Bücher von Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in einem wohlhabenden, bildungsbürgerlichen Elternhaus auf, das ihm eine außergewöhnlich breite geistige Grundlage mitgab. Mit fünfundzwanzig Jahren veröffentlichte er »Die Leiden des jungen Werthers«, einen Briefroman, der ihn über Nacht europaweit berühmt machte und zum Kultobjekt einer ganzen Generation wurde. Ab 1775 lebte er in Weimar, wo er nicht nur als Dichter, sondern auch als Staatsmann und Naturwissenschaftler tätig war und sein monumentales Lebenswerk — allen voran die Tragödie »Faust« — über Jahrzehnte vollendete. Neben dem »Faust« umfasst sein Werk Romane wie »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, Dramen, eine umfangreiche Lyrik sowie wissenschaftliche Schriften zur Botanik, Anatomie und Farbenlehre. Am 22. März 1832 starb er in Weimar — als der vielleicht vollständigste Geist, den die deutsche Literatur- und Kulturgeschichte je hervorgebracht hat.

Die Weltliteratur kennt viele große Namen — doch nur wenige Autoren haben eine so vollständige, so vielseitige und so lange andauernde Wirkung hinterlassen wie Johann Wolfgang von Goethe. Er war Dichter, Naturforscher, Staatsmann, Kunsttheoretiker und Universalgelehrter in einer Person — ein Phänomen, das selbst seine Zeitgenossen mit einer Mischung aus Bewunderung und leichtem Schwindel betrachteten. Napoleon soll nach einer Begegnung mit ihm gesagt haben: »Voilà un homme!« — »Das ist ein Mann!« Dieses Ausruf trifft etwas Wesentliches: Goethe war nicht nur ein Schriftsteller, sondern eine Erscheinung — ein Mensch, dessen bloße Existenz wie ein Maßstab wirkte, an dem andere sich messen mussten.

Kindheit in Frankfurt — eine glückliche Herkunft

Johann Wolfgang von Goethe kam am 28. August 1749 in Frankfurt am Main zur Welt — in ein Haus, das Wohlstand, Bildung und bürgerliche Solidität ausstrahlte. Der Vater, Johann Caspar Goethe, war kaiserlicher Rat und promovierter Jurist, ein pedantischer, ehrgeiziger Mann, der seinen Sohn mit systematischer Konsequenz zu fördern versuchte. Die Mutter, Catharina Elisabeth, geborene Textor, war das genaue Gegenteil: lebhaft, warmherzig, erzählerisch begabt und kaum zwanzig Jahre älter als ihr Sohn — eine Beziehung, die eher der zwischen gleichaltrigen Freunden glich als der zwischen Mutter und Kind.

Von beiden Eltern erbte er Entscheidendes. Vom Vater die Disziplin, die Gründlichkeit und den unersättlichen Wissensdrang. Von der Mutter die Phantasie, die Sprachbegabung und die Fähigkeit, Menschen mit Geschichten zu fesseln. Er selbst hat diese doppelte Herkunft in einem berühmten Vers aus dem Gedicht »Zahme Xenien« beschrieben: »Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.«

Frankfurt war damals eine freie Reichsstadt — kosmopolitisch, geschäftig, voller Eindrücke. Der junge Goethe wuchs inmitten von Kaufleuten, Gelehrten und Handwerkern auf, erlebte die Besetzung der Stadt durch französische Truppen während des Siebenjährigen Krieges und sah als Knabe in einem Privattheater, das der Vater im eigenen Haus einrichtete, erste Vorstellungen wandernder Schauspieltruppen. Das Theater ließ ihn nie mehr los.

Leipzig und Straßburg — die Lehrjahre

Mit sechzehn Jahren schickte der Vater den Sohn nach Leipzig, um Jura zu studieren — wie es sich für einen soliden Bürgerssohn gehörte. Goethe studierte alles andere als Jura. Er besuchte Vorlesungen über Literatur und Ästhetik, zeichnete, verliebte sich in die Wirtstochter Käthchen Schönkopf und schrieb erste Gedichte und Theaterstücke. Leipzig war die eleganteste Stadt Deutschlands — man nannte es »Klein-Paris« — und der junge Mann aus Frankfurt saugte ihre kulturelle Atmosphäre begierig auf.

