutmüthigste Geschöpf auf Erden. Ich gehe sogleich zu meinem Mann, die Sache abzumachen.«

Ehe Collins hierauf erwiedern konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.

»Ach, liebster Bennet!« rief sie beim Eintreten in sein Heiligthum, »wir bedürfen Deines Beistandes. Du mußt Elisen sagen, daß sie Herrn Collins heirathet; sie besteht darauf, ihn nicht zu nehmen, und wenn sie sich noch lange besinnt, möchte der Umstand eintreten, daß
er sie nicht will.«

Bennet erhob den Blick von seinem Buch, als sie hereintrat, und hörte ihr mit dem Ausdruck der höchsten Gemüthsruhe zu. »Ich habe nicht das Vergnügen, Dich zu verstehen,« sagte er, nachdem sie geendet. »wovon sprichst Du eigentlich?«

»Von Herrn Collins und von unsrer Elisabeth. Lizzy erklärt, daß sie Herrn Collins nicht haben will, und Herr Collins fängt jetzt auch an zu sagen, daß er Lizzy nicht haben will.«

»Und was kann ich dazu thun? es scheint mir eine hoffnungslose Sache zu sein.«

»Sprich mit Lizzy. Sage ihr, daß sie ihn heirathen
soll

»Sie soll kommen; ich werde ihr meine Meinung sagen.«

Mrß. Bennet zog die Klingel, und Elisabeth ward in die Bibliothek zu ihrem Vater beschieden.

»Komm näher, Kind!« sagte er, als sie hereintrat. »Ich habe über wichtige Gegenstände mit Dir zu sprechen. Ist es wahr, daß Herr Collins Dir einen Heirathsantrag gemacht?« Elisabeth bejahte – »und daß Du diesen Antrag abgewiesen?«

»So ist es, mein Vater!«

»Sehr wohl. Wir kommen nun zu dem Hauptpunkt. Deine Mutter besteht darauf, daß Du Herrn Collins heirathen sollst.«

»Ja, oder ich will Dich nie wieder sehen.«

»Eine unglückliche Alternative steht Dir, meine arme Elisabeth! bevor. Von diesem Tage an wirst Du einem Deiner Eltern entsagen müssen; – Deine Mutter will Dich nie wieder sehen, wenn Du Herrn Collins
nicht heirathest, und ich verbanne Dich aus meinem Angesicht, wenn Du ihn heirathest.«

Elisabeth konnte ein Lächeln über diesen Schluß der Verhandlung nicht unterdrücken; Mrß. Bennet aber, die fest auf den Beistand ihres Gatten gerechnet hatte, rief im Gefühl bitterer Täuschung:

»Was sollen diese Reden bedeuten? Du versprachst mir ja, darauf zu bestehen, daß Lizzy den Vetter heirathen sollte.«

»Meine Liebe,« entgegnete Herr Bennet ruhig, »ich muß Dich um zwei Gefälligkeiten ersuchen. Erstlich daß Du mir bei dieser Gelegenheit den freien Gebrauch meines Verstandes, und zweitens den ungestörten Besitz meiner Stube erlauben mögest. Ich wünsche mein Studirzimmer so bald als möglich wieder für mich allein zu haben.«

Mrß. Bennet konnte sich, trotz des verweigerten Beistandes ihres Gatten, doch noch nicht entschließen, die Sache aufzugeben. Sie wendete bei Elisen abwechselnd Bitten und Drohungen an, suchte Johannen für ihr Interesse zu gewinnen; aber alles vergebens. Lizzy blieb fest bei ihrem Vorsatz, und Johanne verweigerte mit der größten Freundlichkeit ihre Einmischung.

Herr Collins stellte unterdessen in der Einsamkeit Betrachtungen über das so eben Vorgefallene an. Er hatte eine zu gute Meinung von sich selbst, um den wahren Grund, weshalb ihn seine Cousine verworfen, zu ahnen; und obgleich sein Stolz etwas beleidigt war, litt er doch übrigens nicht. Seine Neigung bestand nur in der Einbildung, und die Möglichkeit, daß Elise der Mutter Vorwürfe verdienen könnte, ließ kein Bedauern in ihm aufkommen.

In diesem Augenblick allgemeiner Verwirrung betrat Charlotte Lukas das Haus, um den Tag bei ihrer Freundin zuzubringen. Lydia begegnete ihr auf dem Vorsaal, und flüsterte ihr zu:

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind, Hier giebts nichts als Spektakel! Stellen Sie Sich vor, daß Herr Collins Elisen einen Heirathsantrag gemacht, und daß sie ihn nicht angenommen hat!«

Ehe Charlotte noch darauf antworten konnte, kam Kitty und erzählte dieselbe Neuigkeit; und beim Eintreten in das Frühstückszimmer, woselbst sich Mrß. Bennet allein befand, ward sie mit Klagen über Elisens Eigensinn empfangen. Nachdem das Mutterherz sich entledigt, forderte sie die Freundschaft auf, ihre Rechte geltend zu machen, und beschwor Charlotten, alles zu versuchen, um Lizzy ihren Wünschen willfährig zu machen.

Die ältern Schwestern traten so eben herein und ersparten der Freundin die Antwort. Nochmals versuchte die Mutter auf gutem und bösem Wege ihren Zweck zu erreichen; Elisabeth erwiederte nur wenig, erklärte sich aber so bestimmt, daß selbst Herrn Collins der letzte Hoffnungsstrahl geschwunden sein würde, wenn er die Unterredung mit angehört hätte. Aber er kam erst nach dem Schluß derselben und Lizzy eilte, der letzten mütterlichen Erklärung aus dem Wege zu gehen. Johanne und Kitty folgten ihr bald nach; Lydia aber war entschlossen, die Sache mir anzuhören, und schien deshalb Mrß. Bennets Blicke und Winke nicht zu verstehen. Charlotte sah sich noch durch Herrn Collins zurückgehalten, dessen höfliche Fragen nach jedem einzelnen Gliede ihrer Familie sie erst beantworten mußte. Nachdem dieß geschehen, zog sie sich mit Lydien in eine Fenstervertiefung zurück, und Mrß. Bennet begann im klagenden Ton:

»Ach! Herr Collins!«

»Lassen Sie uns, verehrte Mr. Bennet! für immer über diesen Gegenstand schweigen. Fern sei es von mir, mich durch das Betragen Ihrer Tochter beleidigt zu fühlen. Ergebung in unvermeidliche Uebel ist unsrer Aller Pflicht; und vor allen die Pflicht eines jungen Mannes, der wie ich so glücklich gewesen ist, früh ein Amt zu erhalten. Auch hat der Zweifel, ob ich durch die Hand meiner schönen Cousine an häuslicher Glückseligkeit gewonnen haben würde, vielleicht etwas dazu beigetragen, mir das Entsagen leichter zu machen. daß ich meine Ansprüche an Miß Elisabeths Hand zurücknehme, ohne vorher um Ihre und Herrn Bennets Fürsprache gebeten zu haben, werden Sie hoffentlich nicht als Mangel an Respekt betrachten. Ich habe allerdings darin gefehlt, die abschlägige Antwort von Ihrer Tochter Lippen, anstatt von den Ihrigen zu empfangen. Aber als Menschen sind wir alle des Irrthums fähig, und ich kann mich nur mit der guten Absicht entschuldigen. Ich hatte gehofft, mir eine liebenswürdige Lebensgefährtin zu sichern, indem ich durch diese Wahl zu gleicher Zeit der übrigen Familie einen Ersatz für die zukünftige Beschränkung ihrer Umstände zu geben gedachte. Wenn meine Verfahrungsweise hierbei tadelhaft gewesen sein sollte, bitte ich mir zu verzeihen. Der Wille war gut.«

Ein und zwanzigstes Capitel

So weit war die Verhandlung über Herrn Collins Antrag zu Ende, und Elisabeth hatte nur noch durch seine Gegenwart und durch die häufigen Anspielungen ihrer Mutter zu leiden. Er selbst drückte seine Gefühle weder durch Verlegenheit oder Niedergeschlagenheit, noch durch Vermeidung ihrer Gesellschaft aus; sondern einzig durch vermehrte Steifheit und Schweigen gegen sie. Er sprach gar nicht mehr mit ihr; und alle die kleinen zarten Aufmerksamkeiten, die er ihr bis jetzt zu beweisen bemüht gewesen, wurden nun Miß Lukas zugewendet, deren Höflichkeit und geduldiges Anhören seiner langen Reden der ganzen Familie, und besonders Elisen große Erleichterung gewährte. Man hatte gehofft, ihn nach dieser Katastrophe früher scheiden zu sehen, aber er war entschlossen bis zum Sonnabend zu bleiben, wie es gleich anfänglich bestimmt gewesen.

Nach dem Frühstück schlug Lydia einen Spaziergang nach Meryton vor, um Erkundigungen über Herrn Wickham's Zurückkunft einzuziehen und ihm, falls sie ihn sehen sollte, ihr Bedauern über seine Abwesenheit vom letzten Ball zu erkennen zu geben. Er begegnete den Damen am Eingang des Städtchens und begleitete sie zu ihrer Tante, woselbst der Ball und alles was dahin gehört, ausführlich besprochen wurde. Gegen Elisen äußerte er halb laut, ›daß er sich die Entsagung selbst aufgelegt, indem er es für besser gehalten, Herrn Darcy nicht in dem engen Raum eines Ballsaals zu begegnen, da er nicht für sich einstehen könne, und doch um keinen Preis eine unangenehme Scene hätte herbeiführen mögen.‹

Sie pries seine Vorsicht und fand auf dem Rückweg Gelegenheit, die Sache weitläuftiger mit ihm zu besprechen, da er, nebst noch einem andern Officier, die Damen nach Longbourn zurückbegleitete. Diese Artigkeit gewährte, außer der Annehmlichkeit seiner Unterhaltung, noch den Vortheil, ihn ihren Eltern vorstellen, und dadurch im Hause einführen zu können.

Gleich nach ihrer Zurückkunft bekam Johanne einen Brief aus Netherfield. Der Umschlag enthielt einen zierlich gepreßten, von einer leichten Damenhand beschriebenen Briefbogen. Elisabeth bemerkte, daß ihre Schwester beim Durchlesen desselben die Farbe wechselte, und mit besonderer Aufmerksamkeit auf einigen Zeilen ruhte; und obgleich Johanne sich bald wieder faßte, und mit ihrer gewohnten Heiterkeit an dem allgemeinen Gespräch Theil zu nehmen versuchte, konnte Elisabeth dennoch ihre Angst nicht bemeistern, so daß selbst Wickham keine aufmerksame Zuhörerin mehr an ihr fand. Kaum hatten sich die Herren entfernt, als die Schwestern hinauf in ihr Zimmer eilten.

»Der Brief ist von Caroline Bingley,« sagte Johanne, »sein Inhalt hat mich sehr in Erstaunen gesetzt. Die ganze Gesellschaft hat Netherfield verlassen und ist jetzt auf dem Weg nach London. Von Wiederkommen ist nicht die Rede. Doch Du sollst selbst hören.«

Der Anfang enthielt die Nachricht ihrer schleunigen Abreise, dann hieß es:

»Außer Ihrer Gesellschaft, meine theuerste Freundin! lasse ich nichts in Hertfordshire zurück, woran ich mit Bedauern und Sehnsucht denken werde. Und bis ein günstiges Geschick uns wieder zusammenführt, und uns Gelegenheit giebt, jene schönen Stunden des Beisammenseins noch ein Mal zu wiederholen, möge eine ununterbrochene Correspondenz den Schmerz der Trennung versüßen.«

Diese hochtrabenden Versicherungen entlockten Elisen ein spöttisches Lächeln, und wenn gleich durch die unerwartete und schnelle Abreise der Bingley'schen Gesellschaft nicht minder in Erstaunen gesetzt wie ihre Schwester, sah sie doch in diesem Vorfall nichts Beklagenswerthes. daß der Bruder sich durch die Abwesenheit seiner Schwestern abhalten lassen sollte, nach Netherfield zurückzukehren, schien ihr nicht wahrscheinlich; und die Entbehrung ihrer Gesellschaft würde Johanne in der Seinigen minder schmerzlich empfinden.

»Es ist allerdings zu bedauern«, sagte sie nach einer kurzen Pause, »daß Du Deine Freunde nicht noch ein Mal hast sehen können, bevor sie diese Gegend verließen. Wir wollen uns indessen mit der Hoffnung trösten, daß die schöne Zeit des Beisammenseins, welche Miß Bingley in der Ferne sucht, früher, als sie erwartet, zurückkehren, und daß ein günstiges Geschick Euch bald als Schwestern zusammenführen möge. Bingley wird sich gewiß nicht durch seine Schwestern in London zurückhalten lassen.«

»Caroline erklärt aber ganz bestimmt, daß
Keiner von ihnen diesen Winter nach Hertfordshire zurückkehren wird. Höre was sie darüber schreibt:

›Als mein Bruder uns gestern verließ, meinte er, das Geschäft, welches ihn in die Stadt berief, in drei bis vier Tagen beendigen zu können; da wir aber überzeugt sind, daß er hierzu eine längere Zeit bedarf, haben wir beschlossen, ihm dorthin nachzufolgen, um ihm die Unannehmlichkeit zu ersparen, seine freien Stunden allein in seiner Wohnung zubringen zu müssen. Viele meiner Bekannten sind schon nach London zurückgekehrt; ich wünschte Sie, meine theure Freundin, unter diese Zahl rechnen zu können, sehe aber leider keine Aussicht dazu. Ich hoffe, daß Sie Ihre Weihnachten in Hertfordshire fröhlich begehen werden, und daß die Anzahl Ihrer
beaux hinreichend genug ist, Sie über den Verlust der drei, die wir Ihnen entzogen haben, zu trösten.‹

Du siehst daraus«, sagte Johanne »daß er diesen Winter nicht hieher zurück kommen wird.«

»Ich sehe nur daraus, daß Miß Bingley sein Zurückkommen nicht
wünscht

»Was könnte ihr dieser Wunsch helfen? Er ist ja sein eigner Herr und Herr seiner Handlungen. Aber Du weißt noch nicht
alles; ich will kein Geheimniß vor Dir haben, und Dir auch die Stelle vorlesen, die mich am tiefsten gekränkt hat.

Herr Darcy brennt vor Begierde, seine Schwester wieder zu sehen, und auch wir verlangen sehr nach ihrer Gesellschaft. Georgine Darcy findet nirgends ihres Gleichen an Schönheit, Zierlichkeit und Bildung; sie ist wahrhaft liebenswürdig, und Louise und ich schmeicheln uns mit der angenehmen Hoffnung, sie bald als Schwester begrüssen zu können. Ich weiß nicht, ob ich schon früher über diesen, für mich so wichtigen Gegenstand mit Ihnen gesprochen habe; auf jeden Fall will ich diese Gegend nicht verlassen, ohne Sie darüber zur Vertrauten gemacht zu haben, und Sie werden meine Wünsche begreiflich finden. Mein Bruder verehrt Georginen außerordentlich, und die häufige Gelegenheit, sie im häuslichen Kreise zu sehen, wird diese Verehrung sehr bald in Liebe verwandeln. Was Carl betrifft, so hoffe ich nicht bloß die Partheilichkeit einer Schwester zu verrathen, wenn ich behaupte, daß er ganz dazu gemacht ist, ein weibliches Herz zu fesseln. Bei allen diesen günstigen Umständen und fehlenden Hindernissen werden Sie, meine theure Johanne! mir gewiß vollkommen Recht geben, wenn ich mich zu den schönsten Hoffnungen berechtigt halte.

Was sagst Du zu dieser Nachricht, meine liebste Lizzy?« fragte Johanne, nachdem sie mit Lesen geendet. »Ist sie nicht deutlich genug? Spricht sie es nicht unumwunden aus, daß sie weder wünscht noch hofft, mich je als Schwester zu begrüssen; daß sie von ihres Bruders Gleichgültigkeit gegen mich vollkommen überzeugt ist, und dieß alles vielleicht nur gesagt hat, um mich zu warnen, mein Gefühl für ihn nicht allzu mächtig werden zu lassen. Kannst Du ihre Worte anders deuten?«

»Sie wünscht sie allerdings auf diese Weise von Dir gedeutet zu wissen; doch wenn Du
meine Meinung hören willst, sollst Du gleich eines Andern belehrt werden. Miß Bingley sieht, daß ihr Bruder auf dem besten Wege ist, sein Herz in Longbourn zu verlieren und dieß kann sie nicht zugeben, weil sie ihn für Miß Darcy bestimmt hat. Sie folgt ihm in die Stadt nach um ihn dort festzuhalten, und versucht unterdessen, Dich davon zu überzeugen, daß Du ihm ganz gleichgültig seist.«

Johanne schüttelte schweigend den Kopf.

»Ja, so ist es,« fuhr Elisabeth fort. »Wer Euch zusammen gesehen hat, kann an seiner Meinung nicht zweifeln; und Miß Bingley ist klug genug, dieß zu bemerken. Hätte sich Darcy ihr nur halb so viel genähert, wie Bingley Dir, so würde sie die hochzeitlichen Gewänder schon bestellt haben. Aber wir sind ihr nicht reich und vornehm genug; und sie hofft, wenn nur erst die Heirath mit ihrem Bruder und Miß Darcy zu Stande gebracht ist, die zweite alsdenn weit leichter bewerkstelligen zu können – was vielleicht auch möglich wäre, wenn Miß von Bourgh ihr nicht im Wege stünde. Doch weil Miß Bingley Dir erzählt, daß ihr Bruder Miß Darcy höchlichst bewundert und sie nächstens lieben wird, kannst Du Doch unmöglich glauben, daß seine Gesinnungen sich seit vorigen Dienstag so urplötzlich verändert haben sollten?«

»Wenn ich Carolinen so beurtheilte, wie Du,« entgegnete Johanne, »würde mich Deine Ansicht sehr beruhigen; aber ich weiß, daß Du ihr unrecht thust. Caroline ist nicht fähig, irgend Jemand geflissentlich zu betrügen, und so muß ich eher glauben, daß sie in dieser Sache selbst betrogen worden ist.«

»Ganz recht. Du hättest keinen glücklichern Gedanken fassen können, da Du nun ein Mal entschlossen bist, meine Ansicht zu verwerfen. Halte Miß Bingley immerhin für den betrogenen Theil; so hast Du Dein Gewissen beruhigt und kannst sie ohne Bedenken fortlieben, wie Du es bisher gethan.«

Johanne äußerte noch manche Besorgnis über das Unerklärliche der schnellen Abreise Bingley's ohne vorhergegangenen Abschied; über die Ungewißheit seiner Zurückkunft, und über die mögliche Erfüllung des Wunsches seiner Schwestern; doch Elisabeth kannte das gläubige Gemüth Johannens, und wußte es durch mancherlei Trostgründe zu beruhigen. Sie kamen darin überein, die Mutter nur von der Abreise der Familie, und nicht von den übrigen Mittheilungen in Kenntniß zu setzen. Mrß. Bennet bedauerte es unendlich, daß die Damen jetzt gerade hätten Netherfield verlassen müssen, wo sie alle auf dem besten Wege gewesen wären, genauer mit einander bekannt zu werden. Nachdem sie ihren Klagen freien Lauf gelassen, suchte sie sich mit der Versicherung zu trösten, daß Bingley doch wenigstens allein zurückkehren und dann eine Mittagsmahlzeit in Longbourn einnehmen würde – das bewußte Familienmahl, wozu sie ihn schon früher eingeladen hatte und welches sie in Gedanken höchst splendid und reich einrichtete.

Zwei und zwanzigstes Capitel

Die Familie Bennet folgte den nächsten Tage einer Einladung des Sir William Lukas; und Charlotte bezeigte sich abermals so gefällig und aufmerksam gegen Herrn Collins, daß Elisabeth ihr herzlich dafür dankte. Charlotte versicherte der Freundin, dieses kleine Opfer gern zu bringen, und Elisens argloses Gemüth war weit davon entfernt, den wahren Grund ihrer zuvorkommenden Freundlichkeit zu ahnen. Wie hätte sie es auch nur für möglich halten können, daß sie damit umging, Herrn Collins in ihren eigenen Netzen zu fangen! Und wirklich waren alle Anzeichen so günstig, daß Miß Lukas, als die Gesellschaft am Abend auseinanderging, völlig überzeugt war, daß es nur eines längern Aufenthaltes in Hertfordshire bedürft hätte, um seinen Entschluß zur Reife zu bringen. Aber hierin that sie ihm unrecht: denn schon am folgenden Morgen trieb ihn das mächtig lodernde Feuer seiner Liebe nach Lukas-Lodge, um sich ihr zu Füßen zu werfen. Er hatte seine Flucht von Longbourn mit schlauer Vorsicht ausgeführt, um seinen Cousinen keinen Grund zum Verdacht zu geben. Der Vorsatz sollte nicht eher bekannt werden, als bis er ihn zugleich mit dem glücklichen Erfolg anzeigen konnte; und obgleich ihn Charlottens Betragen Veranlassung gegeben hatte, das Beste zu hoffen, so war er doch seit der Verhandlung am Freitag etwas vorsichtiger geworden. Der Empfang war höchst schmeichelhaft. Miß Lukas hatte ihn von fern kommen sehen und trat ihm jetzt, wie zufällig, vor dem Hause entgegen, nicht ahnend, welch eine Fluth von Liebe athmender Beredsamkeit ihrer wartete. –

In so kurzer Zeit, als es die langen Reden des Herrn Collins gestatteten, ward alles zur vollkommensten Zufriedenheit beider Theile abgemacht; und beim Eintreten in das Haus bat er sie dringend, den Tag zu bestimmen, der ihn zum glücklichsten Sterblichen machen sollte. Charlotten, die bei dieser Verbindung einzig und allein eine gute Versorgung vor Augen gehabt, war es ziemlich gleichgültig, wie früh oder wie spät sie dieses Ziel erreichte. So eilig, wie der Bräutigam wünschte, konnte es jedoch nicht geschehen, doch ward ihm der süße Trost gegeben, daß sein Glück nicht muthwillig oder grundlos hinausgeschoben werden sollte. Sie fühlte selbst, daß ein längerer Brautstand nur dazu dienen würde, sein einfältig linkisches Wesen in das hellste Licht zu stellen, und ihm Veranlassung zu geben, sich noch lächerlicher zu machen.

Sir William und Lady Lukas ertheilten ihre Zustimmung zu der schnell geschlossenen Verbindung mit der größten Bereitwilligkeit. Da sie ihrer Tochter nur ein geringes Vermögen mitgeben konnten, war Herr Collins schon für den gegenwärtigen Augenblick eine wünschenswerthe Parthie; und seine Aussichten auf zukünftigen Wohlstand machten sie noch annehmlicher. Lady Lukas überrechnete, wie lange Herr Bennet möglicher und wahrscheinlicher Weise noch unter den Lebenden wandeln könnte; und Sir William erklärte seinen Entschluß, sobald Herr Collins im Besitz des Longbournschen Gutes sein würde, keinen Augenblick anzustehen, sich samt seiner Gemahlin zu St. James vorstellen zu lassen. Freude herrschte in der ganzen Familie. Die jüngern Töchter schmeichelten sich mit der Hoffnung, jetzt nun ein oder zwei Jahre früher in die Welt zu treten, und die Sohne fühlten sich von der Angst, Charlotten als alte Jungfer sterben zu sehen, befreit.

Sie selbst war sehr ruhig; sie hatte ihren Zwecke erreicht, und konnte mit Muße über ihre Zukunft nachdenken. Und diese Betrachtungen fielen im Allgemeinen ziemlich befriedigend aus. Herr Collins war zwar weder geistreich noch angenehm, seine Unterhaltung langweilig und seine Liebe konnte nur in der Einbildung bestehen. Aber sein Charakter war gutmüthig, und er bot ihr eine sorgenfreie Existenz. Ohne hübsch oder reich zu sein, glaubte sie in einem Alter von sieben und zwanzig Jahren keine höhern Ansprüche machen zu dürfen.

Der schwierigste Punkt war jetzt ihrer Freundin Elisabeth, deren Urtheil und Meinung ihr über alles galt, den gefaßten Entschluß mitzutheilen. Sie fühlte, daß diese sich höchlich darüber verwundern, ja sie wahrscheinlich deshalb tadeln würde; und obgleich fest entschlossen, sich dadurch nicht in ihrem Vorhaben irre machen zu lassen, litt ihr Gefühl doch sehr durch diese vorausgesetzte Mißbilligung. Sie beschloß, Elisen selbst davon in Kenntniß zu setzen, und bat daher Herrn Collins, in Longbourn nicht zu verrathen, was sich unterdessen hier zugetragen. Mit großer Feierlichkeit legte er das Versprechen eines pflichtvollen Schweigens ab, was ihm jedoch schwer zu halten wurde, indem seine lange Abwesenheit die Neugier des weiblichen Theils der Familie im höchsten Grade erregt hatte. Er ward mit offnen Fragen über sein heimliches Entweichen und langes Außenbleiben von allen Seiten bestürmt, und mußte seine ganze Schlauheit zusammennehmen, um sich nicht zu verrathen. Doppelt schwer, da seine Eitelkeit sich nach dem Triumph sehnte, die schnelle Erwiederung seiner Liebe auszuposaunen.

Mit Anbruch des folgenden Tages wollte er die Rückreise antreten und fand denn die Ceremonie des Abschiednehmens noch am selbigen Abend Statt. Mrß. Bennet versicherte ihm mit vieler Höflichkeit, daß sich die Familie sehr freuen würde, ihn in Longbourn wieder zu sehen, sobald ihm seine Verhältnisse erlaubten, dahin zurück zu kehren.

»Ihre gütig ertheilte Erlaubniß,« entgegnete er mit einer tiefen Verbeugung, »entspricht meiner Erwartung vollkommen. Ich lebte der schönen Hoffnung, eine solche von Ihnen zu erhalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich sobald als möglich Gebrauch davon machen werde.«

Alle sahen sich erstaunt an, und Herr Bennet, der keineswegs eine so schnelle Wiederholung des Besuchs wünschte, erwiederte:

»Nur nicht auf die Gefahr, Lady Katharine dadurch zu beleidigen. Nein, verehrtester Herr Vetter! Lieber, ihre Verwandten vernachlässigt, als ihre Gönnerin und Gebieterin.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für diese freundschaftliche Warnung; und Sie können sich darauf verlassen, daß ich keinen so wichtigen Schritt ohne Ihrer Herrlichkeit Zustimmung thun werde.«

»Sie müssen auch sehr vorsichtig in diesem Punkt sein, und dürfen alles andere eher riskiren, als sich ihr Mißfallen zuzuziehen. Sollte sie es deshalb nicht gern sehen, wenn Sie Ihre Besuche bei uns wiederholen, so bitte ich Sie, ruhig zu Hause zu bleiben, und überzeugt zu sein, daß
wir uns dadurch nicht beleidigt fühlen werden.«

»Ihre Güte und Sorgfalt, bester Herr Bennet! heischt meine wärmste Dankbarkeit, die ich Ihnen auch gleich nach meiner Zurückkunft in einem Brief auszudrücken entschlossen bin. Meinen schönen Cousinen, Miß Elisabeth nicht ausgenommen, wünsche ich von ganzem Herzen viel Gesundheit und Glück, obgleich meine Abwesenheit nicht lang genug sein wird, solche Wünsche nöthig zu machen.«

Nach gehöriger Erwiederung dieser Höflichkeit entfernten sich die Damen, nicht wenig erstaunt über die beabsichtigte Wiederholung seines Besuchs. Mrß. Bennet konnte sie nur dadurch erklären, daß sie ihn gesonnen glaubte, eine ihrer jüngern Töchter zu erwählen, von denen Marie wohl zu bereden gewesen wäre, ihn zu heirathen. Sie erkannte seine guten Eigenschaften und wußte sie zu würdigen; die Gründlichkeit seiner Betrachtungen gefiel ihr, und obgleich fest überzeugt, ihm in geistiger Hinsicht weit überlegen zu sein, glaubte sie ihn doch durch ihr Beispiel und ihre Aufmunterung zu einem angenehmen Lebensgefährten umwandeln zu können. Doch schon am andern Morgen sollten Mutter und Tochter jede Hoffnung dieser Art aufgeben; denn gleich nach dem Frühstück erschien Miß Lukas, um Elisen in einer geheimen Unterredung die Begebenheit des gestrigen Tages mitzutheilen.

Die Idee, daß Collins sich einbilden konnte, in ihre Freundin verliebt zu sein, war ihr zwar in den letzten beiden Tagen manchmal als möglich erschienen; daß aber Charlotte ihn aufmuntern sollte, kam ihr eben so unwahrscheinlich vor, als ob sie selbst ihn aufgemuntert hätte. Ihr Erstaunen deshalb bei dieser Nachricht war so groß, daß sie, die Grenzen des Dekorums überschreitend, laut ausrief:

»Versprochen mit Herrn Collins! unmöglich, liebste Charlotte – rein unmöglich!«

Die erkünstelte Ruhe, mit welcher Miß Lukas ihrer Freundin den Vorfall mitgetheilt hatte, machte durch diesen unverholenen Vorwurf einer augenblicklichen Verwirrung Platz; aber sie hatte von Elisen nicht viel weniger erwartet, und sich schnell wieder fassend erwiederte sie mit Ruhe:

»Warum so erstaunt, liebste Elisabeth? – Hältst Du Herrn Collins für unfähig, ein weibliches Herz zu besiegen, weil er nicht so glücklich war, das Deinige zu erobern?«

Elisabeth hatte sich unterdessen von ihrem Erstaunen erholt, und ihre ganze Selbstbeherrschung aufbietend, fühlte sie sich stark genug, ihr von Herzen Glück zu wünschen, und sich über die Aussicht ihrer künftigen Verwandscht zu freuen.

»Ich kann Deine Gefühle erkennen,« entgegnete Charlotte – »diese Nachricht mußte Dich nothwendig in Verwundrung setzen, da Herr Collins erst noch so kürzlich den Wunsch, Dich zu heirathen, ausgesprochen. Wenn Du aber alle Umstände genau erwogen haben wirst, hoffe ich, auf Deine Zustimmung rechnen zu dürfen. Ich gehöre und gehörte nie zu den romantischen Gemüthern, und strebe nur nach einer behaglichen Existenz. Diese hoffe ich zu erlangen; und Herrn Collins Charakter, so wie seine Verbindungen und seine Stellung im Leben gewähren mir eine so zuversichtliche Aussicht auf Glück, wie es wenige andere Heirathen thun.«

Elisabeth konnte hierauf nichts anders antworten, als: »ohne Zweifel;« - und nach einer verlegenen Pause kehrten sie zu der Familie zurück. Charlotte entfernte sich sehr bald, und Elise hatte nun Zeit über das Gehörte nachzudenken. Es dauerte lange, bis sie sich mit dem Gedanken dieser unpassenden Verbindung vertraut machen konnte. daß Collins zwei Heirathsanträge binnen drei Tagen zu machen im Stande gewesen, erschien ihr weniger wunderbar, als daß der zweite angenommen worden war. In ihren und Charlottens Ansichten über den Ehestand hatte sich immer eine große Verschiedenheit geäußert; demohngeachtet hatte sie nicht geglaubt, daß ihre Freundin in dem entscheidenden Augenblick fähig sein würde, ihr besseres Gefühl dem irdischen Vortheil aufzuopfern. Charlotte als Collins Frau war in ihren Augen ein höchst erniedrigendes Bild! – Und zu dem Gram, die theure Freundin nach dieser Handlung nicht mehr so achten zu können, wie vorher, gesellte sich die trostlose Ueberzeugung, daß sie unmöglich glücklich in der selbsterwählten Lage werden würde.

Drei und zwanzigstes Capitel

Elisabeth saß bei ihrer Mutter und ihren Schwestern in stillen Betrachtungen verloren, nicht wissend, ob sie berechtigt sei, das mitgetheilte Geheimniß weiter zu verbreiten, als Sir William als Abgesandter seiner Tochter erschien, der versa?nmelten Familie die bevorstehende Verbindung anzukündigen. Mit vielen Complimenten, und sich selbst Glück wünschend zu der erfreulichen Aussicht einer nähern Verwandscht mit dem Hause Bennet, entledigte er sich des Auftrags, und fand nicht allein ein höchst erstauntes, sondern auch ein sehr ungläubiges Publikum. Mrß. Bennet, mit mehr Beharrlichkeit als Höflichkeit, behauptete wiederholt, daß er sich hierin irre und Lydia rief in ihrer gewohnten und unüberlegten Weise:

»Großer Gott! Sir William, wie können Sie uns nur so etwas weiß machen wollen? Wissen Sie denn nicht, daß Herr Collins um Lizzy angehalten hat?«

Nur die Artigkeit eines Hofmanns vermochte ohne Zorn eine solche Behandlung zu ertragen; Sir William's feine Lebensart führte ihn aber über alles hinweg, und nachdem er dringend gebeten, seiner Nachricht Glauben beizumessen, hörte er alle ihre Unarten mit äußerster Verbindlichkeit an.

Elisabeth fühlte, daß es jetzt an ihr sei, ihn aus dieser unangenehmen Lage zu reißen; sie bestätigte daher Sir Williams Bericht durch Erzählung dessen, was ihr Charlotte selbst darüber mitgetheilt hatte, und suchte den Ausrufungen des Erstaunens ihrer Mutter und jüngern Schwestern durch den Ernst ihrer Glückwünsche ein Ende zu machen, in welche Johanne mit einstimmte. Sie fügten noch einige Bemerkungen über das in dieser Ehe zu erwartende Glück, über Herrn Collins vortrefflichen Charakter, und über die angenehme Lage Hunsfords, so wie die Nähe von London hinzu. Mrß. Bennet fühlte sich zu sehr durch diese Neuigkeit überwältigt, um viel sagen zu können, so lange Sir William noch da war; aber kaum hatte er das Zimmer verlassen, als sie ihren Gefühlen freien Lauf ließ. Zuerst beharrte sie in ihrer frühern Ungläubigkeit; dann war sie fest überzeugt, daß Herr Collins überlistet worden sei; hierauf versicherte sie, daß sie nie glücklich zusammen werden konnten, und endlich daß die Heirath schwerlich zu Stande kommen würde. Zweierlei Folgerungen zog sie aus dem Ganzen; erstlich daß Elisabeth die einzige Ursache alle dieses Unglücks sei, und zweitens daß man sie selbst sehr schlecht behandelt habe, auf welchen Behauptungen sie den Rest des Tages fest beharrte. Nichts vermochte sie zu trösten oder zu beruhigen; auch endigte ihr Unwillen nicht mit diesem einen Tage. Eine Woche verstrich, ehe sie Elisen sehen konnte, ohne sie auszuzanken; ein Monat, ehe sie wieder artig mit Sir William oder Lady Lukas reden, und mehrere Monate, ehe sie Charlotten alles vergeben konnte.

Herrn Bennets Empfindungen bei dieser Gelegenheit waren minder stürmisch und beunruhigten ihn auf keine Weise. Er freute sich vielmehr; eine neue Erfahrung gemacht zu haben, die in der Entdeckung bestand, daß Charlotte Lukas, die er bisher für eine ziemlich vernünftige Person gehalten, eben so einfältig wie seine Frau, und noch einfältiger wie seine Töchter sei!

Johanne konnte ihr Erstaunen über diese Heirath nicht ganz verbergen; doch sprach sie es nicht laut aus. Kitty und Lydia waren weit entfernt, Miß Lukas zu beneiden; denn Herr Collins war nur ein Geistlicher, und so diente ihnen diese Neuigkeit bloß als Gegenstand der Unterhaltung in Meryton.

Zwischen Elisabeth und Charlotte trat eine gewisse Zurückhaltung ein, die Beiden Schweigen über diesen Gegenstand auflegte, und Erstere fühlte, daß kein wahres Vertrauen je wieder zwischen ihnen Statt finden könnte. Sie sah sich in ihren Erwartungen von der Freundin getäuscht, und wandte sich nun mit vermehrter Zärtlichkeit ihrer Schwester zu, von deren richtigem Gefühl und Urtheil sie keine Täuschung dieser Art zu befürchten hatte. Bange Sorge für das Glück dieser geliebten Schwester erfüllte ihr Herz, da Bingley, nun bereits eine ganze Woche fort war, ohne daß man das Geringste von seiner Zurückkunft gehört hatte. Sie befürchtete keine Gleichgültigkeit von seiner Seite; wohl aber daß die vereinten Bemühungen seiner gefühllosen Schwestern und seines allmächtigen Freundes, in Verbindung mit Miß Darcy's Vollkommenheit und den verführerischen Freuden der großen Stadt, ihn in London zurückzuhalten, und seine Neigung zu schwächen im Stande sein würden.

Johanne hatte Carolinens Brief sogleich beantwortet, und zählte nun die Tage, bis sie wieder auf Nachricht von ihr hoffen konnte. Diese blieb aus; dahingegen langte der verheißene Danksagungsbrief von Herrn Collins an Herrn Bennet an, und enthielt eine so überschwengliche Fülle von Erkenntlichkeit, als ob er wenigstens ein ganzes Jahr als Gast in Longbourn gelebt hätte. Nachdem er sich dieser Pflicht entledigt, ging er auf seinen Bräutigamstand über, und sprach in Ausdrücken des Entzückens von dem Glück, Miß Charlottens Liebe gewonnen zu haben. Schließlich versicherte er, daß er hauptsächlich in Rücksicht auf die erfreuliche Aussicht, die geliebte Braut bald wieder zu sehen, Mr. Bennets gütige Einladung, nächstens zurückzukehren, angenommen hätte; und daß er Montag über 14 Tage in Longbourn eintreffen würde, da Lady Katharine nicht allein seine Wahl gebilligt, sondern auch den Wunsch, daß die Verbindung so bald als möglich stattfinden möchte, gnädigst ausgesprochen hatte, welcher Umstand seine liebenswürdige Charlotte ohne Zweifel bestimmen würde, seinen glücklichsten Tag zu beschleunigen.

Der schnell wiederholte Besuch des Vetters gewährte selbst Mrß. Bennet keine Freude mehr; im Gegentheil klagte sie jetzt lauter darüber als ihr Mann, und versicherte, daß sie es sehr sonderbar von ihm fände, nach Longbourn statt nach Lukas-Lodge zu kommen, daß alle Gäste im Hause ihr bei dem schwachen Zustand ihrer Gesundheit beschwerlich fielen, und daß besonders Liebhaber die unerträglichsten Gäste wären. Solche Klagen wechselten mit lautem Jammer über Bingley's Ausbleiben ab; und die arme Johanne, deren Herz im Stillen schon mehr litt, als irgend Jemand, Elisabeth ausgenommen, ahnete, mußte noch die unzarten Aeußerungen und Vermuthungen ihrer heftigen Mutter ertragen.

Herr Collins traf pünktlich zur bestimmten Stunde in Longbourn ein, ward jedoch dieses Mal nicht so gnädig empfangen, wie bei seinem ersten Erscheinen. Doch zu glücklich, um fremder Aufmerksamkeit zu bedürfen, schien er den Mangel derselben nicht zu empfinden; auch blieb ihm dazu wenig Zeit, indem er zur großen Erleichterung seiner Wirthe fast den ganzen Tag in Lukas-Lodge zubrachte, und oft so spät nach Longbourn zurückkehrte, daß er kaum noch seine Entschuldigung deshalb machen konnte, ehe die Familie sich zur Ruhe verfügte.

Mrß. Bennet befand sich in einem wahrhaft bejammernswerthen Zustand. Die bloße Erwähnung der Heirath oder eines dahin gehörigen Umstandes versetzte sie in die übelste Laune; und wohin sie sich wendete, hörte sie von nichts anderm sprechen. Charlottens Anblick war ihr höchst zuwider; als Nachfolgerin in ihrem Hause betrachtete sie sie mit Eifersucht und Abscheu. Jeder ihrer Besuche ward als Anmaaßung oder Hohn betrachtet; und bemerkte sie vollends, daß sie ein Paar Worte leise mit Herrn Collins sprach, so konnten diese nur den Wunsch, recht bald Besitz von Longbourn zu nehmen, enthalten. Alle ihre eigenen sanguinischen Aussichten auf künftigen Glanz und Herrlichkeit zerstört zu sehen, während ihre, sonst von der Höhe herab betrachtete Nachbarin Lady Lukas mit geschäfftiger Eile die nöthigen Vorkehrungen zu ihrer Tochter Verbindung traf, war mehr, als Mrß. Bennet mit Anstand zu ertragen vermochte, und ihre ältesten Töchter mußten es leider mit ansehen und anhören, wie sie es ohne Anstand that.

Ende des ersten Theils.

Zweiter Theil

Erstes Capitel

Miß Bingley's Brief kam endlich, und machte allen Zweifeln ein Ende. Er bestätigte die Nachricht, daß sie sich sämtlich in London für den Winter eingerichtet, und schloß mit der Versicherung, daß ihr Bruder es sehr bedauert hätte, Netherfield verlassen zu müssen, ohne sich seinen dortigen Freunden vorher zu empfehlen.

Die Hoffnung ihn wiederzusehen war verschwunden; und Carolinens Freundschaftsversicherungen, obgleich Johannens Herzen wohlthuend, waren doch nicht im Stande, ihr Ersatz für die erlittene Täuschung zu gewähren. Der Rest des Briefs enthielt abermals Miß Darcy's Lob, und Caroline erzählte von ihrer täglich zunehmenden Vertraulichkeit, die sie zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Auch erwähnte sie mit großer Freude des Umstandes, daß ihr Bruder jetzt im Hause seines Freundes Darcy lebe, und dessen Einrichtung zum Modell zu der eignen genommen habe.

Elisabeth vernahm diese Nachrichten mit schweigendem Unwillen. Ihr Herz war getheilt zwischen Mitleid mit ihrer Schwester und Verachtung gegen die Urheber ihrer Leiden. Carolinens Versicherung von ihres Bruders wachsender Neigung zu Miß Darcy maaß sie keinen Glauben bei. daß er Johannen noch eben so zärtlich liebte, wie vorher, bezweifelte sie keinen Augenblick; diese Ueberzeugung vermehrte aber nur ihren Zorn, und so lieb er ihr früher gewesen, so hart beurtheilte sie ihn jetzt. Dieses schwankende Wesen, dieser Mangel an Festigkeit und Entschluß, und vor allem diese Bereitwilligkeit, den Eingebungen seiner Schwestern und seines herrschsüchtigen Freundes zu folgen, setzten ihn in ihren Augen tief herab. Mochte er immerhin ihr Sclave sein, und das eigne Glück ihren Launen aufopfern. daß er aber die Ruhe ihrer vielgeliebten Schwester dabei auf das Spiel setzte, dieses engelreine, arglose Gemüth so bitter täuschte – dieß konnte sie ihm nicht vergeben. Und so oft und lange sie auch über diesen Gegenstand nachdachte, blieb das Resultat doch immer dasselbe.

Mehrere Tage verstrichen, bis Johanne so viel Muth gefaßt hatte, mit Elisen hierüber zu sprechen. Dann erklärte sie ihr mit anscheinender Ruhe, daß sie die Bekanntschaft Bingley's wie einen schönen Traum betrachtete, der sie auf kurze Zeit beglückt, und ihr auch noch in der Erinnerung manche Freude gewähren würde.

»Er wird noch lange als der liebenswürdigste Mann, den ich je gekannt, in meinem Andenken fortleben,« sagte sie; »aber dieß ist auch alles. Wohl uns, daß wir uns Beide nichts vorzuwerfen haben. Von einem lebhaften jungen Mann ist nicht immer die gehörige Vorsicht im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht zu erwarten, und dieses ist oft nur zu geneigt, jede flüchtige Aufmerksamkeit für dauernde Neigung zu erkennen. Der Irrthum war auf meiner Seite, und mir bleibt der Trost, daß niemand, außer ich selbst, darunter gelitten hat.«

»Du bist zu gut!« rief Elisabeth mit Wärme. »Deine uneigennützige Liebe und Deine Sanftmuth sind wahrhaft engelgleich. Ich weiß nicht, was ich hierauf erwiedern soll, und fühle nur, daß ich weit unter Dir stehe und Dich noch lange nicht so liebe und ehre, wie Du es verdienst. Aber meine arme Johanne! mit solchen Gesinnungen wird es Dir im Leben nicht an bittern Täuschungen fehlen! Du hältst die Welt für vollkommen und traust jedem Deiner Mitmenschen so viel Güte, Nachsicht und Langmuth zu, als Du selbst besitzest.
Meine Ansichten sind andrer Art. Es giebt nur wenig Menschen, die ich wahrhaft liebe, und noch weniger, von denen ich gut denke. Je mehr ich von der Welt und ihrem Treiben sehe, desto einleuchtender wird mir die Unbeständigkeit des menschlichen Charakters, der Mangel an festem Willen und an Vernunft. Erst kürzlich habe ich wieder zwei, mich in diesem Glauben bestärkende, Beispiele erlebt. Von dem Einen will ich nicht sprechen; das Andre ist Charlottens schneller Heirathsentschluß. Kann man sich etwas Unerklärlicheres, Vernunftwidrigeres vorstellen?«

»Liebste Lizzy! Nur nicht solchen Gefühlen Raum gegeben, oder Du untergräbst Deine ganze Glückseligkeit. Man muß bei diesem Fall doch auch Rücksicht auf Verhältnisse und Temperament nehmen. Bedenke Herrn Collins achtbaren Charakter und Charlottens Klugheit. Vergiß nicht, daß sie die älteste Tochter einer großen Familie ist, daß diese Heirath in pekuniärer Hinsicht bedeutende Vortheile bietet; und hoffe mit mir, daß sie unsern Cousin mit andern Augen ansieht, wie wir, und wenn auch nicht Liebe, doch Achtung für ihn fühlt.«

»Dich zu befriedigen, möchte ich gern alles glauben, was Du wünschest; aber gesetzt auch daß Charlotte ihn wirklich achtet, so sehe ich mich dadurch nur genöthigt, eben so gering von ihrem Verstand zu denken, als ich es schon von ihrem Herzen thue. Es ist doch nicht zu läugnen, daß Herr Collins ein sehr eingebildeter, hochtrabender und unbeschreiblich einfältiger Mann ist, den niemand heirathen kann, der seinen Verstand nur einiger Maaßen beisammen hat.«

»Du beurtheilst sie alle Beide zu streng«, entgegnete Johanne, »und ich hoffe, Du wirst Dich noch selbst davon überzeugen, wenn Du sie glücklich siehst. Aber Du sprachst noch von einem zweiten Beispiel, dessen Erwähnung mich noch weit mehr kränkt. Wir dürfen uns nicht gleich für zurückgesetzt halten, wenn auch der Anschein solchen Glauben manchmal bestärkt. Bingley hat gewiß nicht die Absicht gehabt, mit weh zu thun.«

»Solche Absicht setze auch ich nicht in ihm voraus«, erwiederte Elisabeth; »aber selbst ohne bösen Willen kann viel Unheil angerichtet werden. Gedankenlosigkeit, Mangel an Aufmerksamkeit auf sich selbst, und vor dem Mangel an eignem festen Entschluß sind hierzu allein schon hinreichend.«

»Du beharrst also in dem Glauben, daß seine Schwestern ihn beherrschen, und einen verderblichen Einfluß auf ihn ausüben?«

»Ja; und daß sein Freund ihnen hierbei treulich beisteht.«

»Ich kann es nicht glauben! Weshalb sollten sie es thun? Sie wünschen ja doch nur sein Glück, und wenn er mich wahrhaft liebt, wird ihn kein andres Mädchen glücklich machen.«

»Sein Glück ist in ihren Augen nicht das wünschenswert beste Gut, nicht das Einzige, wornach sie streben. Reichthum, Rang, Macht und Ehre gelten ihnen höher.«

»daß sie Miß Darcy für ihn bestimmt haben, gebe ich zu, nur aus bessern Motiven, als Du vermuthest. Sie kennen Georginen viel länger und genauer als mich, und so finde ich es sehr natürlich, daß sie sie mir vorziehen. Doch ihre Wünsche mögen sein wie sie wollen, so halte ich sie nicht für fähig, sie ihm aufdringen zu wollen. Welche Schwester würde sich auch dazu berechtigt halten! Wenn sie Liebe zu mir in ihm voraussetzten, würden sie gewiß nicht versuchen, uns zu trennen – auch könnte es ihnen ja dann nicht gelingen. Deine Voraussetzung einer solchen Neigung macht Dich aber hart und ungerecht gegen seine Umgebungen, und mich dadurch unglücklich. Betrübe mich nicht durch eine solche herabsetzende Meinung. Ich schäme mich nicht, meinen Irrthum selbst einzugestehen, und finde ihn weit leichter zu ertragen, als die Nothwendigkeit, schlecht von seinen Schwestern denken zu müssen. Laß mir meinen Glauben; laß mich die Sache im besten Lichte betrachten.«

Einem solchen Wunsche konnte Elisabeth nichts entgegenstellen, und von dem Augenblicke an ward Bingley's Namen sehr selten, und nicht mehr in dieser Beziehung von ihnen genannt.

Wickham's angenehme Gesellschaft und Unterhaltung eignete sich ganz dazu, die kleine Verstimmung, in welche einige Glieder der Bennet'schen Familie durch die letzten Nachrichten versetzt worden waren, zu verbannen. Man sah ihn häufig in Longbourn und Meryton, und was er bis jetzt nur Elisen mitgetheilt, seine Ansprüche an Darcy und alles was er durch diesen erlitten und geduldet, ward jetzt ohne Rückhalt erzählt und öffentlich besprochen. Ein jeder freute sich des gerechten Vorwands, Herrn Darcy unangenehm und abstoßend nennen zu können, und Alle versicherten, diese schlechte Gemüthsart gleich Anfangs durchschaut zu haben. Nur Johanne vermochte es nicht, Bingley's Freund ungehört zu verdammen. Ihre Güte, ihre allgemeine Menschenliebe konnte einen solchen Grad von Schlechtigkeit nicht fassen; und wenn gleich unfähig, ihre Vertheidigung durch wahrscheinliche Gründe zu unterstützen, hielt sie doch fest an dem Glauben, daß nur Mißverständnisse, oder sonstige ungünstige Umstände den bösen Schein veranlaßt hätten.

Zweites Capitel

Nachdem Herr Collins acht Tage lang den zärtlichen Liebhaber gespielt, und seiner theuren Braut mit bekannter Weitschweifigkeit die künftige häusliche Glückseligkeit mit brennenden Farben ausgemalt hatte, mußte er sich abermals von ihr losreißen. Doch wurde ihm der schwere Abschied dadurch einiger Maaßen versüßt, daß er die kurze Zwischenzeit bis zu seinem nächsten Besuch in Hertfordshire mit Vorbereitungen zum Empfang der geliebten Charlotte ausfüllen, und nach seiner baldigen Zurückkunft hoffen konnte, dieselbe zum Altar führen zu dürfen. Er nahm von seinen Verwandten in Longbourn mit derselben Förmlichkeit, wie das erste Mal, Abschied, wünschte seinen Cousinen von Neuem viel Glück und Gesundheit, und versprach ihrem Vater einen abermaligen Danksagungsbrief.

Wenige Tage darauf hatte Mrß.. Bennet die Freude, ihren Bruder und dessen Frau in Longbourn zu sehen, welche das Weihnachtsfest gewöhnlich daselbst zuzubringen pflegten. Herr Gardiner, ganz das Gegentheil von seiner Schwester, war ein so feiner, gebildeter Mann, daß selbst die Damen in Netherfield ihn nicht für einen, Angesichts feines Waarenlagers wohnenden Kaufmann gehalten haben würden, eben so wenig, wie Mrß. Gardiner für die Frau eines Mannes aus diesem Stande. Sie war mehrere Jahre jünger als Mrß. Bennet und Mrß. Philips, höchst liebenswürdig, unterrichtet und lebendig, und besaß die Gunst ihrer Nichten in einem sehr hohen Grade. Zwischen ihr und den beiden Aeltesten, welche häufig in der Stadt bei ihr gewesen, fand ein wahrhaft freundschaftliches Verhältniß Statt.

Nachdem Mrß. Gardiner die mitgebrachten Geschenke ausgetheilt und die neuesten Moden beschrieben hatte, wartete ihrer eine weniger angenehme Unterhaltung. Mrß. Bennet hatte viel zu berichten, und noch mehr zu klagen. Zwei ihrer Töchter waren auf dem Punkt gewesen, sich zu verheirathen; sie hatte die Sache schon als gewiß betrachtet, im Geist bereits alle Vorkehrungen getroffen, als ein ungünstiges Geschick ihre schönsten Hoffnungen zerstörte.

»Johanne ist hierbei nicht zu tadeln,« sagte sie mit Heftigkeit, »wohl aber Lizzy, dieses eigensinnige, halsstarrige Geschöpf! Ach, Schwester! Du kennst es nicht das bittre Gefühl der Täuschung. Sie hätte in diesem Augenblick schon Mrß. Collins sein können, wenn sie gewollt. Hier in diesem Zimmer, auf demselben Platz, wo Du jetzt sitzest, bot er ihr Herz und Hand, und sie verwarf den Antrag so schonungs- und rücksichtslos, daß auch jede Aussicht auf eine mögliche Wiederholung verschwand. Was ist die Folge hiervon? daß ich das Herzeleid erleben muß, Charlotte Lukas früher als meine eignen Töchter verheirathet – und was noch schlimmer ist – künftig als Besitzerin von Longbourn zu sehen! Der Gram über diese vielen unverdienten Unglücksfälle hat meine armen Nerven gänzlich zerrüttet; ich fühle mich über alle Beschreibung schwach und angegriffen, und nur Dein erheiternder Besuch, liebe Schwester! und was Du mir so eben von den jetzigen langen Ermeln erzählt hast, sind im Stande, mich einiger Maaßen zu zerstreuen.«

Mrß. Gardiner, schon früher durch ihre ältesten Nichten brieflich von allen diesen Umständen, so wie von der Mutter Betrübniß darüber in Kenntnis gesetzt, erwiederte ihre Klagen nur oberflächlich, und bemühte sich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Doch suchte sie später, theils durch genaue Beobachtung, theils durch Elisens Beistand, den wahren Zustand von Johannens Herz zu ergründen. Ihre Ruhe hatte offenbar einen Stoß erlitten; und so sehr sie auch an sich arbeitete, das verlorne innere Gleichgewicht wieder herzustellen, wollte es ihr doch nicht sogleich gelingen.

»Arme Johanne!« sagte Mrß. Gardiner zu Elisen, nachdem sie ihre Schwester beobachtet und durchschaut, »arme Johanne! Deine weiche Seele ist nicht für solche bittre Erfahrungen geschaffen, und wird sie schwerlich so bald verwinden können. Du, meine Lizzy! würdest leichter über dergleichen hinweggehen und Dich wahrscheinlich bald wieder aus dem liebenden Zustand herauslachen, falls Du auf Augenblicke hineingerathen wärst. Nicht so Johanne mit ihrem reizbaren Gemüth und tiefem Gefühl. Ich erkenne die Nothwendigkeit, sie aus dieser Lage herauszureißen, und werde das Meinige dazu thun. Glaubst Du, daß eine Ortsveränderung wohlthätig auf sie wirken und sie zerstreuen würde?«

Elisabeth freute sich über diesen Vorschlag und war im Voraus der Einstimmung ihrer Schwester gewiß.

»Ich hoffe,« fügte Mrß. Gardiner hinzu, »daß sie sich nicht aus Rücksicht für Bingley abhalten lassen wird, uns nach London zu begleiten. Wir leben in einem ganz andern Theil der Stadt, verkehren mit lauter Menschen, die ihm unbekannt sind, und gehen im Ganzen so wenig aus, daß es nicht wahrscheinlich ist, daß sie ihn sehen sollte, falls er nicht in dieser Absicht zu uns käme.«

»Für diesen Fall glaube ich einstehen zu können,« entgegnete Elisabeth mit einiger Wärme; denn jetzt lebt er ganz unter der Herrschaft seines Freundes, und Herr Darcy würde ihm nimmermehr gestatten, Johannen in diesem Theil der Stadt aufzusuchen. Er hat vielleicht kaum von der Existenz einer solchen Straße als der
Grace-church streetgehört, und würde sich feiner höhern Cirkel auf längere Zeit für unwürdig halten, wenn er sie jemals betreten. Und Bingley wagt gewiß nicht, ohne seinen Mentor auszugehen.«

»Desto besser. Aber correspondirt Johanne nicht mit seiner Schwester? In diesem Fall würde Miß Bingley doch nicht umhin können, sie zu besuchen.«

»Da haben Sie nichts zu befürchten!« erwiederte Elise mit Bitterkeit. »Miß Bingley wird die Bekanntschaft wahrscheinlich ganz fallen lassen.«

Doch so bestimmt sie sich auch über die Unwahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens zwischen Johannen und Bingley aussprach, hoffte sie dennoch im Geheim, daß ein günstiger Zufall hierzu behülflich sein würde. Und von des jungen Mannes Neigung zu ihrer Schwester war sie so fest überzeugt, daß es, ihrer Meinung nach, nur eines Wiedersehens bedurfte, um ihn zu ihren Füßen zurückzuführen.

Miß Bennet nahm ihrer Tante Einladung mit Freuden an. Der Gedanke an Bingley's hatte hieran nur in so fern Theil, daß sie hoffte, bei Carolinen, welche nicht dasselbe Haus mit ihrem Bruder bewohnte, dann und wann einige Morgenstunden zubringen zu können, ohne Gefahr ihn dort zu treffen.

Die Familie Gardiner blieb eine Woche in Longbourn und Mrß. Bennet trug Sorge, daß kein Tag einsam verlebt wurde. Wenn nicht nach Meryton oder Lukas-Lodge eingeladen, unterbrachen einige Officiere die Einförmigkeit des Familienmahls, und unter dieser Anzahl befand sich fast immer Herr Wickham. Durch Elisens wiederholtes Lob seiner liebenswürdigen Eigenschaften aufmerksam geworden, begann Mrß. Gardiner die jungen Leute genauer zu beobachten. An eine ernstliche Neigung schienen beide Theile für den Augenblick nicht zu denken; doch war ein gegenseitiges Wohlgefallen und Auszeichnen nicht zu verkennen, welche Bemerkung schon hinreichte, die sorgsame Tante zu beunruhigen. Sie beschloß noch vor ihrer Abreise mit Elisen darüber zu sprechen, und ihr die Thorheit, ein näheres Verhältniß anzuknüpfen, vorzustellen. Wickham hatte zwar auch auf sie den angenehmen Eindruck gemacht, den er selten zu machen verfehlte; aber seine Lage war nicht von der Art, eine Verbindung mit einem unbemittelten Mädchen zu gestatten, und so wünschte sie dem Uebel vorzubeugen, ehe es zu weit um sich gegriffen. Außer seiner allgemeinen Liebenswürdigkeit hatte er in ihren Augen noch einen Vorzug, der ihr besonders seine Unterhaltung sehr angenehm machte. In demselben Theil von Derbyshire; wo sie mehrere Jahre vor ihrer Verheirathung gelebt und viel liebe Freunde zurückgelassen, war er geboren und erzogen; und wenn gleich nicht kürzlich von dort hergekommen, konnte er ihr doch neuere Nachrichten mittheilen. – Auch in Pemberley war Mrß. Gardiner oft gewesen, und hatte den verstorbenen Herrn Darcy persönlich gekannt, bei dessen Erwähnung Wickham nicht versäumte, sein Klagelied über die vom Sohn erlittene unwürdige Behandlung anzustimmen: Sie hatte den jungen Darcy nie gesehen, erinnerte sich jedoch seiner als eines stolzen, hochmüthigen Knaben erwähnt gehört zu haben.

Drittes Capitel

Der Tag der Abreise kam, und Mrß. Gardiner benutzte eine Stunde des Alleinseins mit Elisen, um sie auf die ihr bevorstehende Gefahr aufmerksam zu machen. Sie lobte Wickhams Charakter, fand es begreiflich, daß er ein junges Gemüth zu beschäfftigen im Stande sei; warnte jedoch ein solches Gefühl nicht überhand nehmen zu lassen, indem der gänzliche Mangel des Vermögens von seiner wie von ihrer Seite eine Verbindung unmöglich machte.

»Ich baue auf Deinen Verstand,« fuhr sie fort, »und hoffe, daß Herz und Fantasie ihm nicht allzusehr entgegen handeln mögen. Dieß erwartet auch Dein Vater. Es ist ein ernster Punkt, und Du wirst seine Erwartungen doch gewiß nicht täuschen wollen!«

»Liebste Tante, Sie behandeln die Sache so wichtig, daß ich fast selbst ernst dabei werde.«

»Dich so zu stimmen, ist auch meine Absicht.«

»Wohlan! Ich bin jetzt so ernsthaft wie Vetter Collins in dem wichtigen Augenblick, als er um mich anhielt, und gelobe in dieser Stimmung über mich und Herrn Wickham zu wachen. Er soll sich nicht in mich verlieben, wenn ich es verhindern kann.«

»Elisabeth! das ist noch nicht der rechte Ton.«

»Verzeihen Sie, wenn es nicht so schnell gelingen will; aber nun bin ich wirklich ernsthaft und versichere, daß ich Herrn Wickham noch nicht liebe, obgleich ich eingestehen muß, daß er der angenehmste, liebenswürdigste Mann ist, den ich bis jetzt kennen gelernt. Und wenn er sich wirklich zu mir gezogen fühlen sollte, möchte ich lieber wünschen, daß wir uns nie gesehen. O, über den abscheulichen Herrn Darcy! Wie so ganz anders könnte manches sein! Meines Vaters gute Meinung von meinem Verstand ehrt und freut mich, und ich werde alles thun, sie zu erhalten. Uebrigens ist Herr Wickham sein wie der ganzen Familie Liebling, und die Aufgabe, ihn mit gleichgültigen Augen zu betrachten, deshalb nicht ganz leicht. Jedoch verspreche ich zu Ihrer Beruhigung, alles zu thun, was in meinen Kräften steht. Da aber die tägliche Erfahrung lehrt, daß ein Paar junge, auf dem Wege der Liebe begriffenen Leute sich selten durch den Mangel irdischer Güter abhalten lassen, in ein näheres Verhältniß zu treten: so würde es Anmaaßung von mir sein, mich weiser und stärker als meine Nebenmenschen dünken zu wollen. Deshalb kann ich nichts unbedingt versprechen und nur versichern, daß ich mich nicht übereilen, und mich nicht zu früh für den erwählten Gegenstand halten will. Mehr können Sie nicht verlangen.«

»Es möchte vielleicht rathsam sein, ihn nicht zum öftern Kommen aufzufordern – die Mutter wenigstens nicht daran zu
erinnern, ihn einzuladen.«

»Wie ich es gestern gethan,« entgegnete Elisabeth lächelnd. »Sie mögen wohl Recht haben, liebste Tante! und es soll auch nicht wieder geschehen. Uebrigens muß ich bemerken, daß er früher nie so oft hier gewesen, und daß die wiederholten Einladungen nur Ihretwegen erfolgt sind. Sie kennen ja der Mutter Begriffe von guter Unterhaltung ihrer Gäste, und so glaubte sie sich Ihnen hierdurch gefällig zu bezeigen. Doch genug. Ich gebe Ihnen mein Wort, mich möglichst vernünftig und weise zu benehmen, und so werden Sie hoffentlich beruhigt sein.«

Mrß. Gardiner fühlte sich durch diese Versicherungen befriedigt, und beide Theile trennten sich gegenseitig zufrieden mit einander.

Herr Collins kehrte, gleich nach Gardiners und Johannens Abreise, nach Hertfordshire zurück; da er aber dieses Mal den Aufenthalt in Lukas-Lodge vorgezogen, verursachte sein Besuch der Bennet'schen Familie keine große Unbequemlichkeit. Der Tag seiner Verbindung rückte heran, und Mrß. Bennet war doch endlich so weit gediehen, die Sache als unvermeidlich zu betrachten und dem Brautpaar, wenn gleich nicht mit der besten Art, doch leidlich höflich alles mögliche Glück zu wünschen.

Als aber Miß Lukas am Tage vor der Hochzeit nach Longbourn kam, Abschied von der Familie zu nehmen, hielt die mühsam errungene Fassung nicht länger aus, und Elisabeth mußte ihrer Mutter kaltes, unfreundliches Benehmen durch verdoppelte Herzlichkeit wieder gut zu machen suchen. Der Gedanke einer längern Trennung von der Jugendgefährtin ergriff sie mächtig, und wenn Charlotte ihrem Herzen auch nicht mehr so nahe stand, wie sonst, fühlte sie den Verlust doch schmerzlich. In dieser weichen Stimmung konnte sie ihr daher auch nicht die Bitte, sie im März, wenn Vater und Mutter nach Hunsford kämen, zu besuchen, abschlagen, so wenig Freude sie sich auch von diesem Aufenthalt versprach.

Gleich nach vollzogener Trauung reisten Braut und Bräutigam ab, und Mrß. Bennet genoß nun wenigstens, in so fern Ruhe, daß sie die verhaßten Gegenstände nicht mehr in ihrer Nähe zu dulden brauchte.

Die erstern Briefe von Mrß. Collins, an Elisen wurden von der Bennet'schen Familie mit großer Ungeduld erwartet. Man wünschte zu erfahren, wie sie sich über ihre neue Heimath aussprechen, wie ihr Lady Katharine gefallen, und was sie über ihr eheliches Glück sagen wurde, Charlottens Aeußerungen entsprachen Elisens Erwartungen in jeder Hinsicht; sie schrieb sehr heiter, schien alles so gefunden zu haben, wie sie gehofft, und pries ihr Loos glücklich. Haus, Garten, Einrichtung, Nachbarschaft, Wege – kurz alles entsprach ihren Wünschen, und Lady Katharinens Aufnahme war äußerst freundlich und huldreich gewesen. Ihre Beschreibung von Hunsford und Rosings lieferte mit schwächern Farben dasselbe Bild, was Collins mit den lebhaftesten ausgemalt hatte.

Johanne hatte ihre glückliche Ankunft in London mit wenigen Worten gemeldet, und Elisabeth sah ihrem nächsten Brief mit ungeduldiger Erwartung entgegen. Endlich kam er und berichtete, daß sie eine ganze Woche in der Stadt gewesen, ohne Carolinen zu sehen, oder von ihr zu hören, welchen Umstand sie sich nur dadurch zu erklären vermochte, daß ihr letzter, von Longbourn geschriebener Brief verloren gegangen sein mußte.

»Meine Tante,« so fuhr sie fort; »hat morgen ein Geschäft in diesem Theil der Stadt, und so werde ich die Gelegenheit benutzen, meinen Besuch in Grosvenor-street zu machen.«

Nachdem sie von dort zurückgekehrt, schloß sie ihren Brief:

»Ich fand Caroline nicht recht heiter; doch freute sie sich, mich wieder zu sehen und machte mir Vorwürfe, ihr nicht vorher Nachricht von meiner Ankunft in London gegeben zu haben. So hatte ich also doch Recht, daß mein Brief verloren gegangen war. Auf meine Fragen nach ihrem Bruder erfuhr ich, daß er sehr wohl sei und fast beständig in Darcy's Gesellschaft, so daß sie ihn selten zu sehen bekäme. Miß Darcy wurde zum Mittagsessen erwartet; und da Caroline und Mrß. Hurst im Begriff standen, auszugehen, kürzte ich meinen Besuch sehr ab. Ich hoffe nun die Damen bald bei mir zu sehen.«

Elisabeth schüttelte den Kopf beim Lesen dieses Briefs. Sein Innhalt bestärkte sie in ihrem Glauben, daß nur ein glücklicher Zufall Bingley'n ihrer Schwester Anwesenheit in London verrathen könne.

