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William Shakespeare

William Shakespeare wurde im April 1564 in Stratford-upon-Avon geboren und gilt als der bedeutendste Dramatiker und Lyriker der englischen Sprache. Er wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, zog als junger Mann nach London und wurde dort Mitglied der einflussreichen Schauspieltruppe »Lord Chamberlain's Men«, für die er die meisten seiner Stücke schrieb. Sein Werk umfasst rund 37 Dramen — darunter Welttragödien wie »Hamlet«, »Macbeth« und »König Lear« — sowie 154 Sonette und mehrere längere Gedichte. Daneben prägte er die englische Sprache so nachhaltig, dass Hunderte seiner Wortschöpfungen bis heute im täglichen Gebrauch sind. Am 23. April 1616 starb er in seiner Heimatstadt — und hinterließ ein Werk, das seither in keine Epoche und keine Mode passt, weil es alle überdauert.

Es gibt Autoren, die ihre Epoche prägen, und solche, die alle Epochen überdauern. William Shakespeare gehört zur zweiten, sehr kleinen Gruppe — jener Handvoll Schriftsteller, deren Werk so tief in das menschliche Bewusstsein eingedrungen ist, dass es längst aufgehört hat, Literatur zu sein, und zu einem Teil der Sprache selbst geworden ist. Kaum eine Kultur der Welt, die sein Erbe nicht kennt; kaum ein Theater, das seine Stücke nicht gespielt hat. Doch hinter diesem Olymp verbirgt sich ein Mensch, über dessen Leben wir erstaunlich wenig wissen — und dessen Werk uns umso mehr zu sagen hat.

Herkunft aus der Provinz

William Shakespeare wurde im April 1564 in Stratford-upon-Avon getauft — sein genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert, wird aber traditionell auf den 23. April datiert. Die Stadt liegt in der englischen Grafschaft Warwickshire, fernab von London und seinem kulturellen Treiben. Sein Vater John war Handschuhmacher und zeitweise Bürgermeister der Stadt, seine Mutter Mary stammte aus der wohlhabenden Farmerfamilie Arden. Die Familie gehörte zum soliden Bürgertum — weder arm noch reich, aber respektiert.

Der junge William besuchte wahrscheinlich die örtliche Lateinschule, die »King's New School«, wo er eine solide humanistische Bildung erhielt — Latein, Rhetorik, klassische Geschichte und Literatur. Ein Universitätsstudium folgte nicht, was später manche Kritiker dazu veranlasste, ernsthaft zu bezweifeln, dass ein Mann aus der Provinz ohne Hochschulabschluss die tiefgründigsten Dramen der Weltliteratur verfasst haben könnte. Diese sogenannte Authorship-Debatte schwelt bis heute — doch die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler hält an Shakespeares Urheberschaft fest.

Mit achtzehn Jahren heiratete er Anne Hathaway, die acht Jahre älter war als er. Das Paar bekam drei Kinder: die Tochter Susanna sowie die Zwillinge Hamnet und Judith. Hamnet starb 1596 im Alter von elf Jahren — ein Verlust, der nach Meinung vieler Forscher tiefe Spuren im späteren Werk hinterließ.

Die »verlorenen Jahre« und der Aufstieg in London

Über Shakespeares Leben zwischen seiner Heirat 1582 und seinem ersten Auftauchen in Londoner Theaterkreisen um 1592 ist so gut wie nichts bekannt. Historiker nennen diese Periode schlicht die »lost years« — die verlorenen Jahre. Was er in dieser Zeit tat, ist Gegenstand endloser Spekulationen: War er Hauslehrer auf dem Land? Zog er mit einer Wandertruppe umher? Arbeitete er als Rechtsgehilfe, was seinen präzisen Umgang mit juristischer Sprache erklären würde?

Fest steht, dass er spätestens Anfang der 1590er Jahre in London als Schauspieler und Dramatiker tätig war. 1592 erwähnte ihn der Dramatiker Robert Greene in einem Pamphlet als »upstart crow« — einen aufgestiegenen Emporkömmling, der sich mit fremden Federn schmücke. Die Formulierung ist feindselig, aber sie beweist: Shakespeare war damals bereits bekannt genug, um Neid zu erregen.

Das Globe Theatre und die Londoner Bühnenwelt

Shakespeares Aufstieg ist untrennbar mit dem Aufstieg des professionellen englischen Theaters verbunden. London der 1590er Jahre war eine pulsierende, chaotische Stadt von etwa 200.000 Einwohnern — und das Theater war ihr populärstes Massenmedium. Stücke wurden nicht für eine gebildete Elite geschrieben, sondern für alle: Adlige saßen auf den Galerien, einfache Handwerker und Marktfrauen standen als »Groundlings« dicht gedrängt vor der Bühne.