Doch die Lehrjahre verliefen nicht ohne Brüche. Eine schwere Erkrankung — vermutlich Tuberkulose — zwang ihn 1768 zur Rückkehr nach Frankfurt, wo er sich zwei Jahre lang erholte. Diese Zeit der Krankheit und des Rückzugs war keine verlorene: Er las, dachte nach und kam in Berührung mit Pietismus und Alchemie — Erfahrungen, die später in »Faust« einflossen.

1770 schickte der Vater ihn nach Straßburg, um das Jurastudium abzuschließen. Dort begegnete Goethe zwei Menschen, die sein Leben veränderten. Die erste war Friederike Brion, die Tochter eines elsässischen Pfarrers — eine frische, natürliche junge Frau, in die er sich leidenschaftlich verliebte und die er ebenso schmerzhaft verließ. Die zweite war Johann Gottfried Herder, der um fünf Jahre ältere Literaturtheoretiker und Kulturphilosoph, der ihm Shakespeare, Homer und Ossian nahebrachte und ihm beibrachte, Volkslieder und ursprüngliche Dichtung als gleichwertig mit gelehrter Literatur zu betrachten. Diese Begegnung war intellektuell folgenreich wie kaum eine andere in Goethes Leben.

Sturm und Drang — der junge Titan

Zurück in Frankfurt — mit abgeschlossenem Juradiplom, aber ohne den geringsten Wunsch, es anzuwenden — stürzte sich Goethe in eine Phase fieberhafter literarischer Produktivität, die ihn innerhalb weniger Jahre zum berühmtesten Schriftsteller des deutschsprachigen Raums machen sollte.

1773 vollendete er »Götz von Berlichingen«, ein kraftvolles Ritterdrama über einen fränkischen Ritter des 16. Jahrhunderts, der gegen die erstickende Macht von Fürsten und Bürokratie kämpft. Das Stück war eine Kampfansage an die klassizistischen Regeln des Theaters — wild, unregelmäßig, voller Leben. Es wurde zum Manifest des Sturm und Drang.

Doch das eigentliche Erdbeben folgte 1774: »Die Leiden des jungen Werthers«. Der Briefroman über einen jungen Künstler, der sich in eine verlobte Frau verliebt und am Ende seines Lebens selbst ein Ende macht, war eine Sensation ohnegleichen. Ganz Europa las ihn, weinte und sprach darüber. Napoleon soll ihn sieben Mal gelesen haben. Gleichzeitig löste das Buch eine Welle von Nachahmungsselbstmorden aus — das sogenannte »Werther-Fieber« — was zeigt, mit welcher Unmittelbarkeit es die Nerven der Zeit traf.

Goethe selbst distanzierte sich später von dieser Wirkung und betonte, er habe sich durch das Schreiben von eigenen dunklen Impulsen befreit — Werther sei gleichsam sein literarischer Stellvertreter, der sterben musste, damit der Autor leben konnte.

Weimar — eine Entscheidung fürs Leben

1775 erhielt Goethe eine Einladung, die sein Leben grundlegend verändern sollte. Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, ein junger, aufgeklärter Fürst, bat ihn an seinen kleinen Hof. Goethe folgte — und blieb für den Rest seines Lebens.

Diese Entscheidung wurde von Zeitgenossen und späteren Kritikern unterschiedlich bewertet. Hatte sich der freie Geist des Sturm und Drang in die goldenen Fesseln des Hoflebens begeben? Hatte er seine Freiheit gegen Bequemlichkeit eingetauscht? Goethe sah es anders. Weimar gab ihm etwas, das er in Frankfurt nie gehabt hatte: Verantwortung. Er übernahm tatsächliche Regierungsaufgaben — leitete das Bergbau- und Wegewesen, war für das Kriegs- und Finanzwesen zuständig und wurde schließlich zum Geheimen Rat ernannt. Diese praktische Tätigkeit, das Ringen mit der Wirklichkeit jenseits der Literatur, war für ihn keine Ablenkung vom Schreiben, sondern Nahrung dafür.