Vier Wochen verstrichen, ohne daß Johanne ihn oder seine Schwestern gesehen. Sie suchte sich selbst zu überreden, daß sie sich durch diese Vernachlässigung nicht gekränkt fühlte, konnte aber doch nicht länger in ihrer Verblendung über Miß Bingley's Unhöflichkeit verharren. Nachdem sie 14 Tage lang jeden Morgen in Erwartung des Besuchs zu Hause geblieben, und jeden Abend eine neue Entschuldigung für das Ausbleiben desselben erfunden, stellte sich Miß Bingley endlich ein. Aber die Kürze dieser Visite, und noch mehr die sichtbare Veränderung in Carolinens Benehmen, benahmen Johannen jeden noch übriggebliebenen Zweifel. Sie schrieb an Elisen:

»Caroline erwiederte meinen Besuch nicht eher als gestern, und in dieser langen Zwischenzeit hörte ich kein Wort, erhielt ich keine Zeile von ihr. daß sie auch jetzt nur aus Pflichtgefühl und nicht aus freier Wahl zu mir kam, sprach sich deutlich genug aus. Sie machte eine leichte Entschuldigung, nicht früher gekommen zu sein, sagte aber nicht, daß sie mich öfterer zu sehen wünschte und erschien mir im Ganzen so verändert, daß ich fest beschloß, diesen Umgang ganz aufzugeben. Ich bedauere und tadle sie zugleich. Es war offenbar Unrecht von ihr, mich so auszuzeichnen, wie sie es gethan, mir mit so vieler Freundlichkeit und Liebe entgegen zu kommen. Und doch muß ich sie auch bedauern, weil sie ihr Unrecht gewiß später erkennen wird. Es geschieht alles nur aus Angst für ihren Bruder; und wenn
wir diese Angst auch als völlig grundlos erkennen, müssen wir sie doch in der liebenden Schwester verzeihlich finden. Er weiß, daß ich hier bin – so muß ich wenigstens aus ihren Aeußerungen schließen – und hat dennoch keinen Versuch gemacht, mich aufzusuchen. Caroline ist bemüht, sich und mich fortwährend von ihres Bruders aufkeimender Liebe zu Miß Darcy zu überzeugen, und erwähnt ihrer häufig in dieser Beziehung. Zu welchem Zweck? Ich kann ihn nicht ergründen. Fürchtete ich mich nicht zu streng zu urtheilen, so möchte ich fast sagen, daß aus diesem Allen eine gewisse Absichtlichkeit, ein gewisses zweideutiges Wesen spricht. Doch ich will jeden schmerzlichen Gedanken zu verbannen suchen, und nur an das denken, was mich beglückt, an Deine aufopfernde, treue Schwesterliebe, meine theuerste Lizzy! und an die stets gleichbleibende Güte meines Onkels und meiner Tante. Laß bald von Dir hören. MiB Bingley erwähnte beiläufig, daß ihr Bruder schwerlich wieder nach Netherfield zurückkehren und wahrscheinlich die Pachtung ganz aufgeben würde. Sprich lieber hiervon nicht gegen die Mutter. Es freut mich, daß die Nachrichten von unsern Freunden aus Hunsford gut lauten. Ich rathe Dir sehr, Charlottens Einladung zu folgen und Sir William zu begleiten. Du wirst Dich gewiß recht wohl dort befinden.«

Dieser Brief erfüllte Elisens Herz mit Betrübniß, aber zugleich auch mit Freude über Johannens endlicher Erkenntniß des Unwerths ihrer vermeintlichen Freundin. Von Bingley hoffte und erwartete sie nichts mehr; ja, sie wünschte selbst eine Erneuerung seiner Aufmerksamkeiten nicht mehr. Ihr Glaube an seine Vortrefflichkeit hatte einen bedeutenden Stoß erlitten; sie konnte seinen Charakter nicht mehr achten und sah seine bevorstehende Verbindung mit Miß Darcy (eingedenk Wickhams Schilderung dieser jungen Dame) für eine wohlverdiente Strafe an.

Unterdessen hatte Mrß. Gardiner nicht versäumt, Elisen an das Versprechen ihr Nachricht über Wickhams ferneres Benehmen zu geben zu erinnern; und die Nichte konnte der Tante befriedigend darauf antworten. Seine anscheinende Vorliebe für Elisen war vorüber, er zollte seine zarten Aufmerksamkeiten einer Andern. Sie hatte sich ihre Unbefangenheit, in so weit zu erhalten gewußt, um diesen Wechsel bemerken, und ihn ihrer Tante ohne Schmerz melden zu können. Ihr Herz war nur leicht berührt gewesen und ihre Eitelkeit flüsterte ihr zu, daß sie unstreitig von ihm erwählt worden wäre, wenn sie Vermögen besessen. Eine unerwartete Erbschaft von zehntausend Pfund war der hauptsächlichste Reiz derjenigen jungen Dame, welcher er jetzt sein Herz zugewendet. Doch zeigte sich Elisabeth bei diesem Fall weniger hellsehend als bei Charlotten, und verzieh ihm den Wunsch, sich durch diese Verbindung einige Unabhängigkeit zu sichern, großmüthig. Nichts konnte natürlicher sein! In der festen Ueberzeugung, daß ihm dieser Entschluß hinsichtlich seiner Vorliebe für sie schwer geworden, war sie sogar im Stande, die Wahl vernünftig zu finden, und ihm von Herzen Glück dazu zu wünschen.

Nachdem sie ihrer Tante alles dieses mitgetheilt, fuhr sie fort –

»Ich bin fest überzeugt, ihn nicht wahrhaft geliebt zu haben: denn wäre dieß der Fall gewesen, würde ich jetzt seinen Namen nicht mit Ruhe aussprechen hören, und ihm nicht alles Gute wünschen können. Aber mein Gefühl für ihn ist nicht allein herzlich geblieben, auch Miß King wird mit unpartheiischen Blicken von mir beurtheilt, und für ein harmloses, gutmüthiges Geschöpf erklärt, gegen welches ich keinen Groll hege. Kitty und Lydia nehmen sich die Sache mehr zu Herzen, als ich. Sie sind noch zu jung und unerfahren in der Welt, um es zu begreifen, daß die hübschen und liebenswürdigen Jungen Männer (wenn sie leben wollen) eben so gut auf Vermögen Rücksicht nehmen müssen, als die häßlichen und unliebenswürdigen.«

Viertes Capitel

Ohne merkwürdige Ereignisse und besondere Vorfälle, nur durch Besuche und keine Feste in Meryton und Longbourn unterbrochen, waren die Monate Januar und Februar verstrichen und der März herangekommen, welcher Zeitpunkt für Elisens Reise nach Hunsford bestimmt war. Sie hatte anfänglich zwar nicht ernstlich an deren Ausführung gedacht; als sie aber gehört, daß Charlotte die Idee mit großer Beharrlichkeit fest hielt, und sich durch ihre Weigerung sehr gekränkt fühlen würde, eingewilligt. Die Entbehrung der Freundin hatte den Wunsch, sie wieder zu sehen, in ihr erregt, und die längere Abwesenheit Herrn Collins Unerträglichkeit etwas gemildert. Ueberdieß gewährte die Reise eine kleine Abwechselung, und sie sehnte sich, die Gesellschaft der stets verstimmten ewig klagenden Mutter, so wie der thörichten Schwestern auf einige Zeit mit einer andern zu vertauschen. Nebenbei stand ihr die große Freude, Johannen auf der Durchreise in London zu sehen, bevor, und je näher der Zeitpunkt heranrückte, desto mehr wuchs ihre Sehnsucht. Nur der Gedanke an den zurückbleibenden Vater trübte ihre Freude: Sie wußte, daß er sie schmerzlich vermissen würde; und wirklich that ihm der Abschied so weh daß er sie aufforderte, ihm zu schreiben, und ihr zu antworten versprach.

Der Abschied von Wickham war ihrerseits ganz freundschaftlich, von seiner Seite noch etwas mehr. Seine gegenwärtige Huldigung ließ ihn nicht vergessen, daß Elisabeth die Erste gewesen, die seine Aufmerksamkeit erregt, die ihm ein williges Ohr geliehen und Mitleid geschenkt, der er gehuldigt, und die Art, wie er ihr Lebewohl sagte, ihr viel Glück und Freude wünschte, sie auf Lady Katharine von Bourgh und alles was sie in Rosings finden würde, aufmerksam machte, überzeugte sie, daß er immer noch ein warmes Interesse an ihrem Schicksal nähme. So schied sie von ihm in dem festen Glauben, daß er, verheirathet oder unverheirathet, in ihren Augen stets das Muster eines liebenswürdigen, angenehmen Mannes bleiben würde.

Früh am andern Morgen trat sie die Reise in Gesellschaft Sir Williams und seiner Tochter Marie, eines gutmüthigen aber ihrem Vater hinsichtlich der Geistesarmuth sehr ähnlichen Mädchens, deren Unterhaltung, keine größere Wirkung als das Gerassel des Wagens auf sie hervorbrachte. So sehr Elisabeth eine absurde Conversation zu würdigen, und sich daran zu ergötzen verstand: so kannte sie Sir William und alles, was er zu sagen hatte, doch zu genau, um etwas Neues, noch nicht Gehörtes in dieser Art erwarten zu können. Die nähern Details seiner Vorstellung in St. James, so wie seiner Erhebung in den Ritterstand wußte sie auswendig, und der enge Raum im Wagen gestattete ihm nicht, seine unermüdliche Höflichkeit in ihrer ganzen Ausdehnung zu zeigen.

Schon gegen Mittag erreichten sie London und fanden Johannen, die ihre Ankunft an einem untern Fenster erwartet hatte, zu ihrem Empfang bereit. Elisabeth blickte ihr nach der ersten herzlichen Begrüssung forschend ins Gesicht, und freute sich ihres heitern, blühenden Aussehens. Auf der Treppe begegnete ihnen ein Trupp rothwangiger Knaben und Mädchen, deren Neugier, die andre Cousine zu sehen, sie nicht länger am Zimmer geduldet hatte. Freude erfüllte das ganze Haus. Der Tag verstrich wie ein glücklicher Augenblick, der Rest des Morgens ward Geschäfften und Einkaufen gewidmet, der Abend dem Theater.

Erst spät gelang es Elisen, zu einer ruhigen Unterredung, mit ihrer Tante zu gelangen, deren Hauptgegenstand Johanne war. Sie erfuhr zu ihrer Betrübniß, daß die Schwester, trotz aller Anstrengung, die vorige Seelen- und Gemüthsruhe wieder zu erlangen, dennoch oft sehr niedergeschlagen, und nicht immer gleich heiter sei. Doch tröstete sie Mrß. Gardiner mit der Versicherung, daß auch diese kleine Ungleichheit sich bald wieder verlieren, und die frühere Unbefangenheit in ihr Herz zurückkehren würde, indem sie hierzu schon den ersten großen Schritt gethan, und den Umgang mit Bingley's aufgehoben habe. Hierauf neckte die muthtwllige Tante ihre Nichte über Wickhams plötzliche Entweichung, und wünschte ihr Glück, Diesen Verlust so heldenmüthig ertragen zu haben.

»Doch sage mir nur,« fuhr sie fort, »in welcher Art Miß King ist. Es sollte mir in der That sehr leid thun, unsern Freund bloß merkantilische Absichten zutrauen zu müssen.«

»Als Sie vorige Weihnachten bei uns in Longbourn waren, beunruhigte Sie der Gedanke, daß er mich heirathen könnte, welches Unternehmen Sie für unvernünftig erklärten, weil ich arm bin. Und nun nennen Sie ihn merkantilisch, weil er sich um ein Mädchen bemüht, das zehntausend Pfund besitzt. Ist das nicht ungerecht?«

»Ich will ja nur wissen, welche Vorzüge Miß King außer ihren zehntausend Pfund besitzt.«

»Sie ist ein gutes, harmloses Geschöpf, das keinem Menschen etwas zu Leide thut.«

»Und er zeichnete sie nicht eher aus, bis sie durch ihres Großvaters Tod in Besitz dieses Vermögens gelangte?«

»Weshalb hätte er es auch früher thun sollen? Wenn ihm nicht gestattet wurde, sich ernstlich um mich zu bewerben, weil ich arm war, sehe ich auch nicht ein, weshalb er nöthig gehabt, sich um Miß King zu bemühen, so lange sie ebenfalls nichts hatte.«

»Aber sich ihr sogleich nach einem solchen Vorfall huldigend zu nähern, erscheint mir doch etwas unzart.«

»Ein Mann in schlechten Vermögensumständen hat nicht so viel Zeit, alle jene kleinen, eleganten Decorums zu beobachten, die von wohlhabenden Männern geheischt werden. Und wenn Miß King keinen Anstoß daran genommen, warum sollten wir es thun?«

»
Ihr Nichtachten dieses Umstandes rechtfertigt
ihn nicht. Es beweißt höchstens ihren Mangel an Gefühl und Verstand.«

»Erklären Sie sich die Sache, wie Sie Lust haben, liebste Tante! Meinetwegen mögen Sie ihn merkantilisch und sie einfältig nennen.«

»Nein, Lizzy! so streng will ich nicht urtheilen. Im Gegentheil sollte es mir sehr leid thun, schlecht von einem jungen Mann denken zu müssen, der so lange in Derbyshire gelebt hat.«

»Wenn das sein größter Vorzug ist, bedauere ich ihn sehr. Ich habe eine äußerst geringe Meinung, sowohl von den jungen Männern aus Derbyshire, als auch von ihren in Hertfordshire lebenden Freunden. Dem Himmel sei gedankt, daß ich morgen einem Mann entgegen gehe, der auch keine einzige angenehme Eigenschaft besitzt, und sich weder durch äußere noch durch innere Vorzüge auszeichnet. Dumme Männer sind die einzigen, deren Bekanntschaft sich im Leben noch der Mühe verlohnt!«

»Lizzy, Lizzy! Nimm Dich in Acht! Diese bittre Aeußerung macht Dich verdächtig – sie zeugt von getäuschter Erwartung.

Elisabeth widerlegte Mrß. Gardiners Verdacht durch ein herzliches Lachen, und somit schloß die Unterhaltung. Am selben Abend stand ihr noch die unerwartete Freude bevor, die Einladung zu erhalten, Onkel und Tante nächsten Sommer auf einer Reise zu begleiten. Wie weit sich dieselbe erstrecken sollte, war noch nicht bestimmt, jedoch ging der Plan bis zu den nördlich gelegenen Landseen,

»Geliebteste Tante!« rief Elisabeth voll Entzücken – »welch eine Aussicht auf Seligkeit und Sonne! Sie erfüllt mich mit neuem Leben und neuer Kraft. Fahre hin, getäuschte Hoffnung, trüber Sinn! Was sind die Männer im Vergleich mit Berg und Fels? Wie viel schöne, reiche Stunden stehen mir bevor! Wie wollen wir genießen und einsammeln! nicht nur oberflächlich sehen und hören, wie es die meisten Reisenden thun. Und wenn wir dann glücklich zurückgekehrt sind mit einem reichen Schatz der Erinnerung, Seen, Berge, Thäler und Flüsse noch klar und deutlich vor unsrer Fantasie – dann wollen wir allen denen, die uns nur im Geiste begleiten konnten, ein treues Bild der genossenen Herrlichkeiten entwerfen!«

Fünftes Capitel

Am folgenden Morgen setzten die Reisenden ihren Weg weiter fort, und alle Gegenstände erschienen Elisen jetzt neu und anziehend. Sie befand sich in der heitersten Stimmung, denn sie hatte ihre Schwester besser gefunden als sie gehofft, und die Aussicht auf die schöne Sommerreise erfüllte ihr Gemüth mit freudiger Erwartung.

Jetzt wandte sich der Wagen von der Landstraße ab, und jedes Auge war von Sehnsucht vorwärts gerichtet, die Pfarrwohnung zu entdecken. Der Park von Rosings trat ihnen zuerst entgegen, und Elisabeth lächelte in der Erinnerung alles dessen, was sie von den Bewohnern dieser Besitzung gehört hatte. Endlich erblickten sie das, mitten im Garten stehende Pfarrhaus, und Herrn Collins nebst Charlotten in der offnen Thür, ihre Gäste zu empfangen. Letztere äußerte eine so lebhafte Freude, Elisen wieder zu sehen, daß sie des Vetters Förmlichkeit im ersten Augenblick darüber vergaß. Doch wurde es ihr bald klar, daß er sich seit seiner Verheirathung noch nicht verändert hatte, und noch eben so unerträglich wie vorher war. Er hielt sie an der Thür mit Erkundigungen nach dem Befinden eines jeden einzelnen Familiengliedes auf, und bewillkommte sie, nachdem sie das Zimmer erreicht, nochmals mit pomphafter Förmlichkeit und gebührenden Danksagungen, daß sie seine demüthige Wohnung mit ihrem Besuch beehrt.

Elisabeth hatte sich darauf vorbereitet, ihn in seiner ganzen Glorie zu sehen, und fand sich jetzt nicht getäuscht. An sie wandte er sich hauptsächlich mit Lob und Preis seines Glückes; ihr zeigte er die Vorzüge und Bequemlichkeiten seines Hauses, und machte sie auf alle Vortheile seiner Lage aufmerksam. Aber kein Seufzer, ein solches Glück muthwillig verscherzt zu haben, entwand sich ihrer Brust; und wenn sie gleich Wohnung und Einrichtung hübsch und zierlich fand, konnte sie doch nicht umhin, ihre Freundin voll Erstaunen, über die Möglichkeit mit diesen Gefährten zu leben, zu betrachten. Unwillkührlich richtete sie ihre Blicke auf Charlotten, wenn Collins, was nicht selten geschah, etwas Albernes sagte. Einige Mal glaubte sie ein leichtes Erröthen bei ihr wahrzunehmen; gewöhnlich aber that sie klüglich, als hörte sie nichts.

Nachdem die Reisenden sich gehörig ausgeruht, jedes im Zimmer befindliche Stück Möbel sattsam bewundert, und genauen Bericht von ihrer Reise und dem Aufenthalt in London abgestattet, forderte Herr Collins sie auf, nun auch den Garten in Augenschein zu nehmen, an dessen Bearbeitung er selbst thätigen Antheil nahm. Er erklärte dieses Geschäfft für eine seiner größten Freuden, und Elisabeth bewunderte Charlottens Fassung, mit welcher sie solche Leibesübung als der Gesundheit förderlich rühmte. Der Garten ward nun in allen Richtungen durchstrichen, auf jeden merkwürdigen Punkt, auf jede Baumgruppe aufmerksam gemacht. Doch keine Aussicht in der ganzen Grafschaft, ja selbst im ganzen Königreich war zu vergleichen mit dem, durch Aushauung einiger Bäume erlangten Blick auf Rosings. Es war ein hübsches, modernes, auf einer Anhöhe errichtetes Gebäude.

Aus dem Garten wollte Herr Collins seine Gäste nun auch hinaus auf seine beiden Wiesen führen; da aber die Damen nicht mit dem gehörigen Fußwert versehen waren, um dem aufgezogenen Frost damit Trotz bieten zu können, mußte er sich mit Sir Williams Begleitung begnügen, während Charlotte die Schwester und Freundin im Hause herum führte. Dieses war zwar klein, aber so bequem und geschmackvoll eingerichtet, daß Elise Charlottens Wert darin erkannte. Ohne Collins lästige Gesellschaft würde sie selbst den Aufenthalt darin angenehm gefunden haben, und Charlottens Heiterkeit bewies, daß sie seine Nähe manchmal zu vergessen im Stande sei.

Von Lady Katharinens Anwesenheit in Rosings hatte Collins seine Gäste gleich beim Empfang unterrichtet; während des Mittagessens nahm er den Gegenstand wieder auf und versicherte Elisen, daß sie nächsten Sonntag in der Kirche Gelegenheit haben würde, diese unvergleichliche Dame kennen zu lernen, deren Herablassung und Freundlichkeit alles überträfe, was man je in dieser Art gesehen.

»Ihr Benehmen gegen meine theure Charlotte,« sagte er, »ist wahrhaft huldreich. Wir speisen regelmäßig zwei Mal die Woche in Rosings und werden jedes Mal in einer ihrer Equipagen nach Hause gefahren. Auch bezweifle ich nicht, daß wir nächstens eine Einladung zum Thee, mit Einschluß unsrer lieben Gäste, erhalten werden.«

»Lady Katharine ist in der That eine sehr achtenswerthe, verständige Dame, und eine sehr aufmerksame Nachbarin,« fügte Charlotte hinzu.

Der Rest des Abends ward mit Gesprächen über Hertfordshire und allen daselbst vorgefallenen Neuigkeiten ausgefüllt, und erst in der Einsamkeit ihres eignen Zimmers fand Elisabeth Muße, über alles Gehörte und Geschehene nachzudenken, und daraus auf die Freuden und Langweiligkeiten ihres Aufenthaltes in Hunsford zu schließen.

Am folgenden Morgen, als sie eben in ihr Zimmer gegangen war, sich zu einem Spaziergange zu rüsten, hörte sie unten ein Geräusch und gleich darauf Jemanden die Treppe schnell hinauflaufen und ihren Namen rufen. Sie öffnete die Thür und begegnete Marien, die ihr athemlos zurief – »Kommen Sie schnell herunter, liebste Elise! es giebt unten etwas Merkwürdiges zu sehen.«

Da sie auf ihre Fragen keinen Aufschluß über die zu erwartende Merkwürdigkeit erhielt, eilte Elisabeth ihrem Vorläufer nach und fand einen Phäton mit zwei Damen am Gartenthor halten.

»Und ist dieß alles?« fragte Elisabeth. »Ich glaubte wenigstens sämmtliche kleinen Schweine in dem Garten wühlen zu sehen und nun erblicke ich nur Lady Katharine und ihre Tochter!«

»Die ältliche Dame ist nicht Lady Katharine,« entgegnete Marie, fast erschrocken über den Irrthum, »sondern Mrß. Jenkinson, die bei der Lady lebt. Die Andre aber ist Miß von Bourgh, und diese wollte ich Ihnen eben zeigen. Sehen Sie nur ein Mal, wie klein und mager sie ist! Wer hätte sie sich so vorgestellt!«

Es ist unverantwortlich, Charlotten bei diesem Wind so lange vor der Thür aufzuhalten,« sagte Elisabeth. »Warum kommen sie nicht herein?«

»O, das geschieht sehr selten, wie mir Charlotte gesagt hat. Es ist eine große Vergünstigung, wenn Miß von Bourgh ein Mal aussteigt.«

»Ihr Aeußeres gefällt mir,« sagte Elisabeth, mit andern Ideen beschäfftigt. »Sie sieht kränklich und widerspenstig aus. – Ja, sie paßt für ihn und wird eine würdige Lebensgefährtin für ihn sein.«

Collins und Charlotte standen Beide am Wagen in Unterhaltung mit den Damen begriffen, während Sir William zu Elisens größter Ergötzlichkeit in ernstlicher Betrachtung der vor ihm haltenden Sonnen in der offnen Thüre stand, und jedes Mal, wenn Miß von Bourgh ihre Blicke nach ihm richtete, einen tiefen Bückling machte.

Endlich hatten die Damen nichts mehr zu sagen und fuhren weiter. Collins aber kehrte triumphirend ins Haus zurück und verkündete Elisen und Marien, daß die ganze Gesellschaft auf den folgenden Tag zum Mittagsessen eingeladen sei.

Sechstes Capitel

Der Gedanke, welchen Eindruck die Huld und Gnade seiner hohen Gönnerin, der Anblick ihrer Wohnung, Dienerschaft und übrigen Umgebung auf seine Gäste machen würde, beschäfftigte Herrn Collins seit dem Augenblick der Einladung ausschließend; und am andern Morgen beim Frühstück war nur von diesem einen Gegenstand die Rede. Er bemühte sich, sie auf den Glanz der Zimmer, auf die reichgekleideten Bedienten und auf das splendide Mittagsmahl vorzubereiten, damit sie alles würdig erkennen, und nicht dadurch aus der Fassung gebracht werden möchten. Und als die Damen sich entfernten, um Toilette zu machen, sagte er zu Elisen:

»Liebste Cousine, beunruhigen Sie sich nicht wegen Ihres Anzugs. Lady Katharine ist weit davon entfernt, von ihren Untergebenen dieselbe Pracht und Eleganz der Kleidung zu erwarten, die ihr und ihrer Tochter zukommt. Ich rathe Ihnen nur, das Beste anzuziehen, was Sie mit hergebracht, und sich übrigens keine Sorge zu machen. Lady Katharine wird nicht geringer von Ihnen denken, weil Sie einfach gekleidet sind. Im Gegentheil, sie liebt es, den Rang auch im Aeußern ausgedrückt zu sehen.«

Während des Anziehens kam er mehrere Mal an ihre Thüren, um sie zur Eile zu ermahnen, indem Lady Katharine nicht gewöhnt sei, auch nur einen Augenblick später zu essen, Alle diese wichtigen Vorbereitungen, und ehrfurchtsvollen Rücksichten versetzten die arme, nicht sehr an vornehme Gesellschaft gewohnte Marie Lukas in eine solche Furcht, daß sie dem ersten Besuch in Rosings mit nicht geringerer Angst entgegenging, als ihr Vater seiner Vorstellung in St. James.

Das Wetter war schön, und Collins führte seine Gäste durch den Park, der wie jeder andre Park Schönheiten und herrliche Punkte enthielt, dennoch aber auf Elisen nicht den eminenten Eindruck machte, den ihr Vetter vorausgesetzt.

Jetzt stiegen sie die Treppen zum Vorzimmer hinan. Mariens Angst nahm mit jedem Augenblick zu, und selbst Sir William, der Hofmann, schien nicht ganz ruhig zu sein. Elisabeths Muth verließ sie nicht. Sie hatte nichts Außerordentliches von Lady Katharinens Talenten, Kenntnissen oder Tugenden gehört, und Rang und Reichthum waren nicht hinreichend, ihr Ehrfurcht einzuflößen.

Durch das Vorzimmer, in welchem Collins nicht versäumte, die Fremden mit entzückten Blicken auf alle Schönheiten aufmerksam zu machen, folgten sie den Dienern noch durch mehrere andere Gemächer bis in das innerste Heiligthum, woselbst sich Lady Katharine mit ihrer Tochter und Mrß. Jenkinson befand. – Ihro Herrlichkeit erhob sich, ihre Gäste zu empfangen, und da sich Charlotte im Voraus das Geschäfft des Vorstellens ausbedungen, ging diese erste Ceremonie ohne Weitläuftigkeit ab. – Trotz der so oft erwähnten Vorstellung in St. James fühlte sich Sir William durch die ihn umgebende Größe dennoch so niedergedrückt, daß er keines Wortes mächtig war und nur mit einem unendlich tiefen Bückling den ihm angewiesenen Platz einnahm, während Marie, ihrer Sinne kaum bewußt, sich auf die Ecke eines Stuhls niederließ und nicht wußte, wohin sie ihre Blicke richten sollte. Elisabeth fühlte nichts von diesem allen, und hatte Ruhe und Muße genug, das Kleeblatt zu beobachten.

Lady Katharine war eine große, schlanke Frau mit starken Gesichtszügen, die früher wohl ein Mal schön gewesen sein konnten. Ihr Wesen war nicht einnehmend, und die Art und Weise, ihre Gäste zu empfangen, nicht von der Beschaffenheit, ihnen ihren geringern Rang vergessen zu machen. Sie imponirte nicht durch Schweigen, wohl aber durch den absprechenden Ton, wodurch sie ihr Selbstgefühl deutlich an den Tag legte. Elise gedachte augenblicklich Wickhams Schilderung und fand im Verlauf des Tages noch öfterer Gelegenheit, die Treue derselben zu erkennen. Nachdem sie die Mutter genau betrachtet, und sowohl im Gesicht als auch in der stolzen Haltung einige Aehnlichkeit mit Darcy entdeckt hatte, wandte sie ihre Blicke auf die Tochter und stimmte beinah in Mariens Erstaunen über ihre Kleinheit und Magerkeit ein. Sie hatte weder ihrer Mutter Ausdruck noch Gestalt. Ohne gerade häßlich zu sein, waren ihre Züge höchst unbedeutend; sie sprach sehr wenig, und das Wenige nur im leisen Ton zu Mrß. Jenkinson, die einzig und allein für sie da zu sein schien, nur auf ihre Worte lauschte und stets bemüht war, den Lichtschirm in der gehörigen Richtung zu stellen.

Jetzt wurde gemeldet, daß das Mittagsmahl aufgetragen sei, und Elisabeth fand alles so, wie es Herr Collins vorausgesagt. Er erhielt seinen Platz, wie er ebenfalls prophezeit, neben Ihrer Herrlichkeit am obern Ende der Tafel, und sah so glücklich und zufrieden aus, als ob ihm das Leben nichts herrlicheres bieten könnte. Er aß und trank und lobte mit ergötzlicher Heiterkeit; und jede Schüssel ward erst von ihm, und dann von Sir William, welcher sich endlich so weit erholt hatte, alles, was sein Schwiegersohn sagte, zu wiederholen, auf eine Weise gepriesen, die Elise mit Verwundrung erfüllte. Sie begriff nicht, wie Lady Katharine eine solche Unterhaltung, ein so übertriebenes Lob, solche grobe Schmeicheleien ertragen konnte. Aber sie schien erfreut durch die unmäßige Bewundrung, und lächelte höchst wohlgefällig, besonders wenn irgend ein Gericht den Herrn neu war und Collins Erstaunen steigerte. Die übrige Gesellschaft nahm wenig Theil an der Unterhaltung: Elisabeth war zwar bereit zum Sprechen, fand jedoch keine Gelegenheit hierzu, indem sie zwischen Charlotten und Miß von Bourgh saß, welche Erstere beschäfftigt war, Lady Katharine anzuhören, und Letztere während der ganzen Mahlzeit gar nicht sprach. Mrß. Jenkinson bewachte ihres Pfleglings Bewegungen, nöthigte denselben zum Essen, und pries bald dieses bald jenes Gericht. Marie dachte nicht daran, etwas zu sagen, und die Herrn hatten nur Zeit zu essen und zu bewundern.

Nach aufgehobener Tafel, als die Damen sich wieder in Lady Katharinens Wohnzimmer versammelt, blieb ihnen nichts zu thun übrig, als dieser Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sprach, bis der Kaffee gebracht wurde, ohne Aufhören, und äußerte ihre Meinung auf eine so bestimmte Weise, daß man deutlich sah, wie wenig Widerspruch sie gewohnt sein mochte. Charlottens häusliche Angelegenheiten schienen sie sehr zu interessiren; sie ging in die Details ein und ließ sich so weit herab, ihr ihren Rath selbst bei den unbedeutendsten Kleinigkeiten zu ertheilen. In den Zwischenräumen des Gesprächs richtete sie eine Menge Fragen an Marien und Elisen, hauptsächlich aber an Letztere, von deren Verhältnissen sie am wenigsten wußte, und die sie für ein sehr wohlgezogenes, artiges Mädchen erklärte. Sie erkundigte sich, wie viel Schwestern sie noch habe, ob sie jünger oder älter wie sie selbst, ob sie hübsch oder häßlich, verheirathet oder versprochen, woselbst sie erzogen, ob ihr Vater Equipage halte, und welches der Familienname ihrer Mutter sei? – Elisabeth fühlte das Unverschämte dieser Fragen, beantwortete sie jedoch mit der höchsten Gemüthsruhe. – Lady Katharine fuhr fort –

»Ihres Vaters Gut wird einst Herrn Collins zufallen, nicht wahr? Ihretwegen (zu Charlotten gewendet) freue ich mich darüber; sonst sehe ich keinen Grund, weshalb die weiblichen Glieder einer Familie von der Erbschaft des väterlichen Guts ausgeschlossen werden. In unsrer Familie ist dieser Gebrauch nicht eingeführt. – Singen und spielen Sie, Miß Bennet?«

»Etwas.«

»O, dann wird es mich freuen, Sie zu hören. Wir besitzen ein sehr vorzügliches Instrument, was Sie gelegentlich versuchen können. Sind Ihre Schwestern alle musikalisch?«.

»Nur eine von ihnen.«

»Warum nichts alle? Miß Webbs spielen alle, obgleich ihr Vater keine so gute Einnahme hat als Herr Bennet. Zeichnen Sie?«

»Nein, gar nicht.«

»Keine von ihnen?«

»Nein.

»Das ist sehr sonderbar. Aber ich vermuthe, Sie hatten keine Gelegenheit, es zu lernen. Ihre Mutter hätte Sie jedes Frühjahr in die Stadt schicken müssen, um Ihnen dort die besten Lehrer zu verschaffen.«

»Meine Mutter würde nichts dagegen eins zuwenden gehabt haben, aber mein Vater haßt London.«

»Haben Sie noch eine Gouvernante im Hause?«

»Wir hatten nie eine.«

»Keine Gouvernante! Wie ist das möglich? Fünf Tochter auf dem Lande erzogen ohne Gouvernante! Das ist unbegreiflich. Da muß sich Ihre Mutter wohl für die Erziehung ihrer Töchter ganz aufgeopfert haben?«

Elisabeth konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie dieser Vermuthung widersprach.

»Aber wer unterrichtete Sie denn? wer hatte die Aufsicht über Sie? Ohne eine Gouvernante müssen Sie ja nothwendig vernachlässigt worden sein.«

»Im Vergleich mit andern Familien sind wir es auch vielleicht; aber denjenigen unter uns, denen es ums Lernen zu thun war, fehlte es nie an Mitteln und Gelegenheit dazu. Wir wurden immer zum Lesen aufgemuntert und hatten stets die nöthigen Lehrer. Diejenigen, welche den Müssiggang vorzogen, mögen vielleicht vernachlässigt sein.«

»Ohne Zweifel, und das hätte eine Gouvernante verhindert. Wäre ich mit Ihrer Mutter bekannt gewesen, würde ich ihr auch gerathen haben, eine solche anzunehmen, indem ich jede Erziehung ohne weibliche Hilfe und Aufsicht für unvollkommen erkläre. Sind einige Ihr er jüngern Schwestern schon in der Welt aufgetreten?«

»Ja, Madam, alle.«

»Alle! – Was, alle fünf auf ein Mal? Sonderbar! – Und Sie sind die zweite! – Die Jüngern im Publikum erschienen, ehe die Aeltern verheirathet sind! – Ihre jüngsten Schwestern müssen ohne Zweifel sehr jung sein?«

»Die Jüngste ist noch nicht 16 Jahre alt – vielleicht
zu jung, um schon in Gesellschaften aufzutreten. Aber ich halte es doch für eine Ungerechtigkeit, den jüngern Kindern ihren Antheil an den öffentlichen Vergnügungen und Gesellschaften zu entziehen, weil es den ältern entweder an Gelegenheit oder Neigung gefehlt, sich früh zu verheirathen. Die zuletzt Gekommenen haben dieselben Ansprüche an den Freuden der Jugend, als die Erstgeborenen. – Und bloß aus solchen Gründen zurückgehalten zu werden, möchte wenig Zartgefühl verrathen, und der schwesterlichen Liebe gewaltigen Abbruch thun.«

»Sie sprechen Ihre Meinung sehr bestimmt aus,« sagte Ihro Herrlichkeit einiger Maaßen erstaunt, »ich hörte noch nie eine so junge Dame in diesem Ton reden. Wie alt sind Sie?«

»Da ich noch drei jüngere erwachsene Schwestern habe,« entgegnete Elisabeth lächelnd, »können Ihro Herrlichkeit nicht erwarten, daß ich mein Alter bekenne.«

Lady Katharine schien mehr denn erstaunt, keine direkte Antwort auf ihre Frage zu erhalten; und Elisabeth fühlte in diesem Augenblick, daß sie vielleicht die Erste sei, die es gewagt, solcher vornehmen Unverschämtheit Trotz zu bieten.

»Sie können nicht wohl älter als zwanzig Jahr sein,« fuhr Lady Katharine fort, »und brauchen deshalb Ihr Alter nicht zu verhehlen.«

»Ich bin noch nicht ein und zwanzig.«

Der Eintritt der Herrn unterbrach das Verhör. Nach eingenommenem Thee wurden die Spieltische arrangirt; Lady Katharine, Sir William, Herr und Mrß. Collins setzten sich zur Quadrille nieder, und da Miß von Bourgh Cassino zu spielen beliebte, hatten die beiden jungen Damen die Ehre, nebst Mrß. Jenkinson ihre Parthie auszufüllen. Etwas Langweiligeres in dieser Art war Elisen noch nie vorgekommen. Außer den zum Spiel gehörigen Worten hörte man nur Mrß. Jenkinson's Besorgnisse über der jungen Miß Gesundheit, und Fragen ob der Lichtschirm sie hinlänglich vor den Lichtstrahlen schütze. Am andern Tisch trug sich mehr zu. Lady Katharine sprach beständig, bald im erzählenden, bald im verweisenden Ton, wenn ihre Mitspieler kleine Fehler begingen. Herr Collins versäumte auch hier nicht, sich unterwürfig zu bezeigen, für jeden gewonnenen Fisch zu danken, und Ihrer Herrlichkeit Meisterschaft im Spiel preisend anzuerkennen. Sir William sagte nicht viel; er war beschäfftigt, sein Gedächtniß mit Anekdoten und vornehmen Namen zu bereichern.

Nachdem Lady Katharine und ihre Tochter lange genug gespielt, wurden die Spieltische aufgehoben, der Wagen angeboten, von Charlotten dankbarlichst angenommen und sogleich bestellt. Die kleine Gesellschaft trat ans Feuer um Lady Katharine herum, welche sich über das morgen zu erwartende Wetter mit vieler Bestimmtheit äußerte. Hierauf empfahl sich Herr Collins mit einer langen Tirade voll Dankes und schöner Worte, Sir William mit unzähligen Verbeugungen, die Damen schweigend. Kaum waren sie in den Wagen gestiegen, als Elisabeth von ihrem Vetter aufgefordert wurde, ihr Urtheil aber alles, was sie in Rosings gesehen und gehört, auszusprechen, welches aus Rücksicht für Charlotten günstiger ausfiel, als es sonst wohl geschehen. Doch selbst dieses, gegen ihre Ueberzeugung ausgesprochene Lob genügte dem entzückten Pfarrherrn nicht, und er sah sich daher genöthigt, das Geschäfft des Lobens und Preisens mit gewohnter Wortfülle selbst zu übernehmen.

Siebentes Capitel

Sir William blieb nur eine Woche in Hunsford; doch war dieser Aufenthalt vollkommen hinreichend, ihn von dem Glück seiner Tochter zu überzeugen, deren eheliche wie nachbarliche Verhältnisse ihm unverbesserlich erschienen. Während seiner Anwesenheit hatte sich Herr Collins ihm hauptsächlich gewidmet, und besonders die Morgenstunden dazu benutzt, den Schwiegervater in seinem Gig auszufahren, um ihm die Schönheiten der Gegend zu zeigen. Jetzt aber kehrte die Familie zu ihren gewöhnlichen Beschäfftigungen zurück, und Elisabeth erkannte es dankbar, daß sie durch diese Veränderung nicht mehr von der Gesellschaft ihres Vetters zu ertragen hatte als vorher. Die Vormittagsstunden zwischen dem Frühstück und Mittagsessen brachte er entweder im Garten arbeitend, oder lesend und schreibend, auch wohl zur Abwechslung zum Fenster hinaus auf die Landstraße schauend, zu.

Das Zimmer der Damen hatte die Aussicht nach dem Hof hinaus, welche Einrichtung Elisen anfänglich auffiel, indem das Eßzimmer nicht allein schöner und größer, sondern auch freundlicher gelegen war. Nachdem sie aber bemerkt, welchen Werth ihr würdiger Vetter auf die größere Frequenz legte, und daß er seine geliebte Charlotte, wenn sie in diesem Zimmer gewohnt, häufiger mit seiner Gesellschaft beehrt haben würde, konnte sie nicht umhin, ihre Klugheit im Stillen zu preisen. Von ihrem Wohnzimmer aus konnte sie weder die Straße noch den Eingang in den Park übersehen, weshalb denn auch Herr Collins nicht versäumte, jedes Mal zu melden, wenn Miß von Bourgh in ihrem Phäton vorbeigefahren. Dann und wann hielt sie vor der Pfarrwohnung an, um sich einige Minuten mit Charlotten zu unterhalten, war jedoch selten zum Aussteigen zu bewegen.

Es verging selten ein Tag, an welchem Herr Collins nicht nach Rosings gegangen wäre, und nicht sehr viele, wo seine Gattin es nicht für nöthig befunden, ihn zu begleiten; so daß Elisabeth, bis sie zu der Erkenntniß gekommen, daß Lady Katharine vielleicht noch einträglichere Stellen zu vergeben haben könnte, das Aufopfern so mancher Stunden nicht recht begreifen konnte. Als eine große Auszeichnung ward es betrachtet, wenn Ihro Herrlichkeit sich zuweilen herabließ, in der demüthigen Pfarrwohnung vorzusprechen. Nichts entging bei solchen kurzen Besuchen ihrer Aufmerksamkeit; sie forschte nach den Arbeiten der Damen, sagte ihnen, wie sie dieses und jenes anders machen mußten, tadelte die Einrichtung des Hauses, und wenn sie sich erbitten ließ, einige Erfrischungen anzunehmen, auch diese.

Das Vergnügen in Rosings zu Mittag zu speisen, wiederholte sich wöchentlich zwei Mal; und abgerechnet den Umstand, daß jetzt nach Sir Williams Abreise nur ein Spieltisch zusammengebracht werden konnte, glichen sich diese Feste wie ein Ei dem andern. Auswärtige Vergnügungen gab es außerdem nur wenige, weil die übrige Nachbarschaft zu fern lebte; doch die beklagte Elisabeth durchaus nicht, da sie ihre Zeit im Ganzen ziemlich angenehm verlebte. Die vertrauliche Unterhaltung mit ihrer Freundin gewährte ihr Freude, und der kommende Frühling lockte sie oft ins Freie. Ihr liebster Spaziergang, den sie meistens immer aufsuchte, während Herr und Mrß. Collins ihre Aufwartung in Rosings machten, war ein entlegener Theil des Parks, wo sie ungesehen und ungestört von Lady Katharinens Neugier lustwandeln und ihren Gedanken nachhängen konnte.

Auf diese ruhige Weise waren die ersten 14 Tage verstrichen. Ostern rückte heran und mit diesem Fest die Aussicht auf einen Zuwachs der Gesellschaft in Rosings, der in einem so kleinen Cirkel nothwendig von großer Wichtigkeit erschien. Elisabeth hatte schon gleich nach ihrer Ankunft in Hunsford gehört, daß Herr Darcy nächstens daselbst erwartet würde, und obgleich es nur wenige Menschen in ihrer Bekanntschaft gab, die sie ihm nicht vorgezogen hätte, versprach sie sich dennoch von seinem Kommen eine kleine Abwechslung in den einförmigen Rosingsparthien. Außerdem hoffte sie durch Beobachtung seines Benehmens gegen Miß von Bourgh, der ihm von Lady Katharinen bestimmten Braut, manche Unterhaltung zu finden, und zugleich die Hoffnungslosigkeit von Miß Bingley's augenscheinlichen Bemühungen nochmals bestätigt zu sehen. Lady Katharine schien sehr erfreut über den verheißenen Besuch; sie sprach mit Ausdrücken der höchsten Bewundrung von diesem Neffen, und konnte es kaum begreifen, daß Elisabeth und Marie schon öfterer das Glück gehabt, ihn zu sehen.

Seine Ankunft ward sehr bald im Pfarrhaus bekannt, indem sich Collins den ganzen Morgen in der Gegend des Parks aufgehalten hatte, um die erste Nachricht von dieser außerordentlichen Begebenheit zu erhalten und seinen Damen zu bringen. Am folgenden Morgen eilte er nach Rosings, seine schuldige Aufwartung zu machen, und fand daselbst noch einen zweiten Neffen Ihrer Herrlichkeit, welchen Darcy mitgebracht, Oberst Fitzwilliam, den jüngern Sohn seines Onkels, Lord ***. Nachdem er auch diesen die ihm gebührende Ehrfurcht erwiesen und sich zum Aufbruch gerüstet hatte, äußerten die Herrn, zu Lady Katharinens größtem Erstaunen, den Wunsch, ihn nach Hause zu begleiten, um die Damen zu begrüssen. Charlotte, die aus ihres Mannes Zimmer das Kleeblatt ankommen gesehen, lief eiligst in das ihrige zurück und verkündete den beiden Mädchen die ihnen bevorstehende Ehre.

»Diese Höflichkeit habe ich einzig und allein Elisen zu verdanken,« sagte sie lachend. »Es würde Herrn Darcy gewiß nicht eingefallen sein, mir seinen Besuch so bald zu machen.«

Ehe Elisabeth noch Zeit hatte, ihren Antheil daran abzulehnen, verkündete das Klingeln der Hausthür die Ankunft der Herrn.

Oberst Fitzwilliam, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, nicht hübsch, aber in Anstand und Haltung den Gentleman verrathend, führte den Zug an. Darcy sah noch eben so aus, wie er in Hertfordshire auszusehen pflegte; er begrüßte Mrß. Collins mit seiner gewöhnlichen Zurückhaltung und deren Freundin mit dem Anschein der höchsten Ruhe. Elisabeth erwiederte seinen Gruß nur durch eine schweigende Verbeugung.

Oberst Fitzwilliam begann sogleich mit der Leichtigkeit und Gewandtheit des Weltmanns eine Unterhaltung anzuknüpfen; sein Vetter aber verfiel, nachdem er eine Bemerkung über das Haus und den Garten gemacht, in seine bekannte Schweigsamkeit und saß eine geraume Zeit, ohne den Mund zu öffnen. Endlich erwachte seine Höflichkeit, und er wandte sich an Elisen mit der Frage nach dem Befinden ihrer Familie, worauf sie ganz kurz antwortete und gleich darauf hinzufügte:

»Meine älteste Schwester ist jetzt drei Monate in der Stadt gewesen. Haben Sie sie nicht zufällig dort gesehen?«

Obgleich fest überzeugt, daß dieß nicht der Fall gewesen, konnte sie die Frage doch nicht unterlassen, um zu sehen, ob er von dem, was zwischen Bingley's und Johannen vorgefallen, unterrichtet war. Seine Antwort, daß er nicht das Glück gehabt, Miß Bennet dort zu treffen, erschien ihr etwas befangen; sie ließ jedoch das Gespräch fallen, worauf die Herren sich sehr bald empfahlen.

Achtes Capitel

Oberst Fitzwilliams Liebenswürdigkeit fand vollkommene Anerkennung in der Pfarrwohnung, und die Damen freuten sich des angenehmen Zuwachses der Gesellschaft in Rosings. Es verstrichen indessen mehrere Tage, ohne daß sie eine Einladung dorthin erhalten hätten; (ein Zeichen, daß sie sonst nur in Ermangelung besserer Gesellschaft geheischt wurden) und erst am Osterfeiertag, beinah eine Woche nach der Ankunft der Neffen, erfolgte beim Herausgehen aus der Kirche eine Einladung, den Nachmittag nach Rosings zu kommen. Lady Katharine und ihre Tochter hatten sich während dieser Zeit gar nicht sehen lassen, so wie auch Darcy; Fitzwilliam hingegen war mehrere Mal im Pfarrhause gewesen.

Die Gesellschaft stellte sich zur bestimmten Stunde ein und ward von Lady Katharine zwar sehr höflich empfangen, doch nicht so herablassend wie sonst. Man merkte, daß sie jetzt nicht allein auf den Umgang mit ihrem Geistlichen und dessen Familie reducirt war, und sie unterhielt sich weit mehr mit den jungen Männern, besonders mit Darcy, als mit Herrn Collins oder den Damen.

Oberst Fitzwilliam schien sehr erfreut, sie zu sehen, jede Abwechselung war ihm in Rosings erwünscht, und Elisabeth hatte ihm gleich anfangs außerordentlich gut gefallen. Er setzte sich jetzt zu ihr und unterhielt sie so angenehm von Kent und Hertfordshire, von seinen Reisen, von neuen Büchern und Musik, daß Elisabeth sich selbst gestehen mußte, in diesen Zimmern noch nie so gut unterhalten worden zu sein; und das Gespräch wurde so lebhaft geführt, daß es nicht allein Lady Katharinens, sondern auch Herrn Darcy's Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hatte Elisen schon eine längere Zeit beobachtet und ihre Bewegungen mit einer gewissen Neugier verfolgt, ohne es jedoch zu wagen, sich unberufen in die Unterhaltung zu mischen. Lady Katharine hingegen kannte solche zarte Rücksichten nicht und rief, nachdem sie sich vergebens bemüht, aus der Ferne Antheil zu nehmen:

»Wovon ist die Rede, Fitzwilliam? Was erzählen Sie Miß Bennet? Lassen Sie mich es auch hören.«

»Wir sprachen von Musik, Madame,« sagte er, nicht länger im Stande, einer Antwort auszuweichen.

»Von Musik! dann muß ich bitten, laut zu sprechen – es ist mein liebstes Thema. Es giebt gewiß nur wenig Menschen in England, die so viel Freude an der Musik haben, und zu gleicher Zeit so vielen natürlichen Geschmack verrathen, als ich. Hätte ich mich früher damit beschäfftigt, würde ich ohne Zweifel einen hohen Grad von Virtuosität erreicht haben, so wie auch Anna, wenn es ihre Gesundheit gestattet hätte. Wie geht es in diesem Punkt mit Georginen, lieber Darcy?«

Er freute sich, versichern zu können, daß seine Schwester bedeutende Fortschritte gemacht.

»Das ist mir lieb zu hören;« fuhr Lady Katharine fort. »Sagen Sie ihr von mir, daß sie in diesem Punkt nicht zu viel thun könne, und daß ich ihr den Rath gebe, sich fleißig zu üben.«

»Ich kann versichern, Madam,« entgegnete er kalt, »daß sie eines solchen Raths nicht bedarf und ohne denselben aus freiem Antrieb sehr fleißig in der Musik ist.«

»Desto besser. Man kann hierin nicht zu viel thun. Ich werde es ihr nächstens selbst schreiben, daß ohne anhaltenden Fleiß keine Meisterschaft in der Musik zu erlangen ist. Miß Bennet habe ich schon mehrere Mal versichert, daß sie es auf dem Clavier nie weit bringen wird aus Mangel an Uebung. Nun fehlt es ihr freilich bei Herrn Collins an einem Instrument; doch habe ich ihr schon oft gesagt, daß sie jeden Tag nach Rosings kommen kann, sich dort zu üben. In Mrß. Jenkinson's Zimmer steht ein Instrument, und in diesem Theil des Hauses ist sie keinem Menschen in Wege.«

Darcy blickte beschämt über seiner Tante Unart nach einer andern Richtung und antwortete nicht.

Nach eingenommenem Kaffee erinnerte Fitzwilliam Elisen an ihr Versprechen, ihm etwas vorzuspielen. Sie setzte sich ans Clavier, und er rückte seinen Stuhl näher heran. Lady Katharine hörte einige Minuten zu, fuhr dann aber mit ihrem andern Neffen zu sprechen fort, bis dieser sich auch dem Instrumente näherte und seinen Platz so nahm, daß er der anmuthigen Spielerin gerade ins Angesicht schauen konnte. Elisabeth bemerkte es und wandte sich mit einem schlauen Lächeln zu ihm:

»Sie versuchen mich durch Ihr aufmerksames Zuhören aus der Fassung zu bringen, Herr Darcy; aber es wird Ihnen nicht gelingen. Es ist eine gewisse Hartnäckigkeit in mir, die sich alle Mal widersetzt, wenn ich bei andern den Willen, mich zu intimidiren, bemerke. In solchen Fällen nimmt mein Muth eher zu, als ab.«

»Ich sollte Ihnen eigentlich nicht widersprechen, wenn Sie mir solche bösliche Absichten zutrauen, indem ich, seit ich die Ehre habe Sie zu kennen, bereits oft zu bemerken Gelegenheit fand, daß es Ihnen Vergnügen macht, Meinungen auszusprechen, die im Grunde nicht die Ihrigen sind.«

Elisabeth lachte über diese Schilderung ihrer selbst und sagte zu Fitzwilliam: »Ihr Vetter wird Ihnen eine vortreffliche Beschreibung von mir liefern und Ihnen rathen, nicht ein Wort von dem, was ich sage, zu glauben. Ich betrachte es als einen unglücklichen Umstand in diesem Theil der Welt, wo ich hoffen konnte, mich in den besten Credit zu setzen, mit einem Manne zusammen zu treffen, der aus alter Bekanntschaft im Stande ist, meinen wahren Charakter zu entwickeln. In der That, Herr Darcy, es ist nicht edel von Ihnen gehandelt, alles zu berichten, was Sie Nachtheiliges von mir aus Hertfordshire wissen – und unhöflich dazu. Auch möchte mich ein solches Verfahren reizen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, bei welcher Gelegenheit Dinge an den Tag kommen könnten, die Ihre Verwandten nicht ohne Entsetzen anhören würden.«

»Ich fürchte Ihre Anklagen nicht,« sagte er lächelnd.

»Lassen Sie hören, welcher Unthaten er beschuldigt werden kann,« rief Oberst Fitzwilliam. »Ich brenne vor Begierde zu erfahren, wie er sich unter Fremden benimmt.«

»Sie sollen alles wissen – aber bereiten Sie sich auf etwas Schreckliches vor. Unser erstes Zusammentreffen war auf einem Ball – und was glauben Sie wohl, was er auf diesem Ball that? Er tanzte nicht mehr als vier Tänze! Es thut mir leid; solche unglaubliche Dinge berichten zu müssen; aber er tanzte wirklich nur vier Tänze, obgleich es sehr an Tänzern fehlte, und mehr wie eine junge Dame in Erwartung eines solchen da saß. Herr Darcy, können Sie es läugnen?«

»Ich hatte damals noch nicht die Ehre, mit irgend einer andern Dame außer meiner Gesellschaft bekannt zu sein.«

»Sehr richtig, und in einem Ballsaal giebt es auch keine Gelegenheit, sich den Tänzerinnen vorstellen zu lassen. Oberst Fitzwilliam, was soll ich nun spielen? Meine Finger erwarten Ihre Befehle.«

Vielleicht,« sagte Darcy, »würde ich milder beurtheilt worden sein, wenn ich Bekanntschaften zu machen gesucht; aber ich habe nicht die Gabe, mich bei Fremden zu empfehlen.«

»Sollten wir Ihren Herrn Vetter um die Ursache befragen?« sagte Elisabeth, sich fortwährend an Fitzwilliam wendend. »Sollen wir ihn fragen: weshalb ein gebildeter, wohlgezogener Mann, welcher lange genug in der großen Welt gelebt, sich nicht bei Fremden empfehlen kann?«

»Diese Frage kann ich Ihnen ohne seine Hülfe beantworten. Weil er es nicht will, und es meistens nicht der Mühe werth hält.«

»Mir geht,« sagte Darcy, »allerdings das Talent gewisser Personen ab, mich mit Leichtigkeit mit Menschen zu unterhalten, die ich nie vorher gesehen. Ich kann mich nicht gleich in Jedermanns Ton finden, oder mich für seine Angelegenheiten zu interessiren scheinen, wie ich so viele thun sehe.«

»Meine Finger,« sagte Elisabeth, »behandeln dieses Instrument nicht so meisterhaft, wie so manche andre junge Damen. Sie haben nicht dieselbe Kraft und Fertigkeit, verstehen auch nicht den Tönen den rechten Ausdruck zu geben; aber dieses mangelhafte Spiel betrachte ich nur als eigne Schuld, als Folge versäumter Uebung, und glaube nicht, daß meine Finger unfähiger als andre sind, eine gewisse Virtuosität zu erlangen.«

Darcy erwiederte lächelnd: »Sie haben Recht. Sie haben Ihre Zeit besser angewendet. Wer das Glück hat, Ihnen zuzuhören, wird sicher nichts vermissen.«

Er schien noch mehr sagen zu wollen, ward aber durch Lady Katharine unterbrochen, welche laut nach dem Gegenstand ihrer Unterhaltung fragte. Elisabeth begann wieder zu spielen und Ihro Herrlichkeit sagte zu Darcy, nachdem sie einige Minuten zugehört:

»Miß Bennet würde ungleich besser spielen, wenn sie sich mehr übte und einen guten Londoner Lehrer haben könnte. Ihre Fingersatzung ist nicht übel, obgleich sie hinsichtlich des Geschmacks und Vortrags Annen weit nachsteht. Diese wäre gewiß eine ausgezeichnete Clavierspielerin geworden, wenn ihre Gesundheit ihr gestattet hätte fortzufahren.«

Elisabeth warf einen Blick auf Darcy, um den Eindruck zu sehen, den das freigebige mütterliche Lob seiner Braut auf ihn gemacht; aber er verrieth weder bei dieser, noch bei irgend einer andern Veranlassung das geringste Zeichen von Liebe; und aus seinem ganzen Benehmen gegen Miß von Bourgh schöpfte sie für Miß Bingley den Trost, daß er sie, wenn sie seine Verwandte gewesen, eben so gern oder ungern heirathen würde, als seine Cousine Anne.

Lady Katharine fuhr fort, Bemerkungen über Elisens Spiel zu machen, und sie mit manchen guten Lehren in Betreff des Ausdrucks und Vortrags zu beehren, die sie mit höflicher Nachsicht ertrug. Auf Bitten der beiden Herrn blieb sie am Flügel sitzen, bis der Wagen die Gesellschaft nach Hunsford führte.

Neuntes Capitel

Als Elisabeth am folgenden Morgen, während Mrß. Collins und Marie einen Geschäfftsgang im Dorf machten, an Johannen schreibend ganz allein zu Hause war, verkündete ein Klingeln an der Thür Besuch. Aus Furcht, von Lady Katharine überrascht zu werden und deren indiscrete Fragen aushalten zu müssen, verbarg sie ihren halbbeendeten Brief, als die Thür aufging und zu ihrem großen Erstaunen Herr Darcy allein hereintrat.

Er schien selbst verwundert, sie allein zu finden, und entschuldigte sein Kommen durch die Versicherung, daß er geglaubt, sämmtliche Damen zu Hause zu treffen. Hierauf nahm er Platz, und nachdem Elise die gewöhnlichen Fragen nach dem Befinden der Bewohner von Rosings gethan, die er auf seine bekannte lakonische Manier beantwortete, schien eine gänzliche Stille eintreten zu wollen. Diesem Unglück vorzubeugen, sann Elise auf einen Gegenstand der Unterhaltung; sie gedachte ihres letzten Zusammentreffens in Hertfordshire und neugierig zu erfahren, was er über die schnelle Abreise der Netherfielder Gesellschaft sagen würde, begann sie:

»Sie verließen Netherfield im November vorigen Jahrs sehr plötzlich, Herr Darcy. Es muß für Herrn Bingley eine angenehme Ueberraschung gewesen sein, Sie und seine Schwestern so bald in London zu sehen, wohin er, wie ich mich erinnere, selbst erst den Tag vorher abgegangen war. Ich hoffe, Sie verließen ihn und die Seinigen wohl?«

»Ganz wohl.«

Da sie keine andre Antwort zu erwarten hatte, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort:

»Wie ich gehört habe, gedenkt Herr Bingley nicht wieder nach Netherfield zurück zu kehren.«

»Er sprach diesen Vorsatz nie gegen mich aus; doch ist es nicht wahrscheinlich, daß er eine längere Zeit dort zubringen wird. Er hat so viele Freunde in der Stadt, und ist in einem Alter, wo man täglich neue Freundschaften und Verbindungen schließt.«

»Wenn er wirklich nicht die Absicht hat, nach Netherfield zurückzukehren, würde es für die Nachbarschaft besser sein, die Pachtung ganz aufzugeben, damit wir die Freude hätten, eine ansässige Familie dorthin zu bekommen. Aber es ist freilich auch nicht von Herrn Bingley zu erwarten, daß er solche Rücksichten nehmen sollte.«.

»Ich glaube, daß er nicht abgeneigt ist, die Pachtung wieder aufzugeben, sobald es unter annehmlichen Bedingungen geschehen kann,« entgegnete Darcy.

Elisabeth schwieg. Sie wagte nichts mehr über seinen Freund zu sagen, und da sie keinen andern Gegenstand wußte, überließ sie ihm die Mühe, einen aufzufinden.

Er verstand den Wink und begann: »Dieß scheint ein sehr bequemes Haus. Ich glaube, Lady Katharine hat viel dazu beigetragen, es für Herrn Collins bestmöglichst einzurichten.«

»So glaube ich auch, und bin zugleich überzeugt, daß sie diese Wohlthat keinem dankbareren Gegenstand erweisen konnte.«

»Herr Collins scheint sehr glücklich in der Wahl seiner Gattin gewesen zu sein.«

»Allerdings. Seine Freunde haben alle Ursache, ihm hierzu Glück zu wünschen; es wird nicht viel Frauen in dieser Art geben, die ihn geheirathet, oder wenn auch dieß, die ihn so glücklich gemacht hätten, wie Charlotte. Ich erkenne ihren vortrefflichen Verstand an, obgleich ich ihre Wahl nicht für das Klügste, was sie je gethan, erkläre. Doch sie scheint glücklich zu sein, und von Seiten der Vernunft betrachtet, ist diese Heirath allerdings sehr vortheilhaft für sie.«

»Es muß ihr sehr angenehm sein, in einer so geringen Entfernung von Familie und Freunden zu leben.«

»Nennen Sie die Entfernung von fünfzig Meilen gering?«

»Was sind fünfzig Meilen guten Wegs? Nicht viel mehr als eine halbe Tagereise. Ja, das nenne ich eine
sehr geringe Entfernung.«

»Diesen Umstand würde ich nimmermehr unter die Vortheile oder Vorzüge der Heirath gezählt haben,« rief Elisabeth. »Ich würde niemals sagen, daß Mrß. Collins in der Nähe ihrer Familie lebt.«

»Sie geben dadurch einen Beweis Ihrer eignen Anhänglichkeit und Vorliebe für Hertfordshire. Alles, was nicht zur nächsten Nachbarschaft von Longbourn gehört, erscheint Ihnen fern.«

Diese Worte sprach er mit einem Lächeln aus, welches Elisabeth zu verstehen glaubte; er hatte dabei an Johannen und Netherfield gedacht, und sie erwiederte erröthend:

»Ich will damit nicht sagen, daß eine junge Frau nicht auch zu nahe bei ihrer Familie leben kann. Das Nahe und Ferne ist relativ und hängt von mannichfachen Umständen ab. Wo Vermögen genug ist, um die Ausgaben einer Reise nicht fühlbar zu machen, hört die Entfernung auf, ein Nebel zu sein. Aber das ist
hier nicht der Fall. Herr Collins hat zwar sein reichliches Auskommen, aber dennoch nicht genug, um häufig solche Reisen machen zu können; und ich bin überzeugt, daß meine Freundin selbst die Hälfte des Wegs kaum für eine geringe Entfernung von ihrer Familie gelten lassen würde.«

Darcy rückte seinen Stuhl näher an den ihrigen und sagte: »
Sie können unmöglich eine solche Anhänglichkeit an Ihre Heimath haben.
Sie können nicht immer in Longbourn gewesen sein.«

Elisabeth sah ihn erstaunt an. In seinem Innern ging augenscheinlich eine Aenderung vor; er zog seinen Stuhl wieder zurück, ergriff ein auf dem Tisch liegendes Zeitungsblatt, überflog es rasch und sagte hierauf im kältern Ton:

»Wie gefällt es Ihnen in Kent?«

Hierauf folgte eine kurze, von beiden Seiten sehr ruhig und lakonisch geführte Unterhaltung über das Leben in dieser Grafschaft, welche zum Glück bald durch Charlottens und ihrer Schwester Zurückkunft unterbrochen wurde. Das
tête-à-tête schien sie in Erstaunen zu setzen. Darcy berichtete, daß er aus einem Mißverständniß Miß Bennets Einsamkeit unterbrochen hätte, und stand, nachdem er noch ein paar Minuten schweigend da gesessen, auf, sich zu empfehlen.

»Was kann seine Absicht sein!« sagte Charlotte, als er das Zimmer verlassen. »Liebste Elise! Du mußt nothwendig Eindruck auf sein Herz gemacht haben, sonst würde er uns nimmermehr auf diese familiäre Weise mit seinem Besuch beehren.«

Als Elise aber hierauf erzählte, wie stumm er neben ihr gesessen, und wie viel Mühe sie sich gegeben, nur eine ganz gewöhnliche Unterhaltung im Gang zu bringen, mußte Charlotte gegen ihre Wünsche selbst eingestehen, daß ihn nur der Mangel anderer Beschäftigung hierher getrieben. Die Zeit der Jagd war vorüber. Im Schloß gab es Lady Katharine, Bücher und ein Billiard; aber Männer können nicht immer zu Hause bleiben, und die Nähe der Pfarrwohnung, oder der angenehme Weg dahin durch den Park, oder vielleicht auch die darin wohnenden Personen veranlaßten die beiden Vettern, fast täglich dort vorzusprechen. Sie kamen zu verschiedenen Zeiten des Vormittags, bald einzeln, bald zusammen, zuweilen auch in Gesellschaft ihrer Tante. Oberst Fitzwilliam augenscheinlich, weil er Gefallen an ihnen fand, welche Ueberzeugung sehr zu seinem Gunsten ausgelegt wurde, und ihn allen noch mehr empfahl. Elisabeth ward, sowohl durch sein deutlich ausgesprochenes Wohlgefallen an ihr, als wie auch durch ihre eigne Freude an seinem Umgang, wieder lebhaft an ihren frühern Liebling Georg Wickham erinnert; und wenn Oberst Fitzwilliam diesem auch an äußerer Schönheit und einnehmendem Wesen nicht gleich kam, übertraf er ihn dafür an Bildung und gründlichem Wissen.

Aber weshalb Darcy seine Besuche im Pfarrhause so oft wiederholte, blieb allen ein unergründliches Räthsel. Aus Liebe zur Geselligkeit konnte es nicht geschehen: denn er saß oft zehn Minuten, ohne den Mund zu öffnen, und wenn er sprach, geschah es offenbar mehr aus Gefühl der Nothwendigkeit, denn aus Wahl oder Freude an der Unterhaltung. Er schien selten belebt. Mrß. Collins wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Fitzwilliam lachte oft über seine vielsagende Schweigsamkeit, und suchte den Damen begreiflich zu machen, daß sie aus verschiedenen Gründen entstehe; aber so viel Mühe Charlotte sich auch gab zu erforschen, ob Liebe, nämlich Liebe zu ihrer Freundin Elisabeth einer dieser Gründe sei, konnte sie doch nie ins Reine darüber kommen. Sie beobachtete ihn nun genauer, wenn sie in Rosings, oder er in Hunsford war; jedoch ohne ihrem Ziel näher zu kommen. Er betrachtete sie oft lange und anhaltend, aber der Ausdruck dieses Blicks war zweifelhaft, verrieth mehr Geistesabwesenheit und Zerstreutheit als Bewundrung und Liebe.

Sie hatte einige Mal der Möglichkeit einer solchen Neigung von seiner Seite gegen Elisen erwähnt, war aber von dieser darüber ausgelacht worden; und da Mrß. Collins es für unrecht hielt, Erwartungen in ihr zu erregen, die aller Wahrscheinlichkeit zu Folge nur mit Täuschung endigen konnten, schwieg sie selbst darüber. daß ihrer Freundin Abneigung gegen ihn augenblicklich verschwinden würde, so bald er wirklich ernstliche Absichten äußern sollte, bezweifelte sie keinen Augenblick; wohl aber daß er sich je so weit herablassen sollte, ihr Herz und Hand zu bieten. Deshalb gab sie ihn in diesem Sinn bald ganz auf, und richtete nun ihr Augenmerk auf Fitzwilliam. Er war unbezweifelt viel liebenswürdiger als Darcy, bemühte sich augenscheinlich um Elisens Gunst, und seine Verhältnisse, wenn gleich nicht so vortheilhaft und glänzend wie die seines Vetters, waren immer noch glänzend genug für ein armes Mädchen.

Zehntes Capitel

Es hatte sich jetzt mehrere Mal hintereinander getroffen, daß Elisabeth Herrn Darcy auf ihren einsamen Spaziergängen in den abgelegenern Theil des Parks begegnet war. Sie fühlte das Peinliche eines solchen Zusammentreffens, und um es für die Zukunft zu verhindern, erzählte sie ihm beiläufig, daß dieß ihr Lieblingsspaziergang sei. Wie es nun möglich war, ihn dennoch wieder dort zu finden, begriff sie nicht; aber dieser Fall ereignete sich nicht ein Mal, sondern zwei und drei Mal. Es schien als ob er ihr geflissentlich, aus bösem Vorsatz oder aus selbstaufgelegter Buße in den Weg träte; denn er ließ es alsdann nicht bei bloßen Höflichkeitsfragen und stummen Pausen bewenden, sondern hielt es sogar für nothwendig, mit ihr umzukehren und sie nach Hause zu begleiten. Er pflegte bei solchen Gelegenheiten nicht mehr zu sprechen wie sonst; und auch sie war jetzt auf den Punkt gekommen, sich nicht anzustrengen, und die Unterhaltung ihren langsamen Gang gehen zu lassen. Desto auffallender erschienen ihr beim dritten Zusammentreffen einige seltsame Fragen über die Freuden ihres Aufenthalts in Hunsford, über ihre Vorliebe für die einsamen Spaziergänge, und über Herrn und Mrß. Collins eheliches Glück. Ferner sprach er von der innern Einrichtung des Schlosses von Rosings, die ihr noch nicht ganz bekannt war, und setzte voraus, daß sie bei ihren nächsten Besuch in Kent dort, statt in Hunsford wohnen würde. Seine Worte ließen sich nicht anders deuten. Sollte er an Fitzwilliam dabei denken? Diese Anspielungen kamen ihr höchst unerwartet, und sie freute sich, das Pfarrhaus erreicht zu haben, einer solchen Unterhaltung ein Ende zu machen.

Als sie eines Tages mit dem Lesen eines Briefs von Johannen, der nicht von ihrer gewöhnlichen Heiterkeit zeugte, beschäfftigt, den geliebten einsamen Spaziergang wieder aufgesucht hatte, ward sie abermals durch ein Geräusch gestört. Sie verbarg eiligst ihren Brief und erzwang ein Lächeln, um Herrn Darcy (denn niemand anders konnte sie hier erwarten) unbefangen entgegen zu treten, als ihr Auge Oberst Fitzwilliam erblickte.

»Ich wußte nicht, daß auch Sie diesen einsamen Spaziergang zuweilen aufsuchen,« sagte sie gezwungen.

»Ich habe eben die Tour durch den ganzen Park gemacht, was gewöhnlich jedes Jahr ein Mal geschieht,« entgegnete er unbefangen; »und jetzt war es meine Absicht, einen Besuch im Pfarrhause abzustatten. Gedenken Sie noch weiter zu gehen?«

»Nein, ich war im Begriff dahin zurückzukehren.«

Und somit kehrten sie zusammen um.

»Wollen Sie Kent wirklich nächsten Sonnabend verlassen?« fragte sie.