1594 wurde Shakespeare Mitglied und Teilhaber der »Lord Chamberlain's Men«, einer der führenden Schauspielertruppen der Stadt. Diese Doppelrolle — Aktionär und Autor — war klug. Sie sicherte ihm nicht nur künstlerische Kontrolle über seine Texte, sondern auch wirtschaftliche Unabhängigkeit. 1599 baute die Truppe das berühmte Globe Theatre am Südufer der Themse, an dem Shakespeare ebenfalls beteiligt war.

Das Globe fasste bis zu 3.000 Zuschauer. Es hatte kein Dach über dem Hauptbereich, keine künstliche Beleuchtung, kaum Bühnenbild — die Sprache musste alles leisten. Genau das erklärt, warum Shakespeares Verse so reich, so bildhaft und so klanglich durchdacht sind: Sie mussten ein Publikum fesseln, das bei schlechtem Wetter im Regen stand.

Das dramatische Werk — ein Überblick

Shakespeare schrieb in etwa zwanzig Jahren rund 37 Theaterstücke — eine Produktivität, die angesichts der Qualität des Einzelnen atemberaubend ist. Sein Werk lässt sich grob in drei große Gattungen einteilen, die er oft gleichzeitig und ineinandergreifend bearbeitete.

Historiendramen

Die Königsdramen gehörten zu Shakespeares frühesten Erfolgen und bedienten das patriotische Gefühl eines Englands, das sich als aufstrebende Weltmacht verstand:

  • »Heinrich IV.« (Teil I und II) — nicht nur Königsdrama, sondern auch die Heimat von Falstaff, einer der komischsten und menschlichsten Figuren der gesamten Theaterliteratur;
  • »Heinrich V.« — ein Stück über Krieg, Führung und nationale Identität, das bis heute in Krisenzeiten zitiert wird;
  • »Richard III.« — ein psychologisches Porträt eines skrupellosen Machtmenschen, das viele Interpreten als erste moderne Darstellung eines Tyrannen betrachten.

Komödien

Shakespeares Komödien sind keine harmlosen Lustspiele, sondern komplexe Gebilde, in denen Verkleidung, Verwechslung und Liebe die Weltordnung kurzzeitig auf den Kopf stellen:

  • »Ein Sommernachtstraum« (um 1595–96) — ein traumhaftes Spiel über Liebe, Eifersucht und die dünne Grenze zwischen Vernunft und Wahn;
  • »Was ihr wollt« (um 1601) — eine Komödie über Identität und Geschlechterrollen, die erstaunlich modern wirkt;
  • »Der Kaufmann von Venedig« — ein problematisches Stück, das bis heute kontrovers diskutiert wird, weil es zugleich antisemitische Klischees bedient und mit der Figur Shylocks eine erschreckend menschliche Tragödie zeigt.

Tragödien

Die großen Tragödien sind der Kern von Shakespeares Weltruhm — Werke, die das Innerste menschlicher Erfahrung berühren:

  1. »Hamlet« (um 1600–01) — die Geschichte eines dänischen Prinzen, der nach dem Mord an seinem Vater zwischen Handlung und Lähmung, Rache und Zweifel gefangen ist. »Sein oder Nichtsein« ist vermutlich der bekannteste Satz der Weltliteratur — und er fasst in vier Worten eine philosophische Grundfrage zusammen, auf die Shakespeare keine einfache Antwort gibt.
  2. »Othello« (um 1603–04) — ein Stück über Eifersucht, Manipulation und rassistische Vorurteile. Iago, der Bösewicht, ist dabei so brillant konstruiert, dass er über Jahrhunderte als Paradebeispiel für kaltblütige Intrige gilt.
  3. »König Lear« (um 1605–06) — vielleicht das dunkelste aller Stücke. Ein alter König gibt sein Reich an undankbare Töchter ab und verliert dabei Macht, Verstand und schließlich alles. Kein anderes Werk Shakespeares geht so gnadenlos mit seinen Figuren um.
  4. »Macbeth« (um 1606) — eine Studie über Ehrgeiz und die zerstörerische Kraft der Schuld. Das Stück ist komprimiert, fast atemlos — und seine Hexenszenen gehören zu den wirkungsvollsten Theaterbildern, die je geschrieben wurden.

Die Sonette — Lyrik von unergründlicher Tiefe

Neben dem Theater schrieb Shakespeare 154 Sonette, die 1609 veröffentlicht wurden. Diese Gedichte in der strengen Form des englischen Sonetts — drei Quartette und ein abschließendes Reimpaar — sind eines der rätselhaftesten Dokumente der Literaturgeschichte. Sie kreisen um drei Figuren: einen jungen Mann von großer Schönheit, eine »Dark Lady« und das lyrische Ich des Dichters selbst. Wer diese Menschen wirklich waren, ist bis heute ungeklärt.