Gleichzeitig entwickelte sich in Weimar eine der intensivsten Liebesbeziehungen seines Lebens — zu Charlotte von Stein, einer verheirateten Hofdame, die zehn Jahre älter war als er. Über ein Jahrzehnt lang stand sie im Mittelpunkt seines emotionalen Lebens. Ihre Beziehung war platonisch — oder zumindest blieb sie es in der Überlieferung — und von einer intellektuellen Tiefe, die sich in über tausend Briefen niederschlug.

Italien — die entscheidende Reise

1786 unternahm Goethe, ohne offiziell Abschied zu nehmen, eine Reise nach Italien — inkognito, unter dem falschen Namen »Johann Philipp Möller«. Er blieb fast zwei Jahre, bereiste das ganze Land bis nach Sizilien und kehrte als verwandelter Mensch zurück.

Italien war für ihn keine touristische Erfahrung, sondern eine ästhetische Bekehrung. Die klassische Antike, von der er bisher nur aus Büchern und Abgüssen kannte, stand plötzlich leibhaftig vor ihm — in den Tempeln von Paestum, in den Ruinen Roms, in der Kunst Raffaels und Michelangelos. Was er dort sah, bestätigte und vertiefte seine Überzeugung, dass Schönheit keine subjektive Empfindung ist, sondern auf objektiven Gesetzen beruht — eine Überzeugung, die ihn zum Klassiker machte und vom Sturm und Drang unwiderruflich trennte.

Die Ergebnisse dieser Reise fanden ihren literarischen Niederschlag in der »Italienischen Reise« (veröffentlicht 1816–17), einem der schönsten Reisebücher der deutschen Literatur, und in einer Reihe von Werken, die in Italien vollendet oder entscheidend weitergeführt wurden:

  • »Iphigenie auf Tauris« — ein Prosadrama, das er in Weimar begonnen hatte und nun in eine klassische Versform umschrieb;
  • »Egmont« — ein historisches Drama über den niederländischen Freiheitskämpfer, das er ebenfalls in Italien abschloss;
  • »Torquato Tasso« — ein Stück über den Konflikt zwischen dem Dichter und der Gesellschaft, das autobiografische Züge trägt.

»Faust« — das Lebenswerk

Kein anderes Werk ist so untrennbar mit Goethes Namen verbunden wie »Faust« — und kein anderes lässt sich so schwer in wenigen Sätzen beschreiben, weil es buchstäblich alles enthält: Tragödie und Komödie, Philosophie und Liebesdrama, Mystik und Satire, mittelalterliche Gelehrtenstube und antike Mythologie.

Die Geschichte ist bekannt: Der Gelehrte Faust, unzufrieden mit allem Wissen und aller Erfahrung, schließt einen Pakt mit dem Teufel Mephistopheles — er verpfändet seine Seele im Tausch gegen Erkenntnis und Erlebnis. Was folgt, ist eine Reise durch alle Bereiche menschlicher Erfahrung, von der Liebestragödie um Gretchen im ersten Teil bis zu den kosmischen Abenteuern des zweiten Teils.

Goethe arbeitete an dem Werk sein gesamtes Leben lang — die ersten Fragmente entstanden in den frühen 1770er Jahren, der erste Teil wurde 1808 veröffentlicht, der zweite erst kurz vor seinem Tod 1832 abgeschlossen und posthum herausgegeben. Das bedeutet: »Faust« begleitete ihn über sechzig Jahre — ein einzigartiger Vorgang in der Literaturgeschichte.

Die philosophische Kernfrage des Werkes lässt sich auf einen Satz verdichten: Kann der Mensch, der unablässig strebt, erlöst werden — trotz aller Fehler, aller Schuld, aller Verirrung? Goethes Antwort, gegeben in den letzten Versen des zweiten Teils, ist ein vorsichtiges Ja:

»Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.«

Die Lyrik — Stimme eines ganzen Lebens

Goethes lyrisches Werk ist so umfangreich und vielfältig, dass es eine eigene Literaturgeschichte füllen könnte. Seine Gedichte begleiten ihn von der Jugend bis ins hohe Alter — und verändern sich mit ihm, ohne je ihren unverwechselbaren Ton zu verlieren.