»Ja – wenn Darcy die Abreise nicht abermals verschiebt. Ich hänge hier von seinem Willen ab, und er richtet alles nach seinem Gefallen ein.«

»Und wenn er sich auch selbst seinen Gefallen dadurch erzeigt, genießt er doch wenigstens die Freude, alles nach eigner Wahl einrichten zu können. Ich kenne keinen Menschen, der so viel Werth auf den Vorzug, nur dem eignen Willen zu folgen, legt, als Herr Darcy.«

»Er liebt es, seinen eignen Weg zu gehen,« entgegnete Oberst Fitzwilliam, »und das thun wir im Grunde alle. Nur mit dem Unterschied, daß er es in Folge seines Reichthums öfterer so haben kann, als andre ärmere Menschenkinder. Ich spreche aus eigner Erfahrung. Die jüngern Söhne sind, wie Sie wissen, an Entsagung und Abhängigkeit gewöhnt.«

»Ich sollte meinen, der jüngere Sohn eines Grafen müßte wenig davon empfinden. Sie werden gewiß die Härte der Entsagung und Abhängigkeit noch nicht gefühlt haben; durch Mangel an Geld nicht abgehalten worden sein, so viel von der Welt zu sehen, als Ihnen gefällt, oder sich alles zu verschaffen, wornach Ihr Sinn strebt.«

»Wohl möglich, daß ich in dieser Art noch nichts zu entbehren und zu entsagen nöthig gehabt habe; aber in wichtigern Punkten leide ich allerdings durch meine beschränktern Vermögensumstände. Die jüngern Söhne können nicht heirathen,
wann und
wen sie wollen.«

»Wenn sie nicht reiche Frauen erwählen, wie es doch meistens der Fall ist.«

»Unsere Lebensweise macht uns nur zu abhängig von den irdischen Gütern; deshalb können nur wenige Männer meines Standes und Vermögens ohne solche Nebenrücksichten wählen.«

»Soll dieß ein Wink für mich dein?« dachte Elisabeth und erröthete bei der bloßen Idee; doch sich schnell wieder fassend, sagte sie im scherzhaften Ton: »wie viel bedarf denn der jüngere Sohn eines Grafen? sollten 50,000 Pfund ihm wohl genügen?«

Er antwortete ihr in demselben Ton; und nachdem das Gespräch eine Zeit lang so fortgegangen, erfolgte eine kleine Pause, die Elise jedoch, aus Furcht mißverstanden zu werden, sehr bald wieder unterbrach.

»Ich bilde mir ein, Ihr Herr Vetter hat Sie hauptsächlich aus dem Grunde mit hierher gebracht, um immer jemanden zu haben, der ihm zu Gebote steht. Es wundert mich, daß er noch nicht verheirathet ist; eine Frau, wenigstens
seine Frau, sicherte ihm doch dieses Vergnügen auf die Dauer; doch bis jetzt hat wohl die Schwester diese Lücke ausgefüllt, und da er ihr alleiniger Aufseher ist, muß sie wohl thun, was ihm beliebt.«

»Die Aufsicht über seine Schwester hat er bis jetzt noch mit mir theilen müssen,« entgegnete Fitzwilliam, »da ich ihm als Vormund von Miß Darcy zur Seite gestellt worden bin.«

»Sie?« fragte Elisabeth voll Erstaunen. »Und wie benehmen Sie sich als solcher? Hat Ihnen dieses Amt schon Sorge gemacht? Junge Damen in dem Alter sind manchmal schwer zu leiten, und wenn Miß Georgine von dem ächten Darcy'schen Geist beseelt ist, liebt sie vielleicht auch ihren eignen Weg zu gehen.«

Bei diesen Worten wurde Fitzwilliam auffallend ernst; und die Art, wie er Elisen fragte, was sie zu solcher Vermuthung berechtigte? überzeugte sie, daß sie wirklich der Wahrheit nahe gekommen war. Sie erwiederte rasch:

»Erschrecken Sie nur nicht. Ich habe nie etwas Beunruhigendes von Miß Darcy gehört, sie vielmehr immer als eins der lenksamsten Geschöpfe rühmen hören. Sie ist ein großer Liebling einiger Damen meiner Bekanntschaft, Mrß. Hurst und Miß Bingley's. Wenn ich nicht irre, haben sie auch das Glück, von Ihnen gekannt zu sein.«

»Ich habe sie einige Mal gesehen. Ihr Bruder ist ein angenehmer Mann, Darcy's genauer Freund.«

»O, ja!« sagte Elisabeth trocken, »Herr Darcy ist außerordentlich gütig gegen Herrn Bingley, und sorgt wahrhaft brüderlich für ihn.«

»Sorgt für ihn? – Ja, ich glaube Darcy sorgt für ihn in solchen Punkten, wo er fremder Sorge und Aufsicht bedarf. Nach einigen, auf der Reise hingeworfenen Aeußerungen zu schließen, muß ich glauben, daß Bingley ihm vielen Dank schuldig ist. Doch kann ich mich auch in der Person irren, da er keinen Namen genannt hat. Es ist bloße Vermuthung.«

»Was meinen Sie?«

»Ich spreche von einem Umstand, den Darcy natürlich nicht gern bekannt gemacht sieht, weil er der Familie der jungen Damen unmöglich angenehm sein kann.«

»Verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.«

»Gut, aber bedenken Sie auch, daß Bingley nur in meiner Vermuthung die bewußte Person ist. Darcy pries sich nämlich glücklich, kürzlich einen Freund von einer thörichten Heirath abgehalten zu haben, jedoch ohne Namen oder andre näher bezeichnende Umstände zu nennen; und ich glaube nur deshalb, daß es Bingley sein muß, weil er mir ihn als leicht zu fesseln geschildert, und weil ich weiß, daß sie fast den ganzen letzten Sommer zusammen verlebt haben.«

»Gab Herr Darcy Ihnen seine Gründe, diese Verbindung zu hintertreiben, an?«

»Wenn ich nicht irre, waren manche Einwendungen gegen die junge Dame zu machen.«

»Und welcher Kunstgriffe bediente er sich, das Paar zu trennen?«

»Er erwähnte dieser Kunstgriffe nicht,« sagte Fitzwilliam lächelnd, »und erzählte mir nur, was ich Ihnen so eben mitgetheilt.«

Elisabeth war keiner Antwort fähig; das Herz voll Unmuth und Verachtung, ging sie einige Augenblicke schweigend neben dem Obersten her, bis dieser sie fragte, ›weshalb sie plötzlich so gedankenvoll geworden?‹

»Ich denke über das nach, was Sie mir eben erzählt haben. Ihres Vetters Benehmen bei dieser Gelegenheit kann ich nicht gut heißen. Wer hatte ihn zum Richter gemacht?«.

»Sie möchten seine Einmischung viel eher für Zudringlichkeit erklären!«

»Ich sehe wenigstens nicht ein, mit welchem Recht er über seines Freundes Herzensangelegenheiten entscheidet, und warum er sich zutraut, besser zu wissen, was zu Herrn Bingley's Glück erforderlich ist, als dieser selbst. Doch,« setzte sie, sich schnell fassend, hinzu: »da wir die nähern Umstände nicht wissen, kommt es uns auch nicht zu, ihn zu verdammen. Man muß voraussetzen, daß die Liebe bei diesem Fall keine große Stimme gehabt hat.«

»Das ist allerdings keine unnatürliche Vermuthung,« entgegnete Fitzwilliam, »die jedoch meines Wetters Triumph bedeutend schmälert.«

Diese im Scherz hingeworfene Aeußerung erschien ihr so ganz in Darcy's Geist, daß sie nichts mehr darauf zu erwiedern wagte, und schnell ein andres Gespräch begann. Jetzt hatten sie die Pfarrwohnung erreicht, und nachdem der Oberst sich empfohlen, konnte sie ohne Störung über das Gehörte nachdenken. Es war nicht wahrscheinlich, daß er andre, als die ihr bekannten Personen gemeint haben sollte; es konnten nicht
zwei Menschen in der Welt existiren, über welche Darcy solchen unbegrenzten Einfluß ausübte. daß er geschäfftig gewesen, Bingley von Johannen zu entfernen, hatte sie keinen Augenblick bezweifelt, jedoch Miß Bingley die größere Schuld beigemessen. Nun aber ward ihr mit einem Male klar, daß
er die Ursache war, daß Johanne durch seinen Stolz und Eigensinn so viel gelitten hatte, und noch leiden würde. Er hatte das zärtlichste, edelste Herz um seine schönsten Hoffnungen betrogen, vielleicht auf ewig unglücklich gemacht.

»Es waren bedeutende Einwendungen gegen die junge Dame zu machen gewesen,« hatte Oberst Fitzwilliam gesagt; und diese bestanden vermuthlich darin, daß einer ihrer Onkels Advokat in einem Landstädtchen war, und der andre Kaufmann in London.

»Gegen Johannen selbst konnte er doch unmöglich Einwendungen zu machen haben,« sagte sie zu sich selbst. »Sie ist ja die Güte und Liebenswürdigkeit selbst, voll Verstand, Anmuth und Liebreiz. Auch hoffentlich nicht gegen meinen Vater, der, obgleich nicht ganz frei von Eigenheiten, dennoch Vorzüge besitzt, die Herrn Darcy Achtung abnöthigen müssen.«

Der Gedanke an ihre Mutter verminderte ihr Selbstvertrauen allerdings etwas; doch konnte sie unmöglich zugeben, daß diese im Stande gewesen sein sollte, ein Hinderniß zu werden. Nein! Darcy's Stolz hatte es nicht ertragen, seinen Freund mit einer, hinsichtlich des Ranges und Vermögens so weit unter ihm stehenden Familie näher verbunden zu sehen. Dieser unwürdige Stolz, und der Wunsch der Schwester, den Freund als zukünftigen Gatten zu erhalten, hatten ihn zu einer so unedlen Handlung veranlaßt.

Das längere Verweilen bei diesen kränkenden Gedanken und die hierbei vergossenen Thränen hatten ihr heftige Kopfschmerzen zugezogen, die gegen Abend noch zunahmen und sie, verbunden mit dem Widerwillen Herrn Darcy zu sehen, bestimmten, nicht mit nach Rosings zu gehen, wohin die ganze Gesellschaft zum Thee eingeladen war. Charlotte widersetzte sich diesem Vorhaben nicht, nachdem sie gesehen, daß ihre Freundin wirklich unwohl war, und verhinderte so viel als möglich, daß ihr Mann sie ebenfalls mit Zureden verschonte; doch konnte Herr Collins seine Besorgniß, daß Lady Katharine ihr Zurückbleiben nicht wohl aufnehmen würde, nicht ganz verhehlen.

Eilftes Capitel

Kaum sah sich Elisabeth allein, als sie, ordentlich um ihren Zorn gegen Darcy noch zu vermehren, alle seit ihrem Aufenthalt in Kent von Johannen erhaltenen Briefe noch einmal durchlas. Sie enthielten weder wirkliche Klagen, noch Anspielungen auf vergangene Zeiten, oder Erwähnung jetziger Leiden. Aber Elise vermißte darin jene Heiterkeit eines mit sich selbst einigen Gemüths, jene Genügsamkeit und Zufriedenheit mit der Außenwelt, welche ihre Briefe in frühern Zeiten charakterisirt hatten. Sie studirte jede Zeile mit der größten Aufmerksamkeit durch, und fand auf diese Weise allerdings mehr als beim ersten Durchlesen. Darcy's übermüthige Prahlerei gegen seinen Vetter, sein Selbstlob, etwas Gutes gestiftet zu haben, steigerte ihr Gefühl für der Schwester Leiden. Der Gedanke, daß sein Aufenthalt in Rosings nur noch bis übermorgen dauerte, gewährte ihr eine gewisse Beruhigung; und sie freute sich, spätestens in vierzehn Tagen wieder mit Johannen vereint zu sein, und ihr durch zarte Sorgfalt und schwesterliche Liebe die Unbeständigkeit der Männer vergessen zu machen.

An die Trennung von Fitzwilliam dachte sie mit mehr Betrübniß; sein Umgang, seine angenehme Unterhaltung hatten ihr den Aufenthalt in Hunsford verschönert; doch ihr Herz war glücklicher Weise frei geblieben, und so konnte sie auch nach der letzten Unterredung mit Unbefangenheit an ihn denken.

Während sie noch mit diesen und ähnlichen Betrachtungen beschäfftigt war, hörte sie die Hausthür rasch öffnen. Es konnte niemand anders sein als Fitzwilliam, der schon öfterer in der Abendstunde gekommen war, und sich jetzt vermuthlich selbst nach ihrem Befinden erkundigen wollte. In dieser festen Ueberzeugung richtete sie den Blick auf die Thür, und sah zu ihrem größten Erstaunen Herrn Darcy eintreten. Er begann mit ungeduldiger Eile nach ihrem Befinden zu fragen und fügte hinzu, daß nur der Wunsch, sich selbst von ihrem Bessersein zu überzeugen, ihn zu diesem späten Besuch veranlaßt, Sie antwortete hierauf mit kalter Höflichkeit. Er setzte sich einige Augenblicke nieder, stand dann rasch wieder auf und ging ungleichen Schritts das Zimmer auf und ab. Elisabeth sah ihn verwundert an, sagte aber kein Wort. Nach einem kurzen Schweigen näherte er sich ihr mit dem Ausdruck innerer heftiger Bewegung und sagte:

»Vergebens habe ich gekämpft! Ich vermag es nicht länger! Meine Empfindungen lassen sich nicht unterdrücken. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Sie heiß und innig liebe.«

Elisabeths Erstaunen schildern keine Sorte. Sie fuhr erschrocken zusammen; hohe Röthe wechselte mit Todesblässe auf ihren Wangen – sie war keiner Antwort fähig. Diese Symptome reichten hin, seinen Muth zu beleben, und es erfolgte das Geständniß alles dessen, was er fühlte und schon lange gefühlt hatte. Er sprach mit Wärme und Innigkeit; doch nicht allein von den Empfindungen seines Herzens, sondern auch von den Hindernissen, die sich dem Aussprechen derselben entgegengesetzt, und war über den letzten Punkt nicht minder beredt, wie über den ersten. Er erwähnte seiner Verhältnisse und der ihrigen, seines innern Kampfes, sich von ihr loszureißen, der mannigfachen Schwierigkeiten, die er hinsichtlich seiner Familie zu überwinden hätte, und sprach mit einer Wärme, die nicht dazu geeignet war, seinen Antrag annehmlicher zu machen.

Trotz ihres tiefgewurzelten Widerwillens konnte Elisabeth doch nicht unempfindlich bei der Liebeserklärung dieses Mannes bleiben; und wenn gleich keinen Augenblick unschlüssig, verursachte es ihr dennoch ein unangenehmes Gefühl, seine Hoffnungen zerstören zu müssen. Als er aber schonungslos fortfuhr, – sie auf die Ungleichheit ihrer Verhältnisse, auf das, jedes Zartgefühl verletzende Benehmen ihrer Mutter und jüngern Schwestern aufmerksam zu machen, verwandelte sich ihr Mitleid in Zorn; und sie mußte alle Kräfte der Selbstüberwindung aufbieten, sich zu einer ruhigen Antwort vorzubereiten. Er schloß sein Bekenntniß mit der Hoffnung, daß sie seine unbesiegbare Liebe erwiedern und ihn durch das Geschenk ihrer Hand belohnen würde,

Der Ausdruck seiner Züge verrieth auch nicht den leisesten Zweifel einer günstigen Antwort; und obgleich sein Mund die Worte »Angst und Besorgniß« aussprachen, war die Ueberzeugung gewisser Annahme dennoch deutlich in seinen Blicken zu lesen. Diesen hohen Grad von Uebermuth konnte sie nicht länger ertragen. Im Gefühl tiefen Unwillens sagte sie, nachdem er geendet:

»Der Gebrauch erfordert eine Art Dank für das Aussprechen solcher günstigen Besinnungen, selbst wenn sie keine Erwiederung finden. Ich fühle, daß ich Ihnen dadurch eine gewisse Verbindlichkeit schuldig bin, und möchte Ihnen gern für Ihre gute Meinung danken; aber ich kann es nicht. Sie zu erlangen, war nie mein Wunsch und Streben, und Sie haben sie mir so höchst ungern zugestanden, daß Ihr Bekenntniß dadurch zur Beleidigung geworden ist. Es thut mir leid, Ihnen eine unangenehme Empfindung verursachen zu müssen; doch habe ich alle Hoffnung zu vermuthen, daß sie nicht von langer Dauer sein wird. Dieselben Gründe, welche Sie, nach eignem Bericht, bis jetzt abgehalten, mir Ihre Liebe zu gestehen, werden stark genug sein, Ihnen die Bekämpfung derselben zu erleichtern.«

Darcy, mit dem Rücken an den Ofen gelehnt, die Blicke fest auf Elisen gerichtet, schien ihre Worte mit nicht geringerem Unwillen als Staunen zu vernehmen. Die Blässe des Zorns überzog sein Gesicht, und in jedem Zug desselben drückte sich eine gewaltsame innere Erschütterung aus. Er rang nach äußerer Fassung und wollte nicht eher sprechen, bis er sie erlangt. Diese Pause dünkte Elisen schrecklich, kaum zu ertragen. Endlich sagte er mit erzwungener Ruhe:

»Und ist dieß die ganze Antwort, die ich von Ihnen zu erwarten habe? Der Wunsch zu erfahren, weshalb ich mit so geringer Berücksichtigung der Höflichkeit auf solche Weise abgewiesen worden bin, möchte vielleicht verzeihlich sein.«

»Und ich möchte dagegen fragen,« erwiederte sie, »warum Sie mir, augenscheinlich in der Absicht mich zu kränken und zu beleidigen, erzählen, daß Sie mich gegen Ihren Willen, gegen Ihre Vernunft, gegen Ihre Ueberzeugung, ja sogar den Grundsätzen ihres Charakters entgegen lieben? War dieses mich erniedrigende Geständniß nicht eine Entschuldigung meiner Unhöflichkeit, wenn ich wirklich unhöflich gewesen? Doch ich habe auch noch andre Gründe hierzu, und diese sind Ihnen bekannt. Sie können Sie mich fähig halten, die Anträge eines Mannes anzunehmen, den ich mit vollem Recht beschuldige, die Ruhe und das Glück einer innigst geliebten Schwester vielleicht auf ewig gestört zu haben? Nein! Und wenn mein Herz, auch keine Abneigung gegen Sie empfunden, wenn es gleichgültig, ja sogar wenn es günstig für Sie gewesen, würde diese Erinnerung allein schon hinreichen, mich für immer von Ihnen zu entfernen.«

Bei diesen Worten wechselte Darcy die Farbe, die Bewegung schien jedoch vorübergehend, und er hörte ihr, ohne Versuch sie zu unterbrechen, mit scheinbarer Ruhe zu, als sie folgender Maaßen fortfuhr:

»Ich habe alle mögliche Gründe, schlecht von Ihnen zu denken. Nichts ist im Stande, diese ungerechte und unedle Handlung zu entschuldigen. Sie können und werden es nicht läugnen wollen, daß Sie die Hauptursache, wenn nicht die Einzige gewesen sind, dieses Paar zu trennen; den Einen wegen Laune und Unbeständigkeit dem gerechten Tadel der Welt auszusetzen, die Andre wegen getäuschter Erwartung zum Gegenstand des Spotts und Hohns zu machen, und beide Theile ins Elend zu stürzen.«

Sie hielt hier inne und gewahrte mit Unwillen, daß er ihr ohne das geringste Zeichen von Reue zuhörte, ja sie sogar mit einem Lächeln erkünstelter Ungläubigkeit anblickte.

»Können Sie es läugnen, dieß gethan zu haben?« fragte sie.

Mit mühsam errungener Rune erwiederte er: »Ich läugne weder, daß ich alles, was in meiner Macht stand, that, um meinen Freund von Ihrer Schwester zu trennen, noch daß ich mich über das Gelingen dieses Werks freute. Mit ihm habe ich es besser gemeint, wie mit mir selbst.«

Elisabeth würdigte würdigte dieser höflichen Bemerkung keine Antwort
In Band I sind Wendungen dieser Art nicht zu finden, wohl aber hier und in Bd. II. In Bd. III werden dagegen Wendungen mit »würdigen« plus Genitivobjekt parallel zu jenem mit Dativ verwendet. Es muss offen bleiben, ob hier unterschiedliche Setzer arbeiteten oder die Übersetzerin für beide Sprachgebräuche verantwortlich ist. In ihrer Übersetzung von Chatherine Cuthbertsons »Adelaide« war jedenfalls die Dativ-Version nicht zu beobachten.; aber der Sinn derselben war ihr nicht entgangen, und diente nicht dazu, sie milder gegen ihn zu stimmen.

»Doch nicht hierauf allein,« fuhr sie fort, »gründet sich meine Abneigung. Lange vorher schon war mein Urtheil über Sie entschieden, ich lernte Ihren Charakter vor einigen Monaten aus Herrn Wickhams Erzählungen kennen. Was haben Sie in dieser Angelegenheit zu Ihrer Entschuldigung zu sagen? Können Sie Thatsachen abläugnen? oder haben Sie auch hierbei irgend Jemandem einen Freundschaftsdienst erwiesen?«

»Sie nehmen ein sehr lebhaftes Interesse an dieses jungen Mannes Angelegenheiten,« sagte Darcy in einem weniger ruhigen Ton, und mit erhöhtem Colorit:

»Wer mit seinem unglücklichen Schicksal bekannt ist, muß ihm inniges Mitleid zollen.«

»Mit seinem unglücklichen Schicksal!« wiederholte Darcy verächtlich, »ja! er hat freilich viel Unglück zu ertragen gehabt.«

»Und durch
Ihre Schuld,« rief Elisabeth mit Nachdruck. »
Sie haben ihn in seinen jetzigen Zustand der Armuth versetzt, ihn dessen beraubt, worauf er gerechte Ansprüche machen konnte. Sie haben ihm seine schönsten Jahre verkümmert, ihn um seine zu erwartende Unabhängigkeit gebracht. Dieß alles haben
Sie gethan, und können dennoch seiner Unglücksfalle mit dem Lächeln der Verachtung erwähnen!«

»Und ist dieß,« rief Darcy, mit großen Schritten das Zimmer messend, »ist dieß Ihre Meinung von mir! Dieß Ihre Ansicht meiner Handlungen! Ich danke Ihnen für das unverhohlene Aussprechen derselben. Das Gewicht meiner Schuld ist nach solcher Berechnung allerdings sehr schwer! Doch vielleicht,« fuhr er, in seinem raschen Gang innehaltend, zu ihr gewendet fort, »würden diese Beleidigungen übersehen worden sein, wenn ich Ihren Stolz nicht durch mein ehrliches Bekenntniß der Bedenklichkeiten, die sich meinen ernsten Absichten entgegengestellt, beleidigt hätte. Diese harten Anklagen wären vermuthlich unterdrückt worden, wenn ich meine Bedenklichkeiten mit größerer Politik verschwiegen und Ihnen dagegen versichert hatte, daß nicht allein Liebe, sondern auch Vernunft und Ueberlegung mich zu diesem Schritt bewogen. Doch jede Art von Verstellung ist meiner Natur zuwider. Auch schäme ich mich der ausgesprochenen Gefühle nicht, da sie natürlich und gerecht sind. Konnten Sie Freude von mir erwarten, über die Aussicht mit Menschen verwandt zu werden, die so tief unter mir stehen?«

Elisabeth fühlte ihren Zorn mit jedem Augenblick zunehmen, versuchte jedoch einen ruhigen Ton zu erzwingen und erwiederte so leidenschaftlos als möglich:

»Sie irren, Herr Darcy! wenn Sie der Art und Weise Ihrer Erklärung die Schuld meiner Antwort beimessen. Sie hat höchstens dazu beigetragen, mir das Bedauern zu ersparen, welches ich nothwendig bei Ablehnung Ihres Antrags empfunden haben würde, wenn dieser mir auf eine geziemendere Weise gemacht worden wäre.«

Er fuhr bei diesen Worten, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen, sagte aber nichts und so fügte sie hinzu:

»Seien Sie indeß versichert, daß ich das Anerbieten Ihrer Hand selbst nicht unter den ehrenvollsten Bedingungen, und mit Hinweglassung aller störenden Geständnisse, angenommen haben würde.«

Sein Erstaunen ward abermals sichtbar, und er schaute sie an mit einem Ausdruck, worin sich Ungläubigkeit und gekränkte Eitelkeit zugleich abspiegelten.

»Vom Anbeginn, ja ich möchte sagen vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft, erfüllte mich Ihr Betragen mit dem Glauben an Ihren Dünkel und Ihren Hochmuth, und die egoistische Verachtung der Gefühle Andrer legte den ersten Grundstein zu dem Mißfallen, welches durch die darauf folgenden Begebenheiten sehr bald in völlige Abneigung ausartete; und als ich Sie kaum einen Monat kannte, fühlte ich, daß Sie der letzte Mann in der Welt wären, den zu heirathen ich mich je entschließen könnte.«

»Sie haben genug gesagt. Ich kenne jetzt Ihre Gesinnungen und schäme mich, die meinigen ausgesprochen zu haben. Verzeihen Sie den Raub, den ich an Ihrer kostbaren Zeit begangen, und empfangen Sie meine besten Wünsche für Ihr Wohl und Glück.«

Nach diesen Worten verließ er schnell das Zimmer, und Elisabeth hörte ihn im nächsten Augenblick aus dem Hause eilen.

Ihr Gemüth war schmerzlich aufgeregt; sie fühlte sich im höchsten Grade angegriffen und machte dem gepreßten Herzen durch einen heißen Thränenstrom Luft. Ihr Erstaunen über das eben Gehörte nahm mit jedem Augenblick zu. Einen Heirathsantrag von Darcy zu erhalten, von ihm selbst zu hören, daß er sie schon seit mehreren Monaten liebte, und in einem solchen Grade liebte, daß er sie, trotz dem daß er seines Freundes Verbindung mit ihrer Schwester zu hintertreiben gesucht, jetzt selbst heirathen wollte, war ein fast unglaublicher Gedanke. Sie konnte es sich kaum vorstellen, eine solche Leidenschaft erweckt zu haben. Aber sein Stolz, sein abscheulicher Stolz, sein unverschämtes Eingestehen dessen, was er hinsichtlich Johannens gethan, ohne sich jedoch deshalb rechtfertigen zu können, und die gefühllose Art Wickham's zu erwähnen, so wie die von ihm nicht abgeläugnete Grausamkeit gegen denselben, überwogen sehr bald das flüchtige Gefühl des Mitleids, welches seine unglückliche Liebe ihr für den Augenblick eingeflößt hatte.

In diesem aufgeregten Zustand blieb sie, bis das Rollen des Wagens sie in die Wirklichkeit zurückrief. Unfähig Charlottens forschende Blicke zu ertragen, eilte sie in ihr Zimmer, und ließ sich durch heftiger gewordene Kopfschmerzen entschuldigen.

Zwölftes Capitel

Elisabeth erwachte am folgenden Morgen mit denselben Gedanken und Betrachtungen, womit sie am Abend vorher die Augen geschlossen. Sie konnte sich immer noch nicht von ihrem Erstaunen erholen, es schien ihr unmöglich, an etwas Andres zu denken, und unfähig sich auf die gewöhnliche Weise zu beschäfftigen, beschloß sie nach dem Frühstück einen weitern Spaziergang zu machen. Schon war sie auf dem Wege zu ihrem Lieblingsplätzchen, als ihr plötzlich einfiel, daß auch Darcy manchmal hierher zu gehen pflegte; deshalb kehrte sie am Eingang des Parks wieder um und schlug einen Seitenpfad ein, der sie weiter von der Landstraße abführte. Nachdem sie diesen einige Mal auf und abgegangen war, lockte sie der schöne Morgen und das frische Grün der Bäume, noch einen Gang durch den Park zu machen, welcher jeden Tag an Pracht und Lieblichkeit zunahm. Vorsichtig schaute sie um sich, und als sie das Terrain sicher gefunden, schritt sie muthig vorwärts.

Doch nicht lange sollte sie sich dieser wohlthuenden Einsamkeit erfreuen: denn kaum war sie einige Schritte tiefer in das junge Gehölz hineingegangen, als sie von fern eine männliche Gestalt auf sich zukommen sah. Sie wandte schnell um, war jedoch schon gesehen und erkannt worden, und hörte jetzt zu ihrem nicht geringen Schrecken ihren Namen laut von Darcy rufen. Hier, half kein Widerstreben. Sie blieb stehen und erwartete den Gefürchteten, der ihr mit einem Brief in der Hand entgegentrat. Sie griff mechanisch nach dem ihr dargebotenen Blatt.

»Ich bin,« so hub er mit einem Blick stolzer Ruhe an, »schon einige Zeit hier auf und abgegangen, in der Hoffnung, Ihnen zu begegnen. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, diesen Brief zu lesen?«

Und hierauf wandte er sich nach einer leichten Verbeugung wieder in das Gehölz, und war bald aus ihren Augen verschwunden.

Ohne freudige Erwartung, doch voll Neugier eröffnete Elisabeth den Brief, und fand zu ihrer größten Verwundrung nicht allein zwei ganze Bogen, sondern auch sogar das Couvert eng vollgeschrieben. Sie las wie folgt:

»Rosings. 8 Uhr des Morgens.

Beunruhigen Sie sich nicht über den Anblick dieser Zeilen, welche weder eine Wiederholung meiner Gefühle, noch eine Erneuerung des Ihnen gestern Abend so unangenehm gewesenen Antrags enthalten. Auch geschieht es nicht in der Absicht, Sie zu kränken, oder mich zu demüthigen, daß ich noch ein Mal auf jene Wünsche zurückkomme, die zu unserm beiderseitigen Glück nicht zu bald vergessen werden können. Gern hätte ich mir die Anstrengung, diesen Brief zu schreiben, und Ihnen die Unbequemlichkeit ihn zu lesen, erspart; doch zur Rechtfertigung meines Charakters mußte er geschrieben und gelesen werden. Verzeihen Sie deshalb meiner Bitte um gütige Aufmerksamkeit; Ihr Gefühl wird sie mir ungern bewilligen, aber ich fordre sie von Ihrer Gerechtigkeit,

Sie haben mir gestern zwei Beleidigungen von sehr verschiedener Natur, und keineswegs von gleicher Wichtigkeit, zur Last gelegt. Die Erste bestand in dem Vorwurf, meinen Freund Bingley von Ihrer Schwester getrennt zu haben, ohne Rücksicht auf ihre beiderseitige Neigung; und die zweite, daß ich, der Ehre und Menschlichkeit zum Trotz, Herrn Wickhams gerechte Ansprüche an jetziges Glück und zukünftige Aussichten muthwillig zerstört hätte. – Muthwillig und grundlos den Gefährten meiner Kindheit, den anerkannten Liebling meines Vaters, einen jungen Menschen, der keine andre Stütze als unsre Gunst besaß, und in dem Glauben an unsern fernern Beistand aufgewachsen war – einen solchen Jüngling aus Laune oder Uebermuth von mir zu stoßen und meinem Schutz zu entziehen, würde einen Grad von Schlechtigkeit verrathen, der keinen Vergleich mit dem Vergehen, ein Liebespaar, dessen Neigung nur erst einige Wochen alt, zu trennen, aushält. – Doch diesen schweren Vorwurf, den Sie mir gestern so schonungslos machten, hoffe ich in Zukunft von mir abgewälzt zu sehen, wenn Sie folgenden Bericht meiner Handlungen und deren Motive gelesen haben werden. Sollte ich zu meiner eignen Rechtfertigung manchmal genöthigt sein, Empfindungen auszusprechen, welche den Ihrigen entgegen sind, oder sie sogar beleidigen: so kann ich nur versichern, daß mir diese Umstände sehr leid thun. Ich muß der Nothwendigkeit gehorchen, und allzugroße Schonung würde hier nicht am rechten Ort sein.

Ich war noch nicht lange in Hertfordshire gewesen, als auch ich, wie so viele Andre, die Bemerkung machte, daß Bingley Ihre älteste Schwester sehr auszeichnete. Doch nicht eher als am Abend des Balls in Netherfield erkannte ich sein Gefühl für eine ernstere Neigung, als manche frühere. Auf diesem Ball, während ich die Ehre hatte, mit Ihnen zu tanzen, ward ich zuerst durch Sir William Lukas darauf aufmerksam gemacht, daß Bingley's Galanterien gegen Ihre Schwester Veranlassung zu der Vermuthung einer daraus entstehenden Heirath gegeben hatte. Er sprach davon als von einer ausgemachten Sache, die nächstens bekannt werden würde. Von diesem Augenblick an beobachtete ich meinen Freund genauer, und bemerkte, daß seine Vorliebe für Miß Bennet tiefern Grund gefaßt hatte, als es sonst bei ihm der Fall zu sein pflegte. Auch Ihre Schwester ward nun von mir beobachtet; aber ihr offner Blick und ruhiges Wesen, die sich stets gleich bleibende heitre, liebenswürdige Unbefangenheit verriethen auch nicht das kleinste Symptom einer ernsten Neigung, und nach den Bemerkungen dieses Abends zu schließen, war ich fest überzeugt, daß ihr seine Huldigungen zwar Vergnügen machten, aber ihr Herz nicht tiefer berührten. Wenn
Sie sich also in diesem Punkt nicht geirrt haben, muß ich mich selbst des Irrthums anklagen, und ich erkenne Ihre gründlichere Kenntniß des schwesterlichen Herzens. Wenn dem wirklich so ist, wenn ich, durch meinen Irrthum verleitet, Ihnen Summer verursacht habe, ist Ihre Erbitterung gegen mich nicht ohne Grund, Aber ich versichere nochmals, daß die gleiche Heiterkeit Ihrer Schwester den schärfsten Beobachter über den wahren Zustand ihres Herzens irre führen mußte. daß ich es wünschte, sie gleichgültig zu finden, läugne ich nicht; wohl aber, daß ich mich durch Furcht oder Hoffnung zu einem solchen Glauben bestimmen ließ. Ich glaubte es aus unpartheiischer Ueberzeugung, so gewiß als ich es aus Vernunft wünschte. Meine Einwendungen gegen diese Heirath waren nicht bloß die, welche ich gestern Abend im eignen Fall nur durch die Gewalt der Leidenschaft möglicher Weise zu überwinden im Stande erklärte; (der Mangel an Connectionen konnte meinem Freunde nicht so nachtheilig werden wie mir) ich hatte andre Gründe für meine Abneigung – Gründe, die zwar immer noch, und für beide Fälle im gleichen Grade fortdauern, die ich aber zu vergessen gesucht hatte, weil sie mir für den Augenblick ferner lagen. Diese Gründe muß ich leider genauer zergliedern. Der Stand Ihrer Mutter so wie deren Familie, obgleich ein großes Hinderniß, war doch nichts im Vergleich mit dem gänzlichen Mangel des Gefühls für Schicklichkeit, den ich sowohl bei Ihrer Mutter, als auch bei ihren jüngsten Schwestern und selbst zuweilen bei Ihrem Vater oft zu bemerken Gelegenheit hatte. – Verzeihen Sie. – Es thut mir leid, Sie zu beleidigen. Möge das tröstende, Sie und Ihre älteste Schwester durch das Leben begleitende Gefühl sich, umgeben von den Mängeln und Fehlern Ihrer nächsten Verwandten, frei von denselben erhalten zu haben, und sich in jeder Hinsicht höchst vortheilhaft vor ihnen auszuzeichnen, Ihnen eine Art Beruhigung gewähren, und meine willenlose Härte einiger Maaßen mildern! Ich habe nur noch hinzu zu fügen, daß meine Meinung durch alles, was an diesem Abend vorging, noch mehr Bestätigung erhielt, und daß ich es für heilige Pflicht erkannte, meinen Freund aus der, seiner in dieser Verbindung wartenden Gefahr zu erretten. – Er reiste am folgenden Tag nach London, wie Sie sich erinnern werden, in der Absicht, bald nach Netherfield zurückzukehren. – Was hierauf meinerseits geschah, sollen Sie nun erfahren, Bingley's Schwestern theilten meine Furcht hinsichtlich seiner Verbindung mit Miß Bennet. Unsre Uebereinstimmung that sich bald kund; und da keine Zeit zu verlieren war, beschlossen wir, ihm gleich nach London nachzufolgen. Dort angekommen, bemühte ich mich meinem Freunde die nachtheiligen Folgen einer solchen Wahl anschaulich zu machen. Ich schilderte sie mit nachdrücklichem Ernst. Doch, wenn gleich sein Entschluß durch meine dringenden Vorstellungen etwas wankend geworden war, würden sie ihm dennoch schwerlich von der Heirath abgehalten haben, hätte ich sie nicht durch die Versicherung von der Gleichgültigkeit Ihrer Schwester (an welch ich damals selbst keinen Augenblick zweifelte) unterstützt. Bis jetzt hatte er sich mit der Hoffnung geschmeichelt, Erwiederung seiner Liebe bei Ihrer Schwester zu finden; aber bei seiner großen natürlichen Bescheidenheit, und dem unbedingten Vertrauen zu meiner richtigern Erkenntniß ward es mir nicht schwer, ihn zu überzeugen, daß er sich in diesem Punkt geirrt. daß es nach solcher Aufklärung nur eines Wortes bedurfte, um seine Rückkehr nach Netherfield zu verhindern, werden Sie bei greifen. Ich kann mein Verfahren im Ganzen nicht tadelnswerth finden. Nur an einen einzigen Punkt denke ich mit Mißbilligung zurück, und dieser besteht darin, daß ich mich zu dem niedrigen Kunstgriff herabließ, ihm Ihrer Schwester Anwesenheit in der Stadt zu verheimlichen. Ich erfuhr sie sogleich durch Miß Bingley; ihr Bruder weiß aber noch jetzt nichts davon Vielleicht hätten sie sich ohne Gefahr sehen können; doch möchte ich fast das Gegentheil behaupten, da es mir schien, als ob seine Neigung noch nicht verflogen wäre. – Diese Verheimlichung, dieses Eingehen in den fremden Plan, war unter meiner Würde. Es ist indeß geschehen, und ich kann wohl sagen, daß ich die beste. Absicht dabei gehabt. Und somit bliebe mir über diesen Gegenstand nichts weiter zu sagen, keine Entschuldigung mehr zu machen übrig. Wenn ich so unglücklich gewesen bin, das Gefühl Ihrer Schwester zu verwunden, so versichere ich nochmals, daß es ohne meinen Willen geschah; und wenn die mich hierzu bestimmenden Gründe Ihnen auch nicht hinreichend erscheinen, habe ich doch nicht gelernt, sie zu verdammen.

Was nun die andre, ohne Zweifel viel wichtigere Beschuldigung, Herrn Wickham unverantwortlich behandelt zu haben, betrifft; so kann ich sie nur durch den treuen Bericht seiner Bekanntschaft und seines Benehmens gegen unsre Familie widerlegen. Ob er mich noch besonderer Unthaten beschuldigt hat, weiß ich nicht; doch von der Wahrheit dessen, was ich Ihnen jetzt erzählen werde, können Sie sich durch das Zeugnis mehrerer wahrheitsliebender Männer überzeugen. Herr Wickham ist der Sohn eines sehr achtbaren Mannes, der mehrere Jahre die Verwaltung der Pemberley'schen Güter treu und redlich besorgt hat, wofür mein Vater sich ihm verpflichtet fühlte und seine Erkenntlichkeit an Georg Wickham, seinem Pathen zu beweisen suchte. Durch die Verschwendung seiner Frau außer Stand gesetzt, dem Sohn eine anständige Erziehung zu geben, erkannte er dankbar meines Vaters Beistand, der den jungen Menschen erst auf Schulen, und dann auf der Universität erhielt. Sein angenehmes Aeußeres, seine geselligen Tugenden so wie sein einschmeichelndes Wesen hatten ihn meinem Vater sehr empfohlen; er liebte ihn wie einen Sohn, hatte die beste Meinung von seinem Charakter und war entschlossen, ihm, falls er den geistlichen Stand erwählen sollte, in demselben beförderlich zu sein. Meine Ansichten über ihn waren schon seit mehreren Jahren verschieden von denen meines Vaters. Sein Hang zur Ausschweifung, der gänzliche Mangel an guten Grundsätzen, die er sorgfältig vor den Augen seines besten Freundes zu verheimlichen suchte, konnten mir, einem jungen, fast im gleichen Alter mit ihm stehenden Mann, der Gelegenheit hatte, ihn in unbewachten Augenblicken zu beobachten, nicht lange verborgen bleiben. Schon wieder muß ich Ihnen Schmerz verursachen – in welchem Grad kann ich nicht beurtheilen – doch von welcher Art die Gefühle auch sein mögen, die Herr Wickham so glücklich gewesen ist in Ihnen zu erregen, soll und darf diese Rücksicht mich doch nicht abhalten, seinen wahren Charakter zu enthüllen. Fünf Jahre darauf starb mein vortrefflicher Vater; und seine Vorliebe für Wickham hatte in dieser Zeit so zugenommen, daß er es mir in seinem letzten Willen zur Pflicht machte, ferner auf die beste Art für Georg zu sorgen und ihm, falls er wirklich noch das Studium der Theologie ergreifen sollte, bei der nächsten Vakanz eine sehr einträgliche Familienpfründe zu geben. Außerdem hinterließ er ihm noch ein Legat von tausend Pfund. Sein Vater überlebte den meinigen nicht lange, und ein halbes Jahr darauf erhielt ich einen Brief von Wickham, in welchem er mir seinen Entschluß, den geistlichen Stand aufzugeben, mittheilte und die Hoffnung aussprach, daß ich es unter solchen Umständen begreiflich finden würde, wenn er, zum Ersatz für die verheißene Pfründe, der er hierdurch förmlich entsagte, Anspruch auf eine Unterstützung in Geld machte. Schließlich fügte er noch hinzu, daß er sich nun entschlossen, Jura zu studiren, was indeß von den Interessen von tausend Pfund unmöglich geschehen könne. Der Wunsch, diesen Plan ernsthaft von ihm verfolgt zu sehen, war größer, als mein Glaube daran, doch willigte ich mit Freuden in seinen Vorschlag. Ich glaubte ihn nicht für den geistlichen Stand geschaffen, und somit war das Geschäfft abgemacht. Er erhielt drei tausend Pfund und entsagte dagegen für die Zukunft allen Ansprüchen auf Beförderung im geistlichen Stand, falls er sich diesem wieder zuwenden sollte. Alle Verbindung zwischen uns schien nun aufgelößt. Meine Meinung von ihm war zu gering, um ihn nach Pemberley einzuladen, oder seine Gesellschaft in der Stadt zu suchen. Hier hielt er sich hauptsächlich auf, doch keineswegs studirend; sondern um frei von jedem Zwang ein müssiges, zügelloses Leben zu führen. Drei Jahre verstrichen, ohne daß ich viel von ihm gehört. Da starb der alte Prediger, dessen Stelle ihm in früherer Zeit versprochen gewesen, und nun wandte er sich wieder schriftlich an mich, und bat um dieselbe. Seine Versicherung, daß er sich in sehr schlechten Umständen befinde, glaubte ich gern. Er hatte das erwählte Fach nicht sehr einträglich gefunden, und sich nun entschlossen, sich ordiniren zu lassen, falls ich ihm mit der erwähnten Pfründe beschenken wollte, woran er nicht zweifelte, erstlich weil, wie er wohl wisse, Niemand auf meine Versorgung rechnete, und zweitens, weil ich meines ehrwürdigen Vaters Bestimmung darüber wohl nicht vergessen haben würde. Können Sie mich tadeln, daß ich diese Bitte, so wie alle Wiederholungen derselben unerfüllt ließ? Sein Zorn gegen mich nahm in dem Grade zu, als sich seine Umstände verschlimmerten, und seine Urtheile über mich waren, ohne Zweifel eben so ungerecht und hart, als die Vorwürfe, die er mir selbst darüber machte. Jeder Schein von Bekanntschaft hörte nach diesem Vorfall natürlich auf, und ich wußte lange nicht, wie und wo er lebte, bis die Gewißheit seiner Existenz mir vorigen Sommer auf eine sehr schmerzliche Weise kund gethan wurde. Ich muß nun eines Umstandes erwähnen, den zu vergessen ich mich schon länger bestrebe, und den ich nur durch diese Veranlassung bestimmt werden konnte, einem menschlichen Wesen mitzutheilen. Nach dieser Einleitung bedarf es keiner besondern Bitte um Ihre Verschwiegenheit. Meine Schwester, welche zehn Jahre jünger als ich ist, ward nach unsers Vaters Tode meiner und Oberst Fitzwilliams (Neffen meiner Mutter) Vormundschaft übergeben, Ungefähr vor einem Jahr verließ sie die Pension, um unter der Aufsicht von Mrß. Younge, einer ältern Dame, ihre Ausbildung in London zu vollenden. Mit dieser ging sie vorigen Sommer nach Ramsgate, wohin ihr Wickham bald nachfolgte, wahrscheinlich absichtlich, wie sich später ergab. Zwischen ihm und Mrß. Younge, über deren Charakter wir uns unglücklicher Weise sehr getäuscht hatten, schien schon früher eine Bekanntschaft Statt gefunden zu haben. Durch ihren Beistand gelang es ihm, sich Georginen, deren zärtliches Herz ihm noch aus der Kinderzeit, wo er sich viel mit ihr beschäfftigt hatte, gewogen war, zu nähern, und sie dergestalt zu bethören, daß sie ihn zu lieben glaubte und einwilligte, mit ihm zu entfliehen. Zu ihrer Entschuldigung, sage ich, daß sie damals erst funfzehn Jahr alt war, und freue mich hinzufügen zu können, daß ich aus ihrem Munde die erste Nachricht davon erhielt. Als ich nämlich ein Paar Tage vor der verabredeten Flucht unerwartet in Ramsgate eintraf, erkannte Georgine ihr Vorhaben, wodurch sie einen geliebten Bruder, den sie bis jetzt als Vater zu betrachten gewohnt gewesen, tief gekränkt haben würde, für schweres Unrecht und gestand mir das Ganze. Was ich dabei empfand, und wie ich verfuhr, können Sie sich leicht vorstellen. Aus Rücksicht für den Ruf meiner Schwester und um ihr Gefühl zu schonen, mußte ich vorsichtig auftreten und durfte Wickham nicht, wie er es verdiente, öffentlich zur Strafe ziehen. Aber ich schrieb ihm in ernsten Ausdrücken, worauf er Ramsgate sogleich verließ. Auch Mrß. Younge ward natürlich ihres Amts augenblicklich entsetzt. Wickhams Hauptzweck bei dieser Intrigue war ohne Zweifel meiner Schwester Vermögen, bestehend in 30,000 Pfund; doch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß er nebenbei die Absicht gehabt, sich auf das Empfindlichste an mir zu rächen. Und wäre es ihm gelungen, so würde sein Triumph allerdings vollständig gewesen sein. – Somit hätte ich Ihnen also getreuen Bericht über alles, was vom Anbeginn unsrer Bekanntschaft zwischen mir und Wickham vorgefallen, abgestattet; und wenn Sie denselben nicht als falsch verwerfen, darf ich hoffen, in Zukunft nicht wieder der Grausamkeit gegen meinen Jugendfreund beschuldigt zu werden. In welcher Art, unter welcher Form der Falschheit er mich bei Ihnen angeklagt, ist mir unbekannt; doch wundre ich mich nicht über seinen glücklichen Erfolg, da Sie von dem Vorhergegangenen keine Kenntniß hatten und haben konnten. Ein solches Ahnungsvermögen war nicht in Ihnen vorauszusetzen, ebenso wenig wie Argwohn von Ihnen zu erwarten. Sie werden sich vermuthlich wundern, daß ich Ihnen diese Umstände nicht schon gestern Abend erzählt habe, aber in dem ersten Augenblick war ich noch nicht so vollkommen Herr meiner selbst, um entscheiden zu können, was hierauf erwiedert oder entdeckt werden mußte. Hinsichtlich der Wahrheit der so eben erzählten Begebenheiten berufe ich mich auf das Zeugniß des Obersten Fitzwilliam, der theils als naher Verwandter und genauer Freund, theils aber auch als einer der Vollstrecker des letzten Willens meines verstorbenen Vaters nothwendig von allen diesen Verhandlungen unterrichtet werden mußte. Sollte Ihr Widerwillen gegen mich Sie abgeneigt machen, meinen Versicherungen Glauben beizumessen, so kann derselbe Grund Sie doch nicht abhalten, meinem Vetter zu vertrauen. Und um Ihnen die Möglichkeit, sich mit ihm hierüber zu besprechen, zu verschaffen, werde ich mich bemühen, diesen Brief noch heute Morgen in Ihre Hände zu bringen. Gott segne Sie.

Dreizehntes Capitel

Wenn Elisabeth, als Darcy ihr den Brief einhändigte, auch keine Erneuerung seines Antrags darin erwartet hatte, konnte sie sich doch nicht vorstellen, was er sonst möglicher Weise enthalten mochte. Sein Innhalt ward daher mit eiligen Blicken durchflogen. Er erregte die verschiedenartigsten Bewegungen in ihrem Innern, und ihre Gefühle beim ersten Lesen desselben waren schwer zu beschreiben. Mit Staunen ersah sie aus dem Anfang, daß er eine Entschuldigung seines Benehmens nicht allein beabsichtigte, sondern auch für möglich hielt, während sie fest überzeugt war, daß er keine Erklärung geben könnte, welche ein richtiges Gefühl der Schaam nicht verschweigen würde. Mit dem stärksten Vorurtheil gegen alles, was er zu sagen haben mochte, begann sie die Erzählung der Vorfälle in Netherfield. Sie las mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, die ihr kaum einen Begriff von der Sache gaben, und aus Ungeduld, den nächsten Satz zu erfahren, gönnte sie sich nicht die nöthige Zeit, den Sinn des frühern richtig aufzufassen. Seinen Glauben an die Gleichgültigkeit ihrer Schwester wollte sie nicht für Wahrheit erkennen; und sein unverhohlenes Aussprechen des wahren, schlimmsten Hindernisses ihrer Verbindung mit Bingley erfüllte sie dergestalt mit Zorn, daß sie auch nicht den Wunsch hatte, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er äußerte kein Bedauern über das Geschehene; sein Styl war nicht reuig, sondern hochmüthig. – Stolz und Verachtung sprachen sich durchgängig darin aus.

Doch als er nun, nachdem dieser Gegenstand abgehandelt war, seine Erzählung von Wickham begann, als sie, mit etwas mehr Aufmerksamkeit einen Bericht von Begebenheiten las, die, wenn sie wirklich wahr, ihre gute Meinung von Wickham's Werth nothwendig umstoßen mußten und die unläugbar die größte Aehnlichkeit mit seiner eignen Geschichte von sich selbst hatten – da wurden ihre Empfindungen noch schmerzlicher, und noch schwerer zu beschreiben. Erstaunen, Furcht, ja selbst Schrecken drückten sie nieder. Sie wünschte die ganze Sache bezweifeln zu können, und rief wiederholt: »Es muß falsch sein! Es kann nicht so sein! Der Brief enthält die gröbsten Unwahrheiten!« Dann las sie ihn wieder durch, jedoch kaum wissend, was sie gelesen, sann von Neuem nach, steckte ihn ein und versicherte, daß sie nicht mehr darüber nachdenken, ihn nie wieder ansehen wollte.

In diesem aufgeregten Gemüthszustand, unfähig ihre Gedanken fest auf einen Punkt zu richten, ging sie immer rascher fort; aber auch die körperliche Bewegung vermochte den Aufruhr in ihrem Innern nicht zu stillen. Sie zog den Brief wieder hervor, suchte ihre Lebensgeister zu sammeln und begann Wickham's Geschichte noch ein Mal mit angestrengter Aufmerksamkeit zu lesen. Die Erzählung seiner Bekanntschaft mit der Familie in Pemberley stimmte genau mit dem überein, was er ihr früher selbst darüber mitgetheilt; und des verstorbenen Herrn Darcy's Güte gegen ihn, deren weite Ausdehnung sie bis jetzt noch nicht gekannt hatte, ließ sich ebenfalls sehr gut mit seinen eignen Worten verbinden. Bis so weit trafen die Berichte zusammen. Doch schon beim Testament zeigte sich eine große Verschiedenheit. Alles, was Wickham ihr über die Pfründe gesagt hatte, war noch deutlich in ihrem Gedächtniß, und indem sie sich seine Worte hierüber wiederholte, ward es ihr nur zu klar, daß der eine oder der andre Theil einer unerhörten Falschheit beschuldigt werden mußte. Eine kurze Zeit schmeichelte sie sich mit Hoffnung, Wickham von solchem schmählichen Verdacht gereinigt zu sehen; doch beim Weiterlesen ward diese immer geringer, und als sie an die Stelle kam, wo er, gegen Erhaltung der beträchtlichen Summe von dreitausend Pfund, allen Ansprüchen an die Pfründe entsagt, sah sie sich zu neuen Zweifeln berechtigt. Sie wog jeden Umstand mit vermeintlicher Unpartheilichkeit ab, überlegte die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Thatsachen, jedoch ohne zu einer gewissen Ueberzeugung zu gelangen. Es waren und blieben immer nur Behauptungen von beiden Seiten. Sie las den Brief zum dritten Mal, und mußte sich jetzt gestehen, daß das, was sie anfänglich dem größten Scharfsinn nicht auszuführen zugetraut, die Möglichkeit, Darcy's Benehmen in einem minder schlechten Licht betrachten zu können, ihr nun deutlich aus jeder Zeile entgegen leuchtete, daß er Wickham so schonungslos der Ausschweifung und eines schlechten Lebenswandels beschuldigte, empörte sie doppelt, weil sie keine Beweise von der Ungerechtigkeit dieser Anklage aufzuweisen hatte. Bevor er, auf Zureden eines Bekannten, den er zufällig in der Stadt getroffen, in das Landwehrbataillon in *** getreten war, hatte sie ihn nie gesehen, oder von ihm gehört. Von seiner frühern Lebensweise wußte man in Hertfordshire nichts, als was er selbst davon zu erzählen für gut befunden; und genauer nach seinem wahren Charakter zu forschen, würde ihr, wenn sie auch Gelegenheit dazu gehabt, nie eingefallen sein. Sein gefälliges Aeußere, seine wohlklingende Stimme, und sein einschmeichelndes Wesen waren hinreichend, ihn im Besitz jeder andern Tugend zu glauben. Sie versuchte sich Beispiele von Gutmüthigkeit, von Offenherzigkeit, von Gefühl ins Gedächtniß zurück zu rufen, um ihn von Darcy's Anklagen zu befreien, oder wenigstens diese guten Eigenschaften den ihn gemachten Vorwürfen eines früher müssigen, unordentlichen Lebens entgegen zu setzen. Aber keine solche Erinnerung kam ihr zu Hülfe. Sie sah ihn vor sich mit allem Zauber der männlichen Schönheit und Anmuth, konnte sich aber auf keine, seinen Charakter bezeichnende Handlung besinnen und wußte nur, daß er sich durch seine geselligen Tugenden, wie durch sein bescheidenes Wesen die ganze Umgegend zu Freunden gemacht hatte.

Nachdem sie ziemlich lange über diesen Punkt nachgedacht, fuhr sie mit Lesen fort. Doch ach! die darauf folgende Geschichte seiner niedrigen Absichten auf Miß Darcy erhielt einige Bestätigung durch das am vorigen Morgen Statt gefundene Gespräch zwischen ihr und Oberst Fitzwilliam. Und an diesen Mann, dessen Charakter offen vor ihr lag, von dem sie kürzlich selbst erfahren, daß er genau mit allen Angelegenheiten seines Vetters bekannt war, hatte Darcy sie verwiesen, falls sie ferner noch an der Wahrheit seiner Aussprüche zweifeln sollte. Einen Augenblick schwankte sie; doch nur einen Augenblick. Das Unpassende einer solchen Frage, – und die feste Ueberzeugung, daß Darcy diesen Vorschlag nimmermehr zu machen gewagt hätte, wenn er der Beistimmung seines Vetters nicht gewiß gewesen wäre, leuchtete ihr ein.

Sie erinnerte sich genau jedes Worts ihrer ersten Unterhaltung mit Wickham bei Mrß. Philips. Jetzt erst fiel ihr die Unschicklichkeit einer solchen Mittheilung gegen eine völlig Fremde auf; und sie begriff nicht, wie es zugegangen, daß sie nicht früher zu dieser Erkenntniß gelangt. Sie fühlte die Unzartheit, sich; wie er es gethan, auf solche Weise hervor zu thun, und ärgerte sich über die wenige Uebereinstimmung zwischen seinen Versicherungen und seinem Betragen. Er hatte sich gerühmt, sich nicht zu fürchten, mit Herrn Darcy zusammen zu treffen, und dabei gesagt, daß dieser eher
seinetwegen die Gegend verlassen müsse, aber nicht umgekehrt: und doch war er gleich darauf dem Ball in Netherfield aus dem Wege gereist. Auch erinnerte die sich, daß er, so lange Bingley's mit ihrem Gast in Hertfordshire geblieben, die Geschichte seiner Leiden nur ihr allein mitgetheilt; nach deren Abreise aber überall davon gesprochen, und sich nicht gescheut hatte, Darcy's Charakter von der schwärzesten Seite zu schildern, obgleich er ihr früher gesagt, daß Achtung für den Vater ihn stets abhalten würde, den Sohn Preis zu geben.

Wie verschieden erschienen ihr nun mit einem Male alle Dinge, worin er verflochten war! Auch seine Aufmerksamkeiten gegen Miß King betrachtete sie jetzt in einem andern Licht, und sah darin nicht mehr die Nothwendigkeit, bei der Wahl seiner Gattin Rücksicht auf einiges Vermögen zu nehmen; sondern nichts als merkantilische Habsucht, eifriges Verlangen nach dem schnöden Metall. Sein Benehmen gegen sie selbst konnte auch keinen edlen Beweggrund gehabt haben, entweder war er hinsichtlich ihres Vermögens auf der unrechten Spur gewesen, oder es hatte ihm geschmeichelt, daß sie so unvorsichtig ihm ihr Wohlgefallen an seiner Unterhaltung gezeigt. Das Bestreben, ihn zu vertheidigen, ward immer schwächer und schwächer, erlitt einen Stoß nach dem andern. Dagegen trat Darcy immer mehr gerechtfertigt hervor, Sie gedachte des Balls in Netherfield, wo Bingley, auf Johannens Fragen nach den nähern Umständen der Bekanntschaft der beiden Herrn, versichert hatte, daß sein Freund sich bei dieser Geschichte tadellos benommen habe und frei von jedem Vorwurf sei. Ferner daß, so stolz und abschreckend sein Wesen im Ganzen auch gewesen, sie doch nie im Lauf ihrer Bekanntschaft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß er irgend etwas gesagt oder gethan, was auf Ungerechtigkeit und Härte, oder auf unmoralische, irreligiöse Sitten schließen ließe. Sie mußte sich selbst sagen, daß er von seinen genauern Bekannten sehr geliebt und geachtet wurde, daß sogar Wickham ihm das Lob eines guten Bruders gegeben, und daß sie ihn oft mit einer Zärtlichkeit von dieser Schwester sprechen gehört, die nothwendig Herz und Gefühl voraussetzten. daß, wenn seine Handlungen wirklich so gewesen, wie sie Wickham geschildert, eine solche Verletzung des Rechts unmöglich der Welt verborgen geblieben
In der Vorlage: »verborgen geblieben worden«.wäre, und die Freundschaft eines so liebenswürdigen Mannes wie Bingley unfehlbar zerstört haben müßte.

Sie fing an, sich ihres Benehmens gegen Darcy und Wickham zu schämen, und konnte weder an den einen noch an den andern denken, ohne zu fühlen, wie blind, wie partheiisch, wie vorurtheilsvoll, wie albern sie gewesen war.

»Wie verächtlich habe ich gehandelt!« rief sie aus. »Ich, die ich mir so viel auf meinen Scharfsinn einbildete, die ich eine so hohe Meinung von meiner Klugheit hatte, die edle Offenheit meiner Schwester tadelte und meiner Eitelkeit in unnützem und tadelnswerthem Mißtrauen nachgab. – Wie demüthigend ist diese Entdeckung! aber wie gerecht diese Demüthigung! Wäre ich von Liebe befangen gewesen, hätte ich nicht verblendeter sein können. Aber Eitelkeit; nicht Liebe war meine Thorheit. – Geschmeichelt durch die Auszeichnung des Einen, und beleidigt durch die Vernachlässigung des Andern habe ich vom Anfang dieser Bekanntschaft an Vorurtheil und Unwissenheit gehegt, und die Stimme der Vernunft überhört. Jetzt erst habe ich mich selbst kennen lernen.«

Ihre Gedanken kehrten nach diesem Monolog zu Johannen und Bingley zurück. Darcy's Erklärung über diesen Punkt erschien ihr höchst unbefriedigend und sie las die Stelle des Briefs noch ein Mal durch. Doch welch einen verschiedenen Eindruck machte sie jetzt. Wie konnte sie seinen Versicherungen in dem einen Fall mißtrauen, wenn sie genöthigt war, ihnen in dem andern unbedingten Glauben beizumessen? Er betheuerte, keine Ahnung von Johannens Neigung gehabt zu haben; und sie gedachte eines frühern Gesprächs mit Charlotten, die ebenfalls dieser Meinung gewesen. Auch konnte sie nicht läugnen, daß Johanne nie ein Symptom der Liebe verrathen, und immer dieselbe gleichmäßige Heiterkeit gezeigt hatte.

Als sie an den Theil des Briefs kam, in welchem er ihrer Familie mit so kränkenden, aber gerechten Beschuldigungen, erwähnte, stieg die Röthe der Schaam in ihre Wangen. Die Wahrheit seiner Worte litt keinen Zweifel, dieß fühlte sie deutlich, und die Erwähnung der einzelnen Umstände auf dem Ball in Netherfield erinnerte sie an alle ausgestandenen Qualen dieses Abends, an alle jene kleinen Verletzungen des Anstands, die auf ihn keinen stärkern Eindruck gemacht haben konnten, wie auf sie.

Das Compliment, welches er ihr und ihrer Schwester zollte, verfehlte seinen Zweck nicht ganz. Es schmeichelte ihr, wenn es sie auch nicht über die Verachtung trösten konnte, die sich der übrige Theil der Familie durch eignes Betragen zugezogen. Und als sie nun nach genauerer Ueberlegung zu der Erkenntniß gelangte, daß eben dieses unwürdige Betragen ihrer nächsten Verwandten hauptsächlich, und fast allein Schuld an Johannens getäuschter Hoffnung war – da fühlte sie sich so gebeugt und niedergedrückt, wie vorher noch nie im Leben.

Nachdem sie mit so verschiedenartigen Gedanken beschäfftigt; wohl gegen zwei Stunden in dem Heckengang auf und abgegangen war, mahnte sie endlich körperliche Ermüdung und die Erinnerung ihrer langen Abwesenheit hart an die Rückkehr; und sie betrat das Haus mit dem Bestreben, so heiter wie gewöhnlich auszusehen, und alle fremdartigen Gedankten zu verbannen, um Theil an der allgemeinen Unterhaltung nehmen zu können.

Sie ward mit der Nachricht empfangen, daß die beiden Herrn aus Rosings während ihrer Abwesenheit da gewesen; Darcy hatte nur Abschied genommen und sich wenige Minuten aufgehalten, Fitzwilliam hingegen länger als eine halbe Stunde auf ihre Rückkehr gewartet und dann das Haus verlassen, um sie im Park aufzusuchen. Elisabeth freute sich dieses Versehens, und war kaum im Stande, das erwartete Bedauern darüber auszusprechen. Sie hatte jetzt nur einen Gedanken, und dieser beschäfftigte sie mehr als ihr lieb war.

Vierzehntes Capitel

Die beiden Herrn verließen Rosings am nächsten Morgen, und Collins, der am Eingang des Parks Wache gehalten, um seine Abschiedsreverenz zu machen, konnte die erfreuliche Nachricht zu Hause bringen, daß die Reisenden so wohl und heiter ausgesehen, wie es nach einer so traurigen Scene, als der Abschied in Rosings, möglich sei. Hierauf eilte er selbst aufs Schloß, Lady Katharine und ihre Tochter zu trösten, und brachte zu seiner größten Freude eine Einladung von Ihrer Herrlichkeit von dort mit zurück. Sie fühlte sich so einsam und niedergeschlagen, daß sie den Mittag unmöglich allein zubringen konnte.

Lady Katharinens Anblick weckte mannigfache Erinnerungen in Elisabeths Seele. Sie lächelte bei dem Gedanken an den Zorn Ihrer Herrlichkeit, wenn sie ihr heute als zukünftige Nichte vorgestellt worden wäre. »Was würde sie gesagt, wie würde, sie sich hierbei benommen haben?«

Lady Katharine sprach zuerst von der Verminderung der Gesellschaft in Rosings. »Ich empfinde diesen Verlust schmerzlich; niemand leidet vielleicht so viel bei der Trennung von seinen Freunden, wie ich. Und bei dieser hauptsächlich, weil ich meine Neffen ungemein liebe, und auch weiß, daß sie mir von Herzen zugethan sind. Es that ihnen so leid, gehen zu müssen; aber das ist jedesmal der Fall. Der arme Oberst strengte sich an, heiter zu scheinen bis auf den letzten Augenblick; doch Darcy kam mir noch betrübter vor, wie im letzten Jahr. Seine Anhänglichkeit an Rosings nimmt immer zu.«

Collins benutzte die Pause, um ein Compliment und eine zarte Anspielung anzubringen, die von Mutter und Tochter mit huldreichem Lächeln aufgenommen wurden.

Lady Katharine machte nach dem Essen, die Bemerkung, daß Miß Bennet nicht heiter sei, welchen Umstand sie sich selbst durch ihre baldige Abreise zu erklären suchte

»Doch,« fügte sie hinzu, »wenn dieß die Ursache Ihrer Niedergeschlagenheit ist, so brauchen Sie ja nur um Verlängerung Ihres Urlaubs zu schreiben. Mrß. Collins wird sich gewiß freuen, Sie noch länger bei sich zusehen.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für diese gütige Einladung,« erwiederte Elisabeth, »doch steht es nicht in meiner Macht, Gebrauch davon zu machen. – Ich muß nächsten Sonnabend in der Stadt sein.«

»Dann wären Sie ja nur sechs Wochen hier gewesen! Ich glaubte, Sie würden zwei Monate bleiben, und äußerte dieß schon vor Ihrer Ankunft gegen Mrß. Collins. Ihre Abreise wird sich auch wohl noch 14 Tage verschieben lassen, indem Mrß. Bennet Sie gewiß noch so lange entbehren kann.«

»Meine Mutter wohl, aber mein Vater nicht. Er schrieb mir kürzlich, um meine Rückreise zu beschleunigen.«

»Pah! Ihr Vater wird Sie schon entbehren können, wenn es die Mutter kann. Die Gesellschaft der Töchter ist den Vätern gewöhnlich ziemlich gleichgültig. Und wenn Sie noch einen ganzen Monat zugeben wollen, kann ich eine von Ihnen bis London mitnehmen, wohin ich Anfang Juni auf 8 Tage zu gehen gedenke. Wenigstens glaube ich nicht, daß es hinsichtlich des Platzes Schwierigkeiten machen wird; und sollte kühle Witterung eintreten, könnte ich Sie vielleicht alle Beide mitnehmen, da Sie weder schwer sind, noch vielen Platz einnehmen.«

»Sie sind außerordentlich gütig, Madam; aber ich glaube, wir müssen dennoch bei unserm ersten Plan bleiben.«

Lady Katharine schien resignirt. – »Mrß. Collins, Sie werden doch den Damen einen Bedienten mitgeben? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, zwei junge Mädchen allein mit der Post reisen zu lasen. Es ist höchst unschicklich. Sie müssen es möglich machen, ihnen Jemand mitzuschicken. Ich habe den größten Widerwillen gegen ein solches Hinwegsehen über das Decorum. Junge Damen sollten eigentlich nie anders, als in passender Gesellschaft reisen. Als mich meine Nichte, Georgine Darcy, vorigen Sommer besuchte, machte ich vorher aus, daß sie von zwei männlichen Bedienten begleitet sein sollte. – Miß Darcy, die Tochter Herrn Darcy's von Pemberley und Lady Annens, konnte schicklicher Weise nicht ohne geringere Begleitung reisen. – Ich bin sehr aufmerksam auf solche Dinge. Mrß. Collins, Sie müssen den jungen Damen Ihren Johann mitgeben. Es freut mich, daß ich noch in Zeiten daran dachte, es würde Ihnen übel ausgelegt worden sein, wenn Sie sie hätten allein fahren lassen.«

»Mein Onkel wird uns einen Bedienten mitschicken.«

»Ihr Onkel! – Ihr Onkel hält also einen Bedienten, das ist mir lieb zu hören, und ich freue mich, daß er daran gedacht hat. So werden Sie Pferde wechseln? Wahrscheinlich in Bromley. – Wenn Sie meinen Namen dort nennen, wird man Sie gut und schnell bedienen.«

Lady Katharine hatte noch manche Frage in Betreff ihrer Reise zu thun; und da sie sie nicht alle selbst beantwortete, mußte ihr einige Aufmerksamkeit gewidmet werden, welchen Zwang Elisabeth für gut erkannte, indem sie sonst mit ihrem zerstreuten Sinn leicht vergessen haben könnte, wo sie war. Das Geschäft, Betrachtungen und Ueberlegungen anzustellen, behielt sie sich für einsame Stunden vor; und so oft sie sich allein sah, wurde dasselbe immer wieder von Neuem vorgenommen. Kein Tag verging, an dem sie nicht einen abgelegenen Spaziergang gesucht, und sich in trüben Erinnerungen verloren hätte.