Die Sonette berühren Themen wie vergängliche Schönheit, unsterbliche Liebe und die Macht der Dichtung, der Zeit zu trotzen:

  • Sonett 18 beginnt mit dem berühmten Vergleich »Shall I compare thee to a summer's day?« — und endet mit der Behauptung, dass das Gedicht selbst die Schönheit des Geliebten unsterblich machen werde;
  • Sonett 66 ist eine erschöpfte Litanei gegen die Ungerechtigkeiten der Welt, die an Hamlet erinnert;
  • Sonett 130 bricht bewusst mit der Konvention des Liebesgedichts und beschreibt die Geliebte ohne Schmeichelei — und ist gerade deshalb ehrlicher als alle blumenreichen Vergleiche seiner Zeitgenossen.

Sprache als Schöpfung

Einen eigenen Abschnitt verdient Shakespeares Verhältnis zur Sprache selbst. Er erfand — oder prägte entscheidend mit — Hunderte von Wörtern und Wendungen, die ins alltägliche Englisch eingegangen sind. Ausdrücke wie »bedroom«, »lonely«, »generous«, »obscene« oder »eyeball« tauchen zum ersten Mal in seinen Texten auf. Darüber hinaus schuf er Formulierungen, die zu geflügelten Worten wurden:

  • »To be or not to be« — die Grundfrage menschlicher Existenz in sechs Silben;
  • »All the world's a stage« — eine Weltanschauung als Metapher;
  • »The lady doth protest too much« — heute Alltagsphrase, ursprünglich aus »Hamlet«.

Diese sprachliche Schöpferkraft ist einzigartig in der Literaturgeschichte und erklärt, warum Shakespeare in seiner eigenen Sprache eine Wirkung entfaltet, die in keiner Übersetzung vollständig zu erfassen ist.

Rückkehr nach Stratford und Tod

Um 1613 zog sich Shakespeare aus dem Londoner Theaterleben zurück und kehrte nach Stratford-upon-Avon zurück. Er hatte in den Jahren des Erfolgs genug verdient, um sich ein stattliches Haus — »New Place« — zu kaufen und als wohlhabender Bürger seinen Lebensabend zu verbringen. Über diese letzten Jahre ist wenig bekannt; er schrieb kaum noch, empfing Besuche und kümmerte sich um seine Besitztümer.

Am 23. April 1616 — ausgerechnet an seinem mutmaßlichen Geburtstag — starb William Shakespeare im Alter von 52 Jahren. Die Todesursache ist nicht überliefert. Er wurde in der Holy Trinity Church in Stratford begraben, wo sein Grab noch heute eine der meistbesuchten literarischen Pilgerstätten der Welt ist.

Nachwirkung — ein Phänomen ohne Vergleich

Die Wirkungsgeschichte Shakespeares ist ein Kapitel für sich — und kaum in wenigen Absätzen zu fassen. Einige Dimensionen dieser Nachwirkung lassen sich jedoch benennen:

  1. Theatralisch ist sein Einfluss ungebrochen. Seine Stücke werden in mehr Sprachen aufgeführt als die jedes anderen Dramatikers — von klassischen Inszenierungen bis zu modernen Adaptionen in Film, Musical und Oper. Allein »Hamlet« wurde dutzende Male verfilmt, von Laurence Olivier bis Kenneth Branagh.
  2. Literarisch reicht sein Schatten weit. Goethe und Schiller verehrten ihn als Vorbild. Dostojewski nannte ihn den größten aller Dichter. James Joyce, Virginia Woolf und T.S. Eliot dialogisierten bewusst mit seinem Werk. Kaum ein bedeutender westlicher Autor seit dem 18. Jahrhundert hat sich nicht mit ihm auseinandergesetzt.
  3. Kulturell ist er längst Symbol geworden. »Shakespeare« steht nicht nur für einen Autor, sondern für die Idee der Weltliteratur schlechthin — für den Anspruch, dass Dichtung Wahrheiten über den Menschen sagen kann, die keine andere Kunstform erreicht.
  4. Wissenschaftlich hat sein Werk eine eigene Disziplin hervorgebracht. Die »Shakespeare Studies« umfassen Tausende von Büchern, Zeitschriften und Konferenzen jährlich — ein akademischer Betrieb, der in seiner Dichte seinesgleichen sucht.

William Shakespeare war kein Gelehrter, kein Aristokrat und kein Universitätsmann — er war ein Theaterpraktiker aus der Provinz, der schrieb, um sein Publikum zu fesseln und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dass dabei ein Werk entstand, das vier Jahrhunderte überdauert und noch immer nichts von seiner Kraft verloren hat, bleibt eines der großen Rätsel der Kulturgeschichte. Vielleicht liegt die Antwort darin, dass er nie abstrakt über den Menschen nachdachte, sondern ihn immer konkret zeigte — mit all seiner Schwäche, seinem Widerspruch und seiner unverwüstlichen Fähigkeit, zu lieben und zu scheitern. Darin ist er uns näher als mancher Zeitgenosse.