Die frühen Gedichte des Sturm und Drang sind titanisch, aufbrausend, naturbesessen:

  • »Prometheus« — ein trotziges Bekenntnis zur menschlichen Selbstermächtigung gegen die Götter;
  • »Ganymed« — das Gegenstück dazu, ein Hymnus auf die Hingabe an das Göttliche;
  • »Wandrers Sturmlied« — ein ekstatisches Gedicht über den schöpferischen Rausch.

Die klassischen Gedichte sind ruhiger, strenger, von einer mediterranen Klarheit:

  • die »Römischen Elegien« — ein Zyklus über Liebe, Sinnlichkeit und die Schönheit der Antike;
  • »Das Göttliche« — eine philosophische Hymne auf Menschenwürde und ethisches Handeln.

Das Spätwerk schließlich erreicht eine Einfachheit, die wie Weisheit klingt:

  • »Über allen Gipfeln ist Ruh« — acht Zeilen, die zu den bekanntesten der deutschen Sprache gehören und die in ihrer Stille mehr sagen als manch ein langer Roman;
  • der »West-östliche Divan« (1819) — ein Zyklus in der Nachfolge des persischen Dichters Hafis, entstanden aus einer späten Leidenschaft für Marianne von Willemer, und eines der schönsten Zeugnisse des interkulturellen Dialogs in der europäischen Literatur.

Goethe als Naturforscher

Ein Aspekt seines Lebenswerkes wird im literarischen Diskurs oft unterschätzt oder gänzlich übergangen: Goethe war ein ernsthafter Naturforscher, der Jahrzehnte mit wissenschaftlichen Untersuchungen verbrachte und dabei zu Ergebnissen kam, die teils von der Nachwelt bestätigt, teils abgelehnt wurden.

Seine bedeutendsten wissenschaftlichen Arbeiten umfassen dabei folgende Bereiche:

  1. »Zur Farbenlehre« (1810) — sein umfangreichstes wissenschaftliches Werk, in dem er Newtons Theorie des Lichts grundlegend widersprach. Goethe bestand darauf, dass Farben nicht aus dem Licht entstehen, sondern aus dem Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit. Die Physik gab Newton recht — doch Goethes phänomenologischer Ansatz beeinflusste Philosophen wie Wittgenstein und Künstler wie Turner nachhaltig.
  2. »Die Metamorphose der Pflanzen« (1790) — ein bahnbrechendes botanisches Werk, in dem er die These entwickelt, dass alle Teile einer Pflanze Umwandlungen eines einzigen Grundorgans — des Blattes — sind. Diese Idee war ihrer Zeit weit voraus und gilt als Vorläufer moderner morphologischer Theorien.
  3. Die Entdeckung des Zwischenkieferknochens (1784) — Goethe wies nach, dass auch beim Menschen ein Zwischenkieferknochen vorhanden ist, was als Argument für die biologische Verwandtschaft von Mensch und Tier gelesen werden kann — Jahrzehnte vor Darwin.

Diese wissenschaftlichen Interessen waren für Goethe keine Nebenbeschäftigung, sondern Teil einer umfassenden Weltanschauung: Er glaubte, dass Kunst und Natur denselben Gesetzen gehorchen, dass das Schöne und das Wahre letztlich dasselbe sind.

Die Freundschaft mit Schiller

Kein Kapitel in Goethes Leben darf unerwähnt bleiben: seine Freundschaft mit Friedrich Schiller, die 1794 begann und bis zu Schillers frühem Tod 1805 andauerte. Die beiden Männer waren in vielem gegensätzlich — Goethe sinnlich und empirisch, Schiller idealistisch und philosophisch — doch gerade diese Verschiedenheit machte ihre Begegnung fruchtbar.