Darcy's Brief war sie auf dem besten Wege auswendig zu lernen. Sie studirte jeden Satz darin, und ihre Empfindungen gegen den Schreiber wechselten so oft wie ihre Stimmung. Wenn sie an den Ton und die Art und Weise seines Antrags dachte, fühlte sie ihr Herz immer noch von Unwillen erfüllt. Doch wenn sie dagegen überlegte, wie ungerecht sie ihn verdammt und angeklagt hatte, fiel ihr Zorn auf sie selbst zurück, und seine getäuschten Erwartungen wurden ein Gegenstand ihres Mitleids. Seine Liebe heischte Dankbarkeit, sein Charakter Achtung; aber sie konnte sein Verfahren nicht billigen. Auch empfand sie keinen Augenblick Reue über ihre abschlägige Antwort, noch hatte sie den Wunsch, ihn je wieder zu sehen. Die Rückerinnerung an ihr eignes Betragen ward ihr zur steten Quelle des Grams und des Aergers, und der Gedanke an die unverbesserlichen Fehler ihrer Familie erfüllte sie mit banger Sorge für die Zukunft. Ihr Vater begnügte sich damit, über die Thorheiten der Seinigen zu lachen, und that nichts dazu, den grenzenlosen Leichtsinn seiner jüngern Töchter zu steuern; und ihre Mutter, deren eignes Benehmen so weit vom rechten Weg abwich, ahnete nicht, daß irgend etwas Unrechtes geschah. Elisabeth hatte schon oft, von Johannen unterstützt, versucht, Katharinen und Lydien auf ihre unvernünftige Handlungsweise aufmerksam zu machen. Doch was ließ sich hiervon bei der mütterlichen Nachsicht und Verblendung erwarten? Katharine, schwach, empfindlich und ganz von Lydiens Willen abhängend, hatte sich immer durch ihre Rathschläge und Warnungen beleidigt gefühlt, während die eigensinnige, leichtfertige Lydia sie kaum angehört. Sie waren unwissend, faul und eitel – fest entschlossen, sich so lange die Cour machen zu lassen, als noch ein Offizier in Meryton war, und dieser Lieblingsort ihnen erreichbar blieb.

Auch der Gedanke an Johannen erfüllte Elisens Gemüth mit Sorge und Betrübniß; und Darcy's Erklärung, wodurch Bingley in ein helleres Licht getreten, und ihre frühere gute Meinung von Neuem erlangt hatte, machte seinen Werth und Johannens Verlust erst recht fühlbar. daß seine Liebe aufrichtig gewesen, war jetzt unbezweifelt; auch stand sein späteres Betragen, die große Nachgiebigkeit in den Willen seines Freundes abgerechnet, tadellos und gerechtfertigt vor ihren Augen, wie niederschlagend war daher der Gedanke, daß Johanne durch die Thorheiten und Unziemlichkeiten ihrer eignen Familie um das Glück ihres Lebens gebracht worden war!

Gesellen wir noch zu diesen Betrachtungen das schmerzliche Gefühl über die Enthüllung von Wickhams Charakter; so ist es leicht begreiflich, daß die fröhliche Laune unsrer Elisabeth, die sonst nicht leicht durch etwas getrübt werden konnte, jetzt manchmal von ihr wich, und es ihr schwer wurde, nur einiger Maaßen heiter zu scheinen,

Die Gesellschaften in Rosings erfolgten die letzte Woche ihres Aufenthalts in Hunsford eben so oft, wie vor dem Besuch der Neffen. Sogar der letzte Abend ward daselbst zugebracht, und Lady Katharine unterließ nicht, sich nochmals nach den geringfügigsten Umständen ihrer Reise zu erkundigen, so wie ihnen die beste Methode des Einpackens zu lehren. Ja, sie sprach so eindringlich von der Nothwendigkeit, die Kleider auf die einzig rechte Manier einzupacken, daß sich Marie verpflichtet hielt, das Werk des Morgens nach ihrer Zurückkunft zu zerstören, und ihren Koffer nach der vorgeschriebenen Weise umzupacken.

Beim Abschied wünschte Lady Katharine ihnen mit großer Herablassung eine glückliche Reise, und lud sie ein, nächstes Jahr wieder nach Hunsford zu kommen; und Miß von Bourgh strengte sich so weit an, eine Verbeugung zu machen, und ihnen die Hand beim Scheiden zu reichen.

Funfzehntes Capitel

Am Morgen des Sonnabends, als Elisabeth vor dem Frühstück einige Minuten allein mit Herrn Collins zusammentraf, benutzte er die Gelegenheit, ihr diejenigen Abschiedshöflichkeiten zu erzeigen, die er für unumgänglich nöthig hielt.

»Ich weiß nicht, Miß Elisabeth,« hub er an, »ob Mrß. Collins Ihnen schon unsern Dank für Ihre Güte, uns zu besuchen, abgestattet hat; wo nicht, wird sie sicher nicht unterlassen, es zu thun, bevor Sie aus unserm Hause scheiden. Wir erkennen Beide, welch ein Opfer Sie uns gebracht haben, indem unsre demüthige Wohnung nichts enthält, was eine junge Dame anzuziehen vermöchte. Unsre einfache Lebensweise, unsre kleinen Zimmer, unsre geringe Dienerschaft und wenige Nachbarschaft machen Hunsford allerdings zu einem etwas einförmigen Aufenthalt; doch hoffe ich, daß Sie von unsrer Erkenntlichkeit überzeugt sind, so wie von unserm guten Willen, nach besten Kräften für Ihr Vergnügen gesorgt zu haben.«

Elisabeth benutzte die Pause, welche sich ihr Vetter zum Athemholen gestattete, um ihn mit Versicherungen ihres Danks und ihrer Zufriedenheit zu erfreuen. Sie hatte sechs Wochen in Charlottens angenehmer Gesellschaft zugebracht, und die von ihr erhaltenen Beweise zarter Aufmerksamkeit verpflichteten sie zum herzlichsten Dank. Collins fühlte sich befriedigt, und fuhr mit zunehmender Feierlichkeit fort:

»Es macht mich sehr glücklich, zu hören, daß Sie Ihre Zeit nicht unangenehm hier verlebt haben. Es war unser Bestreben, das Mögliche hierzu beizutragen, und glücklicher Weise stand es in unsrer Macht, Sie in die beste, vornehmste Gesellschaft einzuführen. Unsre Bekanntschaft mit der Familie von Bourgh, die häufige Gelegenheit, unsre geringe Wohnung mit den Prachtgemächern von Rosings zu vertauschen, gewährt mir die schmeichelhafte Versicherung, daß Ihr Aufenthalt in Hunsford nicht ganz traurig gewesen sein kann. Unsre Stellung zu Ihrer Herrlichkeit und deren Familie ist in der That ein so seltner Vorzug, eine solche Auszeichnung, wie wenig Andre sich rühmen können. Sie sehen, auf welchem Fuß wir mit Lady Katharine stehen, wie oft wir nach Rosings eingeladen werden! Solche Vortheile sind wohl im Stande, uns für die wenigen kleinen Nachtheile unsrer Lage zu entschädigen.«

Er fand keine Worte mehr für seine Gefühle, und ging, sich zu erholen, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, während sich Elisabeth bemühte, Höflichkeit und Wahrheit auf einige wenige kurze Sentenzen zu vereinigen.

Collins hatte sich unterdessen erholt und fuhr nun fort;

»Sie können hoffentlich einen günstigen Bericht von unserm Leben in Hertfordshire abstatten, meine theure Cousine! wenigstens schmeichele ich mir, daß Sie es thun werden. Von Lady Katharinens außerordentlicher Aufmerksamkeit gegen Mrß. Collins sind Sie täglich Zeuge gewesen; überhaupt wird es Ihnen gewiß deutlich geworden sein, daß Ihre Freundin in keiner Hinsicht ein unglückliches – doch über diesen Punkt möchte es rathsamer sein zu schweigen. Erlauben Sie mir nur, verehrteste Miß Elisabeth! hinzuzufügen, daß mein Herz keinen sehnlicheren Wunsch hegt, als Sie eben so glücklich verheirathet zu sehen. Meine theure Charlotte und ich haben ganz gleiche Wünsche und gleiche Gesinnungen, sind so zu sagen ein Herz und eine Seele. Es findet eine so merkwürdige Aehnlichkeit des Charakters und der Ideen bei uns Statt, daß es mir immer klarer wird, wie wir so ganz für einander geschaffen sind.«

Elisabeth konnte leichten Herzens ihre Freude über solche Uebereinstimmung und häusliche Glückseligkeit aussprechen; doch war sie im Grunde froh, als ihre eintretende Freundin dem Wortschwall ihres Vetters ein Ende machte. Arme Charlotte! – Es war ein trauriger Gedanke, sie in dieser Gesellschaft allein zurückzulassen! Aber sie hatte ihr Loos selbst, und mit offnen Augen erwählt, und obgleich es ihr leid that, Elisens Gesellschaft zu verlieren, schien sie doch nicht des Mitleids zu bedürfen. Ihr Haus und ihre Wirthschaft, ihr Kirchspiel und ihr Federvieh, und alle ihre andern wichtigen oder unwichtigen Angelegenheiten hatten den Reiz der Neuheit noch nicht für sie verloren.

Endlich war der Wagen vorgefahren, die Koffer und Packete aufgebunden, die Schachteln auf dem Rücksitz befestigt. Nach einem herzlichen Abschied von Charlotten begleitete Herr Collins seine Gäste an den Wagen, indem er Elisen noch seine achtungsvollsten Grüsse an ihre ganze Familie, an Herrn und Mrß. Gardiner unbekannter Weise, und eine Wiederholung seines herzlichsten Danks für alle frühere, ihm in Longbourn erwiesene Güte und Freundlichkeit auftrug. Dann hob er erst sie, hierauf Marien in den Wagen und machte die Thür mit einer tiefen Verbeugung zu, als ihm plötzlich mit Schrecken einfiel, daß sie vergessen, ihm ihre Aufträge an die Damen in Rosings zu hinterlassen.

Sie werden mir unfehlbar auftragen, Lady Katharine und Miß von Bourgh Ihre unterthänigsten Empfehlungen, nebst dem verbindlichsten Dank für die Ihnen während ihres hiesigen Aufenthaltes bezeigte Güte, zu hinterbringen.«

Elisabeth hatte nichts dagegen einzuwenden, und somit setzte sich der Wagen in Bewegung.

»Mein Gott!« rief Marie nach einem kurzen Schweigen, »kommt es mir doch vor, als wenn wir erst vor zwei Tagen hier angelangt wären und wie vieles hat sich doch in dieser Zeit zugetragen!«

»Allerdings sehr viel!« entgegnete ihre Reisegefährtin mit einem Seufzer – »Wir haben neunmal in Rosings zu Mittage gespeist, und außerdem noch zwei Mal Thee dort getrunken! – Wie viel werden sich zu erzählen haben! Und wie viel zu verschweigen!« fügte sie leise hinzu.

Ohne viel Worte von beiden Seiten und ohne irgend einen Anstoß erreichten sie nach einer vierstündigen Fahrt Herrn Gardiners Haus, woselbst sie einige Tage zu bleiben gedachten.

Johanne sah wohl aus, und Elisabeth fand in dem steten Wirbel der Zerstreuungen, welche ihre gütige Tante zu ihrer Unterhaltung angeordnet, wenig Gelegenheit, ihr Inneres zu ergründen. Aber Johanne sollte sie in die Heimath zurückbegleiten, und in Longbourn blieb ihr Zeit und Muße genug zu solchen Beobachtungen.

Nicht ohne Anstrengung wartete sie ihre Ankunft in Longbourn ab, um der Schwester Herrn Darcy's Antrag mitzutheilen. Im Besitz eines Geheimnisses zu sein, welches, wie sie wohl wußte, Johannen in das höchste Erstaunen versetzen würde, und das zu gleicher Zeit dem Rest ihrer Eitelkeit, den sie noch nicht hinweg zu vernünfteln im Stande gewesen, so wohl that, ein solches Geheimniß mehrere Tage mit sich herumzutragen, war wirklich keine Kleinigkeit. Aber erstlich fand sich zu dieser Mittheilung weder eine passende Stunde noch Stimmung, und dann war sie noch nicht selbst mit sich übereingekommen, ob und wieviel sie der Schwester von Bingley und dessen Unschuld verkünden sollte.

Sechzehntes Capitel

Es war in der zweiten Woche des May's, als die drei jungen Damen London verließen. In einer kleinen Stadt in Hertfordshire sollten sie die Bennet'sche Equipage finden, und als sie sich dem bezeichneten Wirthshause näherten, fanden sie Kitty und Lydia ihrer wartend an einem Fenster in der obern Etage stehen. Sie waren schon vor einer Stunde angelangt, und hatten sich die Zeit unterdessen durch einen Besuch in dem nächsten Kaufladen, und mit der Zubereitung eines Sallats zu vertreiben gesucht.

Nachdem sie die Schwestern bewillkommt, zeigten sie ihnen triumphirend einen gedeckten Tisch mit allerhand kalten Speisen. »Ist das nicht eine allerliebste Ueberraschung?« sagte Lydia. »Und wir hatten die Absicht, Euch Alle zu bewirthen; nun aber müßt Ihr uns das Geld zu diesem Gastmahl borgen, denn wir haben das unsrige eben in dem nächsten Laden ausgegeben. Schaut her, was wir gekauft. Diese Haube ist zwar nicht sehr schön, ich habe sie aber doch genommen, und will sie nun zu Hause auseinander nehmen, und ihr eine andre Gestalt geben.«

Und als die Schwestern sie für ausnehmend häßlich erklärten, fügte sie lachend hinzu: »O, es waren noch viel häßlichere im Laden. Ich denke, wenn ich neuen Atlas kaufe und sie damit aufputze, kann sie doch noch recht leidlich werden. Auch kömmt ja nichts darauf an, wie man diesen Sommer aussieht, wenn das Landwehrregiment Meryton verlassen hat, was in 14 Tagen geschieht.«

»Ist das gewiß?« rief Elisabeth mit dem Ausdruck der Freude.

»Es ist in die Nähe von Brighton verlegt; und ich werde Papa bitten, daß er diesen Sommer mit uns dorthin geht! Es ist ein charmanter Plan, der auch wenig oder gar nichts kosten kann. Ich bin überzeugt, Mamma geht gern mit. Bedenkt nur, was für einen elenden Sommer wir hier verleben würden!«

»Ja,« dachte Elisabeth, »
das wäre ein charmanter Plan, ganz für uns gemacht. Großer Gott! Brighton und ein ganzes Lager voll Offiziere für uns, deren Köpfe schon durch ein einziges armes Landwehrregiment und einige wenige Bälle in Meryton verrückt worden sind.«

»Ich habe noch einige andre Neuigkeiten für Euch,« sagte Lydia, indem sie sich zu Tisch setzten. »Was glaubt Ihr wohl? Herrliche, vortreffliche Neuigkeiten! und von einer gewissen Person, die wir alle sehr lieben.«

Johanne und Elisabeth sahen sie an, und geboten hierauf dem Aufwärter fortzugehen, Lydia sagte lachend:

»Daran erkenne ich Deine Förmlichkeit und Vorsicht. Der Aufwärter sollte wohl nicht hören, was ich eben erzählen will! Mir ist es lieb, daß er fort ist – ich sah noch nie ein so häßliches Gesicht, ein solches ellenlanges Kinn! Doch wieder auf meine Nachrichten zu kommen, sie betreffen unsern Liebling, Wickham. Merk wohl auf, Lizzy! Er ist der Gefahr, Marie King zu heirathen, entgangen. Sie ist nach Liverpool zu ihrem Onkel gereist, um dort zu bleiben. Wickham ist gerettet.«

»Und Maria King ist gerettet!« fügte Elisabeth hinzu; »gerettet aus der Gefahr, eine unvernünftige Heirath zu schließen.«

»Wenn sie ihn wirklich gern hat, ist sie eine große Thörin, jetzt gerade wegzureisen.«

»Hoffentlich findet von beiden Seiten keine besondere Neigung Statt,« bemerkte Johanne.

»Von seiner Seite gewiß nicht,« entgegnete Lydia. »Dafür will ich einstehen; er bekümmerte sich nie viel um sie. Wer kann sich auch um solch ein kleines, garstiges, dickes Ding bekümmern?«

Elisabeth entsetzte sich über die Rohheit ihrer Schwester, schwieg jedoch, um dem Gespräch keine neue Nahrung zu geben. Nachdem die kleine Gesellschaft ihre Mahlzeit beendet, und die älteren Schwestern die Zeche bezahlt hatten, wurden alle Packete und Schachteln, nebst der unwillkommenen Zugabe von Kitty's und Lydiens Einkäufen, wieder eingepackt, worauf der Wagen fortfuhr.

»Wie eng sitzen wir hier eingepreßt!« sagte Lydia. »Es ist nur gut, daß ich die Haube kaufte, damit wir noch eine Schachtel mehr mit im Wagen haben. Jetzt wollen wir aber recht lustig sein, und schwatzen, und lachen, bis wir nach Longbourn kommen. Zuerst müßt Ihr erzählen, was sich mit Euch zugetragen, seit Ihr fort seid. Habt Ihr liebenswürdige junge Herrn kennen gelernt? Ist Euch die Cour gemacht worden? Ich glaubte, Johanne würde sich vielleicht unterdessen in London verheirathen und uns damit überraschen, daß sie als junge Frau zurückkäme. Das wäre ein Spaß gewesen! Alt genug ist sie dazu – schon 23 Jahr! – Meine Tante Philips sagte neulich, Lizzy würde besser gethan haben, den Vetter Collins zu heirathen! aber ich sehe nicht ein, was das für ein Glück gewesen wäre! Himmel! wenn ich mich früher verheirathete als Ihr, und Euch dann unter meinem Schutz mit auf die Bälle nähme! ich könnte mir keinen größern Spas denken! – Neulich hatten wir einen sehr vergnügten Tag bei Oberst Forsters – Ihr müßt nämlich wissen, daß Mrß. Forster und ich intime Freundinnen sind – Kitty und ich waren erst allein dort; da uns Mrß. Forster aber zum Abend einen kleinen Tanz versprochen hatte, lud sie noch die beiden Harringtons ein. Henriette war krank und so mußte ihre Schwester allein kommen. Um uns die Zeit zu vertreiben bis zur Ankunft der Herrn, verkleideten wir den einzigen, der bei uns war, Chamberleyne, als Dame. Niemand wußte um das Geheimniß als Oberst Forster und seine Frau, Kitty und ich und die Tante Philips, die ihre Kleider dazu hergeben mußte. Er sah allerliebst aus, und als nun Denny, Wickham, Pratt und noch mehrere andre Officiere kamen, begriffen sie ihn als eine Dame, und würden ihn sicher nicht so bald erkannt haben, wenn wir nicht fast vor Lachen gestorben wären, und dadurch den Spas verrathen hätten.«

Mit diesen und ähnlichen Geschichten suchte Lydia, von Kitty unterstützt, ihre Schwestern zu unterhalten, bis sie Longbourn erreichten. Elisabeth achtete so wenig wie möglich auf ihr Geschwätz, ward aber dennoch oft unangenehm durch die Erwähnung von Wickhams Namen berührt.

Der Empfang im älterlichen Hause war sehr liebevoll. Mrß. Bennet freute sich, Johannen in unverminderter Schönheit wieder zu sehen, und Herr Bennet äußerte während des Mittagsessens mehrere Mal seine Freude über Elisens Zurückkunft.

Die Gesellschaft im Eßzimmer war ziemlich groß geworden, indem sich fast die ganze Familie Lukas eingefunden hatte, Marien abzuholen, und die neuesten Nachrichten von Charlotten zu hören. Lady Lukas fragte Marien über den Tisch herüber nach dem Befinden ihrer ältesten Tochter und ihres Federviehs; Mrß. Bennet war auf doppelte Weise beschäfftigt. Auf der einen Seite erforschte sie von Johannen die neuesten Moden, und auf der andern theilte sie das eben Gehörte der jüngern Miß Lukas mit, während Lydia, alle andern überschreiend, die Abentheuer und Freuden des heutigen Morgens berichtete.

»Marie!« sagte sie zu ihrer Schwester, »ich wollte, Du wärst mit uns gewesen! Erstlich machten Kitty und ich alle Fenster zu, damit man glauben sollte, es sei niemand im Wagen; und wäre Kitty nicht übel geworden, hätten wir den Spas noch länger fortgetrieben. Im Gasthof bewirtheten wir die drei Ankömmlinge mit dem ausgesuchtesten kalten Frühstück, wovon Du ebenfalls Deinen Antheil bekommen hättest, wenn Du mit gewesen wärst. Als es nun zum Einsteigen kam, war der Wagen so voll Schachteln und Pakete, daß wir kaum sitzen konnten; wir zwängten uns aber doch hinein, und waren unterwegs so lustig, erzählten und lachten so laut, daß man uns gewiß zehn Meilen weit gehört hat.«

»Fern sei es von mir, meine liebe Schwester!« entgegnete Marie mit feierlichem Ernst, »solche Vergnügungen herabsetzen zu wollen; sie sind ohne Zweifel von der Beschaffenheit, dem gewöhnlichen weiblichen Charakter zuzusagen. Doch muß ich für meinen Theil gestehen, daß Freuden dieser Art keinen Reiz für mich haben, und daß ich ein gutes Buch weit vorziehe.«

Von dieser salbungsreichen Antwort hörte Lydia indessen kein Wort. Sie pflegte selten länger als eine halbe Minute zuzuhören, und Mariens Reden nie.

Nach dem Essen schlug sie einen Spaziergang nach Meryton vor, den die andern jungen Mädchen auch bereitwillig annahmen. Elisabeth aber widersetzte sich demselben standhaft; es sollte nicht heißen, daß die Miß Bennets kaum einen halben Tag zurückgekehrt sein konnten, ohne die Gesellschaft der Officiere zu suchen. Auch hatte sie noch einen geheimen Grund. Sie fürchtete, Wickham wieder zu sehen, und wollte dies so lange als möglich vermeiden. Die bevorstehende Verlegung des Regiments erfüllte sie mit Freude. Nur noch 14 Tage sollte es in Meryton bleiben, und diese, kurze Frist hoffte sie glücklich zu überstehen.

Ehe der Tag zu Ende ging, hatte sie schon Gelegenheit zu bemerken, daß der Plan mit Brighton, dessen Lydia schon unterwegs erwähnt, bereits mehrere Mal zwischen ihren Eltern zur Sprache gekommen war. Sie sah deutlich, daß ihr Vater keineswegs gesonnen schien, darauf einzugehen; doch pflegte er seine Antworten immer so unbestimmt und zweideutig einzurichten, daß Mrß. Bennet, obgleich manchmal muthlos gemacht, dennoch die Hoffnung, ihn endlich noch dazu zu bestimmen, nicht ganz aufgegeben hatte.

Siebzehntes Capitel

Jetzt trug Elisabeth die Ungeduld, Johannen von allem Vorgefallenen zu unterrichten, nicht länger. Entschlossen ihr nichts von dem mitzutheilen, was Bezug auf sie und Bingley hatte, erzählte sie ihr am folgenden Morgen nur, was sich zwischen ihr und Darcy zugetragen.

Miß Bennets Erstaunen war anfänglich zwar groß; jedoch vermöge ihrer schwesterlichen Vorliebe, die jede, Elisen bezeigte Huldigung natürlich fand, nicht von langer Dauer. Sie beklagte, daß Darcy seine Empfindungen auf eine so wenig empfehlende Weise ausgesprochen, und betrübte sich noch mehr über den Gram, welchen ihrer Schwester Antwort ihm nothwendig gemacht haben müßte.

»Sein Sicherheitsgefühl, die feste Ueberzeugung einer günstigen Aufnahme seines Antrags, waren allerdings tadelnswerth;« sagte Johanne, »wenigstens hätte er solche Voraussetzung nicht durch Mienen und Worte verrathen dürfen, aber bedenke nun auch, wie viel empfindlicher ihn Deine Antwort schmerzen, die getäuschte Erwartung niederschlagen mußte.«

»Freilich,« entgegnete Elisabeth, »es thut mir in dieser Hinsicht auch leid; aber in ihm sind dagegen manche andre Gefühle, die ihm die erlittene Kränkung bald vergessen machen werden. Du kannst mich doch nicht tadeln, seinen Antrag abgewiesen zu haben?«

»Tadeln! O, nein.«

»Aber Du tadelst mich darüber, daß ich mit so viel Wärme von Wickham gesprochen.«

»Auch nicht – ich glaube nicht, daß Du Unrecht thatest, darüber zu sprechen.«

»Aber Du wirst Dich davon überzeugen, wenn ich Dir erzählt habe, was sich Tages drauf zugetragen.«

Und somit theilte sie ihr alle, Georg Wickham betreffende Umstände aus dem Briefe mit.

Johanne war wie vom Schlag getroffen. Ihr so kindlich frommer Sinn hatte es nicht für möglich gehalten, eine solche Masse von Schlechtigkeit in einem Individuum vereinigt zu sehen. Auch war Darcy's Rechtfertigung, obgleich ihrem Gefühl sehr wohlthätig, keineswegs im Stande, sie über diese Entdeckung zu trösten. Mit dem Ernst eines festen Willens versuchte sie nun, die Wahrscheinlichkeit irgend eines obwaltenden Mißverständnisses darzuthun, und bemühte sich, den einen zu
entschuldigen, ohne den andern zu
beschuldigen.

»Das wird Dir nicht gelingen,« sagte Elisabeth, »es ist unmöglich, sie Beide für unschuldig zu erklären. Wähle daher, aber laß es bei dem Einen bewenden. Hier ist gerade Verdienst genug, um einen guten Mann daraus zu machen; für zwei wäre es schon nicht hinreichend. Ich meinerseits fühle mich nun geneigt, es Herrn Darcy zuzuschreiben, doch Du kannst es damit halten, wie Du Lust hast.«

Es dauerte eine geraume Weile, ehe es Elisen wieder gelang, ihrer Schwester ein Lächeln abzugewinnen.

»Ich kann mich nicht erinnern, jemals so erschrocken gewesen zu sein, wie bei dieser Nachricht. Wickham so schlecht! so über alle Begriffe schlecht! Und der arme Darcy! – Bedenke nur, Lizzy! wie viel er gelitten haben muß. Solch eine bittre Täuschung! Und dazu noch die Ueberzeugung Deiner schlechten Meinung von ihm, und die traurige Nothwendigkeit, die Verirrung seiner Schwester einzugestehen! Armer; armer Darcy! Seine Lage ist wirklich schrecklich – das fühlst Du doch gewiß auch?«

»O, nein! mein Bedauern und mein Mitleid sind jetzt ganz vorüber, da ich Dich so voll davon sehe. Du wirst ihm gewiß so vollkommne Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß ich immer ruhiger und gleichgültiger darüber denken kann. Das Uebermaaß Deines Gefühls läßt mich das meinige sparen; und wenn ich Dich noch länger über ihn jammern höre, wird mein Herz bald so leicht wie eine Feder sein.«

»Armer Wickham! es ist solch ein Ausdruck von Güte in seinen Zügen! so viel Offenheit und Sanftmuth in seinem Wesen.«

»Bei der Erziehung dieser beiden jungen Leute hat offenbar eine schlechte und ungerechte Vertheilung der guten Eigenschaften Statt gefunden. Der eine hat alle Güte, und der andre nur den Schein derselben erhalten.«

»Ich habe Herrn Darcy nie des Scheins so sehr mangelnd gefunden, wie Du.«

»Und ich meinte mich ungewöhnlich klug zu bezeigen durch den grundlosen Widerwillen gegen ihn. Du glaubst nicht, welch ein Sporn für den Geist, welch eine Veranlassung zum Witz es ist, eine Abneigung dieser Art zu haben. Man kann immer anzüglich sein, ohne etwas Wahres zu sagen; aber man kann nicht immer über einen Mann lachen, ohne dann und wann auf den rechten Punkt zu stoßen, und etwas sehr Witziges zu sagen.«

»Lizzy, beim ersten Lesen des Briefs hast Du die Sache doch gewiß nicht auf diese Weise behandelt.«

»Nein, wahrlich nicht! Ich war sehr unglücklich darüber. Und wie verlassen fühlte ich mich! Du fehltest mir, meine theure Schwester! Ich sehnte mich nach Deinem Trost, und war fest überzeugt, daß Du mich für weit weniger schwach, eitel und albern erklären würdest, als ich nach eigner Ueberzeugung gewesen bin.«

»Es ist allerdings sehr unangenehm, daß Du Dich so starker Ausdrücke im Gespräch aber Wickham gegen Darcy bedientest, da sie jetzt nun ganz unverdient erscheinen.«

»Gewiß. Aber die Bitterkeit meiner Worte war die natürliche Folge der Vorurtheile, die mir beigebracht worden waren. Ueber einen Punkt wünschte ich Deinen Rath zu hören. Ich möchte wissen, ob ich unsern Bekannten mittheilen soll, was ich von Wickhams Charakter erfahren habe, oder nicht?«

Johanne überlegte einige Augenblicke und erwiederte dann: »Ich sehe nicht ein, wozu es nützen soll, ihn auf diese schreckliche Weise Preis zu geben. Doch, was ist Deine Meinung?«

»daß es besser sein wird, ganz darüber zu schweigen. Darcy hat mich nicht beauftragt, seine Mittheilungen öffentlich bekannt zu machen, im Gegentheil dringend gebeten, die seine Schwester betreffenden Umstände als Geheimniß zu bewahren. Und wenn ich es ohne dieselben versuchen wollte, die Menschen aus ihrem Irrthum zu ziehen, würden sie mir am Ende nicht glauben. Darcy hat die allgemeine Stimme so sehr gegen sich, daß es den guten Einwohnern von Meryton den Tod bringen würde, sich ihn in einem liebenswürdigen Licht vorstellen zu müssen. Einem solchen Unternehmen fühle ich mich nicht gewachsen. Ueberdem wird Wickham diese Gegend nun bald verlassen; und dann geht es ja keinen Menschen mehr etwas an, ob sein Charakter gut oder schlecht ist. Früher oder später muß die Wahrheit doch ans Licht kommen, und dann wollen wir über der Leute geringen Scharfsinn, dieß nicht früher bemerkt zu haben, lachen, für den Augenblick aber schweigen.«

»Du hast Recht. Eine unzeitige Publicität würde ihn völlig ins Verderben stürzen. Jetzt bereut er vielleicht, was er gethan, und bemüht sich, es wieder gut zu machen. – Wir dürfen ihn nicht zum Aeußersten bringen.«

Elisabeth fühlte sich beruhigter in ihrem Innern nach dieser Unterredung. Zwei Geheimnisse hatten während der letzten 14 Tage wie eine drückende Last auf ihrem Herzen gelegen; diese waren jetzt abgewälzt, und sie fand in Johannen eine stets bereitwillige Hörerin, so oft sie über diese Gegenstände mit ihr zu sprechen wünschte. Nur ein Umstand störte ihre vertrauliche Unterhaltung. Die Klugheit verbot ihr, der Schwester die andre Hälfte von Darcy's Brief mitzutheilen. Sie durfte nicht erfahren, wie herzlich und innig sie von Bingley geliebt gewesen, ja vielleicht noch immer geliebt wurde. Eine solche Entdeckung konnte ihrer Ruhe gefährlich werden. Vielleicht war ihr vom Schicksal noch die Freude beschieden, eine solche Erklärung aus seinem eignen Munde zu hören; aber bis zu diesem glücklichen Augenblick mußte Elisabeth schweigen, und sie that es mit Widerstreben.

Sie war nun wieder vollkommen in der Heimath eingewohnt, und im Stande, ihre Schwester genauer zu beobachten. Johanne schien nicht glücklich zu sein, die Erinnerung an Bingley störte ihren Frieden. Mit ihm hatte sie die Liebe kennen gelernt; in ihm sah sie das Ideal männlicher Vollkommenheit; und selbst sein unerklärliches Benehmen, seine anscheinende Gleichgültigkeit vermochten nicht sein Andenken zu schwächen. Konnte sie ihn auch nicht mehr entschuldigen, so fühlte sie sich doch unfähig, sein Bild aus ihrem Herzen zu reißen; und eine innere leise Stimme flüsterte ihr zu, daß er einst noch gerechtfertigt vor ihr stehen würde.

Mrß. Bennet äußerte sich mehrere Mal in ihrer bekannten Manier gegen Elisen über den Herzenszustand ihrer ältesten Tochter, erlangte jedoch von dieser keine befriedigende Auskunft, und hörte nur die trostlosen Umstände bestätigt, daß Johanne Herrn Bingley in London nicht gesehen, und daß derselbe schwerlich je wieder nach Netherfield zurückkehren würde.

Achtzehntes Capitel

Die erste Woche nach ihrer Zurückkunft war auf diese Weise vergangen. Das Regiment hatte nochmals Ordre bekommen, Meryton binnen 8 Tagen zu verlassen, und alle jungen Damen in der ganzen Nachbarschaft härmten sich zusehends. Es herrschte eine allgemeine Betrübniß. Nur die beiden ältesten Miß Bennets waren noch im Stande zu essen, zu trinken, zu schlafen, und ihren gewöhnlichen Beschäfftigungen nachzugehen. Dafür wurden sie aber auch oft der Gefühllosigkeit von Kitty und Lydia beschuldigt, deren Jammer keine Gränzen kannte, und die einen solchen Grad von Hartherzigkeit nicht zu fassen vermochten.

»Barmherziger Himmel! Was soll aus uns werden! Was sollen wir beginnen!« riefen sie oft im Uebermaaß ihres Schmerzes. »Lizzy! wie kannst Du nur noch lachen?« – Die zärtliche Mutter theilte ihren Gram; sie gedachte ihrer eignen Jugend und erinnerte sich vor 25 Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit eben so viel gelitten zu haben. »Ich weiß noch ganz genau,« sagte sie, »daß ich zwei Tage geweint habe, als Oberst Millar's Regiment wegging. Ich glaubte, mein Herz würde brechen.«

»Ich bin überzeugt, daß das meinige brechen wird,« sagte Lydia.

»Wenn man nur den Trost hätte, nach Brighton zu gehen,« bemerkte die Mutter.

»Ja, freilich – wenn wir nach Brighton gingen,« seufzte Lydia. »Aber Papa ist so eigensinnig!«

»Das Seebad würde meinen armen Nerven sehr heilsam sein.«

»Und Tante Philips ist überzeugt, daß es mir ebenfalls gut thun würde,« fügte Kitty hinzu.

Solche Klagelieder ertönten jetzt häufig in Longbourn. Elisabeth bemühte sich, die Sache von der lächerlichen Seite zu betrachten; aber das Gefühl der Schaam war überwiegend. Noch nie hatte sie die Richtigkeit von Darcy's Einwendungen in diesem Grade erkannt, sich noch nie so geneigt gefühlt, ihm Verzeihung wegen seiner Einmischung in Bingley's Angelegenheiten zu gewähren.

Die dunklen Wolken, die sich über Lydiens sonst so heitern Horizont gezogen hatten, sollten nicht von langer Dauer sein. Sie erhielt eine Einladung von Mrß. Forster, der Frau des Obersten des Regiments, sie nach Brighton zu begleiten. Diese unschätzbare Freundin war eine ganz junge, erst kürzlich verheirathete Frau. Eine gewisse Aehnlichkeit der Gesinnungen und des Temperaments hatte Beide zu einander geführt, und sie nach einer dreimonatlichen Bekanntschaft zu unzertrennlichen Gefährtinnen gemacht.

Lydiens Entzücken, ihr Lobpreisen der unvergleichlichen Freundin, Mrß. Bennets Freude und Kitty's Verdruß waren nicht zu beschreiben. Ohne Rücksicht auf die Gefühle ihrer Schwester stürmte sie mit lauten Ausbrüchen der Wonne durch das ganze Haus, alle Glieder desselben zu Glückwünschen auffordernd, heftiger lachend und dümmer schwatzend wie je; während die trostlose Kitty, still brütend über ihr trauriges Geschick, bei ihren Schwestern saß, und nur dann und wann ihren Unmuth durch Worte verrieth.

»Ich sehe doch nicht ein, weshalb Mrß. Forster mich nicht eben so gut wie Lydien zum Mitreisen aufgefordert hat,« klagte sie, »obgleich ich nicht ihre vertraute Freundin bin. Ich habe gerade eben so viel Recht dazu, wie sie, und wohl noch mehr, da ich zwei Jahr älter bin.«

Vergebens versuchte Elisabeth, sie vernünftig, und Johanne, sie ergeben in ihr Schicksal zu machen. Sie wollte und konnte sich nicht fassen. Elisabeth betrachtete diese Einladung mit ganz andern Blicken als Lydia und ihre thörichte Mutter. Sie erkannte sie für das Grab des letzten Restes ihrer Vernunft, für das sicherte Mittel, noch leichtsinniger und kopfloser zu werden, als sie bis jetzt gewesen; und so schwer ihr auch der Schritt wurde, konnte sie doch nicht umhin, ihrem Vater ins Geheim den Rath zu geben, sie nicht gehen zu lassen. Sie stellte ihm vor; wie unbesonnen und unschicklich Lydia sich schon im gewöhnlichen Leben benähme, welchen geringen Vortheil ihr die Freundschaft einer solchen Frau wie Mrß. Forster gewähren könne, welchen Versuchungen sie unter dieser Leitung an einem Ort wie Brighton ausgesetzt sein würde. Er hörte ihr aufmerksam zu und erwiederte dann:

»Lydia wird nicht eher ruhen, bis sie sich an diesem oder jenem öffentlichen Ort gehörig blamirt hat und so kann es nirgends anders mit weniger Kosten und Unbequemlichkeit für ihre Familie geschehen, als gerade dort.«

»Wenn Sie wüßten,« sagte Elisabeth, »welchen Nachtheil aus diesem öffentlichen Darlegen eines so leichtsinnigen Betragens, wie es von Lydien zu erwarten steht, für uns Alle entstehen kann, ja schon entstanden ist; so wurden Sie gewiß anders verfahren.«

»Schon entstanden ist!« wiederholte Herr Bennet. »Was, hat sie vielleicht einige Eurer Liebhaber dadurch verscheucht? Arme, kleine Lydia! Doch sei nur nicht so niedergeschlagen. Solche zarte Jünglinge, die nicht ein Bischen Absurdität vertragen können, sind des Bedauerns nicht werth. Komm, laß mich die Liste der bemitleidenswerthen Knaben sehen, die sich durch Lydiens Thorheit haben abschrecken lassen.«

»Sie irren, lieber Vater. Ich habe keine solchen Klagen zu führen. Ich spreche nicht von einzelnen bestimmten, sondern von den allgemeinen Uebeln, die daraus entstehen. Unser Ansehen, unsre Würde in der Welt muß durch Lydiens ungezügelte Ausgelassenheit, durch ihr Selbstvertrauen und durch ihre gänzliche Nichtachtung alles Anstandes, leiden. Verzeihen Sie, daß ich so rücksichtslos spreche; aber, lieber Vater! wenn Sie sich nicht die Mühe nehmen wollen, ihrem Leichtsinn Gränzen zu setzen, und ihr begreiflich zu machen, daß ihr gegenwärtiges Streben sie nicht zum Zweck des Lebens führt, wird bald keine Besserung mehr von ihr zu erwarten sein. Nur noch eine kurze Zeit auf diesem Wege fortgewandelt und ihr Charakter hat sich im 16ten Jahre vollkommen ausgebildet; ausgebildet zur gewöhnlichsten Coquetterie, die ohne irgend einen andern Reiz als Jugend und ein leidliches Aeußeres sehr bald ihrer Hülfsmittel beraubt sein wird, um dann, bei einer unbezähmbaren Sucht zu gefallen und Bewundrung zu erregen, zum Gegenstand des Gespötts und der Verachtung der Welt zu werden. Dieselbe Gefahr droht unsrer Kitty, welche Lydien in allem unbedingt folgt. Eitel, unwissend, träge und ganz ohne alle Aufsicht! O, geliebter Vater! glauben Sie nicht, daß sie überall, und mit Recht getadelt und verachtet werden, und daß ihre Schwestern auch mit darunter leiden?«

Bennet sah, wie sehr ihr die Sache am Herzen lag, und zärtlich ihre Hand ergreifend, sagte er:

»Beunruhige Dich hierüber nicht, meine Liebe. Wer Dich und Johannen kennt, wird Euch achten und ehren; und es kann Euch nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß Ihr ein Paar, nein, drei alberne Schwestern habt. Da nun aber kein Frieden in Longbourn zu erwarten ist, wenn Lydia nicht nach Brighton geht, so mag sie in Gottes Namen hinziehen. Oberst Forster ist ein vernünftiger Mann und wird über sie wachen; auch ist sie glücklicher Weise zu arm, um die Beute eines Glücksritters zu werden. In Brighton wird sie als gewöhnliche Coquette von geringerer Bedeutung sein als hier, indem die Officiere dort würdigere Gegenstände ihrer Bewundrung finden. Laß uns daher hoffen, daß dieser erste Ausflug sie von ihrer eignen Unbedeutendheit überzeuge. Auf jeden Fall kann sie nicht viele Grade schlimmer werden, ohne uns zu berechtigen, sie für den Rest ihres Lebens einzuschließen.«

Mit dieser Antwort mußte sich Elisabeth beruhigen, obgleich sie ihr den erwarteten Trost keineswegs gewährte. Sie verließ ihren Vater in sehr betrübter Stimmung; doch nicht gewohnt, über unabänderliche Dinge zu grübeln, tröstete sie sich mit dem Bewußtsein, ihre Pflicht gethan zu haben, und überließ die Folgen dieses Schritts ihrem Vater.

Hätten Lydia und Mrß. Bennet den Innhalt dieser Unterhaltung geahnt, würde ihre vereinigte Rednergabe nicht ausgereicht haben, ihren Zorn auszudrücken. Lydiens Fantasie malte sich den Aufenthalt in Brighton mit allem, was irdische Glückseligkeit zu bieten im Stande ist, aus. Sie sah die Straßen des belebten Badeorts mit Officieren angefüllt, sich selbst als Gegenstand der Bewundrung von Hunderten. Sie sah das Lager in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit; lange Reihen glänzender Zelte, in welchen sich alles, was jung und schön, angethan in rothen Uniformen, lustig bewegte; und um den Anblick vollständig zu machen, sah sie sich selbst unter dem reichsten Zelt sitzen, zärtlich tändelnd mit wenigstens sechs Officieren auf einmal. Mit solchen entzückenden Bildern suchte sie die Tage bis zu ihrer Abreise auszufüllen.

Elisabeth rollte Herrn Wickham nun zum letzten Mal sehen. Da sie seit ihrer Zurückkunft schon öfterer mit ihm in Gesellschaft gewesen, war das erste unangenehme Gefühl längst übers wunden, so wie auch ihre frühere Vorliebe gänzlich verschwunden. Sie hatte sogar gelernt, die Sanftmuth, welche sie bei seinem ersten Erscheinen so sehr an ihn gefesselt, für Affektation, und die allgemeine Artigkeit, wodurch er sich bei Jedermann empfahl, für geflissentliches Streben nach Beifall zu erkennen. Sein jetziges Benehmen gegen sie erregte ebenfalls ihr Mißfallen. Es beleidigte ihren Stolz zum zweiten Mal, als Gegenstand einer so frivolen und leichten Galanterie auserkoren zu sein; und während sie dieselbe mit einiger Strenge von sich wies, fühlte sie dennoch den innern Vorwurf, den er ihr durch die Erneuerung seiner Huldigung machte. Sie sah daraus, daß ihre frühere Eitelkeit und die ihm bewiesene Auszeichnung ihn zu dem Glauben berechtigten, daß es, trotz seines Abfalls, nur eines einleitenden Schritts von seiner Seite bedürfe, um das alte Verhältniß wieder herzustellen.

Er war mit einigen andern Officieren den letzten Tag ihres Aufenthaltes in Meryton, nach Longbourn eingeladen; und so sehr er sich auch bemühte, Elisens gute Meinung in dem frühern Grade wieder zu erlangen, wollte es ihm doch nicht gelingen. Ja, sie war so wenig aufgelegt, in guter Stimmung von ihm zu scheiden, daß sie auf seine Fragen, wie sie ihre Zeit in Hunsford zugebracht, beiläufig erwähnte, daß Oberst Fitzwilliam und Herr Darcy drei Wochen in Rosings gewesen, und ihn fragte, ob er mit Ersterm bekannt sei?

Seine Blicke drückten unverkennbar Erstaunen, Unruhe und Mißvergnügen aus; doch reichste ein Augenblick hin, das gewohnte Lächeln auf sein Gesicht zurückzubringen. Er erwiederte mit scheinbarer Fassung, daß er ihn früher öfterer gesehen; und nachdem er die Bemerkung gemacht, daß er ein sehr feiner, gebildeter Mann sei, fragte er, wie er ihr gefallen habe? Ihre Antwort lautete sehr günstig. Mit gleichgültiger Miene fügte er nach einiger Zeit hinzu: »Wie lange waren die Herrn in Rosings?«

»Beinah drei Wochen.«

»Sahen Sie Oberst Fitzwilliam oft?«

»Ja, fast jeden Tag.«

»Sein Wesen ist sehr verschieden von dem seines Vetters.«

»Ja, sehr verschieden. Doch habe ich gefunden, daß Herr Darcy bei näherer Bekanntschaft gewinnt.«

»Wirklich!« rief Wickham mit einem Blick, der ihr nicht entging. »Und darf ich fragen?« – aber sich schnell fassend, fügte er in einem heiterern Ton hinzu – »gewinnt er durch vermehrte Lebensart? hält er es der Mühe werth, seiner gewohnten Weise einige Höflichkeit zuzufügen? denn ich wage nicht zu hoffen,« fuhr er im leisern und ernstern Ton fort, »daß er sich im Wesentlichen, in der Hauptsache gebessert haben sollte.«

»O, nein!« entgegnete Elisabeth. »In der Hauptsache ist er, wie ich glaube, immer noch so, wie er früher war.«

Während sie so sprach, sah Wickham aus, als ob er nicht wisse, ob er sich über ihre Worte freuen, oder betrüben solle. Es lag ein gewisser Ausdruck in ihrem Gesicht, der ihn ganz irre machte, und mit ängstlicher Aufmerksamkeit hörte er ihr zu, als sie hinzufügte:

»Wenn ich behaupte, daß er bei näherer Bekanntschaft gewinnt, will ich damit nicht gesagt haben, daß sein Inneres oder sein Wesen der Verbesserung bedarf; sondern daß man seine Gesinnungen durch öfteres Sehen und Sprechen besser verstehen lernt.«

Wickhams Unruhe drückte sich immer deutlicher in seinen Zügen aus. Mehrere Minuten schwieg er ganz still, dann, nachdem er seine Verlegenheit bemeistert, wandte er sich wieder zu Elisen und sagte im einschmeichelndsten Ton:

»Sie, die meine Empfindungen in Betreff Herrn Darcy's so genau kennen, werden leicht begreifen, wie aufrichtig ich mich freue, daß er jetzt wenigstens so klug ist, den
Schein des Rechts zu beobachten. Sein Stolz wird auf diese Weise, wenn auch nicht ihm selbst, doch Andern zum Nutzen gereichen, indem er ihn abhält, sich gegen seine Nebenmenschen auf eine so unverantwortliche Art zu benehmen, wie gegen mich. Ich fürchte nur, daß diese Vorsicht, worauf Sie anspielen, bloß Folge der Gegenwart seiner Tante gewesen ist, auf deren gute Meinung er großen Werth legt. Seine Furcht vor ihr hat, wie ich weiß, alle Mal auf sein Betragen gewirkt, wenn sie zusammen waren; auch mag viel auf Rechnung seines Wunsches, in Beziehung auf die beabsichtigte Verbindung mit Miß von Bourgh geschrieben werden, die ihm außerordentlich am Herzen liegt.«

Elisabeth konnte ein Lächeln bei dieser Bemerkung nicht unterdrücken, doch antwortete sie hierauf nur mit einer leichten Bewegung des Kopfes. Sie sah, daß er gern das alte Capitel seiner Klagen wieder anstimmen wollte, fühlte aber keine Neigung, darauf einzugehen. Der Rest des Abends verging in Bemühungen, den
Schein zu beobachten, von seiner Seite den Schein unbefangener Heiterkeit, von der ihrigen, als ob sie in Hunsford nichts Aufklärendes erfahren. Er versuchte nicht wieder, sie auszuzeichnen, und so schieden sie mit gegenseitiger Höflichkeit, beide im Stillen wünschend, sich nie wieder zu begegnen.

Lydia kehrte mit Mrß. Forster nach Meryton zurück, von wo sie den nächsten Morgen sehr früh abreisen wollten. Der Aktus des Scheidens von der Familie war eher lärmend als feierlich zu nennen. Kitty allein vergoß Thränen, doch nicht des Schmerzes, sondern des Unmuths und des Neids. Mrß. Bennet war unerschöpflich in guten Wünschen für das Glück ihrer Tochter, so wie in Ermahnungen, keine Gelegenheit zu versäumen, sich zu amüsiren, welchen Rath zu befolgen Lydia so laut und geräuschvoll versprach, daß sie darüber die ruhigern Abschiedswünsche ihrer ältern Schwestern überhörte.

Neunzehntes Capitel

Hätte Elisabeth sich nach dem, was sie in der eignen Familie sah, ein Bild ähnlicher Glückseligkeit und häuslichen Lebensgenusses machen wollen, würde sie ein sehr trauriges erhalten haben. Ihr Vater hatte, durch Jugend und Schönheit und die damit so häufig verbundene heitere Gemüthsstimmung gefesselt, ein Mädchen geheirathet, dessen schwacher Verstand und leichtfertiger Sinn sehr bald jede Spur von Liebe in ihm erloschen mußten. Achtung, Vertrauen und Neigung waren für immer verschwunden, so wie alle Aussicht auf häusliche Glückseligkeit. Nicht geneigt, Trost und Ersatz in solchen Freuden und Ergötzlichkeiten zu finden, wodurch sich so viele seiner Leidensgefährten zu entschädigen suchen, beschränkte er sich einzig auf sich selbst und seine Bibliothek. Die Gesellschaft und Unterhaltung seiner Frau konnte ihn höchstens auf kurze Zeit amüsiren, doch sehr diese Freude ward ihm sehr oft durch ihre unglaubliche Geschwätzigkeit vergällt, und so zog er sich immer mehr und mehr wie ein wahrer Philosoph von der kleinen Welt des eignen Hauses zurück.

Elisabeth war nie blind für die Fehler ihrer Eltern gewesen, und hatte es schmerzlich gefühlt, wie unrecht ihr Vater als Ehemann gehandelt, wie Vieles er schlimmer gemacht, wie Manches er hätte ändern können. Doch aus Achtung für seine mannigfachen vortrefflichen Eigenschaften, und aus Dankbarkeit für die ihr von frühester Jugend an bezeigte Liebe suchte sie zu vergessen, was sie nicht zu übersehen vermochte, und so wenig wie möglich an das zu denken, was zu ändern nicht in ihrer Macht stand. Doch noch nie waren ihr die Nachtheile, die den Kindern aus einer so unpassenden Ehe nothwendig entspringen müssen, so deutlich erschienen als gerade jetzt, wo Uebereinstimmung der Gesinnungen mehr als je erfordert wurden, um ihre Erziehung zu vollenden. Sie sah dieses wichtige Werk den Händen einer Mutter überlassen, die weder hinsichtlich des Verstandes noch des Gefühls einem solchen Geschäfft gewachsen war; während der Vater, mit allen Hülfsmitteln und Talenten dazu ausgestattet, sich demselben aus Egoismus und Bequemlichkeit entzog, und selbst da nicht durchgriff, wo unvermeidliche Uebel zu erwarten standen, wie bei Lydiens Aufenthalt in Brighton.

Außer der Freude über Wickhams Entfernung fand Elisabeth keinen andern Grund, ihre Zufriedenheit über den Abgang des Regiments zu äußern. Die auswärtigen Gesellschaften waren weniger belebt als sonst, und die zu Hause von ihrer Mutter und Kitty geführten Klagen über das ewige Einerlei und die kaum zu ertragenden Langweiligkeiten des Lebens, machten den häuslichen Cirkel allerdings nicht zu dem erfreulichsten. In dieser Lage ward es ihr zum Bedürfniß, den Blick auf eine reichere, vielversprechendere Zeit zu richten; und glücklicher Weise gewährte ihr die Aussicht auf die bevorstehende Reise so viel Freude, daß sie, hätte sie Johannen in den Plan mit einschließen können, gern die unbehaglichen Stunden in Gesellschaft der mißvergnügten Mutter und Schwester ertragen haben würde. Nur der Gedanke, Johannen in dieser Umgebung zurück lassen zu müssen, störte ihr Glück.

Lydia: hatte beim Abschied versprochen, oft und ausführlich an ihre Mutter und an Kitty zu schreiben, doch ließen sich ihre Briefe immer lange erwarten, und waren dann sehr kurz und flüchtig. Die an die Mutter enthielten nicht viel mehr als, daß sie eben aus der Leihbibliothek zurückgekehrt wären, wohin sie von mehreren Officieren begleitet worden, und wo sie so viel Schönes gesehen hätten, daß sie nicht wußte, wo ihr der Kopf stände. Oder sie schrieb von einem neuen Kleid oder Sonnenschirm, die sie sich gekauft, und welche Stücke sie eben genau zu beschreiben Willens gewesen, als sie von Mrß. Forster abgerufen worden wäre, sie ins Lager zu begleiten. – Aus der Correspondenz an ihre Schwester, ließ sich gleichfalls nicht viel lernen; denn obgleich die Briefe länger waren, fanden sich doch zu viel unterstrichene Worte darin, um den Innhalt allgemein bekannt zu machen.

Nach 14 Tagen oder 3 Wochen begann alles in Longbourn wieder eine fröhlichere Gestalt anzunehmen. Gesundheit, gute Laune und Heiterkeit stellten sich endlich wieder ein; die Familien, welche der Winker in der Stadt zugebracht, kehrten aufs Land zurück und die Sommerfreuden nahmen ihren Anfang. Auch Mrß. Bennet verfiel wieder in ihren gewöhnlichen Ton, und Kitty gelangte bis zur Mitte des Juni so weit, Meryton ohne Thränen betreten zu können; welcher Umstand Elisen zu der kühnen Hoffnung berechtigte, daß sie bis zum nächsten Weihnachtsfest so vernünftig werden würde, täglich nur ein Mal der abgegangenen Officiere zu erwähnen, wenn nicht ein grausames Geschick bis dahin ein andres Regiment nach Meryton führte.

Die Zeit bis zum Anfang ihrer Reise war nun bis auf wenige Tage verstrichen, als ein Brief von Mrß. Gardiner anlangte, der sie nicht allein weiter hinausschob, sondern auch die Reiseroute verkürzte. Herr Gardiner sah sich durch unvermuthete Geschäffte bis über die Mitte des Juli in London festgehalten, wohin er auch nach Monatsfrist zurückkehren mußte; und da dieser Zeitraum zu kurz war, um so weit zu gehen und so viel zu sehen, als sie sich vorgenommen, mußte die Tour sehr abgekürzt werden. Man durfte nicht weiter nördlich als Derbyshire gehen; doch gab es in dieser Grafschaft genug zu sehen, um drei Wochen angenehm daselbst zuzubringen, und für Mrß. Gardiner besonders hatte dieser Plan viel Anziehendes. Die Stadt, in welcher sie mehrere Jahre gelebt, interessirte sie eben so sehr, als alle berühmte Schönheiten dieses Distrikts.

Elisabeth hingegen fand sich sehr in ihren Erwartungen getäuscht; sie hatte sich unendlich viel von der größern, nördlichen Tour versprochen, und meinte, daß man immer noch Zeit genug dazu gehabt hätte. Doch es war ihre Pflicht, mit dem zufrieden zu sein, was das Schicksal ihr beschieden, und so suchte sie sich auch über diese Verkürzung zu beruhigen.

Die Erwähnung der Grafschaft Derbyshire erweckte mannigfache Erinnerungen in ihrem Innern. Es war unmöglich, das Wort geschrieben zu sehen, ohne dabei an Pemberley und dessen Besitzer zu denken.

Vier Wochen mußten noch verstreichen, bevor Onkel und Tante sie abzuholen kamen. Aber sie verstrichen, und Herr und Mrß. Gardiner langten endlich mit ihren vier Kindern an, welche, zwei Mädchen von sechs und acht Jahren und zwei jüngere Knaben, unter Johannens specieller Aufsicht in Longbourn bleiben sollten, bis die Eltern sie rückwärts wieder abholten. So war denn auch für diese Lieblingsschwester ein Ersatz für die Entbehrung des Umgangs ihrer treuen Lizzy gefunden. Johanne liebte die Kinder, welche ihr zärtlich anhingen, von ganzer Seele und fand volle Beschäfftigung in ihrer Wartung und Pflege.

Gardiners blieben nur eine Nacht in Longbourn und reisten am folgenden Morgen mit Elisabeth weiter der Freude und vielem Schönen entgegen. Eines Genusses war sie gewiß, des wohlthuenden Gefühls, diese Reise mit gleichgestimmten, ihrer würdigen Gefährten zu machen.

Es ist hier nicht der Ort, eine Beschreibung von Derbyshire zu liefern, eben so wenig die Merkwürdigkeiten der auf dieser Route liegenden Orte Oxford, Blenheim, Warwick, Kenelworth, Birmingham und mehrere andere zu erwähnen. Die kleine Stadt Lambton, woselbst Mrß. Gardiner früher gewohnt, und in welcher, wie sie jetzt erfahren, sich noch mehrere ihrer Bekannten aufhielten, war nun das Ziel ihrer Reise, nachdem sie die vorzüglichsten Wunderwerke in Augenschein genommen hatte; und nur fünf Meilen von Lambton lag Pemberley, jedoch nicht auf dem geraden Weg dahin, sondern ein bis zwei Meilen seitwärts. Abends vorher, als über die Tour des folgenden Tages gesprochen und berathschlagt wurde, äußerte Mrß. Gardiner den Wunsch, Pemberley wieder zu sehen; ihr Gatte erklärte sich hierzu bereit, und nun ward auch Elisabeth um ihre Meinung gefragt.

»Es wird Dir gewiß Freude machen,« sagte ihre Tante, »einen Ort kennen zu lernen, von dem Du schon so viel gehört hast, und der zugleich der Schauplatz mehrerer Deiner Bekannten ist. Wickham brachte seine ganze Jugend dort zu.«

Elisabeth gerieth in Verlegenheit. Sie fühlte, daß sie nichts in Pemberley zu thun hatte, und sah sich deshalb genöthigt, eine Abneigung, es zu sehen, vorzugeben. Sie versicherte, durch den Anblick so vieler großen Häuser ermüdet zu werden, nachdem sie auf dieser Reise schon mehrere der Art gesehen, und keine Freude an glanzvollen Einrichtungen, köstlichen Tapeten und seidnen Gardinen zu finden.

Mrß. Gardiner schalt sie einfältig. »Wenn dort nichts als ein schönes, wohleingerichtetes Haus zu sehen wäre, würde ich auch nicht darnach verlangen. Aber die Gegend ist entzückend schön; man sieht dort die herrlichsten Waldungen, wie man sie im ganzen Königreich nicht antrifft.«

Elisabeth sagte nichts weiter; doch mit leichtem Herzen konnte sie in diesen Plan nicht einwilligen. Die Möglichkeit, Darcy dort zu treffen, drang sich ihr unwillkührlich auf - und diese wäre schrecklich! Sie erröthete bei der bloßen Idee, und hielt es für rathsamer, ihrer Tante alles zu entdecken, als sich solcher Gefahr auszusetzen. Doch diesem Entschluß stellten sich nach weiterer Ueberlegung auch manche Hindernisse entgegen, und so beschloß sie, ihn nur im äußersten Nothfall auszuführen, wenn ihre geheimen Erkundigungen über die Abwesenheit der Gutsherrschaft ungünstig ausfallen sollten.

Noch am selben Abend fand sie Gelegenheit, sich hierüber Gewißheit zu verschaffen. Eine mit dem Bettmädchen angeknüpfte Unterhaltung über Pemberley und dessen Besitzer beruhigte sie über Darcy's Abwesenheit. Nun hatte sie nichts zu befürchten, und von eigner Neugier getrieben, gab sie am folgenden Morgen mit ziemlicher Gleichgültigkeit ihre Zustimmung zu dem projektirten Abstecher.

Nach Pemberley also richteten sie ihren Lauf.

Ende des zweiten Theils.

Dritter Theil

Erstes Capitel

Elisabeth's Blicke waren mit einer gewissen Unruhe vorwärts gerichtet; sie fürchtete den Anblick von Pemberley, und konnte es doch nicht erwarten, bis sie die, das Schloß umgebende Waldung sah.

Endlich hatten sie den Park erreicht. Er war sehr groß und bot dem Auge eine reiche Abwechslung dar. Der Wagen bog in einen der untern Gänge ein, welcher eine bedeutende Strecke durch den schönsten Wald führte.

Elisens Herz war zu voll, um Theil an der Unterhaltung nehmen zu können; aber sie sah und bewunderte im Stillen jeden merkwürdigen Punkt, jede schöne Aussicht. Nachdem sie ungefähr eine halbe Meile allmählig aufwärts gefahren waren, befanden sie sich auf dem Gipfel einer beträchtlichen Anhöhe, der Wald hörte hier auf und Schloß Pemberley, auf der entgegengesetzten Seite des Thals gelegen, in welches der Weg sich hinabschlängelte, trat ihren Blicken unerwartet entgegen. Es war ein großes, schönes steinernes Gebäude, hinter welches sich eine mit Wald bewachsene Bergkette hinzog; in einiger Entfernung vor dem Hause rauschte ein Fluß von nicht unbeträchtlicher Breite, der durch Kunst, jedoch ohne Anschein derselben, eine noch größere Ausdehnung erhalten hatte. Die Ufer waren weder steif noch überladen verziert. Elisabeth war entzückt; sie hatte noch nie einen Ort gesehen, für den die Natur so viel gethan, und dessen natürliche Schönheit so wenig durch einen verkehrten Geschmack gelitten hatte. Sie fühlte in diesem Augenblick die ganze Wichtigkeit des Worts, Gebieterin von Pemberley zu sein!

Jetzt fuhren sie die Anhöhe hinab, über die Brücken und vor die Hausthür. Elisens Besorgniß, dem Besitzer aller dieser Herrlichkeiten daselbst zu begegnen, erwachte von Neuem; sie fürchtete von dem Bettmädchen falsch berichtet worden zu sein, und wäre gern wieder umgekehrt. Doch hierzu war es zu spät. Ihr Onkel hatte bereits seinen Wunsch, das Haus zu besehen, ausgesprochen; sie wurden bis zur Ankunft der Haushälterin in einen Voraal geführt, woselbst Elisabeth Muße fand, sich über sich selbst, und den Ort, wo sie sich befand, zu verwundern.

Die Haushälterin, eine ältliche, Achtung, einflößende Frau, erschien, und führte die Fremden mit vieler Höflichkeit umher. Zuerst in das Speisezimmer. Elisabeth trat an das Fenster und freute sich der herrlichen Aussicht, die sie sowohl hier, als auch in allen andern Gemächern fand, Diese selbst waren sämmtlich groß und hoch, einfach aber höchst geschmackvoll eingerichtet, und in keinem Punkt überladen. Sie mußte eingestehen, daß alles dem Vermögen des Besitzers entsprechend, mit dem höchsten Geschmack angeordnet war; überall wahre Eleganz, doch nirgends übertriebene Pracht, wie sie in Rosings gefunden hatte.

»Und von dieser Besitzung hättest Du Gebieterin sein können!« dachte sie. »In diesen Gemächern hättest Du hausen und Deine Verwandten als Gäste darin empfangen können, anstatt sie jetzt als Fremde zu besehen. – Doch nein! Dieser Umstand hätte sich nie ereignet: mein Onkel und meine Tante würden auf ewig für mich verloren gewesen sein; es würde mir nie gestattet worden sein, sie zu mir einzuladen.«

Das war ein glücklicher Gedanke – er befreite sie von einem Gefühl, was der Reue glich.

Sie hatte nicht den Muth, die Haushälterin zu fragen, ob ihr Herr in diesem Augenblick abwesend sei; und als ihr Onkel gleich darauf die Frage that, wandte sie sich erschrocken seitwärts. Mrß. Reynolds erwiederte, daß er heute nicht gegenwärtig sei, morgen aber mit einer Gesellschaft aus der Stadt hier erwartet werde. Wie freute sich Elisabeth, daß ihre eigne Reise nicht um einen Tag verspätet worden war!

Ihre Tante rief sie auf, einige Miniaturgemäle zu betrachten, welche über dem Camingesims aufgehängt waren. Sie erkannte Wickhams Bild, noch ehe Mrß. Gardiner sie lachend gefragt, wie es ihr gefalle! Die Haushälterin erzählte, daß es das Bild des Sohnes ihres seligen Herrn Verwalters sei, den er erzogen habe. – »Er ist nun zur Armee gegangen,« fügte sie hinzu, »aber ich fürchte, daß er auf schlechte Wege gerathen ist.«

Mrß. Gardiner warf ihrer Nichte abermals einen lächelnden Blick zu, den diese jedoch nicht zu erwiedern vermochte.

»Und dieses Bild,« sagte Mrß. Reynolds; auf ein andres weisend, »stellt meinen jetzigen Herrn vor, und ist sehr ähnlich. Es ward zur selben Zeit gemalt, wie das andre, ungefähr vor acht Jahren.«

»Ich habe schon gehört, daß Herr Darcy ein hübscher Mann sein soll,« sagte Mrß. Gardiner, das Bild genauer betrachtend; »es hat schöne Züge. Doch Lizzy wird uns am Besten sagen können, ob es ähnlich ist.«

Mrß. Reynolds Achtung für Elisen schien sich zu erhöhen durch den Umstand, daß sie ihren Herrn kannte.

»Kennt die junge Dame Herrn Darcy?« fragte sie.

»Ja, ein wenig,« erwiederte Elisabeth erröthend.

»Und finden Sie nicht, daß er ein sehr hübscher Mann ist?«

»Allerdings, recht hübsch.«

»Ich muß gestehen, daß ich keinen Hübschern kenne. Wenn wir oben in die Bildergallerie kommen, werden Sie ein größeres und schöneres Bild von ihm finden. Dieses Zimmer war der Lieblingsaufenthalt meines verstorbenen Herrn, und so ist alles darin geblieben, wie es bei seinen Lebzeiten war.«

»Aus diesem Grunde also befindet sich Wickham's Bild noch hier,« erklärte sich Elisabeth schweigend.

Mrß. Reynolds machte sie auf das Portrait von Miß Darcy aufmerksam, gemalt als sie erst acht Jahr alt.

»Ist Miß Darcy so hübsch, wie ihr Bruder?« fragte Mr. Gardiner.

»O, ja! die schönste junge Dame, die man sehen kann; und so vortrefflich erzogen! – Sie singt und spielt den ganzen Tag. Im nächsten werden Sie ein neues Instrument finden, womit ihr Bruder sie überraschen will. Sie kommt morgen mit ihm hierher.«

Da Herr Gardiner bemerkte, daß die Haushälterin entweder aus Stolz oder aus Anhänglichkeit gern von ihrem Herrn und dessen Schwester sprach, fuhr er mit Fragen fort.

»Pflegt Herr Darcy sich oft in Pemberley aufzuhalten?«

»Nicht so oft und so lange, als ich es wünsche; doch ziemlich die Hälfte des Jahrs, und Miß Darcy bringt die Sommermonate regelmäßig hier zu.«

Ausgenommen wenn sie nach Ramsgate geht, dachte Elisabeth.

»Wenn Ihr Herr sich verheirathete, würden Sie ihn vielleicht öfterer hier sehen.«

»Ja freilich, Sir; doch wer weiß, wann dieser Fall ein Mal eintreten wird. Ich weiß niemanden, die gut genug für ihn wäre.«

Herr und Mrß. Gardiner lächelten. Elisabeth konnte nicht umhin, zu sagen: »Es macht ihm alle Ehre, daß Sie so von ihm denken.«

»Ich spreche nur die Wahrheit, und was Jedermann von ihm sagen wird, der ihn kennt,« entgegnete Mrß. Reynolds.

Elisabeth hielt dies Lob für übertrieben, und hörte mit zunehmendem Erstaunen zu, als die Haushälterin hinzufügte: »Ich habe nie ein böses Wort von ihm gehört, und kenne ihn doch seit seinem vierten Jahre.«

Dieß war in der That ein Lob, was sie nimmermehr erwartet hätte. daß er kein gutmüthiger Mensch war, hatte sie fest geglaubt, aus allem, was sie von ihm gesehen und gehört, geschlossen. Ihre Aufmerksamkeit war auf das Höchste gespannt; sie wünschte mehr von ihm zu hören und dankte es ihrem Onkel im Stillen, als er fortfuhr:

»Es giebt wenige Menschen in der Welt, von denen dieß gesagt werden kann. Sie sind glücklich zu preisen, einen solchen Herrn zu besitzen.«

»Ja, Sir! das erkenne ich auch. Ich könnte durch die ganze Welt gehen, ohne einen Bessern zu finden. Aber ich habe immer die Bemerkung gemacht, daß gutmüthige Kinder gewöhnlich auch gutmüthig bleiben, wenn sie erwachsen sind; und er war der sanfteste, beste, edelmüthigste Knabe von der Welt.«

Elisabeth blickte sie sprachlos an. – Ist es möglich, daß Darcy dieser Beschreibung entsprechen sollte? dachte sie.

»Sein Vater war ein vortrefflicher Mann,« sagte Mrß. Gardiner.

»Ja, Madam! Das war er; und sein Sohn ist eben so – eben so gut und freundlich gegen Arme und Geringe.«

Elisabeth hörte voll Bewundrung und Staunen.

»Er ist der beste Gutsherr und der beste Gebieter, den es auf Erden giebt. Ganz anders wie die jetzigen wild in den Tag hineinlebenden jungen Männer, die nur einzig und allein an sich denken. Sie werden auch nicht Einen unter seinen Unterthanen oder Dienern finden, der nicht in dieses Lob mit einstimmt. Manche Leute nennen ihn stolz; aber ich sah und hörte noch nichts, was diesen Namen verdient. Es mag wohl daher kommen, weil er sich nicht wie andre junge Männer seines Standes wegwirft.«

»In welch einem liebenswürdigen Licht erscheint er nach dieser Schilderung!« dachte Elisabeth.

»Was wir so eben gehört,« flüsterte ihr die Tante im Weitergehen zu, »stimmt nicht ganz mit seinem Benehmen gegen unsern armen Freund überein.«

»Wer weiß, ob wir nicht falsch berichtet worden sind.«

»Das ist nicht wahrscheinlich; unsre Quelle war zu sicher.«

Mrß. Reynolds führte jetzt die Fremden in das obere Stockwerk und zeigte ihnen ein allerliebstes Zimmer, welches eleganter und reicher verziert war als die untern. Darcy hatte es eben erst für seine Schwester einrichten lassen, die bei ihrem letzten Hiersein Wohlgefallen daran gefunden.

»Er ist wirklich ein sehr guter und aufmerksamer Bruder« sagte Elisabeth, indem sie an ein Fenster trat.

In der Bildergallerie suchte und fand sie bald das einzige Gemälde, welches ihr, da sie weder Künstlerin noch Kunstverständige war, Interesse einzuflößen vermochte. Sie stand vor Darcy's Bild. Es war sprechend ähnlich und schaute sie mit einem Lächeln an, das sie manchmal in seinen Zügen gesehen, wenn er sie was oft geschehen, aufmerksam betrachtet hatte. Es zeigte sich in diesem Augenblick eine sanftere Empfindung für das Original in ihrem Herzen, als sie je für ihn gefühlt. Das Lob der Haushälterin hatte ihre Meinung über ihn gemildert. Was konnte ihm mehr zum Ruhm gereichen, als das warme Lob einer verständigen, einsichtsvollen Dienerin? Sie gedachte des vielen Guten, was ihm in seinen Verhältnissen als Bruder, Gutsherr und Gebieter zu thun oblag, und wie er es nach Mrß. Reynolds Worten that. Alles, was diese über seinen Charakter gesagt hatte, lautete günstig; und als sie in solchen Betrachtungen verloren vor seinem Bilde stand, gedachte sie seiner Empfindung für sie mit größerer Dankbarkeit, erinnerte sich seiner, bei ihrem letzten Zusammentreffen geäußerten Wärme, und milderte die Härte seiner Ausdrücke.

Das Haus war nun besehen und der Gärtner wartete ihrer an der Thür, um sie durch den Park zu führen. Am Fluß blieben sie alle stehen, das Gebäude noch ein Mal zu betrachten, und während Herr Gardiner mit seinem Begleiter über die Zeit der Entstehung desselben sprach, trat der Eigenthümer plötzlich aus einem Seitenweg, der zu den Ställen führte, hervor.

Nur etwa zwanzig Schritte von einander entfernt, war es unmöglich, sich nicht zu sehen, oder sich auszuweichen. Ein hohes Roth überflog Elisens Wangen, als sie seinem Blick begegnete, und ihn ebenfalls erröthen sah. Ihr Anblick schien ihn im ersten Augenblick unbeweglich zu machen, sein Erstaunen war sichtbar; doch bald faßte er sich wieder, näherte sich der kleinen Gesellschaft und redete Elisen, wenn auch nicht ganz ruhig, doch mit Anstand und Höflichkeit an.

Sie hatte sich unwillkührlich nach dem ersten Begegnen ihrer Blicke abgewendet, und vernahm jetzt seine Worte mit einer nicht zu überwindenden Verlegenheit. Die Aehnlichkeit seines Bildes, so wie die Verwundrung des Gärtners, den noch nicht erwarteten Gebieter so plötzlich vor sich zu sehen, ließen Herrn und Mrß. Gardiner nicht daran zweifeln, daß der Besitzer von Pemberley vor ihnen stand. Sie hatten Zeit, ihn zu betrachten, während er mit ihrer Nichte sprach, die, erstaunt und verwirrt, kaum die Augen gegen ihn zu erheben wagte, und nicht wußte, was sie auf seine höflichen Erkundigungen nach ihrer Familie erwiedern sollte. Im höchsten Grade erstaunt über die gänzliche Veränderung seines Wesens, seit sie ihn zuletzt gesehen, vermehrte jedes seiner Worte ihre Verlegenheit, und das peinliche Gefühl, wie unpassend es sei, hier von ihm gefunden worden zu sein, machte die wenigen Minuten ihres Beisammenseins zu den qualvollsten ihres Lebens. Auch er schien sich nicht behaglich zu fühlen, er sprach nicht mit seiner gewöhnlichen Ruhe und wiederholte seine Fragen, wie lange sie Longbourn verlassen, und seit wann sie in Derbyshire sei, so oft, und in so abgerissenen Sätzen, daß seine Zerstreutheit deutlich wahrzunehmen war.

Endlich schien ihm der Stoff ganz ausgegangen zu sein, und nachdem er einige Minuten vor ihr gestanden, ohne ein Wort zu sagen, nahm er plötzlich Abschied.

Elisabeth hörte nichts von dem, was ihre Verwandten zu seinem Lobe sagten; sie fühlte nur Schaam und Verdruß. daß er sie hier getroffen, war der unglücklichste Zufall, der ihr im Leben begegnen konnte. Was mußte er davon denken! in welch einem ungünstigen Licht mußte sie ihm, dem eitlen Mann erscheinen! Er sah sich zu dem Glauben berechtigt, daß sie ihm geflissentlich in den Weg getreten war! O, warum kam sie hieher? oder warum
er einen Tag früher, als er gewollt? Hätten sie sich nur etwas kürzer in dem Bildersaal aufgehalten, würden sie aus dem Bereich seiner Blicke gewesen sein, denn er war augenscheinlich eben erst vom Pferd, oder aus dem Wagen gestiegen. Sie erröthete immer wieder von Neuem über das Mißgeschick ihres Zusammentreffens. Und sein ganz verändertes Betragen – was konnte er damit bezwecken wollen?

Schon daß er sie anredete, setzte sie in Erstaunen; aber daß er in so höflichen Ausdrücken sprach, sich so angelegentlich nach ihrer Familie erkundigte, war mehr als sie, nach dem was zwischen ihnen vorgefallen, je von ihm erwartet hätte. Noch nie hatte sie ihn so anspruchslos, so wahrhaft zuvorkommend und artig gesehen, als bei diesem unvermutheten Zusammentreffen. Welch ein Contrast zwischen seinem Benehmen im Park zu Rosings, als er ihr seinen Brief überlieferte! Sie wußte nicht, was sie davor denken, wem sie diese Veränderung zuschreiben sollte?

Sie hatte jetzt einen anmuthigen Weg am Wasser eingeschlagen, der sie zu den schönsten Punkten und herrlichsten Anlagen führte. Elisabeth achtete nicht der reizender Gegenstände um sie herum, und beantwortete nur mechanisch die Fragen und Ausrufungen ihrer Verwandten. Ihre Gedanken waren ins Schloß zurückgekehrt, woselbst sie Darcy vermuthete. Sie wünschte zu wissen, was in diesem Augenblick in seinem Gemüth vorginge; auf welche Weise er ihrer gedachte, und ob sie seinem Herzen immer noch theuer wäre. Vielleicht war er nur deshalb so höflich gewesen, weil er sich unbefangen gefühlt; aber dieser Vermuthung widersprach der Ton seiner Stimme, welcher keineswegs Unbefangenheit verrathen hatte. Ob ihr Anblick Schmerz oder Freude in ihm hervorgebracht, konnte sie nicht ergründen; doch so viel war gewiß, daß er nicht ruhig bei denselben gewesen war.

Die neckenden Bemerkungen ihrer Verwandten weckten Elisen endlich aus ihrer Selbstvergessenheit und sie fühlte die Nothwendigkeit, sich zu sammeln, und an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Sie traten nun in den Wald und mußten dem schönen Fluß auf einige Zeit Lebewohl sagen. Ueberall geschmackvolle Anlagen, ausgehauene Aussichten auf die entgegengesetzten Berge, und dann und wann einen Blick auf dem Fluß. Herr Gardiner äußerte den Wunsch, durch den ganzen Park zu gehen, ward aber mit einem triumphirenden Lächeln von dem Gärtner belehrt, daß dieß ein Spaziergang von zehn Meilen sein würde. So mußten sie denn sehr bald einen Seitenweg einschlagen, der sie in kurzer Zeit wieder an den Fluß zurückbrachte. Eine einfache Brücke führte über denselben hinüber in ein enges Thal, welches außer dem sanft dahinschängelnden Wasser nur noch Raum für einen schmalen von Gebüsch begränzten Weg hatte. Elisabeth wünschte die Windungen des Flusses auf diesem romantischen Pfad zu verfolgen; da ihre Tante aber keine rüstige Fußgängerin, und nur darauf bedacht war, den Wagen so bald als möglich zu erreichen, mußte sie diesen Wunsch aufgeben.

So schritten sie nun auf der andern Seite des Flusses dem Hause in der nächstem Richtung zu, kamen jedoch nur langsam vorwärts, indem sich Herr Gardiner, ein großer Freund des Fischfangs, immer wieder durch das Auftauchen einer Forelle, und im Gespräch über diesen und andre Fische mit dem Gärtner vertieft, im Gehen aufhalten ließ. Plötzlich gewahrte Elisabeth zu ihrem nicht geringen Erstaunen Herrn Darcy abermals in einiger Entfernung auf sich zukommen. Obgleich verwundert, hatte sie doch Zeit, sich auf seinen Anblick vorzubereiten, und beschloß, falls er sie wirklich zum zweiten Mal anreden sollte, ihm mit möglichster Ruhe entgegen zu treten. Unterdessen war er herangekommen, und sie begann von der Schönheit der Gegend zu sprechen; doch kaum hatte sie die Worte »entzückend, reizend« ausgesprochen, als sie sich von einer unglücklichen Erinnerung übermannt fühlte, daß ihr Lob der Umgegend von Pemberley auf eine ganz irrige Weise ausgelegt werden könnte. Sie erröthete und schwieg.

Mrß. Gardiner stand etwas seitwärts, und Darcy benutzte die Pause, Elisen zu ersuchen, ihn ihren Freunden vorzustellen. Dieß war ein Anfall von Höflichkeit, der ihr ganz unerwartet kam, und sie konnte kaum ein Lächeln unterdrücken. Der Gedanke, daß er jetzt selbst die Bekanntschaft derjenigen Leute suchte, gegen welche sein Stolz sich in dem ihr erst kürzlich gemachten Antrag auf eine so empörende Weise geäußert, erschien ihr fast unglaublich. »Wie wird er sich verwundern,« dachte sie, »wenn er erfährt, wer diese Freunde sind!«

Sie folgte jedoch seiner Aufforderung, und stellte ihm Herrn und Mrß. Gardiner als ihre Verwandten und Bewohner von
Gracechurch-street vor. Während der gegenseitigen Begrüßungen blickte sie verstohlen nach ihm herüber, um zu beobachten, wie er die Nachricht aufnehmen würde, im Geheim fürchtend, ihn sich mit einer der früher an ihm gewohnten hochmüthigen Mienen abwenden zu sehen. Sein Erstaunen über diese Bekanntschaft war allerdings sichtbar; doch bemeisterte er es bald, und überwand sich sogar, ein Gespräch mit Herrn Gardiner anzuknüpfen. Elisabeth triumphirte im Stillen. Es war ein tröstlicher, ein wohlthuender Gedanke, ihm zu zeigen, daß sie auch Verwandte hatte, über welche sie nicht zu erröthen brauchte. Sie lauschte auf jedes Wort der beiden Männer,, und freute sich der Veranlassung, die es ihrem Onkel möglich machte, seinen Geschmack, seine Kenntnisse und seine Bekanntschaft mit der Welt an den Tag zu legen.

Das Gespräch wandte sich bald auf den Fischfang, und sie hörte, wie Darcy ihn höflichst einlud, so oft es ihm beliebte, hier zu fischen, und ihm sogar die dazu erforderlichen Geräthschaften anbot. Mrß. Gardiner, welche am Arm ihrer Nichte den Männern folgte, sah diese mit Blicken der höchsten Verwundrung an. Elisabeth sagte gar nichts, fühlte, aber desto mehr.

»Wie ist es möglich, daß er sich in dieser kurzen Zeit so gänzlich verändern konnte?« wiederholte sie sich immer wieder von Neuem. »
Meinetwegen kann er solche Rücksichten nicht nehmen – ich kann nicht Schuld an dieser Umwandlung sein. Meine ihm in Hunsford gemachten Vorwürfe können diesen Wechsel nicht hervorgebracht haben. Es ist unmöglich, daß er mich noch lieben sollte.«

Nachdem sie einige Zeit fortgegangen waren, fühlte Mrß. Gardiner ihre Müdigkeit zunehmen, weshalb sie Elisens Arm mit dem ihres Mannes vertauschte. Darcy nahm seinen Platz an der Seite der Nichte. Anfänglich sprachen sie Beide nicht; da Elisabeth aber wünschte, ihm wissen zu lassen, daß sie vor ihrem Besuch in Pemberley von seiner Abwesenheit gehört, begann sie mit der Bemerkung, daß seine Ankunft unerwartet gewesen sei – »denn Ihre Haushälterin,« fügte sie hinzu – »benachrichtigte uns, daß Sie erst morgen kommen würden; auch hörten wir in Bakewell, daß Sie fürs Erste nicht gesonnen wären, die Stadt zu verlassen.« Er erwiederte, daß es auch so, wie Mrß. Reynolds gesagt, seine Absicht gewesen; daß aber ein Geschäfft mit seinem Verwalter ihn veranlaßt, einige Stunden früher hier einzutreffen, als der übrige Theil seiner Reisegesellschaft. »Diese wird mir morgen früh nachfolgen,« fuhr er fort, »und Sie werden unter derselben einige frühere Bekannte antreffen – Herrn Bingley und seine Schwestern.«

Elisabeth antwortete nur durch eine leichte Verbeugung. Ihre Gedanken kehrten zurück zu jener Zeit, wo sie Bingley's Namen zuletzt gegen Darcy ausgesprochen; und ein flüchtiger Blick auf ihn überzeugte sie, daß auch sein Gemüth auf ähnliche Weise beschäfftigt war.

»Es befindet sich auch noch eine Person in der Gesellschaft,« sagte er nach einer kleinen Pause, »welche sehr wünscht, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine Schwester vorzustellen, während Sie sich in Lambton aufhalten?«

Ihr Erstaunen über diese Bitte läßt sich nicht beschreiben, es war zu groß, um im ersten Augenblick eine Antwort zu gestatten. Sie fühlte, daß Miß Darcy's Wunsch, ihre Bekanntschaft zu machen, das Werk ihres Bruders sein mußte, und es war ihr ein erfreulicher Gedanke, daß er ihr vergeben hatte und sie nicht geringer achtete.

Sie gingen schweigend, in tiefe Gedanken verloren, neben einander her. Elisabeth fühlte sich nicht leicht und unbefangen, aber geschmeichelt und geehrt. Sein Wunsch, ihr die Schwester zuzuführen, war das größte Compliment, was er ihr machen konnte. Sie hatten ihre Gesellschaft weit hinter sich zurückgelassen, und als sie den Wagen erreichten, war nichts von Herrn und Mrß. Gardiner zu sehen. Darcy bat sie, ins Haus zu treten. Elisabeth dankte; sie versicherte, nicht ermüdet zu sein, und so blieben sie wartend stehen. Viel hätte in dieser Zeit gesagt werden können, und Beide fühlten das Peinliche des Schweigens. Sie wünschte es zu brechen, fand aber keinen passenden Gegenstand. Endlich gedachte sie ihrer Reise, und sprach mit äußerster Anstrengung von Matlock, Bakewell und andern Orten. Aber die Zeit und ihre Tante gingen langsam, und Geduld und Gedanken drohten sie zu verlassen.

Da erschienen Herr und Mrß. Gardiner und machten dem druckender
tête-à-tête ein Ende. Darcy, wiederholte seine Einladung, sich in seinem Hause auszuruhen und einige Erfrischungen anzunehmen, welche indeß dankbarlichst abgelehnt wurde. Man schied gegenseitig mit der äußersten Höflichkeit von einander, Darcy hob die Damen in den Wagen, und Elisabeth sah ihn hierauf langsam dem Hause zugehen.

Jetzt begannen Herr und Mrß. Gardiner, ihre Bemerkungen zu machen, und Beide erklärten, daß sie ihn weit liebenswürdiger gefunden, als sie erwartet.

»Er ist ungemein artig, höflich und anspruchslos,« sagte der Onkel.

»Es spricht sich in seinem Wesen allerdings so etwas Aehnliches wie Stolz aus,« entgegnete die Tante, »aber es liegt mehr im Aeußern und kleidet ihm sehr gut. Ich sage mit der Haushälterin, ›manche Menschen nennen ihn stolz, ich habe aber nichts davon bemerkt.‹«

»Sein Betragen gegen uns hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Es war mehr als höflich, es war in der That aufmerksam, obgleich wir keinen Anspruch an solche Aufmerksamkeiten machen konnten. Seine Bekanntschaft mit Elisen ist zu kurz, um ihm Verbindlichkeit gegen uns aufzulegen.«

»Lizzy, er ist nicht so hübsch wie Wickham,« nahm die Tante wieder das Wort, »aber doch ein hübscher Mann. Wie kamst Du nur dazu, ihn uns als sehr unangenehm zu beschreiben?«

Elisabeth entschuldigte sich so gut sie konnte, sie sagte, daß er ihr schon besser gefallen hätte, als sie ihn in Kent gesehen, und daß er ihr selbst noch nie so artig erschienen wäre, wie am heutigen Morgen.

»Er ist vielleicht ein Bischen veränderlich und launenhaft, nicht einen Tag so höflich wie den andern,« entgegnete der Onkel. »Große Herren pflegen es so zu halten; deswegen werde ich ihn auch nicht beim Wort nehmen wegen dem Fischen. Er könnte morgen weniger gnädig gesinnt sein, und mich am Ende aus seinem Gebiet verweisen.«

Elisabeth fühlte, daß sie seinen Charakter ganz falsch beurtheilten, sagte aber nichts.

»Nach dem zu schließen, was wir von ihm gesehen und gehört haben,« fuhr Mrß. Gardiner fort, ist es kaum glaublich, daß er sich wirklich so grausam gegen den armen Wickham benommen haben sollte. Er hat auch nicht einen bösen Zug in seinem Gesicht, im Gegentheil etwas sehr Gutmüthiges um den Mund, wenn er spricht und so viel Würde in seiner Haltung, daß man unmöglich schlecht von seinem Herzen denken kann. Ich wenigstens traue ihm nichts Böses zu, wenn ich auch dem freigebigen Lobe der alten Haushälterin nicht unbedingt Glauben beimesse. Ich mußte manchmal über ihre Aeußerungen lachen. Doch er wird wohl ein freigebiger Herr sein, und diese Eigenschaft ist in den Augen der Dienstboten hinreichend, ihn mit jeder Tugend zu schmücken.«

Elisabeth fühlte sich berufen, etwas zur Rechtfertigung seines Betragens gegen Wickham zu sagen, und gab daher so vorsichtig als möglich zu verstehen, daß er, nach dem was sie von seinen Verwandten in Kent erfahren, durchaus keiner schlechten Handlung fähig sei, vielmehr einen edlen Charakter besitze; Wickham dagegen nicht so fehlerfrei und liebenswürdig sei, als man ihn bis jetzt gehalten. Zum Beweis hiervon erzählte sie die nähern Umstände in Betreff der Pfründe, ohne jedoch ihre Quelle zu nennen.

Mrß. Gardiner vernahm mit Erstaunen den Bericht ihrer Nichte; da sie jedoch kein näheres Interesse an Wickham nahm und Elisens Herz gleichgültig gegen ihn wußte, vergaß sie ihn und seine Undankbarkeit bald im Verlauf der mannigfachen Zerstreuungen, die ihr der Rest des Tages im Kreise früherer Bekannten bot. Elisabeth aber war durch nichts von dem einen, sie allein beschäfftigenden Gedanken abzubringen. Darcy und seine ihr völlig unerklärliche Umwandlung waren und blieben ihr unauflösliche Räthsel. Sie konnte nur an ihn und seinen Wunsch, sie mit Georginen bekannt zu machen, denken.

Zweites Capitel

Elisabeth vermuthete, daß Darcy ihr seine Schwester den andern Morgen nach ihrer Ankunft in Pemberley bringen würde, und beschloß deshalb, sich zu dieser Zeit nicht vom Wirthshause zu entfernen. Ihre Vermuthung war indessen falsch; denn schon denselben Morgen, wo sie angekommen, fand sie sich mit ihrem Bruder in Lambton ein. Gardiners waren eben mit ihrer Nichte von einem kleinen Ausflug zurückgekehrt, und im Begriff, Toilette zu machen, um in Gesellschaft einiger befreundeten Familie auswärts zu Mittag zu essen, als das Rasseln eines Wagens sie an das Fenster lockte, und sie einen Herrn und eine Dame in einem Curricle die Straße heraufkommen sahen. Elisabeth erkannte die Livree und theilte ihren Verwandten die ihnen bevorstehende Ehre mit. Onkel und Tante blickten sie voll Erstaunen an. Eine solche Auszeichnung verbunden mit Elisens zunehmender Verlegenheit und manchem andern, ihnen schon gestern aufgefallenen Umstand, schien ihnen plötzlich Licht über die Sache zu geben. Bis jetzt war ihnen kein Gedanke dieser Art eingefallen; doch nun glaubten sie plötzlich, den Schlüssel zu Herrn Darcy's unbegreiflichem Betragen gefunden zu haben. Während sie sich mit dieser neuen Idee vertraut zu machen suchten, nahm Elisens Unruhe mit jedem Augenblick zu. Sie kannte sich selbst nicht wieder in diesem fremden Gefühl und strebte vergebens nach äußerer Ruhe. Eine gewisse Angst hatte sich ihrer bemeistert; sie fürchtete, daß des Bruders Vorliebe für sie der Schwester einen allzugünstigen Begriff von ihr beigebracht haben möchte, und der Wunsch, demselben zu entsprechen, gab ihrem Wesen etwas Unsicheres,

Sie entfernte sich vom Fenster, um nicht gesehen zu werden, und ging eiligen Schritts im Zimmer auf und ab; doch auch hier fand sie keine Ruhe, und die auf sie gerichteten, halb erstaunten, halb neugierigen Blicke ihrer Verwandten machten das Uebel nur noch ärger.

Indem trat Herr Darcy mit seiner Schwester ein und die Vorstellung ging in aller Form vor sich. Voll Verwundrung gewahrte Elisabeth, daß ihre neue Bekanntin nicht minder verlegen als sie selbst war. Sie hatte sie als stolz schildern hören; doch eine Beobachtung von wenigen Minuten reichte hin, sie zu überzeugen, daß diese Zurückhaltung nicht Hochmuth, sondern der höchste Grad von Schüchternheit sei. Es war kaum möglich, mehr als einzelne Worte aus ihr herauszubringen.

Miß Darcy war größer wie Elisabeth, sehr elegant und obgleich erst sechszehn Jahr, doch schon vollkommen ausgebildet. Ihre Gesichtszüge hatten einen freundlichen angenehmen Ausdruck und ihre ganze Erscheinung etwas sehr Anmuthiges, Weibliches. Elisabeth, die sich gefürchtet, in ihr eine eben so scharfe und strenge Beobachterin zu finden, wie in ihrem Bruder, fühlte sich angenehm überrascht durch Georginens anspruchsloses, sanftes Benehmen.

Darcy erzähltet ihr sogleich, daß Bingley an diesem Morgen ebenfalls seine Aufwartung zu machen gedenke; und kaum hatte sie Zeit, ihre Freude darüber auszusprechen, als ein rascher Fußtritt auf der Treppe seine Ankunft verkündete. Elisens Zorn gegen ihn war längst verschwunden; und selbst, wenn auch noch ein kleiner Theil im Hintergrunde ihrer Seele zurückgeblieben wäre, hätte er jetzt weichen müssen vor der herzlichen, freundlichen Begrüßung. Er erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden ihrer Familie, drückte seine Freude, sie wieder zu sehen, auf eine so natürliche Weise aus, und verrieth so viel Unbefangenheit, daß sie ihn von aller Schuld freisprechen mußte.

Für Herrn und Mrß. Gardiner war er nicht minder eine erfreuliche Erscheinung; sie hatten längst schon gewünscht ihn kennen zu lernen. Beide Männer erregten ihre Aufmerksamkeit in einem hohen Grade, besonders Darcy, von dessen Neigung für ihre Nichte sie sich immer mehr und mehr überzeugten. Ueber Elisens Gefühle waltete noch ein kleiner Zweifel ob; doch daß Darcy nur Liebe und Bewundrung athmete, war deutlich zu sehen.

Auch Elisabeth war nicht unbeschäfftigt. Sie bemühte sich, die Gefühle ihrer verschiedenen Gäste zu ergründen, ihr eigenes zu beruhigen, und sich allen angenehm zu machen, welches Geschäfft ihr nicht schwer wurde. Bingley war bereit, Georgine willig und Darcy entschlossen, sie und alles, was sie that und sagte, liebenswürdig zu finden. Bingley's Anblick erregte natürlich eine Erinnerung an ihre Schwester; und o! wie wünschte sie zu wissen, ob auch seine Gedanken auf dieselbe Weise beschäfftigt wären! Manchmal kam es ihr vor, als wenn er weniger spräche wie sonst, und ein Mal ruhte sein Blick so forschend auf ihr, als ob er in ihren Zügen eine Aehnlichkeit mit Johannen gesucht hatte. Aber wenn dieß auch nur Einbildung war, konnte sie doch bei der genauesten Beobachtung nichts bemerkten, was auf ein Verhältniß zwischen ihm und Miß Darcy schließen ließ. Kein Blick, kein Wort von seiner oder ihrer Seite, was die Hoffnungen Miß Bingley's zu rechtfertigen schien. Hierüber fühlte sie sich vollkommen beruhigt; und es ereigneten sich, ehe sie schieden, mehrere kleine Umstände, die eine Erinnerung an Johannen aussprachen, so wie den Wunsch, mehr über sie zu sagen, wenn er es gewagt hätte. Als er sich einen Augenblick unbemerkt glaubte, sagte er in einem Ton, der Bedauern ausdrückte – »Es ist sehr lange, daß wir uns nicht gesehen haben – über acht Monate. Ich habe Sie nicht wieder gesehen seit dem 26. November, wo wir alle zusammen in Netherfield tanzten.«

Elisabeth freute sich, sein Gedächtniß so treu zu finden; und er benutzte später noch ein Mal die Gelegenheit, sie zu fragen, ›ob
alle ihre Schwestern in Longbourn wären?‹ Die Frage an und für sich war eben so wenig bedeutungsvoll, als die vorhergegangene Bemerkung, aber der sie begleitende Ton und Blick gab ihnen die wahre Auslegung.

Sie wagte es nicht, oft ihre Blicke auf Darcy zu richten; doch wenn sie es that, sah sie seine Züge von einem heitern, freundlichen Ausdruck belebt; und alles, was er sagte, verrieth so wenig Hochmuth und Stolz, daß sie sich überzeugte, der höhere Grad von Artigkeit, den sie gestern an ihm bemerkt, habe wenigstens bis jetzt noch Stand gehalten. Sie glaubte zu träumen, wenn sie sein Bestreben sah, die gute Meinung derjenigen Menschen zu erhalten, deren Umgang er erst noch vor wenigen Monaten für eine Schande gehalten hatte; wenn sie seine ausgezeichnete Höflichkeit nicht allein gegen sie selbst, sondern gegen dieselben Verwandten, über welche er sich bei ihrem letzten Zusammentreffen in der Pfarrwohnung zu Hunsford so offen erklärt hatte, bemerkte. Der Unterschied war zu groß, die Verwandlung zu unbegreiflich, als daß sie ihren Einfluß nicht auf sie geäußert haben sollten. Nie, selbst nicht in der Gesellschaft seiner lieben Freunde in Netherfield oder seiner hohen Verwandten in Rosings hatte sie ihn so augenscheinlich bemüht zu gefallen, so frei von Selbstgefühl und Zurückhaltung gesehen, als hier, wo nichts auf sein Betragen ankam, ja wo selbst seine Artigkeit und Aufmerksamkeit den Tadel und Spott der Damen von Netherfield und Rosings nothwendig nach sich gezogen haben würde.:

Nach einer halben Stunde erhob sich die Gesellschaft zum Abschied und Darcy forderte seine Schwester auf, seine Bitte, Herrn und Mrß. Gardiner nebst Miß Bennet einen Mittag bei sich in Pemberley zu sehen, bevor sie die Gegend verließen, zu unterstützen. Miß Darcy gehorchte, obgleich mit einer Schüchternheit, welche deutlich bewies, wie wenig sie noch geübt war, solche Einladungen zu geben. Mrß. Gardiner sah ihre Nichte an, um zu erfahren, ob sie, der diese Höflichkeit hauptsächlich galt, geneigt sei, sie anzunehmen; doch Elisabeth hatte sich abgewandt und schien nichts gehört zu haben. Da sie aber dieses geflissentliche Vermeiden sehr richtig für Verlegenheit und nicht für Abneigung gegen den gemachten Vorschlag erkannte, und ihr Mann sich sehr bereitwillig dazu erklärte, wurde die Einladung mit Dank angenommen und der übermorgende Tag dazu festgesetzt.

Bingley freute sich der Aussicht, Elisen wieder zu sehen, da er noch viel mit ihr zu sprechen, noch manche Frage nach seinen Freunden in Hertfordshire zu thun hatte. Elisabeth übersetzte sich dies in den Wunsch, noch mehr von ihrer Schwester zu hören, und war sehr befriedigt von ihm, so wie von dem ganzen Besuch, obgleich ihr der Genuß desselben durch Anstrengung verbittert worden war. Sie sehnte sich allein zu sein, und fürchtete die Anspielungen ihrer Verwandten; deshalb hörte sie nur noch Bingley's Lob und eilte dann in ihr Zimmer, sich anzukleiden.

Aber von Herrn und Mrß. Gardiners Neugier hatte sie nichts zu befürchten; sie wollten ihr Vertrauen nicht erzwingen. Fest überzeugt, daß ihre Nichte Herrn Darcy besser kannte, als sie bis jetzt geglaubt, und daß er ihr wahrhaft ergeben war, wußten sie genug, um sich aller Fragen zu enthalten. Ob er aber wirklich den vortrefflichen Charakter besaß, das hohe Lob verdiente, welches ihm die Haushälterin beigelegt, blieb noch zu ergründen übrig. Die Nachforschungen, die sie darüber bei ihren Freunden in Lambton angestellt, waren nicht zu seinem Nachtheil ausgefallen. Man wußte ihn nichts vorzuwerfen als Stolz; stolz war er, und mußte er schon deswegen sein, weil er außer allem Verkehr mit den Einwohnern des kleinen Marktstädtchens lebte, und keinen Menschen besuchte. Zugleich ward er aber auch für einen freigebigen Mann erklärt, der den Armen viel Gutes erwiese.

Ueber Wickham lauteten die Nachrichten nicht allzugünstig, und die Reisenden fanden, daß er nicht in dem besten Ruf stand; denn obgleich man die meisten Klagen, die er über den Sohn seines verstorbenen Gönners führte, für gegründet hielt, war doch der Umstand, daß er viel Schulden in Derbyshire hinterlassen, welche Herr Darcy sämmtlich bezahlt hatte, nicht minder unbekannt geblieben.

Elisens Gedanken verweilten an diesem Tage noch mehr wie in dem vorigen in Pemberley, und der Nachmittag, so lang er ihr auch wurde, war dennoch nicht lang genug, um zu entscheiden, wie sie gegen den Besitzer desselben gesinnt sei. Sie haßte ihn nicht. Nein; dieses Gefühl war längst aus ihrem Herzen gewichen, und sie schämte sich, je eine Abneigung gegen ihn empfunden zu haben. Die Achtung, die sie seinen bessern Eigenschaften anfänglich nicht gern gezollt, fand jetzt ungehinderten Eingang, besonders seit er sich gestern und heute in dem ihr ganz fremden, liebenswürdigen Licht gezeigt. Doch mehr noch als durch die Achtung und Hochschätzung für seinen Charakter fühlte sie sich durch Dankbarkeit an ihn gefesselt. Ja, sie war ihm dankbar, daß er sie einst geliebt hatte, und jetzt noch so viel Liebe für sie empfand, um alle die Härten und Bitterkeiten vergessen zu können, womit sie seinen Antrag abgewiesen. Er, von dem sie überzeugt gewesen, daß er sie wie seinen bittersten Feind fliehen würde, war jetzt, bei ihrem zufälligen Zusammentreffen, bemüht, die Bekanntschaft fortzusetzen, sich ihren Verwandten gefällig zu beweisen, und seine Schwester mit ihr bekannt zu machen. Eine solche Veränderung in einem Mann von diesem Stolz erregte nicht allein Verwundrung, sondern heischte auch Dankbarkeit – denn nur der Liebe, der heißesten Liebe konnte sie zugeschrieben werden. Sie schätzte, sie achtete ihn, sie war ihm dankbar, sie nahm innigen Antheil an seinem Wohlergehen, und wünschte nur zu wissen, in wie fern es von ihr abhing, Letzteres zu befördern.

Es war zwischen der Tante und Nichte verabredet worden, in Erwiederung der unerwarteten Höflichkeit Miß Darcy's, die sie auf keine andre Weise zu vergelten im Stande waren, an folgenden Morgen ihren Gegenbesuch zu machen. Gardiner verließ die Damen gleich nach dem Frühstück, um Darcy's Aufforderung, mit ihm und einigen andern Herrn zu fischen, zu folgen, und so begaben sie sich allein nach Pemberley.

Drittes Capitel

Da Elisabeth jetzt die feste Ueberzeugung hatte, daß Miß Bingley's Abneigung gegen sie hauptsächlich aus Eifersucht entstanden war, sah sie nicht ohne Neugier ihrem ersten Zusammentreffen entgegen. Ihre Erscheinung in Pemberley mußte ihr nothwendig unangenehm sein; und sie war begierig zu sehen, ob sie sich so weit überwinden konnte, die alte Bekanntschaft mit anscheinender Höflichkeit zu erneuern.

Sie wurden durch ein Vorzimmer in den Sommersalon geführt, dessen nördliche Lage ihm in dieser Jahreszeit vor allen andern Zimmern den Vorzug gab. Die geöffneten Fenster gewährten eine herrliche Aussicht auf die hohen, mit Wald bekränzten Berge hinter dem Hause, und auf die schönen Eichen und Kastanienbäume, die den freien Platz zierten.

In diesem anmuthigen Gemach wurden sie von Miß Darcy empfangen, die hier mit Mrß. Hurst, Miß Bingley und der sie chaperonirenden Dame aus London gesessen hatte. Georginens Begrüssung war sehr höflich, zugleich aber mit so viel Schüchternheit begleitet, daß man sie leicht für zurückhaltend und hochmüthig hätte halten können. Mrß. Gardiner und ihre Nichte wußten indeß, wofür sie es zu nehmen hatten, und zollten ihr inniges Mitleid.

Mrß. Hurst und Miß Bingley begrüßten die Fremden nur durch eine stumme Verbeugung, worauf, nachdem man Platz genommen, eine peinliche Pause eintrat. Mrß. Annesley, eine feine, gebildete Frau, unterbrach diese zuerst und knüpfte eine Unterhaltung mit Mrß. Gardiner an, in welche Elise bald einstimmte. Miß Darcy rang nach Muth sich ebenfalls hineinzumischen, und wagte endlich einige kurze Redensarten anzubringen, doch nur wenn sie hoffen konnte nicht gehört zu werden.

Elisabeth gewahrte bald, daß sie genau von Miß Bingley bewacht wurde, und daß sie besonders mit großer Aufmerksamkeit auf jedes, an Miß Darcy gerichtete Wort lauschte. Diese Bemerkung würde sie jedoch nicht gehindert haben, sich mit Letzterer zu unterhalten, wenn sie nicht so fern von ihr gesessen hätte. Hierdurch aber war ihr die Gelegenheit dazu abgeschnitten, und sie konnte ungestört ihren eignen Gedanken nachhängen. Es bot sich ihr in diesen Zimmern Stoff genug zum Nachdenken dar. Sie erwartete jeden Augenblick, die Herren eintreten zu sehen, und wußte nicht, ob sie diesen Umstand mehr wünschen oder fürchten sollte. Nachdem sie eine Viertelstunde in Betrachtungen verloren gesessen hatte ohne Miß Bingley's Stimme zu hören, ward sie plötzlich durch eine kalte Frage nach dem Befinden ihrer Familie aus ihren Träumereien aufgeweckt. Sie erwiederte sie mit gleicher Kürze und Gleichgültigkeit, worauf die Andre wieder schwieg.

Die nächste Unterbrechung der mühsam geführten Unterhaltung entstand durch den Eintritt der Bedienten, welche kalte Speisen, Gebackenes und die schönsten Früchte auftrugen. Doch erst nach manchem bedeutungsvollen Blick und Lächeln von Mrß. Annesley war Miß Darcy zu vermögen, ihr Amt als Wirthin auszuüben. Jetzt fand ein Jedes Beschäfftigung, denn obgleich sie nicht alle hatten sprechen können, konnten sie doch alle essen, und die herrlichen Pyramiden von Trauben, Pfirsichen und andern vorzüglichen Obstsorten versammelte die ganze Gesellschaft um den Tisch.

Während dieses Intermezzos hatte Elisabeth die schönste Gelegenheit, mit sich selbst darüber ins Reine zu kommen, ob sie Darcy's Ankunft mehr wünschen als fürchten sollte; und kaum für das Erstere entschieden, machte sein plötzlicher Eintritt sie von Neuem wieder so befangen und verlegen, daß sie ihn lieber nicht gesehen hätte.

Er war mit Herrn Gardiner und einigen Herrn aus seiner Gesellschaft in Angelegenheiten des Fischfangs am Fluß gewesen, als er Mr. Gardiners und ihrer Nichte Vorsatz, seine Schwester zu besuchen, erfahren hatte, und gleich zurückgekehrt war. Elisabeth nahm sich bei seinem Anblick fest vor, so ruhig und unbefangen als möglich zu erscheinen, da ihr Besonnenheit genug geblieben war, zu bemerken, daß alle Augen auf sie und ihn gerichtet waren. Doch in keinem Gesicht drücke sich die Neugier so deutlich aus, als in Miß Bingley's – trotz dem Lächeln, hinter welches sie dieselbe zu verbergen suchte. Ihre Eifersucht hatte sie noch nicht verzweifeln lassen, und ihre Ansprüche an Darcy waren noch dieselben, die sie in Netherfield verrrathen. Georgine bemühte sich bei ihres Bruders Eintritt die Unterhaltung zu machen, und Elisabeth sah, wie er seinet- und ihretwegen besorgt war, sie aufrecht zu erhalten, und allgemein interessante Gegenstände dazu zu erwählen. Miß Bingley bemerkte ihrerseits dieses Streben ebenfalls, und vergaß sich in ihrem Unwillen darüber so weit, Elisen mit boshaftem Lächeln zuzurufen:

»Miß Elisabeth, ist nicht das Landwehrregiment von Meryton verlegt worden? Dieser Umstand muß für Ihre Familie ein großer Verlust gewesen sein.«

Sie wagte Wickham's Namen in Darcy's Gegenwart nicht auszusprechen. Elisabeth aber fühlte, daß sie ihn bei dieser Anspielung im Sinn gehabt hatte, und obgleich die Erinnerung an ihn sie in andrer Beziehung tiefer berührte, als selbst Miß Bingley zu fassen vermochte, ermannte sie sich doch schnell, und beantwortete die Frage mit ziemlich gleichgültigem Ton. Ein unwilkührlicher Blick auf Darcy sagte ihr, daß er sie bei dieser Anrede mit einem ernsten Ausdruck und schnellem Farbenwechsel betrachtet hatte. Georgine war wie mit Purpur übergossen, und wagte die Augen nicht aufzuschlagen. Hätte Miß Bingley ahnen können, welche unangenehme Empfindung sie ihren geliebten Freunden durch diese Worte verursachte, würde sie sie gewiß nicht ausgesprochen haben; sie beabsichtigte dadurch nur, Elisen aus der Fassung zu bringen, sie zu einer Antwort zu vermögen, die ihre Vorliebe für Wickham verrathen und sie in Darcy's Augen herabsetzen sollte; und Letztern nebenbei an alle die Thorheiten und Albernheiten zu erinnern, deren sich die meisten Glieder ihrer Familie während dem Aufenthalt des Regiments zu Schulden kommen gelassen hatten. Von Wickham's Verhältniß zu Miß Darcy und der verabredeten Entführung war nie ein Wort zu ihren Ohren gedrungen. Außer Elisabeth ahnete niemand etwas davon, und Darcy hatte dieses Geheimniß besonders sorgfältig vor Bingley und dessen Schwestern zu verbergen gesucht, weil er wirklich den Wunsch gehegt, seinen Freund mit Georginen verbunden zu sehen. Er gestand sich denselben zwar nicht offen zu, läugnete wenigstens seinen Einfluß auf die von ihm bewerkstelligte Trennung zwischen Bingley und Johannen; doch ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieser frühere Plan viel Theil an der lebhaften Sorge für das Wohl seines Freundes gehabt hat.

Elisabeths besonnenes Wesen beruhigte sein Gemüth bald wieder; und da Miß Bingley in ihrer Erwartung getäuscht, nicht weiter zu gehen wagte, so fand auch Georgine Zeit, sich einiger Maaßen zu erholen, wenn gleich nicht so weit, um wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Ihr Bruder, dessen Blick zu begegnen sie ängstlich vermied, schien ihren Antheil an der Sache ganz unbeachtet zu lassen; und derselbe Umstand, der bestimmt war, seine Gedanken von Elisen abzuziehen, diente nur dazu, sie mit größerm Interesse zu ihr zurückzuführen.

Bald darauf erhob sich Mrß. Gardiner, um Abschied zu nehmen; und während Darcy die Damen an den Wagen begleitete, ließ Miß Bingley ihren Gefühlen freien Lauf in spöttischen Bemerkungen über Elisens Gestalt, Betragen und Anzug. Doch Georgine stimmte nicht mit ein; ihres Bruders warme Empfehlung war hinreichend, ihr Urtheil zu bestimmen: er konnte nicht irren, und er hatte sich so günstig über Miß Bennet geäußert, daß sie auch nicht umhin konnte, sie höchst liebenswürdig zu finden. Als Darcy zurückkehrte, wiederholte Caroline die Bemerkungen, welche sie so eben seiner Schwester mitgetheilt, und fügte hinzu:

»Mein Gott! wie übel sah Elisabeth diesen Morgen aus! Ich fand in meinem Leben noch niemand in so kurzer Zeit auf eine solche schreckliche Weise verändert. Sie ist ja ordentlich braun von der Sonne verbrannt! Louise und ich hätten sie kaum wieder erkannt.«

So wenig Freude Darcy über diese Aeußerungen zu empfinden schien, begnügte er sich doch damit, kalt zu erwiedern, ›daß er weiter keine Veränderung bemerkt hatte, außer daß sie etwas verbrannt wäre, was bei einer längern Reise im Sommer jedes Mal der Fall zu sein pflegte‹.

»Ich muß gestehen,« fuhr sie fort, »daß ich sie nie hübsch gefunden habe. Ihr Gesicht ist zu schmal, ihr Teint nicht brillant, und ihre Züge nicht regelmäßig. Ihrer Nase fehlt ein charakteristischer Ausdruck, sie hat durchaus nichts Edles. Ihre Zähne sind leidlich, aber doch nicht ausgezeichnet; und ihre Augen, die zwar manchmal für schön erklärt worden sind, finde ich durchaus nicht so. Sie haben einen scharfen, stechenden Blick, den ich nicht leiden mag, und aus ihrem ganzen Wesen spricht ein Selbstgefühl, was mir unerträglich ist.«

Ueberzeugt, wie Miß Bingley war, daß Darcy Elisen liebte, erwählte sie nicht das rechte Mittel, sich selbst zu empfehlen; doch in der Leidenschaft handeln die Menschen selten überlegt, und da sie ihn erbittert sah, hatte sie für den Augenblick ihren Zweck erreicht. Er würdigte ihren Worten keine Antwort, und so fuhr sie, entschlossen, ihn zum Reden zu bringen, beharrlich fort:

»Ich erinnere mich noch unseres allgemeinen Erstaunens, als wir in Netherfield angekommen, Miß Elisabeth Bennet als eine der hauptsächlichsten Schönheiten rühmen hörten; und besonders unvergeßlich sind mir Ihre Worte, Herr Darcy, als sie zum ersten Mal in Netherfield gewesen war.
Sie eine Schönheit! sagten Sie – eben so gut kann man ihre Mutter für eine Gelehrte erklären. Späterhin schienen Sie jedoch Ihre Meinung über sie geändert zu haben, und sie recht artig zu finden.«

»Ja,« erwiederte Darcy, unfähig sich länger zu halten, – »so dachte ich anfänglich, als ich sie kennen lernte; doch bereits seit mehreren Monaten, erkläre ich sie für das schönste Mädchen meiner Bekanntschaft.«

Hiermit ging er fort, Miß Bingley ihren eigenen Betrachtungen über den Sinn der von ihm erpreßten Antwort überlassend.

Mrß. Gardiner und Elisabeth unterhielten sich auf dem Rückweg über alles, was sie in Pemberley gesehen und gehört, nur nicht über das, was Beiden am wichtigsten und bemerkenswerthesten erschienen war, über den Herrn des Hauses. Elisabeth wünschte und hoffte, daß ihre Tante ein Urtheil über ihn fallen möchte, und Mrß. Gardiner erwartete, daß ihre Nichte das Gespräch über ihn beginnen sollte.

Viertes Capitel

Elisabeth war sehr betrübt bei ihrer Ankunft in Lambton, keinen Brief von Johannen vorzufinden, und diese getäuschte Erwartung hatte sich nun schon zwei Tage wiederholt. Doch jetzt am dritten sollte sie für ihr längeres Warten belohnt werden, indem ihr bei ihrer Zurückkunft von Pemberley zwei Briefe von Johannen überreicht wurden. Der eine war, wie das Couvert bewies, aus Versehen auf Umwege hierher gerathen, worüber sich Elise nicht verwunderte, weil ihre Schwester die Aufschrift sehr undeutlich geschrieben hatte.

Da Gardiners eben im Begriff gewesen waren, mit ihrer Nichte auszugehen, überließen sie sie jetzt sich selbst und ihren Briefen. Der früher geschriebene mußte zuerst gelesen werden. Die erste Hälfte enthielt eine Beschreibung ihres Lebens und aller der kleinen Belustigungen, die die Nachbarschaft gewährt, so wie sämmtlicher Neuigkeiten, doch die zweite Hälfte, welche einen Tag später und augenscheinlich in großer Gemüthsbewegung geschrieben war, enthielt wichtigere Nachrichten und lautete folgender Maaßen:

»Liebste Lizzy! Seit gestern, wo ich den Anfang dieses Briefs geschrieben, hat sich etwas sehr Unerwartetes und Trauriges zugetragen: aber ich fürchte, Dich zu erschrecken und versichere daher gleich, daß wir uns alle wohl befinden. Was ich zu berichten habe, betrifft unsre arme Lydia. Vorige Nacht um 12 Uhr, als wir eben zu Bette gehen wollten, kam ein expresser Bote von Oberst Forster mit der Nachricht, daß sie mit einem seiner Officiere heimlich nach Schottland entwichen sei – mit Wickham! – Denke Dir unser Erstauen! für Kitty schien die Sache nicht so überraschend zu sein. Ich bin unbeschreiblich niedergeschlagen. Welch eine thörichte Heirath von beiden Seiten! – Doch ich will das Beste hoffen, und nicht an seinem Charakter verzweifeln. Gedankenlos und leichtsinnig mag er sein, aber dieser Schritt wirft kein schlechtes Licht auf sein Herz. Die Wahl zeugt wenigstens von seiner Uneigennützigkeit, denn er muß wissen, daß unser Vater ihm nichts geben kann. Die arme Mutter ist sehr betrübt, der Vater trägt es besser. Wie froh bin ich jetzt, daß wir ihnen nicht verriethen, was wir von ihm gehört haben. Wir müssen es jetzt selbst zu vergessen suchen. Sie sind allem Anschein nach am Sonnabend um 12 Uhr entflohen, doch gestern Morgen um 8 Uhr vermißt worden, worauf der Bote gleich fortgeschickt wurde. Wahrscheinlich sind sie ganz in der Nähe von Longbourn vorbeigekommen. Oberst Forster läßt uns hoffen, ihn bald hier zu sehen. Lydia hatte ein Paar Zeilen an seine Frau zurückgelassen, worin sie ihr den gefaßten Entschluß mittheilt. Ich muß schließen, da ich unsre arme Mutter nicht lange verlassen kann. Ich fürchte, Du kannst diese Zeilen kaum lesen, aber ich weiß nicht mehr, was ich schreibe.«

Ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu gestatten, kaum wissend was sie empfand, öffnete Elise mit Ungeduld den zweiten Brief. Er war einen Tag nach Beschluß des ersten geschrieben.

»Du wirst jetzt, geliebte Schwester! meine frühern flüchtigen Zeilen erhalten haben; ich wünschte Dir heute ruhiger schreiben zu können, aber mein armer Kopf ist so angegriffen, daß ich nur mit Mühe die rechten Ausdrücke finde. Theuerste Lizzy! ich habe Dir noch traurigere Nachrichten mitzutheilen, die keinen Aufschub leiden. So unvernünftig auch eine solche Heirath ist: so sehen wir jetzt doch mit Angst einer Bestätigung derselben entgegen, da wir leider fürchten müssen, daß sie nicht nach Schottland gegangen sind. Oberst Forster langte gestern hier an, nachdem er Brighton den Tag vorher, wenige Stunden nach dem Boten verlassen hatte. Obgleich Lydia in ihrem kurzen Brief an Mrß. Forster zu verstehen gegeben hatte, daß sie nach Gretna Green gehen würden, war dennoch durch Denny ruchbar geworden, daß Wickham nicht gesonnen sei, dorthin zu gehen, eben so wenig wie Lydien zu heirathen. Sobald Oberst Forster diese Nachricht erhielt, verfolgte er ihre Spur, doch nur bis Clapham, wo sie einen Miethwagen genommen und die Postpferde zurückgeschickt hatten, die sie von Epsom gebracht. Hierauf hat er weiter nichts erfahren können, als daß sie auf dem Weg nach London gesehen worden waren. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll. Nachdem Oberst Forster in allen Wirthshäusern und an allen Schlagbäumen dieser Straße vergebens Erkundigungen eingezogen, kam er in Hertfordshire an. Niemand hatte das Paar gesehen. Er hinterbrachte uns diese trostlose Nachricht mit vieler Schonung, und bewies überhaupt eine Theilnahme, die uns Allen wohl that. Sowohl er wie seine Frau sind sehr zu bedauern, aber anklagen kann man sie nicht. Ach, Lizzy! Unsre Lage ist sehr betrübt. Die Eltern glauben das Schlimmste, doch ich kann ihn nicht für so schlecht halten. Manche Umstände erleichtern ihm eine geheime Heirath in der Stadt; deshalb glaube ich, daß er den frühern Plan aufgegeben hat. Ich theilte Oberst Forster meine Ansichten darüber mit, fand ihn jedoch leider andrer Meinung. Er schüttelte den Kopf zu meinen Hoffnungen, und behauptete, Wickham sei nicht der Mann, dem man trauen könne. Meine arme Mutter ist krank und muß das Zimmer hüten. Wenn sie nur einige Gewalt über sich hätte und ihre Heftigkeit mäßigen wollte, würde es viel besser gehen; aber daran ist nicht zu denken. Auch den Vater sah ich noch nie so angegriffen. Selbst Kitty ist in großer Unruhe; sie fürchtet durch ihr Verschweigen dieses Verhältnisses Uebel angerichtet zu haben; doch da es ihr als ein Geheimniß anvertraut war, konnte man nichts andres erwarten. Anfänglich war ich froh, daß Dir, liebste Lizzy! die schrecklichen Scenen erspart worden waren; doch nun, nachdem der erste Sturm vorüber ist, beginne ich mich herzlich nach Deiner Rückkehr zu sehnen. Doch fern sei es von mir, diese durch meine Wünsche beschleunigen zu wollen. Lebe wohl!

Ich nehme die Feder noch ein Mal wieder auf, um das zu thun, was ich eben versichert hatte nicht thun zu wollen; doch die Umstände sind so, daß ich nicht umhin kann, Dich ernstlich zu bitten, so bald als möglich zurückzukommen. Ich kenne meine lieben Verwandten zu gut, um nicht zu wissen, daß sie mir diese Bitte verzeihen werden; auch habe ich meinen Onkel noch um eine besondere Gunst zu ersuchen. Der Vater ist mit Oberst Forster nach London gereist, um die Flüchtlinge ausfündig zu machen. Was er alsdann zu thun beabsichtigt, weiß ich nicht; nur so viel ist mir klar, daß er in seinem jetzigen Gemüthszustand nicht geeignet ist, die besten und wirksamsten Maaßregeln zu ergreifen. Und da Oberst Forster morgen Abend wieder in Brighton sein muß, würde es mir zur großen Beruhigung gereichen, unsern thätigen, einsichtsvollen Onkel ihm zur Seite zu wissen. Er wird und muß meine Angst gerecht finden und ich baue auf seine mir bekannte Güte.«

»Wo ist mein Onkel? Wo ist mein Onkel?« rief Elisabeth von ihrem Sitz aufspringend, nachdem sie die Briefe gelesen hatte, und wollte eben zur Thüre hinaus, als diese von einem Bedienten geöffnet wurde, hinter welchem Herr Darcy eintrat. Die Blässe ihres Gesichts und der Ausdruck der Bestürzung erschreckten ihn, und ehe er sich noch so weit gefaßt hatte, nach dem Grund zu forschen, rief sie hastig: »Ich bitte um Entschuldigung, Sie verlassen zu müssen. Aber ich muß augenblicklich Herrn Gardiner aufsuchen; unaufschiebbare Geschäffte drängen mich – ich habe keine Minute zu verlieren.«

»Großer Gott was ist hier vorgefallen?« rief er in der ersten Aufwallung des Gefühls, – fügte aber gleich sich fassend hinzu – »Ich will Sie keinen Augenblick aufhalten; aber lassen Sie mich oder den Bedienten Herrn und Mrß. Gardiner aufsuchen. Sie sind nicht wohl genug dazu – Sie können nicht selbst gehen.«

Elisabeth versuchte es dennoch, aber ihre Knie zitterten, und sie fühlte sich unfähig, ihr Vorhaben auszuführen. Sie rief daher den Bedienten zurück und beauftragte ihn in kaum verständlichen Ausdrücken, augenblicklich seinen Gebieter aufzusuchen und zurückzubringen.

Nachdem er das Zimmer verlassen, sank sie so matt und kraftlos auf ihren Stuhl zurück, daß Darcy sie unmöglich verlassen konnte. Er sagte im Ton des zartesten Mitgefühls – »Erlauben Sie mir, Ihr Mädchen zu rufen. Kann man nichts zu Ihrer Erleichterung thun? Ein Glas Wein würde Sie vielleicht stärken. Soll ich Ihnen eins holen? – Sie sind sehr krank.« –

»Nein, ich danke Ihnen,« entgegnete sie, bemüht sich zu fassen. »Ich bin nicht krank, nur betrübt über einige schreckliche Nachrichten, die ich so eben aus Longbourn erhalten.«

Sie brach bei diesen Worten in einen Strom von Thränen aus, und war einige Minuten unfähig weiter zu sprechen. Darcy stand in ängstlicher Erwartung neben ihr, er versuchte sie zu trösten, fühlte aber das Unzureichende seines Trosts, und begnügte sich, sie mit mitleidigen Blicken zu betrachten. Endlich begann sie wieder. »Ich habe eben einen Brief von meiner Schwester Johanne gehabt, der eine schreckliche Nachricht enthält. Sie kann nicht verborgen bleiben. Meine jüngste Schwester hat Eltern, Geschwister und Freunde verlassen ist entflohen – mit Wickham. Sie sind zusammen von Brighton entwichen. Sie kennen ihn hinreichend, und wissen, was wir zu hoffen haben, Lydia hat kein Vermögen, keine Connektionen, nichts was ihn reizen könnte – sie ist auf immer verloren.«

Darcy stand wie versteinert.

»Wenn ich bedenke,« fuhr sie mit bewegterer Stimme fort – »daß ich dieß hätte vielleicht verhindern können – ich, die ich seinen Charakter kannte. O, wenn ich nur einen Theil von dem, was ich über ihn gehört, meiner Familie mitgetheilt hätte. Doch nun ist alles, alles zu spät.«

»Es betrübt mich, es entsetzt mich!« rief Darcy. »Aber ist es auch ganz gewiß?«

»Leider nur zu gewiß! Sie verließen Brighton in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag. Bis London hat man ihre Spur verfolgen können, doch nicht weiter. Sie sind gewiß nicht nach Schottland gegangen.«

»Und was ist bis jetzt geschehen, sie aufzufinden und zurückzubringen?«

»Mein Vater ist auf der Stelle nach London gereist und Johanne bittet den Onkel schriftlich um seinen Beistand. Ich hoffe, wir werden augenblicklich abreisen. Doch es wird alles nichts helfen, ich weiß es zu gut. Wie soll man sie entdecken? Ich habe nicht die geringste Hoffnung. O, es ist eine schreckliche Lage!«

Darcy schüttelte den Kopf in schweigender Uebereinstimmung.

»Und ich kannte ihn. – O, hätte ich nur gewußt, ob ich sprechen durfte! Aber ich wagte es nicht, ich fürchtete Unrecht zu thun. Unseliges Mißgeschick!«

Darcy erwiederte nichts. Er schien kaum zu hören, was sie sagte und ging in ernsten Betrachtungen das Zimmer auf und ab, seine Stirn war zusammen gezogen, sein Blick düster. Elisabeth bemerkte es und ahnete den Grund. Ihr Muth drohte sie zu verlassen, sie fühlte, welchen Eindruck dieser neue Beweis der Schwäche, der Unwürdigkeit eines Gliedes ihrer Familie auf ihn machen mußte. Sie konnte ihn deshalb nicht verdammen, aber der innere Kampf, der sich deutlich in seinem ganzen Wesen aussprach, diente nicht dazu, ihr Gemüth zu beruhigen. Im Gegentheil, er lehrte sie ihr eignes Herz, ihre geheimsten Wünsche kennen; und nie war es ihr so deutlich geworden, daß sie ihn hätte lieben können, als jetzt, wo sie ihn auf immer aufgeben mußte.

Doch solche Gedanken waren nur vorübergehend. Lydia, die Demüthigung, das Elend, was sie auf die ganze Familie gebracht, verdrängten bald jede andre Sorge. Sie verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und verlor sich so ganz in der Idee ihres Unglücks, daß sie erst nach einigen Minuten wieder durch Darcy's Stimme in die Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Er sagte im Ton des innigsten Bedauerns:

»Ich fürchte, Sie haben meine Entfernung längst gewünscht, und ich kann mein Dableiben nur durch wahre, herzliche Theilnahme an Ihren Leiden entschuldigen. Wollte Gott! es könnte meinerseits etwas gesagt ober gethan werden, was Ihnen zum Trost gereichte. Aber ich will Sie nicht länger mit vergeblichen Wünschen quälen. Diese unglückliche Angelegenheit wird meine Schwester wohl leider um die Freude bringen, Sie morgen bei sich zu sehen.«

»Ja. Ich muß Sie bitten, uns bei Miß Darcy, zu entschuldigen. Sagen Sie ihr, daß dringende Geschäffte uns augenblicklich zurück beriefen. Verschweigen Sie die trostlose Wahrheit so lange als möglich. – Ich weiß, sie kann nicht lange geheim bleiben.«

Er versicherte sie seiner Verschwiegenheit – äußerte nochmals sein Bedauern über ihre Betrübniß, wünschte, daß die Sache sich glücklicher endigen möchte, als man jetzt zu erwarten berechtigt wäre; empfahl sich ihren Verwandten auf das Angelegentlichste, und verließ dann mit einem ernsten Blick das Zimmer.

Elisabeth fühlte, daß die Hoffnung, ihn je wieder auf diese Weise, wie sie ihn bei ihrem Zusammentreffen in Derbyshire gefunden, zu sehen, auf immer verschwunden war und ein Rückblick auf den Gang ihrer Bekanntschaft, auf die mannigfachen Widersprüche und Verschiedenheiten derselben entlockte ihrem gepreßten Herzen einen tiefen Seufzer. Sie sah ihn mit Kummer scheiden. –

Zu Lydien und deren Schicksal kehrten ihre Gedanken zurück. Sie hätte nicht die leisester Hoffnung, daß Wickham sie wirklich zu heirathen gedachte. Solchen Glauben, solche Erwartungen konnte nur eine Johanne hegen. Sie hatte während der Anwesenheit des Regiments in Hertfordshire nie eine Vorliebe für Wickham bei Lydien bemerkt; aber bei einem so leichtsinnigen Geschöpf bedurfte es auch nur einer Veranlassung und Aufmunterung, um sich schnell und leicht anzuschließen. Bis jetzt war bald dieser, bald jener Officier ihr Liebling gewesen je nachdem er sich ihr mehr oder weniger genähert; ihre Neigung hatte sich heute diesem, morgen jenem zugewendet; und so war zu vermuthen, daß sie eben so gern und so bereitwillig mit jedem andern hübschen Mann auf und davon gegangen wäre, als mit Wickham.

Elisabeths Wunsch, nach Hause zu eilen, stieg von Sekunde zu Sekunde. Sie verlangte zu hören und zu sehen, was ihr noch verborgen geblieben war, Johannens Sorge zu theilen. Der Vater abwesend, die Mutter unfähig, einen entscheidenden Schritt zu thun, dem trostlosesten Jammer Preis gegeben; sie erkannte die Nothwendigkeit, der theuren Schwester thätig beizustehen, und erwartete mit Sehnsucht die Rückkehr ihrer Verwandten.

Endlich kamen sie an, ängstlich besorgt um ihre Nichte, deren Uebelbefinden der Bediente als Veranlassung ihrer Zurückberufung angegeben hatte. Elisabeth beruhigte sie hierüber mit wenigen Worten, und las ihnen dann Johannens Briefe vor.

Obgleich Lydia nie der Liebling ihres Onkels und ihrer Tante gewesen war, betrübten sie sich dennoch über ihr Unglück; es betraf ja nicht sie allein, sondern die ganze übrige Familie mit ihr. Nachdem sich Herr Gardiner von seinem ersten Erstaunen und Schrecken erholt hatte, versprach er der weinenden Elisabeth, alles zu thun, was in seinen Kräften stände. Die Abreise ward sogleich festgelegt, da auch Mrß. Gardiner, von gleichen Gefühlen beseelt, sobald wie möglich fortzukommen wünschte.

»Aber was wird aus unsrer Einladung nach Pemberley?« sagte sie, »Johann erzählte uns, daß Herr Darcy hier gewesen sei, als Du nach uns geschickt; ist es wahr?«

»Ja; und ich sagte ihm, daß wir nicht im Stande wären, unser Versprechen zu halten. Das ist alles abgemacht.«.

»Das ist alles abgemacht;« wiederholte die Tante, indem sie in das nächste Zimmer ging, Anstalten zum Einpacken zu treffen. »Und stehen sie auf einem solchen Fuß, daß sie ihm die wahre Ursache mitgetheilt hat! O! wer doch hierüber im Klaren wäre!«

Aber ihre Wünsche blieben fruchtlos, dienten nur dazu, sie während des Einpackens zu beschäfftigen. Nachdem dieß beseitigt, und die nöthigen Entschuldigungskarten an ihre Freunde in Lambton geschrieben waren, blieb ihnen nichts mehr zu thun übrig, und die nächste Stunde sah unsre Reisenden schon auf dem Weg nach Longbourn.

Fünftes Capitel

»Je mehr ich aber die Sache nachdenke,« sagte Herr Gardiner, als sie zur Stadt hinausfuhren, »desto geneigter fühle ich mich, Johannens Ansicht über die Sache beizustimmen. Es erscheint mir höchst unwahrscheinlich, daß ein junger Mann solch einen ehrenrührigen Plan gegen ein Mädchen ausführen sollte, welches keineswegs freund- und schutzlos ist und sich im Hause seines Obersten aufhielt Er mußte doch erwarten, daß man Schritte thun würde, ihm auf die Spur zu kommen; und wie sollte er es wagen, wieder bei seinem Regiment zu erscheinen? Nein, das Vergehen gegen seinen Oberst wäre zu groß.«

»Ist dieß wirklich Ihre Meinung?« rief Elisabeth, von einer augenblicklichen Hoffnung beseelt.

»Auch ich stimme Deines Onkels Meinung bei,« sagte Mrß. Gardiner. »Es wäre in der That eine zu freche Uebertretung des Anstands und der Ehre. Ich kann unmöglich so schlecht von Wickham denken. Lizzy! bist Du im Stande, ihn so strafbar zu halten?«

»Ich traue ihm alles zu, nur nicht etwas gegen einen eignen Vortheil zu thun. Und wenn er nun auch wirklich redlichere Absichten hätte, als ich bei ihm voraussetze, warum ging er denn nicht nach Schottland, wie Lydien gesagt?«

»Erstlich,« entgegnete Gardiner, »ist es noch nicht entschieden, ob sie nicht nach Schottland gegangen sind.«

»Weshalb hätten die denn die Postkutsche gegen einen Miethwagen vertauscht! Und Sie vergessen, daß ihre Spur auf der Straße nach Barnet nicht zu finden gewesen ist.«

»Gut, so wollen wir annehmen, daß sie in London sind und sich dort aufhalten, um unentdeckt zu bleiben. Es ist nicht zu vermuthen, daß sie reichlich mit Geld versehen sein sollten; und so wird es ihm wohl einleuchten, daß sie wohlfeiler, wenn gleich nicht so schnell in London verheirathet werden können, als in Schottland.

»Aber wozu dieses Geheimhalten? Diese Furcht vor Entdeckung? Warum muß ihre Verheirathung ein Geheimniß bleiben? Ach, nein! das ist nicht wahrscheinlich. Sie hörten ja aus Johannens Brief, daß sein vertrautester Freund fest überzeugt war, daß es ihm nicht einfiele, sie zu heirathen; Wickham wird nie ein armes Mädchen heirathen; er kann sie nicht erhalten. Und welche Ansprüche hat Lydia, welche Anziehungskraft außer Jugend, Gesundheit und heiterm Sinn, die ihn vermögen sollten, solche Rücksichten aus den Augen zu verlieren. In wie fern er seine Ehre auf das Spiel setzt durch diese unvernünftige Entführung, kann ich nicht beurtheilen, denn ich weiß nicht, welche Folgen ein solcher Schritt nach sich zieht; aber andre Rücksichten werden ihn nicht verhindern, seinen schlechten Gesinnungen zu folgen. Lydia hat keine Brüder, die sich ihrer annehmen könnten, und nach dem, was Wickham von meines Vaters Indolenz und geringer Beachtung seiner Tochter gesehen hat, wird er ihn nicht für den Mann halten, der thätige Maaßregeln zur Wiederherstellung der Ehre seiner Familie zu ergreifen im Stande ist.«

»Aber kannst Du Lydien so leichtsinnig, so durch die Liebe verblendet halten, daß sie den Anstand so weit aus den Augen setzen sollte, in einem andern, als dem ehelichen Verhältnis mit ihm zu leben?«

»Es ist schrecklich,« rief Elisabeth mit Thränen, »daß man an der Tugend seiner eignen Schwester zweifeln muß: aber ich weiß nicht, was ich glauben soll. Vielleicht thue ich ihr Unrecht; jedoch sie ist so jung, so wenig gewohnt, sich mit ernsten Gedanken zu beschäfftigen, und vollends seit dem letzten Jahre so in Eitelkeit und Zerstreuungssucht versunken, daß mir wenig zu hoffen bleibt. Sie war von jeher zum Müßiggang und zu kindischen Beschäfftigungen geneigt; doch seit der Anwesenheit des Landwehrregiments ist Kopf und Herz mit nichts Anderem angefüllt gewesen, als mit Officieren, Liebeleien und dergleichen Dingen. Sie dachte an nichts anderes, sprach nur von solchen Gegenständen, und schien ihr ganzes Glück in diesem Gedankenkreis zu finden. Wie natürlich also, daß ein Mann mit so viel äußern Vorzügen, wie Wickham, leichtes Spiel mit ihr haben mußte!«

»Du siehst aber doch,« sagte die Tante, »daß Johanne viel besser von Wickham denkt, und ihn solcher Schlechtigkeit nicht fähig hält,«

»Von
wem könnte Johanne je schlecht denken?
Wen würde sie nicht zu entschuldigen suchen? Aber sie weiß ebenso gut wie ich, daß Wickham wirklich niedriger Handlungen fähig ist, daß er weder Ehrgefühl noch Schaam hat, daß er eben so falsch und betrügerisch als einschmeichelnd ist.!