Ihre Zusammenarbeit hinterließ konkrete literarische Spuren:

  • gemeinsam verfassten sie die satirischen »Xenien« (1796), eine Sammlung bissiger Epigramme gegen den Flachsinn des literarischen Betriebs;
  • Schiller drängte Goethe, an »Faust« weiterzuarbeiten, nachdem dieser das Projekt jahrelang liegengelassen hatte;
  • Goethe vollendete auf Schillers Anregung hin »Wilhelm Meisters Lehrjahre«;
  • ihr Briefwechsel — über tausend Briefe — ist eines der bedeutendsten Dokumente der deutschen Geistesgeschichte.

Als Schiller 1805 starb, schrieb Goethe: »Ich dachte, ich würde mich selbst verlieren, und ich verliere einen Freund und in ihm die Hälfte meines Daseins.«

Das Alterswerk — Weisheit ohne Resignation

Goethes letztes Lebensjahrzehnt war von einer produktiven Gelassenheit geprägt, die alle Altersschwermut zu überwinden schien. Er empfing Besucher aus aller Welt — Staatsmänner, Künstler, junge Schriftsteller — und führte Gespräche, die sein Sekretär Johann Peter Eckermann in den berühmten »Gesprächen mit Goethe« festhielt. Dieses Buch ist eines der klügsten und unterhaltsamsten Dokumente über einen großen Geist in seiner Reife.

Gleichzeitig arbeitete er an »Faust II« und vollendete den zweiten Teil seines autobiografischen Werkes »Dichtung und Wahrheit«. Am 22. März 1832 starb Johann Wolfgang von Goethe in Weimar — angeblich mit den Worten »Mehr Licht!« auf den Lippen, wobei Historiker bis heute streiten, ob diese Überlieferung der Wahrheit entspricht oder eine nachträgliche Legendenbildung ist. Wahr oder nicht — als Schlusswort eines Mannes, der sein Leben dem Erkenntnisstreben widmete, ist es von einer fast zu perfekten Symbolkraft.

Nachwirkung — ein Maßstab für die Ewigkeit

Goethes Wirkung auf die Welt- und insbesondere die deutsche Kultur ist so umfassend, dass es sinnvoller ist, wenige prägnante Dimensionen herauszugreifen als eine vollständige Liste zu versuchen:

  1. Literarisch setzte er Maßstäbe, an denen sich alle nachfolgenden deutschsprachigen Autoren — bewusst oder unbewusst — messen mussten. Thomas Mann bezeichnete ihn als den »größten Deutschen«; Hermann Hesse bekannte, ohne Goethe nicht denkbar zu sein.
  2. Wissenschaftlich beeinflusste seine Morphologie und seine Farbenlehre Generationen von Naturphilosophen, auch wenn die Mainstream-Wissenschaft seinen Ansätzen oft skeptisch gegenüberstand.
  3. Kulturpolitisch wurde sein Name zum Synonym für das »andere Deutschland« — das Deutschland der Humanität, Bildung und Weltoffenheit, das man dem Deutschland der Kriege und Verbrechen entgegenstellte. Die Goethe-Institute, die weltweit deutsche Sprache und Kultur vermitteln, tragen seinen Namen nicht zufällig.
  4. Philosophisch beeinflusste er Hegel, Schopenhauer, Nietzsche und viele andere — durch seine Ideen ebenso wie durch seine Persönlichkeit, die als Verkörperung des »ganzen Menschen« galt.

Johann Wolfgang von Goethe war keine Figur der Literaturgeschichte — er war eine Epoche für sich. In einem einzigen Menschenleben von dreiundachtzig Jahren umfasste er Sturm und Drang, Klassik und Romantik, Naturwissenschaft und Philosophie, Staatskunst und Liebesdichtung. Was ihn von anderen Universalgenies unterscheidet, ist nicht die bloße Breite seines Schaffens, sondern die Tiefe, mit der er jeden dieser Bereiche durchdrang. Wer heute »Faust« liest, »Werther« oder die kurzen Gedichte des Spätwerks, begegnet keinem Klassiker im musealen Sinne — sondern einem Denker, der über Erkenntnis, Liebe, Vergänglichkeit und den menschlichen Drang nach dem Unbegrenzten nachgedacht hat wie wenige vor und nach ihm. In diesem Sinne ist Goethe nicht Vergangenheit — er ist Gegenwart, die noch nicht ganz verstanden wurde.