»Und dieß weißt Du wirklich alles?« rief Mrß. Gardiner, deren Neugier im höchsten Grade erregt worden war.

»Ja, ich weiß es« entgegnete Elisabeth erröthend. »Ich erzählte Ihnen gestern von seinem schändlichen Betragen gegen Herrn Darcy, und Sie hörten es selbst in Longbourn, auf welche Weise er sich über den Mann äußerte, dessen Nachsicht und Edelmuth er unendlich viel zu danken hat. Auch giebt es noch manche andre Umstände, die ich nicht berechtigt bin – die des Erzählens nicht werth sind; aber seine Lügen in Bezug auf die Darcy'sche Familie sind nicht zu zählen. Nach dem, was er von Miß Darcy gesagt hatte, war ich darauf gefaßt, ein stolzes, hochmüthiges, unangenehmes Mädchen zu finden; und doch wußte er es selbst am Besten, wie liebenswürdig und anspruchslos sie ist.«

»Aber sollte Lydia hiervon nichts wissen? Sollte sie unbekannt mit dem sein, was Du und Johanne erfahren hatten?«

»Ach, nein! Das ist eben das Schlimmste von der Sache. Bis ich nach Kent kam und Herrn Darcys Verwandten, Oberst Fitzwilliam kennen lernte, wußte ich die Wahrheit selbst auch nicht. Und als ich nun bei meiner Zurückkunft erfuhr, daß das Regiment Meryton spätestens in 14 Tagen verlassen würde, hielten es Johanne und ich nicht für nöthig, davon zu sprechen. Warum sollten wir ihn um die gute Meinung der ganzen Nachbarschaft bringen? Und selbst als Mrß. Forster ihren Entschluß, Lydien mit nach Brighton zu nehmen, verkündete, hielt ich mich nicht berechtigt, ihr die Augen über seinen Charakter zu öffnen. daß
sie in Gefahr kommen könnte, von ihm betrogen zu werden, kam mir nicht in den Sinn.«

»Du hattest also vorher keinen Grund zu vermuthen, daß ein Liebesverhältniß zwischen ihnen Statt finde?«

»Nicht den geringsten. Ich erinnere mich nichts gesehen zu haben, was auf Neigung vor einer oder der andern Seite schließen ließ. Bei seinem ersten Erscheinen war sie zwar sehr für ihn eingenommen, so waren wir aber alle. Jedes Mädchen in und um Meryton fühlte sich die ersten zwei Monate durch seine Schönheit und Liebenswürdigkeit bezaubert; aber er zeichnete Lydien nie durch besondere Aufmerksamkeit aus, weshalb sie ihm denn auch ihre Gunst sehr bald entzog und andere, sie mehr auszeichnende Officiere zu ihren Lieblingen erwählte.«

Es ist leicht zu begreifen, daß die kleine Reisegesellschaft, nur von dem einen Gedanken beseelt, von nichts Anderem sprach, und daß besonders Elisabeth, in deren Herzen sich noch Vorwürfe über ihr Schweigen einschlichen, keinen Augenblick Ruhe genoß

Sie reisten so schnell als möglich und langten den zweiten Tag gegen Mittag in Longbourn an. Es gewährte Elisen zur Beruhigung, daß Johanne sie nicht früher erwartet haben konnte. Der Anblick eines Reisewagens hatte die kleinen Gardiners vor die Thüre gelockt. Elisabeth sprang zuerst heraus und eilte, nachdem sie den Kindern einen Kuß gegeben, ins Haus, wo ihr Johanne auch schon entgegen kam. Mit heißen Thränen umarmten sich die Schwestern, und Elisens erste Frage war nach den Flüchtlingen.

»Wir haben noch nichts von ihnen gehört,« entgegnete Johanne. Doch nun, da mein lieber Onkel gekommen ist, hoffe ich, daß alles gut gehen soll.«

»Ist der Vater noch in der Stadt?«

»Ja, seit dem Dienstag.«

»Und hörtet Ihr oft von ihm?«

»Nur ein Mal. Er schrieb mir am Mittwoch ein paar Zeilen, um seine glückliche Ankunft zu melden, und mir seine Addresse zu geben, um welche ich ihn gebeten hatte. Er fügte noch hinzu, daß er nicht eher wieder schreiben würde, bis er etwas Wichtiges mittheilen könnte.«

»Und die Mutter – wie geht es ihr? wie geht es Euch Allen?«

»Die Mutter ist leidlich wohl, aber sehr niedergeschlagen. Sie ist oben in ihrem Zimmer, was sie noch nicht wieder verlassen hat, und wird sich sehr freuen, Dich zu sehen. Marie und Kitty befinden sich Gottlob recht wohl,«

»Aber Du?« rief Elisabeth. »Du siehst sehr blaß aus. Wie viel hast Du in diesen Tagen gelitten!«

Johanne suchte sie über ihren Gesundheitszustand zu beruhigen, so gut sie konnte; unterdessen waren Herr und Mrß. Gardiner, von ihren Kindern aufgehalten, auch herein gekommen und Johanne begrüßte sie mit Lächeln und Thränen. Der Anblick ihres Onkels und seine Versicherungen, das Mögliche zur Entdeckung der Flüchtlinge zu thun, bestärkten sie in ihren Hoffnungen. Sie lebte von einem Tage zu dem andern in der Erwartung, daß sich alles gut enden würde, daß der nächste Morgen einen Brief von ihrem Vater, oder von Lydien mit der Nachricht ihrer vollzogenen Heirath bringen würde.

Mrß. Bennet empfing die Reisenden mit Thränen und Klagen, mit Verwünschungen über Wickham und dessen Schändlichkeit, und mit Erzählungen ihrer eignen Leiden; jedermann anklagend, nur nicht sich selbst; da doch ihre unzeitige Nachsicht und fehlerhafte Erziehung die hauptsächlichste Veranlassung zu Lydiens Irrthümern war.

»Wenn ich nur im Stande gewesen wäre, meinen Plan, mit der ganzen Familie nach Brighton zu gehen, auszuführen, so würde dieses Unglück nicht geschehen sein; aber die arme Lydia hatte keine Aufsicht, war sich zu sehr selbst überlassen. Forsters hätten sie keinen Augenblick unbewacht lassen sollen; ich bin fest überzeugt, daß sie nur deshalb auf solche Abwege gerathen ist: denn Lydia würde nimmermehr an Entführung gedacht haben, wenn sie unter strengerer Aufsicht gewesen wäre. Ich sagte es gleich, daß Forsters sich hierzu nicht eigneten, wurde aber wie gewöhnlich überstimmt. Armes, liebes Kind! Und nun ist mein Mann ihnen nachgereist, und wird sich mit Wickham schlagen oder schießen, sobald er ihn trifft; und wenn dieser ihn nun tödtet, was soll dann aus uns werden? Dann kommt Collins mit seiner Frau, ehe er noch kalt ist, um uns aus dem Hause zu jagen. O, Bruder, wenn Du Dich unserer nicht annimmst, weiß ich nicht, was wir beginnen sollen!«

Herr Gardiner bemühete sich, sie zu beruhigen, und versprach gleich den nächsten Tag nach London zu reisen, um seinem Schwager beizustehen, und ihm zu helfen, Lydien zu finden.

»O, geliebter Bruder,« rief Mrß. Bennet, »Du erfüllst meine kühnsten Wünsche. Eile in die Stadt, suche sie auf, wo sie sich auch verborgen halten, und besorge, daß sie gleich copulirt werden, wenn sie es wirklich noch nicht sein sollten. Wegen der Hochzeitskleider brauchen sie nicht zu warten. Sag Lydien, daß sie nach der Hochzeit so viel Geld dazu haben sollte, wie sie nur verlangte. Und vor allen Dingen verhindere, daß sich mein Mann nicht mit Wickham schlägt. Sage ihm, daß ich mich in einem schrecklichen Zustand befände, daß ich Krämpfe, Seitenstechen, Kopfweh und so gewaltiges Herzklopfen hätte, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe finden konnte. Und meiner lieben Lydia präge es ein, sich keine neuen Kleider anzuschaffen, bevor sie mich gesehen, weil sie nicht weiß, wo sie am besten zu haben sind. O, Bruder! wie bist Du so gut! Ich wußte wohl, daß Du gewiß Rath schaffen würdest.«

Herr Gardiner sah sich nach diesem Ausbruch ihrer chimärischen Hoffnungen genöthigt, sie zu ermahnen, sich weder der Erwartung noch der Furcht auf eine so gewaltsame Weise hinzugeben, indem sie hierdurch nichts bessere, ihren Gesundheitszustand wohl aber verschlimmern könne.

Während dieser Unterhaltung war die Mittagsstunde herangekommen und die Haushälterin erschien, ihr Gesellschaft zu leisten, da ihre Töchter die Gäste in das Eßzimmer begleiteten. Obgleich sie es alle für unnöthig erkannten, sich so ängstlich in ihr Zimmer einzuschließen, suchte doch niemand sie zum Herunterkommen zu bereden, da sie wohl wußten, wie wenig sie sich und ihre Zunge zu beherrschen verstand. Und so war es freilich besser, sie den lauschenden Ohren der aufwartenden Dienstboten zu entziehen.

Marie und Kitty fanden sich jetzt auch bei der Gesellschaft ein, der sie sich noch nicht gezeigt hatten. Die Eine kam von ihren Büchern, die Andre von der Toilette; beide sahen höchst ruhig aus, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und Kitty verrieth nur durch einen noch verdrießlichern, unmuthigern Ton den Verlust ihrer Lieblingsschwester, und ihren Zorn über deren Vergehen. Marie flüsterte Elisen, sobald sie sich an den Tisch gesetzt hatten, mit dem Ausdruck ruhiger Ueberlegung zu:

»Dieß ist eine sehr unglückliche Geschichte, von der wahrscheinlich viel gesprochen werden wird. Doch wir müssen uns bemühen, den Strom der Bosheit und Verläumdung zu hemmen, und uns gegenseitig durch schwesterliche Trostgründe aufzurichten.

Da Elisabeth keine Miene machte, hierauf etwas zu erwiedern, fuhr sie im salbungsreichen Ton fort:

»So trostlos diese Begebenheit für Lydien auch ist; müssen wir doch die nützliche Lehre daraus ziehen, daß der Verlust des weiblichen Rufs unersetzlich ist – daß ein falscher Schritt ins Elend führt, und daß man nicht genug auf seiner Hut sein kann im Benehmen gegen die Unwürdigen des andern Geschlechts.«

Elisabeth richtete ihre Blicke voll Erstaunen auf die moralisirende Schwester, und war keiner Antwort fähig.

Marie aber fuhr noch lange fort, die guten Folgen, die dieses Unglück für den aufmerksamen Beobachter haben müßten, heraus zu heben?

Als sich die beiden ältesten Schwestern im Verlauf des Abends einen Augenblick allein sahen, bat Elise, sie von allem zu unterrichten, was sie bis jetzt noch nicht erfahren hatte. »Was sagte Oberst Forster dazu? Hatte er keine Ahnung von diesem Liebesverständniß vor ihrer Flucht? Er muß sie doch immer zusammen gesehen haben.«

»Er behauptet, nichts bemerkt zu haben, was zu einem solchen Verdacht Veranlassung gegeben. Er dauert mich sehr. Sein Benehmen gegen uns war äußerst theilnehmend und gütig. Er unternahm die Reise hierher bloß in der Absicht, uns zu trösten, und als er kurz vorher die Vermuthung erhielt, daß Wickham wahrscheinlich nicht nach Schottland gegangen sei, beschleunigte er sie nur desto mehr«.

»Und war Denny wirklich überzeugt, daß Wickham Lydien nicht heirathen würde? Wußte er von ihrer Flucht? Hat Oberst Forster Denny selbst gesprochen?«

»Ja; aber als dieser ihn darüber befragte, läugnete er sein Mitwissen ab, und wollte seine wahre Meinung nicht aussprechen. Er wiederholte seinen Zweifel nicht, und deshalb bin ich immer noch geneigt zu hoffen.«

»Und hegte keiner von Euch einen Zweifel an ihrer Verheirathung, bis Oberst Forster kam?«

»Wie hatten wir auf einen solchen Gedanken kommen sollen! Ich fühlte mich ein Bischen unruhig und besorgt wegen meiner Schwester Aussichten auf häusliches Glück, da ich wußte, daß sein Betragen nicht immer ganz recht gewesen war. Die Eltern ahneten hiervon nichts und fanden diese Heirath nur sehr unvernünftig. Kitty gestand, mit einem triumphirenden Blick, daß sie mehr gewußt als wir, daß Lydiens letzter Brief sie auf diesen Schritt vorbereitet hätte. Sie schien schon seit mehreren Wochen von dem Liebesverständniß unterrichtet gewesen zu sein.«

»Doch nicht, ehe sie nach Brighton gingen?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Und kam es Dir vor, als ob Oberst Forster mit seinem wahren Charakter bekannt wäre? glaubst Du, daß er ihn für schlecht hält?«

»Ich muß gestehen, daß er nicht mehr so gut von Wickham sprach, wie er früher gethan. Er nannte ihn leichtsinnig und ausschweifend. Und seit diese Geschichte ruchbar geworden ist, hört man, daß er bedeutende Schulden in Meryton zurückgelassen haben soll; doch ich hoffe, dieses Gerücht ist falsch.«

»Ach, Johanne! wären wir weniger verschwiegen gewesen, hätte sich dieses Unglück vielleicht nicht zugetragen!«

»Vielleicht wäre es besser gewesen;« entgegnete ihre Schwester. »Aber die frühern Vergehen eines Menschen aufzudecken, der sich seitdem gebessert haben konnte, erschien mir doch ungerecht. Wir unterließen es aus der besten Absicht.«

»Weißt Du nicht, was Lydiens Brief an Mrß. Forster enthielt?«,

»Ihr Mann brachte ihn mit hierher,« sagte Johanne und reichte ihrer Schwester das Blatt, welches sie in ihrer Brieftasche bei sich führte. Es lautete folgender Maaßen:

Geliebte Henriette!

»Du wirst lachen, wenn Du erfährst, wohin ich gegangen bin, und ich muß selbst lachen, wenn ich mir Dein Erstaunen, mich morgen früh nicht zu finden, vorstelle. Ich bin im Begriff nach Gretna Green zu reisen, und wenn Du nicht erräthst mit wem, muß ich Dich für einfältig erklären: denn es giebt nur einen Mann in der Welt, den ich liebe, und dieser ist ein Engel. Ich kann ohne ihn nicht glücklich werden, deshalb muß ich mit ihm fortgehen. Du brauchst diese Neuigkeit nicht nach Longbourn zu berichten, wenn Du sonst nicht dazu aufgelegt bist; das Erstaunen der Meinigen wird nur desto größer sein, wenn ich ihnen schreibe und mich Lydia Wickham unterzeichne. Das wird einen Spas geben! Ich kann vor Lachen kaum fortschreiben. Sei doch so gut, mich bei Pratt zu entschuldigen, daß ich mein Engagement nicht halten und heute Abend mit ihm tanzen kann. Sage ihm, ich hoffte, er würde mir vergeben, wenn er alles wüßte, und ich wäre bereit, desto mehr auf dem nächsten Ball, wo wir zusammen träfen, mit ihm zu tanzen. Ich werde meine Kleider und übrigen Sachen holen lassen, sobald ich wieder in Longbourn bin; erinnere das Mädchen daran, den Riß in meinem Mouslinkleid zuzumachen, ehe sie es einpackt. – Und nun lebe recht wohl. Empfiehl mich Deinem Mann. Ich hoffe, Ihr trinkt heute Mittag auf unsre glückliche Reise.

Deine

Dich zärtlich liebende Freundin

Lydia Bennet.«

»O! leichtsinniges, gedankenloses Geschöpf!« rief Elisabeth, nachdem sie gelesen. »Welch ein Brief! wie kann man so in einem solchen Augenblick schreiben? Aber er beweißt wenigstens, daß sie an dem Zweck ihrer Reise nicht zweifelte. Was er ihr auch späterhin vorgelogen haben mag, so ist sie doch von dieser ärgsten Schuld freigesprochen. Mein armer Vater! wie wird er gelitten haben!«

»Ich sah ihn noch nie so ergriffen. Er konnte in den ersten zehn Minuten kein Wort hervorbringen. Die Mutter wurde gleich krank und so gerieth das ganze Haus in Unruhe.«

»Ach, Johanne!« rief Elisabeth mit einem Seufzer – »und gewiß blieb kein Mensch darin in Ungewißheit über die Sache?«

»Ich weiß es nicht, hoffe aber, daß noch nicht Jedermann von der traurigen Geschichte unterrichtet ist. Es war nicht möglich, alle Mittheilungen in diesem Augenblick zu verhindern. Die Mutter bekam ihre Zufälle, und so sehr ich auch bemüht war, ihr beizustehen, fühlte ich mich doch selbst so angegriffen von Schreck und Angst, daß ich weniger thun konnte, als ich wünschte.«

»Du hast schon über Deine Kräfte gethan, Das beweißt Dein krankes Aussehen. O, daß Ich bei Dir gewesen wäre, um alle Angst und Sorge mit Dir zu theilen!«

»Marie und Kitty waren sehr freundlich und würden mir gewiß treulich beigestanden haben; aber ich hielt es nicht für Recht, sie dazu aufzufordern. Kitty ist noch so jung und zart und Marie studirt so viel, daß ich ihr ihre Ruhestunden nicht gern rauben wollte. Die Tante Philips kam am Dienstag, nachdem der Vater abgereist, und war so gut, bis Donnerstag bei mir zu bleiben. Ihr Besuch gereichte, uns allen zum Trost. Auch Lady Lukas, kam sogleich, uns ihr Mitleid zu bezeigen, und bot ihre oder ihrer Töchter Dienste an, wenn wir sie brauchen könnten.«

»Sie hätte besser gethan, zu Hause zu bleiben,« rief Elisabeth; »es ist möglich, daß sie es gut meinte; aber bei solchen traurigen Gelegenheiten thut man am Besten, die Nachbarn sich selbst zu überlassen. Beistand ist unmöglich Theilnahme, unerträglich. Sie mögen in der Ferne über uns triumphiren und sich damit begnügen.«

Johanne erzählte nun auf ihrer Schwester Verlangen, daß der Vater zuerst nach Epsom, wo Wickham zuletzt Pferde gewechselt, gegangen sei, um zu versuchen, ob er von dem Postillion nichts Genaueres erfahren könne. Ihm lag hauptsächlich daran, die Nummer des Miethwagens zu wissen, in welchem sie nach Clapham gefahren. Dieser war von London mit Reisenden gekommen, und da Herr Bennet glaubte, daß eines Herrn und einer Dame Aussteigen aus dem einen, und Einsteigen in den andern Wagen, auf der Station nicht unbemerkt bleiben können gedachte er in Clapham Erkundigungen einzuziehen. Wenn dort nur das Haus erfahren könne, woselbst der Kutscher seine Reisenden aus der Stadt abgesetzt, so hoffte er auch, den Stand und die Nummer des Miethwagens herauszubringen, ohne welche Kenntniß seine Nachforschungen in London ganz zwecklos sein würden. Ob er nun noch andre Pläne gehabt, wußte Johanne nicht zu sagen, indem er beim Abschied in einer solchen Hast gewesen war, daß sie nur mit Mühe so viel aus ihm herausgebracht hatte.

Sechstes Capitel

Mit Ungeduld sah die ganze Familie am andern Morgen einen Brief von Herrn Bennet entgegen; aber die Post kam, ohne eine Zeile von ihm zu bringen. Er war als ein höchst saumseliger, nachlässiger Correspondent bekannt; doch hatte man bei dieser außerordentlichen Veranlassung Ueberwindung der Schreibescheu von ihm erwartet. Herr Gardiner vermuthete mit Recht, daß er noch nichts Erfreuliches zu melden gehabt, und da er nur die Ankunft der Briefe abgewartet hatte, beschleunigte er jetzt seine Abreise, nachdem er versprochen, augenblicklich Nachricht zu geben und seinen Schwager wo möglich sogleich nach Longbourn zurück zu schicken, da Mrß. Bennet immer noch große Sorge für das Leben ihres Gatten trug

Mrß. Gardiner und die Kinder wollten noch einige Tage in Hertfordshire bleiben zum Trost und zur Stütze ihrer Nichten. Die andre Tante besuchte sie ebenfalls sehr fleißig, um, wie sie sagte, ihre lieben Verwandten aufzuheitern; da sie aber nie kam, ohne neue Beweise von Wickham's Leichtsinn und Ausschweifung zu erzählen: so verließ sie sie immer weit niedergeschlagener, als sie sie gefunden.

Ganz Meryton erhob sich jetzt, den Mann anzuklagen, der erst drei Monate vorher zum Engel erhoben worden war. Man beschuldigte ihn eines unordentlichen, zügellosen Lebens, Handwerker und Kaufleute waren unbezahlt geblieben, während er mit ihren Frauen und Töchtern Intriguen angesponnen. Jedermann erklärte ihn für den schlechtesten jungen Mann im Umkreise und Viele versicherten, dem Schein seiner Güte und Liebenswürdigkeit nie recht getraut zu haben.

Elisabeth, obgleich sie nicht die Hälfte der bösen Gerüchte glaubte, sah ihre Vermuthungen dennoch bestätigt, und ihrer Schwester Verderben als gewiß an; und selbst Johanne, die noch weniger glaubte, verlor nach und nach die Hoffnung, besonders da noch immer alle Nachrichten ausblieben, die sogar, von Schottland längst hätten eintreffen können.

Den zweiten Tag nach Herrn Gardiners Abreise erhielt seine Frau einen Brief von ihm mit der Nachricht, daß er seinen Schwager sogleich gefunden und ihn bewogen hätte, zu ihm in sein Haus zu kommen. Herr Bennet war in Epsom und Clapham gewesen, ohne jedoch etwas Genügendes zu erfahren, und in diesem Augenblick entschlossen, in den hauptsächlichsten Wirthshäusern Erkundigungen einzuziehen, indem er vermuthete, daß Wickham bei seines Ankunft in London zuerst in einem Gasthof abgestiegen sei, ehe er eine Privatwohnung bezogen habe. Herr Gardiner fügte hinzu, daß er selbst keinen günstigen Erfolg von dieser Maaßregel erwartete, seinen Schwager jedoch hierbei unterstützen würde. Seinen Vorschlag, nach Longbourn zurückzukehren, hatte er nicht angenommen, da er die Stadt nicht verlassen wollte, bis er etwas Bestimmtes erfahren. Eine Nachschrift enthielt Folgendes:

»Ich habe an den Obersten Forster geschrieben und ihn gebeten, sich bei den genauern Bekannten Wickham's zu erkundigen, ob er Verwandte oder Freunde in der Stadt habe, bei denen er sich vielleicht verborgen aufhalte. Wenn dieß der Fall, könnte man doch mit größerer Zuversicht hoffen, ihn ausfindig zu machen, als jetzt, wo es uns an jeglichem Leitfaden fehlt. Oberst Forster wird gewiß alles thun, was in seiner Macht steht, um uns behülflich zu sein. Doch nach reiflicher Ueberlegung fällt mir ein, daß Lizzy vielleicht besser als jeder Andre Auskunft über seine Verwandtschaft zu geben vermag.«

Elisabeth konnte sich recht gut erklären, weshalb ihr Onkel sich in diesem Punkte an sie gewendet, war jedoch nicht im Stande, ihn aus der Verlegenheit zu ziehen. Sie hatte Wickham nie von seinen Verwandten, außer von Vater und Mutter, reden hören; und diese waren schon mehrere Jahre todt. daß einer oder der andre seiner Kameraden im Landwehrregiment aber vielleicht mehr von ihm wissen möchte, erschien ihr selbst sehr wahrscheinlich; und so hielt auch sie sich an diesen letzten Hoffnungsstrahl.

Jeder Tag in Longbourn war nun ein Tag der Angst, und die Stunde, wo die Post anzukommen pflegte, die ängstlichste Stunde dieses Tages. Jeder Morgen begann mit neuer Erwartung, und jeder Abend schloß mit abermals getäuschter Hoffnung.

Ehe noch wieder neue Nachrichten von Herrn Gardiner einliefen, kam ein Brief von Herrn Collins an seinen Vetter in Longbourn, den Johanne auf den ausdrücklichen Befehl ihres Vaters, alles Einlaufende zu erbrechen und zu lesen, mit Elisen las. Er war ganz in Collins Manier, und lautete folgender Maaßen:

»Theuerster Vetter!

Ich fühle mich durch unsre Verwandtschaft, so wie durch meinen Stand im Leben berufen, Ihnen meine Theilnahme an dem traurigen Ereigniß, was Ihre Familie betroffen, zu bezeigen. Seien Sie versichert, daß sowohl Mrß. Collins als auch ich selbst Sie innigst beklage, und Ihren und Ihrer verehrten Familie Unglücksfall von Herzen bedaure. Es ist derselbe leider von der schrecklichsten Art, indem er aus einer Ursache entstanden, die nie hinweggeräumt werden kann. Doch soll meinerseits nichts unversucht bleiben, was ein solches hartes Geschick mildern, oder Ihnen Trost gewähren könnte. Dieß ist in diesem, das älterliche Herzen am Meisten betrübenden Umstand heilige Pflicht. Der Tod Ihrer Tochter würde im Vergleich mit ihrem jetzigen Unglück ein wünschenswerthes Gut sein. Und die Sache ist um desto mehr zu beklagen, da, wie ich von meiner lieben Charlotte erfahren habe, der Grund dieses zügellosen Betragens Ihrer Tochter hauptsächlich in einer fehlerhaften Nachsicht bei ihrer Erziehung liegt; obgleich ich zu Ihrem und Mrß. Bennets Trost geneigt bin zu glauben, daß ihre Anlagen von Natur schlecht gewesen sein müssen, weil sie sonst in diesem Alter noch nicht solcher Handlungen hätte fähig sein können. Wie dem nun auch sei, so sind Sie doch sehr zu bedauern, in welches Gefühl sowohl Mrß. Collins als auch Lady Katharine und ihre Tochter einstimmen, denen ich diese unglückliche Geschichte mitgetheilt. Sie kommen mit mir in der Ansicht überein, daß dieser falsche Schritt der einen Tochter, dem künftigen Glück der andern sehr nachtheilig sein wird: denn wer, so ließ sich Lady Katharine herab zu bemerken, wer wird gesonnen sein, sich mit dieser Familie näher zu verbinden? Und diese Bemerkung veranlaßte auch bei mir die Betrachtung, wie gut es sei, daß eine gewisse Verbindung im vorigen November nicht zu Stande gekommen, indem ich dadurch nothwendig in Ihr Unglück und in Ihre Schande verwickelt worden wäre. Lassen Sie sich rathen, verehrter Freund! und trösten sich, so gut Sie es vermögen; und im Betreff Ihres unwürdigen Kindes kann man Ihnen nur vorschlagen, demselben Ihre väterliche Liebe für immer zu entziehen, und es seinem eignen Schicksal zu überlassen. Unverändert Ihr gehorsamster Diener und Vetter

Collins.«

Gardiner schrieb nicht eher wieder, bis er Antwort von Oberst Forster erhalten hatte, und diese lautete nicht sehr erfreulich. Niemand wußte von einer Verwandtschaft oder genauen Bekanntschaft Wickham's in der Stadt. Früher hatte er zwar in einem größern Cirkel gelebt, seit er aber in das Landwehrregiment getreten, allen Verkehr mit seinen ehemaligen Bekannten aufgegeben, weshalb auch keiner seiner jetzigen Kameraden nähere Auskunft über ihn und seinen Aufenthalt zu geben vermöchte. Dazu war der trostlose Zustand seiner Finanzen ein zweiter dringender Grund, sich geheim zu halten, da man so eben erfahren hatte, daß er bedeutende Spielschulden in Brighton hinterlassen. Oberst Forster glaubte, daß wenigstens tausend Pfund erforderlich waren, seine Schulden daselbst zu decken. Außerdem hatte er deren auch noch in der Stadt. Herr Gardiner hielt sich nicht berechtigt, der Familie in Longbourn diese Nachrichten vorzuenthalten. Johanne hörte sie mit Entsetzen. »Ein Spieler!« rief sie. »Das ist ein unerwarteter Schlag – das hätte ich nicht erwartet!«

Der Brief schloß mit der Versicherung, daß sie ihren Vater den folgenden Tag in Longbourn erwarten konnten. Niedergeschlagen durch die fruchtlosen Versuche, die Flüchtlinge zu finden, hatte er endlich der Bitten seines Schwagers nachgegeben und versprochen, zu seiner Familie zurückzukehren, während Herr Gardiner die nöthigen Schritte fortzusetzen gelobt. – Als Mrß. Bennet diese Nachricht erfuhr, äußerte sie hierüber nicht die Zufriedenheit, die ihre Kinder, in Folge ihrer früher ausgesprochenen Angst um das Leben des Vaters, erwartet hatten.

»Was! er kehrt zurück ohne unsre arme Lydia!« rief sie voll Entsetzen. »Wer soll sich denn mit Wickham duelliren und ihn dazu bringen, sie zu heirathen, wenn er London verläßt?«

Da Mr. Gardiner nun auch zurückzukehren wünschte, reiste sie den folgenden Morgen mit dem Wagen, welcher Herrn Bennet auf sein Verlangen entgegengeschickt wurde, bis auf die nächste Station und von dort mit seinem Miethwagen nach London. Ueber Elisen und ihren Freund in Derbyshire hatte sie keine nähere Aufklärung erlangt; sein Name war nie ohne Aufforderung von ihr ausgesprochen worden, und der Tante geheime Hoffnung, daß ein Brief von ihm bald nachfolgen und ihnen allen Aufschluß geben würde, unerfüllt geblieben. Elisabeth hatte seit ihrer Zurückkunft keine Zeile aus Pemberley erhalten. Der gegenwärtige peinliche Zustand der Familie war eine hinreichende Entschuldigung ihrer Niedergeschlagenheit; und so ließ sich auch hieraus keine Vermuthung ziehen, obgleich Elisabeth, seit Kurzem über den Zustand ihres Herzens vollkommen aufgeklärt, wohl fühlte, daß sie Lydiens Schande leichter ertragen hätte, wenn Darcy nicht darum gewußt. Der Gedanke seines Mitwissens verscheuchte manchmal den Schlaf von ihren Augen.

Herr Bennet langte an, und seine Züge verriethen die gewöhnliche philosophische Ruhe. Er sprach nicht mehr, als er sonst zu sprechen pflegte, erwähnte der Veranlassung seiner Reise mit keinem Wort, und so verstrichen mehrere Stunden, ehe seine Töchter so viel Muth Verlangt hatten, ihn darum zu befragen. Erst am Abend, als er zum Thee wieder zu ihnen kam, wagte Elisabeth, ihr Bedauern über alles, was er während ihrer Abwesenheit gelitten, auszusprechen.

»Sag nichts davon,« entgegnete er kalt. »Ich litt nur, was ich selbst verschuldete. Mich selbst habe ich deshalb anzuklagen, und das ist geschehen.«

»Sie müssen nicht zu streng gegen sich sein, lieber Vater!« sagte Elisabeth.

»Du brauchst mich nicht davor zu warnen; die menschliche Natur ist ohnehin nur zu geneigt sich zu entschuldigen. Nein, Lizzy! laß mich ein Mal im Leben fühlen, wie sehr ich zu tadeln gewesen bin. Ich fürchte nicht von diesem Gefühl überwältigt zu werden; es wird bald genug vorübergehen.«

»Haben Sie einige Vermuthung, daß sie in London sind?«

»Ja; wo sollten sie sich sonst so verborgen aufhalten können?«

»Und Lydia hatte immer den Wunsch, ein Mal nach London zu kommen,« sagte Kitty.

»So wird sie sich jetzt glücklich preisen,« entgegnete ihr Vater trocken; »besonders da einige Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, daß ihr dortiger Aufenthalt sich in die Länge ziehen wird.«

Nach einer kleinen Pause fuhr er zu Elisen gewendet fort: »Lizzy! ich zürne Dir nicht, daß Du die Begebenheiten so richtig vorausgesagt hast. Dein Rath, den Du mir im vergangenen May gabst, zeugt von Welt- und Menschenkenntniß.«

Johannens Eintritt unterbrach das Gespräch; sie kam, den Thee für ihre Mutter zu holen.

»Dieses Krankthun,« rief er, »giebt doch dem Unglück einen gewissen Anstrich von Eleganz und Wichtigkeit. Morgen werde ich es eben so machen; ich will mit Pudermantel und Nachtmütze in meinem Studierzimmer sitzen bleiben, und so viel Umstände und Unruhe machen, als ich nur immer kann oder, vielleicht würde es gerathen sein, damit zu warten, bis Kitty davon gelaufen ist.«

»Ich werde nie davon laufen, Papa,« sagte Kitty verdrießlich; ich würde mich besser aufführen wie Lydia, wenn ich jemals nach Brighton gehen sollte.«

»Du nach Brighton! Nicht um 50 Pfund möchte ich Dich nur in die Nähe von Brighton lassen. Nein, Kitty! ich habe jetzt wenigstens gelernt, vorsichtiger zu sein, und Du sollst die Folgen davon empfinden. Kein Officier darf je wieder mein Haus betreten, nicht ein Mal durch's Dorf gehen. Bälle sind in Zukunft ganz verpönt, oder Du mußt versprechen, Deinen ältern Schwestern nicht von der Seite zu weichen. Und ausgehen darfst Du nicht eher wieder, bis ich mich selbst davon überzeugt, daß Du jeden Tag zehn Minuten vernünftig gewesen bist.«

Kitty, die alle diese Drohungen für baaren Ernst nahm, fing an zu weinen.

»Nun, nun!« sagte er, »beunruhige Dich nur nicht allzu sehr. Wenn Du Dich zehn Jahre untadelhaft betragen hast, ein braves Mädchen gewesen bist, verspreche ich auch, Dich zu einer Revüe mitzunehmen.«

Siebentes Capitel

Zwei Tage nach Bennets Zurückkunft langte ein Bote aus der Stadt von Herrn Gardiner an. Elisabeth und Johanne waren eben in den Garten gegangen, als die Haushälterin ihnen diese Nachricht mittheilte, und sie eilten zu ihrem Vater.

»Papa! was haben Sie für Nachrichten, hat der Onkel geschrieben?« fragte Elisabeth.

»Ja, ich bekam eben diesen Brief durch einen expressen Boten.«

»Enthält er gute oder schlechte Nachrichten?«

»Was kann man Gutes erwarten!« sagte er, den Brief aus der Tasche nehmend. »Hier, lies ihn laut, denn ich weiß selbst kaum, was er enthält.«

»Gracechurch-straße. Montag

den 2ten August.

»Liebster Bruder!

Endlich bin ich im Stande, Ihnen Nachrichten von Ihrer Tochter zu geben, die, wie ich hoffe, zu Ihr er Beruhigung dienen werden. Gleich nachdem Sie uns am Sonntage verlassen hatten, war ich so glücklich, zu erfahren, in welchem Theile von London sie sich aufhalten. Die nähern Umstände behalte ich mir vor, bis wir uns wieder sehen. Es ist genug, zu wissen, daß ich sie entdeckt und alle Beide gesehen habe.«

»Dann ist es gewiß, wie ich immer hoffte,« rief Johanne – »sie sind verheirathet!«

Elisabeth las weiter:

»Ich habe sie Beide gesehen. Sie sind nicht verheirathet, auch schien es mir nicht, als ob dieß ihre Absicht sei; doch wenn Sie sich geneigt finden lassen, die Bedingungen zu erfüllen, die ich in Ihrem Namen zugestanden, hoffe ich, daß sie bald verheirathet sein werden. Sie bestehen darin, daß Sie dieser Ihrer Tochter durch einen schriftlichen Contrakt ihren Antheil an den fünftausend Pfund, die Ihren Kindern nach Ihrem und meiner Schwester Ende zufallen, zusichern und ihr außerdem während Ihres Lebens jährlich hundert Pfund bewilligen. Dieß sind Bedingungen, die ich in Ihrem Namen unter gegenwärtigen Umständen einzugehen keinen Anstand nahm, obgleich ich alles nur im Fall Ihrer Zusage fest machte. Ich sende Ihnen diese Zeilen durch einen expressen Boten, damit ich Ihre Antwort so schnell als möglich erhalte. Sie sehen hieraus, daß Herrn Wickham's Umstände keineswegs so hoffnungslos sind, als man sie geschildert hat. Die Welt ist hierüber betrogen worden, und ich freue mich, hinzufügen zu können, daß meine Nichte, nachdem seine Schulden bezahlt sind, immer noch eine kleine Summe Geldes von ihrem Vermögen übrig behalten wird. Wenn Sie, wie ich voraussetze, mich beauftragen, dieses Geschäfft in Ihrem Namen abzuschließen, werde ich augenblicklich Anstalten treffen, eine passende Einrichtung für die jungen Leute zu besorgen. Ihre Zurückkunft nach London ist durchaus nicht erforderlich, weshalb ich Sie bitte, ruhig in Longbourn zu bleiben und meiner Einsicht zu vertrauen. Senden Sie mit gleich Antwort zurück, und tragen Sie Sorgen daß sie klar und bündig ist. Wir haben es für das Beste erkannt, daß Lydia aus unserm Hause den wichtigen Gang in die Kirche antritt, was Sie hoffentlich billigen werden. Sie kommt heute zu uns. Sobald Alles ins Reine gebracht ist, schreibe ich wieder.

Ihr so getreuer Freund und Schwager

Eduard Gardiner.«

»Ist es möglich!«« rief Elisabeth, nachdem sie geendet; »ist es wirklich wahr, daß er sie heirathen will?«

»Wickham ist nicht so schlecht, als wir ihn gehalten haben,« sagte Johanne. »liebster Vater! ich gratulire Ihnen!«

»Haben Sie den Brief beantwortet?« fragte Elisabeth.

»Nein, aber es muß bald geschehen.«

»O, liebster Vater!« rief sie, »thuen Sie es gleich. Bedenken Sie, wie wichtig jeder Augenblick in einem solchen Fall ist.«

»Lassen Sie mich für Sie schreiben, wenn Sie es nicht gern selbst thun,« sagte Johanne.

»Ich thue es nicht gern; aber es muß sein.«

»Und darf ich fragen, ob Sie gesonnen sind, die Bedingungen einzugehen?« fragte Elisabeth.

»Ob ich sie eingehen will? ich schäme mich nur, daß er so wenig verlangt hat. Zwei Dinge wünschte ich zu wissen: Erstlich, wie viel Geld Dein Onkel gebraucht hat, die Sache so weit zu bringen und wie ich jemals im Stande sein werde, ihm diese Summe zurück zu geben.«

»Geld! der Onkel!« rief Johanne erstaunt. »Wie verstehen Sie das, lieber Vater!«.

»Ich bin der Meinung, daß kein Mann, der nur einigen Verstand hat, sich dazu entschließen wird, Lydien mit einer so geringen Mitgift als hundert Pfund jährlich, so lange ich lebe, und funfzig, nachdem ich gestorben bin, zu heirathen.«

»Das ist sehr richtig,« bemerkte Elisabeth, »obgleich ich nicht früher daran gedacht habe. Seine Schulden bezahlt und noch etwas übrig! Ja! der Onkel hat sicher hierbei das Beste gethan. Edler Mann! ich fürchte, er wird sich selbst dadurch ruiniren. Eine kleine Summe ist gewiß nicht hinreichend gewesen.«

»Nein,« erwiederte der Vater, »Wickham wäre ein Thor, wenn er sie mit wenige als zehntausend Pfund nähme. Es sollte mir leid thun, gleich zum Anfang unsrer Verwandtschaft so gering von ihm denken zu müssen.«

»Zehntausend Pfund! Gott verhüte es! Wie wäre es möglich auch nur die Hälfte dieser Summe zurückzuzahlen?«

Bennet schwieg und setzte sich zum Schreiben nieder. Die Mädchen verließen ihn.

»So dürfen wir wenigstens hoffen, sie bald verheirathet zu sehen,« sagte Elisabeth, als sie mit ihrer Schwester wieder allein war. »Wunderbar! und
dafür müssen wir dankbar sein, und uns freuen, daß es so weit gekommen ist. O, Lydia! Lydia!«

»Ich tröste mich mit dem Gedanken,« sagte Johanne, »daß er Lydien gewiß nicht heirathen würde, wenn er sie nicht wirklich liebte. Und obgleich ich gern glauben will, daß unser guter Onkel etwas für ihn gethan hat, so kann ich doch die Möglichkeit einer solchen Summe wie zehntausend Pfund nicht fassen. Er hat ja selbst Kinder und ist gewiß nicht im Stande, auch nur die Hälfte zu entbehren.«

»Wenn wir erfahren können, wie hoch sich Wickham's Schulden belaufen,« sagte Elisabeth, »und wie viel unsrer Schwester von seiner Seite ausgesetzt worden ist, können wir leicht berechnen, was Gardiner für sie gethan hat, da Wickham nicht einen Schilling eignes Vermögen besitzt. Die Güte unsrer Verwandten ist nicht zu vergelten. daß sie Lydien in ihr Haus und unter ihren besondern Schutz genommen haben, ist ein Opfer, welches jahrelange Dankbarkeit erfordert. Jetzt wird sie schon bei ihnen sein! Wenn solche Güte sie nicht beschämt und rührt, verdient sie nicht glücklich zu werden! Mit welchen Empfindungen wird sie der Tante zuerst unter die Augen treten!«

»Wir müssen von beiden Seiten zu vergessen suchen, was vorgefallen ist,« sagte Johanne; »ich hoffe, sie wird glücklich werden. Seine Bereitwilligkeit, sie zu heirathen, ist ein Beweis, daß er auf den rechten Weg zurück gekehrt ist. Gegenseitige Neigung wird beide Theile bessern, und so schmeichle ich mir, daß sie sich so vernünftig betragen werden, daß man ihre frühere Unvorsichtigkeit mit der Zeit vergessen kann.

»Ihr beiderseitiges Betragen war von einer Art,« entgegnete Elisabeth, »daß es weder von Dir, noch von mir, noch von irgend jemand vergessen werden kann. Es ist unnütz, darüber zu reden.«

Da es den Schwestern erst jetzt einfiel, daß ihre Mutter von dem Vorgefallenen noch nicht unterrichtet war, eilten sie zu ihr hinauf und fanden Marie und Kitty bei ihr. Nach einer kurzen Vorbereitung auf gute Nachrichten las Johanne den Brief vor. Mrß. Bennet konnte ihre Freude über Lydiens baldige Verheirathung nicht mäßigen. Sie gerieth nun vor Entzücken in denselben unruhigen, aufgeregten Zustand, worin sie erst kürzlich vor Trauer und Wehmuth gewesen. Der Gedanke, ihre Tochter nächstens verheirathet zu wissen, war hinreichend, sie zu beseligen. Weder Furcht vor ihrem Glück noch die Rückerinnerung an ihre schimpfliche Flucht störten ihren Genuß.«

»Meine liebe, theure Lydia!« rief sie. »Ich werde sie bald wiedersehen, und verheirathet – mit 16 Jahren verheirathet! Guter, lieber Bruder! – ich wußte, daß er so handeln würde: Wie verlangt es mich, mein Kind wieder zu sehen und den lieben Wickham dazu! Aber die Kleider, die Hochzeitskleider! Ich will sogleich deshalb an meine Schwägerin schreiben. Lizzy! geh doch auf der Stelle ein Mal zu Deinem Vater und frage ihn, wie viel, er ihr dazu geben will. Doch warte, ich werde selbst gehen. Kitty, klingle; ich muß mich sogleich anziehen. Liebste, liebste Lydia! Wie vergnügt wollen wir bei unserm nächsten Zusammentreffen sein!«

Johanne suche den Ausbruch ihrer Freude durch die Bemerkung zu dämpfen, daß sie dieses Glück hauptsächlich der Güte ihres Bruders zu danken habe.

»Ja, freilich!« entgegnete Mrß. Bennet, »wer hätte sonst etwas für sie thun können, als ihr Onkel? Aber ihm kam es auch zu: denn wenn er keine Familie hätte, erbten wir doch sein ganzes Vermögen. Und was hat er bis jetzt für uns gethan! – Wie glücklich bin ich. Nur noch wenige Tage, und ich kann von meiner verheiratheten Tochter sprechen – Mrß. Wickham klingt sehr hübsch.«

Sie ging mit der größten Weitläuftigkeit auf alle Einzelnheiten über, und würde eine sehr reichliche Aussteuer angeordnet haben, wenn Johanne sie nicht gebeten hätte, damit zu warten, bis der Vater darüber in Rath genommen worden wäre.

»Ich will selbst nach Meryton gehen und meiner Schwester Philips diese guten Nachrichten mittheilen. Und auf dem Rückweg werde ich bei Lady Lukas und Mrß. Long vorsprechen. Kitty, bestelle mir schnell den Wagen. Eine Spazierfahrt wird mir sehr heilsam sein.«

Achtes Capitel

Herr Bennet hatte es schon oft im Leben bereut, in frühern Jahren nichts von seinem jährlichen Einkommen zurückgelegt zu haben für Frau und Kinder; im Fall sie ihn überleben sollten. Jetzt empfand er dieß noch schmerzlicher. Hätte er seine Pflicht in dieser Hinsicht erfüllt, würde Lydia im gegenwärtigen Fall ihrem Onkel nicht auf eine solche Weise verpflichtet sein. Er fühlte sich gedrückt und gedemüthigt durch seines Schwagers Großmuth, und war entschlossen, alles zu versuchen, um zu erfahren, wie viel er für das junge Paar gethan, und es ihm sobald als möglich zu ersetzen.

Gleich nach seiner Verheirathung mit dem Sparsystem hervorzutreten, hatte Bennet so wohl wie seine Frau für höchst überflüssig gehalten, indem Beide nicht sehr geübt in der Oekonomie waren, und überdieß mit großer Gewißheit auf einen Sohn rechneten, dessen Ankunft jede Sorge für die Zukunft aufheben mußte. Statt dieses erwarteten Erben des Longbourn'schen Besitzthums erschienen indessen fünf Tochter und als sie endlich die Hoffnung auf einen Sohn aufgeben mußten, war Mrß. Bennet schon zu sehr daran gewöhnt, im Ueberfluß zu leben, als daß sie jetzt noch zu sparen hätte anfangen können. Fünftausend Pfund waren der Mutter und den Kindern nach des Vaters Tode gesichert, die Vertheilung dieser Summe jedoch der Willkühr der Eltern überlassen. Dieß war ein Punkt, der in Bezug auf Lydien jetzt abgemacht werden mußte, und der Vater stand keinen Augenblick an, die Vorschläge seines Schwagers zu bewilligen. Er hatte es sich nie als möglich gedacht, daß Wickham sich je dazu verstehen würde, seine Tochter zu heirathen; und daß dieser Umstand, bei der jetzigen Einrichtung, ohne die geringste Unbequemlichkeit von seiner Seite Statt finden sollte, übertraf seine kühnsten Erwartungen. In pekuniärer Hinsicht verlor er ebenfalls nichts durch das Jahrgeld von hundert Pfund: denn wenn er berechnete, was ihm Lydia gekostet, und was ihr von der Mutter außerdem an Geldgeschenken zugesteckt worden war, kam vielleicht dieselbe Summe heraus. Nachdem der erste Rausch des Zorns, der ihn aus sich selbst heraus und zu einer bei ihm ungewöhnlichen Thätigkeit getrieben hatte, verflogen war, kehrte er zu seiner frühern eigenthümlichen Indolenz zurück. So wenig wie möglich mit der unangenehmen Sache zu thun zu haben, war sein Wunsch, und des Schwagers thätiger Eifer ihm daher sehr gelegen. Der Brief ward deshalb schnell geschrieben, und enthielt außer seiner Zustimmung zu allem, was Herr Gardiner beschlossen, den herzlichsten Dank für dessen Bemühung, und die Bitte, ihm wissen zu lassen, was er sonst noch für seine Tochter gethan. Lydien selbst würdigte er keines Wortes oder Grußes.

Die erfreulichen Neuigkeiten verbreiteten sich schnell durch das ganze Haus und wurden noch am selbigen Tage in der Nachbarschaft bekannt. Als Gegenstand der Unterhaltung in derselben würde es freilich besser gewesen sein, wenn Lydia als Miß Bennet zurückgekehrt wäre, oder sich fern von der Welt in einen abgelegenen Pachthof begeben hätte. Aber auch über ihre Verheirathung ließ sich manches Wort sprechen; und die gutmüthigen Wünsche für ihr Wohl, die die alten Damen in Meryton nach ihrer Flucht ausgesprochen, verwandelten sich jetzt in Prophezeihungen künftigen Elends an der Seite eines solchen Gatten.

Seit 14 Tagen hatte Mrß. Bennet ihr Zimmer nicht verlassen; doch an diesem Tage des Heils und der Freude erschien sie wieder an der Mittagstafel. Ihr Glück kannte keine Gränzen; auch nicht das leiseste Gefühl der Schaam dämpfte ihren Triumph. Die Verheirathung einer Tochter, ihr höchstes Streben, seit Johanne das 16te Jahr erreicht, war in wenigen Tagen zu erwarten, und ihre Gedanken und Worte liefen unaufhaltsam von einem Gegenstand zu dem andern. Sie ordnete Lydiens Garderobe, bestimmte die Zahl der Dienerschaft und suchte ihr eine herrliche Equipage aus. Auch vergaß sie nicht, ihre Blicke in der Nachbarschaft herumzuwerfen, um eine passende Wohnung für ihre Tochter zu finden; sie verwarf die meisten als zu klein oder nicht ansehnlich genug, und bedachte nicht, daß Wickham's Einkünfte ihr kaum die kleinste gestatten würde.

Bennet ließ sie ohne Unterbrechung fortschwatzen, so lange die Bedienten im Zimmer waren. Sobald diese aber hinausgegangen, sagte er zu ihr: »Ehe Du das eine oder das andre dieser Häuser als künftige Wohnung Deiner Tochter und Deines Sohnes erwählst, wünsche ich mich über etwas mit Dir zu verständigen. In ein Haus in Hertfordshire werden sie nie Zutritt erlangen. Ich will ihrer Unverschämtheit nicht noch dadurch Aufmuntrung geben, daß ich sie in Longbourn empfange.«

Ein langer Streit folgte dieser Erklärung und gab noch Veranlassung zu einem zweiten. Mrß. Bennet vernahm zu ihrem Erstaunen und Entsetzen, daß ihr Gatte auch nicht eine Guinee zur Anschaffung neuer Kleider für ihre Tochter hergeben wollte. Er versicherte, daß sie bei dieser Gelegenheit keinen Beweis von Zärtlichkeit von ihm erhalten sollte. Sie konnte es kaum begreifen. daß er seinen Zorn so weit treiben sollte, der Tochter dasjenige zu verweigern, was durch die Heirath erst gewisser Maaßen ihren Werth erhielt, überstieg ihre Begriffe. Sie fühlte die Schande, welche der Mangel neuer Kleider auf ihre Tochter werfen würde, tiefer, als ihre Flucht und den vierzehntägigen Aufenthalt bei Wickham vor der Hochzeit.

Elisabeth bereute es jetzt im ersten Augenblick der heftigsten Betrübniß, Darcy'n ihre Besorgniß wegen Lydien mitgetheilt zu haben; denn da die Heirath der Entführung so bald folgte, war zu erwarten, daß der unglückliche Anfang dieser Geschichte allen ferner Lebenden unbekannt bleiben würde. Sie befürchtete nicht, sie durch ihn weiter verbreitet zu sehen. Es gab wenige Menschen, auf deren Verschwiegenheit sie so fest rechnen konnte; aber zugleich auch wenige, deren Kenntniß der schwesterlichen Schwachheit sie mehr demüthigte. Nicht etwa aus Furcht, daß sie selbst darunter leiden könnte; denn sie fühlte wohl, daß Lydiens Verbindung mit diesem Mann, den er so tief verachtete, allein schon hinreichte, die Kluft zwischen ihnen unübersteiglich zu machen. Noch nie hatte, sie es so schmerzlich empfunden, auf seine Achtung verzichten zu müssen, als jetzt, nachdem sie den vollen Werth derselben in Derbyshire kennen gelernt. Sie war niedergeschlagen und betrübt; sie fühlte Reue, und wußte doch nicht worüber. Sie sehnte sich nach Nachrichten von ihm, und sah keine Aussicht, sie je zu erhalten; ja sie wünschte sogar ihn wieder zu sehen und mußte sich leider gestehen, daß ein solches Zusammentreffen höchst unwahrscheinlich sei.

Welch ein Triumph für ihn, dachte sie oft, wenn er wüßte, wie meine Gesinnungen und Gefühle sich seit den letzten 4 Monaten verändert haben! Sie hielt ihn für edel, ja für den Edelsten seines Geschlechts; doch als Sterblichen eines solchen Triumphs fähig. Je mehr und je länger sie über ihn und seinen Charakter nachdachte, desto gewisser erschien es ihr, daß er unter allen Männern auf dem ganzen Erdenrund derjenige war, der ihr am meisten zusagte. Die Vereinigung ihrer beiden verschiedenartigen Charaktere und Temperamente würde eine vortreffliche Mischung hervorbringen, ihre Lebhaftigkeit und Leichtigkeit sein ernstes Wesen mildern; und seine Menschen- und Weltkenntniß, so wie seine höhere Bildung und ruhige Besonnenheit ihr zum größten Nutzen gereichen.

Doch der staunenden Menge sollte durch diese Verbindung kein Beispiel ehelicher Glückseligkeit aufgestellt werden, und nur ein sehr verschiedenes, dem vernünftigen Theil der Familie keineswegs Heil verkündendes Bündnis ward in derselben erwartet.

Wie Wickham und Lydia im Stande sein würden, eine beschränkte Lage zu ertragen, konnte sie sich nicht vorstellen; wohl aber von welcher kurzen Dauer eine Neigung sein würde, die sich nur auf flüchtiges Wohlgefallen, nicht auf wahre Achtung gründete.

Gardiner beantwortete seines Schwagers Brief mit umgehender Post und bat ihn, des geringen Dienstes, den er ihm und seiner Familie zu leisten fähig gewesen, nicht wieder zu erwähnen. Der Hauptinhalt betraf Wickham's Entschluß, das Landwehrregiment zu verlassen.

»Es war dieß sehr mein Wunsch,« fügte er hinzu, »und ich bin überzeugt, daß auch Ihnen seine Entfernung von diesem Corps sowohl seinetwegen als auch Lydiens wegen angenehm sein wird. Wickham hat die Absicht, in reguläre Truppen einzutreten, und rechnet hierbei auf den Beistand einiger Bekannten aus früherer Zeit, die bei der Armee stehen. Er sagte mir, daß er das Versprechen einer Fähnrichstelle in einem im Norden von England stehenden Regiment erhalten habe, welche Entfernung Sie nicht bedauern werden. Er giebt die besten Versprechungen, und ich hoffe, daß Beide unter andern Umgebungen zur Vernunft kommen, und sich in Zukunft klüger betragen werden. Ich habe Oberst Forster dieses alles gemeldet, und ihn gebeten, Wickham's Gläubiger in und um Brighton mit dem Versprechen baldiger Bezahlung, wofür ich mich verbürgt, einstweilen zufrieden zu stellen. Und Sie, lieber Schwager! ersuche ich, seine Gläubiger in Meryton, von denen ich das Verzeichniß beifügen werde, durch ähnliche Versprechungen zu beruhigen. Er hat seine Schulden alle angegeben, und ich hoffe uns hierbei nicht hintergangen. Er gedenkt sich nächstens zu seinem Regiment zu begeben, wartet aber vorher noch eine Einladung nach Longbourn ab, so wie auch Lydia, die, wie ich von meiner Frau höre; Sie alle noch ein Mal zu sehen wünscht, ehe sie diese Gegend verläßt. Sie befindet sich wohl und empfiehlt sich Ihnen und der ganzen Familie bestens.

Ergebenster

E. Gardiner.«

Bennet und seine ältesten Töchter erkannten es gleich ihrem Onkel für eine Wohlthat, daß Wickham in einen fernern Theil des Reichs versetzt wurde. Mrß. Bennet hingegen äußerte sich sehr unzufrieden darüber. Wickham's Entfernung aus Hertfordshire gerade jetzt, wo sie sich so viel Freude und Vergnügen von Lydiens Gesellschaft versprach, kam ihr höchst ungelegen; und außerdem erkannte sie es für eine Grausamkeit, ihre Tochter von dem Regiment zu trennen, mit dessen Officieren sie so genau bekannt war.

»Sie liebt Mrß. Forster wie ihre Schwester,« sagte sie; »es ist wirklich unverantwortlich, sie so weit wegzuschicken. Und wer weiß, welche Gesellschaft sie dort finden wird! Die Officiere sind schwerlich so liebenswürdig und unterhaltend wie die beim Landwehrregiment, unter denen Lydia manchen Liebling hatte.«

Ihr Gesuch, vor ihrer Abreise nach dem Norden nach Longbourn kommen zu dürfen, fand anfänglich kein geneigtes Gehör, und ward erst von Herrn Bennet rund abgeschlagen. Doch Johanne und Elisabeth, die die Wichtigkeit der älterlichen Anerkennung dieser Heirath einsahen, baten so dringend, und stellten ihm die Sache in einem so vernünftigen Licht vor, daß er endlich nachgab und seinen Schwager beauftragte, Lydien zu sagen, daß sie nach vollzogner Ceremonie mit ihrem Mann nach Longbourn kommen dürfe. Mrß. Bennet genoß im Voraus die Freude, ihre verheirathete Tochter in der Nachbarschaft herum zu führen. Elisabeth wunderte sich im Stillen über Wickham's Einwilligung zu diesem Plan; sie begriff nicht, wie er nach dem Vorhergegangenen sich ihren und der übrigen Familie Augen darzustellen wagen konnte, da ein Zusammentreffen mit ihm der letzte Gegenstand ihrer Wünsche gewesen wäre.

Neuntes Capitel

Lydiens Hochzeitstag erschien, und ihre ältern Schwestern fühlten mehr für sie, als sie wahrscheinlich selbst. Der Wagen ward dem jungen Paar einige Meilen entgegengeschickt, um es bis Mittag nach Longbourn zu bringen.

Die Familie hatte sich eben zum Empfang im Frühstückszimmer versammelt, als die Gäste ankamen, Mrß. Bennets Gesicht überzog ein selbstzufriedenes Lächeln; ihr Gatte blickte ernst vor sich hin, seine Töchter voll unruhiger Erwartung nach der Thür. Jetzt erscholl Lydiens Stimme auf dem Vorsaal, die Thüre flog auf und sie herein. Ihre Mutter lief ihr entgegen, umarmte sie und bewillkommte sie mit allen Zeichen des Entzückens; hierauf reichte sie Wickham, der seiner jungen Frau folgte, mit zärtlichem Lächeln die Hand, und wünschte Beiden mit einer Heiterkeit Glück, als ob sie keinen Augenblick an der Erfüllung desselben zweifelte.

Der Empfang des Vaters, an den sie sich jetzt gewendet, war nicht ganz so freundlich. Seine Züge hatten einen sehr ernsten Ausdruck angenommen und er öffnete kaum die Lippen. Die Ruhe und Sicherheit des jungen Paares war schon hinreichend, ihn zu erbittern. Elisabeth ärgerte sich, und selbst Johanne konnte ihre Mißbilligung nicht ganz verbergen. Lydia war immer noch Lydia, ohne Furcht und ohne Schaam; wild und unbändig. Sie ging von einer Schwester zur andern, um sich Glück wünschen zu lassen; betrachtete hierauf alle Gegenstände im Zimmer und bemerkte lachend, daß es lange her sei, seit sie zuletzt darin gewesen.

Auch Wickham schien keineswegs verlegen oder beschämt und sein Benehmen hatte etwas so Gefälliges und Anziehendes, daß, wenn sein Charakter und seine Heirath so gewesen wären, wie sie hätten sein sollen, ein Jeder ihn mit Freuden als Mitglied der Familie empfangen haben würde. Elisabeth hatte es nicht für möglich gehalten, ihn mit solcher Sicherheit auftreten zu sehen; sie sah jetzt, daß sie in Zukunft nicht voraus berechnen könne, wie weit die Unverschämtheit eines unverschämten Mannes zu gehen vermöge. Sie erröthete und Johanne mit ihr; aber auf den Wangen der beiden Personen, die hierzu Veranlassung gegeben, war kein Farbenwechsel zu bemerken.

Die Unterhaltung ging nicht aus, Lydia und ihre Mutter konnten nicht schnell genug reden. Wickham, der seinen Platz neben Elisen genommen hatte, begann mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit nach allen Bekannten in der Nachbarschaft zu fragen. Sie schienen Beide die vortrefflichsten Gedächtnisse von der Welt zu besitzen und keinen Umstand ihres frühern Zusammentreffens vergessen zu haben; und Lydia leitete das Gespräch fortwährend auf solche Gegenstände, die ihre Schwestern nimmermehr berührt haben würden.

»Bedenkt nur, daß es erst drei Monate her sind,« sagte sie, »seit ich von hier fortging. Mit kommt es vor, als wäre es kaum 14 Tage, und doch ist so viel in dieser Zeit vorgefallen! Ich hätte mir es nimmermehr träumen lassen, daß ich verheirathet zurückkehren würde, obgleich ich wohl manchmal daran dachte, welch einen Spas es geben würde.«

Ihr Vater erhob den Blick vom Boden, Johanne betrübte sich, Elisabeth sah Lydien bedeutungsvoll an; diese aber, die nie zu sehen und zu hören pflegte, was ihr nicht anstand, fuhr im fröhlichen Ton fort:

»Mama! wissen die Leute hier schon, daß ich heute copulirt worden bin? Ich fürchtete, es möchte ihnen noch nicht bekannt sein, und als wir William Goulding diesen Morgen in seinem Curricle begegneten, ließ ich das Fenster an meiner Seite herunter, zog den Handschuh aus und legte meine Hand so weit heraus, daß er den Trauring sehen konnte.«

Jetzt ertrug es Elisabeth nicht langer. Sie verließ das Zimmer und kehrte nicht eher zurück, bis sie die Familie zum Essen gehen hörte. Auch hier kam sie noch zur rechten Zeit, um Lydien ihr Vorrecht, an der Mutter Seite zu gehen, mit lächerlichem Stolz behaupten zu sehen, und um zu hören, wie sie ihrer ältesten Schwester zurief:

»Jetzt, Johanne, nehme ich Deinen Platz ein und Du mußt weiter unter sitzen; denn mir als verheiratheten Frau gebührt die oberste Stelle.«

Da sich im ersten Augenblick keine Spur von Verlegenheit bei dem jungen Paar gezeigt, war auch für die Folge nichts dergleichen zu befürchten. Lydiens Heiterkeit und Selbstzufriedenheit nahm vielmehr immer noch zu. Sie sehnte sich, Mrß. Philips, Lukasens und alle ihre andern Nachbarn zu sehen und sich Mrß. Wickham nennen zu lassen; und verschmähte es selbst nicht, der Haushälterin und den übrigen Domestiken ihren Trauring zu zeigen, und sich ihnen als Mrß. Wickham vorzustellen.

Nachdem sie wieder ins Frühstückszimmer zurückgekehrt waren, sagte sie zu ihrer Mutter: »Nun, Mama! Wie gefällt Ihnen mein Mann? ist er nicht allerliebst? Meine Schwestern müssen mich beneiden; und ich wünsche ihnen nur halb so viel Glück, als ich gehabt habe. Sie müssen alle nach Brighton; das ist der beste Ort, um sich Männer auszusuchen. Schade, daß wir nicht alle hingingen.«

»Ja wohl,« entgegnete die Mutter; »es war ja auch mein Wille. Aber, liebe Lydia! ich kann Dein Verfahren im Ganzen doch nicht billigen. Mußte es auf solche Weise geschehen?«

»Und warum nicht? Es ist ja nichts Böses dabei, und mir gefiel diese Weise ganz außerordentlich. Sie, der Papa und die Schwestern müssen uns nun recht bald besuchen. Wir werden den Winter in Newcastle zubringen, woselbst es uns an Bällen nicht fehlen soll; auch will ich schon dafür sorgen, daß es den Schwestern nicht an guten Tänzern mangelt.«

Auf diese Weise ging die Unterhaltung fort, und Elisabeth tröstete sich mit der Aussicht, das der Besuch nicht länger als zehn Tage bleiben konnte. Wickham hatte sein Officierspatent bekommen, ehe er London verlassen, und mußte sich nach Verlauf von 14 Tagen beim Regiment einstellen. Mrß. Bennet allein beklagte die Kürze ihres Aufenthalts, sie benutzte die Zeit zu Besuchen mit ihrer Tochter und zu häufigen Gesellschaften in ihrem eigenen Hause, die, obgleich nicht sehr unterhaltend, dennoch allen lieber waren, als der bloße Familiencirkel.

Wickham's Liebe für Lydien war, wie Elisabeth vorausgesehen, bei weitem nicht der ihrigen gleich; und es ließ sich aus dieser Bemerkung sowohl wie aus manchen andern Gründen schließen, daß diese unglückselige Flucht mehr Folge ihrer Neigung als der seinigen gewesen war, und daß es vielleicht nie dazu gekommen wäre, wenn ihn nicht seine Schulden zu diesem Schritt getrieben hätten. Daß er unter solchen Umständen die Begleitung einer jungen Dame nicht verschmähte, war ihm nicht zu verdenken.

Lydia liebte ihn zärtlich; er war ihr geliebter Wickham, mit dem kein Andrer einen Vergleich aushielt. Er machte alles am Besten, und sie war überzeugt, daß er den ersten September mehr Vögel schießen würde, als irgend jemand in der ganzen Umgegend.

Am Morgen des zweiten Tages, als sie sich mit ihren ältesten Schwestern allein befand, sagte sie zu Elisen:

»Lizzy! ich glaube, Du hörtest noch nichts von meiner Hochzeit. Du warst nicht gegenwärtig, als ich der Mutter und den andern Schwestern davon erzählte. Bist Du nicht neugierig zu erfahren, wie es dabei herging?«

»Durchaus nicht,« erwiederte Elisabeth; »ich glaube, es läßt sich nicht viel davon sagen.«

»Ei warum nicht! Wir sollten zu St. Clement's copulirt werden, weil Wickham's Wohnung in diesem Bezirk lag. Alles war vorher verabredet, wir sollten um eilf Uhr dort sein, Onkel, Tante und ich wollten zusammen hinfahren und die Andern uns in der Kirche treffen. Der Montag Morgen kam, und ich war in großer Angst, daß etwas dazwischen kommen möchte. Während ich mich anzog, sprach und predigte die Tante unaufhörlich – es war, als ob ich eine Predigt läse. Doch Ihr so könnt wohl denken, daß ich nicht darauf hörte, und nur an meinen lieben Wickham dachte. Ich brannte vor Verlangen zu wissen, ob er sich in seinem blauen Rock copuliren lassen würde. Das Frühstück wollte kein Ende nehmen. Beiläufig muß ich auch bemerken, daß Onkel und Tante die ganze Zeit sehr ungefällig gegen mich waren. Nicht ein einziges Mal durfte ich zum Hause hinaus, obgleich ich vierzehn Tage dort war. Keine Gesellschaft, keine Parthie, nichts der Art! Und als ich nun endlich erlößt zu werden hoffte, als der Wagen schon vor der Thüre hielt, wurde der Onkel in Geschäfftsangelegenheiten zu dem fatalen Herrn Stone gerufen, von dem nie wieder loszukommen ist. Ich war außer mir; denn der Onkel sollte mich zum Altar führen, und wenn wir zu spät kamen, konnten wir an diesem Tage nicht mehr copulirt werden. Aber glücklicher Weise kehrte er schon nach zehn Minuten zurück. Später fiel mir auch noch ein, daß die Ceremonie deshalb doch nicht aufgeschoben zu werden gebraucht hätte, da Herr Darcy dabei war, und seine Stelle vertreten konnte.«

»Herr Darcy!«, wiederholte Elisabeth im Ton des höchsten Erstaunens.

»Ja, er kam mit Wickham, wie Du weißt. Aber, o Himmel! Ich vergaß ganz, daß ich nichts hiervon sagen sollte. Ich versprach es ihnen feierlich! Was wird Wickham sagen? Es sollte ein Geheimniß bleiben!«

»Dann schweige,« entgegnete Johanne, »und sei versichert, daß wir Dich nicht auffordern werden, mehr zu verrathen.«

»Nein, gewiß nicht,« sagte Elisabeth vor Neugier brennend; »wir wollen keine Fragen weiter an Dich richten.«

»Ich danke Euch.« erwiederte Lydia; »denn wenn Ihr mich darum bätet, würde ich Euch gewiß alles erzählen und Wickham dadurch böse machen.«

Bei solcher Aufforderung zu fernern Fragen sah sich Elisabeth genöthigt, die Flucht zu ergreifen, und sie verließ die Schwestern plötzlich unter einem scheinbaren Vorwand.

Aber lange in Unwissenheit über diesen merkwürdigen Umstand zu bleiben, erschien ihr unmöglich; wenigstens mußte sie einen Versuch wagen, Aufschluß zu erhalten. Darcy war bei ihrer Schwester Trauung gegenwärtig gewesen! Dieß konnte nur aus einer besondern Veranlassung geschehen sein. Unzählige Vermuthungen entstanden in ihrem Gehirn; aber keine befriedigte sie, und die einzige, die sein Betragen in das edelste Licht setzte, erschien ihr zu unwahrscheinlich. Sie konnte solche Ungewißheit nicht ertragen, und schrieb ganz kurz an ihre Tante, sie um eine Erklärung der Worte bittend, die Lydia in ihrer Unbedachtsamkeit ausgesprochen, falls sie nämlich nicht auch versprochen, das Geheimniß zu bewahren.

»Und sollte dieß der Fall sein,« fügte sie zum Schluß hinzu, »so muß ich mich einiger Kriegslisten bedienen, um die Sache auf eine andre Weise herauszubringen.«

Johannens Zartgefühl erlaubte ihr nicht, mit Elisen über diesen Gegenstand zu sprechen, und dieß war ihr lieb. Bis sie nicht wußte, ob sie eine befriedigende Antwort auf ihre Fragen erhalten würde, konnte sie keine Vertraute brauchen.

Zehntes Capitel

Elisabeth hatte die Freude, sobald als möglich eine Antwort von ihrer Tante zu erhalten, mit welcher sie sich in eine einsame Laube flüchtete.

»Theuerste Nichte!

So eben erhielt ich Deinen Brief, und bin entschlossen, den ganzen Morgen an die Beantwortung desselben zu wenden, da ich wohl einsehe, daß ein kurzes Schreiben Dich nicht befriedigen wird. Ich gestehe, daß mich Deine Aufforderung einiger Maaßen in Erstaunen gesetzt hat, indem ich eine solche nimmermehr von Dir erwartet hatte. Glaube nicht, daß ich Dir zürne; ich hielt nur diese Nachfrage von
Deiner Seite für unnöthig. Wenn Du nicht Lust hast, mich zu verstehen, so vergieb mir die Bemerkung. Dein Onkel war im gleichen Grad erstaunt, als ich und nur die Ueberzeugung, daß Du einen Antheil an der Sache hattest, konnte ihn bestimmen, so zu handeln, wie er gethan. Doch wenn Du wirklich unschuldig und unwissend bist, muß ich mich wohl deutlicher ausdrücken.

Denselben Tag, als ich von Longbourn zurückkehrte, hatte mein Mann einen unerwarteten Besuch gehabt. Herr Darcy war mehrere Stunden bei ihm gewesen. Ich erfuhr es erst später, daher meine Neugier nicht so unbändig war, wie die Deinige zu sein scheint. Er kam Deinem Onkel zu sagen, daß er Lydien und Wickham gefunden und sie Beide gesprochen habe; Erstere nur ein Mal, letztern jedoch schon öfterer. Er hatte Pemberley gleich den Tag nach unsrer Abreise verlassen, um in der Stadt Nachforschungen über die Flüchtlinge anzustellen. Als Grund dieses Verfahrens führte er an, daß er aus falschem Stolz versäumt habe, Wickham's schlechten Charakter bekannt zu machen, wodurch es ihm nur zu leicht möglich geworden, die Liebe eines unbefangenen Mädchens zu erwerben. Bis zu diesem Augenblick habe er es unter seiner Würde gehalten, der Welt die Triebfedern seiner geheimen Handlungen zu entdecken; doch jetzt fordre ihn die Pflicht dazu auf, alles zu thun, ein Uebel wieder gut zu machen; was er durch früheres Sprechen hätte verhindern können. – Wenn er hierzu auch noch einen
andern Beweggrund gehabt haben sollte, bin ich überzeugt, daß er ihm alle Ehre macht. –

Er war mehrere Tage in der Stadt gewesen, ehe er ihren Aufenthalt erfahren; aber er hatte eine Spur zu verfolgen, die uns freilich gänzlich fehlte; und dieses Bewußtsein mag ihn auch wohl bestimmt haben, uns so bald nach London zu folgen. Es lebt nämlich hier eine Mrß. Younge, die früher Gouvernante bei Miß Darcy gewesen und aus Gründen, die mir der Bruder nicht mitgetheilt, ihres Amts entsetzt worden ist. Sie bezog hierauf ein großes Haus in der Eduardstraße, um es einzeln wieder zu vermiethen. Diese Mrß. Younge war, wie Darcy wußte, genau mit Wickham bekannt, weshalb er sie sogleich aufsuchte. Doch es vergingen zwei bis drei Tage, ehe er von ihr erfahren konnte, was er zu wissen brauchte. Sie war nicht zu bereden gewesen, zu verrathen, wo sich ihr Freund aufhielte, obgleich Wickham sich zuerst an sie gewendet, und wenn sie Zimmer gehabt, seine Wohnung bei ihr genommen hätte. Endlich war es unserm gütigen Freund indeß gelungen, die gewünschte Auskunft zu erhalten. Er erfuhr die Straße, sah erst Wickham, und bestand hernach darauf, auch Lydien zu sehen.

Es war anfänglich sein Plan, sie zu bereden, diese unwürdige Lage sogleich zu verlassen, wozu er ihr seinen Beistand angeboten. Er fand aber Lydien fest entschlossen zu bleiben; sie kümmerte sich nicht um Eltern und Schwestern, bedurfte seines Beistands nicht, und wollte durchaus nichts davon hören, Wickham zu verlassen. Er würde sie gewiß bald heirathen, und ob dieß nun ein Paar Tage früher oder später geschähe, war ihr ganz einerlei. Nach dieser Erklärung hielt es Darcy für das Beste, die Heirath zu beschleunigen; doch wie erstaunte er, als er von Wickham erfuhr, daß er keineswegs die Absicht gehabt, Lydien zu heirathen. Er gestand, daß nur einige Ehrenschulden ihn genöthigt, das Regiment heimlich zu verlassen, und trug kein Bedenken, Lydiens Thorheit die Schuld ihrer Begleitung auf dieser Flucht zuzuschreiben. Er war entschlossen seine Officiersstelle sogleich aufzugeben, obgleich er über seine Zukunft noch nichts wußte, und ihm nur so viel klar war, daß er nichts zu leben hatte. Darcy fragte ihn, warum er Lydien nicht gleich geheirathet, da deren Vater, obwohl nicht reich, doch im Stande gewesen wäre, etwas für ihn zu thun? worauf Wickham erwiedert, daß er immer noch die Hoffnung gehegt; sein Glück in einem andern Lande durch eine vortheilhafte Verbindung zu machen. –

Sie kamen mehrere Mal zusammen, da sie viel abzusprechen hatten. Wickham machte anfänglich enorme Bedingungen, ward jedoch endlich zur Vernunft gebracht. Nachdem alles zwischen ihnen abgemacht, suchte Darcy meinen Mann auf, um ihn davon zu unterrichten. Er kam zum ersten Mal den Abend vor meiner Zurückkunft, und als er erfuhr, daß Dein Vater noch da sei und erst den folgenden Tag abreisen würde, verließ er das Haus, ohne seinen Namen zurückzulassen. Sonnabend kam er wieder und hatte eine lange Unterredung mit meinem Mann. Sonntag sah ich ihn auch; doch erst am Montag wurde die Sache abgemacht, worauf der Bote sogleich nach Longbourn abging.

Unser Freund war sehr hartnäckig; ich glaube, Lizzy, daß die Hartnäckigkeit sein größter Fehler ist. Man hat ihn oft mancher andern angeklagt; aber dieß ist der wahre. Es geschah nichts, was er nicht selbst gethan hätte, obgleich ich versichern kann, (und das geschieht nicht, um Dank zu erwerben) daß Dein Onkel bereit war, die Sache in Ordnung zu bringen. Sie stritten sich lange darüber, was weder Lydie noch Wickham verdienten; doch endlich mußte Dein Onkel nachgeben, und genießt nun den Ruhm für seine thätige Hülfe unverdienter Maaßen. Deshalb freute er sich heute morgen über Deinen Brief, da die Beantwortung Deiner Fragen ihn der geborgten Federn berauben mußte, mit denen er sich bis jetzt wider seinen Willen geschmückt. Aber, Lizzy, dieß darf niemand weiter erfahren, als höchstens Johanne.

Was für die jungen Leute gethan worden ist, weißt Du vermuthlich schon. Seine Schulden, die sich über tausend Pfund beliefen, sind bezahlt; ein zweites tausend ist Lydien als Mitgift bestimmt, und außerdem noch die Officierstelle für ihn gekauft. Die Ursachen, die ihn zu diesem großmüthigen Benehmen bewogen, habe ich oben schon angeführt; doch muß es mit erlaubt sein, mir noch einige
geheime hinzu zu denken, ohne welche auch Dein Onkel nimmermehr eingewilligt haben würde, ihm die Sache allein zu überlassen. – Nachdem dieß alles verabredet war, kehrte er zu seinen Freunden nach Pemberley zurück, versprach jedoch am Hochzeitstag wieder in London einzutreffen, um die Geldangelegenheiten selbst noch mit Wickham abzumachen. –

Und somit hätte ich Dir alles erzählt. Wenn der getreue Bericht des Vorgefallenen Dich auch in Erstaunen setzen sollte, wird er Dir doch hoffentlich keine unangenehme Empfindung verursachen. – Lydia kam, nun zu uns und Wickham erhielt Zutritt im Hause. Er war gerade so, wie ich ihn in Hertfordshire gesehen hatte; aber ich kann Dir kaum beschreiben, wie unzufrieden ich mit ihrem Betragen während ihres Aufenthalts bei uns war. Auch hatte ich gänzlich darüber geschwiegen, um Dir keinen Schmerz zu machen, wenn ich nicht aus einem Brief von Johannen gesehen, daß sie sich zu Hause auf gleiche Weise benommen hat. Ich sprach sehr ernsthaft mit ihr über ihr leichtsinniges Verfahren, schilderte ihr den trostlosen Zustand, in welchen sie ihre Familie durch diesen unüberlegten Schritt versetzt; aber ich glaube kaum, daß sie zehn Worte davon gehört hat. Ich stand manchmal im Begriff, die Geduld zu verlieren; dann dachte ich aber an Dich, meine liebe Elisabeth und an Johannen, und ertrug sie Euretwegen. – Herr Darcy stellte sich zur bestimmten Zeit ein, um, wie Ihr von Lydien gehört, bei ihrer Trauung gegenwärtig zu sein. Er aß den folgenden Mittag bei uns, und gedachte bald darauf die Stadt wieder zu verlassen.

Wirft Du es übel nehmen, liebste Lizzy! Wenn ich diese Gelegenheit benutze, Dir zu gestehen, (was ich früher nicht kühn genug war auszusprechen) daß er mir sehr gut gefällt? Sein Benehmen gegen uns war hier wie in Derbyshire außerordentlich artig und aufmerksam. Sein Verstand, und seine ganze Art und Weise sprechen mich sehr an; ihm fehlt nichts als etwas mehr Lebendigkeit, und diese wird ihm seine zukünftige Frau, wenn er vernünftig wählt, schon beibringen. Ich fand ihn sehr schlau; – er erwähnte Deiner fast gar nicht. Aber die Schlauheit ist jetzt an der Tagesordnung. Verzeih mir, wenn ich zu viel gesagt habe; aber strafe mich nicht so hart, mich von Pemberley auszuschließen. Ich fühle mich nicht eher ruhig und glücklich, bis ich um den ganzen Park herum gegangen bin. Ein zierlicher Phaeton und ein Paar rasche Pferde werden hierbei meinen schwachen Kräften zu Hülfe kommen müssen. –

Doch ich muß schließen; die Kinder verlangen schon seit einer halben Stunde nach mir. Lebe wohl, gedenke mit Liebe Deiner

gutmeinenden Tante

M. Gardiner.«

Der Inhalt dieses Briefs brachte die verschiedenartigsten Empfindungen in Elisens Seele hervor; sie wußte selbst kaum zu unterscheiden, ob mehr schmerzlicher oder freudiger Natur. Was sie manchmal zu hoffen gewagt, zugleich aber als eine zu große Güte und Selbstverläugnung betrachtet hatte, hörte sie jetzt als Gewißheit bestätigen. Darcy war bloß deshalb in die Stadt gekommen, um selbst das unangenehme Geschäfft des Aufsuchens zu übernehmen, wodurch er in die Nothwendigkeit versetzt worden, mit einem Weibe zu verkehren, das er aus tiefstem Herzensgrund verabscheute, und einen Mann wieder zu sehen, dessen Namen auszusprechen ihm eine Strafe war. Dieses alles hatte er für ein Mädchen gethan, welches er weder achten noch ehren konnte. Ihr Herz flüsterte ihr zu, daß er es für sie gethan.

Doch nicht lange erfreute sie sich dieser beglückenden Hoffnung; nur zu bald ward sie durch andre Betrachtungen wieder verdrängt, und sie fühlte, daß ein hoher Grad von Eitelkeit dazu gehörte, sich fortwährend von dem Mann geliebt zu glauben, den sie auf eine so schnöde Weise abgewiesen. Und vollends jetzt, nachdem sie mit Wickham so nah verwandt geworden! Der bloße Gedanke an eine Fortsetzung der Bekanntschaft mußte seinen ganzen Stolz empören. –

Ja, er hatte unbeschreiblich viel gethan, sie empfand es mit Schaam. Aber er hatte zugleich den Beweggrund seiner Handlung kund gethan, und dadurch jeder möglichen falschen Deutung vorgebeugt. Sie begriff sein Gefühl, sich gewisser Maaßen als Veranlassung des geschehenen Unglücks zu betrachten, und den daraus entstandenen Wunsch wieder gut machen zu wollen; aber dennoch schmeichelte sie sich mit dem Glauben, daß er sich durch eine leise, in seinem Innern für sie sprechende Stimme zu diesem schweren Geschäfft ermuthigt gefühlt, und die Linderung ihres Grams dabei vor Augen gehabt habe.

Der Gedanke, ihm Verbindlichkeiten schuldig zu sein, die weder sie noch ihre Familie je im Stande abzutragen, verursachte ihr Pein. Sie verdankten ihm Lydiens Ehre, die Erhaltung ihres guten Namens. O! wie herzlich bereute sie jedes unfreundliche Wort, das sie ihm gesagt, jede bittere Empfindung, die sie ihm verursacht hatte! Sie fühlte sich gedemüthigt, war aber stolz auf ihn – stolz darauf, daß er aus Ehrgefühl und Theilnahme jede kleinliche Rücksicht überwunden und wahrhaft edel gehandelt hatte.

Sie durchlas den Brief ihrer Tante noch mehrere Mal, und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren über das von ihren Verwandten vorausgesetzte Verhältniß, über ihren festen Glauben an Darcy's Liebe. Diese zur Gewißheit gewordene Vermuthung erfüllte sie zu gleicher Zeit mit Freude und mit Schmerz.

In solchen Betrachtungen verloren, erschreckte sie der Fußtritt eines Kommenden; sie wollte entfliehen, doch ehe sie noch einen Seitenweg erreicht hatte, trat ihr Wickham entgegen.

»Ich muß befürchten, Ihren einsamen Spaziergang gestört zu haben, liebe Schwester!« begann er mit freundlichem Ton.

»Das haben Sie allerdings,« entgegnete Elisabeth lächelnd; »doch folgt daraus nicht, daß die Störung unwillkommen gewesen ist.«

»Es würde mich wenigstens sehr betrüben. Wir waren ja immer gute Freunde, und haben jetzt noch mehr Veranlassung es zu sein.«

»Sehr wahr! Werden die Andern Ihnen hierher folgen?«

»Ich weiß nicht. Mrß. Bennet und Lydia sind so eben nach Meryton gefahren.« Nach einer kleinen Pause fügte er mit möglichster Unbefangenheit hinzu: »Wie ich von Ihrem Onkel gehört, haben Sie Pemberley auf Ihrer Reise kennen lernen.«

Sie bejahte es.

»Ich könnte Sie darum beneiden; und wenn ich nicht befürchten müßte, daß mich dieser Anblick zu sehr ergreifen würde, möchte ich wohl über Pemberley nach Newcastle gehen. Vermuthlich sahen Sie daselbst auch die alte Haushälterin Mrß. Reynolds? Die gute Person! Sonst liebte sie mich sehr. Sie erwähnte meiner wohl nicht zufällig?«

»O, ja!«

»Und was sagte sie?«

»Daß Sie zur Armee gegangen, und wie sie leider erfahren, etwas wild geworden wären. Doch Sie wissen, in solcher Entfernung werden die Sachen oft falsch berichtet.«

»Gewiß,« entgegnete er, sich auf die Lippen beißend. Elisabeth hoffte ihn zum Schweigen gebracht zu haben; aber er fuhr bald wieder fort –

»Ich wunderte mich, Darcy vorigen Monat in der Stadt zu treffen. Ich begegnete ihm einige Mal. Was mag er wohl dort zu thun gehabt haben?«

»Vermuthlich Vorbereitungen zu seiner Verbindung mit Miß von Bourgh,« entgegnete Elisabeth. »Es muß allerdings ein wichtiges Geschäft gewesen sein, was ihn zu dieser Jahreszeit nach London berufen hat.«

»Ohne Zweifel. Sahen Sie ihn während Ihres Aufenthalts in Lambton?«

»Ja, er stellte mir seine Schwester dort vor.«

»Und wie gefällt sie Ihnen?«

»Sehr gut.«

»Ich habe gehört, daß sie sich in den letzten Jahren sehr vervollkommt haben soll. Als ich sie zuletzt sah, war sie nicht vielversprechend. Es freut mich aber, daß sie Ihnen gefallen hat, und so hoffe ich auch, daß sie noch gut werden kann.«

»Ich möchte es fast mit Gewißheit behaupten; sie hat nun die Prüfungsjahre überstanden.«

»Sind Sie durch das Dorf Kympton gekommen?«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Es interessirt mich zu wissen, weil es die Pfründe ist, die mir bestimmt war. Ein herrlicher Ort! ein vortreffliches Pfarrhaus! Die Stelle würde mir in jeder Hinsicht zugesagt haben.«

»Würden Sie auch gern Predigten gemacht haben?«

»Außerordentlich gern. Ich hätte dies Geschäft als meine Pflicht betrachtet, und so würde mir die Ausführung nicht schwer geworden sein. Man soll nichts im Leben bedauern, aber ich bin überzeugt, daß ich dort ganz an meinem Platz gewesen wäre. Ein solches ruhiges, zurückgezogenes Leben entspricht meinen Ideen von Glückseligkeit vollkommen, doch es sollte nicht so sein! Erwähnte Darcy dieses Umstandes, als Sie in Kent waren?«

»Er nicht; aber ich erfuhr aus einer eben so authentischen Quelle, daß Ihnen diese Pfründe nur bedingsweise zugesagt gewesen, und daß die Vergebung vom Willen des jetzigen Besitzers abgehangen habe.«

»Ganz richtig! es war eine kleine Bedingung dabei, wie ich Ihnen auch gleich anfangs erzählte.«

»Auch hörte ich, daß das Geschäft, Predigten zu machen, Ihnen früher nicht so angenehm erschienen sei, als jetzt; daß Sie damals fest erklärt, sich nicht ordinieren lassen zu wollen, und daß hierauf ein andrer Vertrag abgeschlossen worden sei.«

»Allerdings! und dieß hatte auch seinen Grund. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen davon sagte, als wir zuerst darüber sprachen.«

Sie hatten jetzt das Haus erreicht, da sie ihre Schritte verdoppelte, um ihn bald los zu werden, und Lydiens wegen nicht wünschend ihn zu erzürnen, sagte sie lächelnd –

»Kommen Sie, Herr Wickham! Wir sind jetzt Geschwister und müssen uns vertragen. Lassen wir daher das Streiten über vergangene Dinge. Künftig werden wir hoffentlich immer einerlei Meinung sein.«

Sie reichte ihm ihre Hand, die er mit zärtlicher Galanterie küßte, obgleich er nicht wußte, welche Miene er dazu annehmen sollte. Und somit gingen sie ins Haus.

Eilftes Capitel

Wickham war so vollkommen befriedigt mit dieser Unterhaltung, daß er es nie wieder wagte, seine theure Schwester Elisabeth um ähnliche Dinge zu befragen, und sie freute sich, ihn durch ihre Antworten zum Schweigen gebracht zu haben.

Der Tag der Abreise kam, und Mrß. Bennet sah sich genöthigt, in eine Trennung einzuwilligen, welche, da Herr Bennet sich nicht geneigt zu einem Besuch in Newcastle erklärt hatte, wenigstens ein ganzes Jahr dauern konnte.

»Ach! meine geliebte Lydia!« rief sie – »wann werden wir uns wieder sehen?«

»Das mag der Himmel wissen. Vielleicht nach zwei oder drei Jahren.«

»Schreibe mir nur recht oft.«

»So oft ich kann. Aber Sie wissen, verheirathete Frauen haben nie viel Zeit zum Schreiben. Meine Schwestern können an mich schreiben. Sie haben ohnehin nichts Andres zu thun.«

Wickham benahm sich zärtlicher beim Abschied, als seine Frau. Er lächelte wehmüthig, sah schmachtend aus und sagte viel schöne Dinge.

»Er ist der feinste Mann,« bemerkte Bennet, nachdem er das Haus verlassen, »den ich je im Leben gesehen. »Er lächelt und sieht freundlich aus, und macht uns Allen die Cour. Ich bin ordentlich stolz auf ihn, und fordre selbst Sir William Lukas auf, mir einen vortrefflichern Schwiegersohn vorzuführen.«

Der Verlust der Lieblingstochter versetzte Mrß. Bennet in tiefe Betrübniß, und es vergingen mehrere Tage, ehe sie von etwas Andrem, als von ihrer Lydia zu sprechen vermochte. Dieser Zustand sollte jedoch nicht von langer Dauer sein, und sehr bald durch ein Gerücht in Freude verwandelt werden. Die Haushälterin in Netherfield hatte Befehl erhalten, sich auf die Ankunft ihres Gebieters vorzubereiten, welcher in einigen Lagen eintreffen wollte, um sich mehrere Wochen mit Jagen daselbst zu unterhalten. Mrß. Bennet gerieth durch diese Nachricht in große Bewegung. Sie lächelte, sah Johannen bedeutend an, schüttelte den Kopf, und gab ihre freudigen Erwartungen unverkennbar durch Worte kund.

Miß Bennet war noch nicht so weit gediehen, ohne Erröthen von seiner Ankunft reden hören zu können. Seit mehreren Monaten hatte sie seinen Namen nicht gegen Elisen erwähnt; jetzt aber benutzte sie eine einsame Stunde mit der Schwester, und sagte –

»Lizzy, ich bemerkte, daß Du mich gestern beobachtetest, als unsre Tante Philips zuerst die Neuigkeit des Tages erzählte und ich weiß, daß ich betrübt aussah, aber glaube nur ja nicht, daß es aus einer albernen Ursache geschah. – Ich wurde für den Augenblick verwirrt, weil ich voraus wußte, daß alle Blicke auf mich gerichtet sein würden. Uebrigens kann ich versichern, daß mir die Nachricht weder Freude noch Schmerz verursacht hat. daß er allein kommt, ist mir lieb, weil wir ihn deshalb nicht so oft sehen werden. Nicht als ob ich für mich selbst fürchte, sondern um fremder Menschen Bemerkungen zu entgehen.«

Elisabeth wußte nicht, was sie von diesem Besuch halten sollte. Hätte sie ihn nicht in Derbyshire gesehen, würde sie selbst die Jagd für den Hauptzweck seines Kommens betrachtet haben; aber dieses Wiedersehen hatte sie von Neuem überzeugt, daß er Johannen noch nicht vergessen. Ob er aber diesen Abstecher mit seines Freundes Erlaubnis unternommen, oder kühn genug war, ohne dieselbe zu kommen, wünschte sie zu erfahren.

Mrß. Bennet hatte kaum von Bingley's erwarteter Ankunft gehört, als sie auch schon wieder in ihren Gatten drang, ihm gleich seine Aufwartung zu machen, sobald sie erfahren, daß er wirklich angelangt sei. Doch dieser Aufforderung setzte Herr Bennet ein festes, kaltes Nein entgegen, und versicherte, daß er sich durch seiner Nachbarn Kommen und Gehen nicht aus seiner Ruhe bringen lassen wolle. Vergebens bat und drohte Mrß. Bennet; er blieb bei seinem Vorsatz, und meinte, Bingley könne ihn aufsuchen, falls er Lust habe, etwas von ihm oder seiner Familie zu sehen. So blieb ihr denn nur der einzige Trost, ihn späterhin zu dem früher besprochenen Mittagsmahl einzuladen, was aber leider nicht wohl in den ersten Tagen geschehen konnte.

Bingley langte an, und Mrß. Bennet erhielt durch den Beistand ihrer und Mrß. Philips Dienstboten die erste Nachricht hiervon. Sie begann nun die Tage zu zählen, bis der Anstand erlaubte, die Einladung ergehen zu lassen, vor welcher Zeit sie keine Hoffnung hatte, ihn zu sehen. Doch wer beschreibt ihre Freude, als sie am dritten Morgen nach seiner Ankunft Bingley auf das Haus zureiten sah. Sie rief ihre Töchter auf, sich hiervon mit eignen Augen zu überzeugen. Johanne blieb unbeweglich sitzen; Elisabeth aber, um ihre Mutter zufrieden zu stellen, trat und Fenster, und erblickte Darcy an seiner Seite. Schweigend nahm sie wieder neben Johannen Platz.

»Mama, da ist noch ein andrer Herr bei ihm,« sagte Kitty; »wer mag es wohl sein?«

»Irgend ein Bekannter von ihm, vermuthe ich.«

»Er sieht aus,« fuhr Kitty fort, »wie jener Herr, der damals mit in Netherfield war, und auch zuweilen zu uns zu kommen pflegte. Wie heißt er, doch gleich, der lange, stolze Mann?«

»Großer Gott! Herr Darcy!« rief die Mutter. »Bingley's Freunde sollen mir immer willkommen sein, und als solchen werde ich auch Herrn Darcy aufnehmen, obgleich ich gestehen muß, daß sein bloßer Anblick mir schon zuwider ist.«

Johanne blickte Elisen mit dem Ausdrucke des Erstaunens und des Bedaurens an. Sie wußte von ihrem und Darcy's Zusammentreffen in Derbyshire sehr wenig und fühlte nur, wie peinlich es ihr sein mußte, ihn zum ersten Mal nach seinem erläuternden Brief wieder zu sehen. Beide Schwestern empfanden das Unbehagliche ihres Zustandes; jede dachte mit Unruhe an die Andre, und hörte nichts mehr von der Mutter wiederholten Versicherung, daß sie Herrn Darcy nicht ausstehen könne, und ihn nur als Bingley's Freund höflich empfangen wolle. Aber Elisabeth hatte noch andre Gründe, unruhig zu sein, die ihre Schwerter freilich nicht ahnen konnte; da sie bis jetzt noch nicht den Muth gehabt, ihr der Tante Brief mitzutheilen, und sie von ihren veränderten Gesinnungen zu unterrichten. Johanne sah in ihm nur den Mann, dessen Anträge sie verworfen, und dessen Werth sie verkannt. Elisabeth aber betrachtete ihn als den Wohlthäter der ganzen Familie, als den Gegenstand, der ihr kein geringeres Interesse einflößte, als sein Freund ihrer Schwester. Ihr Erstaunen über sein Kommen nach Netherfield und Longbourn läßt sich nicht beschreiben; sie fühlte sich auf ähnliche Weise überrascht, wie in Derbyshire, als sie ihn so gänzlich verändert sah.

Bemüht, die innere Bewegung zu verbergen, hatte sie sich tief auf ihre Arbeit herabgebückt, und wagte es nicht aufzublicken, als der Bediente sich der Thür näherte. Doch sie mußte wissen, wie Johanne den Augenblick der Erwartung ertrug, und fand sie zwar blässer wie gewöhnlich, doch sehr gefaßt. Beim Eintritt der Herrn erhöhete sich ihre Farbe; aber sie empfing sie mit ziemlicher Unbefangenheit, und mit der ihr eigenthümlichen Huld und Anmuth.

Elisabeth sprach so wenig, als ohne Unhöflichkeit geschehen konnte, und setzte sich nach der ersten Begrüßung wieder an ihre Arbeit. Ein einziger verstohlner Blick auf Darcy belehrte sie, daß er so ernst wie gewöhnlich, und weniger heiter als in Derbyshire aussah. Bingley's Züge drückten Freude, aber auch zugleich Verlegenheit aus. Er ward von Mrß. Bennet mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihren beiden ältesten Töchtern eine hohe Schamröthe in die Wangen jagte, und doppelt auffallend wurde durch die kalte und ceremonielle Höflichkeit, womit sie seinen Freund begrüßte.

Nachdem Darcy Elisen nach dem Befinden ihres Onkels und ihrer Tante gefragt, worauf sie nicht ohne Verwirrung zu antworten im Stande war, sagte er fast gar nichts mehr. Er saß nicht neben ihr; dieß war vielleicht der Grund seines Schweigens. Aber in Derbyshire hatte er mit ihren Freunden gesprochen, wenn er sich nicht in ihrer Nähe befunden. Jetzt verstrichen oft mehrere Minuten, ohne daß sie den Ton seiner Stimme hörte; und wenn sie, vom Drang einer unwiderstehlichen Neugier erfaßt, ihre Blicke auf ihn richtete, sah sie, daß er bald sie, bald Johannen, bald den Boden betrachtete, ohne selbst recht zu wissen, was er that. Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit drückten sich in seinem Wesen aus. Sie fühlte sich in ihren Erwartungen getäuscht, und zürnte mit sich selbst, daß sie solche gehegt. »Wie konnte ich erwarten, ihn anders zu finden!« dachte sie. »Aber warum kam er denn?«

Sie war nicht aufgelegt, mit irgend einem andern Menschen zu sprechen, und hatte doch nicht den Muth, ihn wiederholt anzureden. Nachdem sie nach seiner Schwester gefragt, stockte ihre Unterhaltung wieder. Desto unerschöpflicher war Mrß. Bennet.

»Es ist sehr lange her, seit Sie uns verließen, Herr Bingley; ich begann schon zu fürchten, daß Sie gar nicht zurückkehren würden. Man behauptet allgemein, Sie wären gesonnen, die Pachtung nächste Michaelis gang aufzugeben; ich kann mich aber mit diesem Gedanken nicht vertraut machen. Gar Vieles hat sich hier verändert, seit Sie uns verließen. Miß Lukas ist verheirathet, und auch eine meiner Töchter, wie Sie wohl in den Zeitungen gelesen haben werden.«

Bingley stattete seiner Glückwünsche ab. Elisabeth wagte nicht, die Augen aufzuschlagen, so gern sie auch gesehen hätte, wie sich Darcy bei Erwähnung der Heirath benahm.

»Es ist eine große Freude,« fuhr Mrß. Bennet fort, »eine Tochter glücklich verheirathet zu sehen; aber zugleich auch unbeschreiblich hart, sie so weit von sich zu geben. Sie ist mit ihrem Mann nach Newcastle gegangen, und ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehen werde. Sein Regiment steht dort; denn Sie worden wohl gehört haben, daß er die Landwehr verlassen und unter reguläre Truppen gegangen ist. Er hatte, dem Himmel sei es gedankt!
manche Freunde, obgleich nicht so viele, als er verdient.«

Bei dieser deutlichen Anspielung auf Darcy war Elisabeth kaum vermögend, ruhig sitzen zu bleiben. Sie suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, und fragte Bingley deshalb: ob er gesonnen sei, sich längere Zeit in Netherfield aufzuhalten.

»Einige Wochen,« erwiederte er.«

»Wenn Sie Ihre eignen Vögel alle geschossen haben, Herr Bingley,« begann Mrß. Bennet von Neuem, »so bitte ich, daß Sie hierher kommen und in meines Mannes Revier schießen. Er wird sich eine Freude daraus machen und die besten Rebhühner für Sie aufsparen.«

Diese unnöthige und zudringliche Aufmerksamkeit vermehrte nur noch Elisens Jammer. »O, möchte ich nie wieder mit ihnen zusammentreffen!« dachte sie. »Ihre Gesellschaft ist nicht im Stande, mir diese peinlichen Augenblicke zu vergüten!« Und sie fühlte, daß Jahre des Glücks Johannen nicht für diese Leiden entschädigen konnten. Doch hierüber sollte sie bald eines Andern belehrt werden. Bingley's zunehmende Aufmerksamkeit gegen ihre Schwester, sein augenscheinliches Wohlgefallen an ihrer Schönheit waren ihr nicht entgangen, so wenig Johanne auch selbst davon gemerkt hatte.

Jetzt erhoben sich die Herren zum Abschied und Mrß. Bennet, eingedenk ihres Vorsatzes, lud sie auf einen der folgenden Tage ein.

»Sie sind uns noch einen Mittag schuldig, Herr Bingley,« fügte sie hinzu, »denn Sie versprachen uns vorigen Winter, als Sie in die Stadt gingen, daß Sie ein Familienmahl mit uns einnehmen wollten, so bald Sie zurückgekehrt sein würden. Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtniß; auch hat es mich damals sehr betrübt, daß Sie Ihr Wort nicht gehalten.«

Bingley wurde ein Bischen verlegen bei dieser Rückerinnerung, und äußerte sein Bedauern, durch Geschäfte abgehalten worden zu sein, ihrer Einladung zu folgen. Hierauf empfahlen sie sich.

Mrß. Bennet hätte sie gern gebeten, den heutigen Tag gleich da zu bleiben; aber obgleich sie eine vortreffliche Tafel führte, glaubte sie doch einem so wichtigen Gast und seinem reichen Freund nicht weniger als zwei Gänge vorsetzen zu dürfen.

Zwölftes Capitel

Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, als auch Elisabeth hinauseilte, sich zu erholen, oder vielmehr ungestört ihren Gedanken nachzuhängen. Darcy's Benehmen hatte sie beunruhigt und ihr wehe gethan.

»Warum kam er,« sagte sie, »wenn es seine Absicht war, so schweigsam, ernst und gleichgültig zu sein? Er konnte so liebenswürdig und artig gegen meine Verwandten in der Stadt sein, warum nicht auch gegen mich? Wenn er mich fürchtet, weshalb sucht er mich auf? und wenn ich ihm nicht gleichgültig bin, warum schweigt er? Grausamer Mann! ich will nicht mehr an ihn denken.«

Dieser Vorsatz war leicht zu halten, indem sie durch Johannen in ihren Betrachtungen gestört wurde. Sie sah heiter und glücklich aus, und schien besser mit ihrem Besuch zufrieden als Elisabeth.

»Nachdem dieses erste Zusammentreffen überstanden ist,« sagte sie, »fühle ich mich ganz leicht und froh. Ich kenne jetzt meine eigne Stärke, und werde nie wieder verlegen in seiner Gegenwart sein. Es ist mir lieb, daß er nächsten Dienstag hier ißt: Man wird sehen, daß wir uns gegenseitig wie ganz gewöhnliche, gleichgültige Bekannte betrachten.«

»Ja, sehr gleichgültig, in der That!« erwiederte Elisabeth lachend. »O, Johanne, sei auf Deiner Huth.«

»Liebste Lizzy, Du wirst mich doch nicht für so schwach halten, mich in Gefahr zu glauben?«

»Ich glaube, Du stehst in Gefahr, ihn nächstens zu Deinen Füßen liegen zu sehen.«

Sie sahen die Herren nicht wieder bis zum Dienstag, wo eine große Gesellschaft in Longbourn versammelt war. Beim Eintritt in das Eßzimmer beobachtete Elise Bingley genau, um zu sehen, ob er, wie er früher zu thun pflegte, seinen Platz neben Johannen nehmen würde. Ihre schlaue Mutter hatte aus demselben Grund vermieden, ihn einzuladen, sich neben sie zu setzen. Im ersten Augenblick schien er zweifelhaft zu sein; doch Johanne sah sich zufällig um mit einem so unbefangenen lächelnden Ausdruck, daß er sich schnell entschied, und seinen Platz neben ihr nahm.

Elisabeth suchte mit den Augen seinen Freund, um zu sehen, wie er gesinnt war. Er schien entschlossen, das Unabänderliche mit stolzer Gleichgültigkeit zu ertragen; und sie würde geglaubt haben, daß Bingley seine Zustimmung, glücklich zu sein, erhalten, wenn sie nicht zugleich bemerkt hätte, daß er Darcy mit einen Ausdruck halb lachender, halb ernster Besorgniß angesehen hätte.

Sein Benehmen gegen ihre Schwester verrieth die zarteste Aufmerksamkeit, obgleich Elisabeth deutlich wahrnahm, daß er sich bemühte, vorsichtiger zu sein, als er es früher gewesen. Sie wagte es nicht, günstige Folgerungen daraus zu ziehen, fühlte sich aber doch dadurch gewisser Maaßen beruhigt und in eine so heitre Laune versetzt, als sie heute zu erlangen im Stande war.

Darcy saß an der Seite ihrer Mutter, so weit von ihr entfernt als möglich. Sie wußte, wie wenig beide Theile diese Nachbarschaft zu würdigen verstanden. Was sie mit einander sprachen, konnte sie nicht hören; aber sie sah, daß es selten, und mit höchster Feierlichkeit geschah. Wie gern hätte sie ihm gesagt, daß nicht alle Glieder dieser Familie seinen Werth verkannten, daß sie es wußte, was er für dieselbe gethan.

Sie tröstete sich mit der Hoffnung, daß der Nachmittag ihr Gelegenheit geben würde, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Die Zwischenzeit, bis die Herrn sich wieder im Gesellschaftszimmer einfanden, erschien ihr so lang und unerträglich, daß sie kaum höflich zu sein vermochte. Sie blickte erwartungsvoll nach der Thür.

»Wenn er nicht zu mir kommt,« sagte sie, »dann muß ich ihn für immer aufgeben.«

Indem traten die Herren herein, und sein Blick schien ihren Hoffnungen zu entsprechen, aber die Damen hatten sich so dicht um den Tisch gedrängt, wo Johanne den Thee bereitete und Elisabeth Caffee einschenkte, daß seine Annäherung möglich war. Darcy trat in eine Fenstervertiefung.

Nach einiger Zeit brachte er seine Tasse selbst zurück und sie benutzte die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob seine Schwester noch in Pemberley sei?

»Ja, sie wird auch dort bleiben bis Weihnachten.«

»Allein? Haben ihre Freundinnen sie verlassen?«

»Mrß. Annesley ist bei ihr. Die andern Damen haben sie vor drei Wochen verlassen.«

Sie wußte nichts mehr zu sagen, hoffte aber, daß es ihm nicht an Stoff fehlen würde. Er blieb einige Minuten schweigend neben ihr stehen und ging, als sich bald darauf einige junge Damen Elisen näherten, wieder weg.

Nach eingenommenem Thee zerstörte ihre Mutter die letzte Aussicht, in seiner Gesellschaft den Abend zuzubringen. Er wurde ein Opfer ihrer Wuth, mehrere Whisttische zu Stande zu bringen, und Elisabeth sah ihn mit Widerstreben nachgeben. Sie selbst erhielt ihren Platz an einem entferntern Tisch.

Mrß. Bennet hatte sich vorgenommen, die beiden Herrn zum Abendessen da zu behalten; aber unglücklicher Weise wurde ihr Wagen zuerst gemeldet und so scheiterte dieser Plan.

»Nun, Kinder,« sagte sie, nachdem die Gesellschaft das Haus verlassen hatte, »was sagt Ihr so zu dem heutigen Tage? Ich sollte meinen, es wäre alles so gewesen, wie es sein mußte. Das Mittagsessen so elegant servirt, wie ich lange keins sah. Das Wildpret vortrefflich, der Schinken unverbesserlich, die Suppe zehnmal besser, als die wir vorige Woche bei Lukassens hatten. Selbst Herr Darcy versicherte, daß die Rebhühner herrlich gebraten waren, und er hat gewiß zum Wenigsten zwei bis drei französische Köche.«

Sie ließ noch manches vielverheißende Wort für ihre älteste Tochter fallen, erzählte, was ihr Mrß. Long von den Vermuthungen der Nachbarschaft mitgetheilt, und war so voll von Bingley's Liebenswürdigkeit, daß sie den ganzen Abend nicht wieder davon aufhören konnte.

Auch Johanne war sehr befriedigt von der Unterhaltung dieses Tages, und äußerte sich darüber gegen ihre Schwester. Elisabeth lächelte.

»Nein, Lizzy! so mußt Du nicht sein. Es kränkt mich, wenn Du mich falsch beurtheilst.«

Elisabeth versprach nicht wieder zu lachen, und nichts zu glauben, als was ihr ihre Schwester versicherte; und somit schloß dieser merkwürdige Tag.

Dreizehntes Capitel

Wenige Tage darauf kam Bingley allein. Sein Freund war diesen Morgen nach London gereist, von wo er ihn erst in zehn Tagen zurück erwartete. Er hielt sich wohl eine Stunde bei den Damen auf, und war äußerst heiter gestimmt. Mrß. Bennet lud ihn ein, den Mittag bei ihnen zu essen, was er jedoch, wegen eines andern Engagements, mit vielen Versicherungen des Bedauerns ablehnte.

»Ich hoffe, wir werden das nächste Mal, wenn Sie uns wieder besuchen, glücklicher sein,« sagte sie. »Doch vielleicht können Sie morgen kommen?«

Er hatte für den folgenden Tag keine Einladung, und nahm die ihrige mit Freuden an.

Bingley stellte sich so ungewöhnlich früh ein, daß die Damen ihre Toilette noch nicht beendet hatten. Mrß. Bennet kam halb angezogen in das Zimmer ihrer Tochter gelaufen, um diese, und besonders Johanne zur Eile, anzutreiben, welche jedoch nicht zu bewegen war, ohne eine ihrer Schwestern herunter zu sehen. Der Tag verstrich sehr angenehm und Bingley war glücklicher Weise so viel mit Johannen beschäfftigt, daß er der Mutter geflissentliches Bestreben, das Paar allein zu lassen, kaum bemerkte. Nach dem Thee, als Herr Bennet wie gewöhnlich in sein Studirzimmer ging und Marie ihr Instrument aufsuchte, fing sie dasselbe Manoeuvre noch ein Mal an, und hatte auch schon die jüngere Tochter unter einem scheinbaren Vorwand heraus geschickt. Elisabeth allein war noch zurück geblieben, und es bedurfte Johannens bittender Blicke nicht erst, um sie im Zimmer fest zu halten. Sie schämte sich der niedrigen Kunstgriffe ihrer Mutter, und als diese sie nach wenigen Minuten ebenfalls herausrief, wartete sie nur deren Entfernung ab, um wieder zu ihrer Schwester zu gehen.

Bingley war heiter und liebenswürdig, ertrug die Zudringlichkeit der Mutter mit guter Art und wußte ihren Bemerkungen so geschickt zu entgehen, daß der Abend ihnen allen sehr schnell verstrich. Es bedurfte nur eines Worts, um ihn zum Abendessen festzuhalten, und beim Weggehen sah er sich theils durch seine eigene, theils durch Mrß. Bennets Veranlassung auf den folgenden Morgen zu einer Schießparthie mit Herrn Bennet eingeladen.

Johanne sagte nach diesem Tage kein Wort mehr von ihrer Gleichgültigkeit, und Elisabeth legte sich mit der Ueberzeugung zu Ruhe, daß Darcy seine Einwilligung zu Bingley's Bündniß vor seiner Reise gegeben haben müsse.

Bingley stellte sich am andern Morgen pünktlich zur festgelegten Stunde ein, und brachte der Vormittag im Felde mit Herrn Bennet zu. Dieser war sehr angenehm überrascht, ihn so anspruchslos, viel gesprächiger und weit weniger excentrisch, als er ihn sonst gesehen, zu finden. Er kehrte natürlich mit ihm zum Mittagsessen zurück und folgte Mrß. Bennets Einladung, nach dem Thee ein Spiel mit ihr und ihren Töchtern zu machen, willig. Elisabeth hatte einen Brief zu schreiben und zog sich zu diesem Zweck in ihr Zimmer zurück. Als sie aber nach einigen Stunden zu den Spielenden zurückkehrte, fand sie die Parthie bereits aufgehoben, und
Johannen im eifrigen Gespräch mit Bingley am Camin stehen. Sie drehten sich bei ihrem Eintritt hastig herum, und hätte sie noch einigen Zweifel über den Gegenstand ihrer Unterhaltung gehegt, so würden ihre Blicke sie jetzt darüber berichtigt haben. Die Lage der Gestörten war peinlich, Elisens jedoch noch weit mehr. Keiner sprach ein Wort, und schon stand sie auf dem Punkt, sich wieder zu entfernen, als Bingley ihrer Schwester etwas leise zuflüsterte, und hierauf schnell das Zimmer verließ.

Jetzt fiel Johanne ihr mit Thränen der Freude und der höchsten Seligkeit um den Hals und versicherte ihr, daß sie das glücklichste Geschöpf auf Erden sei.

»Es ist zu viel!« sagte sie, »mehr als ich zu ertragen vermag. Ich verdiene ein solches Glück nicht. O, warum sind nicht alle Menschen so glücklich wie ich!«

Elise hatte keine Worte, der geliebten Schwester ihre Freude auszudrücken. Sie hielten sich sprachlos umarmt. Doch nicht lange ertrug Johanne dieses Schweigen.

»Ich muß sogleich zur Mutter gehen,« sagte sie. »Es würde Unrecht sein, ihr diese frohe Botschaft auch nur einen Augenblick vorzuenthalten, oder sie durch einen Andern als mich an sie gelangen zu lassen. Bingley ist zum Vater gegangen. O, Lizzy., welch ein beglückendes Gefühl, zu wissen, daß man im Stande ist, seiner ganzen Familie Freude zu machen! wie werde ich diese Seligkeit ertragen!«

Sie eilte zu ihrer Mutter, die absichtlich die Spielparthie früher aufgehoben, und sich mit Kitty in ihr Zimmer zurückgezogen hatte.

Elisabeth lächelte über die Schnelligkeit und Leichtigkeit, womit dieses Geschäfft jetzt abgemacht worden war, welches ihnen seit mehreren Monaten so viele Sorge und Unruhe verursacht hatte.

»Dieß ist also,« sagte sie, »das Ende von seines Freundes ängstlicher Vorsicht, von seiner Schwestern Falschheit und List! Das glücklichste, klügste, vernünftigste Ende!«

Bingley's Unterredung mit dem Vater war kurz und seinen Wünschen entsprechend gewesen. Er kam sehr bald zurück, Johannen davon zu unterrichten und fand Elisen allein, auf deren Glückwünsche und Schwesternliebe er nun mit aller Wärme eines Bruders Anspruch machte. Sie drückte ihm ihre Freude über die Aussicht ihrer nahen Verwandtschaft mit herzlichen Worten aus, reichte ihm zur Besiegelung des neuen Bundes die Hand und ließ sich hierauf, bis Johanne zurückkehrte, von deren Vorzügen und Vortrefflichkeiten, so wie von seiner eignen Seligkeit erzählen.

Einen so frohen, glücklichen Abend hatte die Familie lange nicht verlebt. Bingley schwelgte im Anschauen seiner geliebten Braut, deren schöne Züge durch das Bewußtsein, den Freund ihres Herzens zum glücklichsten Sterblichen gemacht zu haben, und durch die eigene, sich zum ersten Mal laut aussprechende Liebe beseelt, noch einen höhern Reiz erlange hatten.

Kitty betrachtete das Paar mit schmachtend lächelnden Blicken, und tröstete sich mit der Aussicht, daß die Reihe nun auch bald an sie kommen müßte. Mrß. Bennet sprach ohne Aufhören, Elisabeth freute sich still, und als Herr Bennet sich späterhin zum Abendessen einfand, zeugte sein Blick und der Ton seiner Stimme, wie glücklich auch er sich fühlte. Doch erwähnte er der Sache mit keinem Wort, so lange Bingley da war, und erst nachdem er das Haus verlassen, wandte er sich zu seiner Tochter, und sagte: »Johanne, ich wünsche Dir Glück. Deiner wartet ein schönes Loos.«

Johanne küßte und umarmte ihren Vater, und dankte ihn für seine Zustimmung.

»Du bist ein gutes Mädchen;« fügte er hinzu, »und ich freue mich der Aussicht, Dich glücklich verheirathet zu sehen. Ihr werdet gut für einander passen. Eure Temperamente haben viel Aehnliches; Ihr seid Beide so nachgiebig und fügsam, daß Niemand einen Entschluß fassen wird; so leichtgläubig und gutmüthig, daß alle Dienstboten Euch betrügen werden; und so freigebig, daß Ihr weit mehr ausgeben werdet, als Ihr einzunehmen habt.«

»Das hoffe ich nicht. Eine solche Unvernunft und Gedankenlosigkeit in Geldangelegenheiten würde bei mir unverzeihlich sein.«

»Mehr ausgeben als sie einnehmen!« rief Mrß. Bennet. »Liebster Mann, was denkst Du nur? Hat er nicht vier oder fünftausend des Jahrs?« Dann wandte sie sich zu ihrer Tochter. »O, Johanne! ich bin so glücklich, das ich diese Nacht gewiß kein Auge schließen werde. Aber ich sagte doch immer, daß es so kommen würde; ich wußte, daß Du ihm allein gefallen konntest. Wer steht Dir auch gleich an Schönheit! Und er ist Deiner auch in dieser Hinsicht würdig; er ist der schönste Mann, den meine Augen je gesehen.«

Wickham und Lydia waren ganz vergessen; Johanne sah sich plötzlich zum Rang der Lieblingstochter erhoben, der alle andern nachstehen mußten. Ihr jüngern Schwestern bemühten sich jetzt auch mehr um ihre Gunst. Marie bat um die Erlaubniß, die Bibliothek in Netherfield benutzen zu dürfen, und Kitty wenigstens um zwei Bälle jeden Winter.

Bingley war von diesem Augenblick an natürlich täglich in Longbourn anzutreffen. Er kam gewöhnlich schon vor dem Frühstück und blieb bis nach dem Abendessen, wenn nicht irgend ein barbarischer Nachbar ihn zum Mittag eingeladen hatte, was er aus Höflichkeit nicht abzuschlagen gewagt.

Elisabeth fand unter solchen Umständen wenig Augenblicke zur Unterhaltung mit ihrer Schwester, und mußte sich damit begnügen, beiden Theilen unentbehrlich zu sein, wenn der Zufall sie auf kurze Zeit trennte. In Johannens Abwesenheit wandte sich Bingley immer nur an sie, um mit ihr über dieselbe zu sprechen, und sobald er gegangen war, sah sie sich von der Lieblingsschwester aus ähnlichen Gründen aufgesucht.

»Er hat mich sehr glücklich gemacht,« sagte sie eines Abends, »durch die Versicherung, daß er im vorigen Frühjahr keine Ahnung von meiner Anwesenheit in der Stadt gehabt! Ich hatte es nicht für möglich gehalten.«

»Ich vermuthete es allerdings,« entgegnete Elisabeth. »Aber wie erklärte er sich die Sache?«

»Es muß das Werk seiner Schwestern gewesen sein. Sie hatten keine Freude an seiner Bekanntschaft mit mir, worüber ich mich im Grunde auch nicht verwundern kann, wenn ich bedenke, wie er in jeder Hinsicht so viel vortheilhafter hätte wählen können. Doch wenn sie sehen, daß ihr Bruder glücklich mit mir ist, werden sie auch lernen, sich darin zu ergeben, und ich hoffe, wir werden auf einem freundlichen Fuß mit einander stehen, wenn gleich sie mir nie wieder
das sein können, was sie mir früher gewesen.«

»Es freut mich herzlich, Dich so reden zu hören,« entgegnete Elisabeth, »da es mich geärgert haben würde, wenn Du Dich nochmals durch ihre falsche Freundlichkeit h
attest bethören lassen.«

»Kannst Du es wohl glauben, Lizzy, daß er mich schon liebte, als er vorigen November nach London ging, und sich nur durch die Ueberzeugung meiner Gleichgültigkeit gegen ihn abhalten ließ, nach Netherfield zurückzukehren!«

»Er irrte sich in diesem Punkt ein wenig; doch macht dieser Irrthum seiner Bescheidenheit Ehre.«

Elisabeth freute sich zu bemerken, daß Bingley seines Freundes Einmischung bei dieser Gelegenheit nicht verrathen hatte; denn so versöhnlich Johannens Herz auch war, würde dieser Umstand sie doch mit einem Vorurtheil gegen ihn erfüllt haben.

»Ich bin das glücklichste Geschöpf, welches je auf Erden gelebt!« sagte Johanne. »O, Lizzy! warum bin aus unsrer Familie ich allein zu solcher Seligkeit auserkoren! Wenn ich
Dich nur auch so glücklich sehen könnte! Wenn nur ein zweiter solcher Mann existirte!«

»Und wenn Du mir deren fünfzig geben wolltest, würde ich mich nicht so glücklich fühlen, wie Du. Ohne Deine Güte und Sanftmuth ist auch ein ähnliches Glück nicht denkbar. Nein, nein! laß mich nur für mich selbst sorgen. Vielleicht ist mir das Schicksal günstig, daß ich zur rechten Zeit noch einem zweiten Collins begegne.«

Die Veränderung in der Longbourn'schen Familie konnte nicht lange ein Geheimniß bleiben. Mrß. Bennet hatte Erlaubniß erhalten, Mrß. Philips davon in Kenntniß zu setzen und diese flüsterte ohne Erlaubniß ihren sämmtlichen Merytoner Freundinnen die Sache ins Ohr.

Bennets, vor wenigen Wochen, nach Lydiens Flucht als eine der unglücklichsten Familien bedauert, wurden jetzt plötzlich als eine der glücklichsten beneidet.

Vierzehntes Capitel

Eines Morgens ungefähr acht Tage nach Johannens Verlobung, als Bingley und die Damen zusammen im Eßzimmer saßen, sahen sie einen Wagen mit vier Pferden auf das Haus zukommen. Es war noch zu früh, um Besuch zu erwarten, auch erschien ihnen sowohl die Livree als der Wagen unbekannt, und keiner ihrer Nachbarn würde mit Postpferden zu ihnen kommen. Bingley, nicht geneigt sich durch auswärtige Gäste stören zu lassen, bat Johannen, mit ihm spazieren zu gehen; und so blieben denn die Uebrigen in Erwartung des Besuchs, der da kommen würde.

Wer beschreibt Elisens Erstaunen, als die Thüre sich öffnete und Lady Katharine von Bourgh mit stolzer Miene und hochmüthiger Haltung eintrat. Sie erwiederte Elisens Begrüssung nur durch eine leise Bewegung mit dem Kopf, und setzte sich nieder, ohne ein Wort zu sagen.

Mrß. Bennet, welcher ihre Tochter gleich beim Eintritt den Namen der Dame genannt hatte, fühlte sich sehr geschmeichelt durch diesen vornehmen Besuch und empfing Ihro Herrlichkeit mit der größten Höflichkeit. Nachdem sie einige Minuten schweigend da gesessen, sagte sie im steifsten Ton zu Elisabeth:

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Miß Bennet? Diese Dame ist vermuthlich Ihre Mutter?«

Elisabeth bejahte die Frage.

»Und diese wahrscheinlich eine Ihrer Schwestern?«

»Ja, Madam!« sagte Mrß. Bennet, begierig die Gelegenheit ergreifend, sich mit Lady Katharine zu unterhalten. »Das ist jetzt meine jüngste Tochter; die allerjüngste hat sich kürzlich verheirathet, und meine älteste wird ihrem Beispiele bald folgen. Sie ist eben mit ihrem Verlobten in den Park spazieren gegangen.«

»Sie scheinen einen sehr kleinen Park zu haben,« erwiederte Lady Katharine nach einer Pause.

»Im Vergleich mit Rosings, allerdings. Doch kann ich Ihnen versichern, daß er bedeutend größer als der in Lukas-Lodge ist.«

»Dieß muß ein sehr unbequemes Zimmer im Sommer sein; die Fenster gehen nach Westen.«

Mrß. Bennet berichtete, daß sie sich nie nach dem Mittagsessen hier aufzuhalten pflegten, und fuhr dann fort:

»Darf ich fragen, ob Ihro Herrlichkeit Herrn und Mrß. Collins wohl verlassen haben?«

»Sehr wohl. Ich sah sie ehegestern Abend noch.«

Elisabeth erwartete nun, daß sie einen Brief von Charlotten an sie hervorziehen würde, da sie sich keinen andern Grund ihres Besuchs erklären konnte. Aber es erfolgte nichts.

Mrß. Bennet ersuchte ihren hohen Gast, einige Erfrischungen zu sich zu nehmen; aber Lady Katharine weigerte sich standhaft und nicht sehr höflich, irgend etwas anzunehmen, worauf sie sich erhob und zu Elisen sagte:

»Miß Bennet, ich bemerkte in der Nähe Ihres Hauses eine Art Anlage oder Gehölz. Es würde mich freuen, es in Augenschein zu nehmen, wenn Sie mich mit Ihrer Gesellschaft beehren wollten.«

»Geh, liebe Lizzy,« rief die Mutter, »und zeige Ihro Herrlichkeit die neuen Wege. Ich hoffe, die Eremitage wird ihr gefallen.«

Elisabeth holte ihren Sonnenschirm und begleitete Lady Katharine, welche nicht unterließ, im Vorbeigehen die Thüren in die verschiedenen Zimmer zu öffnen, und nach flüchtiger Betrachtung derselben ihre Meinung darüber zu sagen.

Der Wagen war vor der Thüre stehen geblieben, und Elisabeth sah, daß ihr Kammermädchen darin saß. Schweigend gingen sie über den gepflasterten Weg, der zu den Anlagen führte, Elisabeth fest entschlossen, sich nicht zu bemühen, eine Unterhaltung mit einer Frau anzuknüpfen, die sich ihr unartiger und beleidigender wie je zeigte. »Wie konnte ich nur je eine Aehnlichkeit mit ihr und ihrem Neffen finden?« dachte sie.

Sobald sie das Gebüsch erreicht hatten, begann Lady Katharine:

»Miß Bennet, Sie können über den Grund meiner Reise hierher nicht in Zweifel sein. Ihr eignes Herz, Ihr so eignes Gewissen müssen Ihnen sagen, weshalb ich gekommen bin.«

Elisabeth sah sie mit dem Ausdruck erkünstelten Erstaunens an.

»Sie irren, Madam. Ich kann mir in der That nicht erklären, was uns die Ehre Ihres Besuchs verschafft.«

»Miß Bennet,« rief Lady Katharine im Ton des höchsten Unwillens. »Sie sollten eigentlich wissen, daß ich nicht mit mir spielen lasse. Doch wenn Sie es vorziehen nicht aufrichtig gegen mich sein zu wollen; so sollen Sie mich wenigstens so finden. Mein Charakter ist immer wegen seiner Aufrichtigkeit und Offenheit berühmt gewesen, und in dieser Angelegenheit soll er seinen Ruhm bewähren. Vor zwei Tagen ist ein höchst beunruhigendes Gerücht zu meinen Ohren gedrungen. Es wurde mir erzählt, daß nicht allein Ihre älteste Schwester auf dem Punkt stände, eine sehr vortheilhafte Heirath zu schließen, sondern daß auch Sie, Miß Elisabeth Bennet, sich nächstens mit meinem Neffen, mit Herrn Darcy verheirathen würden. Obgleich ich nun fest von der Falschheit dieses Gerüchts überzeugt bin, und meinen Neffen nicht durch den Glauben hieran zu kränken gedenke, bin ich doch augenblicklich hierher gereist, um Ihnen meine Gesinnungen darüber kund zu thun.«

»Wenn Sie das Gerücht für unmöglich und falsch erklären,« entgegnete Elisabeth, vor Staunen und Unwillen erröthend, »so wundre ich mich, weshalb Sie sich die Mühe genommen, so weit herzukommen. Was konnten Ihro Herrlichkeit hierbei beabsichtigen?«

»Zuerst ein solches Gerücht rückgängig zu machen.«

»Ihr Besuch in Longbourn, um mich und meine Familie zu sehen,« entgegnete Elisabeth kalt, »wird eher als Bestätigung des Gerüchts dienen, wenn wirklich ein solches existiren sollte.«

»
Wenn! wollen Sie thun, als ob Sie nichts davon wüßten? Ist es nicht absichtlich von Ihnen und den Ihrigen verbreitet worden? Wissen Sie nicht, daß ein solches Gerücht cirkulirt?«

»Ich hörte noch nichts davon.«

»Und können Sie auch behaupten, keinen
Grund dazu gegeben zu haben?«

»Ich rühme mich nicht, eben so aufrichtig zu sein, wie Ihro Herrlichkeit. Sie sind im Stande sich Fragen zu erlauben, die ich nicht gesonnen sein möchte zu beantworten.«

»Das ist nicht zu ertragen. Miß Bennet, ich bestehe darauf, die Wahrheit zu erfahren. Hat mein Neffe Ihnen einen Heirathsantrag gemacht?«

»Ihro Herrlichkeit haben es für unmöglich erklärt.«

»Es soll so sein; es muß so sein, so lange er den Gebrauch seiner Vernunft behält. Aber Ihre Schlingen und Kunstgriffe haben ihn vielleicht bethört, daß er in einem Augenblick der Verblendung vergessen konnte, was er sich und seiner Familie schuldig ist. Sie haben ihn dazu verlockt.«

»Wenn ich es wirklich gethan hätte, wäre ich die letzte Person, von der Sie ein solches Geständniß erwarten könnten.«

»Miß Bennet, wissen Sie, wer ich bin? an eine solche Sprache, wie Sie zu führen sich herausnehmen, bin ich nicht gewohnt. Ich bin die nächste Verwandte, die er auf der Welt besitzt, und als solche berechtigt, von seinen geheimsten Angelegenheiten unterrichtet zu werden.«

»Aber Sie sind nicht berechtigt, die meinigen zu wissen; auch ist ein solches Betragen wie das Ihrige nicht geeignet, mich zu bestimmen, sie Ihnen mitzutheilen.«

»Ich wünschte nicht mißverstanden zu werden. Diese Verbindung, nach welcher Sie die Anmaaßung haben zu streben, kann nie Statt finden. Nein, nie. Herr Darcy ist mit
meiner Tochter versprochen. Was haben Sie hierauf zu erwiedern?«

»Bloß dieß, daß, wenn dem so ist, Sie keinen Grund zu vermuthen haben können, daß er mir einen Antrag gemacht.«

Lady Katharine schwieg einige Augenblicke, und fuhr dann fort. »Die Verbindung zwischen ihm und meiner Tochter ist von einer besondern Art. Seit ihrer Kindheit sind sie für einander bestimmt gewesen. Es war der Lieblingswunsch
seiner wie ihrer Mutter; und nun, da der Zeitpunkt gekommen ist, wo die Wünsche beider Schwestern erfüllt werden können, tritt ein junges Mädchen, ohne hohe Geburt, ohne Vermögen, ohne Bedeutung in der Welt, störend in dieses Verhältniß und droht die Ehre der Familie durch ihren Eintritt in dieselbe zu beflecken. Nehmen Sie keine Rücksicht auf die Wünsche seiner Freunde und Verwandten? auf seine früher geschlossene Verbindung mit Miß von Bourgh? Haben Sie kein Gefühl für Schicklichkeit und Anstand? Haben Sie mich nicht sagen hören, daß er schon in der Wiege für seine Cousine bestimmt gewesen ist?«

»Ja, und ich hatte es schon früher gehört. Doch was geht mich das an? Wenn kein andres Hinderniß sich meiner Verbindung mit Ihrem Neffen in den Weg stellt, als seiner Mutter und Tante Wunsch, Miß von Bourgh zu heirathen; so ist dieß nicht hinreichend, mich davon abzuhalten. Sie thaten Beide für diesen Plan, was in Ihren Kräften stand. Die Ausführung hängt von Andern ab. Wenn Herr Darcy weder durch ein Wort, noch durch Neigung an Miß von Bourgh gebunden ist, sehe ich nicht ein, weshalb er nicht eine andre Wahl treffen sollte? Und wenn ich diese Wahl wäre, warum ich ihn nicht annehmen sollte?«

»Weil Ehre, Anstand, Klugheit, ja ihr eignes Interesse es Ihnen verbietet. Ja, Miß Bennet, Ihr eignes Interesse. Denn wie könnten Sie hoffen und erwarten, in eine Familie aufgenommen zu werden, gegen deren Willen Sie sich in dieselbe gedrängt? Tadel, Vernachlässigung und Verachtung aller Mitglieder, so wie aller Freunde derselben ist Ihr Loos. Die Verbindung mit Ihnen gereicht meinem Neffen zur Schande; Ihr Name wird nie von einem von uns genannt werden.«

»Das sind schwer zu ertragende Unglücksfälle,« entgegnete Elisabeth. »Doch Herrn Darcy's Erwählte wird sich andre Quellen des Glückes zu eröffnen verstehen, um Ersatz für die Unzufriedenheit der Verwandten ihres Mannes zu finden, und ihre Wahl nicht zu bereuen.«

»Hartnäckiges, halsstarriges Mädchen! – Miß Bennet, ich schäme mich Ihrer! Ist dieß ihre Dankbarkeit für alle meine Aufmerksamkeiten und Artigkeiten gegen Sie im vorigen Frühjahr? Sind Sie mir nichts dafür schuldig? Lassen Sie uns Platz nehmen. Sie müssen wissen, Miß Bennet, daß ich in der Absicht hierher kam, meinen Vorsatz auszuführen, und das ich nicht entschlossen bin, ihn aufzugeben. Ich bin nicht gewohnt, mich nach andrer Menschen Launen zu richten, eben so wenig mich in meinen Erwartungen getäuscht zu sehen.«

»Dann ist Ihro Herrlichkeit Lage jetzt allerdings bedauernswerth; doch dieß hat keinen Einfluß auf mich.«

»Ich will nicht unterbrochen sein! Hören Sie mich schweigend an. Meine Tochter und mein Neffe sind für einander geschaffen. Sie stammen mütterlicher Seite von demselben edlen Geschlecht ab, und von Seiten ihrer Väter aus einer alten ehrwürdigen, obgleich titellosen Familie. Das Vermögen ist auf beiden Seiten groß. Sie sind einander bestimmt durch den Wunsch der hauptsächlichsten Glieder ihrer fleckenlosen Familien; und was droht sie zu trennen? die verwegenen Ansprüche eines jungen Mädchens ohne Familie, ohne Connektionen und ohne Vermögen. Ist dieß zu ertragen! Aber es darf nicht, es soll nicht sein! Wenn Sie Ihr eignes Bestes bedenken, können Sie nicht wünschen, die Sphäre zu verlassen, in welcher Sie auferzogen sind.«

»Durch die Heirath mit Ihrem Neffen würde ich nicht veranlaßt werden, diese Sphäre zu verlassen. Er ist ein Gentleman, ich bin die Tochter eines Gentlemans. In dieser Hinsicht stehen wir uns gleich.«

»Sehr wahr. Sie sind eines Gentlemans Tochter. Aber wer war Ihre Mutter? Wer sind Ihre Onkels und Tanten? Glauben Sie nur nicht, daß ich den Stand Ihrer Verwandten nicht kennte.«

»Wie dieser auch beschaffen sein mag,« sagte Elisabeth; »wenn Ihr Neffe kein Hindernis darin findet, kann er Ihnen ganz gleichgültig sein.«

»Sagen Sie mir ein für allemal, ob Sie mit meinem Neffen versprochen sind?«

Obgleich Elisabeth nicht gesonnen war, diese Frage zu beantworten, um sich Lady Katharine gefällig zu erzeigen, konnte sie doch, der Wahrheit zur Ehre, nicht umhin, nach einer kurzen Ueberlegung zu erwiedern:

»Nein, ich bin nicht mit ihm versprochen.«

Lady Katharine schien beruhigt.

»Und wollen Sie mir versprechen,
nie in ein solches Verhältniß mit ihm zu treten?«

»Ich verspreche nichts in dieser Art.«

»Miß Bennet, ich bin erstaunt; ich hoffte Sie vernünftiger zu finden. Aber täuschen Sie sich nicht mit der falschen Hoffnung, mich je einwilligen zu sehen. Ich gehe nicht eher fort, als bis Sie mir das verlangte Versprechen gegeben haben.«

»Und ich werde es
nimmermehr geben. Ich bin nicht so leicht zu etwas Thörichtem zu bestimmen. Ihro Herrlichkeit wünschen Ihre Tochter mit Herrn Darcy zu verheirathen; aber ist das von mir verlangte Versprechen hinreichend, ihn zu bestimmen, sich Ihren Wünschen zu fügen? Setzen Sie den Fall, daß er mir ergeben wäre, würde
mein Ausschlagen seiner Hand ihn seiner Cousine zuführen? Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, Lady Katharine, daß die Gründe, welche Sie für Ihre höchst seltsame Forderung angeführt haben, eben so nichtig als Ihre Forderung unbillig ist. Sie haben meinen Charakter ganz falsch beurtheilt, wenn Sie glaubten, mich durch solche Versicherungen umstimmen zu können. In wie fern Ihr Neffe Ihre Einmischung in seine Angelegenheiten billigen wird, kann ich nicht wissen, wohl aber das Sie durchaus kein Recht haben, sich um die meinigen zu bekümmern. Deshalb muß ich Sie bitten, über diesen Gegenstand nichts weiter zu sagen.«

»Nicht so hastig, wenn es Ihnen beliebt. Ich bin noch keineswegs fertig. Zu den unzähligen Hindernissen, die ich bereits angeführt, habe ich noch einiges hinzuzufügen. Die nähern Umstände der schimpflichen Flucht Ihrer jüngsten Schwester sind mir bekannt. Ich weiß alles; auch daß die darauf erfolgte Heirath das Werk Ihres Vaters und Onkels war. Und ein solches Mädchen sollte die Schwester meines Neffen werden? Der Sohn des Verwalters seines verstorbenen Vaters sein Bruder? Himmel und Erde! Was denken Sie! Sollen die Wälder von Pemberley auf eine solche Weise befleckt werden?«

»Sie können nun nichts mehr zu sagen haben,« erwiederte Elisabeth mit kaum verhaltenen Zorn. »Sie haben mich auf alle nur erdenkliche Weise beleidigt. Ich muß bitten, ins Haus zurückkehren zu dürfen.«

Bei diesen Worten stand sie auf. Lady Katharine folgte ihrem Beispiel. Sie gingen zurück. Ihro Herrlichkeit war höchlich entrüstet.

»Sie wollen, also keine Rücksicht auf die Ehre und den Ruf meines Neffen nehmen! Gefühlloses selbstsüchtiges Geschöpf! Begreifen Sie nicht, daß eine Verbindung mit Ihnen ihn in Jedermanns Augen herabsetzen muß?«

»Lady Katharine, ich habe nichts mehr hierauf zu erwiedern. Sie kennen meine Gesinnungen.«

»Sie sind also entschlossen, ihn zu heirathen?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich bin nur entschlossen, so zu handeln, wie ich es für mein Glück am zweckmäßigsten halte, ohne Rücksicht auf
Sie, oder irgend eine andre mir so fern stehende Person zu nehmen.«

»Sehr wohl. Sie weigern sich also, sich mir gefällig zu erzeigen. Sie weigern ich, den Ansprüchen der Pflicht, Ehre und Dankbarkeit zu gehorchen. Sie sind entschlossen, ihn um die gute Meinung aller seiner Freunde zu bringen, ihn der Verachtung der Welt Preis zu geben?«

»Weder Ehre, noch Pflicht, noch Dankbars seit haben in dem vorliegenden Fall Ansprüche an mich zu machen,« entgegnete Elisabeth. »Keine derselben würde durch meine Verbindung mit Herrn Darcy beleidigt werden. Und was den Zorn seiner Familie und die Verachtung der Welt betrifft: so würde der Erstere – falls der keinen andern Grund als diese Heirath hätte – mich auch nicht einen Augenblick stören; und die Welt würde zu vernünftig sein, um in diese Geringschätzung mit einzustimmen.«

»Und ist dieß Ihre wahre Meinung! Ihr letzter Entschluß! Sehr wohl. Ich weiß nun, wie ich mich zu verhalten habe. Aber, Miß Bennet, hüten Sie sich vor dem falschen Wahn, Ihre ehrgeizigen Pläne realisirt zu sehen. Ich kam, um Sie zu prüfen; ich hatte gehofft, Sie vernünftig zu finden; aber verlassen Sie sich darauf, daß ich meinen Vorsatz ausführe.«

Auf diese Weise.sprach Lady Katharine fort, bis sie den Wagen erreicht hatte; dann wandte sie sich plötzlich zu Elisen und fügte hinzu:

»Ich nehme nicht Abschied von Ihnen, Miß Bennet. Ich sende Ihrer Mutter keine Grüsse. Sie verdienen solche Aufmerksamkeit nicht. Ich bin im höchsten Grad erzürnt.«

Elisabeth antwortete nicht, und kehrte, ohne einen Versuch zu machen, Ihro Herrlichkeit zu versöhnen, ruhig ins Haus zurück. Ihre Mutter erwartete sie mit Ungeduld in einem der untern Zimmer, um zu fragen, warum Lady Katharine nicht hereingekommen, um sich auszuruhen.

»Sie wollte nicht,« erwiederte ihre Tochter.

»Sie ist eine sehr schöne Frau! und ihr Besuch zeugt von großer Artigkeit. Sie sprach nur vor, um uns zu sagen, daß Collins und seine Frau sich wohl befinden. Ich vermuthe, sie kam auf ihrer Reise durch Meryton und beschloß Dich in Longbourn aufzusuchen. Sie hatte Dir doch nichts Besonderes mitzutheilen, Lizzy?«

Elisabeth sah sich zu einer kleinen Lüge genöthigt, da sie den Gegenstand ihrer Unterhaltung mit Lady Katharine unmöglich Preis geben konnte.

Fünfzehntes Capitel

Die Verstimmung, welche dieser außerordentliche Besuch in Elisens Gemüth zurückgelassen hatte, war nicht so leicht zu überwinden; auch konnte sie in den ersten Stunden an nichts Andres denken. Lady Katharine hatte, wie es schien, diese Reise einzig in der Absicht unternommen, ihr vermeintliches Verhältniß mit Darcy aufzuheben. Allerdings ein sehr vernünftiger Vorsatz! Doch woher konnte das Gerücht entstanden sein! Elisabeth sann lange vergebens darüber nach, bis ihr einfiel, daß Darcy als Bingley's Freund und sie als Johannens Schwester leicht zu solchen Vermuthungen Anlaß geben könnten, besonders in einer Zeit, wo eine zu erwartende Heirath, leicht auf eine zweite schließen läßt. Sie hatte selbst schon daran gedacht, daß die Verbindung ihrer Schwester Veranlassungen zu häufigerm Zusammentreffen mit Darcy geben würde. Und ihre Nachbarn in Lukas-Lodge (durch deren Berichte an Charlotte Collins Lady Katharine vermuthlich von allem so wohl unterrichtet war), konnten leicht im Voraus Schlüsse daraus gezogen haben.

Der Gedanke, daß Lady Katharine sich ferner noch in diese Angelegenheiten mischen konnte, war ihr höchst unangenehm. Nach ihren Aeußerungen zu schließen, mußte sie glauben, daß sie gesonnen sei, sich nun selbst an ihren Neffen deshalb zu wenden; und wie dieser ihre Schilderung aller der Uebel, welche seiner Verbindung mit ihr nothwendig folgen mußten, aufnehmen würde, wagte sie sich nicht auszumalen. Sie kannte den Grad seiner Zuneigung für diese Tante nicht, eben so wenig, wie weit sein Vertrauen in ihr Urtheil ging; aber es ließ sich vermuthen, daß er Ihro Herrlichkeit höher stellte, und ein größeres Gewicht auf ihre Meinung legte, als sie; und so viel war gewiß, daß eine Zergliederung der Nachtheile seiner Verbindung mit ihr ihn bei seiner schwächsten Seite fassen mußte. Alle die Gründe, welche Elisen kleinlich und lächerlich erschienen waren, enthielten, seinen Ansichten gemäß, viel Wahres und Verständiges. Wenn er also bis jetzt noch zweifelhaft gewesen wäre, mußte der Rath und die eindringlichen Vorstellungen seiner Tante jeden Zweifel heben, und ihn zu dem Entschluß bringen, alle fernern Gedanken an eine ihn so entwürdigende Verbindung aufzugeben. In diesem Fall würde er nicht wieder zurückkehren. Lady Katharine hatte ihn vermuthlich auf ihrer Durchreise in der Stadt gesehen, und ihre Beredtsamkeit mit größerm Erfolg, als bei ihr, angewendet.

»Sollte daher,« so fuhr sie in ihren Betrachtungen fort, »in einigen Tagen eine Entschuldigung seines Nichtkommens an Bingley gelangen, so weiß ich, wie es zu verstehen ist!«

Das Erstaunen der übrigen Mitglieder der Familie über Lady Katharinens Besuch war nicht minder groß, als das der Mutter. Glücklicher Weise schrieben sie ihn indeß derselben Ursache zu, die Mrß. Bennets Neugier zu stillen vermocht, und so war Elisabeth aller weitern Erklärungen darüber enthoben.

Den folgenden Morgen, als sie eben die Treppe heruntergehen wollte, trat ihr Vater mit einem offnen Brief in der Hand aus seinem Studirzimmer.

»Lizzy,« sagte er, »ich wollte Dich eben aufsuchen; komm mit mir in meine Bibliothek.«

Sie folgte ihm, und ihre Neugier, zu erfahren, was er ihr mitzutheilen haben könnte, ward noch durch den Anblick des Briefs erhöht, der nothwendig Bezug darauf haben mußte. Doch plötzlich erfaßte sie der Gedanke, daß er von Lady Katharine sein könnte, und sie sah einer Menge unangenehmen Auseinandersetzungen entgegen.

»Ich habe diesen Morgen einen Brief bekommen,« hub Herr Bennet an, »der mich außerordentlich überrascht hat. Da er Dich hauptsächlich betrifft, muß ich Dir doch wohl den Innhalt mittheilen. Ich wußte bis jetzt noch nicht, daß zwei meiner Töchter sich nächstens zu verheirathen gedächten. Laß mich Dir daher zuförderst meinen Glückwunsch zu diesem wichtigen Schritt darbringen.«

Das Blut stieg Elisen in die Wangen bei der Voraussetzung, daß der Brief vom Neffen und nicht von der Tante sein mußte; und sie wußte nicht, ob sie sich freuen, oder gekränkt fühlen sollte, daß er sich an ihren Vater, anstatt an sie selbst gewendet hatte.

»Deine Mienen lassen mich vermuthen, daß Du von der Sache unterrichtet zu sein meinst. Junge Damen haben allerdings in solchen Punkten einen großen Scharfsinn; doch möchte im gegenwärtigen Fall selbst Deine Klugheit nicht ausreichen, den Namen Deines Verehrers zu errathen. Dieser Brief ist von Herrn Collins.«

»Von Herrn Collins! Und was kann er mir zu sagen haben?«

»Etwas, was natürlich sehr zur Sache gehört. Er beginnt mit seinen Glückwünschen zu der bevorstehenden Verheirathung meiner ältesten Tochter, von welcher er wohl durch den Gevatterklatsch unsrer lieben Nachbarn in Lukas-Lodge in Kenntniß gesetzt worden ist. Doch ich will Deine Geduld nicht dadurch auf die Probe stellen, daß ich Dir alles vorlese, was er über diese Sache sagt, sondern gleich auf das Folgende, Dich Betreffende übergehen.

»Nachdem ich hierdurch meine und Mrß. Collins herzlichsten Glückwünsche zu diesem Vorhaben ausgesprochen, sei es mir erlaubt, noch einen kleinen Wink über eine Nachricht, die ich aus derselben Quelle erhalten, hinzuzufügen. Ihre Tochter Elisabeth wird, wie es heißt, nicht lange mehr den Namen Bennet führen, und der erwählte Gefährte ihres Lebens ist einer der wichtigsten und vornehmsten Männer dieses Landes.«

Kannst Du errathen, wen er meint, Lizzy?

»Dieser junge Mann ist mit allem ausgestattet, was das menschliche Herz nur immer wünscht – mit Vermögen, Rang, Schönheit und weit ausgedehnter Macht. Doch, trotz aller dieser mächtigen Versuchungen warne ich meine Cousine Elisabeth, und Sie selbst vor den üblen Folgen, welche eine zu rasche Vollziehung dieses Bündnisses nach sich ziehen möchte, und hoffe, daß Sie meinen Wink benutzen werden.«

Hast Du eine Idee, Lizzy, wer dieser Gentleman sein kann? Doch nun kommt die Hauptsache.

»Mein Grund, weshalb ich diese Warnung an Sie ergehen lasse, ist folgender: Wir haben Ursache zu vermuthen, daß seine Tante, Lady Katharine von Bourgh, diese Heirath nicht mit günstigen Augen betrachtet.«

Herr Darcy also ist der Mann! Nicht wahr, Lizzy, jetzt habe ich Dich doch in Erstaunen gesetzt? Wie ist es nur möglich, daß er oder Lukassens auf die Idee kommen konnten, Dir unter dem Kreis Deiner Bekannten einen Bräutigam auszusuchen, dessen Name allein schon hinreicht, die Lüge als Lüge zu bezeichnen? Herr Darcy, der die jungen Damen nur ansieht, um etwas an ihnen zu tadeln zu finden, und der Dich vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht angesehen hat! Es ist zu merkwürdig!«

Elisabeth bemühte sich in ihres Vaters scherzenden Ton einzugehen, konnte es jedoch nur zu einem erzwungenen Lächeln bringen. Noch nie war ihr sein Witz so peinlich gewesen.

»Belustigt Dich die Sache nicht?«

»O, ja. Bitte, lesen Sie weiter.«

»›Als ich Ihrer Herrlichkeit gestern Abend die Nachricht dieser zweiten Heirath mittheilte, äußerte sie mit ihrer gewöhnlichen Herablassung ihre Meinung darüber, aus welcher ich entnahm, daß sie, wegen einiger Familienhindernisse von Seiten meiner Cousine, nie ihre Einwilligung zu dieser, wie sie sich ausdrückte, entehrenden Verbindung zu geben gesonnen sei. Ich hielt es nun für meine Pflicht, meiner Cousine augenblicklich Kunde hiervon zu ertheilen, damit sie und ihr hoher Verehrer nicht Gefahr laufen möchten, eine Heirath zu schnell abzuschließen, die nicht von allen Theilen der Familie gebilligt worden ist. – Ich bin höchlich erfreut, daß die unangenehme Sache mit meiner Cousine Lydia so glücklich beseitigt worden, und bedauere nur, daß ihr Zusammenleben mit dem Bräutigam vor der Hochzeit so allgemein bekannt ist. Auch kann ich nicht umhin, Ihnen mein Erstaunen zu bezeigen über Ihre Schwäche, das junge Paar nach der Verheirathung in Ihrem Hause aufzunehmen. Es war dieß eine Aufmunterung des Lasters; und wäre ich Pfarrer in Longbourn gewesen, würde ich mich dagegen gestemmt haben. Es kam Ihnen als Christ zu, Ihren Kindern zu vergeben, nicht aber sie in Ihrem Hause zu sehen oder zu erlauben, daß ihre Namen in Ihrer Gegenwart genannt wurden.‹

So denkt, unser würdiger Vetter von der christlichen Vergebung! Der Rest des Briefs enthält weiter nichts, als einen Bericht über den Zustand seiner geliebten Charlotte und seiner Erwartung eines jungen Olivenzweigs. Aber, Lizzy! Du lachst nicht? Ich will nicht hoffen, daß Du Dich über das alberne Gerücht ärgerst!«

»O, nein!« entgegnete Elisabeth, »es amüsirt mich sehr. Aber es ist in der That zu sonderbar!«

»Ja, das finde ich selbst. Wenn sie dieß von einem andern Mann gesagt hätten, würde ich gar nichts darin finden; aber seine vollkommene Gleichgültigkeit und Deine bestimmte Abneigung machen das Gerücht unbeschreiblich albern! So ungern ich Briefe schreibe, möchte ich doch die Correspondenz mit unserm vortrefflichen Vetter um keinen Preis aufgeben. Nein! wenn ich einen Brief von ihm lese, kann ich nicht umhin, ihm sogar den Vorzug vor Wickham zu geben, so sehr ich auch die Unverschämtheit und Heuchelei meines Schwiegersohns zu schätzen weiß. Aber, Lizzy! was sagte Lady Katharine zu dieser Geschichte? Kam sie, um Dir ihre Einwilligung zu versagen?«

Diese Frage beantwortete die Tochter nur mit Lachen, und da sie ohne den geringsten Argwohn an sie gerichtet worden war, konnte sie sie auch ohne Verlegenheit von ihm wiederholen hören. Elisabeth hatte sich noch nie so viel Mühe gegeben, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Sie mußte lachen, wo sie weit lieber geweint hätte. Ihres Vaters Erwähnung der allgemein bekannten Gleichgültigkeit Darcy's kränkte sie tief, und sie konnte sich nur über einen solchen Mangel an Scharfblick verwundern. Er hatte zu wenig gesehen, und sie begann zu fürchten, daß sie zu viel erwartet hatte.

Sechzehntes Capitel

Anstatt einen Entschuldigungsbrief von seinem Freund zu erhalten, wie Elisabeth halb und halb gefürchtet, war Bingley nach einigen Tagen im Stande, Darcy mit nach Longbourn zu bringen. Die Herrn kamen sehr früh, und ehe Mrß. Bennet Zeit hatte, ihm von dem Besuch seiner Tante zu erzählen, was Elisabeth im Stillen gefürchtet, schlug Bingley, der sich sehnte, mit Johannen ungestört sprechen zu können, einen Spaziergang vor. Mrß. Bennet war keine sonderliche Fußgängerin, Marie konnte sich nicht von ihren Büchern trennen; aber die fünf Andern begaben sich auf den Weg.

Bingley und Johanne blieben bald langsamer zurück und so mußten denn Elisabeth und Kitty die Unterhaltung mit Darcy führen. Es ward jedoch nur sehr wenig von allen Dreien gesprochen. Kitty fürchtete sich vor ihm; Elisabeth hoffte im Stillen einen verwegenen Entschluß, und Darcy vielleicht desgleichen.

Sie gingen in die Richtung nach Lukas-Lodge, weil Kitty Marien etwas zu sagen wünschte; und da Elisabeth zur Ausführung ihres Entschlusses der Schwester Entfernung bedurfte, suchte sie sie nicht zurückzuhalten, sondern ging vielmehr ganz kühn allein mit ihm weiter. Der große Augenblick, die drückende Last von ihrem Herzen zu wälzen, war gekommen, und sie benutzte die erste Aufwallung des Muths, um zu ihm zu sagen –

»Herr Darcy, ich bin ein sehr eigennütziges Geschöpf; indem ich meinem eignen Gefühl Erleichterung zu geben suche, laufe ich Gefahr, das Ihrige zu verwunden. Ich kann nicht länger anstehen, Ihnen für Ihre beispiellose Güte gegen meine arme Schwester zu danken. Seit ich davon unterrichtet bin, habe ich mich darnach gesehnt, Ihnen meinen Dank auszudrücken. Wäre Ihr Edelmuth den übrigen Gliedern meiner Familie bekannt, würde ich nicht allein meine eigne Dankbarkeit auszusprechen haben.«

»Es ist mir sehr unangenehm,« erwiederte Darcy im Ton des Erstaunens und der innern Bewegung, »daß Sie von einer Handlung unterrichtet sind, die im falschen Licht betrachtet Ihnen vielleicht Pein verursacht hat. Ich wußte nicht, daß man sich auf Mrß. Gardiners Wort so wenig verlassen dürfte.'

»Sie müssen meine Tante nicht tadeln. Lydiens Sorglosigkeit verrieth mir zuerst, daß Sie Antheil an der Sache hatten; und hierauf konnte ich natürlich keine Ruhe finden, bis ich die genauern Umstände erfahren. Erlauben Sie mir, Ihnen von Herzen zu danken für diese edle Theilnahme, die Sie bewog, sich so vieler Unannehmlichkeiten zu unterziehen, um das flüchtige Paar zu entdecken.«

»Wenn Sie mir danken
wollen,« entgegnete er,« so thun Sie es allein. daß der Wunsch, Ihren Gram zu mildern, den übrigen Beweggründen neue Stärke verlieh, versuche ich nicht zu läugnen. Aber Ihre
Familie ist mir keinen Dank schuldig. So sehr ich sie achte und ehre, dachte ich hierbei doch nur an
Sie

Elisabeth fühlte sich zu sehr befangen, um ein Wort erwiedern zu können. Nach einer kurzen Pause fügte Darcy hinzu: »Sie sind zu edel, um mich zum Spielwerk Ihrer Laune zu machen. Wenn Ihre Gefühle noch dieselben sind, wie im April, so sagen Sie mir es freimüthig. Meine Neigung und meine Wünsche haben sich seitdem nicht verändert; aber ein Wort von Ihnen wird mir für immer Schweigen über diesen Gegenstand auflegen.«

Ueberrascht durch eine solche Wendung des Gesprächs war Elisabeth im ersten Augenblick nicht fähig, etwas darauf zu erwiedern; doch der Gedanke an die Angst und Verlegenheit seines Zustandes, gab ihr bald die verlorene Geistesgegenwart wieder, und sie gestand ihm mit hoher Schaamröthe, welch eine große Veränderung seit dieser Zeit in ihrem Herzen vorgegangen sei, und daß sie jetzt mit Freude und Dankbarkeit vernommen habe, was damals die entgegengesetzte Wirkung in ihr hervorgebracht.

Darcy's Glückseligkeit über diese Antwort, sein Entzücken, die Empfindungen seines Herzens erwiedert zu sehen, sprachen sich so deutlich aus, wie man es nie von diesem Mann erwartet hätte. Elisabeth wagte es nicht, seinem Auge zu begegnen, sonst würde sie bemerkt haben, wie wohl ihn der Ausdruck beglückter Liebe kleidete; aber obgleich sie nicht zu sehen vermochte, konnte sie doch hören, und er wußte ihr so viel von seinen Gefühlen zu sagen, daß sie ihm mit stillem Entzücken zuhörte.

Sie waren immer weiter gegangen, ohne selbst zu wissen wohin. Es gab so viel zu denken, zu empfinden und zu sagen, um Aufmerksamkeit für Nebendinge behalten zu können. Elisabeth erfuhr jetzt, daß sie die schnellere Entscheidung der Sache Lady Katharinens Bemühungen zu verdanken habe, welche wirklich auf ihrer Rückreise durch London dem Neffen den Zweck ihres Besuchs und den Inhalt ihres Gesprächs mit Elisen mitgetheilt hatte. In der Hoffnung, von ihm das Versprechen zu erhalten, welches sie zu geben verweigere, hatte Ihro Herrlichkeit ihm jeden Ausdruck wiederholt, der, wie sie glaubte, Elisens Anmaaßung und Widerspenstigkeit im abschreckendsten Licht zeigen mußte, hierdurch jedoch gerade das Gegentheil bewirkt.

»Ich schöpfte daraus die Hoffnung,« sagte er, »die ich selbst vorher kaum zu hegen gewagt. Ihr Charakter war mir hinlänglich bekannt, um zu wissen, daß wenn Sie fortwährend so unwiderruflich fest gegen mich entschieden gewesen waren, Sie es Lady Katharinen offen und unverholen gesagt haben würden.«

Elisabeth erwiederte lachend, indem ein höheres Roth ihre Wangen überflog: »Ja, Sie sind hinlänglich bekannt mit meiner Offenheit, um mich auch eines solchen Geständnisses fähig zu halten. Nachdem ich Ihnen ins Gesicht die härtesten Dinge gesagt, ließ sich wohl erwarten, daß ich keinen Anstand nehmen würde, minder aufrichtig gegen Ihre Verwandten zu sein.«

»Was sagten Sie, was ich nicht verdient hätte? Und wenn gleich Ihre Beschuldigungen ungegründet, auf Irrthümern beruhend waren, hatte mein Benehmen gegen Sie doch den strengsten Tadel verdient. Es war unverzeihlich. Ich kann nicht ohne Entsetzen daran denken.«

»Wir wollen uns nicht darüber streiten, wessen Betragen an jenem Abend tadelnswerther war,« sagte Elisabeth. »Doch hoffe ich, daß wir Beide seitdem an Höflichkeit zugenommen haben.«

»Ich kann mich nicht so leicht mit mir selbst aussöhnen. Die Erinnerung dessen, was ich gesagt und
wie ich es gesagt, hat mir mehrere Monate große Pein verursacht. Nimmer werde ich Ihren so wohlverdienten Vorwurf vergessen: ›hätten Sie sich auf eine geziemendere Weise dabei benommen.‹ Dieß waren Ihre Worte. Sie wissen nicht, Sie können es nicht begreifen, wie sie mich gequält haben; – obgleich erst einige Zeit verstrich, bis ich vernünftig genug war, einzusehen, wie sehr Sie Recht hatten, so zu sprechen.«

»Ich war allerdings weit davon entfernt, meinen Worten einen solchen Eindruck auf Sie zuzuschreiben; es fiel mir nicht ein, daß Sie sie so aufnehmen würden.«

»Ich kann es begreifen. Sie hielten mich damals eines solchen Gefühls nicht fähig. Ich werde den Ausdruck Ihrer Züge nie vergessen, als Sie mir sagten, daß Sie meinen Antrag, auch wenn er auf eine andre Weise gemacht worden wäre, nimmermehr angenommen haben würden.«

»O, wiederholen Sie nicht, was ich damals sagte. Solche Erinnerungen sind nicht wohlthätig. Ich gestehe offen, daß ich mich meiner Worte schon oft und recht herzlich geschämt habe.«

Darcy erwähnte seines Briefs. »Brachte er
bald eine bessere Meinung von mir in Ihnen hervor? Würdigten Sie seinem Innhalt Glauben?!«

Sie erzählte, welchen Eindruck er auf sie gemacht, und wie er nach und nach ihre frühern Vorurtheile überwunden.

»Ich wußte, sagte er, »daß das, was ich schrieb, Ihnen Schmerz verursachen würde; aber es war nothwendig. Ich hoffe, Sie haben den Brief verbrannt. Er enthielt zum Eingang eine Stelle, die ich nicht gern noch ein Mal von Ihnen gelesen wüßte. Ich erinnere mich noch einiger Ausdrücke, die mich Ihres Hasses würdig machen könnten.«

»Der Brief soll augenblicklich verbrannt werden, wenn Sie es zur Erhaltung meiner Achtung für nöthig erklären; aber ich glaube nicht, daß irgend ein Ausdruck darin im Stande ist, meinen jetzigen festen Glauben an Sie zu erschüttern.«

»Ich hielt mich für vollkommen ruhig und kalt, als ich diesen Brief schrieb, doch ist es mir später klar geworden, daß ich mich während des Schreibens in einer sehr bittern Stimmung befand.«

»Der Anfang war bitter, das Ende aber nicht. Das Lebewohl ist die Milde selbst. Doch denken Sie nicht mehr an den Brief. Die Gefühle des Schreibers und der Empfängerin haben sich seitdem so gänzlich verändert, daß jeder unangenehme Umstand dabei von beiden Seiten vergessen werden muß. Sie sollen meine Philosophie kennen lernen. Ich halte es für das Beste, nur an diejenigen Erinnerungen zu denken, die uns Freude gewähren.«

»Ich kann solcher Philosophie keinen Glauben beimessen: Ihre Rückblicke sind so frei von jeder Art von Vorwurf, daß sie Ihnen auch ohne Philosophie Freude gewähren können. Aber dieß ist bei mir nicht der Fall. Es drängen sich mir fortwährend schmerzliche Erinnerungen auf, die nicht zurückgedrängt werden können und sollen. Ich bin von frühester Jugend an ein eigennütziges Geschöpf gewesen, das heißt im Punkt der Ausübung, nicht der Grundlage. Als Kind ward mir gelehrt, was
Recht sei, aber nicht wie ich meine Launen beherrschen könne. Ich erhielt gute Grundsätze, ward aber nicht gehindert, meinen Stolz zu zeigen; als einziger Sohn (mehrere Jahr sogar einziges Kind) ward ich von meinen Eltern, besonders von meinem Vater auf eine unglaubliche Weise verzogen. Mir wurde nicht allein alles gestattet, sondern ich wurde sogar aufgemuntert, selbstsüchtig und übermüthig zu sein, mich um niemanden, außer dem Familienkreis zu bekümmern, gering von der ganzen übrigen Welt zu denken, und fremder Menschen Werth im Vergleich mit dem meinigen für unbedeutend zu halten. So war ich vom achten bis zum acht und zwanzigsten Jahre; und so würde ich noch sein, wenn ich Sie, meine theure, geliebte Elisabeth, nicht kennen gelernt hätte! Was verdanke ich Ihnen alles! Sie gaben mir eine sehr harte aber heilbringende Lehre! Durch Sie ward ich auf eine Weise gedemüthigt, wie ich es früher nie für möglich gehalten. Ich kam zu Ihnen, ohne den leisesten Zweifel eine günstige Aufnahme zu finden. Sie zeigten mir, wie unzulänglich meine Ansprüche auf die Liebe eines wahrhaft achtungswerthen Mädchens waren.«

»Hatten Sie denn wirklich geglaubt, mit zu gefallen?!«

»Allerdings. Was werden Sie von meiner Eitelkeit denken, wenn ich Ihnen sage, daß ich sogar glaubte, Sie wünschten und erwarteten meinen Antrag.«

»So muß mein Benehmen fehlerhaft gewesen sein. Denn ich kann mit gutem Gewissen versichern, daß es nie meine Absicht war, Sie zu hintergehen; doch meine Lebhaftigkeit führt mich oft irre. Wie müssen Sie mich gehaßt haben nach der Erklärung dieses verhängnißvollen Abends?«

»Gehaßt! Nein, ich war anfänglich wohl erzürnt; aber mein Unmuth lößte sich bald in ein besseres Gefühl auf.«

»Fast fürchte ich mich zu fragen, was Sie von mir dachten, als wir uns in Pemberley begegneten. Sie tadelten mich gewiß?«

»Nein, ich empfand nichts als Erstaunen.«

»Ihr Erstaunen konnte nicht größer sein als das meinige, von Ihnen bemerkt zu werden. Mein Gewissen sagte mir, daß ich keine außerordentliche Höflichkeit von Ihnen erwarten dürfte; und ich gestehe, daß ich auch auf nichts mehr gefaßt war, als was mir zukam.«

»Es war meine Absicht,« entgegnete Darcy, »Ihnen durch alle mir zu Gebote stehende Artigkeit zu beweisen, daß ich nicht niedrig genug dachte, Sie für das Vorgefallene bestrafen zu wollen. Ich hoffte Ihre Vergebung zu erhalten und Ihre falsche Meinung von mir zu berichtigen, indem ich Ihnen zeigte, daß Ihre Vorwürfe gewirkt hatten. Wie bald dieser bescheidene Wunsch durch einen andern, lauter sprechenden verdrängt wurde, kann ich nicht genau bestimmen; doch glaube ich, daß hierzu nur eine halbe Stunde nöthig war.«

Er erzählte ihr nun von Georginens Freude über ihre Bekanntschaft, und wie sie sich betrübt hätte, durch ihre plötzliche Abreise um die Fortsetzung derselben gebracht worden zu sein. Bei Erwähnung der Umstände, die sie zu dem schnellen Aufbruch vermocht, erfuhr sie, daß sein Entschluß, ihr nachzufolgen, um ihre Schwester aufzusuchen, schon im Wirthshause gefaßt worden sei, woraus der ungewöhnliche Ernst und das tiefe Nachdenken entstanden, worin er sie verlassen.

Elisabeth wiederholte nochmals und mit verdoppelter Herzlichkeit ihren Dank für alles, was er an Lydien gethan; doch war dieß ein zu unangenehmes Capitel, um lange dabei verweilen zu können.

Nachdem sie mehrere Stunden die Kreuz und Quere gegangen waren, erinnerte sie die Uhr an die Rückkehr.

»Was ist aus Bingley und Johannen geworden?« Diese Frage führte sie zu deren Angelegenheiten zurück. Darcy war erfreut über seines Freundes Glück, wovon dieser ihm sogleich Nachricht gegeben.

»Darf ich fragen, ob Sie sich darüber verwundert haben?«

»Ganz und gar nicht. Als ich fortging, wußte ich, daß es so kommen würde.«

»Das heißt, Sie gaben Ihre Erlaubniß dazu. Ich vermuthete es fast.«

»Wenn auch das nicht,« erwiederte Darcy lachend, »so beförderte, ich seine Erklärung doch durch ein Geständniß, welches ich ihm am Abend vor meiner Abreise ablegte. Ich erzählte ihm freimüthig, was ich früher gesagt und gethan, um diese Verbindung zu verhindern. Er war erstaunt. Sein argloses Herz hatte keine Ahnung davon gehabt. Ich bekannte ihm ferner, daß ich mich hinsichtlich der vermeintlichen Gleichgültigkeit Ihrer Schwester geirrt hätte, und da ich deutlich sah, daß sein Gefühl für sie noch dasselbe war, zweifelte ich nicht, daß sie glücklich werden würden.«

Elisabeth mußte lächeln über die Leichtigkeit, womit er seines Freundes Handlungen leitete.

»Führten Sie als Beweis der Liebe meiner Schwester Ihre eignen Beobachtungen an, oder beriefen Sie sich auf das, was Sie im Frühjahr von mir erfahren hatten?«

»Es bedurfte hierzu nur meiner eignen Beobachtungen. Nachdem ich Ihre Schwester nach Bingley's Zurückkunft einige Mal mit ihm zusammen gesehen und sie genauer beobachtet hatte, war ich von der Aufrichtigkeit ihrer Neigung vollkommen überzeugt.«

»Und diese Ihre Ueberzeugung war auch hinreichend, Ihrem Freund Gewißheit zu geben?«

»Ja. Bingley ist von einer seltenen Bescheidenheit. Sein Mißtrauen in sich selbst gestattete ihm nicht, in einer so wichtigen Sache seinem eignen Urtheil zu vertrauen; aber seine Zuversicht zu mir entschied die Sache schnell. Ich sah mich genöthigt, ihm etwas zu gestehen, was ihn anfänglich, und mit Recht gegen mich erbitterte. Ich sagte ihm nämlich, daß Ihre Schwester vorigen Winter drei Monate in der Stadt gewesen sei, daß ich es gewußt, es ihm aber absichtlich verschwiegen habe. Er war sehr böse; doch dauerte dieser Zorn nicht länger, als bis er sich selbst von den Gesinnungen Ihrer Schwester überzeugt hatte. Jetzt ist alles vergeben.«

Elisabeth hätte ihm gern gesagt, daß Bingley einen vortrefflichen Freund in ihm besäße, dessen Gunst man zu erwerben suchen müsse, um bei diesem etwas auszurichten. Aber sie bezwang ihren Spott und schwieg. Sie wußte, daß er es nicht liebte, ausgelacht zu werden, und so wollte sie nicht zu früh damit anfangen. Bingley und Johannens Glück diente ihnen zum Gegenstand des Gespräche, bis sie das Haus erreichten. Auf dem Vorsaal trennten sie sich.

Siebzehntes Capitel

»Liebste Lizzy, wohin hat Dich Dein Spaziergang geführt?«. Mit dieser Frage ward sie von Johannen beim Eintritt in das Zimmer empfangen, und mußte sie bei Tische von jedem einzelnen Familienglied wiederholen hören. Sie erwiederte erröthend, daß sie in Gedanken immer weiter gegangen wären, ohne sich nach den Zurückbleibenden umzusehen. Doch weder diese Antwort noch das erhöhte Colorit erregten bei irgend jemand einen Verdacht der Wahrheit.

Der Abend verstrich ruhig, ohne sich durch etwas Außerordentliches auszuzeichnen. Die anerkannten Liebesleute schwatzten und lachten; die geheimer schwiegen. Es lag nicht in Darcy's Natur, die innere Glückseligkeit durch laute Fröhlichkeit auszudrücken; und Elisabeth, bewegt und verwirrt, fühlte ihr Glück durch manche kleine Besorgnisse gestört. Sie sah im Voraus, welche Verwundrung die Bekanntmachung ihres Verhältnisses in der Familie hervorbringen würde; sie wußte, daß nur Johanne ihn leiden mochte, und fürchtete, daß selbst sein bedeutendes Vermögen und sein Rang nicht hinreichend sein mochten, die Abneigung der übrigen Familienglieder zu überwiegen.

Um Abend, als sie sich allein mit ihrer ältesten Schwester befand, eröffnete sie dieser ihr Herz. Doch so geneigt Johanne sonst auch was alles zu glauben, so ungläubig bewies sie sich bei dieser Nachricht.

»Lizzy! Du scherzest. Es kann nicht möglich sein! Versprochen mit Darcy! – Nein, so leicht lasse ich mich nicht anführen. Ich weiß, daß es unmöglich ist.«

»Beim Himmel! das ist ein trostloser Anfang! Meine ganze Hoffnung beruhte auf Dir; und ich bin überzeugt, wenn Du mir nicht glaubst, wird es kein andrer Mensch thun. Liebe Johanne, ich bin vollkommen ernsthaft, und spreche nichts als lautere Wahrheit. Er liebt mich immer noch, und wir sind versprochen.«

Johanne sah sie zweifelhaft an, »O, Lizzy! es kann nicht sein. Ich weiß, wie fatal er Dir ist.«

»Du weißt nichts von der Sache.
Das ist alles längst vergessen. Ich habe ihn vielleicht nicht immer so geliebt, wie ich es jetzt thue; aber bei solchen Gelegenheiten ist ein gutes Gedächtniß unerträglich. Dieß ist das lebte Mal, daß ich selbst daran denke.«

Miß Bennet konnte sich von ihrem Erstaunen nicht erholen. Elisabeth versichert ihr wiederholt und mit vielem Ernst, daß sie die Wahrheit gesagt habe.

»Guter Gott! ist dem wirklich so? Ja, nun muß ich Dir wohl glauben. Liebste, liebste Lizzy! Ich wollte – ich wünsche Dir Glück – aber bist Du auch gewiß? verzeih die Frage – bist Du auch ganz gewiß, glücklich mit ihm zu werden?«

»Daran ist kein Zweifel. Wir sind fest überzeugt, daß es kein glücklicheres Paar in der Welt giebt. Aber freust Du Dich nicht, Johanne? Ist er Dir als Bruder lieb?«

»Sehr, recht sehr. Nichts könnte Bingley'n und mir größere Freude machen. Aber wir betrachteten es als eine Unmöglichkeit. Und liebst Du ihn auch wirklich? O, Lizzy, nur nicht ohne Neigung geheirathet. Bist Du gewiß für ihn zu fühlen, was Du fühlen mußt?«

»O, ja! Wenn ich Dir alles erzählt habe, wirst Du fürchten, daß ich
mehr fühle, als ich sollte.«

»Wie meinst Du das?«

»Je, nun! ich muß gestehen, daß er mir noch weit lieber ist, als Bingley. Nimm es ja nicht übel.«

Nochmals mußte Johanne ihre Schwester bitten, ernsthaft zu sein, und so erhielt sie denn endlich die feierliche Versicherung ihrer Liebe, die jeden Zweifel lößte.

»Nun bin ich ganz glücklich,« sagte Johanne, »denn nun weiß ich, daß Du eben so glücklich werden wirst, wie ich. Ich schätzte ihn immer und schon seine Liebe zu Dir gab ihm in meinen Augen Werth; doch jetzt als Bingley's Freund und Dein Verlobter können nur Bingley und Du selbst mir lieber sein als er. Aber Lizzy, Du bist sehr verschlossen gegen mich gewesen. Wie wenig hast Du mir von dem erzählt, was sich in Pemberley und Lambton zugetragen! Alles, was ich davon weiß, verdanke ich einer andern Quelle.«

Elisabeth sagte ihr die Gründe ihres Schweigens. Sie hatte angestanden, Bingley's Namen zu erwähnen; und bei dem schwankenden Zustand ihrer eignen Gefühle war es ihr eben so unangenehm gewesen, von seinem Freund zu sprechen. Jetzt aber theilte sie ihr auch Darcy's Antheil an Lydiens Heirath mit. Alles ward erzählt und die halbe Nacht im Gespräch zugebracht.

»Gütiger Himmel!« rief Mrß. Bennet, als sie am andern Morgen am Fenster stand und Darcy mit seinem Freund ankommen sah, was kann dieser unangenehme Mann hier nur immer zu thun haben? Ich hoffte, er würde auf die Jagd gehen oder sich die Zeit auf eine andre Art zu vertreiben suchen, ohne uns mit seiner langweiligen Gesellschaft zu belästigen. Was sollen wir mit ihm anfangen? Lizzy, Du mußt wieder mit ihm spazieren gehen, damit er nur unserm lieben Bingley nicht im Wege ist.«

Elisabeth konnte nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken bei diesem gelegenen Vorschlag; doch that es ihr zugleich auch weh, daß ihre Mutter seinen Namen nicht ohne einen beleidigenden Zusatz auszusprechen vermochte.

Bingley's vielsagende Blicke und sein herzlicher Händedruck überzeugten sie bald, daß er von allem unterrichtet war; und er sagte bald darauf zu Mrß. Bennet: »Giebt es nicht noch mehr Spaziergänge in der Gegend von Longbourn in welche sich Lizzy heute verirren könnte?«

»Ich rathe Herrn Darcy mit Lizzy und Kitty heute morgen den Berg bei Oakham zu besteigen. Es ist ein angenehmer Weg dahin, und Herr Darcy kennt die Aussicht noch nicht.«

»Das möchte für die Andern wohl gut sein,« erwiederte Bingley; »aber ich fürchte, der Weg ist zu weit für Kitty. Was meinen Sie, Kitty?«

Diese gestand, daß sie lieber zu Hause bliebe. Darcy äußerte großes Verlangen, die Aussicht auf dem Berg zu sehen und Elisabeth willigte schweigend ein. Als sie hinauf ging, ihre Sachen zu holen, folgte ihr Mrß. Bennet und sagte:

»Es thut mir leid, daß Du immer gezwungen bist, Dich mit diesem unangenehmen Mann zu unterhalten; aber da es Johannens wegen geschieht, wirst Du es hoffentlich gern thun. Auch hast Du ja nicht nöthig, viel mit ihm zu sprechen, nur dann und wann ein Paar Worte; das ist schon genug.«

Auf dem Spaziergang ward abgemacht, das Darcy noch an diesem Tage dem Vater seine Wünsche vortragen sollte; das Geschäfft, die Mutter von dem Vorgefallenen zu unterrichten, behielt sich Elisabeth vor. Sie wußte nicht, wie sie solche Nachricht aufnehmen würde, und ob sein Reichthum und Rang ihren Widerwillen gegen den Besitzer aufzuheben im Stande sein würden. Doch sowohl ihre Abneigung gegen diese Verbindung als ihre Freude darüber waren in ihrer gewöhnlichen Manier zu erwarten; und diese, wenigstens den ersten Ausbruch derselben, wünschte sie dem Geliebten zu ersparen.

Nachmittags, bald nachdem Herr Bennet sich in seine Studirstube zurückgezogen, sah Elisabeth ihren Freund aufstehen und ihm folgen. Ihr Herz schlug hörbar; sie befürchtete keinen Widerstand von Seiten ihres Vaters; aber sie wußte, daß ihn diese Nachricht unglücklich machen würde. Und daß
sie, sein liebstes Kind, ihn durch ihre Wahl betrüben, ihn mit Sorge und Kummer erfüllen sollte, war ihr ein sehr peinlicher Gedanke, und sie saß in ängstlicher Erwartung, bis sie ihn mit einem heitern Blick wieder eintreten sah. Nach einigen Minuten näherte er sich dem Tisch, an welchem sie mit Kitty saß; und unter dem Vorwand, ihre Arbeit zu bewundern, neigte er sich zu ihr herab, und flüsterte ihr zu: »Gehen Sie sogleich zu Ihrem Vater; er erwartet Sie in der Bibliothek.« Sie ging.

Ihr Vater maaß das Zimmer mit großen Schritten; seine Mienen waren ernst und sorgenvoll. – »Lizzy,« sagte er, »Was hast Du gethan? Bist Du von Sinnen, die Anträge dieses Mannes anzunehmen? Hast Du ihn nicht immer gehaßt?«

Wie bereute sie es jetzt, ihre Meinung so unüberlegt ausgesprochen, ihre Ausdrücke so wenig gemäßigt zu haben! Eine größere Vorsicht hätte ihr nun Erklärungen und Geständnisse erspart, die ihr sehr schwer wurden; sie waren jedoch nothwendig, und so versicherte sie ihrem Vater mit einiger Verwirrung, daß sie Herrn Darcy liebe.

»Oder, mit andern Worten, daß Du entschlossen bist ihn zu heirathen. Er ist reich; Du wirst in Zukunft schönere Kleider und glänzendere Equipagen haben wie Johanne. Aber ist das hinreichend zum Glück?«

»Haben Sie, außer dem Glauben an meine Gleichgültigkeit, noch irgend etwas Andres gegen diese Verbindung einzuwenden?« fragte Elisabeth.

»Ganz und gar nichts. Wir kennen ihn Alle als einen stolzen, unangenehmen Mann; aber dieß würde nichts zu bedeuten haben, wenn Du ihn wirklich liebtest.«

»Ich liebe ihn, ich liebe ihn von ganzem Herzen,« erwiederte Elisabeth mit Thränen. »Ich liebe ihn unbeschreiblich. Er ist es werth, geliebt zu sein. Sein Stolz ist edler Art. Sie kennen ihn nicht, wie ich ihn kenne; darum bitte ich Sie, mich nicht durch solche Aeußerungen über ihn zu kränken.«

»Lizzy« sagte ihr Vater, »ich habe ihm meine Einwilligung gegeben. Er ist nicht der Mann, dem ich etwas abzuschlagen wage, was er von mir zu bitten sich herabläßt. Ich überlasse Dir die Entscheidung, rathe Dir aber, alles wohl zu überlegen. Ich kenne Dich, Lizzy: ich weiß, daß Du nicht wahrhaft glücklich werden kannst, wenn Du Deinen Mann nicht achtest, an ihn nicht heraufblickst wie an einem höhern Wesen. Deine Lebhaftigkeit wird Dich in die größten Gefahren bringen, Du wirst, Du mußt unglücklich werden. Erspare mir den Gram, Dich einen Lebensgefährten wählen zu sehen, den Du nicht achten kannst. Du weißt nicht, was Du thust.«

Elisabeth war erschüttert. Die Liebe ihres Vaters, seine Sorge für ihr zukünftiges Glück rührten sie. Mit dem Ernst der Wahrheit wiederholte sie die Versicherung ihrer Liebe, und erzählte ihm, daß dieses Gefühl von seiner Seite nicht das Werk eines Tages, sondern mehrerer Monate sei, und daß ihre Gesinnungen sich gradweis geändert, bis sie endlich jetzt zur innigen Neigung geworden. Sie zählte alle seine guten Eigenschaften auf, rühmte seinen Edelmuth, pries seine geistigen Vorzüge und wußte des Vaters Ungläubigkeit zuletzt in so weit zu besiegen, daß er sich mit dem Gedanken dieser Verbindung aussöhnte.

»Gut, liebes Kind,« erwiederte er, nachdem sie geendet, »ich habe nichts mehr zu sagen. Wenn er wirklich so ist, wie Du ihn schilderst, ist er Deiner werth. Ich hätte mich nicht von Dir trennen können, wenn von mir verlangt worden wäre, Dich unwürdigen Händen zu übergeben.«

Um den günstigen Eindruck, den ihre Schilderung seiner Vorzüge, auf ihn hervorgebracht, bleibend zu machen, erzählte Elisabeth jetzt, was Darcy aus freiem Antrieb für Lydien gethan. Bennet vernahm es mit Erstaunen.

»Das ist ein Tag der Wunder,« sagte er. »Also Darcy that dieß alles; er nöthigte Wickham, sie zu heirathen, gab ihm Geld, bezahlte seine Schulden und verschaffte ihm die Officiersstelle! Nun, desto besser. Diese Nachricht erspart mir viel Sorge und Einschränkung. Hätte Dein Onkel alles gethan, würde ich ihn, und wenn es mir auch noch so schwer geworden, bezahlt haben; aber solche leidenschaftliche junge Liebhaber gehen immer ihren eignen Weg. Ich werde ihm morgen anbieten, seine Auslagen zu erstatten; er wird dagegen eifern, auch wohl etwas stürmen und versichern, aus Liebe für Dich noch weit mehr thun zu wollen, und damit ist die Sache abgemacht.«

Er erinnerte sich jetzt ihrer Verlegenheit, als er ihr vor einigen Tagen Collins Brief vorgelesen; und nachdem er sie etwas darüber ausgelacht, gestattete er ihr, zur Gesellschaft zurückzukehren, rief ihr aber in der Thür noch zu: »Wenn irgend ein junger Mann Verlangen nach Kitty oder Marien haben sollte, so schick ihn nur herauf; ich fühle mich heute aufgelegt, dergleichen Geschäffte abzumachen.«

Elisabeths Herz war einer schweren Sorge entnommen; und nachdem sie eine halbe Stunde in ruhiger Ueberlegung in der Einsamkeit ihres Zimmers zugebracht hatte, glaubte sie die nöthige Fassung errungen zu haben, um wieder zu der Familie zurückkehren zu können.

Am Abend, als ihre Mutter hinauf in ihr Schlafzimmer ging, begleitete sie sie, um ihr zu verkünden, was sich in den letzten Tagen zugetragen. Der Eindruck, den diese Nachricht auf Muß. Bennet machte, ist durch Worte nicht zu schildern. Sie saß mehrere Minuten ganz still, unfähig das Gehörte zu glauben und etwas darauf zu erwiedern. Als aber Elisabeth ihren Bericht wiederholte, begann sie den Gebrauch ihrer Sinne wieder zu erhalten. Sie rückte auf ihrem Stuhl hin und her, stand auf, setzte sich wieder, verwunderte sich und rief aus:

»Gütiger Himmel! Gott steh mir bei! Bedenke nur! Herr Darcy! Wer hatte das gedacht! Und ist es denn wirklich wahr? Lizzy, mein liebstes Kind! Wie reich und vornehm wirst Du werden! Welch ein Nadelgeld, was für Juwelen, wie viel Equipagen wirst Du haben! Johanne ist nichts, im Vergleich mit Dir – gar nichts! Ich bin so erfreut, so glücklich. Und welch ein allerliebster Mann! – so hübsch, so schlank! – theure Lizzy! entschuldige mich bei ihm, daß ich ihn früher nicht ausstehen konnte. Ich hoffe, er hat es nicht bemerkt. Liebste liebste Lizzy! Ein Haus in der Stadt. Alles was Dein Herz begehrt. – Drei Töchter verheirathet! Zehntausend des Jahrs! O, Gott! wie glücklich bin ich! Was wird aus mir werden! Ich komme von Sinnen.«

Diese Beweise ihrer Zustimmung waren Elisen hinreichend, und sie freute sich, daß keine andern Zeugen bei ihren Ausbrüchen der Freude zugegen gewesen waren. Sie verließ ihre Mutter, hatte aber kaum ihr eignes Schlafzimmer erreicht, als Mrß. Bennet ihr dorthin nachfolgte.

»Liebstes Kind,« rief sie. »Ich kann an nichts Andres denken. Zehntausend des Jahrs! So viel hat mancher Lord nicht! Aber ich wollte Dich nur fragen, welches Gericht Darcy am Liebsten ißt, damit ich es ihm morgen Mittag vorsetzen kann.«

Dieß war ein böses Omen für den folgenden Tag; sie fürchtete ihrer Mutter Zudringlichkeit, und fühlte, daß der Besitz seiner Liebe sie nicht vor andern Besorgnissen zu schützen vermochte. Doch es ging alles besser, als sie erwartet hatte. Mrß. Bennet empfand glücklicher Weise einen solchen Respekt vor ihrem zukünftigen Schwiegersohn, daß sie nicht wagte, das Wort an ihn zu richten, außer um ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen oder seiner ausgesprochenen Meinung beizustimmen.

Elisabeth hatte die große Freude zu bemerken, daß ihr Vater sich noch um Darcy's genauere Bekanntschaft bemühte, und ihr bald versicherte, daß er täglich in seiner Achtung stiege.

Ich verehre meine sämmtlichen Schwiegersöhne,« sagte er. »Wickham ist vielleicht mein Liebling; aber ich kann Dir zu Deiner Beruhigung sagen, daß mir Dein Auserwählter eben so gut gefällt als Johannens.«

Achtzehntes Capitel

Elisabeth fühlte ich jetzt aller Sorgen frei, und ihre heitre Laune, zuweilen mit etwas Muthwillen untermischt, kehrte im vollsten Maaße zurück. In einer solchen Anwandlung fragte sie Darcy einst, ›wie er nur darauf gefallen sei, sich in sie zu verlieben?‹ »Ich kann wohl begreifen, daß Sie Ihren Weg ruhig fortgegangen, nachdem Sie erst den Anfang gemacht. Aber
wenn und
wo dieß geschehen, möchte ich gern wissen?«

»Ich kann nicht genau sagen, in welcher Stunde, an welchem Ort, durch welchen Blick oder durch welches Wort der erste Grund zu meiner Liebe gelegt wurde. Es ist zu lange her. Ich war mitten drin, ehe ich wußte, daß ich angefangen hatte.«

»Meiner Schönheit lernten Sie sehr bald widerstehen, und was mein Benehmen betrifft – so war meine Art, mich gegen Sie zu betragen, fast unhöflich zu nennen, indem ich beinahe immer nur in der Absicht, Ihnen etwas Unangenehmes zu sagen, mit Ihnen sprach. Seien Sie ein Mal aufrichtig; liebten Sie mich wegen meiner Impertinenz?!

»Die Lebhaftigkeit Ihres Geistes zog mich an.«

»Nennen Sie sie nur bei dem rechten Namen; sie war nichts mehr und nichts weniger als Impertinenz. Aber ich glaube, Sie waren es überdrüssig, immer auf Höflichkeit, Ehrerbietung und geflissentliche Aufmerksamkeit zu stoßen; es machte Ihnen Langeweile, daß die Damen durch Worte und Blicke nach Ihrem Beifall strebten. Ich interessirte Sie, weil ich so ganz anders war. Wären Sie nicht wirklich so liebenswürdig gewesen, so hätten Sie mich deshalb hassen müssen; aber trotz Ihrer Bemühung, sich zu verstellen, waren Ihre Gefühle dennoch edel und gerecht, und im Herzen verachteten Sie die Menschen, welche sich so viel Mühe gaben, Ihnen den Hof zu machen. Nicht wahr, ich habe Ihre Gesinnungen errathen? und genau überlegt, finde ich Ihr Betragen sehr vernünftig und lobenswerth. Aber von mir können Sie doch eigentlich auch nichts Gutes wissen – indeß daran denkt niemand, wenn er im Begriff steht, sich zu verlieben.«

»War Ihr liebevolles Benehmen gegen Johannen, als sie krank in Netherfield wurde, nicht gut zu nennen?«

»Ach, meine theure Johanne! wer hätte weniger für sie thun können? Doch machen Sie immerhin eine Tugend daraus. Ich empfehle meine guten Eigenschaften ihrem Schutz, und Sie dürfen sie übertreiben, so viel Sie Lust haben. Dagegen behalte ich mir vor, Sie zu necken und gelegentlich ein Bischen zu quälen, und fange gleich mit der Frage an, warum Sie so feierlich und schweigsam waren bei Ihrem ersten Besuch, so wie nachher, als Sie mit Bingley hier aßen. Weshalb wichen Sie mir aus, und thaten, als ob ich Ihnen gang gleichgültig wäre?«

»Weil Sie so still und ernsthaft waren, und mir gar keine Aufmuntrung gaben.«

»Ich war verlegen.«

»Ich nicht minder.«

»Sie hätten mehr mit mir sprechen können, als Sie den Mittag da waren.«

»Wer viel fühlt, kann nicht viel reden.«

»Aber sagen Sie mir, weshalb Sie eigentlich nach Netherfield kamen? um nach Longbourn zu reiten und verlegen zu sein? oder hatten Sie hierzu noch andre Gründe?«

»Mein
wahrer Grund war, Sie zu sehen und zu prüfen, ob ich hoffen dürfte, noch einst von Ihnen geliebt zu werden. Der vorgebliche Grund, den ich mir auch selbst vorgespiegelt, war zu untersuchen, ob Johanne meinem Freund Bingley noch geneigt sei, in welchem Fall ich beschlossen hatte, ihm das Geständniß abzulegen, was auch späterhin erfolgte. Ihr Dank für das, was ich an Lydien gethan, gab mir die langersehnte Gelegenheit, mein Herz auszusprechen. Lady Katharinens unverantwortliches Bestreben, uns zu trennen, hatte von Neuem Hoffnungen in mir erregt, und ich war entschlossen, mein Schicksal aus Ihrem Munde zu vernehmen.«

»Lady Katharine ist uns hierbei sehr nützlich gewesen, welche Ueberzeugung sie ohne Zweifel glücklich machen wird, da sie so gern nützlich ist. Werden Sie je den nöthigen Muth erringen, ihr zu verkünden, was ihr bevorsteht?«

»Es fehlt mir hierzu mehr an Zeit, wie an Muth. Doch es muß geschehen, und wenn Sie mir einen Bogen Papier geben wollen, soll es augenblicklich geschehen.«

»Und wenn ich nicht selbst einen Brief zu schreiben hätte, würde ich mich neben Sie setzen und die Zierlichkeit Ihrer Handschrift bewundern, wie es einst eine andre junge Dame gethan. Aber ich habe auch eine Tante, die nicht länger vernachlässigt werden darf.«

Nicht geneigt, Mrß. Gardiner zu gestehen, daß sie ihr einen zu großen Einfluß auf Darcy's Handlungen zugetraut, hatte Elisabeth deren langen Brief bis jetzt noch gar nicht beantwortet; doch nun, da sie ihr eine so willkommene Bothschaft mitzutheilen hatte, stand sie keinen Augenblick länger an, und schämte sich fast, drei glückliche Tage verstreichen lassen zu haben, ohne zu schreiben.

»Es wäre schon früher meine Schuldigkeit gewesen, liebste Tante,« – so schrieb sie – »Ihnen für Ihren lieben, langen, ausführlichen Brief zu danken; aber die Wahrheit zu gestehen, fühlte ich mich zu wenig dazu aufgelegt. Sie vermutheten mehr als wirklich der Fall war. Doch
nun lassen Sie Ihrer Fantasie freien Spielraum, vermuthen Sie so viel es nur irgend möglich ist, und Sie können nur dann irren, wenn Sie mich schon verheirathet glauben. Sie müssen bald wieder schreiben, und ihn noch etwas mehr loben, wie in Ihrem frühern Brief. Wie dankbar bin ich Ihnen für die Abkürzung Ihrer Reise! Ich thörichtes Geschöpf betrübte mich damals darüber, und doch war sie allein Schuld, daß wir nach Pemberley kamen. Ihr Wunsch, in einem zierlichen Phaeton mit zwei raschen Pferdchen um den Park herumzufahren, soll erfüllt werden. Wir wollen alle Tage in dem Park herumstreifen. Ich bin das glücklichste Geschöpf auf der Welt. Viel Menschen mögen vielleicht gleich mir schon so gesagt haben; doch gewiß nicht mit so viel Recht. Ich bin sogar glücklicher wie Johanne; sie lächelt nur, ich lache. Darcy sagt Ihnen so viel Liebes und Freundliches, als ich entbehren kann. Sie müssen sämmtlich nächste Weihnachten nach Pemberley kommen.

Ihre glückliche

Elisabeth Bennet.«

Darcy's Brief an Lady Katharine lautete anders, und noch verschiedener war der, der Bennet in Erwiedrung auf seines Vetters Collins Warnung nach Hunsford abgehen ließ.

»Verehrter Freund!

Ich muß noch einmal Ihre Glückwünsche in Anspruch nehmen. Elisabeth wird nächstens Mrß. Darcy sein. Trösten Sie Lady Katharine so gut Sie können. Wäre ich jedoch an Ihrer Stelle, würde ich mich auf die Seite des Neffen schlagen. Er hat mehr zu vergeben.

Ihr aufrichtiger Freund

Bennet.«

Miß Bingley unterließ nicht, Ihrem Bruder die zärtlichsten, jedoch nicht vom Herzen kommenden Glückwünsche zu seiner bevorstehenden Verbindung zu schreiben. Auch Johanne erhielt einen Brief voll Versicherungen ihrer Freude und ihres Entzückens über des theuren Carls Wahl. Johanne ließ sich nicht zum zweiten Mal täuschen, freute sich jedoch der Aussicht auf ein gutes Vernehmen, und antwortete ihr weit liebevoller als sie es verdient hatte.

Miß Georginens Freude über ihres Bruders Glück war aufrichtigerer Art. Vier Seiten reichten kaum hin, ihn davon zu versichern, und ihren ernstlichen Wunsch, die Liebe ihrer neuen Schwester zu gewinnen, auszudrücken.

Ehe noch eine Antwort von Collins, oder eine Gratulation von seiner Frau an Elisen kommen konnte, langten sie selbst in Lukas-Lodge an. Der Grund dieses schnell ausgeführten Entschlusses war leicht zu errathen. Lady Katharine war über den Inhalt des Briefs ihres Neffens dergestalt in Zorn gerathen, daß Charlotte, welche sich wirklich über die Heirath freute, es für das Beste erkannte, dem ersten Sturm aus dem Wege zu gehen. Die Ankunft ihrer Freundin war für Elisabeth in diesem Augenblick doppelt angenehm, obgleich sie bei ihren häufigen Zusammenkünften das Vergnügen oft theuer erkauft fand, wenn sie Darcy der langweiligen, förmlichen Höflichkeit ihres Vetters Preis gegeben sah. Er ertrug dieses Leiden jedoch mit bewundrungswürdiger Fassung, und vermochte es selbst, Sir William Lukas anzuhören, wenn er ihm Vorwürfe machte die schönste Perle der ganzen Grafschaft zu entführen, und seinen Wunsch aussprach in Zukunft öfterer in St. James mit ihm zusammen zu treffen. Wenn er die Achseln zuckte, geschah es immer erst, wenn Sir William sich wieder entfernt hatte.

Mrß. Philips Gemeinheit zu ertragen war noch eine härtere Prüfung für ihn; und obgleich sie sowohl wie ihre Schwester zu viel Respekt vor ihm hatten, um sich ihm so vertraulich zu nähern wie Bingley'n, dessen gutmüthige Nachsicht alles ertrug; so mußte er sie doch öfterer reden hören, und was sie sagte, war gemein. Elisabeth that, was in ihren Kräften stand, ihn vor den Angriffen der Mutter und Tante zu schützen, und gedachte mit Entzücken der Zeit, wo sie sich ungestört von solcher Gesellschaft seines Umgangs in Pemberley erfreuen würde.

Neunzehntes Capitel

Unendlich befriedigend für Mrß. Bennets mütterliche Gefühle war der glückliche Tag, an welchem die Verbindung ihrer beiden ältesten Töchter Statt fand. Mit Stolz und Entzücken sprach sie von Mrß. Darcy, und besuchte Mrß. Bingley; doch brachte dieses unerwartete Glück keine günstige Veränderung in ihrem Charakter und Wesen hervor. Sie wurde dadurch weder vernünftiger, noch liebenswürdiger; und blieb so geschwätzig und nervenschwach, als sie bisher gewesen.

Herr Bennet vermißte seine zweite Tochter außerordentlich; seine Liebe zu ihr veranlaßte ihn, das Haus öfterer zu verlassen, als es sonst seine Art war. Er besuchte sie fleißig in Pemberley, und kam am liebsten, wenn sie ihn am wenigsten erwartete.

Bingley und Johanne blieben nur ein Jahr in Netherfield. Die Nähe einer solchen Mutter und solcher Verwandten, als Meryton in sich schloß, war selbst für seine Gutmüthigkeit und für ihr zärtliches Herz zu viel. Seine Schwestern sahen ihren heißesten Wunsch erfüllt; er kaufte ein Gut in einer an Derbyshire gränzenden Grafschaft, und Johannen's und Elisabeth's Glück ward noch durch eine nahe Nachbarschaft erhöht. Die Besitzungen lagen, nur dreißig Meilen von einander entfernt.

Kitty brachte den größten Theil des Jahres zu ihrem sichtbaren Vortheil bei ihren beiden ältesten Schwestern zu. Sie war weit lenksamer wie Lydia, und von deren Einfluß und Beispiel entfernt, mußte die bessere Gesellschaft und die liebevolle Leitung der sorgsamen Schwestern nothwendig gut auf sie wirken. Sie wurde ernster, fleißiger und verständiger. Um sie so zu erhalten, gestattete ihr der Vater nie, Mrß. Wickham's Einladungen zu folgen, obgleich sie sie häufig aufforderte, nach Newcastle zu kommen, wo sie ihr viel Bälle und junge Herrn versprach.

Marie war nun die einzige Tochter zu Hause, und durch Mrß. Bennets Abneigung zur Einsamkeit genöthigt, ihre Studien zu beschränken, und öfterer in der Welt zu erscheinen.

Auf Wickham und Lydia machte die Nachricht von der Verheirathung ihrer beiden Schwestern keinen sonderlichen Eindruck. Er ertrug mit philosophischer Seelengröße die Gewißheit, daß Elisabeth nun vollkommen von seiner Falschheit und seiner Undankbarkeit überzeugt sein mußte, und hegte trotz alle dem im Stillen die Hoffnung, daß Darcy ihm zu seinem fernern Fortkommen in der Welt behülflich sein würde. Wenigstens tröstete sich Lydia mit diesem Glauben, wie sich aus ihrem glückwünschenden Brief an Elisen wahrnehmen ließ. Sie schrieb:

»Meine geliebte Lizzy!

Ich gratulire Dir. Wenn Du Herrn Darcy nur halb so lieb hast, als ich meinen theuren Wickham, so mußt Du glücklich werden. Es ist mir ein großer Trost, Dich so reich zu wissen; und wenn Du sonst nichts zu thun hast, wirst Du hoffentlich an uns denken. Ich bin überzeugt, daß Wickham sehr gern eine Hofcharge hätte, obgleich wir von einer solchen nicht ohne fremden Beistand leben könnten. Jede Stelle von etwa drei bis vierhundert Pfund wird ihm lieb sein: aber sage Herrn Darcy nichts davon, wenn Du sonst nicht Lust dazu hast. Deine treue Schwester

Lydia Wickham.«

Da Elisabeth zufällig keine Lust hatte, Darcy'n hiervon etwas zu sagen, suchte sie in ihrer Antwort allen Erwartungen dieser Art ein Ziel zu setzen; doch sandte sie ihr häufig, was sie von ihren eignen Ausgaben ersparen konnte. Es ließ sich von zwei so leichtsinnigen, ihre Umstände durchaus nicht berücksichtigenden Menschen leicht voraussehen, daß ihr Einkommen nie hinreichen würde, ihre mannigfaltigen Bedürfnisse zu befriedigen; und so oft sie an einen andern Ort versetzt wurden, sahen sie Johanne oder Elisabeth in Anspruch genommen, um ihre Schulden zu bezahlen. Ihre Lebensweise war so verschwenderisch, daß sie selbst in Friedenszeiten, wo sie hätten ruhig und eingezogen zu Hause leben können, niemals ausreichten. Sie zogen von einem Ort zum andern, unter dem Vorwand, sich den wohlfeilsten auszusuchen. Wickham's Gefühl für Lydien verwandelte sich bald in Gleichgültigkeit; ihre Liebe dauerte etwas länger.

Obgleich sich Darcy nie entschließen konnte, diesen Schwager in Pemberley zu sehen, fuhr er doch, Elisens wegen, fort, ihn zu unterstützen. Lydia war oft dort, wenn ihr Gemahl sich in London oder Bath herumtrieb; und bei Bingley's hielten sie sich Beide manchmal so lange auf, daß selbst Bingley seine gute Laune verlor und damit drohte, ihnen den Wink sich zu entfernen, zu geben.

Miß Bingley traf die Nachricht von Darcy's Verbindung wie ein Donnerschlag; da sie es jedoch rathsam fand, sich das Recht, nach Pemberley zu kommen, vorzubehalten, überwand sie ihre Empfindlichkeit. Sie war zärtlicher wie je gegen Georginen, noch eben so aufmerksam gegen Darcy, wie sonst, und sehr höflich gegen Elisen.

Pemberley war nun Georginens Heimath, und Darcy hatte die Freude zu sehen, wie innig die Schwestern an einander hingen. Georgine erkannte Elisens Werth und vertraute ihrem Urtheil unbedingt. Sie, die immer gewohnt gewesen war, an den Bruder wie an einen Vater emporzublicken, deren Respekt vor ihm beinah die schwesterliche Liebe überwogen, konnte anfänglich nicht ohne Erstaunen und Unruhe Elisabeths lebhafte und scherzhafte Weise mit Darcy umzugehen, ansehen. Sie lernte jetzt mancherlei begreifen, was ihr früher unbegreiflich erschienen war; unter Andern, daß eine Frau sich manche Dinge gegen ihren Mann erlauben darf, die einer Schwester, besonders gegen den zehn Jahr ältern Bruder, nicht gestattet sind.

Lady Katharine war empört über die Heirath ihres Neffen, und gewohnt, ihre decidirte Meinung über alle Dinge unverholen auszusprechen, enthielt ihre Antwort auf seinen letzten Brief so viel Beleidigendes, besonders für Elisen, daß alle Verbindung zwischen Tante und Neffe auf einige Zeit aufgehoben war. Doch ließ sich Darcy endlich durch Elisabeths Zureden bewegen, die Beleidigung zu vergessen und eine Versöhnung zu suchen, zu welcher sich Lady Katharine auch nach einem kurzen Widerstand willig finden ließ. Ob aus Liebe zu ihrem Neffen, oder aus Neugier, zu sehen, wie sich dessen junge Frau benahm, wage ich nicht zu entscheiden. Genug, sie überwand ihren Zorn, und ließ sich so weit herab, einen Besuch in Pemberley abzustatten, trotz der Verunreinigung, die dessen Wälder nicht allein durch die Gegenwart einer solchen Gebieterin, sondern durch die Besuche ihrer Verwandten aus der City erlitten hatten.

Mit Gardiners lebte das junge Paar auf dem freundschaftlichsten Fuß. Darcy sowohl als Elisabeth liebten diesen Onkel und diese Tante herzlich, und vergaßen es nie, daß sie durch ihren Besuch in Derbyshire die erste Veranlassung zu ihrer Vereinigung gegeben hatten.

Ende des dritten und letzten Theils.